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Sonntag, 17. Mai 2026

Brüggen-Tage im Mai | 8. Mai 2026, Mijn vlakke land

Windräder der Schande, schon immer und überall

Im Hotel frühstückt neuerdings eine Gruppe Amerikanerinnen mit uns; die Damen sind verhaltensauffällig. Eine sprach gestern die Gattin an, als wir gerade unsere Räder in der Gepäckaufbewahrung platziert hatten. Was sie wollte, blieb unklar.

Heute sind die Kaffeemaschinen etwas zickig, was auf dem Display sehr klar zu sehen ist. Eine der Damen ignoriert den Hinweis in ihrer Muttersprache, drückt mehrfach auf den Bildschirm, schaut empört und geht rüber zu der anderen Maschine. Dort erwartet sie eine identische Situation und sie geht genauso damit um.

Zwei andere Damen haben sich an einem Sechser-Tisch niedergelassen. Eine auf der linke äußeren Ecke, die andere quer gegenüber. Sie breiten ihr Leben aus. Alle dürfen mitfiebern.

Wir machen, dass wir aus dem Haus kommen. Zuerst geht's zum Kurbelreparateur, dann auf eine kleine Runde in Richtung Malegem und zurück.

Noorwäärts am Noorweegse-Kaai

Der kleine Fietsenwinkel ist mehr Verleih als Werkstatt, aber der Kollege vor Ort kennt sich aus. Er sieht das Problem, holt das passende Werkzeug und wundert sich dann, dass die feine Campagnolo-Gruppe mit der 105er Kurbel von Shimano funktioniert – so was hätt's früher nicht gegeben. Wo er recht hat, ...

Die Justage kostet fünf Euro, wir verlassen Brügge am Kruispoort, fahren entlang des Kanals in nördlicher Richtung und biegen an dessen Ende rechts auf den Noorweegse-Kaai ab (das hat doch bestimmt was mit KI zu tun?!). Wir folgen dem Kanal bis De Siphon, fahren erneut rechts und erreichen pünktlich zum Mittagskaffee Maldegem.

Einen Italiener mit richtigem Caffè finden wir auf die Schnelle nicht, deshalb parken wir bei der Bakkerij Vanhamel. Die Gattin setzt sich und bewacht die Räder, der Gatte tritt ein und trifft auf die sehr aufgeschlossene Frau Van Hamel.

Die Flamen können Kanäle, die Flamen können Radwege

Sie fragt, woher und wohin und scheint einen Narren an Deutschland gefressen zu haben. Ihr Mann und sie fahren einmal im Jahr in eine deutsche Stadt und bleiben dort ein paar Tage. Zuletzt waren sie in Heidelberg. Als ich sage, dass wir dort in Kürze auch sein werden, gibt es kein Halten mehr.

Direkt an der Heiliggeistkirche haben sie diesen Italiener entdeckt, den sie so gut fanden, dass sie ihn jeden Abend heimsuchten. Da müssten wir unbedingt hingehen. Und sie meint es ernst: Als ich mit Kaffee und Backwerk draußen ankomme und davon erzählen will, kommt sie mit ihrem Telefon aus der Tür gespritzt und zeigt uns begeistert Fotos vom Tatort.

Meentest du das Gemeenthuis?

Wir werden ihr ein Bild schicken, wenn wir dort sind.

Jetzt fahren wir erstmal weiter in den Süden über Zeldonk und Lange Donk an den Kanaal Gent-Brugge, der uns über Wellingstraat zurück nach Brügge leitet. Habe ich schon verraten, dass die reparierte Kurbel einwandfrei ihren Dienst tut?

Letzte Rechtskurve vor Brügge

Wir waren heute früh dran, deshalb sind wir auch recht früh wieder zurück. Im Hotel laden wir die Räder wieder ins Auto, widmen uns der Körperpflege und machen Pause. Anschließend bereiten wir das Packen vor und gehen zum letzten Mal durch Brügges belebte Gassen.

Unser Weg führt uns in das kleine Restaurant, in dem wir gestern auf dem Heimweg einen Tisch reserviert hatten. Bis auf zwei Tische sind alle besetzt. Es ist Freitagabend, da gibt es entweder drei oder fünf Gänge. Wir nehmen alles, was es gibt, plus alkoholische Getränke.

Und was, bitte, gibt es?

Diese Langustine ist nicht umsonst gestorben

Seebarsch mit Avocado, einen offenen Ravioli mit Garnelen-Füllung, eine Langustine mit Gurke, Entenbrust mit Spargel und zum guten Schluss Rharbarber-Crumble mit Hibiskus. Wir haben lange nicht mehr so gut gegessen.

Zum Ende des Abends traut sich der junge Mann am Nachbartisch endlich, die Hand seiner Begleiterin zu streicheln. Jetzt können wir beruhigt zurück ins Hotel gehen. 

Eine schöne, nicht ganz runde Runde

Brüggen-Tage im Mai | 7. Mai 2026, Knokke und Konsorten

Schönes Belgien auf dem Weg an die Küste

Nach dem vielen Sitzen während der letzten beiden Tage, machen wir heute mal was Vernünftiges: Wir setzen uns aufs Rad.

Die Küste ist nicht weit, es geht in Richtung Knokke. Komoot führt uns in nordöstlicher Richtung durchs ländliche Umland. Die Route ist so platt wie ein Tisch – auf knapp 80 Kilometern Strecke erreichen wir gerade mal 140 Höhenmeter.

Zunächst geht es durch Dudzele, eine der ältesten bewohnten Siedlungen nördlich von Brügge. Auf den gut ausgebauten und, siehe oben, flachen Asphaltwegen sind wir nicht allein mit den Rädern unterwegs. Irgendwann kommt uns eine achtköpfige Gruppe ambitionierter Senioren auf Rennrädern entgegen. Auf mein „Allez, allez, allez!“ schallt uns die gleichlautende Entgegnung eines soliden Männerchors entgegen.

Kein Warnsignal, nur ein Ortsschild

Nach etwas mehr als einer Stunde gemütlichen Rasens durch schöne Landschaft erreichen wir den Oostwinkel von Knokke-Heist. Es ist gräßlich.

Acht- bis zehngeschossige Kästen säumen in Zweierreihen die Küste bzw. die dahinter verlaufende Hauptstraße. Der darauf folgende Sandstrand ist mit Badehäusern, Bootsverleih und sonstigen Touristen-Melkmaschinen übersät. Menschen sieht man nur wenige und alle in ziemlich dicken Jacken. Es ist einfach zu kalt und zu windig.

Hier kann man im Urlaub tatsächlich noch was lernen

Weiter geht es durch Seebrügge und das Knokke in nichts nachstehende Blankenberge. Kurz darauf kommen wir durch De Haan, das von ansehnlichen Einfamilienhäusern und Villen dominiert wird. Hier haben sich diejenigen niedergelassen, die den Strand und die Seeluft schätzen und es sich leisten konnten, dem Rest der Meute auszuweichen.

Kurz hinter Bredene umfahren wir das Fort Napoleon, drehen kurz vor Oostende um und fahren durch kontinuierlich schöner werdende Landschaft auf Radwegen entlang eines Kanals in westlicher Richtung zurück nach Brügge.

Freier Strand vor Bredene

Wenige Kilometer vor der Stadt habe ich das Gefühl, das mein linker Schuh im Pedal „schwimmt“. Zuerst denke ich, das meine Cleats wohl schon ziemlich abgeschliffen sind (was nicht ganz falsch ist), dann sehe ich, dass sich auf der linke Seite die Kurbel vom Lager gelöst hat.

Ich schaue mir das Problem an, habe sowas noch nie gesehen und deshalb keine Lösung. Aber es gibt ja EU-Roaming, so dass ich den Mann anrufen kann, der den aktuellen Stand der Technik verbaut hat. Er wundert sich, gibt aber Entwarnung. Gelöst habe sich nur das Plastikteil, das die Kurbel an den Rahmen zieht, das kann man mit einfachen Mitteln wieder in die richtige Position bringen. Danach muss man die Schrauben, die die Kurbel am Vierkant halten, kräftig nachziehen.

Ich stelle fest, dass besagte Schrauben sehr locker sind und drehe das Plastikteil so weit rein, wie ohne passendes Spezialwerkzeug möglich. Danach ziehe ich die Schrauben sehr fest an.

Noch schöner wär's, wenn die Kurbel fest säße

Zur Entstehung des Problems haben wir eine einfache und schlüssige Idee. Unser Techniker wollte anstelle der 105er von Shimano eigentlich die Campagnolo-Kurbel verbauen, die zur Schaltung gehört. Das ließ aber der Mahle-Sensor im Tretlager nicht zu. Weil unser Mann auf eine Lösung von Mahle wartete, schraubt er die Kurbel nur locker zusammen, so dass sie sich auf dem Kopfsteinpflaster-Passagen in den Ardennen langsam lösen konnte.

Für morgen früh kann ich nachher einen Werkstatt-Termin vereinbaren.

Abends landen wir heute beim Ägypter. Er sieht erstmal gar nicht so aus und bietet auch alle typisch belgischen Gerichte, aber die gute Küche und der „Is'-mir-doch-egal“-Service sind fest in ägyptischer Hand. Madame nimmt de halve Kip, Monsieur de Mosselen witte wijn. Beides macht sich sehr gut, auf die Motivation des Kellners hat das keinen Einfluss.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an einem Restaurant vorbei, in dem wir lieber gegessen hätten. Es ist leer, die Tür ist noch offen, wir reservieren für morgen.

Sehr schöne Runde, bis auf die Küste

Brüggen-Tage im Mai | 6. Mai 2026, Glaube hat seinen Preis

Grote Markt, Stadthuis, Brabofontein, Hand werpen

Das Frühstück bei Novotels ist nicht schlecht, aber kein Vergleich zu Angebot und Qualität in Brügge. Wir haben das Gefühl, dass bei praktisch jeder Position der Rotstift angesetzt wurde: billige Pseudo-Säfte, bröckeliges Rührei, völlig verfetteter Speck, kaum Kuchen ... naja.

Nach dem Schock von gestern wollen wir aber nicht meckern, sondern uns heute mit einem weiteren Kleinod Belgiens befassen. Wir fahren nach Antwerpen. Das machen wir auf der E34, die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden.

Wir sind, wie üblich, völlig unvorbereitet. Die Stadt macht en passant einen wohlhabenden Eindruck, wir parken bei der ehemaligen Handelsbörse, in der heute nicht mehr gehandelt, sondern auf hohem Niveau gefeiert wird. Wir schlendern durch die Innenstadt, kommen an einem Plattenladen vorbei, der die ganzen alten Dinger von 1960 bis 1970 für zwei Euro verkauft. Im Schaufenster nebenan weist ein Schild darauf hin, dass – Covid lässt grüßen – maximal 49 Personen gleichzeitig im Laden sein dürfen.

Open-Air-Museum der niederländischen Renaissance

Die Gässchen sind schmal, die Häuser sensationell. Auch hier ist jeder Quadratzentimeter Pflaster mit irgendwelchen Restaurants und Tischen und Markisen und Sonnenschirmen und Bänken für Touristen und Läden mit Tourischeiß vollgestellt. Die Seele labt sich am zarten Geläut, das von der Kathedrale herüberweht.

Als wir sie erreichen, stellen wir fest, dass die Kirche mit ihrem wunderschönen Geläut nicht die Gläubigen, sondern die Zahlungskräftigen und -willigen erreichen möchte. Gottes Stellvertreter in Antwerpen verlangen zwölf Euro Eintritt von jedem Gotteskind, das hier den Austausch mit seinem Schöpfer sucht. Wie sagte schon Hiob: „Ich hab's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Auch in Antwerpen lassen sich nicht besonders gut aussehende Frauen von ihren Insta-Aufnahmeleitern fotografieren. Eine schüttelt vorher nochmal lasziv die Haare, und dann muss er ihr das Bild zur Freigabe bringen. Sie steht tatsächlich nicht mal von der Bank auf, um ihm einen Schritt entgegenzugehen.

Ave Antwerpen, morituri te salutant

Wir gehen vom Großen Markt zum Steenplein, direkt an der Schelde. Oben steht in seiner Mitte Minerva, die Göttin des Automobils, ihre Skulptur hat der belgische Automobilclub zur Erinnerung an Sylvain de Jong dort aufstellen lassen. Das sieht alles sehr bedenklich aus.

In nördlicher und südlicher Richtung schließt jeweils eine Flaniermeile an. Wenige Meter entfernt steht in der einen Richtung Het Steen, eine zweifelhafte „Nachempfindung“ des ehemals ältesten Gebäudes Antwerpens. Heute dient es nicht mehr der Verteidigung, sondern als Museum, Kreuzfahrtterminal und, nach Aussage des Tourismusbüros, „absoluter Hotspot für alle Antwerpen-Besucher“. In der anderen Richtung säumen Logistikzentren das Ufer. Es gibt also doch nicht nur Touristen hier.

Wir gehen weiter durch die gut besuchten Straßen, fragen eine ältere Einheimische, ob die Außen-Gastronomie schon lange derart das Stadtbild dominiert. Sie lebt leider erst seit zehn Jahren in der Stadt und kennt sie nicht anders. So ziehen wir staunend weiter und besuchen zwecks Biopause ein feines Teehaus, in dem wir zwei Cappucci trinken.

Auch in Brügge führen alle Wege zu Gott

Google führt uns über breite Einkaufsboulevards zurück zum Parkhaus, es geht auf gleicher Strecke zurück, und in Brügge hat sich über den Tag auch nicht viel verändert.

Nach kurzer Pause ruft das Abendessen, das wir heute bei Pietje Pek einnehmen. Das Lokal ist sehr gut besucht, aber peu à peu stellen wir fest, dass es sich wohl um eine größere amerikanische Touristenrotte handelt, die in Vierergruppen die Tische besetzt hat. Sie essen die üblichen belgischen Spezialitäten, obwohl die Karte auch vieles bietet, was beim südlichen Nachbarn gern auf den Tisch kommt: Kikkerbillen, Oesters und Halve kreeft.

Schräge Sonne auf sehr schrägen Häusern

Der Service ist sehr professionell, die Chefin bügelt routiniert die Fehler ihrer Mitarbeiter aus. Wir nehmen zwei Keuzemenüs, einen Liter Wasser für elf Euro und eine Flasche Cava. Der Espresso am Schluss schlägt mit unverschämten 4,70 zu Buche.

Da machen wir, dass wir schnell zurück ins Hotel kommen.

Freitag, 15. Mai 2026

Brüggen-Tage im Mai | 5. Mai 2026, Mon Dieu!

Brügge rief und alle kommen

Der Mai ist der Monat der Brüggen-Tage. Das war schon immer so, das muss man ernst nehmen. Deshalb hängen wir an die vier Tage in Liège noch vier weitere in Brügge dran. Da wollten wir immer schon mal hin, umso mehr, nachdem wir diesen Film gesehen hatten.

Obwohl das gar nicht sooo weit ist, stehen wir schon wieder früh auf. Zum einen will der Junior noch ein paar Höhenmeter von Liège–Bastogne–Liège abfahren, zum anderen wollen wir noch ein bisschen was von Brügge sehen.

Es kommt anders.

Ein Teil der großen belgischen Trilogie: Schokolade, Bier und Fritten

Nach erfolgreicher Verabschiedung ereilt uns nach ca. 30 Minuten ein Anruf: „Ihr habt leider vergessen, den Sattel mit in den Twingo zu laden.“ Das ist natürlich falsch, denn mit 38 Jahren ist jeder ist für die Vollständigkeit seiner Siebensachen selbst verantwortlich, trotzdem bitten wir um Zusendung des Standortes, um das gute Stück nachzureichen. Wir sind gerade mit dem Packen fertig und wollen dem jungen Mann nicht den Tag verderben.

Während er La Redoute schon mal ohne Sattel hochfährt, brettern wir auf der E25 nach Remouchans, finden ihn nach kurzer Rücksprache am Auto und wünschen nochmal gute Fahrt.

Wir selbst besuchen den örtlichen Carrefour, um mal zu schauen, was der Belgier so im Supermarkt findet. Wir erstehen zwei kleine runde Dinger mit Tomate und Oliven, die sich beim Verzehr als nicht besonders toll erweisen. Außerdem eine Flasche belgischen Apéritifs mit dem viel versprechenden Namen Extrait de SPA, den wir zu Hause probieren werden.

Alle Fiesen fahren Fietsen, bis sie platzen

Und dann stehen da die Regale mit der Schokolade. Die Hersteller sind uns fremd, ich frage also zwei Spezialistinnen von ca. 10 bis 12 Jahren, welche sie empfehlen können. Sofort hängt sich die Mutter rein und meint, Galler sei die beste. Ob des Preises stehen wir weiter unschlüssig vor dem Regal, da tritt ein Mann an uns heran. Er stellt sich auf Englisch als Sohn der Gegend vor, der nach Kanada ausgewandert und aktuell auf Heimaturlaub ist.

Dann bestätigt er, das Galler tatsächlich die beste ist. Und er sagt, dass es direkt neben der Fabrik in Chaudfontaine einen Laden dieses Herstellers gibt, wo man alle Sorten probieren und zu sehr viel günstigeren Konditionen erwerben kann.

Gut, da kommen wir auf unserem weiteren Weg sowieso vorbei, da fahren wir mal raus. „Enjoy the choclate,“ sagt er zum Abschied.

Unter den Brüggen das Wasser

Chaudfontaine ist ein trauriges Stück Belgien. Wenn ich dort jeden Morgen aus dem Haus gehen und das Elend rundum sehen müsste und dann am Abend wieder heimkäme und sich nichts geändert hätte, dann würde ich wahrscheinlich die belgische AfD wählen.

So fahren wir beklommen durch die Straßen, erreichen das kleine, unauffällige Lädchen und gehen mal rein. Die Dame des Hauses freut sich über unseren Besuch, sie lädt uns zum Probieren ein und weist auf die aktuellen Angebote hin. Die Schokolade ist super. Es gibt noch viel Osterzeug, aber das brauchen wir nicht, da waren wir neulich schon in Italien erfolgreich. Jetzt kaufen wir zehn Tafeln zum Preis von sieben, wobei der hier gültige, „reguläre“ Preis pro Tafel fast einen Euro unter dem im Supermarkt liegt.

Gut versorgt geht's zurück auf die Autobahn und endlich in Richtung Brügge.

Stille Gassen abseits der strömenden Menge

Die E40 führt uns nach und durch Brüssel, wo riesige Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen (tolles Wort!) den Verkehr ausbremsen. Von der Stadt sieht man wenig, gegen 16 Uhr erreichen wir unser Hotel.

Mit dem Auto kommt man nicht vors Haus, ich gehe also zu Fuß und lasse die Gattin im und mit dem Auto am Straßenrand zurück. Als ich guter Dinge zurückkomme, beschwert sie sich, dass man nirgendwo legal halten könne und das Auto wahrscheinlich schon von zwei Mitarbeitern des hiesigen Ordnungsamtes notiert worden sei. Mal sehen, wann die Anzeige kommt.

Wir wollen nicht jammern, sondern lieber was von Brügge sehen. Also packen wir zügig aus und machen uns gleich auf den Weg in die Stadt.

Sie trifft uns völlig unvorbereitet.

Brügge ist völlig überlaufen von Menschen wie uns. Durch jede Straße, jede Gasse und über jeden Platz schieben sich die Massen. Etwa die Hälfte der lokalen Geschäfte bietet Schokolade, Tand und Waffeln an. Vor der Kathedrale dreht eine Fünfundzwanzigjährige mit Hilfe ihrer Aufnahmeleiterin ein Tanzvideo für ihren Insta-feed. Das sieht nicht nur peinlich aus, das ist peinlich. Überall sieht man Einzelne und Gruppen mit Deppen-Zepter. Und rund um die Plätze wetteifern die Restaurants mit Tischen und Stühlen um Opfer.

Die Preise sind ambitioniert. Das berühmte belgische Bier kostet fünf bis sechs Euro pro 0,3-Liter-Dosis, Vorspeisen werden ab 20 Euro angeboten, Hauptspeisen für das Doppelte. Und abgesehen von Burgerbude, Thai und Italiener gibt es überall praktisch immer das Gleiche: Boulets, Rinder- oder Fisch-Stew, Croquettes mit Käse oder Shrimps oder Muscheln in vier verschiedenen Zubereitungen.

Wir gehen nochmal zurück ins Hotel, um uns vom ersten Schrecken zu erholen. Danach gehen wir zu Mozart, dem Restaurant, das auf Spareribs spezialisiert ist und konzeptionell an Bouillon-Chartier erinnert: Am Eingang bilden sich lange Schlangen, drinnen geht es schnell und routiniert zur Sache. Der Küchenchef erzählt am Ende des Abends stolz, dass seine kleine Brigade an guten Tagen etwa 700 Teller raushaut.

Wir wünschen eine gute Nacht.

Belgische Küche in rasanter Umgebung

Donnerstag, 14. Mai 2026

Ardennen-Klassiker | 4. Mai 2026, Die Pfeile von Brabant

Monument der belgischen Kohl- und Stahlblüte

Heute sind kaum Leute beim Frühstück. Auch die Mischung ist besonders. Außer uns frühstücken ein dt. Mann und eine dt. Frau zusammen, alle anderen Gäste sind schwarz. Das Wetter ist super.

Um 8.45 sind wir zurück im Zimmer, um 9.15 fahren wir los. Wir wollen schneller sein als der für 16 Uhr angekündigte Regen.

Unser heutiges Ziel ist Hoegarden. Das liegt westlich von Liège im flämischen Teil Belgiens. Wer sich hier z.B. von seinem Häuschen trennt, der hat es verkocht.

Am Parkplatz im Stadtzentrum sind ausreichend Plätze vorhanden. Eine Holländerin steigt neben uns aus dem Auto und dann in andere Schuhe. Sie schaut uns beim Ausräumen und Zusammenbauen der Räder zu, wünscht viel Vergnügen und macht sich auf die Wandersocken.

Uns treibt es nach Westen in Richtung Overijse. Auf der anderen Seite von Brüssel ist Remco Evenepoel aufgewachsen.

Hier weiß jeder, wo er hingehört

Die Fahrt ist ein reines Vergnügen. Den Powermeter-Pedalen mangelt es zwar schon beim Start an Batterie, aber der kleine Motor im Hinterrad schiebt uns die sechs- bis zehnprozentigen Hügel hoch, als wären sie plattes Land. So geht altersgerechtes Rennradfahren.

In der realen Ebene bzw. ab ca. 26 km/h ist der Jüngste leicht im Vorteil, weil einerseits der Motor abschaltet und andererseits die Mutter ihre rechte Hüfte schonen möchte, damit sie wenigstens noch bis zur OP im August hält.

Schon wieder eine Helden-Mauer

Bei Kilometer 30 stürzen wir eine Abfahrt mit 17 Prozent Gefälle hinunter (bildlich geschrieben). Nach drei weiteren Kilometern erwartet uns in Overijse zunächst die weiße Mauer mit Porträts belgischer Rad-Heroen. Und dann kommt die S-bocht klim mit Serpentinen, Kopfsteinpflaster und bis zu 18 Prozent Steigung. Da machen wir lieber bei den Heroen Schluss und fahren auf die andere Seite, wo wir ein Häppchen essen und aufs Kind warten.

Frisch gestärkt geht es nochmal die 17-Prozent-Sause runter und dann gemeinsam über Huldenberg zurück. Vorher erwartet uns aber in Terlanen noch die Moskesstraat, die wir zugunsten eines Besuchs im Café Sportman ebenfalls auslassen.

17-prozentige Steigungen lassen wir gerne mal links liegen

Hinter Hamme-Mille führt unser Weg nach links von den feinen Straßen weg und über eine kurze Kopfsteinpflaster-Passage, die direkt zu einer Straßensperre führt. Wir folgen brav der Umleitung, stellen aber irgendwann fest, dass diese uns leider in die falsche Richtung führt.

Die Wege des Herrn sind umgeleitet

Nach einer leicht ungehaltenen Diskussion entscheiden wir uns für die Rückkehr nach Beauvechain bzw. zu der feinen Straße. Die Strecke führt über lehmverschmiertes Kopfsteinpflaster steil abwärts. Da muss man aufpassen, dass man nicht schneller unten ist als gewünscht.

Von hier an geht's bergab

Ab Beauvechain liegt noch eine knappe Stunde vor uns, unterwegs ist mein Strom wieder am Ende, aber die restliche Strecke lässt sich auch bequem mit eigener Kraft bewältigen. Am Parkplatz angekommen, laden wir die Räder wieder ein und freuen uns, dass wir regenfrei hin und zurück gekommen sind.

Von der Brüstung des Pavillons beobachtet uns ein kleiner Junge. Er kommt kaum dazu, seine Kugel Eis zu essen. Auf die Frage „Lecker?“ nickt er vehement mit dem Kopf. Wir nehmen uns ein Beispiel an ihm und gönnen uns zur Feier der schönen letzten Strecke ein völlig überteuertes Eis an der gegenüberliegenden Ecke.

Danach geht's zurück nach Liège. Unterwegs setzt der Regen ein.

Für den Abend haben wir im Restaurant des Hotels einen Tisch reserviert. Bestätigt wurden drei Gäste, vor Ort weiß man nur von zwei. Aber es gibt noch einen passenden Tisch neben zwei wichtigen Schweizer Geschäftsleuten.

Die Speisekarte umfasst die bekannten Highlights der belgischen Küche. Wir bestellen einen Cava als Apéritif, leider muss die Flasche erstmal ins Gefrierfach, um ein bisschen abzukühlen. Wir überbrücken diese Phase mit zwei Glas Prosecco und bestellen dazu einen spanischen Vorspeisenteller zum Teilen. Danach einen Vol au vent, eine Canette und ein Ris de veau.

Wir sind uns einig, dass die Reise für alle ein Gewinn war. Und dass man das wiederholen könnte. Morgen geht's für den einen zurück nach Osten, für die anderen weiter nach Westen.

Tolles Programm mit leichtem Hänger in der Mitte

Ardennen-Klassiker | 3. Mai 2026, Amstel Gold Rains

Seltener Anblick heute: Straße ohne Rennradfahrer

Vor dem Frühstücken stellen wir noch schnell die Räder ins Auto. Mangels Alternative hatten wir unsere bei uns im Zimmer ans Stromnetz angeschlossen. Beim Frühstücken fällt dem Nachwuchs dann auf, dass viele andere genauso viel essen wie er, dann aber wahrscheinlich nicht so viel fahren. Wir sehen das öfter.

Wir fahren erstmal in Richtung Slenaken, wo es heute losgeht. Gleich nach der Grenze sieht es tatsächlich ganz anders aus. Holländisch halt: viel Grün, viele Radwege, letztere schön durch Hecken von der Straße getrennt.

Und dann kommen sie: kleine und größere 
Gruppen von (meist) Männern auf Rennrädern, die es den Amstel-Anstiegen zeigen wollen. Also, die Männer mit Hilfe der Räder, nicht die Räder mit den Männern drauf.

Irrung bringt Wirrung

Das Wetter ist heute nicht von Vorteil, viel Grau, etwas Wind. Probleme gibt es auch in der Abstimmung untereinander. Einer sucht die Rampen – Cauberg, Loorberg, Sibbergrubbe, Bemelerberg –, zwei suchen das Weite und warten im Eetcafé de Remise in Partij auf Infos zum nächsten Treffpunkt.

Das Warten dauert lange, denn irgendwie ist der Sohn vom rechten Weg abgekommen und ruft aus der Gegend von Mechelen an. Die nette Kellnerin erzählt uns von den starken Regenfällen, die am Vortag reichlich Schlamm durch die Straßen des Ortes gespült haben. Er ist inzwischen getrocknet, und wir schauen von der Terrasse des Cafés den vorbeikommenden Rennrädern zu, die ihn jetzt als braunen Staub aufwirbeln.

Nach etwa einer Stunde gibt es dann ein kurzes Treffen mit unserem Fahrdienstleiter, dann fahren wir auf verschiedenen Wegen weiter. Es fängt an, leicht zu regnen, und es wird kalt.

Unser nächster Treffpunkt ist Schin op Geul. Der Regen wird stärker, es wird kälter. Leicht frustriert halten wir uns nicht mehr an unsere Regel, dass wir andere nicht an Steigungen überholen. Für ein Pärchen, bei dem Sie sich im viel zu dicken Gang den Berg hinaufquält, machen wir eine Ausnahme.

Schön, feucht

In Schin op Geul weist uns der Mann in der ersten Tankstelle den Weg zum nächsten Café. Wir wollen schnell noch was Warmes essen, da erreicht uns der nächste Anruf. Junior hat den Treffpunkt übersehen, hat gleich die nächsten Rampen bewältigt und ist jetzt fünf Kilometer weiter in Valkenburg.

Er ist nass, wir sind nass, auf der anderen Straßenseite läuft eine Frau mit Schirm, Jeans und grünem Trenchcoat in Tanzschrittchen den Hügel hoch. So macht das keinen Spaß. Wir verabreden uns beim Auto.

Das würde man gern mal bei Sonnenschein sehen

Wir passen einen etwas trockeneren Moment ab und fahren die kürzeste Strecke südwärts zurück zum Auto. Das Wetter wird zum Scheißwetter. Es gibt nicht mal mehr Kaffee, denn der Italiener in Gulpen hat die Maschine schon saubergemacht.

Am Auto angekommen, ziehen wir uns um und laden die Räder ein. Gerade als wir fertig sind, kommt unser dritter Mitfahrer, das passt perfekt. Kalt und nass geht es zurück zum Hotel.

Nach dringend erforderlicher Aufwärmung und Ausruhung gehen die Herren los, um das kleine Auto aus dem nahen Parkhaus zu befreien. Der Hotelparkplatz ist heute nahezu leer, und morgen wollen wir die Räder gleich nach der Rückkehr auf die passenden Fahrzeuge verteilen. Also muss der Kleine da sein.

Leider ist das alles nicht so einfach, denn die „Uferpromenade“, auf der wir zum Hotel fahren wollten, wird gerade von Spezialfahrzeugen gereinigt und ist aus diesem Grunde für den Verkehr gesperrt. Das schenkt uns eine Spritztour gegen das Navigationssystem durch Centre ville von Liège.

Nach vollendetem Umparken gehen wir zum Essen. Wir sind etwas ziellos und landen schließlich in einer der Ecken, die wir auf unserer Stadtrundfahrt durchquert hatten. Nicht weit vom großen Platz entfernt, aber doch etwas alltagstauglicher.

Das Amon Nanesse gibt sich rustikal, die Speisekarte ist wieder bemüht einheimisch. Es gibt knackig gebackene Fondue ardenaise, einen Salade liégoise und einen Pavé de saumon. Statt Vor- heute Nachspeisen: Tarte Aux Pommes, Profitérolles und Mousse au chocolat.

Wir essen brav alles auf, morgen soll wieder die Sonne scheinen.

Schöner Start (rechts hoch), abruptes Ende (links runter)

Ardennen-Klassiker | 2. Mai 2026, Flash Wallonne

Als der Belgier sein Geld noch nicht mit der EU und den Touristen verdiente

Das Frühstück im Hotel ist sehr gut, das Ambiente sehenswert. Das Gebäude wurde als Konvent gebaut, wie viele andere, stammt es aus Lüttichs Zeit als Wiege der europäischen Kohle- und Stahlindustrie. Leider sieht man der Stadt heute vielfach deutlich an, dass diese Blüte verwelkt ist.

Aber genug abgewichen, wir haben ja einiges vor heute.

Um Viertel nach neun brechen wir auf nach Modave, das liegt etwa 35 Kilometer südlich von Lüttich, und der Weg raus aus der Stadt ist mit Hin und Her über die Maas verbunden. In Modave angekommen, parken wir nahe der örtlichen Polizei, packen die Räder aus und schrauben alles schön zusammen.

Um kurz nach halb elf geht es zum Wochenend mit Sonnenschein auf die Runde, die am Ende der Flèche Wallone traditionell zweieinhalb Mal gefahren wird. Wir fahren sie natürlich nur einmal, bzw. nur einer will sie inklusive der Mur de Huy mit ihren mehr als 20 Prozent Steigung fahren. Die Älteren kürzen kurz vorher etwas ab.

Da fährt er hin, der Mauer entgegen

Erstmal liegt aber sowieso ein ruhiger Abschnitt vor uns: An einer Einmündung rauscht eine sechsköpfige Alte-Herren-Gruppe an uns vorbei, die wir am nächsten Anstieg wieder einholen. Die Gruppe teilt sich in vier Herren vorne und zwei hinterher. Wir bleiben mit etwas Abstand dahinter, da wir Kollegen ohne Motor an Steigungen nicht überholen.

Vor die kommende Mur hat der Herrgott dem Jüngeren allerdings einen Reifenschaden verordnet, den wir in Mostée erstmal mit vereinten Werkzeugen beheben. Danach geben wir dem Bub noch ein Stück Geleit, aber als es in Huy dann ein erstes Mal richtig aufwärts geht, drehen wir ab und rollen zurück zu der von Komoot vorgeschlagenen Abkürzung.

Der Thier au Pequet lässt sich gut an, führt aber ebenfalls ordentlich aufwärts. Und dann stehen wir vor einem schmalen Waldweg, der im weiteren Verlauf ebenfalls mindestens 20 Prozent Steigung erreicht, aber mit Cleats unter den Schuhen und einem Fahrrad in der Hand schlechter zu bewältigen ist als jede Mauer.

Wir machen eine romantische Radtour

Eine freundliche Anwohnerin mit besser passendem Schuhwerk geht lächelnd an uns vorbei und meint: „Les vélos n'aident pas ici.“ Wo sie recht hat, ...

Der Junior hat den vereinbarten Treffpunkt längst passiert und wartet sechs Kilometer weiter in Strée auf uns. Sein Aufstieg war „super, aber völlig bekloppt“, über unsere Eskapade sprechen wir nicht weiter.

Viele Wege führen nach ... irgendwo

Die folgenden rund 50 Kilometer hat er für uns „handverlesen“, und er hatte ein wirklich glückliches Händchen. Es geht über Wirtschaftswege und schmale Straßen entlang Raps- und Kornfeldern, die in frischem Gelb und zartem Grün mit dem blauen Himmel konkurrieren. Zwischendurch Wiesen, herumliegende Kühe, ab und an Pferde, zum Ende hin sogar eine große Weide voller sehr schöner Vollblüter, die die Gattin spontan auf ganz andere Gedanken brachten.

Arbeitsteilung: Zwei fahren vorneweg, eine macht hinten die Fotos

Um die Mittagszeit fuhren wir im Einzugsgebiet der Gemeinde Clavier übers Land und suchten einen Supermarkt oder ähnliches. Zunächst wenig erfolgreich, dann landeten wir in Atrin beim Bäcker, wo wir uns mit Zuckerzeug und Wasser eindecken konnten.

Vor dem Bäcker ist vor der Mittagspause

Die letzten Kilometer zurück nach Modave waren dann nochmal ein Augenschmaus, und alle kamen hoch zufrieden am Auto an. Nach dem Einladen ging es zurück nach Liège, wo wir uns im Hotel frisch machten, ausruhten und anschließend zum Abendessen aufbrachen.

Natürlich ging es wieder in die Altstadt, wo wir im Bistrot d'en Face reserviert, aber leider keine Antwort erhalten hatten. Woran das lag, zeigte sich, als wir vor verschlossener Türe standen: Der Laden hatte einfach zu. Kein Hinweis, kein Kommentar, nichts.

So landeten wir unreserviert wieder auf dem Place du Marché, wo es wetterbedingt etwas ruhiger als gestern war. Im As Ouhès finden wir einen Tisch im überdachten Außenbereich. Während die Karte Kulinariik einer vergangenen Zeit anbietet, wie z.B. Kalbskopf, Kalbszunge, Schweinefuß oder Kalbsnierchen, griffen wir Angsthasen lieber auf die überall gleichen belgische Spezialitäten zurück: 2x Kaninchen mit Backpflaumen, 1x Boulets liegeois plus Nachtisch.

Der Tag war lang, die Temperaturen sind niedrig, auf dem Rückweg freuten wir uns auf morgen.

Vor der Mauer, huy, schnell rechts weg

Ardennen-Klassiker | 1. Mai 2026, Lots of Lüttich

Liège und liègen lassen

Unser Sohn fährt Rennrad. Weniger draußen, mehr im Keller auf der Rolle. Aber dafür schaut er gerne Radrennen im Fernsehen.

Zu Schulzeiten war er einmal mit dem Schulorchester in Tourcoing, das ist unweit von Roubaix, dem Ort, an dem der Radsport-Klassiker Paris–Roubaix vor einhundertdreißig Jahren zum ersten Mal und heute noch immer endet.

Anfang 2025 lamentierte er irgendwann vehement darüber, dass er seinerzeit überhaupt nicht wusste, wo er war, und ihm die vermeintliche Heiligkeit des Bodens nicht bewusst war. Deshalb haben wir ihm zum letzten Geburtstag einen Pavé und einen Besuch des Rennens geschenkt.

Atmospère – ja, das können sie, diese Franzosen

Bei näherer Betrachtung schien ihm der Besuch eines Radrennens, bei dem an den entscheidenden Stellen schon Tausende stehen und die Fahrer mit einem Wooosh vorbeifahren, dann allerdings nicht übermäßig reizvoll. Er schlug deshalb vor, dass wir selbst einige der Strecken abfahren und den noch relativ frischen Schweiß von Pogačar, van Aert, Seixas usw. von den Straßen einatmen sollten.

So ergab es sich, dass wir uns für heute in Lüttich verabredet haben, um ab morgen Teile des Amstel Gold Race, der Flèche Wallonne und der Flèche Brabançonne abzufahren.

Bei uns lief alles nach Plan, in München gab es Schwierigkeiten mit dem reservierten Mietwagen, sodass der Nachwuchs den hauseigenen Twingo für die 700-Kilometer-Strecke aktivieren musste.

Gleich servieren sie den Apéritif

Gegen 19.00 Uhr waren wir dann alle in unserem Hotel an der Maas eingetroffen, bemühten uns um passende Parkmöglichkeiten und suchten um halb neun den lokalen Libanesen heim.

Perfekte Begleiter zu warmem, libanesischen Brot

Er machte uns vorneweg drei Mezze (Muhammara, Samboussek Jebneh und Fatet Magdous) und hinterher drei Hauptgänge: Shawerma maison, Côte d'agneau und Halloumi mit Fatet falafel. Wir erinnern uns gerne daran, wie es war: sehr lecker. Den libanesischen Wein hätte es eher nicht gebraucht, da wäre ein Franzose sicher nicht schlechter gewesen.

Wir saßen bis halb elf draußen, genossen die Multikulti-Atmosphäre und machten uns gegenseitig Mut für die kommenden Kilo- und Höhenmeter. Morgen früh gibt's ab acht Uhr Frühstück, danach fahren wir – je nach Wetterprognose – nach Valkenburg oder Pont de Bonne.

Wir waren die ersten, die gingen

Samstag, 5. Juli 2025

Frühling 2025 – 30. Juni: Weinfest

Zurück in die Heimat

Das Frühstück in Valff ist nicht mehr so, wie es mal war. Das wirkt alles sehr lieblos, und die Tochter des Hauses, die uns immer das Gefühl vermittelte, sie sei am völlig falschen Platz, ist auch nicht mehr da.

Wahrscheinlich hat sie jüngst das Angebot aus Hollywood angenommen.

Wir fahren um kurz vor zehn los, wir haben ja einiges vor. An Kilometern und an Einkäufen. Aber wie das so ist mit den Plänen, geht schon die erste Station schief: Am Kreisverkehr vor Auchan in Schweighouse-sur-Moder erwartet uns ein Rückstau von etwa zehn Minuten. Das ist nicht einfach auf ein paar hundert Metern Strecke.

Wir gondeln erstmal falsch und stümperhaft um den Kreisel herum, fahren dann vermeintlich clever irgendwo hin, was sich schnell als nicht besonders clever herausstellt. Dann brechen wir den Versuch ab und fahren einfach zu Leclerc vor Soufflenheim. Danach noch zu Super U in Seltz und Carrefour bei Lauterbourg, schon ist es nach eins und wir müssen langsam in Richtung daheim aufbrechen.

Zum ersten Mal in 40 Jahren erwartet uns bei der Grenzüberquerung bei Lauterbourg ein Trupp von vier Grenzpolizisten, die für Herrn Dobrindt die illegale Migration nach Deutschland eindämmen sollen. Uns lassen sie durch, schon sind sie gescheitert.

Der weitere Weg läuft ausgezeichnet, inklusive letztem Einkauf von Milch und Derivaten sind wir um halb fünf zu Hause.

Bei Wein im Freien dabei sein

Dort erwarten uns verdörrte Pflanzen in den Beeten im Hof und eine Zisterne, die trotz neuer Pumpe und guter Füllhöhe kein Wasser mehr liefert. Abgesehen vom Mitleid erregenden Anblick der Pflanzen birgt diese Funktionsstörung noch eine unerfreuliche Konsequenz: Die Toilettenspülung funktioniert nicht mehr.

Wir teilen uns also auf: Die eine kümmert sich ums Auspacken der Mitbringsel, der andere schraubt den Waschmaschinenanschluss ans Trinkwassernetz um und versucht, die Toiletten funktionstüchtig zu machen.

Ganz fertig werden wir leider nicht, und irgendwann wird es dann mal Zeit zum Duschen, denn wir sind um halb acht beim Weinfest auf einen Schoppen mit unserer Haushüterin verabredet, die wohl weniger hütete als gedacht.
 
Wir schwätzen hier, flanieren dort und verbringen einen insgesamt netten Abend mit vielen bekannten und unbekannten Gesichtern. Am Ende reicht es sogar trotz Hüfte noch für ein paar Drehungen vor einer der bespielten Musik-Bühnen.

Je später der Abend, desto leerer die Tische

Morgen sind wir wieder ganz bei der Sache und versuchen all das auf die Reihe zu kriegen, was in den letzten Wochen sichtlich aus der Spur geraten ist.