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| Heiße Nacht, große Oper |
Auf der letzten Etappe der Tour de France trinken die Gewinner der drei individuellen Wertungen immer fotowirksam zusammen Champagner. Das machen wir nicht, wir sind ja nur zu zweit. Aber wir gönnen uns mittags 2x Plat du jour in La Brède.
Aber der Reihe nach:
Wir wachen um sieben auf. Madame ist noch müde, weil sie nicht gut geschlafen hat. Es war recht warm, aber wir hatten die Klimaanlage ausgeschaltet. Im EG gibt es um 7:45 Uhr ein richtig gutes französisches Frühstück. Der große Tisch ist für vier Personen eingedeckt, es ist noch ein französisches Fahrrad-Pärchen im Haus. Auf jeder Hälfte des Tisches stehen zwei Eier, zwei Baguette, verschiedene Käse, Orangensaft, vier kleine Gläschen selbstgemachte Marmelade und sehr feine Butter. Heißgetränke gibt es nach Wunsch.
Natürlich kommt man mit den Franzosen ins Gespräch, weil die sind auch mit dem Fahrrad da, und dann beginnt dieses Woher-wohin und Wie-lange-Gespräch. Für uns wird es interessant als sie nach der Stromversorgung fragen. Unsere Räder sähen doch gar nicht aus wie elektrische Fahrräder. Das geht runter wie Öl, und wir erzählen, wie das so ist mit den kleinen Motoren und Batterien. Dann sagt er, dass seine Frau oder Freundin auf jeden Fall weiter Bio-Rad fahren will, und ich meine, dass sich das mit dem Alter ändern kann.
Wir wünschen einander gute Fahrt, vielleicht sieht man sich ja nochmal unterwegs. Um Viertel nach neun fahren wir los, sind schnell wieder am Kanal und folgen ihm bis fünf Kilometer vor Langon. Weiter geht es durch Felder und Weinanbau, nach etwa einer Stunde erreichen wir die Stadt.
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Abschied vom Kanal, das Meer ruft
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Von dort geht es auf einer größeren, gut besuchten Landstraße fast zwei Kilometer heftig bergab, dann werden wir auf der D109 durch die Anbaugebiete Sauternes und Graves in Richtung La Brède geführt. Um 11:59 Uhr biegen wir nach rechts ab auf den kleinen Place Montesqieu, auf dem wir vor 14 Jahren mit Norwegern gesessen und vom Austernmann an der Ecke unsere erste gemeinsame Austernplatte geholt und verspeist haben.
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Langon – hier ist der Kanal am Anfang oder am Ende
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Der Platz hat sich sehr verändert, die Bäume wurden wohl irgendwann auf eine Höhe von etwa zwei Meter gekürzt, und die neuen, entsprechend niedrigeren Kronen spenden weniger Schatten als zuvor. Das Montesqieu-Denkmal ist nicht mehr grau-schwarz, sondern strahlt wie frisch gewaschen. Und wo früher eine kleine Parkanlage war, hat heute das Restaurant gegenüber seine Terrasse.
Genau dort sitzen wir zur Plat du jour. Es gibt Grillade de légumes, Fish 'n Chips und Panna cotta. Die Terrasse füllt sich, der Service bringt immer neue Carafes d'eau. Wunderbar.
Um 13.00 Uhr geht es weiter. Komoot sagt, es sind noch etwas mehr als 20 Kilometer. Wir schalten auf Stufe 3.
Der Wein steht jetzt über weite Flächen in Reih und Glied, ab Léognan reicht das Anbaugebiet bis fast in die Innenstadt. Wir folgen einem durchaus verbesserungsfähigen Radweg, der sich entlang immer stärker befahrener Straßen aus dem südlichem Umland bis ins Zentrum zieht. Die Autofahrer sehen den Verkehr als Beispiel einer séléction naturelle, als ich eine aus einer rechten Nebenstraße kommende Fahrerin mittels lautem „Stop!“ zum Stehen bringe, ruft sie etwas zurück, das mit cycliste aufhört. Den Anfang möchte ich gar nicht wissen.
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Kleine Pflanzen, große Gewächse, rive gauche
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Der Radweg wird irgendwann zur Busspur, die wir mit dem Namensgeber und dem Taxigewerbe teilen. An der Ampel steht vor uns eine enddreißigjährige Französin. Eine kleine Frau, schmaler Körper, die Haare hinten am Kopf zusammengebunden. Sie trägt ein kurzes, schwarzes Kleid mit großen, weißen Punkten und Sandalen mit etwa neun Zentimeter hohen Pfennigabsätzen. Wenn die Ampel grün wird, setzt sie sich in Bewegung und knattert mit gleicher Geschwindigkeit wie ich vorneweg. Als sie abbiegen muss, hält sie den linken Arm raus, guckt nicht nach hinten und wechselt die Spur. Das ist ein großes Maß an Gottvertrauen. Vielleicht lernt man das in einer Stadt wie Bordeaux mit den Jahren.
Unser Hotel haben wir vor drei Jahren mit den Worten „Da kann man doch nicht wohnen“ klassifiziert, jetzt haben wir es für zwei Tage gebucht. Alles rund um das Stadtentwicklungs-Projekt Mériadeck ist hässlich wie die Nacht finster. Und die Hoteldichte drumherum liegt bei gefühlten 120 Prozent.
Wir checken ein, stellen die Räder in den kleinen Innenhof und müssen etwa eine Dreiviertelstunde auf den Zugang zum Zimmer warten. Parallel kommt ein großer Reisebus voller Australier vor dem Hotel an. Sie blockieren zunächst die Rezeption, dann die beiden Aufzüge.
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| Wo der Brutalismus wohnt |
Ich frage die freundliche Rezeptionistin, ob sie vielleicht noch einen ascenseur caché hat. Sie grinst und sagt: „Suivez-moi.“ Wir folgen ihr mit unserem Gepäckwagen durch schmale Gänge hinter der Rezeption zum Personal- und Wäscheaufzug. Sie fährt mit und führt uns zu unserem Zimmer. Mo ist sprachlos, ich sehe: Nur wer's probiert, kann etwas erreichen.
Wir duschen, waschen, reservieren Restaurants für heute und morgen und legen uns hin. Die Temperatur hat inzwischen 35 Grad erreicht. Um 18.00 Uhr wachen wir auf, machen uns stadtfein und gehen gegen halb sieben los.
Ab Samstag haben wir ein Auto, da können wir unseren minimalistischen Kleiderschrank eventuell sommerlich ergänzen. Zuerst besuchen wir meinen Unterhosen-Ausrüster, aber die Angebote entsprechen nicht meinen finanziellen Vorstellungen. Danach schauen wir bei Uniqlo rein, wo Madame ein Kleid und eine leichte Hose für die kommende Hitzewelle ersteht.
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Hinein ins Einkaufserlebnis
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Ich schaue inzwischen einer anderen Kundin zu, die die Treppe von den Umkleidekabinen hinuntergeht, dabei stolpert, das mitgeführte Kaufobjekt fallen lässt und es am Ende der Stufen gerade so in die aufrechte Position schafft. Ich folge ihrem missmutigen Blick nach unten und sehe mit ihr, dass die Schnürsenkel beider Schuhe offen sind und links und rechts auf dem Boden liegen. Sie schaut sie strafend an, tut aber nichts, um die Gefahr zu bannen, sondern setzt einfach ihren Weg durch den Laden fort.
Wir gehen auch bald wieder, diesmal zu den Galeries Lafayette, wo es unseren Deostick beim letzten Mal deutlich günstiger gab als in Deutschland. Daran hat sich nichts geändert, wir nehmen einen mit. Das Hemd, das mir schon in Chalon-sur-Saône sehr gut gefallen hat, gibt es hier auch. Der Preis ist mir immer noch zu hoch.
Inzwischen ist es fast 20.00 Uhr, die Läden schließen gleich oder haben längst geschlossen. Und wir sind zum Abendessen verabredet. Draußen sitzen möchten wir nicht, einerseits wegen der Temperatur, andererseits weil die schmale Gasse zum Restaurant stinkt wie ein lange nicht geputztes Pissoir.
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Rechts der Leiter besagter Touristengruppe
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Wie vorhin im Hotel, ist auch hier zeitgleich mit uns eine Touristengruppe eingetroffen. Anders als vorhin im Hotel, hat sie nicht reserviert. Das führt zu längeren Diskussionen mit der die Gäste empfangenden Dame, wir passen einen passenden Moment ab und schieben uns zwischen die Diskutanten.
Im Lokal sichern wir uns einen Tisch neben einem der Fenster. Eine Klimaanlage gibt es nicht, aber auf diese Weise zieht die Luft zumindest ein bisschen durch. Das Essen ist gut, die Hütte voll, trotzdem sind wir enttäuscht, denn mit Bouchon hatten wir – so, wie in Lyon – eine einfache, lokale Küche verbunden. Das wäre ein schöner Kontrast zu morgen gewesen, ist aber leider nicht so.
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Es wird Nacht in Bordeaux, und viele wollen dabeisein
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Mit dem Wein sind wir auch unglücklich. Nachdem schon der Crémant zu rosinig war, ist die Empfehlung des Sommeliers ebenfalls zu floral. Wir hatten ihm genau gesagt, was wir wollten, aber er wollte es wohl nicht verstehen, um mit der Flasche ein paar Euro mehr Umsatz zu machen.
Um 22.00 Uhr machen wir uns auf den Rückweg, ein kleiner Umweg über die Oper ist noch drin, mehr nicht. Die Stadt hat sich frischgemacht für die Nacht.
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| Letzte Etappe mit dem Rad, der Tacho steht bei 1.968 Kilometer |