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Donnerstag, 21. Mai 2026

Frühlinkserwachen 2026 | 21. Mai 2026 – Ein Tag, drei Flüsse

Hallelujah!

Wie das Essen gestern Abend, ist heute auch das Frühstück viel besser als vor zwei Jahren. Wir sitzen in einem Raum, der an ein Spiegel-Kabinett erinnert. Jede Ecke und viele Wandflächen sind mit großen Spiegeln belegt; das macht den großen Raum größer. Ich denke zwei Mal, dass ich mir bzw. meiner Angetrauten beim Brötchenkauen zuschaue, aber jedes Mal ist es doch nur ein anderer Grauhaariger mit Brille ein paar Tische weiter.

Die junge Rezeptionistin schenkt uns zum Abschied zwei Tütchen Gummibärchen. Wir packen, holen unsere Räder aus dem Verlies und bringen ihr zur Belohnung alle Schlüssel zurück. Um zehn nach neun geht's los.

Bad Mergentheim ist immer noch so hässlich wie vor zwei Jahren, wenigstens regnet es heute nicht. Danach passieren wir Pferdeställe und Koppeln, da kann die Gattin gar nicht mehr richtig treten vor lauter Gucken.

Landschaft mit Wattebäuschen

Nach knapp 16 Kilometern erreichen wir den ersten von zwei heutigen „Gipfeln“. Wir blicken weit übers Tal, über den Feldern sehen wir kleine Vögel, die der fränkische Naturschützer als „Wiesenbrüder“ bezeichnen würde. Sie fliegen so niedrig, dass die Kornspitzen ihnen den Bauch kraulen. Nach der Biopause am Hochstand erscheinen zwei riesige Greifvögel über der Landschaft und rufen sich wechselseitig zu, wie schön das alles ist. Die Gattin macht Fotos im Akkord, da kann sie nachher mehr wegwerfen.

Am Ortsende von Rengershausen dürfen wir einen schmalen Weg befahren, der eigentlich Fußgängern vorbehalten ist. Die Wirtin der Ferienwohnung am Eck schüttelt die Betten aus und grüßt freundlich. Am Ende des Weges, öffnet sich nach links eine große Wiese entlang des Goldbachs. Sie ist geschmückt mit einem lila-rosa-gelb-grün-blauen Blumenmeer – plötzlich fährt das Bäuerchen mittendurch und macht die ganze Stimmung kaputt.

Keine Bewegung ob der Tauber

Unser Weg führt uns sehr schön weiter in Richtung Dörtzbach. Der Bärlauch blüht auch hier und riecht wie gestern heftig von links und rechts. Im örtlichen Industriegebiet fällt uns auf und ein, dass wir hier vor zwei Jahren Kaffee trinken waren. Das heißt: Da ist ein Edeka, und wir biegen kurz ab, um die Vorräte aufzufüllen. Als ich wieder rauskomme, ist draußen Sommer.

Kurz vor zwölf sehen wir die Bank wieder, auf der wir vor zwei Jahren schon mal gesessen haben und machen dort gleich wieder Mittagspause. Anschließend reservieren wir für den Pfingstsonntag in Valff. Monsieur gibt sich viel Mühe und macht uns sogar einen guten Zimmerpreis.

Wiedersehen macht Freude

In Richtung Jagsthausen folgt bald das nächst Déjà-vu: Kloster Schöntal. Wir stellen uns und die Räder in den Innenhof. Ich passe auf alles auf, Madame fotografiert alles weg. Hinter Jagsthausen steht uns leider der zweite Anstieg bevor, weil wir ja unbedingt von der Jagst an den Kochr wollen.

Auf knapp zwei Kilometern erwarten uns 140 Höhenmeter mit bis zu 13 Prozent Steigung, wir nennen das Bergwertung. Und wenn Garmin sagt, dass man selbst 300 Watt tritt und der Motor es nicht mehr schafft, seinen Anteil beizusteuern, dann fragen wir uns, warum wir nicht mit dem Junior die Mur de Huy hochgefahren sind. Da hatten wir wenigstens 20 Kilo weniger zu transportieren.

Partners in climb

Der Herrgott sieht das ähnlich und schenkt uns zur Belohnung die Abfahrt nach Sindringen. In der Abfahrt kommen uns einige Radfahrer entgegen, mit denen wir nicht hätten tauschen mögen. Leider kommt uns kurz darauf auf vier Kilometern Länge das Werk eines Radweg-Gestalters unter, der meinte, es wäre romantischer, wenn man den Weg aus zwei schmalen Reihen grober Betonplatten baute.

Jede Platte ist ca. 50 Zentimeter breit und etwa 1,50 Meter lang, zwischen den Reihen ein matschiger Boden und von rechts wächst 30 Zentimeter weit das Gras rein. Außerdem führt der Weg relativ steil bergab, so dass wir mit rund 30 km/h abwärts  brettern. Das ist so schon nicht ungefährlich, aber wenn dann an einigen Stellen entweder gar keine Platten mehr liegen oder der Matsch tief in den Ecken steht, dann kann man sich beim oben erwähnten Herrgott bedanken, wenn man heil unten angekommen ist.

Als der Weg dann endlich wieder diesen Namen verdient, ist er gesperrt. Wir sehen, dass die Sperrung auf der anderen Seite nur etwa einhundertfünfzig Meter entfernt ist, aber da kommt ein anderes Paar rechts aus dem Wald und sagt, dass man unbedingt die Umleitung nehmen müsse. Und wir Deppen hören auf sie!

Besagte Umleitung führt auf fast drei Kilometern über einen matschigen, glitschigen und in weiten Teilen steilen Waldweg. Am Ende kommen wir tatsächlich an der Stelle raus, die wir von der anderen Seite gesehen hatten. Von rechts kommt ein Rennradfahrer, der nach eigenem Bekunden zwei- bis dreimal die Woche durch die gesperrte Passage fährt.

Vorsicht, Steinschlag

Er meint, dass anfangs ein großer Stein auf dem Radweg lag, den man umfahren musste. Wir gehen im Nachhinein davon aus, dass die zuständige Behörde den Weg wegen vermeintlicher Steinschlaggefahr sperren musste. Eventuell haben wir den Verantwortlichen heute sogar im Wald gesehen: An einer Stelle stand ein Mann, der sich nicht bewegte und uns nur beim Befahren des matschigen Untergrundes beobachtete. Vielleicht haben die latenten Schuldgefühle ihn zurück an den Ort seines Verbrechens geführt.

Der Rennradfahrer streut zum Abschied noch ein bisschen Salz in unsere Wunde: „Und da seid ihr wirklich durch den Wald gefahren?“

Nach Neuenstadt ist es nicht mehr weit. Wir wollen vorher noch ein Eis essen, aber ein Radfahrer, den wir fragen, sagt, der beste Eissalon ist in Neuenstadt gleich hinter dem Stadttor. So kommen wir zum Eiscafé Italia und stellen fest, dass es nirgendwo einen Platz gibt, an dem unsere vollbepackten Räder gut aufgehoben sind.

Ich nehme also mein Rad mit zum Eis-Schalter. Der junge Mann hat kein Auge für mich, er füllt zwei Eisbecher für die Terrasse. Aber die Chefin schaut von hinten und nickt mir freundlich zu. Bevor ich nachdenken kann, höre ich mich laut „Buongiorno, Signora“ sagen. Da geht ein Ruck durchs gesamte Personal. Der junge Mann stellt die Eisbecher weg, lächelt mich an und sagt: „Allora?“, ich breche das italienische Rad und erkläre unser Problem. „Non c'è problema,“ sagt er und schlägt vor, dass wir unsere Räder hinten auf die leere Terrasse stellen.

Das machen wir gerne, suchen uns einen Tisch in der Nähe und bestellen, was das Zeug hält. Das Eis ist sehr gut, der Caffè auch. Am Ende kommen alle nochmal vorbei und fragen, ob alles in Ordnung war. Wir haben gelernt, dass drei Jahre Duolingo sich lohnen.

Sommerabend am Bahnhof in Neuenstadt

Nach dem Eis fahren wir ins Hotel, dem ehemaligen Bahnhof von Neuenstadt, wo um 16:00 Uhr niemand auf uns wartet. Ein Angestellter gibt sich vor der Tür als solcher zu erkennen, er aktiviert einen anderen Menschen drinnen. Dieser kommt raus, erklärt uns, was wir falsch gemacht haben, und verschwindet wieder. Da schlägt die Gattin vor, dass wir auf den Tischen draußen einfach unser Büro eröffnen und die anstehenden Tätigkeiten – Bilder, Texte, Daten – angehen sollten.

Kurz nachdem wir komplett arbeitsfähig sind, kommt besagter Mensch wieder aus dem Haus – er hat alles für uns erledigt. Wir bleiben trotzdem noch kurz sitzen und sprechen mit der Kellnerin, die um halb fünf ihren Job beginnt. Danach schließen wir unsere Räder am Haus ans Stromnetz an und gehen auf unser Zimmer.

Dusche, Pause, Abendessen um halb acht. Zwei Hamburger, vier Weißbier, zwei Desserts. Beim Entstöpseln der Stromzufuhr kommen wir noch mit einem ca. Vierzigjährigen ins Gespräch, der etwa 130–140 Kilometer am Tag fährt, weil er „nicht so viel Zeit hat.“

Wir schaffen die Hälfte davon in der ersten Hälfte des Tages und brauchen die zweite Hälfte, um die erste zu verarbeiten.

Wir schlängeln uns an Tauber, Jagst und Kochr

Mittwoch, 20. Mai 2026

Frühlinkserwachen 2026 | 20. Mai 2026 – Landschaft! Landschaft!! Toll!!!

„Ich will hier raus!“

Präambel
Vor einem Jahr sind wir am 20. Mai in Richtung Korsika und Sardinien aufgebrochen. Weil wir das schon lange mal machen wollten. Weil Madame eine Hüft-OP vor sich hatte und Ablenkung gebrauchen konnte.

Nachdem auf der rechten Seite alles gut gelaufen ist, steht in diesem August die linke Seite an. Und weil der Test in den Ardennen gut verlaufen ist und wir schon lange wieder mal mit den Rädern nach Frankreich wollten, s.o.

Und hier geht's los

Nach unruhiger Nacht und früher Leerung der Mülltonnen ist das Aufstehen um sieben Uhr kein wirkliches Problem. Wir haben alles gut vorbereitet, nach dem Frühstück gibt's noch ein bisschen was im Haushalt zu machen, die nächste Stunde gehört dem Packen. Abfahrt um 9:25 Uhr.

Dreilagig bekleidet geht's zunächst an den Main. Die Räder laufen perfekt, wir müssen uns nur wieder an das Fahren mit Gepäck gewöhnen. Das hatten wir schon lange nicht mehr.

Schöner Anblick, heftiger Wind

Die Strecke ist gut bekannt, nach 35 Kilometern biegen wir in Ochsenfurt ab auf den Gauahnradweg. Der Regen in der letzten Nacht hat die Schnecken auf den Weg gelockt, sie schleimen sich in allen Größen, Farben und Formen von links nach rechts und umgekehrt.

Der Weg führt uns auf ein Plateau, auf dem wir links über weite Felder und sanfte Hügel in allerlei Schattierungen von Grün und Gelb schauen. Am Horizont dreht der Wind die gleichnamigen Räder, rechts stehen die Masten, durch deren Leitungen die frisch gewonnene Energie ins Netz strömt. Immer wieder fahren wir durch Schwärme von Millionen winziger Fliegen.

Das ist grüne Romantik, die Gattin ist begeistert.

Nachdem wir unseren Stromverbrauch am Anfang gering gehalten und nur das zusätzliche Gewicht kompensiert hatten, schalten wir unseren Anschieber jetzt mal hoch. Der Radweg ist zwar weniger steil als erwartet, aber der Wind weht so stark, dass wir kaum vorwärtskommen. Aufwärts strebende Vögel werden von ihm zu Boden gedrückt. Sie prallen unsanft auf, rollen irgendwie über den Asphalt und schaffen es kaum, wieder in die Luft zu kommen.

Mittagspause im Blütenmeer

Kurz vor Sonderhofen kommt uns eine junge, hochmotivierte Radreisende entgegen, kurz darauf sehen wir einen kleinen Reinigungswagen, der die Kante des Radwegs mit großen, blauen Bürsten von Unkraut säubert. Und gleich darauf klärt uns ein Schild darüber auf, das wenigstens im Winter nicht gestreut und geräumt wird. Gegen zwölf halten wir am Rastplatz bei Sonderhofen. Es ist windig, aber ein ganz schöner Platz, übersät von Blütenblättern.

Nach dem Essen ist vor der Kaffeepause, Die machen wir in Röttingen beim Bäcker Roth. Nach dem Abstellen der Räder gehe ich über einen kleinen Platz zum Eingang der Bäckerei, da passiert mich haarscharf der alte Mann, der nicht weiß, dass man klingeln kann. Auf meinen Hinweis meint er: „Ich pass' schon auf.“

Nur wenige Radumdrehungen von der Buttercreme entfernt

Die Buttercreme ist cremig, sonst nichts. Der Kaffee ist okay. Der Käsekuchen ist wohl auch nicht schlecht. Ich höre zumindest keine Beschwerden.

Nicht weit von Röttingen führt in Tauberrettersheim die Balthasar-Neumann-Brücke über die Tauber. Während die Gattin sie von allen Seiten abfotografiert, fragt mich ein anderer Radreisender mit Gattin, wo es nach Rothenburg geht. Ich weiß es auch nicht, bemühe aber gerne Komoot für ihn. Nachdem ich den Weg für ihn rausgesucht habe, sagt er, dass seine Frau das mit diesem Komoot auch hätte. Warum fährt er ihr nicht einfach hinterher?

Was vom Hochwasser von 1732 geblieben ist

Kurz vor Weikersheim erwischt uns der für heute angesagte und bisher nicht gefallene Regen doch. Schräg gegenüber einer riesigen Halle der Firma Sport Schaller finden wir unter dem Vordach einer Spedition Schutz. Nach zehn Minuten ist die schwarze Wolke durch.

Taufe

Um Viertel vor drei erreichen wir unser Hotel, auf den ersten Blick hat es sich nicht verändert. Wir schließen die Akkus an und die Räder ab, gehen wieder lange Wege auf unser Zimmer und dort in die Dusche. Danach eine Stunde Pause, wir haben ja nicht viel Zeit – ab halb sechs gibt es Abendessen.

Wir kümmern uns vor dem Essen noch um unsere Akkus. Deshalb kommen wir etwas später, und die Hütte ist rappelvoll. Ein Keller teilt uns einen Tisch zu, wir ordern Wildschweingulasch mit Pilzen und Spätzle. Die eine trinkt ein Pils dazu, der andere zwei Weißbier.

Das Essen ist viel besser als vor zwei Jahren. Der Kellner ist leider derselbe. Deshalb wird es auch nichts mit dem Nachtisch. Er bringt zwar die Karte, kommt dann aber nicht mehr wieder. Wir gehen.

Einmal quer durchs Frankenland, bitte

Dienstag, 19. Mai 2026

La Coupe de France | 10. Mai 2026, Spiegelei zum Muttertag

Notre-Dame nach dem Frühstück

Zum Abschied zeigen sich die amerikanischen Gäste nochmal von ihrer besten Seite.

Einer nuschelt auf die Frage nach der Zimmernummer: „Two-O-Nine“. Die Fragerin versteht „Two or nine“, aber die Zimmernummer gibt's im Hause nicht. Die Frau neben uns sitzt auf ihrem Stuhl, spricht mit den Tischnachbarn und presst dabei ihre Knie, ihre Hände und ihre Füße so fest zusammen, dass die Handflächen zittern. Und einen Tisch weiter sitzt ein Amerikaner im Holzfällerhemd.

Was treibt diese Menschen nach Europa bzw. nach Reims? Sie können ja nicht mal den Champagner mit nach Hause nehmen.

Ansonsten ist das Frühstück relativ schwach. Nur das Spiegelei, die Crêpe und der Apfelkuchen waren wirklich gut. Wir holen erstmal unser Auto, fahren ein Stück gegen die Einbahnstraße und parken wieder vorschriftswidrig. Es regnet, da wird keiner kontrollieren kommen.

Der Austernstand gegenüber dem Hotel hat um 9:40 Uhr schon wieder geöffnet. Die Stühle stehen draußen, die Kundschaft kommt wahrscheinlich erst ab elf. Die Suche nach einem Bäcker ist zuerst mal erfolglos. Wir machen eine kleine Stadtrundfahrt durch gesperrte Zonen und sehen unterwegs die schönsten Häuser, Paläste und Plätze der Stadt. Ob wir allerdings wirklich überall dort fahren dürfen, wo wir fahren, darf bezweifelt werden.

In der Nähe des Hôtel de Ville werden wir fündig. Die Boulangerie Paintagruélique sieht sehr einladend aus, die Gattin kommt erst nach einiger Zeit, dafür gut bepackt wieder zum Auto.

Die Autobahn ist leer. Die erste Rastplatz heißt Aire de l’espère, das gibt uns Hoffnung. Nach der Autobahnauffahrt übernimmt der Tempomat, deutlich hinter Verdun gibt es den ersten Grund, zu bremsen: Wir möchten an einem Halteplatz rausfahren.

Kurz nach 17 Uhr stehen wir auch wieder mal an einer Tankstelle. Die letzte Füllung in Brügge hat uns knapp 850 Kilometer weit gebracht. Zu Hause packen wir schön aus und versuchen langsam, auch im Kopf anzukommen.

Montag, 18. Mai 2026

La Coupe de France | 9. Mai 2026, Reims ins Vergnügen

À l'extérieur

Heute heißt es Abschied nehmen. Vom Hotelfrühstück, von Belgien, von den netten Menschen an der Rezeption, die sich viel Mühe mit uns gegeben haben. Und von Brügge, natürlich.

Wir fahren erstmal tanken, denn in Belgien kostet der Sprit nur rund 1,80 pro Liter. Wir fragen uns, wie die das machen und fahren auf der E403 in Richtung Roubaix. Das geht anfangs nicht schlecht, aber bei der Passage durch Lille erleben wir dann, wie es sich anfühlt, wenn der Franzose Ernst macht mit dem Autofahren. Es gibt kaum ein Durchkommen.

Beim Passieren des Stade Pierre Mauroy, das heute Decathlon Arena heißt, denken wir kurz daran, dass sich in Lille (flämisch Rysel) heute der Stammsitz und das Entwicklungszentrum der Decathlon-Fahrradmarke Van Rysel befinden. Das sind die Räder, mit denen wir im letzten Jahr vor Korsika, auf Korsika und nach Korsika diese nichtendenwollenden Probleme hatten.

Aber das ist vorbei, und wir wollen nicht abschweifen.

Summer in the city

Unser erstes Ziel heißt heute Saint-Quentin. Nicht das durch Johnny Cash und verschiedene Filme bekannte, amerikanische Gefängnis, sondern eine Stadt mit einem Auchan-Hypermarché in direkter Autobahnnähe.

Für unsere Verhältnisse kaufen wir wenig bei Auchan ein. Vielleicht liegt es daran, dass wir durch die Tage vorher gedanklich noch etwas okkupiert und nicht in der richtigen Stimmung sind. Oder daran, dass wir nicht besonders viel brauchen, weil wir in zehn Tagen unsere nächste Radreise starten.

Also geht es gleich weiter in Richtung Reims, der Hauptstadt der Champagne, am frühen Nachmittag sind wir da. Unser Hotel liegt am Rande der Altstadt und verspricht Blick auf die Kathedrale, da sind wir mal gespannt. Wir parken vorschriftswidrig auf dem Bürgersteig vor dem Hotel, die Tiefgarage ist bereits ausgebucht.

Nach dem Ausladen und Einzimmern fahren wir ins nächstliegende Parkhaus, dann geht's in die Stadt.

Fontaine de la Solidarité

Es ist Samstag, die Sonne strahlt, die Straßen sind voller Menschen. Mit jeder Kreuzung, die uns näher an die Kathedrale führt, steigt der Feier- und Freudenpegel. Erster Höhepunkt ist die von Bäumen gesäumte Place Drouet d'Erlon. Hier sitzen alle draußen, viele Mädels sind nur notdürftig bekleidet, viele Menschen führen ihre Hunde spazieren – die Luft vibriert.

Außerdem erwartet uns ein kalabrischer Markt mit zehn Ständen, die von Wurst und Käse über Olivenöl und Kunsthandwerk ein breites Spektrum kalabrischer Errungenschaften anbieten. Das Schönste: Die venditori sprechen alle Italienisch, und sie können nicht weglaufen.

L'important c'est la Westrose

An der Fontaine de la Solidarité biegen wir links ab, dann rechts an der Rue de Tallyerand, und schon steht sie vor uns bzw. wir vor ihr: Notre-Dame de Reims. Hier verlangen Gottes Stellvertreter auf Erden keinen Eintritt, sie bitten nur auf einem großen Banner vor dem Eingang um Spenden bzw. die Übernahme einer steuerbegünstigten Patenschaft. Zwei Drittel der Gabe werden vom französischen Finanzminister anerkannt.

Die Kathedrale ist riesig, gut besucht und in einem überraschend guten Zustand. Innen wie außen sind weite Teile des Steins aufgearbeitet oder ersetzt, kein Gerüst versperrt die Sicht. Irgendwie scheint die Strategie der Verantwortlichen aufzugehen.

Wir schauen uns alles schön an, gehen dann einmal um den Block und kommen wieder dort raus, wo die Menschen in Gruppen in der Sonne vor Bars sitzen und das konsumieren, wofür die Region bekannt ist. Die Gattin erwirbt auf den letzten Metern vor dem Hotel noch eine Bluse, da kann sie die Erinnerung noch lange mit sich herumtragen.

À l'intérieur

Für den Abend haben wir einen Tisch bei Condo reserviert, wo der Champagner nicht mehr kostet als der Wein. Auf dem Weg über die Terrasse kommen wir an sieben fröhlichen US-Mädels vorbei, für die der schwache Dollar offenbar kein Problem darstellt. In den ersten 20 Minuten, die wir an unserem Tisch sitzen, putzen sie vier Flaschen weg, danach lässt das Tempo etwas nach.

Wir haben sehr gut gegessen und eine sehr gute Cuvée von Rémi Lorey getrunken. Wären wir gestern nicht in Brügge bei Bernard gewesen, ...

Zum Abschluss des Tages, der Reise usw. prüfen wir schnell noch nach, ob das mit dem Blick auf die Kathedrale wirklich stimmt. Und tatsächlich, von der Dachterrasse im 7. Stock sehen wir die strahlende Kirche in nicht allzu weiter Ferne. Da könnte man ja glatt noch zwei Coupe zum Schauen nehmen.

Auch im Zimmer nehmen wir noch lange am Nachtleben teil. Draußen ist es laut bis zum Morgengrauen.

Über den Dächern von Reims

Sonntag, 17. Mai 2026

Brüggen-Tage im Mai | 8. Mai 2026, Mijn vlakke land*

Windrad, vintage

Im Hotel frühstückt neuerdings eine Gruppe Amerikanerinnen mit uns; die Damen sind verhaltensauffällig. Eine sprach gestern die Gattin an, als wir gerade unsere Räder in der Gepäckaufbewahrung platziert hatten. Was sie wollte, blieb unklar.

Heute sind die Kaffeemaschinen etwas zickig, was auf dem Display sehr klar zu sehen ist. Eine der Damen ignoriert den Hinweis in ihrer Muttersprache, drückt mehrfach auf den Bildschirm, schaut empört und geht rüber zu der anderen Maschine. Dort erwartet sie eine identische Situation und sie geht genauso damit um.

Zwei andere Damen haben sich an einem Sechser-Tisch niedergelassen. Eine auf der linke äußeren Ecke, die andere quer gegenüber. Sie breiten ihr Leben aus. Alle dürfen mitfiebern.

Wir machen, dass wir aus dem Haus kommen. Zuerst geht's zum Kurbelreparateur, dann auf eine kleine Runde in Richtung Malegem und zurück.

Noorwäärts am Noorweegse-Kaai

Der kleine Fietsenwinkel ist mehr Verleih als Werkstatt, aber der Kollege vor Ort kennt sich aus. Er sieht das Problem, holt das passende Werkzeug und wundert sich dann, dass die feine Campagnolo-Gruppe mit der 105er Kurbel von Shimano funktioniert – so was hätt's früher nicht gegeben. Wo er recht hat, ...

Die Justage kostet fünf Euro, wir verlassen Brügge am Kruispoort, fahren entlang des Kanals in nördlicher Richtung und biegen an dessen Ende rechts auf den Noorweegse-Kaai ab (das hat doch bestimmt was mit KI zu tun?!). Wir folgen dem Kanal bis De Siphon, fahren erneut rechts und erreichen pünktlich zum Mittagskaffee Maldegem.

Einen Italiener mit richtigem Caffè finden wir auf die Schnelle nicht, deshalb parken wir bei der Bakkerij Vanhamel. Die Gattin setzt sich und bewacht die Räder, der Gatte tritt ein und trifft auf die sehr aufgeschlossene Frau Van Hamel.

Die Flamen können Kanäle, die Flamen können Radwege

Sie fragt, woher und wohin und scheint einen Narren an Deutschland gefressen zu haben. Ihr Mann und sie fahren einmal im Jahr in eine deutsche Stadt und bleiben dort ein paar Tage. Zuletzt waren sie in Heidelberg. Als ich sage, dass wir dort in Kürze auch sein werden, gibt es kein Halten mehr.

Direkt an der Heiliggeistkirche haben sie diesen Italiener entdeckt, den sie so gut fanden, dass sie ihn jeden Abend heimsuchten. Da müssten wir unbedingt hingehen. Und sie meint es ernst: Als ich mit Kaffee und Backwerk draußen ankomme und davon erzählen will, kommt sie mit ihrem Telefon aus der Tür gespritzt und zeigt uns begeistert Fotos vom Tatort.

Meentest du das Gemeenthuis?

Wir werden ihr ein Bild schicken, wenn wir dort sind.

Jetzt fahren wir erstmal weiter in den Süden über Zeldonk und Lange Donk an den Kanaal Gent-Brugge, der uns über Wellingstraat zurück nach Brügge leitet. Habe ich schon verraten, dass die reparierte Kurbel einwandfrei ihren Dienst tut?

Letzte Rechtskurve vor Brügge

Wir waren heute früh dran, deshalb sind wir auch recht früh wieder zurück. Im Hotel laden wir die Räder wieder ins Auto, widmen uns der Körperpflege und machen Pause. Anschließend bereiten wir das Packen vor und gehen zum letzten Mal durch Brügges belebte Gassen.

Unser Weg führt uns in das kleine Restaurant, in dem wir gestern auf dem Heimweg einen Tisch reserviert hatten. Bis auf zwei Tische sind alle besetzt. Es ist Freitagabend, da gibt es entweder drei oder fünf Gänge. Wir nehmen alles, was es gibt, plus alkoholische Getränke.

Und was, bitte, gibt es?

Diese Langustine ist nicht umsonst gestorben

Seebarsch mit Avocado, einen offenen Ravioli mit Garnelen-Füllung, eine Langustine mit Gurke, Entenbrust mit Spargel und zum guten Schluss Rharbarber-Crumble mit Hibiskus. Wir haben lange nicht mehr so gut gegessen.

Zum Ende des Abends traut sich der junge Mann am Nachbartisch endlich, den Arm seiner Begleiterin zu streicheln. Jetzt können wir beruhigt zurück ins Hotel gehen. 

Eine schöne, nicht ganz runde Runde


* Weil man in der Überschrift keinen link einbauen kann, gibt's ihn hier:
https://www.youtube.com/watch?v=F6vSjSUbSS0

Brüggen-Tage im Mai | 7. Mai 2026, Knokke und Konsorten

Schönes Belgien auf dem Weg an die Küste

Nach dem vielen Sitzen während der letzten beiden Tage, machen wir heute mal was Vernünftiges: Wir setzen uns aufs Rad.

Die Küste ist nicht weit, es geht in Richtung Knokke. Komoot führt uns in nordöstlicher Richtung durchs ländliche Umland. Die Route ist so platt wie ein Tisch – auf knapp 80 Kilometern Strecke erreichen wir gerade mal 140 Höhenmeter.

Zunächst geht es durch Dudzele, eine der ältesten bewohnten Siedlungen nördlich von Brügge. Auf den gut ausgebauten und, siehe oben, flachen Asphaltwegen sind wir nicht allein mit den Rädern unterwegs. Irgendwann kommt uns eine achtköpfige Gruppe ambitionierter Senioren auf Rennrädern entgegen. Auf mein „Allez, allez, allez!“ schallt uns die gleichlautende Entgegnung eines soliden Männerchors entgegen.

Kein Warnsignal, nur ein Ortsschild

Nach etwas mehr als einer Stunde gemütlichen Rasens durch schöne Landschaft erreichen wir den Oostwinkel von Knokke-Heist. Es ist gräßlich.

Acht- bis zehngeschossige Kästen säumen in Zweierreihen die Küste bzw. die dahinter verlaufende Hauptstraße. Der darauf folgende Sandstrand ist mit Badehäusern, Bootsverleih und sonstigen Touristen-Melkmaschinen übersät. Menschen sieht man nur wenige und alle in ziemlich dicken Jacken. Es ist einfach zu kalt und zu windig.

Hier kann man im Urlaub tatsächlich noch was lernen

Weiter geht es durch Seebrügge und das Knokke in nichts nachstehende Blankenberge. Kurz darauf kommen wir durch De Haan, das von ansehnlichen Einfamilienhäusern und Villen dominiert wird. Hier haben sich diejenigen niedergelassen, die den Strand und die Seeluft schätzen und es sich leisten konnten, dem Rest der Meute auszuweichen.

Wem sie nicht ausweichen konnten: dem Zünsler. Auf der rechten Seite des Radwegs sind die ehemals sicher ansehnlichen Buchsbaum-Bestände auf schier endloser Strecke vom Netz der treusorgenden Zünsler-Eltern zum Schutz des Nachwuchses überzogen. Das sieht ziemlich traurig aus.

Kurz hinter Bredene umfahren wir das Fort Napoleon, drehen kurz vor Oostende um und fahren durch kontinuierlich schöner werdende Landschaft auf Radwegen entlang eines Kanals in westlicher Richtung zurück nach Brügge.

Freier Strand vor Bredene

Wenige Kilometer vor der Stadt habe ich das Gefühl, das mein linker Schuh im Pedal „schwimmt“. Zuerst denke ich, das meine Cleats wohl schon ziemlich abgeschliffen sind (was nicht ganz falsch ist), dann sehe ich, dass sich auf der linke Seite die Kurbel vom Lager gelöst hat.

Ich schaue mir das Problem an, habe sowas noch nie gesehen und deshalb keine Lösung. Aber es gibt ja EU-Roaming, so dass ich den Mann anrufen kann, der den aktuellen Stand der Technik verbaut hat. Er wundert sich, gibt aber Entwarnung. Gelöst habe sich nur das Plastikteil, das die Kurbel an den Rahmen zieht, das kann man mit einfachen Mitteln wieder in die richtige Position bringen. Danach muss man die Schrauben, die die Kurbel am Vierkant halten, kräftig nachziehen.

Ich stelle fest, dass besagte Schrauben sehr locker sind und drehe das Plastikteil so weit rein, wie ohne passendes Spezialwerkzeug möglich. Danach ziehe ich die Schrauben sehr fest an.

Noch schöner wär's, wenn die Kurbel fest säße

Zur Entstehung des Problems haben wir eine einfache und schlüssige Idee. Unser Techniker wollte anstelle der 105er von Shimano eigentlich die Campagnolo-Kurbel verbauen, die zur Schaltung gehört. Das ließ aber der Mahle-Sensor im Tretlager nicht zu. Weil unser Mann auf eine Lösung von Mahle wartete, schraubt er die Kurbel nur locker zusammen, so dass sie sich auf dem Kopfsteinpflaster-Passagen in den Ardennen langsam lösen konnte.

Für morgen früh kann ich nachher einen Werkstatt-Termin vereinbaren.

Abends landen wir heute beim Ägypter. Er sieht erstmal gar nicht so aus und bietet auch alle typisch belgischen Gerichte, aber die gute Küche und der „Is'-mir-doch-egal“-Service sind fest in ägyptischer Hand. Madame nimmt de halve Kip, Monsieur de Mosselen witte wijn. Beides macht sich sehr gut, auf die Motivation des Kellners hat das keinen Einfluss.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an einem Restaurant vorbei, in dem wir lieber gegessen hätten. Es ist leer, die Tür ist noch offen, wir reservieren für morgen.

Sehr schöne Runde, bis auf die Küste

Brüggen-Tage im Mai | 6. Mai 2026, Glaube hat seinen Preis

Grote Markt, Stadthuis, Brabofontein, Hand werpen

Das Frühstück bei Novotels ist nicht schlecht, aber kein Vergleich zu Angebot und Qualität in Brügge. Wir haben das Gefühl, dass bei praktisch jeder Position der Rotstift angesetzt wurde: billige Pseudo-Säfte, bröckeliges Rührei, völlig verfetteter Speck, kaum Kuchen ... naja.

Nach dem Schock von gestern wollen wir aber nicht meckern, sondern uns heute mit einem weiteren Kleinod Belgiens befassen. Wir fahren nach Antwerpen. Das machen wir auf der E34, die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden.

Wir sind, wie üblich, völlig unvorbereitet. Die Stadt macht en passant einen wohlhabenden Eindruck, wir parken bei der ehemaligen Handelsbörse, in der heute nicht mehr gehandelt, sondern auf hohem Niveau gefeiert wird. Wir schlendern durch die Innenstadt, kommen an einem Plattenladen vorbei, der die ganzen alten Dinger von 1960 bis 1970 für zwei Euro verkauft. Im Schaufenster nebenan weist ein Schild darauf hin, dass – Covid lässt grüßen – maximal 49 Personen gleichzeitig im Laden sein dürfen.

Open-Air-Museum der niederländischen Renaissance

Die Gässchen sind schmal, die Häuser sensationell. Auch hier ist jeder Quadratzentimeter Pflaster mit irgendwelchen Restaurants und Tischen und Markisen und Sonnenschirmen und Bänken für Touristen und Läden mit Tourischeiß vollgestellt. Die Seele labt sich am zarten Geläut, das von der Kathedrale herüberweht.

Als wir sie erreichen, stellen wir fest, dass die Kirche mit ihrem wunderschönen Geläut nicht die Gläubigen, sondern die Zahlungskräftigen und -willigen erreichen möchte. Gottes Stellvertreter in Antwerpen verlangen zwölf Euro Eintritt von jedem Gotteskind, das hier den Austausch mit seinem Schöpfer sucht. Wie sagte schon Hiob: „Ich hab's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Auch in Antwerpen lassen sich nicht besonders gut aussehende Frauen von ihren Insta-Aufnahmeleitern fotografieren. Eine schüttelt vorher nochmal lasziv die Haare, und dann muss er ihr das Bild zur Freigabe bringen. Sie steht tatsächlich nicht mal von der Bank auf, um ihm einen Schritt entgegenzugehen.

Ave Antwerpen, morituri te salutant

Wir gehen vom Großen Markt zum Steenplein, direkt an der Schelde. Oben steht in seiner Mitte Minerva, die Göttin des Automobils, ihre Skulptur hat der belgische Automobilclub zur Erinnerung an Sylvain de Jong dort aufstellen lassen. Das sieht alles sehr bedenklich aus.

In nördlicher und südlicher Richtung schließt jeweils eine Flaniermeile an. Wenige Meter entfernt steht in der einen Richtung Het Steen, eine zweifelhafte „Nachempfindung“ des ehemals ältesten Gebäudes Antwerpens. Heute dient es nicht mehr der Verteidigung, sondern als Museum, Kreuzfahrtterminal und, nach Aussage des Tourismusbüros, „absoluter Hotspot für alle Antwerpen-Besucher“. In der anderen Richtung säumen Logistikzentren das Ufer. Es gibt also doch nicht nur Touristen hier.

Wir gehen weiter durch die gut besuchten Straßen, fragen eine ältere Einheimische, ob die Außen-Gastronomie schon lange derart das Stadtbild dominiert. Sie lebt leider erst seit zehn Jahren in der Stadt und kennt sie nicht anders. So ziehen wir staunend weiter und besuchen zwecks Biopause ein feines Teehaus, in dem wir zwei Cappucci trinken.

Auch in Brügge führen alle Wege zu Gott

Google führt uns über breite Einkaufsboulevards zurück zum Parkhaus, es geht auf gleicher Strecke zurück, und in Brügge hat sich über den Tag auch nicht viel verändert.

Nach kurzer Pause ruft das Abendessen, das wir heute bei Pietje Pek einnehmen. Das Lokal ist sehr gut besucht, aber peu à peu stellen wir fest, dass es sich wohl um eine größere amerikanische Touristenrotte handelt, die in Vierergruppen die Tische besetzt hat. Sie essen die üblichen belgischen Spezialitäten, obwohl die Karte auch vieles bietet, was beim südlichen Nachbarn gern auf den Tisch kommt: Kikkerbillen, Oesters und Halve kreeft.

Schräge Sonne auf sehr schrägen Häusern

Der Service ist sehr professionell, die Chefin bügelt routiniert die Fehler ihrer Mitarbeiter aus. Wir nehmen zwei Keuzemenüs, einen Liter Wasser für elf Euro und eine Flasche Cava. Der Espresso am Schluss schlägt mit unverschämten 4,70 zu Buche.

Da machen wir, dass wir schnell zurück ins Hotel kommen.

Freitag, 15. Mai 2026

Brüggen-Tage im Mai | 5. Mai 2026, Mon Dieu!

Brügge rief und alle kommen

Der Mai ist der Monat der Brüggen-Tage. Das war schon immer so, das muss man ernst nehmen. Deshalb hängen wir an die vier Tage in Liège noch vier weitere in Brügge dran. Da wollten wir immer schon mal hin, umso mehr, nachdem wir diesen Film gesehen hatten.

Obwohl das gar nicht sooo weit ist, stehen wir schon wieder früh auf. Zum einen will der Junior noch ein paar Höhenmeter von Liège–Bastogne–Liège abfahren, zum anderen wollen wir noch ein bisschen was von Brügge sehen.

Es kommt anders.

Ein Teil der großen belgischen Trilogie: Schokolade, Bier und Fritten

Nach erfolgreicher Verabschiedung ereilt uns nach ca. 30 Minuten ein Anruf: „Ihr habt leider vergessen, den Sattel mit in den Twingo zu laden.“ Das ist natürlich falsch, denn mit 38 Jahren ist jeder ist für die Vollständigkeit seiner Siebensachen selbst verantwortlich, trotzdem bitten wir um Zusendung des Standortes, um das gute Stück nachzureichen. Wir sind gerade mit dem Packen fertig und wollen dem jungen Mann nicht den Tag verderben.

Während er La Redoute schon mal ohne Sattel hochfährt, brettern wir auf der E25 nach Remouchans, finden ihn nach kurzer Rücksprache am Auto und wünschen nochmal gute Fahrt.

Wir selbst besuchen den örtlichen Carrefour, um mal zu schauen, was der Belgier so im Supermarkt findet. Wir erstehen zwei kleine runde Dinger mit Tomate und Oliven, die sich beim Verzehr als nicht besonders toll erweisen. Außerdem eine Flasche belgischen Apéritifs mit dem viel versprechenden Namen Extrait de SPA, den wir zu Hause probieren werden.

Alle Fiesen fahren Fietsen, bis sie platzen

Und dann stehen da die Regale mit der Schokolade. Die Hersteller sind uns fremd, ich frage also zwei Spezialistinnen von ca. 10 bis 12 Jahren, welche sie empfehlen können. Sofort hängt sich die Mutter rein und meint, Galler sei die beste. Ob des Preises stehen wir weiter unschlüssig vor dem Regal, da tritt ein Mann an uns heran. Er stellt sich auf Englisch als Sohn der Gegend vor, der nach Kanada ausgewandert und aktuell auf Heimaturlaub ist.

Dann bestätigt er, das Galler tatsächlich die beste ist. Und er sagt, dass es direkt neben der Fabrik in Chaudfontaine einen Laden dieses Herstellers gibt, wo man alle Sorten probieren und zu sehr viel günstigeren Konditionen erwerben kann.

Gut, da kommen wir auf unserem weiteren Weg sowieso vorbei, da fahren wir mal raus. „Enjoy the choclate,“ sagt er zum Abschied.

Unter den Brüggen das Wasser

Chaudfontaine ist ein trauriges Stück Belgien. Wenn ich dort jeden Morgen aus dem Haus gehen und das Elend rundum sehen müsste und dann am Abend wieder heimkäme und sich nichts geändert hätte, dann würde ich wahrscheinlich die belgische AfD wählen.

So fahren wir beklommen durch die Straßen, erreichen das kleine, unauffällige Lädchen und gehen mal rein. Die Dame des Hauses freut sich über unseren Besuch, sie lädt uns zum Probieren ein und weist auf die aktuellen Angebote hin. Die Schokolade ist super. Es gibt noch viel Osterzeug, aber das brauchen wir nicht, da waren wir neulich schon in Italien erfolgreich. Jetzt kaufen wir zehn Tafeln zum Preis von sieben, wobei der hier gültige, „reguläre“ Preis pro Tafel fast einen Euro unter dem im Supermarkt liegt.

Gut versorgt geht's zurück auf die Autobahn und endlich in Richtung Brügge.

Stille Gassen abseits der strömenden Menge

Die E40 führt uns nach und durch Brüssel, wo riesige Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen (tolles Wort!) den Verkehr ausbremsen. Von der Stadt sieht man wenig, gegen 16 Uhr erreichen wir unser Hotel.

Mit dem Auto kommt man nicht vors Haus, ich gehe also zu Fuß und lasse die Gattin im und mit dem Auto am Straßenrand zurück. Als ich guter Dinge zurückkomme, beschwert sie sich, dass man nirgendwo legal halten könne und das Auto wahrscheinlich schon von zwei Mitarbeitern des hiesigen Ordnungsamtes notiert worden sei. Mal sehen, wann die Anzeige kommt.

Wir wollen nicht jammern, sondern lieber was von Brügge sehen. Also packen wir zügig aus und machen uns gleich auf den Weg in die Stadt.

Sie trifft uns völlig unvorbereitet.

Brügge ist völlig überlaufen von Menschen wie uns. Durch jede Straße, jede Gasse und über jeden Platz schieben sich die Massen. Etwa die Hälfte der lokalen Geschäfte bietet Schokolade, Tand und Waffeln an. Vor der Kathedrale dreht eine Fünfundzwanzigjährige mit Hilfe ihrer Aufnahmeleiterin ein Tanzvideo für ihren Insta-feed. Das sieht nicht nur peinlich aus, das ist peinlich. Überall sieht man Einzelne und Gruppen mit Deppen-Zepter. Und rund um die Plätze wetteifern die Restaurants mit Tischen und Stühlen um Opfer.

Die Preise sind ambitioniert. Das berühmte belgische Bier kostet fünf bis sechs Euro pro 0,3-Liter-Dosis, Vorspeisen werden ab 20 Euro angeboten, Hauptspeisen für das Doppelte. Und abgesehen von Burgerbude, Thai und Italiener gibt es überall praktisch immer das Gleiche: Boulets, Rinder- oder Fisch-Stew, Croquettes mit Käse oder Shrimps oder Muscheln in vier verschiedenen Zubereitungen.

Wir gehen nochmal zurück ins Hotel, um uns vom ersten Schrecken zu erholen. Danach gehen wir zu Mozart, dem Restaurant, das auf Spareribs spezialisiert ist und konzeptionell an Bouillon-Chartier erinnert: Am Eingang bilden sich lange Schlangen, drinnen geht es schnell und routiniert zur Sache. Der Küchenchef erzählt am Ende des Abends stolz, dass seine kleine Brigade an guten Tagen etwa 700 Teller raushaut.

Wir wünschen eine gute Nacht.

Belgische Küche in rasanter Umgebung