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Donnerstag, 28. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 28. Mai 2026 – „Das ist mein Tag heute!“

Der schönste Radweg der Welt

Kaum sitzen wir beim Frühstück, kommt eine ältere Dame und fragt, ob wir denn aus Reutlingen kommen Da fragt man sich sofort, was man an sich trägt, damit man gleich als Reutlinger erkannt wird. Aber nein, die Dame kommt aus Tübingen und hat gestern Abend auf dem Parkplatz neben ihrem Auto ein Auto mit Reutlinger Kennzeichen gesehen.

Das hat sie emotional wohl so mitgenommen, dass sie jetzt unbedingt diesen Reutinger finden muss. Wir sind es nicht.

Links Kanal, rechts Doubs (nicht im Bild)

Der Speisesaal sieht wirklich toll aus und ist wohl das Tollste, was das Haus zu bieten hat. Leider ist auch er ein bisschen überdekoriert. Da liegt ein riesiger Bär neben dem Tisch mit dem Backwerk. Da stehen sechs Kerzen schräg im Kerzenständer, weil sie zu schmal sind für dessen Kerzenhalter. Da funktioniert die Kaffeemaschine wie die Klospülung oben im Bad: Obwohl der Prozess bereits abgeschlossen ist, kommt nochmal ein Schwall Flüssigkeit. Eine Toilettenbrüste gibt es nicht.

Bleiben wir noch kurz im Zimmer. Die 
Badezimmertür hat innen zwei Haken für Handtücher. Leider gibt es kein Handtuch, dessen Aufhänger zu den Haken passt. An der Armatur der Badewanne läuft unten mehr Wasser raus als oben aus dem Wasserhahn. Wenn ich vor dem schmalen Waschbecken stehe und beim Zähneputzen meinen Kopf ein bisschen nach vorne beuge, stoße ich mit meinen wqenigen Haaren an den Spiegel, der über dem Waschbecken hängt.

Kleiner Blütenteppich auf dem Doubs

Der „Kleiderschrank“ ist 50 Zentimeter breit und mit 40 Zentimetern Tiefe zu flach für die Bügel, die darin hängen. Eigentlich haben wir das feinere Zimmer genommen, aber wir sind nicht der Meinung, dass wir das tatsächlich auch bekommen hätten.

Um kurz nach neun ist alles auf die Räder gepackt, es geht los durch die Stadt. Kurz vor dem EuroVélo 6 halten wir im „Parc de la banane“ und telefonieren mit A-rosa, weil wir eventuell eines derer Schiffe für den Weg nach Arles kapern wollen. 
Auf dem weiteren Weg sehen wir, dass die kleine Grünanlagevon einer Großfamilie fahrenden Volks okkupiert wurde, die mindestens 60 Fahrzeuge auf den gepflegten Rasenflächen abgestellt hat.

Links und rechts grün, rasen in der Mitte

Wir fahren auf die wunderbare Strecke nach Besançon, und könnten alle paar Meter schreien vor Glück. In Île-sur-le-Doubs machen wir eine kurze Zuckerpause. Das hat unser Sohn uns beigebracht. Die Kohlenhydrate gehen direkt in die Muskeln und halten sie länger frisch.

Die Einheimischen treffen sich am Bankautomaten von Crédit Agricole zum Schwätzchen, und wahrscheinlich schaut jeder mal, wie viel der andere noch abheben kann. Bei der Fahrt aus der Stadt hinaus treffen wir auf einer kleinen Brücke zwei andere Ehepaare in unserem zarten Alter.

Alle vier fahren feine Rennräder. Die Damen lassen ihr Gepäck von den Herren transpotieren. Sie sind auf dem Weg nach Wien. Wir plauschen kurz über das übliche Woher-wohin und wünschen uns anschließend „Bonne route“.

Vom 
EuroVélo 5 haben wir es über den EuroVélo 15 zum EuroVélo 6 geschafft und fahren inzwischen am siebten Fluss. Um halb zwölf sitzen wir in Pays-de-Clerval auf der Terrasse des Restaurants, wo ich gelernt habe, wie der Franzose einen kleinen Kaffee mit Milch bestellt und trinken einen ebensolchen.

Kapitän Haddock aus Besançon

Auf der anderen Seite des Doubs haben findige Radweg-Gestalter den Radweg neu gestaltet und vor allem: neu definiert. Statt wie bisher langsam und kontinuierlich auf der Hauptstraße hinauf, geht es jetzt abseits dieser Hauptstraße durch kleine Gässchen auf plötzliche Rampen, die auch mit Motor kaum zu bewältigen sind. Die Gattin ist außer sich.

Um halb eins stoßen wir kurz hinter der Beaume-les-Dames auf einen kleinen Rastplatz mit einer leeren Bank im Schatten. Rundum sind Familien, sind Kinder, sind Rennradfahrer, ist 
Hopsasa und Trallala. Um 13:00 Uhr machen wir uns auf den weiteren Weg. Wir haben noch etwa 40 Kilometer vor uns und sind noch überraschend gut dabei.

Tausend Farben Grün

Die restlichen Kilometer fahren sich wie von selbst, bei jeder neuen Biegung des Doubs höre ich hinter mir ein Jubeln, Frohlocken oder sonstige Glücksbekundungen. In Laissey halten wir für zwei Café und zwei Dame blanche. Bei der letzten Brücke vor der Stadt gibt's ein paar Reibungen, weil Madame sich von irgendwelchen Jungs aus dem Tritt bringen lässt. Ich hatte die Buben zuvor angeblökt, mir haben sie problemlos Platz gemacht.

Um Viertel nach drei sind wir bei unserem Hotel. Nachdem in der Gegend zuletzt alle Straßen verkehrsberuhig und verschönert worden sind, macht sich jetzt auch das ibis fein. Leider heißt das für uns, dass wir nicht mehr so einfach in die Fahrrad-Garage kommen.

Stadterneuerung auf hohem Niveau

Um halb sieben machen wir uns auf in die Stadt. Nach Montbéliard ist Besançon die schönste Stadt der Welt. Wir bewundern ehrfürchtig die feinen Häuser, schauen in die Auslagen der Läden, die keiner Kette angehören, und landen am Ende wieder mal bei 1802 am Square Granvelle.

Wir nehmen eine Flasche Crémant du Jura und zweimal das Menu. Jede/r isst, was der, die das andere nicht isst. So kommen wir auf sechs Gänge und sind sechsmal positiv gestimmt. Zuerst gibt es Poulpe mariné und Artichauts frits, dann La pêche française du moment bzw. Quasi de veau. Und zum Schluss noch eine Tartelette aux fraises und ein Paris–Brest.

Square Granvelle vor dem Essen

Am Tisch neben uns sitzt ein schwules Pärchen, hinter der Gattin ein Pärchen in den späten Vierzigern bis frühen Fünfzigern. Beide wohlhabend gebräunt und im feinen Tuch, er Typ angejahrter Playboy, sie mehr Typ reife Schönheit. So sitzen sie erstmal nur da, und dann kommen die anderen zwei: gleiche Altersgruppe, er Brad Pitt, sie Angelina Jolie.

Und dann spielen sie wichtige Männer und begehrte Frauen. Nur die Jungs reden miteinander, nur die beiden Frauen reden miteinander. Irgendwann wird Brad Pitt zum Raucher. Zuerst hält er die Zigarette in der linken Hand, quasi mitten über dem Tisch. Da Raucher heute aber nicht mehr Raucher sein dürfen, nimmt er sie in die rechte Hand und hält sie nach unten neben sich, damit keiner sieht, dass er raucht.

Stadtleben nach 21 Uhr

Als der Kellner vorbeigeht, fragt er nach einem Aschenbecher. Als er kommt, kann er ihn nicht benutzen, weil er weiterhin Angst hat, die Zigarette öffentlich zu zeigen. Es ist ein Trauerspiel. Die vier gehen irgendwann rüber zur Lounge-Ecke, wo sie andere Altersgenossen gesehen haben, mit den sie weiterspielen können.

Wir gehen rüber zum Hotel. Die Idee mit dem Flusskreuzer haben wir ad acta gelegt.

Dafür hat uns der Extender gereicht

Mittwoch, 27. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 27. Mai 2026 – Weniger Strom, mehr Watt

Dem können wir uns nur anschließen

Gestern Abend haben wir beschlossen, unsere Tage etwas konzentrierter und zielstrebiger zu beginnen, um die etwas kühleren Stunden zu nutzen. Deshalb frühstücken wir heute etwas früher. Das Frühstück ist okay, alle Gäste und Mitarbeiter schauen geschäftig, alles wirkt wie im Business-Hotel.

Ich telefoniere um kurz nach acht noch mit unserer Hausarzt-Praxis, weil ich gestern Abend bräunlich-rote Stückchen im Urin hatte. Der Doktor wird später zurückrufen. Um 9:15 Uhr fahren wir an den Kanal, er verläuft direkt vor der Tür. Auf dem Kanalweg geht es gut voran, wir sind schnell raus aus der Stadt. Leider spinnt das GPS immer wieder mal. Es zeigt uns an Stellen, an denen wir gar nicht sind und umgekehrt. Dafür ist die Beschilderung des Weges eindeutig.

Am Kanal aus der Stadt

Wie lange unsere heutige Strecke ist, muss sich auch noch zeigen. Ich habe den Weg zwei Mal von Komoot berechnen lassen – einmal war er 56, einmal über 70 Kilometer lang. Mal sehen, was am Ende stimmt.

Auf dem Kanal fühlen sich viele heimisch

Den Motor stellen wir auf kleinste Unterstützung, das reicht gerade mal, um die Beladung zu kompensieren. Den Rest fahren wir mit eigener Kraft. Trotz Mittwochmorgen ist der Weg gut besucht. Die schnurgerade Strecke abseits der Orte verleitet zum Beschleunigen. Nach einer Stunde und ein paar Minuten erreichen wir nach 24 Kilometern die Marina von Dannemarie. So hatten wir uns das vorgestellt.

Im Hafen von Dannemarie

Unterwegs amselt, drosselt, finkt und start es nach allen Regeln der Kunst. Manchmal klappert der Storch dazwischen, und die Frösche quaken zurück. Seit gestern ruft auch der Kuckuck  wieder von der anderen Kanalseite. Schon vor ein paar Tagen hat der Holunderduft den Bärlauchgeruch abgelöst.

Nach etwas mehr als 40 Kilometern erreichen wir den Doubs, eines der Hauptziele, wenn nicht das Ziel dieser Reise. Die Freude ist beiderseits, wir haben uns ja schon drei Jahre nicht mehr gesehen.

Damit ist eigentlich alles gesagt

Mit uns sind wieder viele Rennradfahrer unterwegs, und mittlerweile fällt auch der Gattin auf, dass die bereits beschriebenen „grauen Wölfe“ eine wachsende Gruppe sind. Ich gehe vorsichtig davon aus, dass auch ich in etwa zwei Wochen dazugehören werde.

Für den Doubs nehmen wir uns ein bisschen mehr Zeit. Wir suchen Punkte, die wir nicht mehr finden, freuen uns, wenn wir Abschnitte wiedererkennen, und sind überrascht, dass Montbéliard tatsächlich nur noch 15 Kilometer entfernt ist. Um zwölf Uhr kommen wir an der Stelle an, an der wir zuletzt unsere gesamte Habe steil aufwärts schieben mussten. Heute sind  wir schon oben und machen erstmal Mittagspause.

Der Doubs kurz vor Montbéliard

Um zwanzig nach zwölf ruft tatsächlich der Doktor an – das wird 20,72 Euro kosten –, und fragt nochmal nach, welchen Blödsinn wir da treiben. Dann gibt er Entwarnung, bei größerer Anstrengung könne da schon mal ein Äderchen platzen, und außerdem sei es wichtig, immer viel zu trinken. Er spricht nicht davon, dass man in unserem Alter vielleicht auf solche Aktivitäten verzichten könnte, bietet aber an, meinen Urin nach unserer Rückkehr nochmal zu testen.

Da bei ibis heute nichts mehr frei ist, schlafen wir hier. Da wir schon um 13:00 Uhr da sind, verweigert uns die Rezeptionistin erstmal ein Zimmer. Aber wir lassen uns nicht beirren, satteln ab und fangen in einer kleinen Sitzecke nahe der Bar mit dem „Arbeiten“ an. Um Viertel vor zwei weist sie uns dann ein Zimmer zu, ob es wirklich die Kategorie ist, die wir gebucht und bezahlt haben, bleibt unklar.

Schön war's mal in Montbéliard

Wir waschen, laden, duschen und legen uns bis Viertel vor fünf aufs Ohr. Anschließend gehen wir auf eine Runde durch die nächste sterbende Stadt. Es ist mörderisch heiß, wir landen beim Italiener, der uns für zwei Becher Eis 21,00 Euro abknöpft, und schauen mit Wehmut auf die geschlossenen Geschäfte und verwesenden Häuser in den Straßen der Stadt.

Fürs Abendessen haben wir einen Tisch bei Marco Polo reserviert, wo man früher den Schwärmen von Mauerseglern beim Segeln zuschauen konnte. Heute sitzt man im überdachten Vorbau des Restaurants, wo es wenig von den Vögeln, dafür umso mehr von den Menschen zu sehen gibt. Außerdem scheint die Population drastisch geschrumpft zu sein, man hört und sieht fast nichts von ihnen.

Wo einst die Mauersegler flogen

Wir bestellen einen kleinen Salat vorneweg, danach eine Pizza végétarienne und eine Angela. Mit beiden gelingt es uns, unsere hellen Hosen zu versauen. Dazu trinken wir einen Rosato und zwei Carafes d'eau. Um uns herum sitzen Menschen, die zwar nicht so aussehen, aber aus geschäftlichen Gründen hier zu sein scheinen. In den Gesprächen geht es auf der rechten Seite um Millionenbeträge und links um Immobilienerwerb.

Wir bestellen noch zwei Espressi und gehen zurück ins Hotel.

Heute mal wieder Kurzstrecke

Dienstag, 26. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 26. Mai 2026 – Ein Fest für Gravelbikes

Love, Peace and Happinässe

Beim Frühstück treffen sich viele Nationen, viele fremde Sprachen, viele kleine Kinder. Kurz: Es ist viel los. Und es gibt das beste Müsli, das wir bisher hatten. Fast ist es besser als unseres zu Hause.

Nachdem wir sie gestern Abend nicht gefunden hatten, fahren wir nochmal durch La Petite Venise und suchen nach der Schnittstelle, ab der wir die Stadt kennen. Es dauert ein bisschen, aber am Ende finden wir, was wir suchen. Inzwischen hat das System den Weg neu berechnet – das klappt schon wie bei der Navigation im Auto –, und wir fahren auf einer etwas breiteren Straße raus in Richtung Muhlhouse.

Mohn amour

Dann geht's rechts ab in den Wald und über Waldwege südwärts nach Herrlisheim. Es ist angenehm schattig, so könnte es bleiben.

Nach den Weindörfern mit -heim am Ende folgen nun die Weindörfer mit -willer am Ende. Zum Teil ist das alles sehr touristisch, aber insgesamt macht es einen sehr schönen Eindruck. Zwischen Hartmanns- und Berrwiller sind wir bei 45 Kilometern und stoppen kurz vor 12:00 Uhr neben dem Schmerzensmann zur Mittagspause am Rand einer kleinen Straße, die die Gattin gerade zur Hauptverkehrsader erkoren hat, weil uns vier Fahrzeuge passiert hatten.

Der Schmerzensmann ist links, nicht unter dem Baum

Danach waren es nur noch ein paar Kilometer, aber dann hat sich doch der Radweg gegen uns verschworen. Erst kam Cernay, der Familienursprung derer von Gattin. Dann kam der gesperrte Komoot-Weg. Und nachdem wir da im letzten Jahr schon mal sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fahren wir außen rum und – landen an der Auffahrt zur Route National 66.

Fast schon familiäre Gefühle

Also wieder zurück auf einen anderen, nicht gesperrten Waldweg. Für solche Fälle waren unsere Räder ja früher mal Gravelbikes.

Wir fahren und fahren und fahren, es wird immer enger und noch enger und am Ende fahren wir auf einem 15 bis 20 Zentimeter breiten, braunen Streifchen, das von Gräsern überwuchert ist. Der Blick auf die Karte bestätigt, dass wir immer noch „richtig“ sind. Irgendwann kommt die vorhergesagte Linkskurve, direkt danach stehen wir vor einem Bunker des örtlichen Golfplatzes.

An der Route 66

Ab da geht's immer weiter, dann links ab, dann rechts ab auf den nächsten schmalen Waldweg. Schotter über sieben Kilometer. Insgesamt sind wir nur damit beschäftigt, die Spur zu halten, Löchern auszuweichen und nicht umzufallen. Am Ende fahren wir so, wie andere Pedelec-Fahrer das oft tun: zwei langsame Umdrehungen der Kurbel, zehn Meter rollen lassen.

Nach dem Wald fängt sich die Dame des Hauses noch einen fiesen Stich am rechten Knöchel, und dann erwarten uns weitere zwei bis drei Kilometer entlang von Bahnschienen auf etwas besserem Bessunger Kies.

Entlang der D20, die gerade von der Autobahn kommt, setzen wir unsere Fahrt fort, und es dauert nicht lange, da quietschen neben uns die Bremsen eines Autos aufs Heftigste. Verantwortlich dafür ist ein kleiner, burgunderroter Wagen mit deutschem Kennzeichen und zwei Rädern auf der Anhängerkupplung. Während alle anderen kurz stehenbleiben, setzt er seine Fahrt langsam, man möchte denken: zitternd, fort.

Was war passiert?

Der Autofahrer fuhr auf der rechten Spur neben einem großen Lkw auf der linken. Von dieser linken Seite kam ein Junge von etwa acht bis zehn Jahren über den Zebrastreifen (!!) der vierspurigen Straße. Der Lkw-Fahrer sah ihn und hielt, der Fahrer des Pkw sah ihn erst, als es fast zu spät war.

Gottseidank ist nichts passiert, aber wir lernen: Anders als in Deutschland haben Zebrastreifen in Frankreich einen hohen Stellenwert. Die einen nutzen sie, die anderen respektieren das. Wobei wir uns beide die Frage stellen, ob ein Zebrastreifen auf einem Autobahnzubringer  tatsächlich die verkehrstechnisch beste Lösung ist.

Cernay ist wahrscheinlich weniger christlich geprägt als es aussieht

Zur Beruhigung stoppen wir gleich danach bei Lidl in Mulhouse Dornach und kaufen einen Sixpack Magnum Mini. Im Laden denke ich noch, dass wir ein oder zwei Portionen draußen an Kinder verschenken werden, aber es bleibt kein Krümel übrig.

Der Lidl ist fest in muslimischer Hand. Menschen jeder Hautfarbe, Frauen mit Hijab oder voll verschleiert mit langen, wallenden Gewändern. Zwischendurch kommt Cat Stevens vorbei. Ein Mann lädt einen Sixpack Wasser aufs Trittbrett seines Elektrorollers, stellt seinen rechten Fuß quer dahinter, beschleunigt das Gefährt und stellt seinen linken Fuß oben auf Wasser. Das sieht abenteuerlich aus, aber er fährt völlig entspannt davon.

Gleich darauf spricht uns noch ein Muslim aus Bamberg an, der gerade seine türkische Oma und Familie besucht. Er hat uns reden gehört, er freut sich, hier andere Deutsche zu treffen, und er wünscht uns weiterhin gute Fahrt.

Durch die letzten Weingärten des Elsass'

Im Hotel angekommen, schließen wir unsere Beschleuniger ans Stromnetz an, sie haben sich heute schwer verausgabt. Unsere eigenen Akkus laden wir im Zimmer mit Kaffee und Keksen etwas auf. Danach Dusche und Pause bis kurz vor sechs.

Was vor dem Essen noch ansteht, ist der Ersatz des Ladekabels, das ich heute Morgen in Colmar vergessen habe. Nur ein paar Schritte entfernt vom Hotel finden wir einen Handy-Shop, der zwar das Einzelteil nicht mehr hat, für mich aber eine Packung mit Stecker öffnet und mir das Kabel für zehn Euro verkauft.

Fürs Abendessen müssen wir ein bisschen laufen. Das erste Restaurant hat aufgegeben, das nächste ist zehn Minuten Fußweg entfernt. Auch dort ist ein neuer Betreiber eingezogen. Nochmal suchen und wieder lange laufen möchten wir nicht. Wir trinken ein Fläschchen Crémant, teilen uns die dritte Tarte flambée in drei Tagen und essen einmal Salade de pate et poulet und einmal Tataki de boeuf. Beides sehr gut, der Café zum Schluss ebenfalls.

Zurück im Hotel nehmen wir die Ladegeräte mit nach oben und schließen sie an die Extender an. Jetzt geht's ins Bett.

Nicht wirklich weit, aber wirklich zehrend

Montag, 25. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 25. Mai 2026 – Wir nehmen die Weinreise

Jubel, Trubel, Sauerkraut

Nach dem Frühstück, bei dem die Kollegin von gestern Abend schon wieder alle Hände voll zu hat, verabschieden wir uns und fahren mit Rückenwind und bergab in Richtung Barr.

Dort geht es dann zum ersten Mal ein bisschen hoch, und in der Folge kommen wir durch Orte und Ecken des Elsass, die wir noch von früher kennen, aber schon lange nicht mehr besucht haben. Auf dem EuroVélo 5 fahren wir tatsächlich „La route des vins d'Alsace“ durch Orte und Weinberge.

Ein wunderschöne Reise durch unsere Vergangenheit

In Blienschwiller passieren wir das Weingut Kieffer, das wir durch Le Moulin kennengelernt und bei dem wir oft eingekauft haben. Die Mutter des Hauses hat früher stolz von ihren Jungs berichtet, die beide bei Haeberlin in der Auberge de l'Ill arbeiteten. Heute ist das Tor geschlossen, da brauchen wir nicht an ein Wiedersehen zu denken.

In Itterswiller kommen wir bei Arnold vorbei, einem ehemals kleinen Hotel, das sich inzwischen entlang der Hauptstraße ausgebreitet hat. Ich dachte, das wäre in Andlau gewesen, aber da habe ich wohl den Namen mit dem Ort vermischt.

Ein kleines Haus wächst über sich hinaus

Rennradfahrer sind heute wieder viele unterwegs, hoffentlich müssen die morgen alle wieder arbeiten. Um 11:56 Uhr macht die Gattin noch eine kleine Fotosafari durch die Weinberge, da kommt uns der Mann im Weltmeistertrikot entgegen.

Vor Kintzheim überholen wir eine große Franzosengruppe, nach Kintzheim machen wir eine Zuckerpause, da überholen sie uns wieder. Ein paar Kilometer weiter verleitet uns ein kleiner Rastplatz zum Halten. Drei Beton-Tische mit Bänken drumherum, alle verschattet von gut tragenden Kirschbäumen. Wir hören den vorbeifahrenden Rennrädern mit ihren laut surrenden Chris-King-Naben zu und versuchen, die jeweilige Preiskategorie zu bestimmen. Viele der allein fahrenden Männer tragen neuerdings graue bis weiße Bärte, was das Image des einsamen Wolfes unterstreicht.

Wer soll das nur alles trinken?

Sechs Kilometer vor Colmar fahren wir durch ein kleines Naherholungsgebiet rund um La Fecht. Unten am Fluss sitzen Jung und Alt auf Kiesbänken und lassen die Beine im Wasser baumeln. Oben sitzen die Generationen zum Mittagessen unter Sonnenschirmen vereint. Ich sage der Chefin gleich, dass ich weiß, dass Essenszeit ist, und sie erklärt sich bereit, uns zwei Noisette zu verkaufen. Ich zahle mit einem 20-Euro-Schein und gehe mit den beiden Tassen raus an den Tisch, den Madame für uns blockiert hat.

Die leeren Tassen bringe ich wieder rein und bedanke mich. Madame dreht sich zu mir um, ruft: „et votre monnaie“ und hält mir die 15 Euro entgegen, die ich vergessen habe. Ich strecke schuldbewusst meine Hand aus und sage, es liege am Alter. Sie legt die zusammengefalteten Scheine in meine Hand und drückt sie, wie nur Mütter es können.

Unser Hotel erreichen wir um halb zwei. Es liegt sensationell direkt am Parc du Champ-de-Mars und empfängt uns auf sehr angenehme Weise. Wir zollen erstmal der Hitze Tribut, legen uns hin und waschen Wäsche. Um kurz nach 18:00 Uhr gehen wir raus, es ist immer noch mehr als 30 Grad warm.

Nomen est omen: La Petite Venise

Der Park ist ein Tummelplatz für Kinder, Treffpunkt für Jugendliche und Ausgangspunkt für abendliche Aktivitäten. Da sind wir also genau richtig. Nach einem Telefonat mit dem Junior gehen wir ein paar Straßen weiter und finden uns in La Petite Venise wieder, einem Viertel der Stadt, das wir in 40 Jahren nie betreten haben.

Nun ist eh alles egal. Wir gehen einmal hin, einmal her und essen im Le Fer Rouge, einem Restaurant im Brennpunkt des Brennpunkts. Der Picon bière ist besser als gestern, die Tarte flambée nicht. Der Saumon au choucroute ist super, das Caquelon de spaetzle eine Nummer zu salzig, zu fettig und zu groß.

Die Beine sind eine Nummer zu schwer für den Rückweg ins Hotel.

Von Bas-Rhin zu Haut-Rhin

Déjà-vu 2026 | 24. Mai 2026 – Durchs Land des Sauerkrauts

An der Schnittstelle von Wald und Stadt

Wir frühstücken schön im Zimmer und bereiten gleich die Brote für heute Mittag vor. Dann verabschieden wir uns von Madame Pautler und sprechen am Pool noch kurz mit dem Mann, der gestern Abend im kleinen Kreis seinen 72. Geburtstag hier gefeiert hat und wahrscheinlich ein Schlaganfall-Patient ist.

Komoot führt uns durch Alt-Mothern in Richtung Damm, am Ende kommen wir bei der Brücke zum Delta de la Sauer raus. Alles sieht aus wie immer, aber zu Pfingsten sind schon morgens viele Rennrad-Gruppetti unterwegs.

Frühmorgens ruht das Delta

Auf dem Deich laufen Wandergruppen. Andere stehen an Fluss- und Seeufern und lassen Mengen von Ruten ins Wasser hängen. Links trennt uns ein schmaler Kanal vom Damm, auf dem Wasser schwimmen Enten und Schwäne. Unter der Wasseroberfläche sieht man Gräser in der Strömung, darauf liegen weiße Blüten wie ein dicker Teppich.

So fahren wir etwas mehr als 30 Kilometer dahin, dann geht es rechts hinauf nach Drusenheim. Nach wenigen Metern ein kleiner Rastplatz mit vier Plakaten, die über die wirtschaftliche Entwicklung Drusenheims „de 1800 à au jour“ informieren. Besonders interessant ist der Hinweis auf „Le choc petrolier“ in den Jahren 1979/80.

Wenn man sich überlegt, dass dieses Erdöl-Risiko der Welt seit mindestens 45 Jahren bekannt ist und sie es nicht geschafft hat, auf eine andere Energieversorgung zu setzen, dann muss man sich schon wundern. Die einen haben Atomkraftwerke gebaut (und bauen immer noch bzw. wieder), andere machen erneuerbare Energien schlecht.

Viel Deich, kaum Storch

Von Drusenheim geht es durch Herrlisheim, Gambsheim und so weiter -heim durch die einschlägig bekannten Städtchen entlang des Radweges. Viele Radwege hat der Franzose einfach auf den Bürgersteig gemalt. Sie führen über Kanaldeckel und gebrochene Asphaltflächen und sind schwer erträglich. Mindestens ebenso schwierig ist es aber auf der Landstraße, wenn der Franzose in seinem Duster oder Dacia mal eben den inneren Alain Prost raushängen lassen muss und mit 30 Zentimetern oder weniger Abstand an einem vorbeibrettert.

Bei einer Total-Tankstelle kurz vor Kilstett retten wir einen sehr großen Hirschkäfer, den wir vom Rücken wieder auf die Beine helfen. Eventuell hätten wir ihn Timmy taufen sollen.

In Kilstett fragen wir gegen elf bei La Couronne, ob wir einen Kaffee kriegen, aber Madame weist auf die 80–100 eingedeckten Plätze und sagt: „C'est le temps du repas, Monsieur.“ Dann fahren wir halt weiter und machen unsere Biopause ein paar Meter außerhalb der Wohnbebauung am Waldrand.

Vor La Wantzenau überholen wir noch ein Pärchen, bei dem es nicht so gut läuft. Obwohl er schon fast das ganze Gepäck befördert, fällt es ihr doch sehr schwer, mitzufahren. Nach dem Ort finden wir gleich zwei Bänke, schön im Schatten bei einem kleinen Sportplatz. Während wir die Räder abstellen, läuten die Mittagsglocken, da machen wir eine kurze Mittagspause.

Gegenüber steht ein VW mit Emmendinger Kennzeichen und tendenziell serbo-kroatischem Migrationshintergrund. Vater, Mutter und zwei Kinder langweilen sich ausdauernd, während wir essen. Als wir aufbrechen treffen die sehnlich erwarteten Freunde, Familienmitglieder oder was auch immer aus Karlsruhe ein. Wir verlassen die Stätte herzlichster Wiedersehens-Rituale.

Strasbourg, kurz vor der letzten Bank

Der weitere Weg bis Strasbourg ist uns gut bekannt. Hinter La Wantzenau wurde ein kleiner Stadtteil mit Fahrradwegen komplett neu infrastrukturiert. Das sieht toll aus, und wenn man dann weiter durch die Stadt fährt, sieht man, dass die Stadt, obwohl sie wirklich schon viel getan hat, noch viel machen muss, um den Radverkehr zu fördern.

An der Marina setzen wir uns noch mal auf eine Bank und atmen durch. Wir haben jetzt noch etwa 30 Kilometer vor uns, es wird heiß. Jede/r gönnt sich ein Päckchen Gummibärchen und stimmt sich innerlich auf die weitere Fahrt ein. Sie führt zunächst durch den Grüngürtel der Stadt, dann in Richtung Illkirch-Graffenstaden und weiter durch Blaesheim, Krautergersheim und wie die Heime hier sonst noch alle heißen.

Am Ende sparen wir noch zwei Kilometer Strecke, indem wir nicht dem Komoot-Weg durch die Weißkohl-Felder folgen, sondern dem etwas kürzeren Weg über die D215 folgen. Bei Illkirch hatte uns zuvor eine Credit Mutuel über 32 Grad Außentemperatur informiert, da muss man sich nicht unnötig lange in der Sonne aufhalten.

Schmerzensmann bei Kilometer 92

Im Hotel kommen wir um 14:45 Uhr an. Das ist für knapp 100 km ganz ordentlich. Das Haus hat noch nicht für den Nachmittag geschlossen, so dass wir niemanden von irgendwoher holen müssen. Es sitzen sogar noch Gäste im Restaurant.

Wir kriegen unser Zimmer, räumen erstmal unsere Sachen aus und gehen in den Pool. Das Wasser ist ziemlich kalt, wir frischen auf. Das Publikum rundum ist gewöhnungsbedüftig, so weit möchten wir es aber nicht kommen lassen, deshalb gehen wir wieder rein, um unsere Wäsche zu machen. Danach sieht es auf unserer Terrasse aus wie rund um den Pool.

Der Neubau des Hotels ist binnen weniger Jahre ziemlich in die Jahre gekommen. Die Platten um den Pool sind vielfach lose, im Bad platzen Fugen, die Halterung der Duschkabine ist abgerissen, der Wasserhahn verkalkt. Dabei wirkte es anfangs so, als hätten sich alle viel Mühe gegeben.

Vor dem Abendessen halte ich mich etwas zu lange mit diesem Blog auf, was eine heftige Reaktion der Gattin provoziert. Ich habe ihren fortgeschrittenen Hunger unterschätzt.

Wir werden auf der Terrasse platziert, eine angenehme Brise weht über den Tisch. Hinter uns sitzen der grobschlächtige Vater, die leidende Mutter und der genervte Sohn. Man spricht nicht miteinander, vermeidet Blickkontakt. Des Vaters Telefon läutet, der Sohn verdreht die Augen. Der Kopf des Vaters bleibt im Verlauf des Abends leicht gerötet, seine Haut schimmert feucht. Nach gelungener Mahlzeit gibt es leichte Annäherungen zwischen den Tischnachbarn.

Wie sagte mein Schwiegervater: „Essen und Trinken bringt die Leut' zusammen.“

Bei uns ist es auch schön. Wir trinken zwei Picon bière, teilen uns vorneweg eine Tarte flambée traditionnelle und entscheiden uns dann für das Coquelet bzw. das Filet de boeuf charolais. Am Ende gönne ich mir noch zwei Kugeln Eis mit Sahne, genau wie es das Pärchen zwei Tische weiter hatte.

Am langen Tisch hinter uns sitzt eine Gruppe von Italienern, die lange nichts zu essen bekommen und deshalb umso mehr trinken müssen. Das erhöht zuerst den Alkohol-, dann den Lärmpegel. Als ihr Essen kommt, sind wir schon auf dem Weg in unser Zimmer. Wir hören sie noch einige Zeit.

Einmal Bas-Rhin von Nord nach Süd

Sonntag, 24. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 23. Mai 2026 – Sous les parapluies de Mothern

Make me wanna holler


Am Buffet steht dieser Mann neben mir. Er nimmt zuerst vom Rührei, legt dann ein paar Streifen Speck darauf und toppt das Ganze mit einem Spiegelei. Kurz darauf zapft sich eine junge Frau einen Latte macchiato, stellt aber eine viel zu kleine Tasse unter den Auslauf. Zuerst quiekt sie, als hätte sie eine Maus gesehen, dann balanciert sie die schwappende Tasse, statt ein bisschen abzugießen, quer durchs Lokal an ihren Tisch. Die Schweizer Gruppe, die wir gestern Abend in der Brauerei schon gesehen hatten, ist auch da. Die Damen und Herren sitzen an den Nachbartischen.

Heimatliche Gefühle

Insgesamt lassen wir uns unvernünftigerweise ein bisschen mehr Zeit und kommen später als sonst auf die Strecke. Nach Verlassen der Innenstadt fahren wir an einer Schnellstraße entlang und kommen in Richtung Schwetzingen durch ein sehr schönes Waldstück, das uns an den Frankfurter Stadtwald erinnert.

Wir fahren am Hockenheimring vorbei, der sich von Ferne mit dem Krach jaulender Motorräder ankündigt. Hier werden Deutschlands hochpreisige Benzinreserven verschwendet. Aber wir müssen uns keine Gedanken machen: Die Dachflächen der Tribünen sind mit Solarpanels bestückt, das heißt, die Energie wird CO2-neutral verschwendet.

Danach geht es durch Hockenheims Feiermeile, wo es Läden wie ”Topfit“, „Pizza und Kebaphaus“ und „Piranha Bar“ gibt. Wenig später weist ein Schild in Richtung „Insultheimer Hof“. Da sind wir noch elf Kilometer von Speyer entfernt und fragen uns, wer da beleidigt werden soll.

Hier geht's mit Tankrabatt auf die Strecke

In Speyer angekommen, fahren wir erstmal zur Einhorn Apotheke. Ich hatte morgens mit Frau Weber gesprochen, um einen Hirschtalgstick zu bestellen, den holen wir jetzt ab. Kurz vor der Apotheke fährt mir ein alter Mann, vom Bürgersteig kommend, in die Quere. Meinen Hinweis, dass er gucken sollte, bevor er er auf die Straße fährt, quittiert er mit einem „Leck mich am Arsch“, was wiederum mich dazu bringt, ihn für die gesamte Innenstadt gut hörbar als nicht verkehrstauglich zu qualifizieren.

„Mer losse dr Dom en Speyer“

Als wir dann vor der Apotheke halten, kommt eine Frau zu uns, die meint, dass in Speyer alle so fahren. Das ist keine gute Nachricht für Speyer. Gemessen an der Zahl der Apothekenbesucher muss Speyer außerdem eine sehr kranke Stadt sein. Darauf angesprochen, meint die Apothekerin: „Die rasten alle völlig aus. Die glauben, ab Montag gibt's keine Medikamente mehr.“ Auch das ist keine gute Nachricht für Speyer.

Wir lassen uns von Komoot zum Rheinhauptdeich führen und kommen so durch Ecken in Speyer, die wir noch nie gesehen haben – Wohngebiete, mal schöner mal weniger schön, überall viele Leute unterwegs.

Ich freue mich sehr, nach langer Zeit wieder mal hier fahren zu dürfen. Da ich meiner Freude durch Treten Ausdruck verleihe, ruft es von hinten sofort, ob ich irgendwelche Termine hätte. Natürlich hab ich Termine. Ich möchte heute Abend in Mothern ordentlich essen und mich vorher in Ruhe hingelegt haben, weil, wenn die Zeit nicht zum Hinlegen reicht, dann sagt meine Frau: „Wieso sind wir nicht früher hier angekommen?“

Rheinhauptdeich bei Speyer, unretouchiert

Wir fahren den Hauptdeich also weiter, und weil es nirgendwo Bänke zum Pause machen gibt, machen wir die erst 20 Kilometer später vor dem alten Garnisons-Gemäuer Germersheim. Dort finden wir eine schöne, schattige Bank und fahren erst kurz nach halb eins, dafür aber umso schneller weiter. Unterwegs passieren wir eine vierköpfige Gruppe von Rennradfahrern, die an einer Ecke stehen und hoffen, dass sie von irgendwem eine Zange leihen können. Die brauchen sie, um das defekte Ventil aus einem Tubeless-Reifen zu schrauben. Ich denke an unseren Fahrradtechniker, der neulich meinte: „Tubeless ist nur was für Leute mit Begleitfahzeug.“

Gegen zwei Uhr sind wir im Maximilian-Center, wo wir einen Eiscafé trinken wollen. Leider hat der bekannte Eissalon geschlossen, insgesamt wirkt das „Fachmarktcenter“ mehr und mehr abgewirtschaftet. Die Gattin versucht, wenigstens bei Edeka zwei Kaffee zu erstehen. Ich passe draußen auf die Räder auf und komme mit einer jungen Frau ins Gespräch, die mit zwei Gleichgesinnten nach 70 Kilometern Rennrad auf dem Heimweg nach Karlsruhe ist.

Alt und Jung stellen fest, dass ihre Problemzonen nahezu identisch und gewisse Beeinträchtigungen unvermeidlich sind.

Rheinaufwärts, kurz vor Lauterbourg

Nach dem Kaffee decken wir uns bei Lidl noch für das lange Wochenende ein, dann geht es endlich weiter. Bis Lauterbourg geht es über den Rheinradweg. Dort haben wir die Wahl: kürzer oder länger. Wir entscheiden uns für die Straße und kommen kurz vor Mothern an der Speedway-Strecke vorbei, an der immer keiner fährt.

Das ist heute anders. Von den Hügeln hören wir das Jaulen und Dröhnen von Motoren, und unten fährt sich schon die überüberübernächste Generation warm. Ein etwa Dreijähriger in voller Montur, der sein Fahrzeug wie ein Laufrad nutzt. Das Besondere dabei: Das Laufrad hat einen Motor, den er ebenfalls benutzt und damit „wie ein Alter“ über die Wiese brettert.

Unser Hotel in Mothern erreichen wir um kurz nach 16 Uhr, keiner da. Mit uns fährt ein silbernes Mercedes-Cabrio mit zwei deutlich angejahrten Sigmaringern auf den Hof. Sie kämmt sich die pechschwarzen, zerzausten Haare, er kommt kaum aus dem Auto raus. Ich rufe die Chefin an, die kurz darauf mit den Schlüsseln kommt.

Wir packen aus (eine alles, einer was er braucht), gehen kurz schwimmen und machen sogar noch kurz Pause. Um halb acht gehen wir zum Essen. Emilia nimmt das Fisch-Menü, Erich das Duo vom Thunfisch (sehr lecker mit Kiwi mariniert) sowie Kotelett und Filetspitzen vom Iberico-Schwein.

Um halb zehn ist Schluss.

Am vierten Tag am fünften Fluss