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Samstag, 11. August 2012

26. Mai 2012, der siebzehnte Tag: Sérignac-sur-Garonne–Langon, 89,79 km

20 Euro sind 20 Euro zu viel

Der Tag beginnt anders als erwartet: mieses Wetter mit Aussichten, die keine Besserung versprechen. Also beschließen wir beim Frühstück in der stilecht dekorierten Halle, die Verlängerung zu stornieren und weiterzufahren.

Das Hotel macht keine Probleme, glücklicherweise ist auch Mos Wäsche schon fertig (aber leider nicht sauberer), so dass wir packen und uns kurz nach zehn auf den Weg machen können. Entlang der bereits vertrauten Obstplantagen kommen wir gut voran, der Wind kommt aus ebenso vertrauter Richtung und bringt eine leichte Schwüle mit. Irgendwann kommen uns zwei Eselwanderer entgegen, deren Weg wir an der unterwegs hinterlassenen Eselscheiße noch eine ganze Weile zurück verfolgen können.

Hier stehen die Pflaumen stramm, ...

... und hier die Bäume

In Buzet-sur-Baïse drängelt sich eine alte Vettel an der Kasse vor und hat Glück, dass ich die Landessprache nicht beherrsche.

Das alles für 2,03 Höhenmeter: l'Écluse de la Gaule

Und das alles für uns

Unsere Mittagspause begehen wir in Fourques-sur-Garonne, wo heute die Hölle los ist. Der örtliche Ruderclub feiert seinen neuen Achter, dessen Anschaffung lokale Firmen gesponsort haben. Das heißt: Rund um den Hafen wimmelt es von Ruder-Nachwuchs und Ruder-Nachwuchs-Eltern, das Ufer des Kanals wird von Penichettes aller Art und Größe belegt, und irgendwo ganz weit hinten probt die heimische Rockband für ihren abendlichen Auftritt.

Wir lassen von all dem unseren Appetit anregen, schauen der ersten Zuwasserlassung des Achters und dem damit eng verbundenen Vergnügen der Besatzung zu und fahren nach etwas mehr als einer halben Stunde gut gestärkt weiter.

In die Auslage – los!

Mit dem Nachmittag wird es wärmer, die Allee am Kanal wird links und rechts um weitere Baumreihen erweitert – das sieht schon irre aus. Hinter Meilhan-sur-Garonne reißt rechts das Land auf: riesige Äcker, überall riecht man den blühenden Holunder.

Außerdem ist heute Samstag, und da macht der Franzose, was er gerne macht: Rad fahren, Boule spielen oder Fische fangen (mehr oder weniger). Im konkreten Fall überführt er diese Beschäftigung in ein familiäres Event namens „Admirez le Papa!“. Ehefrauen und Kinder werden zu diesem Zweck mit ans Ufer transportiert, neben dem Fahrzeug postiert und sitzen in der Folgezeit ohne weitere Aufgaben hinter bzw. neben Papa am Ufer und halten den Mund (reden hält die Fische vom Beißen ab).

Wir passieren entlang des Weges viele dieser Grüppchen, am meisten beeindruckt uns die unten abgebildete Reihe von etwa 50 Familien, die ohne jegliche Interaktion, dafür in sehr regelmäßigem Abstand voneinander das Ufer bevölkern. Die Ernährer nehmen wohl an einem Wettbewerb teil und können sich für jeden Fang direkt von ihrem Anhang bewundern lassen.

Französischer Familienausflug 2012

Bei Castets-en-Dorthe (ist das nicht diese Sängerin, die sich Ende der 1960er Jahre bei den Düsseldorfern unbeliebt machte?) mündet der Kanal in die Garonne, wir müssen fürs erste Abschied nehmen von schnurgeraden Radwegen entlang flacher Wasserstraßen. Nach ein paar Metern durch Dorthes Naherholungsgebiet geht es ziemlich steil hoch in den Ort und auf der D224 weiter in Richtung Langon. Oben angekommen ist Madame völlig entsetzt, dass es „schon wieder in die Berge“ geht.

Von der Garonne geht es auf ein höheres Niveau

Wir haben nun par jambes die Weingärten des Bordelais erreicht, da sollten wir den ersten Abend – zumal wir den geplanten Ruhetag gestrichen haben – angemessen begehen. Das passende Hotel haben wir schon ausgesucht, es liegt im Ortszentrum, wir parken direkt unter dem Baldachin.

Drinnen erwartet mich stilvolles Ambiente (s.o.) und eine junge Frau mit klaren Preisvorstellungen. Mo prüft das teure Zimmer und ist einverstanden, ich prüfe die drei teuren Menüs, die zur Wahl stehen, und bin auch einverstanden. Leider blüht die Weinkarte im Verborgenen, aber wir sind weit gekommen und zu (fast) allem bereit.

Offensichtlich will besagte junge Frau genau diese Bereitschaft über die Grenzen hinaus belasten, denn auf meine Frage nach einem Platz für die Räder fordert sie pro Rad zehn Euro Parkgebühr. Ich frage freundlich, ob sie noch alle Latten im Zaune hat, aber sie lässt sich von ihrer Forderung nicht abbringen. Damit bringt sie uns vom Hotel ab.

Adieu, Monsieur Darozze ...

Nicht alles ist Käse in Langon: l'Église Saint-Gervais

Entrüstet nehmen wir einen Café am Platz und blättern in unserem Logis-Katalog nach Alternativen. Es gibt exakt eine: direkt an der Mautstation am Autobahnzubringer. Der Weg dorthin führt über belebte Straßen und am Ende zu einer Motel-ähnlichen Ansammlung von Gebäuden. Madame ist freundlich, unsere Räder bekommen die Abstellkammer direkt neben unserem Zimmer; natürlich kostenlos, aber leider im ersten Stock, so dass wir unser gesamtes Hab und Gut die Treppe hinauf schleppen müssen.


Das Zimmer ist karg möbliert, aber insgesamt OK, vom Fenster aus sehe ich, wie eine stattliche Ratte in einem Loch neben dem Fallrohr verschwindet. Es ist kurz nach sechs und eigentlich noch ziemlich früh für ein anständiges Nachttier.


Das Essen ist viel besser als erwartet (Chèvre chaud, Vorspeisen vom Buffet, Magret de Canard, Pavé de Boeuf), der Service schwer auf Draht und der Wein super. Am Tisch hinter uns bestellt eine Amerikanerin ein Bier und eine Flasche Rotwein, das Bier ist für ihren Mann, den Wein presst sie in ihren eigenen Körper. Und weil das während der Mahlzeit nur unzureichend klappt, füllt sie das Glas zum Abschied noch einmal randvoll auf und balanciert es und sich in Richtung Treppe.


Wünschen wir ihr eine angenehme Ruhe ...


Panaroma an der Mautstelle, schließen wir die Vorhänge

Mittwoch, 8. August 2012

25. Mai 2012, der sechzehnte Tag: Toulouse–Sérignac-sur-Garonne, 133,83 km

„Was ist denn das für ein Moloch?“


Wir wiederholen das leckere Frühstück vom Vortag und verabschieden uns anschließend gefühlsduselnd und langatmig von unserer Gastgeberin. Sie gibt uns noch die grobe Richtung vor – am Fluss lang, dann der Allée de Barcelone nordwestlich folgend – und den Hinweis, dass es am Ende etwas unübersichtlich werden könnte.


Besagter Hinweis erweist sich vor Ort als durchaus berechtigt, denn wo die Allée aufhört, treffen sich praktisch alle Wasserwege der Stadt: Wir kommen entlang des Kanals von Südosten, aus östlicher Richtung schwappt der Canal du Midi heran, im Westen fließt die Garonne, und wir finden unsere Fortsetzung in Richtung Norden nicht: den Canal Latéral à la Garonne. Was die Suche erschwert, sind sechs gut befahrene städtische Straßen, eine Autobahn mit vier Auf- bzw. Ausfahrten und der Port de l'Embouchure, der alle Kanäle in seinem großen Becken auffängt.


Den Sender meines Pulsgurtes, den ich seit vorgestern Abend (Castelnaudary) vermisse, habe ich übrigens nicht wiedergefunden. Ich fahre also weiter unter Überlast.


Grober Überblick über unsere ersten 25 Tageskilometer

Unser Herumirren fällt einer ortskundigen Radfahrerin auf, sie nimmt uns mit über die Ponts Jumeaux und entlässt uns auf der anderen Seite mit der klaren Anweisung, nur noch geradeaus zu fahren. Da können wir auf den folgenden Kilometern gar nichts falsch machen, denn die Route führt schnurgerade entlang der dunklen Brühe des Kanals.

Außer uns ist kaum jemand auf der Strecke, die Piste wechselt immer wieder mal von der einen auf die andere Seite. Und die Temperatur steigt.

Hier muss man niemand nach dem Weg fragen

Wir passieren weitläufige Gewerbegebiete und Schienenanlagen, sehen rechts oben die Vororte, die besser verdienenden Mitarbeitern des loklalen Flugzeugbauers als Ghetto dienen und erreichen irgendwann Montech, wo wir ein Baguette erstehen.

Gegessen wird es in Castelsarrasin, zunächst an einem heißen und sonnigen Platz rechts des Kanals, nach der Mahlzeit fällt uns dann auf, dass es auf der anderen Seite viel lauschiger, schattiger und freundlicher gewesen wäre. Also siedeln wir um, schauen den Bewohnern der anliegenden Boote beim Nichtstun zu und verlängern die Pause ohne weitere Nahrungsaufnahme.

Mittags: Blick nach dem Essen

Nachmittags: Fahrt über den Tarn. Wenn du kippst, dann bitte nach rechts

Wo sich Tarn, Garonne und Kanal begegnen: Moissac

In mehr oder minder regelmäßigen Abständen sehen wir im 90-Grad-Winkel abgeknickte Rohre im Wasser stehen und vermuten sofort illegale Abwassereinleitungen. Irgendwann geht uns dann auf, dass es Wasserentnahme-Leitungen für die Obstbauern sind, die sich unter solch flockigen Namen wir Fructi-Garonne, Du Chemin des Sables oder Europlant am Kanal angesiedelt haben und ihn als Bewässerungssystem für ihre Äpfel, Birnen, Pflaumen und sonstigen Erzeugnisse nutzen.

In Valence gönnen wir uns einen Besuch im Supermarkt und im Café unter schattigen Arkaden einen kleinen Braunen, den die Kellnerin samt Internet-Passwort serviert – das gäb's zu Hause nicht. Die Temperatur steigt immer noch!

Sieht kühler aus als es ist: Valence

Die letzten Kilometer bis nach Agen ähneln einer mittleren Tortur. Es wird immer heißer, der Schatten entlang des Weges nimmt ab, und als wir endlich über eine große Brücke im Zentrum der Stadt ankommen, nimmt Madame mir die Worte aus dem Mund: „Was ist denn das für ein Moloch?“

Hier wollen wir nicht bleiben. Da nützt es der Stadt auch nichts, dass sie Francis Cabrel zu ihren Söhnen zählt. Also blättern wir am Fuß der Brücke in unserem Hotelverzeichnis und finden die nächste Möglichkeit in 25 Kilometern Entfernung. Das Haus hat noch ein Zimmer frei, wir buchen es, suchen uns anschließend den Weg quer durch die Stadt an den Kanal (c'est très compliqué) und fahren recht wortkarg an endlosen Pflaumen-Plantagen vorbei in Richtung Westen.

Die Früchte werden unter hohen Plastikdächern aufgezogen, die sicher ebenso wirksam wie Gewächshäuser sind, sich dank ihrer filigranen Bauweise aber nicht so monströs in die Landschaft platzieren. Mit zunehmender Strecke scheint der Weg schneebedeckt: Irgendein Baum blüht, was das Zeug hält, und da wir in Toulouse alle beweglichen Teile frisch gefettet haben, sitzen die während der Fahrt aufwirbelnden Samen bald in Klumpen auf Schaltung, Naben, Bremsen usw. Nach zehn Kilometern müssen wir anhalten und das Zeug mit großen Blättern abwischen, um die Fahrt fortsetzen zu können.

Kurz vor dem Schneefall

Im Hotel angekommen, erfreuen wir uns an der tollen Umgebung und dem erfreulichen Zustand des alten Gemäuers, aber schon beim Auspacken ereilt uns der nächste Schicksalsschlag: Der Apfelsaft in Mos Tasche ist teilweise ausgelaufen und hat u.a. ihre helle Hose und ihre beste Bluse kontaminiert.

Wir waschen alles aus, so gut es geht, und gehen dann essen. Auch hier haben die Eigner mehr richtig als falsch gemacht. Die Terrasse ist ein Traum, der Wein schmeckt hervorragend, es gibt Maki sud-ouest, für das eine hauchdünn geschnittene Entenbrust gerollt und mit Foie gras und Pflaume gefüllt wird.

Die Vorhersage verspricht für morgen tolles Wetter, nach mehr als 130 Tageskilometern haben wir uns etwas Ruhe verdient, und das Hotel hat einen Pool. Wir buchen eine weitere Nacht und geben die vom Apfelsaft versauten Klamotten zum Waschen an der Rezeption ab.

Alle schlafen gut.

Sonntag, 22. Juli 2012

24. Mai 2012, der fünfzehnte Tag: Waschtag in Toulouse

Schreiben, waschen, fetten

Früh links erwachen, dann zum Boulanger rechts nebenan. Unsere Gastgeber arbeiten bzw. spielen Tennis, wir versorgen die ausgelaugten Körper mit Kalorien.

Anschließend lassen wir die Waschmaschine rotieren, Mo sortiert auf Evas Rechner die Bilder der letzten beiden Wochen und lädt sie auf einen dieser bösen One-Click-Filehoster hoch, damit sie von anderer Stelle gesichert werden können. Das schafft auch ungemein Platz auf der Speicherkarte. Ich schreibe weiter am Blog, muss aber erkennen, dass 14 Tage Abstand zum Geschehen nur schwer zu kompensieren sind. Es läuft alles andere als flüssig, mehr als zwei Tage schaffe ich nicht, so dass ich beschließe, ab heute jeden Tag zumindest in Stichworten schriftlich festzuhalten und mir damit bessere Voraussetzungen für die nächste Schreibmöglichkeit zu schaffen.

Während die Wäsche auf der von Sonne überfluteten Terrasse trocknet, steuern wir eine Tankstelle in der Nähe an, wo wir unsere verdreckten Räder mit Hochdruck reinigen wollen. Wie der Zufall es will, kommen wir unterwegs an einem Fahrradladen vorbei, eine innere Stimme rät mir, dort Rat zu suchen, und wir erfahren, das Hochdruck die denkbar ungeeignetste Form der Reinigung ist.

Der Händler lädt uns ein, die Räder in seinem Hof mit seinem Schlauch und Wasser zu säubern. Dieses Angebot nehmen wir gerne an, erwerben im Gegenzug das passende Fett und einen Rad-Reiseführer bei ihm. So wäscht eine Hand die andere und am Ende sind alle fein raus.

Hebamme wider Willen an der Supermarkt-Kasse

Gemeinsam mit Eva fahren wir später bei 28 Grad Außentemperatur raus ins Einkaufszentrum, wo sie das Alltägliche und wir das – zumindest für uns – Besondere erwerben. Die beiden kommen im August in die Heimat und laden die Schätze dann bei uns ab. Apropos Schatz: Madame Leclerc kassiert uns freundlich ab und verabschiedet uns mit der ebenso freundlich gemeinten Erkenntnis, dass es für Eva bestimmt schön sei, wenn ihre Eltern sie besuchen.

Es dauert einen Moment, bis alle Betroffenen die Tragweite dieser Anmerkung realisieren, ihren Ursprung schieben wir auf die Tatsache, dass wir alle eine Brille tragen und aus Deutschland kommen. Danach gehen Mo und ich in die nächste Drogerie, um den Erwerb geeigneter Haarfärbemittel zu prüfen.

Zurück im Haus gibt's leckere Törtchen vom benachbarten Bäcker, danach wird die mittlerweile getrocknete Wäsche reisefertig verpackt. Und schon ist wieder früher Abend, Zeit für den Apéritif.

La Place de la Trinité am frühen Abend

Von der Rue des Filatiers schlagen wir uns später durchs Zentrum der Stadt bis auf den Boulevard de Strasbourg, wo René uns vier schöne Plätze in der warmen Abendsonne frei gehalten hat. Die Karte ist von Hand auf kariertes Schulheft-Papier geschrieben. Eine der Karten trägt auf der Rückseite in gleicher Schrift die Frage „Pourquoi tu ne me crois pas?“, was dem Tischgespräch zusätzliche Dynamik verleiht.

Es gibt Salade de gésiers, Raviolis maison, Tournedos rossini gefolgt von Rocamadour und Crème de marrons. Das Ganze wird begleitet von launigen Gesprächen (s.o.), einer munteren Kellnertruppe, interessanter Interaktion zwischen besagten Kellnern und der überproportional großen Schar weiblicher Gäste sowie drei Flaschen Rotwein. So wird der Heimweg über die auch zu später Stunde gut gefüllten Plätze und Straßen von Toulouse zum großen Vergnügen.

La Place du Capitole am späten Abend

Oh, là, là – Madame fotografiert mit Schlagseite

Samstag, 21. Juli 2012

23. Mai 2012, der vierzehnte Tag: Castelnaudary–Toulouse, 67,46 km

„Ihr habt ja 'n Sockenschuss!“

Während wir bei einem guten französischen Frühstück sitzen, hört der Regen langsam auf. Was ebenfalls verschwunden ist: der Sender meines Pulsgurtes, den ich gestern Abend vor dem Duschen – wie immer – abgenommen und auf dem kleinen Tisch im Zimmer platziert hatte. Da ich ihn auch nach dem Frühstück trotz intensiver Suche nicht finde, denke ich darüber nach, ob der lese- und schreibschwache Kellner eventuell während wir am Essen waren ... (ist ja nur ein Gedanke).

Ich fahre erstmal ohne los, das Teil wird sich schon finden.

Erste Station nach dem Auschecken ist der Supermarché auf der anderen Seite des Platzes, zweite Station das Office du Tourisme auf dem Platz. Drinnen ergattere ich eine Karte und weitere Informationen zur Fahrt aus der Stadt, draußen hat die Gattin schon wieder fremdländische Kontakte geknüpft und warnt zwei Französinnen vor dem Weg, der ihnen in Richtung Mittelmeer auflauert.

Kein Wunder, dass man die Bohnen gestern in höchsten Tönen loben konnte

Wir halten uns vom Kanal fern, folgen stattdessen der D33, die wunderbar asphaltiert ist und uns erst über die Autoroute des Deux Mers und danach durch kleine Städtchen wie Mas-Saintes-PuellesMolleville und Baraigne führt. Unsere letzte Station im Département Aude ist Le Ségala, wo wir mal wieder den Weg nicht finden und Kontakt mit den Eingeborenen aufnehmen müssen.

Das mache ich im örtlichen Garten- und Blumenmarkt, dessen Besitzerin gerade eine Kundin durch die Freiluft-Ausstellung der unbezahlbaren Blumentöpfe führt. Während Mo Letztere ablichtet, amüsieren sich die Damen köstlich über den Gedanken, dass ein Mensch (!) mit einem Fahrrad (!!) am Kanal (!!!) von Castelnaudary (!!!!) nach Toulouse (!!!!!) fahren könnte.

Das Vergnügen endet damit, dass die beiden keine Idee haben, wie und wo das gehen mag. Aber sie wissen immerhin, wo der Kanal fließt. Und dort schicken sie uns hin.

Unbezahlbare Mietwohnung für Pflanzen aller Art

Durch eine Schranke führt ein Weg, der diesen Namen jetzt wieder verdient, auf rotem Sand nach Port Lauragais. Wir folgen ihm entlang einer großen Schleife rechts des Kanals und stehen nach Unterquerung einer großen Brücke plötzlich vor einem nicht vorstellbaren Anblick: Der Weg ist asphaltiert!


Wie es dazu kommen konnte, erklärt ein Schild am rechten Wegesrand:


Je besser das Département, desto besser der Weg. Oder war es umgekehrt?

Incroyable, mais vrai!

Vom ersten Schock erholen wir uns schnell, nun heißt es „Kette rechts!“ und mit endlich wieder normalem Tempo die restlichen Kilometer nach Toulouse abspulen.

Unsere Mittagspause verlegen wir auf einen hübsch angelegten Rastplatz auf Höhe von Villefranche-de-Lauragais. Er liegt zwischen Kanal und Autobahn und ist von beiden Verkehrsadern zugänglich. Auf dem Weg dorthin hatten wir schon drei Enten gesehen, die uns offensichtlich hinterher schwammen und kurz vor Ende der Pause an unserem Tisch auftauchen. Die drei machen schnell deutlich, dass sie nicht zum Spaß gekommen sind, sondern um den Tribut zu kassieren. Wir tun so, als hätten wir nichts gehört, und essen schnell die letzten Reste.

Inzwischen haben wir unseren SMS- und E-Mail-Verkehr mit Eva intensiviert, die immer noch keinen konkreten Hinweis darauf hat, dass wir schon wieder auf dem Weg zu ihr sind. Oder sie hofft inständig, dass dieser Kelch an ihr vorüber fahren möge.

Französische Raubvögel anno 2012

Zwei Kilometer vor Toulouse schicken wir das letzte Foto, jetzt sind wir so nah, dass eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Die Antwort kommt smswendend: „Vorbeikommen! Jetzt! Sofort!“

Eva, wir sind dir näher als du denkst ...

Die Einfahrt in die Stadt ist sensationell. Auf der anderen Seite des Kanals liegt ein Hausboot hinter dem nächsten. Alte, neue, große, kleine, schöne, hässliche, bewohnte, verlassene – es ist wie ein Film, der langsam an uns vorüberzieht.

Da wir den Canal du Midi inzwischen für den Nabel der Welt halten, folgen wir ihm immer weiter, ohne wirklich zu wissen, wohin das führen soll. Schließlich wohnt Eva auch am Kanal, da werden wir also irgendwann bei ihr vorbei kommen.

Mein Haus, mein Boot, mein Kanal

Dieser auf den ersten Blick schlüssige Gedanke erweist sich spätestens an der Stelle als falsch, an der wir am Treffpunkt der Autobahnen A61, A620 und A623 mit den Europäischen Fernstraßen E72, E80 und E9 sowie diversen unscheinbaren Nationalstraßen wie der D19, D19a und D916 stehen und feststellen, dass es auf dem Trampelpfad entlang der Leitplanke einfach nicht mehr weiter geht.

Leider ist gerade keiner da, den man jetzt nach dem Weg fragen könnte, so dass erneut das Telefon herhalten muss. Es zeigt uns, wo's lang geht: Erst müssen wir ein ganzes Stück zurück, dann durch einen Park, durch die halbe Stadt und am Ende noch schnell über zwei große Brücken. Keine fünf Kilometer später stehen wir vor der gesuchten Tür.

Die Dame des Hauses hat die Flucht ergriffen, ein Handwerker öffnet uns, erklärt, dass Madame gleich wiederkommt, und macht die Tür wieder zu. Sie kommt tatsächlich Sekunden später, schaut uns zweifelnd an und sagt: „Ihr habt ja 'n Sockenschuss!“ Na, wenn das kein freundlicher Empfang ist ...

Hier haben wir uns ein Bett geangelt

Wir müssen mit reinkommen, kriegen ein Zimmer zugewiesen und dürfen duschen. Danach setzen wir uns oben auf die Terrasse, trinken ein Bierchen – wir sind ja völlig unterhopft – und erzählen. Eva ruft ihren Mann an, verabreicht ihm die frohe Botschaft in kleinen Dosen. Er beschließt, den Arbeitstag sofort zu beschließen und heim zu kommen.

So sitzen wir noch ein bisschen zu viert im Freien und machen uns gegen sieben auf den Weg in die Stadt. Den Apéritif nehmen wir im „Le Matin“, das Abendessen gibt's direkt nebenan.

Das Essen ist so lecker wie im Januar, als wir die beiden Tolosains schon einmal überfallen haben. Die Chefin ist so entspannt wie wir sie damals kennenlernten, daran ändert sich auch nichts, als zwanzig juvenile AmerikanerInnen alle noch freien Plätze besetzen. Sie nimmt in aller Ruhe die Bestellungen auf und ruft dann beim Lieferanten ihres Vertrauens an, um Huhn und weitere Zutaten zu bestellen. Kann sein, dass dies die Nahrungsaufnahme etwas verzögert, dafür ist alles frisch.

Wir sind das definitiv nicht mehr, deshalb gehen wir schlafen. Morgen haben wir einen harten Ruhetag vor uns.

So enden schöne Abende in Toulouse

Freitag, 20. Juli 2012

22. Mai 2012, der dreizehnte Tag: Homps–Castelnaudary, 61,68 km

„Monsieur, c'est très compliqué.“

Nach dem harten Vortag fängt der neue Tag gleich viel besser an: Frühstück im Hotel, Cornflakes für Mo (alles wird gut) und ein kurzes Gespräch mit den schon wieder völlig neu eingekleideten Ohne-Gepäck-Fahrern von gestern Abend.

Das Pärchen kommt aus Belgien und will innerhalb einer Woche von Narbonne nach Toulouse und wieder zurück fahren – insgesamt etwas mehr als 300 Kilometer, also durchschnittlich 40–50 Kilometer am Tag. Das sollte selbst für untrainierte 35-Jährige keine unlösbare Aufgabe sein, besonders wenn man weiß, dass der Schrankkoffer im Materialfahrzeug von Etappenziel zu Etappenziel transportiert wird.

Trotzdem sind beide, wenn auch unausgesprochen, so doch nicht minder offensichtlich unzufrieden. Wir schieben das auf folgenden Hintergrund: ER wollte unbedingt eine Radtour mit ihr machen. So wie „Il était une fois“, voller Romantik, auf zauberhaftem Weg und diesen vielleicht sogar in eine gemeinsame Zukunft. SIE fand diese Idee weniger überzeugend, ließ sich aber durch massive Zugeständnisse seinerseits und einer ebenfalls auf gemeinsame Zukunft ausgerichteten Perspektive ihrerseits breitschlagen (Gepäcktransport, kurze Etappen, evtl. fest fixierte Tempolimits usw.).

Und dann entscheiden sie sich ausgerechnet für den Canal du Midi, ausgerechnet in dieser Woche, die geeignet scheint, jede Beziehung in Matsch und Regen untergehen oder vom Winde verwehen zu lassen! Na dann, weiterhin gute Fahrt!

Bonjour et bienvenue au Canal du Midi

Wir fahren kurz nach halb neun los, der Regen hat verständlicherweise aufgehört, denn er hat dem Weg über Nacht schon derart zugesetzt, dass er am Tag nichts Schlimmeres mehr anrichten kann und deshalb nicht weiter gebraucht wird.

Anfangs spielen wir wieder das Spiel von gestern: unten im Matsch, bis es nicht mehr geht, dann oben im Sturm, bis es nicht mehr geht. Den Höhepunkt dieser äußerst kurzweiligen, weil abwechslungsreichen Form des Reisens erleben wir am Rande der viel befahrenen D610. Irgendwo vor Marseillette zwingt uns der Sturm erst vom Rad und dann dazu, eine längere Strecke zu schieben. Ein bisschen Regen fällt dann auch noch, und so können wir unsere Tour durch ein weiteres bleibendes Erlebnis ergänzen.

Im Ort angekommen, informieren wir uns bei der Boulangeuse nach den Angeboten des ÖPNV (gibt's hier nicht), stärken uns mit zwei Cafés in der Bar gegenüber und machen uns am Ende notgedrungen wieder auf den Weg in den Matsch.

Stadt-, Palast-, Festungs- und Brückenbauer: Vauban, the man

Ein Kanal ist ein Kanal ist ein Kanal (auch wenn er mal nicht so aussieht)

Zum Mittagessen verschlägt es uns bei Trèbes in den (Wind)Schutz einer Bushaltestelle. Gegenüber eine lange, frisch verputzte Mauer, die ein (dem Alter nach) bereits pensionierter Maler mit besonderer Technik färbt: Die Farbe transportiert er in einer großen Schubkarre, mit einem Metalltrichter, wie ich ihn zuvor nur wesentlich kleiner und nur bei den Pommes frites eintütenden Mitarbeitern einschlägiger Burgerbrater gesehen habe, schaufelt er sie in einen Eimer, der wiederum per Schlauch an eine Spritzpistole angeschlossen ist.

Mit ihr geht er entschlossen gegen das schmutzige Weiß der Mauer vor. Er sprüht, was das Zeug hält, der heftige Wind trocknet die Farbe en passant, und der Maler sprüht wieder und wieder über den gerade getrockneten Untergrund. So entsteht vor dem Auge des ungläubigen Betrachters genau jener Eindruck vollkommener Unvollkommenheit, den uns Firmen wie Alpina oder Molto mit passend benannten Produktserien verkaufen möchten.

Le Canal du Midi – très malérique

Wenig später nähern wir uns Carcassonne. Der Regen hat mal wieder aufgehört, es wird etwas wärmer und angenehmer. Vor dem Ortseingang treffen wir den Hund wieder, der im gleichen Hotel wie wir übernachtet hat. Er hat Frauchen im Schlepptau, das sich von ihrem drahtig-knackigen Begleiter durchs Gelände hetzen lässt, weil: Er braucht das.

Eine schöne Strecke führt uns ins Stadtzentrum, um kurz vor drei stehen wir im Hauptbahnhof und ich frage nach einer Bahnverbindung nach Castelnaudary, dem bereits hotelreservierten Ziel der heutigen Etappe. Wir haben die Faxen nämlich ziemlich dicke und uns entschlossen, dem inzwischen doch recht grausamen Spiel mittels Bahnfahrt ein Ende zu machen. Die Dame am Schalter weiß, dass der nächste Zug in zwei Stunden und zehn Minuten fährt, sie sagt auf Nachfrage außerdem, dass die Strecke zu unserem Ziel etwa 35 Kilometer lang ist.

Das bedeutet: eine ziemlich lange Wartezeit für eine ziemlich kurze Strecke. Wir gehen kurz ins uns, entdecken dort den Radfahrer und treffen eine 1a Fehlentscheidung – wir fahren weiter.

Was wir in Carcassonne gelernt haben: Wenn du Bahn fahren willst, dann fahre Bahn!

Am Kanal erwartet uns eine Seenlandschaft, die ein entgegenkommender Radfahrer als vorübergehende Erscheinung beschreibt. Danach soll es besser werden.

Nach zwei Kilometern stellen wir fest, dass richtig und falsch manchmal nah beieinander liefen. Einerseits wird es besser. Andererseits immer noch nicht so gut, dass man von Radfahren sprechen könnte. Irgendwann rutsche ich im Matsch weg und stürze, das hat aber keine nennenswerten Folgen für Ross und Reiter.

Mit der Zeit stellen wir fest, dass unser Stundenmittel auf etwa fünf bis sechs Kilometer gesunken ist. Parallel erkennen wir, dass die von der Bahnfrau genannte Entfernung für die Schiene und nicht für die Schlingen des CdM gilt. Gegen sechs rufe ich in unserem Hotel an und bitte um eine Taxi-Rufnummer, der Kollege am Telefon kann sie mir nicht nennen (s.o.). Ich schlage vor, dass er eine sucht und ich in ein paar Minuten nochmal anrufe.

Es gibt Radwege, da ist man auch mit gutem Rad schlecht beraten

Auch der zweite Anruf bringt keinen Erfolg, mein Gesprächspartner wird nur zunehmend unfreundlich. Per Telefon (endlich machen sich Smartphone und günstiger Telekom-Wochenpass bezahlt) finde ich einen Taxiunternehmer in Castelnaudary, dem ich unser Problem erkläre und der sich bereit erklärt, uns abzuholen. Wir vereinbaren den Ortseingang von Sainte-Eulalie als Treffpunkt, fahren ein paar Hundert Meter und warten in der Einfahrt zum ersten Haus.

Es wird kalt, der Wind nimmt zu, und kein Taxi kommt. Nach zwei weiteren Telefonaten und etwa einer Stunde Wartezeit kommt er dann endlich – er hat uns am anderen Ende der 120-Seelen-Gemeinde gesucht. Die Räder passen tatsächlich in den normalen Mitsubishi, und auch wir finden irgendwo noch Platz. Unterwegs wundert sich unser Fahrer mit uns, dass das Hotel uns keine Telefonnummer geben konnte. Als wir gegen halb acht ankommen, nimmt die Verwunderung zu: Direkt neben dem Haus befindet sich ein Taxi-Halteplatz.

Der Patron wundert sich kurz darauf mit uns, und alle wissen sofort, wer die Sache verbockt hat: der Kellner. Denn außer ihm und einer hoch schwangeren Kollegin gibt es keine weiteren Mitarbeiter. Wir gehen davon aus, dass der Kellner Analphabet ist und die Auskunft einfach nicht geben konnte. Als wir gegen halb neun zum Essen kommen, sind alle ausgesucht freundlich, der Kellner hält Abstand, und es gibt lecker Cassoulet – was auch sonst in der Heimat von diesen und jenen und diesen und jenen.

Dazu einen 2009er Fitou von Bertrand-Bergé, der es sehr gut mit den Bohnen aufnehmen kann.

„Ich fahr' den Matsch von deinen Wegen an meinem Rahmen immer noch mit mir herum.“