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Donnerstag, 4. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 3. Juni 2026 – Durch den Elbtunnel nach Lyon

In beiden Richtungen sehr zu empfehlen

Heute ist Weltfahrradtag, da fahren wir erstmal 30 Kilometer mit dem Zug.

Wobei das nicht ganz richtig ist, erstmal stehen wir um sieben auf, frühstücken im Zimmer und machen uns reisefertig. Dann checken wir aus – die spröde Kollegin aus dem  Osteuropäischen ist uns inzwischen sehr zugewandt und winkt schon fröhlich, wenn sie uns sieht – und fahren zum Bahnhof von Tournus.

Ein Zug am Band, fester Stand im Zug

Hier sieht es so aus, wie man es sich auch in Deutschland wünschen würde: sauber, aufgeräumt, funktional. Aber wir wissen ja schon seit 1974, dass das Wünschen nicht mehr hilft. Das Einsteigen funktioniert reibungslos, die Räder werden mit einem simplen Spanngummi fest fixiert, die Fahrt ist rasant. Beim Blick aus dem Fenster rast die Welt mit 120 Stundenkilometern vorbei, ein leichtes Schwindelgefühl kommt auf.

Ein letzter Blick auf Mâcon

Vom Bahnhof Mâcon geht es ein Stückchen durch die Stadt, dann ein Stückchen über Felder und Wiesen, und plötzlich kommen wir in eine Ecke, die wie ein Naturschutzgebiet wirkt. Wir fragen einen Einheimischen, der das verneint, aber genau weiß, wie man die Voie bleue entlang der Saône beschreibt: magnifique!

Voie bleue ins Schöne

Wir fahren, fahren, fahren, fahren – ist ja Weltfahrradtag – und passieren bei Thoissey einen großen Campingplatz mit Schwimmbad und Schiffsanleger. Wenn wir vorbeifahren, rufen die Vögel oft „vite, vite, vite“, und wir sind nicht sicher, ob es anfeuernd oder beschreibend gemeint ist. Nach einer kurzen Zuckerpause geht es weiter Richtung Montmerle.

Schon mal gesehen, aber aus ganz anderer Perspektive

Was uns unterwegs durch den Kopf geht, ist, dass wir das alles tatsächlich schon gesehen haben. Aber nicht als Rad-, sondern als Flusskreuzfahrer. Und weil das ganz andere Sicht auf Land und Leute bedeutet, erkennen wir absolut nichts wieder.

Montmerle ist ein stilles, sehr schön anzuschauendes Städtchen. Große Platanen spenden dem Bouleplatz Schatten, wir passieren Maisfelder, und auf bereits gemähten Wiesen liegen große Heuballen. Sie sind nicht in die üblichen Plastikfolien eingerollt, sondern in den Farben der Tricolore umwickelt. So weiß der Bauer, dass das Heu für seine Tiere wirklich zu 100 Prozent französischen Ursprungs ist.

Nach etwas mehr als 40 Kilometern machen wir bei Beauregard Mittagspause und schauen hinüber nach Villefranche-sur-Saône. Der dortige Bootsclub lässt seine Sportgeräte zu Wasser, wir teilen Baguette, Tomaten, Banane und schauen zu.

Bei Saint-Bernard sitzen Gott und die Welt an Tischen entlang des Ufers: ein junges Pärchen, eine Mutter mit drei Kindern, zwei Schüler, zwei komplett schwarz verschleierte Frauen, Nah- und Fernverkehrs-Radfahrer. Es ist wirklich unglaublich, wie die Leute das Angebot annehmen.

Hier geht es von der Romantik hinüber in die Realität

Ab Couzon-au-Mont-d'Or wird es dann ernst. Wir überqueren die Saône und fahren auf einen Radweg, der uns bis ins 9e Arrondissement von Lyon führt. Der Weg wurde einfach von der vorhandenen Schnellstraße abgeteilt und dient als Radschnellweg. Wer so fährt wie wir, dem kommen links die Raser entgegen, die auf dem Fahrrad aus der Stadt kommen, und rechts die Raser, die mit dem Auto aus der Stadt kommen. Ein bewegendes Gefühl!

Vorboten der Stadt bei Cuire-le-Bas

Irgendwann erreichen wir den Tunnel de la Croix-Rousse, der den Stadtteil zwischen den beiden Flüssen durchquert. Fahrräder gucken in die eine Röhre, Autos in die andere. Am Ende erreichen wir La Part-Dieu im 3e Arrondissement, wo auch unser Hotel steht.

Zunächst einmal sind Hotels in Lyon an Wochentagen sehr teuer, da zahlt normalerweise die Firma. Unser Mercure mit seinen vier Sternen ist im Vergleich mit anderen halbwegs erträglich, wobei wir sicher sind, dass es gezielt gebaut und ausgestattet wurde, um exakt diese Klassifikation zu erreichen.

Bevor wir das Hotel sehen, sehen wir allerdings den „Bauch“ des Hotels. Denn dort müssen wir unsere Räder abstellen. Dieser Bereich ist für das Valet-Parking reserviert und ein rechtes Dreckloch. Hier tanzen nächtens garantiert nicht nur die Ratten. Und dann geht es für uns samt schwerem Gepäck auf verschlungenen Wegen über eklige Treppenhäuser vorbei an Werkstätten und der Küche wieder zurück in die Lobby.

Solche Ecken darf man Gästen nicht zeigen.

Fahrraderscher Käfig

Wir stecken das irgendwie weg, nisten uns im Zimmer 105 ein und gehen erst um 19:00 wieder auf die Straße. Dort erwartet uns der neunte Fluss dieser Reise, die Rhône, und eine Stadt, wie wir sie nicht vermutet hätten. Mondän, voller Leute, voller Leben, voller Attraktionen – man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Und man fragt sich, wie es eine Stadt, die nur ca. 550.000 Einwohner hat, schafft, einen solchen Eindruck von Weltläufigkeit und Metropole zu erwecken. Und wie es das dörfliche Frankfurt geschafft hat, mit dieser Stadt eine Städtepartnerschaft zu schließen.

Abendessen gibt es dann zum Abschied mit Blick auf die Saône. Die Namenspatronin ist Teil der kulinarischen Tradition Lyons, und auch heute prägen zwei ältere Damen den Service und damit das Erscheinungsbild des Restaurants. Eine von ihnen nennt der Restaurantleiter „Mamie“.

Wir sitzen im ersten Stock am Fenster und können schön aufs Stadtleben schauen. Neben uns ein Fünfertisch voller Einkaufsbummler, die nach getaner Futterarbeit ihre zahlreichen Tüten rausschleppen. Hinter uns eine Gruppe von Deutschen, Franzosen und Asiaten, die einen Geschäftsabschluss feiern oder vorbereiten. Einer der Asiaten erklärt dem Bier trinkenden Deutschen, dass Bier ein Kennzeichen deutschen Lebensart ist.

Ein Ziel für den Regentag morgen

Und was gibt's bei uns zu essen? 1x Croustillants de Langoustines, 1x Foie gras und 2x Gigot d’agneau. Dazu einen Crémant de Bourgogne, danach La Chartreuse und Le Chocolat. Unsere Kellnerin gibt sich viel Mühe mit uns, Mamie erklärt mir, wie ich La Chartreuse verzehren sollte, und der Restaurantleiter weist uns zum Abschied in die Variationen der Chartreuses ein. Am Ende steht die Variante, für die man pro Zentiliter-Gläschen 80–90 Euro zu zahlen bereit sein muss.

Wir zahlen nur, was wir tatsächlich verzehrt haben und gehen beseelt durch die inzwischen ins Nacht(er)leben übergegangenen Straßen zurück in unsere Bleibe.

Unglaublich: von Burgund und Beaujolais direkt nach Lyon

Dienstag, 2. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 2. Juni 2026 – Ein unerwarteter Besucher

Die dritte Woche beginnt mit Regen

Heute haben wir nur eins vor: Nichtstun.

Dementsprechend stehen wir kurz nach acht auf, machen uns langsam ausgehfein und sind um neun Uhr bei unserem Frühstücks-Bäcker. Vor Ort gönnen wir uns zwei Formule petit-déj, bestehend aus Café et croissant. Weil das für Nicht-Franzosen viel zu wenig ist, nehmen wir noch ein Baguette plus sonstige Viennoiserie mit.

Nächste Station ist die Fromagerie Tournusienne, gleich unten an der Ecke. Den Laden haben wir Ende der 80er im letzten Jahrtausend kennengelernt, damals führte ihn ein Ehepaar um die 30, und der Ehemann vermittelte immer den Eindruck, als wolle er den Käse am liebsten behalten. Vor einigen Jahren haben die Beiden an einen Nachfolger übergeben, Sébastien Boisson, der dem Namen nach eher etwas zum Käse verkaufen sollte.

Der Weg des Geistlichen

Aber die Qualität ist nach wie vor einzigartig. Wir nehmen einen frischen Ziegenkäse, ein sehr kleines Stück Brie de Meaux und eine ordentliche (= 400 Gramm) Scheibe zwölf Monate alten Comté. Später, beim Mittagessen, stellen wir dann fest, dass alle drei perfekt gereift und viel zu wenig für zwei Käsejunkies wie uns sind.

Zurück im Hotel essen wir das Sonstige von heute früh und brechen gleich danach wieder auf, diesmal mit den Rädern. Zuerst besuchen wir die Abbaye Saint-Philibert de Tournus, die wir immer wieder mal besuchen. Man will ja nicht nur treten und futtern, auch die Kultur soll nicht zu kurz kommen.

„No, I am your father.“

Was wir bei der Gelegenheit lernen, ist, dass vieles Religiöse, was wir heute als quasi gottgegeben erachten, einen langen Weg hinter sich hat. Eines der Holzkreuze in der Abbaye trägt dort, wo wir ein INRI erwartet hätten, die Buchstaben IHS. Wenn man gelesen und verstanden hat, welche Entwicklung damit verbunden ist, dann wird das Studium der Theologie plötzlich mehr als nur das Lesen in der Bibel.

Nach der Abbaye zieht es uns zu Carrefour, wo wir das Nötigste für heute und morgen erwerben. Anschließend zurück ins Hotel, denn wir haben für mittags eine Stunde im Becken gebucht, und da wollen wir keine Minute verpassen.

Becken, die die Welt bedeuten

Nach dem Schwimmen folgt das Duschen und Wäschewaschen (muss ja morgen alles trocken sein) und das karge Mittagessen, dessen Qualität der Gattin die Tränen in die Augen treibt. Danach legen wir uns wieder hin und stehen erst nach 15:00 Uhr wieder auf.

Draußen regnet es, und vor unserem Fenster sitzen links außen zwei kleine, graue Bällchen, die sich als zwei Generationen Gartenrotschwanz herausstellen. Das ist für uns besonders interessant, denn bei uns nistet gerade ein Pärchen dieser Gattung und infolge Abwesenheit können wir an der Entwicklung und Aufzucht des Nachwuchses nicht teilhaben. Aber hier schauen wir gerne zu, wie die/der Alte, der/dem Jungen die nötigen Kalorien bringt.

Dem Nachwuchs auf der Spur

Es folgt ein bisschen Büroarbeit und weitere Reiseplanung, um Viertel nach sechs noch ein Telefonat mit dem Kinde, und schon bald ist wieder Zeit für den Weg an den Quai. In der gleichnamigen Brasserie sind fast alle Tische besetzt, wir verbringen den Abend zwischen einem amerikanischen und einem französischen Pärchen.

Der Amerikaner spricht überraschenderweise sehr gut Französisch, die Amerikanerin nicht, dafür quäkt sie wie Dolly Parton. Essen können sie beide nicht, trinken umso besser – das ist zumindest ein Anfang. Wie am Sonntagabend muss allerdings die Frage erlaubt sein, warum der Wehrfähige hier sitzt, statt die Straße von Hormus freizubomben.

Auf französischer Seite ist auch keiner der Teilnehmer des Essens mächtig. Die Dame gabelt sich mit der rechten Hand durch den Teller, der Herr bestellt und trinkt zu den Quenelles einen roten Premier Cru.

So einer fließt auf unserer Seite des Rheins eher nicht

Wir lassen es langsam angehen, trinken vorab einen Crémant, danach einen Côte de Nuits Villages. Das Essen kommt auch nicht zu kurz: je zweimal Œuf 63° à EpoissesCoq au vin und zum Abschluss einen Coupe Bourguignonne, den die Gattin ob seiner Qualität nur unter Zuhilfenahme äußerster emotionaler Selbstbeherrschung zu sich nehmen kann.

Als wir das Lokal verlassen, legt die Avalon Poetry II am Kai an. Das Schiff sieht aus, als wäre es das richtige für uns. Wir sprechen mit dem Skipper, am Freitagmorgen könnten wir in Lyon zusteigen – aber leider hat er keine Kabine für uns frei. Im Hotel schauen wir mal auf die Angebote und sind froh, dass es nicht geklappt hat. Der Anbieter ruft für die Woche von Chalon nach Arles mindestens 4.600 Dollar auf. Pro Person, wohlgemerkt.

So sieht es hier jeden Abend aus

Wir gehen beschwingt bis selig zurück ins Hotel, zahlen die 200 Euro, die noch offen sind, und beschließen den Abend mit dem guten Gefühl, eine sehr günstige Reise zu unternehmen.

Einkaufen mit kultureller Note

Montag, 1. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 1. Juni 2026 – Bei den Turteltäubchen

Himmelherrgottchardonnaywetter!

Heute wird wieder länger geschlafen!

Um kurz nach acht stehen wir auf, ziehen uns zögerlich an – ist ja alles so anders ohne Weiterfahrt. Da unser Frühstücksbäcker heute nicht geöffnet hat, haben wir das Frühstück im Hause gebucht.

Mein Müsli ist gut, Madame ist mit ihrem weniger zufrieden. Das Baguette ist gut, Käse und Wurst sind eher Durchschnitt. Die Marmeladen sind hausgemacht und sehr gut, außerdem kommt aus der Patisserie ein Nutella-Derivat, das neu definiert, was in dieser Produktgattung möglich ist.

Am Tisch neben uns sitzt die Frau mit den Schweinchen-Augen, die gestern Abend etwas weiter hinter uns saß. Sie hat den Oligarchen geheiratet, der aktuell eigentlich eher an der Front sein müsste als hier in der französisch-ländlichen Idylle. Aber die Mischung der Gäste ist sowieso recht bizarr, da kommt es darauf auch nicht mehr an.

Einmal hin

Ich bitte meine Frau vorsichtshalber, mich nicht mehr mitzunehmen, wenn ich mal soweit bin wie einige der aktuellen Gäste.

Nach dem Frühstück holen wir unsere Laster aus der Garage. Nicht weit von ihnen steht ein Maserati GranTourismo Folgore, der ebenfalls zum Laden hier unten ist. Seine Batterie ist so groß wie die des Kia, den wir gerade bestellt haben: 80 Kilowattstunden. Damit kommt der Italiener nicht annähernd so weit wie der Koreaner, dafür kostet er in der Grundausstattung das Sechsfache.

Wir haben eigentlich keine Zeit für solche Überlegungen, denn wir haben einen Termin in Viré-Clesse. Und wir sind spät dran. Aber ohne Gepäck fahren die Traktoren tatsächlich wie Rennräder, so dass wir keine 45 Minuten bis zur Domaine brauchen. Christine, die Chefin, braucht einen Moment, aber dann erkennt sie uns wieder. So ist das halt, wenn man nicht monatlich, sondern nur alle paar Jahre kommt.

In Christines Weindepot

Der neue Jahrgang ist noch nicht auf der Flasche, aber die Gattin will schon wissen, was sie da bestellt (und bezahlt). Also dreht Christine einfach mal den Hahn am Tank für sie auf. Danach besprechen wir noch Mengen, Termine und Versandkosten und schon geht es auf gleichem Weg zurück nach Tournus.

Am Ufer der Saône haben sich drei, vier kleine, wilde Campingplätze etabliert, belegt sind sie von Menschen mit deutschem Nummernschild am Auto. Mal stehen drei Zelte beieinander, mal sind es sechs oder sieben. In der Mitte große Tische, Wäscheleinen sind zwischen Bäumen verspannt. Aber warum sollte sich der Teutone in Frankreich auch anders verhalten als der Zigeuner?

Einmal her

Zurück in Tournus reservieren wir en passant am Quai für den heutigen Abend. Das Lokal ist nur wenige Schritte von unserem morgigen Ziel entfernt, da sind wir mal gespannt, ob der qualitative Abstand auch so gering ist.

Danach geht es zum Bahnhof. Wir haben überlegt, dass wir die Fahrt nach Lyon am Mittwoch im Zug beginnen könnten. Erstens sind uns 110 Kilometer zu viel. Zweitens kennen wir die Strecke nach Mâcon gut (die erste Hälfte davon sind wir heute hin und her gefahren). Drittens soll es vormittags regnen, und da hat man doch lieber ein Dach über dem Kopf. Und viertens ist der Zug noch schneller als wir – er braucht nur etwa 15 Minuten.

Tournus, le quai

Tournus, le vrai

Schließlich geht es wieder ins Hotel, wo die spröde Rezeptionistin tatsächlich dafür gesorgt hat, dass ein ans Wasser angeschlossener Gartenschlauch samt Bürste zur Reinigung unserer Räder bereitliegt. Das machen wir gleich, denn es ist nötig. Danach laden wir für Mittwoch auf, bedanken uns an der Rezeption und essen die Reste unseres Mittagessens von gestern.

Für 15 Uhr haben wir unseren heutigen Schwimmbad-Besuch reserviert, danach steht wieder eine Mittagspause an. Hier feiert die Faulheit fröhliche Urständ'.

Wir liegen lange. Irgendwann versammelt sich auf der Terrasse aber eine Gruppe sehr kommunikativer Damen fortgeschrittenen Alters (vulgo: Hühnerhaufen), gegen die unsere Müdigkeit keine Chance hat. Räumen wir also wieder ein bisschen auf und machen uns fürs Abendessen schick.

Chez Pierre et Paul sollte besser Chez Perrine et Pauline heißen, denn es gibt nur einen einzigen Träger eines männlichen Vornamens in der Truppe. Die Karte ist übersichtlich, wir hätten gern beide das Menü genommen. Der von mir gewünschte Wechsel des Hauptgerichtes ist aber nicht möglich, so dass ich meine drei Gerichte einzeln bestellen muss.

Abendhimmlisch

Sie nimmt Salade bressane und Suprême de Poulet, er nimmt Escargots und Cuisses de Grenouille. Beide nehmen Poire Héléne und Café. Der Service ist nett und bemüht, aber ziemlich unterirdisch. Dieses ganze Prinzip der Dienstleistungs-Gesellschaft geht seit einiger Zeit den Bach runter, weil in allen Bereichen der gut ausgebildete Nachwuchs fehlt.

Am Quai liegen einige Penichettes, von oben sieht man gut, wie das Verhältnis der Mieter untereinander ist. Etwas abseits liegt ein Flusskreuzfahrtschiff, von dem sich eine größere Gruppe nach dem Abendessen zum Landgang aufmacht. Irgendwann legt ein Schiff der Konkurrenz direkt daneben an, und es sieht aus, als würden Menschen von dem einen über das andere Schiff an Land gehen. Vielleicht haben die Kapitäne aber auch nur ihre Routen verglichen.

Mal sehen, was der kommende Tag bringt.

Über die Hügel in die Weinberge

Sonntag, 31. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 31. Mai 2026 – Ein Sonntagsspaziergang

Radweg mit eingebauter Bremse

Trotz der Randale in der Nacht schlafen wir sehr gut. Gegen drei Uhr wird es ruhiger, da können wir zumindest ein Fenster etwas aufmachen. Ab etwa sechs Uhr hört man dann die Autos der Stadtreinigung, die mit dem Aufräumen beginnen.

Wir müssen heute Zeit schinden. In Tournus lässt man uns erst nach 15:00 Uhr ins Zimmer, der Weg ist kaum der Rede wert, deshalb bleiben wir erstmal so lange wie möglich, wo wir gerade sind.

Die Stadtreinigung hat ihre Arbeit schon gemacht

Wir frühstücken ab neun Uhr, lassen uns Zeit dabei, obwohl das nicht einfach ist. Den Orangensaft pressen wir uns frisch, das ist ein bisschen klebrig, schmeckt aber super. Das Müsli ist gut, das Baguette sehr gut. Die Kuchenabteilung ist verbesserungsfähig, das Rührei eine Katastrophe. Bei den vergangenen elf Frühstücken gab es zweimal richtiges Rührei. Sonst gab es eine vorkonfektionierte Masse mit Ei-Anteil, die unter Wärmeeinwirkung bröckelig gerührt worden war. Heute ist es am schlimmsten. Das ist Ei-Papp mit Mehl.

Nach dem Frühstück lassen wir uns also gaaaanz viel Zeit, fangen mit dem Packen an und reden über die letzte Nacht und die letzten Tage. Irgendwann muss es aber dann doch sein. Wir checken aus, holen die Räder und satteln für die Weiterfahrt.

Ab in den Süden

Um kurz vor zwölf fahren wir los, Komoot ist gut vorbereitet und führt uns schnell durch die noch relativ ruhige Stadt. Besonders nett ist der vor uns durch die Straßen gleitende Pkw unbekannter Marke, dessen Schürzen ihn zwingen, an den hierzulande weit verbreiteten Erhöhungen des Niveaus quasi millimeterweise vorwärts zu fahren, stets darauf bedacht, den jederzeit möglichen Bodenkontakt zu vermeiden.

Hinter ihm kommen wir in etwas mehr als Schritttempo an den Pont Jean Richard, und es gibt kein Halten mehr. Ab hier kann der Motor wieder brüllen, können die Fehlzündungen wieder die sonntägliche Mittagsruhe bereichern.

Wir fahren (etwas leiser und langsamer) über Saint-Marcel nach Ouroux-sur-Saône und kurz darauf auf den Radweg entlang des Saône-Ufers. Die Fahrt verläuft ohne Anstrengung, heute lassen wir das Motörchen arbeiten, es sind ja gerade mal 30+ Kilometer.

Endlich mal keine Sonne

Im Hotel angekommen, dürfen wir wieder noch nicht ins Zimmer, also machen wir Mittagessen auf der Terrasse. Wir kennen das Prinzip.

Um Viertel nach drei erteilt uns die etwas spröde Rezeptionistin die Freigabe. Für 16:00 Uhr haben wir das Schwimmbad gebucht, vorher packen wir aus und tun, was wir immer tun. Im Schwimmbad gewinnt die latente Müdigkeit dann endgültig die Oberhand.

Aus der Ferne grüßt die Stadt

Nach ein paar Bahnen schleppen wir uns zurück ins Zimmer, duschen und fallen ins Bett. Kurz nach 18:00 Uhr wachen wir auf und bereiten uns aufs Abendessen vor. Heute ist Sonntag, die meisten Restaurants haben geschlossen, wir haben also im Restaurant des Hauses reserviert.

Heute essen wir mal beide dasselbe: Paté croute au ris de veau, Paleron de boeuf charolais und Entremets poire au vin rouge. Das Essen ist wirklich super, der Service höchstens bemüht. Anfangs dauert es endlos, bis wir überhaupt mal eine Karte bekommen. Dann bringt der Kellner den falschen Perlwein (was uns zwei Gläser kostenlosen Apéritif beschert).

Geschmortes Rind unter Wirsing versteckt

Die Truppe rennt wie ein Hühnerhaufen, der den am Himmel kreisenden Habicht gesehen hat, durchs Lokal. Man hat nicht das Gefühl, dass die Arbeit einem System oder einer Ordnung folgte, sondern eher, dass die überhöhte Geschwindigkeit dem Fehlen eines solchen Systems geschuldet ist.

Egal, am Ende ist es ein gelungener Abend. Bis Mittwoch machen wir uns hier zwei schöne Tage, morgen besuchen wir die Domaine des Tourterelles, um bei Christine Wein zu bestellen. Ja, und dann schauen wir mal.

Für die paar Meter lohnt das Packen kaum

Déjà-vu 2026 | 30. Mai 2026 – „Les jeunes s'amusent“

Allée enfants!

Frühstück gibt's ab acht Uhr, da können wir vorher schon ein paar der gewaschenen Sachen zusammenlegen und aufräumen. Das Frühstück findet dann draußen statt. Es ist angenehm kühl, ein leichter Luftzug weht unter der vom Weinlaub bedeckten Pergola. Die Auswahl ist très français: Es gibt ein gutes Baguette, ein bisschen Butter, Käse und Marmelade und sehr leckere Croissants.

Und dann kommt doch tatsächlich schon wieder so ein Graubart daher, diesmal mit sportlicher Frau (ist also wie bei uns). Was uns unterscheidet, ist, dass ihm beinah das Rad umfällt, wenn er steht und er selber kaum aufsteigen kann. Dann fährt sie los, und er kommt nicht in seine Klickpedale. So fährt sie davon, und er ruft laut wie einst Fred Feuerstein „Martine“ hinter ihr her. Wenigstens das ist bei uns anders.

Wir machen jetzt noch ein bisschen Körperpflege und fahren dann los. Anfangs auf einer ziemlichen Ruckelpiste raus aus Saint-Jean, dann auf die Landstraße, auf der es deutlich glatter läuft. Klar, die Landstraße ist für Autos gemacht, da darf's ein bisschen besser sein.

Unser Dorf sollte schöner werden

In Richtung Seurre schicken sie uns wieder über einen Ruckelweg, den man eigentlich niemandem zumuten möchte, egal, ob er Fahrrad oder Traktor oder sonstwas fährt. Es geht immer wieder rechts-links, links-rechts usw. Das sieht auf einer Karte sicher hübsch aus, weil man meint, man fährt nett durch die Felder. Aber im Endeffekt dient das alles nur der Idee, die Radfahrer von der Straße zu nehmen.

Das Schlimmste dabei ist, dass die Routenvorschläge von Komoot oder anderen Plattformen genau so funktionieren, wie bei Spotify, bei Amazon, bei Tripadvisor und sonstigen Anbietern. Was der Erste fährt, wird dem Zweiten vorgeschlagen. Der fährt es ebenfalls, weil ihm keine Alternative angeboten wird. Bei allen anderen Anfragen geht das so weiter, und am Ende hat das System gelernt, dass es hier einen super Weg, einen super Film oder was auch immer gibt.

Was auf der Strecke bleibt, ist die Individualität der Nutzer, die Vielfalt der Gesellschaft.

Verdun-sur-le-Doubs – der Name passt

Wenigstens beim Wetter gibt es nichts zu Meckern. Es ist nicht so heiß, leicht bewölkt, und der Wind bläst leise in unsere Richtung. Die nächste Abbiegung führt uns nach Charnay-lès-Chalon und auf den dortigen Spiel- und Rastplatz. Er hat sich leider nicht zu dem Zentrum entwickelt, als das er geplant war. Die Bäume sind relativ klein geblieben, der feine Kiesweg und der Boule-Platz sind inzwischen zu 40 Prozent von Unkraut übernommen. An der Bank, auf der wir Zuckerpause machen, wächst es bis in Sitzhöhe.

Bei Verdun-sur-le-Doubs ist eine wichtige Brücke gesperrt, das bedeutet: die nächste Umleitung. Wir sprechen mit vier Deutschen – Vater, Mutter, zwei Töchter? –, die unterwegs besser aufgepasst haben und wissen, wo diese Umleitung verläuft. Am Ende kommen wir an einer Stelle, die wir bereits von früher kennen, auf den EuroVélo 6 zurück.

Wenig Platz für Fahrfehler

Und der Weg wurde inzwischen frisch gemacht: Auf den Bessunger Kies kippt man große Mengen kleiner Steinchen und hofft, dass die Reifen sie in den Boden pressen und diesen damit festigen. Bei 20 Zentimeter breiten Autoreifen mag das funktionieren, bei 35 Millimeter breiten Fahrradreifen funktioniert es definitiv nicht.

Wir schlittern also mit zu hoher Geschwindigkeit über diese Gravillons. Besonders übel wird es bei Anstiegen, wo das Hinterrad durchdreht. Zwischendurch steht immer wieder mal ein Warnschild, aber das sagt eigentlich nur: „Du, der du dieses Warnschild siehst, pass' auf. Wir haben einen Fehler gemacht, nun sieh zu, wie du damit zurechtkommst.

Pausenbild mit Déjà-vu

Bei der Einfahrt nach Chalon-sur-Saône kommen wir an reichlich Mietskasernen vorbei, die Banlieu reicht bis tief nach Centre ville hinein. Unterwegs kaufen wir bei Carrefour noch fürs Mittagessen und die nächsten Tage ein, um 13:30 Uhr sind wir am Hotel und dürfen noch nicht ins Zimmer.

Also nehmen wir draußen auf der Terrasse Platz, breiten unser Mittagessen aus und überbrücken die Wartezeit mit Essen. Als es dann endlich so weit ist, bringen wir die Räder in den Stall, nehmen Chambre 35 in Beschlag und machen, was wir nach der Ankunft immer machen.

Um 18:30 Uhr gehen wir dann zu den Galeries Lafayette direkt gegenüber. Für eine Klimaanlage hat es in dem dreistöckigen Ableger des berühmten Konsumtempels leider nicht gereicht. Aber man weiß sich zu helfen: Alle zehn Meter laufen große, silberne Ventilatoren. An der Schwüle ändert das nichts, denn das Einzige, was diese Windräder machen, sie blasen die Pullis und die Röcke und die Kleider und die Hosen an. Und wahrscheinlich verbrauchen sie wahnsinnig viel Energie. Ansonsten wird wenig Begehrenswertes angeboten, und rundum sieht es übel aus.

Früher Abend in Chalon

Damit sind wir auch schon bei unserem Hotelzimmer. Es ist relativ groß, es enthält vergangene Größe vorspiegelndes Mobiliar, und das Bad ist über eine beidseitig verspiegelte Schranktür zugänglich. Der darin befindliche Spiegel ist aber nur so lange ein Spiegel, bis auf der anderen Seite das Licht angeht. Dann kann man durchschauen.

Der Fußboden ist mit blau-grau melierten Kurzflor-Teppichfliesen verhunzt. Das Bad mit kackbraunen Fliesen gekachelt. Diese Definition der Farbe stammt von der Ehefrau, die solche Wörter sonst ebensowenig in den Mund nimmt, wie z.B. fressen, Scheiße oder kotzen. Die Sanitärobjekte wurden vor nicht allzu langer Zeit erneuert, die Toilette würde man im englischen Sprachraum ob ihres Zustandes als „shit hole“ bezeichnen.

Wir gehen über den Place du Général de Gaulle und durch die Grande Rue zur Île Saint-Laurent, wo die kulinarische Vielfalt der Stadt tobt. Wir haben einen Tisch reserviert, dürfen draußen sitzen (drinnen ist die Stimmung etwas zu erhaben für unseren Geschmack) und werden gut beköstigt. Zum Crémant de Bourgogne essen wir zwei Menüs = 1x quer durch das Angebot.

Während des Essens sehen wir den Menschen beim Durchmessen der Hauptschlagader des Viertels zu und kommen zu dem Schluss, dass die verpflichtende Installation eines Ganzköerperspiegels in jeder Wohnung vorgeschrieben sein sollte. Nach dem Essen kommen wir noch mit zwei anderen alten Deutschen ins Gespräch, die am Nachbartisch sitzen. Um kurz nach zehn gehen wir auf bekanntem Weg zurück ins Hotel.

Von der Insel zurück in die Stadt

Der Rückweg gestaltet sich allerdings etwas anders, deutlich dramatischer. Paris Saint-Germain hat heute das CL-Finale gewonnen, und die örtliche „Fan-Szene“ feiert das. Das heißt: Einige feiern, einige spielen Katz-und-Maus mit der Polizei und einige randalieren. Bei der Gattin lösen die Vermummten, die blinkenden Signale auf den Polizeiautos und die (Böller?)Schüsse eine gewisse Panik aus. Ich bremse ihren Fluchtinstinkt, halte sie gut fest und bringe sie, mal schneller, mal langsamer durch die aufgewühlte Stimmung, die Reizgas-Wolken und entlang umgekippter Mülleimer erfolgreich zurück zum Hotel.

Der Nachtportier hat mittels eines Stahlrohres die Eingangstür verriegelt, so, wie man das aus US-Western kennt, wenn kurz vor dem Angriff der Indiander der Holzbalken innen quer vor das Tor gelegt wird. Von den drei Fenster-Türen unseres Zimmers können wir den Fortgang der Ereignisse gut beobachten, sie gehen noch länger fort.

Ab jetzt geht es in den Süden