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Montag, 25. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 24. Mai 2026 – Durchs Land des Sauerkrauts

An der Schnittstelle von Wald und Stadt

Wir frühstücken schön im Zimmer und bereiten gleich die Brote für heute Mittag vor. Dann verabschieden wir uns von Madame Pautler und sprechen am Pool noch kurz mit dem Mann, der gestern Abend im kleinen Kreis seinen 72. Geburtstag hier gefeiert hat und wahrscheinlich ein Schlaganfall-Patient ist.

Komoot führt uns durch Alt-Mothern in Richtung Damm, am Ende kommen wir bei der Brücke zum Delta de la Sauer raus. Alles sieht aus wie immer, aber zu Pfingsten sind schon morgens viele Rennrad-Gruppetti unterwegs.

Frühmorgens ruht das Delta

Auf dem Deich laufen Wandergruppen. Andere stehen an Fluss- und Seeufern und lassen Mengen von Ruten ins Wasser hängen. Links trennt uns ein schmaler Kanal vom Damm, auf dem Wasser schwimmen Enten und Schwäne. Unter der Wasseroberfläche sieht man Gräser in der Strömung, darauf liegen weiße Blüten wie ein dicker Teppich.

So fahren wir etwas mehr als 30 Kilometer dahin, dann geht es rechts hinauf nach Drusenheim. Nach wenigen Metern ein kleiner Rastplatz mit vier Plakaten, die über die wirtschaftliche Entwicklung Drusenheims „de 1800 à au jour“ informieren. Besonders interessant ist der Hinweis auf „Le choc petrolier“ in den Jahren 1979/80.

Wenn man sich überlegt, dass dieses Erdöl-Risiko der Welt seit mindestens 45 Jahren bekannt ist und sie es nicht geschafft hat, auf eine andere Energieversorgung zu setzen, dann muss man sich schon wundern. Die einen haben Atomkraftwerke gebaut (und bauen immer noch bzw. wieder), andere machen erneuerbare Energien schlecht.

Viel Deich, kaum Storch

Von Drusenheim geht es durch Herrlisheim, Gambsheim und so weiter -heim durch die einschlägig bekannten Städtchen entlang des Radweges. Viele Radwege hat der Franzose einfach auf den Bürgersteig gemalt. Sie führen über Kanaldeckel und gebrochene Asphaltflächen und sind schwer erträglich. Mindestens ebenso schwierig ist es aber auf der Landstraße, wenn der Franzose in seinem Duster oder Dacia mal eben den inneren Alain Prost raushängen lassen muss und mit 30 Zentimetern oder weniger Abstand an einem vorbeibrettert.

Bei einer Total-Tankstelle kurz vor Kilstett retten wir einen sehr großen Hirschkäfer, den wir vom Rücken wieder auf die Beine helfen. Eventuell hätten wir ihn Timmy taufen sollen.

In Kilstett fragen wir gegen elf bei La Couronne, ob wir einen Kaffee kriegen, aber Madame weist auf die 80–100 eingedeckten Plätze und sagt: „C'est le temps du repas, Monsieur.“ Dann fahren wir halt weiter und machen unsere Biopause ein paar Meter außerhalb der Wohnbebauung am Waldrand.

Vor La Wantzenau überholen wir noch ein Pärchen, bei dem es nicht so gut läuft. Obwohl er schon fast das ganze Gepäck befördert, fällt es ihr doch sehr schwer, mitzufahren. Nach dem Ort finden wir gleich zwei Bänke, schön im Schatten bei einem kleinen Sportplatz. Während wir die Räder abstellen, läuten die Mittagsglocken, da machen wir eine kurze Mittagspause.

Gegenüber steht ein VW mit Emmendinger Kennzeichen und tendenziell serbo-kroatischem Migrationshintergrund. Vater, Mutter und zwei Kinder langweilen sich ausdauernd, während wir essen. Als wir aufbrechen treffen die sehnlich erwarteten Freunde, Familienmitglieder oder was auch immer aus Karlsruhe ein. Wir verlassen die Stätte herzlichster Wiedersehens-Rituale.

Strasbourg, kurz vor der letzten Bank

Der weitere Weg bis Strasbourg ist uns gut bekannt. Hinter La Wantzenau wurde ein kleiner Stadtteil mit Fahrradwegen komplett neu infrastrukturiert. Das sieht toll aus, und wenn man dann weiter durch die Stadt fährt, sieht man, dass die Stadt, obwohl sie wirklich schon viel getan hat, noch viel machen muss, um den Radverkehr zu fördern.

An der Marina setzen wir uns noch mal auf eine Bank und atmen durch. Wir haben jetzt noch etwa 30 Kilometer vor uns, es wird heiß. Jede/r gönnt sich ein Päckchen Gummibärchen und stimmt sich innerlich auf die weitere Fahrt ein. Sie führt zunächst durch den Grüngürtel der Stadt, dann in Richtung Illkirch-Graffenstaden und weiter durch Blaesheim, Krautergersheim und wie die Heime hier sonst noch alle heißen.

Am Ende sparen wir noch zwei Kilometer Strecke, indem wir nicht dem Komoot-Weg durch die Weißkohl-Felder folgen, sondern dem etwas kürzeren Weg über die D215 folgen. Bei Illkirch hatte uns zuvor eine Credit Mutuel über 32° Außentemperatur informiert, da muss man sich nicht unnötig lange in der Sonne aufhalten.

Schmerzensmann bei Kilometer 92

Im Hotel kommen wir um 14:45 Uhr an. Das ist für knapp 100 km ganz ordentlich. Das Haus hat noch nicht für den Nachmittag geschlossen, so dass wir niemanden von irgendwoher holen müssen. Es sitzen sogar noch Gäste im Restaurant.

Wir kriegen unser Zimmer, räumen erstmal unsere Sachen aus und gehen in den Pool. Das Wasser ist ziemlich kalt, wir frischen auf. Das Publikum rundum ist gewöhnungsbedüftig, so weit möchten wir es aber nicht kommen lassen, deshalb gehen wir wieder rein, um unsere Wäsche zu machen. Danach sieht es auf unserer Terrasse aus wie rund um den Pool.

Der Neubau des Hotels ist binnen weniger Jahre ziemlich in die Jahre gekommen. Die Platten um den Pool sind vielfach lose, im Bad platzen Fugen, die Halterung der Duschkabine ist abgerissen, der Wasserhahn verkalkt. Dabei wirkte es anfangs so, als hätten sich alle viel Mühe gegeben.

Vor dem Abendessen halte ich mich etwas zu lange mit diesem Blog auf, was eine heftige Reaktion der Gattin provoziert. Ich habe ihren fortgeschrittenen Hunger unterschätzt.

Wir werden auf der Terrasse platziert, eine angenehme Brise weht über den Tisch. Hinter uns sitzen der grobschlächtige Vater, die leidende Mutter und der genervte Sohn. Man spricht nicht miteinander, vermeidet Blickkontakt. Des Vaters Telefon läutet, der Sohn verdreht die Augen. Der Kopf des Vaters bleibt im Verlauf des Abends leicht gerötet, seine Haut schimmert feucht. Nach gelungener Mahlzeit gibt es leichte Annäherungen zwischen den Tischnachbarn.

Wie sagte mein Schwiegervater: „Essen und Trinken bringt die Leut' zusammen.“

Bei uns ist es auch schön. Wir trinken zwei Picon bière, teilen uns vorneweg eine Tarte flambée traditionelle und entscheiden uns dann für das Coquelet bzw. das Filet de boeuf charolais. Am Ende gönne ich mir noch zwei Kugeln Eis mit Sahne, genau wie es das Pärchen zwei Tische weiter hatte.

Am langen Tisch hinter uns sitzt eine Gruppe von Italienern, die lange nichts zu essen bekommen und deshalb umso mehr trinken müssen. Das erhöht zuerst den Alkohol-, dann den Lärmpegel. Als ihr Essen kommt, sind wir schon auf dem Weg in unser Zimmer. Wir hören sie noch einige Zeit.

Einmal Bas-Rhin von Nord nach Süd

Sonntag, 24. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 23. Mai 2026 – Sous les parapluies de Mothern

Make me wanna holler


Am Buffet steht dieser Mann neben mir. Er nimmt zuerst vom Rührei, legt dann ein paar Streifen Speck darauf und toppt das Ganze mit einem Spiegelei. Kurz darauf zapft sich eine junge Frau einen Latte macchiato, stellt aber eine viel zu kleine Tasse unter den Auslauf. Zuerst quiekt sie, als hätte sie eine Maus gesehen, dann balanciert sie die schwappende Tasse, statt ein bisschen abzugießen, quer durchs Lokal an ihren Tisch. Die Schweizer Gruppe, die wir gestern Abend in der Brauerei schon gesehen hatten, ist auch da. Die Damen und Herren sitzen an den Nachbartischen.

Heimatliche Gefühle

Insgesamt lassen wir uns unvernünftigerweise ein bisschen mehr Zeit und kommen später als sonst auf die Strecke. Nach Verlassen der Innenstadt fahren wir an einer Schnellstraße entlang und kommen in Richtung Schwetzingen durch ein sehr schönes Waldstück, das uns an den Frankfurter Stadtwald erinnert.

Wir fahren am Hockenheimring vorbei, der sich von Ferne mit dem Krach jaulender Motorräder ankündigt. Hier werden Deutschlands hochpreisige Benzinreserven verschwendet. Aber wir müssen uns keine Gedanken machen: Die Dachflächen der Tribünen sind mit Solarpanels bestückt, das heißt, die Energie wird CO2-neutral verschwendet.

Danach geht es durch Hockenheims Feiermeile, wo es Läden wie ”Topfit“, „Pizza und Kebaphaus“ und „Piranha Bar“ gibt. Wenig später weist ein Schild in Richtung „Insultheimer Hof“. Da sind wir noch elf Kilometer von Speyer entfernt und fragen uns, wer da beleidigt werden soll.

Hier geht's mit Tankrabatt auf die Strecke

In Speyer angekommen, fahren wir erstmal zur Einhorn Apotheke. Ich hatte morgens mit Frau Weber gesprochen, um einen Hirschtalgstick zu bestellen, den holen wir jetzt ab. Kurz vor der Apotheke fährt mir ein alter Mann, vom Bürgersteig kommend, in die Quere. Meinen Hinweis, dass er gucken sollte, bevor er er auf die Straße fährt, quittiert er mit einem „Leck mich am Arsch“, was wiederum mich dazu bringt, ihn für die gesamte Innenstadt gut hörbar als nicht verkehrstauglich zu qualifizieren.

„Mer losse dr Dom en Speyer“

Als wir dann vor der Apotheke halten, kommt eine Frau zu uns, die meint, dass in Speyer alle so fahren. Das ist keine gute Nachricht für Speyer. Gemessen an der Zahl der Apothekenbesucher muss Speyer außerdem eine sehr kranke Stadt sein. Darauf angesprochen, meint die Apothekerin: „Die rasten alle völlig aus. Die glauben, ab Montag gibt's keine Medikamente mehr.“ Auch das ist keine gute Nachricht für Speyer.

Wir lassen uns von Komoot zum Rheinhauptdeich führen und kommen so durch Ecken in Speyer, die wir noch nie gesehen haben – Wohngebiete, mal schöner mal weniger schön, überall viele Leute unterwegs.

Ich freue mich sehr, nach langer Zeit wieder mal hier fahren zu dürfen. Da ich meiner Freude durch Treten Ausdruck verleihe, ruft es von hinten sofort, ob ich irgendwelche Termine hätte. Natürlich hab ich Termine. Ich möchte heute Abend in Mothern ordentlich essen und mich vorher in Ruhe hingelegt haben, weil, wenn die Zeit nicht zum Hinlegen reicht, dann sagt meine Frau: „Wieso sind wir nicht früher hier angekommen?“

Rheinhauptdeich bei Speyer, unretouchiert

Wir fahren den Hauptdeich also weiter, und weil es nirgendwo Bänke zum Pause machen gibt, machen wir die erst 20 Kilometer später vor dem alten Garnisons-Gemäuer Germersheim. Dort finden wir eine schöne, schattige Bank und fahren erst kurz nach halb eins, dafür aber umso schneller weiter. Unterwegs passieren wir eine vierköpfige Gruppe von Rennradfahrern, die an einer Ecke stehen und hoffen, dass sie von irgendwem eine Zange leihen können. Die brauchen sie, um das defekte Ventil aus einem Tubeless-Reifen zu schrauben. Ich denke an unseren Fahrradtechniker, der neulich meinte: „Tubeless ist nur was für Leute mit Begleitfahzeug.“

Gegen zwei Uhr sind wir im Maximilian-Center, wo wir einen Eiscafé trinken wollen. Leider hat der bekannte Eissalon geschlossen, insgesamt wirkt das „Fachmarktcenter“ mehr und mehr abgewirtschaftet. Die Gattin versucht, wenigstens bei Edeka zwei Kaffee zu erstehen. Ich passe draußen auf die Räder auf und komme mit einer jungen Frau ins Gespräch, die mit zwei Gleichgesinnten nach 70 Kilometern Rennrad auf dem Heimweg nach Karlsruhe ist.

Alt und Jung stellen fest, dass ihre Problemzonen nahezu identisch und gewisse Beeinträchtigungen unvermeidlich sind.

Rheinaufwärts, kurz vor Lauterbourg

Nach dem Kaffee decken wir uns bei Lidl noch für das lange Wochenende ein, dann geht es endlich weiter. Unser Hotel in Mothern erreichen wir um kurz nach 16 Uhr, keiner da.

Mit uns fährt ein silbernes Mercedes-Cabrio mit zwei deutlich angejahrten Sigmaringern auf den Hof. Sie kämmt sich die pechschwarzen, zerzausten Haare, er kommt kaum aus dem Auto raus. Ich rufe die Chefin an, die kurz darauf mit den Schlüsseln kommt.

Wir packen aus (eine alles, einer was er braucht), gehen kurz schwimmen und machen sogar noch kurz Pause. Um halb acht gehen wir zum Essen. Emilia nimmt das Fisch-Menü, Erich das Duo vom Thunfisch (sehr lecker mit Kiwi mariniert) sowie Kotelett und Filetspitzen vom Iberico-Schwein.

Um halb zehn ist Schluss.

Am vierten Tag am fünften Fluss

Freitag, 22. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 22. Mai 2026 – Der geheime Parkplatz

Kulisse über Heidelbergs Feiermeile

Die Nacht war nicht einfach. Das Hotel steht sehr verkehrsgünstig und die vorbeirasenden Autos kompensieren Neuenstadt mit dem Dröhnen ihrer Motoren.

Unser Frühstück heute Morgen ist dann eher eine Imitation eines Frühstücks. Es gibt alles, aber in Mengen und Größen, bei denen man sich kaum traut, zuzugreifen. Denn einmal genommen bedeutet, fast alles ist weg. Ein bisschen Grundlage können wir trotzdem legen, auf den kommenden 70 Kilometern finden wir sicher noch mehr.

Die zweite schwere Steigung des Tages: Bad Wimpfen

Aus der Stadt kommen wir gut, danach fahren wir durch sattes Grün und auf schönen Wegen entspannt am Kochr lang, bis er kurz hinter Bad Friedrichshall in den Neckr mündet. Jetzt haben wir knapp 15 Kilometer hinter uns, gleich müsste ein veritabler Anstieg kommen, aber weit und breit steht kein Berg im Weg.

Der Aufstieg entpuppt sich dann als der Weg hinauf nach und durch Bad Wimpfen. Zuerst schaffen wir es nur mit Ach und Krach eine heftige Rampe hoch, dann folgt der nächste steile Anstieg über das romantische Straßenpflaster, das uns vor zwei Jahren schon mal gehörig durchgeschüttelt hat. Bei einer Fotopause auf der nächsten Eisenbahnbrücke überholt uns eine leicht bepackte Backpackerin mit sportlicher Geschwindigkeit. Bei Bad Rappenau treffen wir sie wieder und sehen, dass ihr Hinterrad unserem gleicht.

Eine Autobahn für Radfahrer, leider viel zu kurz

Hinter Bad Wimpfen kommen wir an der Konzernzentrale von Lidl vorbei, ein sehr elegantes, irgendwie zurückhaltend wirkendes Gebäude mit feinen Linien und einer hölzernd schimmernden Fassade. Wenn man das so sieht, kann man es gar nicht mit den Läden und Produkten des Hauses Schwarz in Verbindung bringen.

Im Anschluss fahren wir durch die Automeile von Bad Rappenau. Hier sind sie alle, von Alfa bis Volvo, so, wie wir das von der Hanauer Landstraße kennen. Wir folgen der L530 und kommen durch ein Waldstück mit den bekannten, glitschigen Wegen. Laut dem letzten Wegweiser sind es noch 18 Kilometer bis Sinsheim.

An der Kochrspitze

Bei der Fahrt durch Grombach entscheiden wir uns für einen Stop bei der Metzgerei Dick, deren freundliche Verkäuferin uns drei Brötchen belegt, dazu einige kleine Salzgurken einpackt und für das Komplettprogramm 6,73 Euro berechnet. Im weiteren Verlauf der Ortsdurchfahrt erkennen wir links das Rathaus wieder, unter dessen ausladendem Vordach wir vor zwei Jahren vor Kälte zitternd unser Mittagessen verspeisten. 

Kurz vor Sinsheim deute ich die Strecke falsch und führe Mann und Frau eine weitere steile Rampe hinauf. Oben angekommen erkenne ich meinen Fehler, aber da sind wir halt schon oben.

Mit dem 12-Uhr-Läuten sind wir dann in Sinsheim an einem zentralen Spielplatz. Während wir essen, schaukelt hinter uns die Oma geduldig das Enkelkind, das immerzu auf seine Puppe im Wagen schaut. Ein paar Meter weiter links pumpt eine osteuropäische Mutter geduldig Wasser an einem öffentlichen Brunnen, damit ihr mit Gummistiefeln und Schaufel bewaffneter Bub ein Kanal graben und darin herumlaufen kann. Schräg gegenüber sitzt ein Kindergarten mit vier Betreuern und ca. 30 Kindern in gelben Verkehrswacht-Westen auf der Wiese.

Das Tagesziel grüßt

Die restlichen Kilometer bis Heidelberg spulen wir routiniert ab, am Ende wird es immer enger auf dem Weg am Neckarufer, so dass wir lieber auf die Straße ausweichen.

Im Hotel empfängt uns Elias Yilmaz, der mir einen Fahrrad-Stellplatz anbietet, den ich freundlich mit dem Hinweis ablehne, dass wir vor zwei Jahren mit einer freundlichen Kollegin eine sehr gute Vereinbarung getroffen hätten, die wir heute wiederbeleben wollten. Das ist nicht ganz korrekt, aber er nimmt es als gegeben hin und ist einverstanden.

Wir checken ein, stellen die Räder an nicht ganz legalem Standort in Ebene -1 ab und schließen sie an die dort immer noch aktive Steckdose an. Danach gehen wir nach oben, machen uns einen Kaffee, duschen und legen uns hin. Heute ist der dritte Tag, und wir sind beide ziemlich fertig.

Hausgemacht, preislich führend

Gegen halb sieben machen wir uns auf den Weg zum Abendessen. Wir sitzen im Hof (ist ja Sommer), trinken hauseigenes Bier, essen Kalbsfrikadellen und Omas Rouladen und schauen den anderen Touristen beim Leben zu. Auf dem Rückweg echauffiert sich Madame über grimmige Graubärtige, die ihr tagsüber auf dem Fahrrad entgegen kommen und das eher ausgezogene Erscheinungsbild des weiblichen Nachwuchses.

Ich denke an meine Oma, die mochte auch keine Miniröcke.

Zurück im Hotel sammeln wir in Ebene -1 die Ladegeräte ein, wir brauchen sie noch für die Reichweitenerweiterer.

Vom Kochr zum Neckr – der vierte Fluss

Donnerstag, 21. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 21. Mai 2026 – Ein Tag, drei Flüsse

Hallelujah!

Wie das Essen gestern Abend, ist heute auch das Frühstück viel besser als vor zwei Jahren. Wir sitzen in einem Raum, der an ein Spiegel-Kabinett erinnert. Jede Ecke und viele Wandflächen sind mit großen Spiegeln belegt; das macht den großen Raum größer. Ich denke zwei Mal, dass ich mir bzw. meiner Angetrauten beim Brötchenkauen zuschaue, aber jedes Mal ist es doch nur ein anderer Grauhaariger mit Brille ein paar Tische weiter.

Die junge Rezeptionistin schenkt uns zum Abschied zwei Tütchen Gummibärchen. Wir packen, holen unsere Räder aus dem Verlies und bringen ihr zur Belohnung alle Schlüssel zurück. Um zehn nach neun geht's los. Nach dem Main stehen heute die nächsten drei Flüsse auf dem Programm: Jagst, Kochr unds Neckr.

Bad Mergentheim ist immer noch so hässlich wie vor zwei Jahren, wenigstens regnet es heute nicht. Danach passieren wir Pferdeställe und Koppeln, da kann die Gattin gar nicht mehr richtig treten vor lauter Gucken.

Landschaft mit Wattebäuschen

Nach knapp 16 Kilometern erreichen wir den ersten von zwei heutigen „Gipfeln“. Wir blicken weit übers Tal, über den Feldern sehen wir kleine Vögel, die der fränkische Naturschützer als „Wiesenbrüder“ bezeichnen würde. Sie fliegen so niedrig, dass die Kornspitzen ihnen den Bauch kraulen. Nach der Biopause am Hochstand erscheinen zwei riesige Greifvögel über der Landschaft und rufen sich wechselseitig zu, wie schön das alles ist. Die Gattin macht Fotos im Akkord, da kann sie nachher mehr wegwerfen.

Am Ortsende von Rengershausen dürfen wir einen schmalen Weg befahren, der eigentlich Fußgängern vorbehalten ist. Die Wirtin der Ferienwohnung am Eck schüttelt die Betten aus und grüßt freundlich. Am Ende des Weges, öffnet sich nach links eine große Wiese entlang des Goldbachs. Sie ist geschmückt mit einem lila-rosa-gelb-grün-blauen Blumenmeer – plötzlich fährt das Bäuerchen mittendurch und macht die ganze Stimmung kaputt.

Keine Bewegung ob der Tauber

Unser Weg führt uns sehr schön weiter in Richtung Dörtzbach. Der Bärlauch blüht auch hier und riecht wie gestern heftig von links und rechts. Im örtlichen Industriegebiet fällt uns auf und ein, dass wir hier vor zwei Jahren Kaffee trinken waren. Das heißt: Da ist ein Edeka, und wir biegen kurz ab, um die Vorräte aufzufüllen. Als ich wieder rauskomme, ist draußen Sommer. Dr sprachliche Oinschlag isch inzwischn stergr gewordn.

Kurz vor zwölf sehen wir die Bank wieder, auf der wir vor zwei Jahren schon mal gesessen haben und machen dort gleich wieder Mittagspause. Anschließend reservieren wir für den Pfingstsonntag in Valff. Monsieur gibt sich viel Mühe und macht uns sogar einen guten Zimmerpreis.

Wiedersehen macht Freude

In Richtung Jagsthausen folgt bald das nächst Déjà-vu: Kloster Schöntal. Wir stellen uns und die Räder in den Innenhof. Ich passe auf alles auf, Madame fotografiert alles weg. Hinter Jagsthausen steht uns leider der zweite Anstieg bevor, weil wir ja unbedingt von der Jagst an den Kochr wollen.

Auf knapp zwei Kilometern erwarten uns 140 Höhenmeter mit bis zu 13 Prozent Steigung, wir nennen das Bergwertung. Und wenn Garmin sagt, dass man selbst 300 Watt tritt und der Motor es nicht mehr schafft, seinen Anteil beizusteuern, dann fragen wir uns, warum wir nicht mit dem Junior die Mur de Huy hochgefahren sind. Da hatten wir wenigstens 20 Kilo weniger zu transportieren.

Partners in climb

Der Herrgott sieht das ähnlich und schenkt uns zur Belohnung die Abfahrt nach Sindringen. In der Abfahrt kommen uns einige Radfahrer entgegen, mit denen wir nicht hätten tauschen mögen. Leider kommt uns kurz darauf auf vier Kilometern Länge das Werk eines Radweg-Gestalters unter, der meinte, es wäre romantischer, wenn man den Weg aus zwei schmalen Reihen grober Betonplatten baute.

Jede Platte ist ca. 50 Zentimeter breit und etwa 1,50 Meter lang, zwischen den Reihen ein matschiger Boden und von rechts wächst 30 Zentimeter weit das Gras rein. Außerdem führt der Weg relativ steil bergab, so dass wir mit rund 30 km/h abwärts  brettern. Das ist so schon nicht ungefährlich, aber wenn dann an einigen Stellen entweder gar keine Platten mehr liegen oder der Matsch tief in den Ecken steht, dann kann man sich beim oben erwähnten Herrgott bedanken, wenn man heil unten angekommen ist.

Als der Weg dann endlich wieder diesen Namen verdient, ist er gesperrt. Wir sehen, dass die Sperrung auf der anderen Seite nur etwa einhundertfünfzig Meter entfernt ist, aber da kommt ein anderes Paar rechts aus dem Wald und sagt, dass man unbedingt die Umleitung nehmen müsse. Und wir Deppen hören auf sie!

Besagte Umleitung führt auf fast drei Kilometern über einen matschigen, glitschigen und in weiten Teilen steilen Waldweg. Am Ende kommen wir tatsächlich an der Stelle raus, die wir von der anderen Seite gesehen hatten. Von rechts kommt ein Rennradfahrer, der nach eigenem Bekunden zwei- bis dreimal die Woche durch die gesperrte Passage fährt.

Vorsicht, Steinschlag

Er meint, dass anfangs ein großer Stein auf dem Radweg lag, den man umfahren musste. Wir gehen im Nachhinein davon aus, dass die zuständige Behörde den Weg wegen vermeintlicher Steinschlaggefahr sperren musste. Eventuell haben wir den Verantwortlichen heute sogar im Wald gesehen: An einer Stelle stand ein Mann, der sich nicht bewegte und uns nur beim Befahren des matschigen Untergrundes beobachtete. Vielleicht haben die latenten Schuldgefühle ihn zurück an den Ort seines Verbrechens geführt.

Der Rennradfahrer streut zum Abschied noch ein bisschen Salz in unsere Wunde: „Und da seid ihr wirklich durch den Wald gefahren?“

Nach Neuenstadt ist es nicht mehr weit. Wir wollen vorher noch ein Eis essen, aber ein Radfahrer, den wir fragen, sagt, der beste Eissalon ist in Neuenstadt gleich hinter dem Stadttor. So kommen wir zum Eiscafé Italia und stellen fest, dass es nirgendwo einen Platz gibt, an dem unsere vollbepackten Räder gut aufgehoben sind.

Ich nehme also mein Rad mit zum Eis-Schalter. Der junge Mann hat kein Auge für mich, er füllt zwei Eisbecher für die Terrasse. Aber die Chefin schaut von hinten und nickt mir freundlich zu. Bevor ich nachdenken kann, höre ich mich laut „Buongiorno, Signora“ sagen. Da geht ein Ruck durchs gesamte Personal. Der junge Mann stellt die Eisbecher weg, lächelt mich an und sagt: „Allora?“, ich breche das italienische Rad und erkläre unser Problem. „Non c'è problema,“ sagt er und schlägt vor, dass wir unsere Räder hinten auf die leere Terrasse stellen.

Das machen wir gerne, suchen uns einen Tisch in der Nähe und bestellen, was das Zeug hält. Das Eis ist sehr gut, der Caffè auch. Am Ende kommen alle nochmal vorbei und fragen, ob alles in Ordnung war. So ein Duolingo hat tatsächlich sein Gutes.

Sommerabend am Bahnhof in Neuenstadt

Nach dem Eis fahren wir ins Hotel, dem ehemaligen Bahnhof von Neuenstadt, wo um 16:00 Uhr niemand auf uns wartet. Ein Angestellter gibt sich vor der Tür als solcher zu erkennen, er aktiviert einen anderen Menschen drinnen. Dieser kommt raus, erklärt uns, was wir falsch gemacht haben, und verschwindet wieder. Da schlägt die Gattin vor, dass wir auf den Tischen draußen einfach unser Büro eröffnen und die anstehenden Tätigkeiten – Bilder, Texte, Daten – angehen sollten.

Kurz nachdem wir komplett arbeitsfähig sind, kommt besagter Mensch wieder aus dem Haus – er hat alles für uns erledigt. Wir bleiben trotzdem noch kurz sitzen und sprechen mit der Kellnerin, die um halb fünf ihren Job beginnt. Danach schließen wir unsere Räder am Haus ans Stromnetz an und gehen auf unser Zimmer.

Dusche, Pause, Abendessen um halb acht. Zwei Hamburger, vier Weißbier, zwei Desserts. Beim Entstöpseln der Stromzufuhr kommen wir noch mit einem ca. Vierzigjährigen ins Gespräch, der etwa 130–140 Kilometer am Tag fährt, weil er „nicht so viel Zeit hat.“

Wir schaffen die Hälfte davon in der ersten Hälfte des Tages und brauchen die zweite Hälfte, um die erste zu verarbeiten.

Wir schlängeln uns an Tauber, Jagst und Kochr

Mittwoch, 20. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 20. Mai 2026 – Landschaft! Landschaft!! Toll!!!

„Ich will hier raus!“

Präambel
Vor einem Jahr sind wir am 20. Mai in Richtung Korsika und Sardinien aufgebrochen. Weil wir das schon lange mal machen wollten. Weil Madame eine Hüft-OP vor sich hatte und Ablenkung gebrauchen konnte.

Nachdem auf der rechten Seite alles gut gelaufen ist, steht in diesem August die linke Seite an. Und weil der Test in den Ardennen so gut verlaufen ist und wir schon lange wieder mal mit den Rädern auf bekannten Wegen durch Frankreich fahren wollten, ... s.o.

Und hier geht's los

Nach unruhiger Nacht und früher Leerung der Mülltonnen ist das Aufstehen um sieben Uhr kein wirkliches Problem. Wir haben alles gut vorbereitet, nach dem Frühstück gibt's noch ein bisschen was im Haushalt zu machen, die nächste Stunde gehört dem Packen. Abfahrt um 9:25 Uhr.

Dreilagig bekleidet geht's zunächst an den Main. Die Räder laufen perfekt, wir müssen uns nur wieder an das Fahren mit Gepäck gewöhnen. Das hatten wir schon lange nicht mehr.

Schöner Anblick, heftiger Wind

Die Strecke ist gut bekannt, nach 35 Kilometern biegen wir in Ochsenfurt ab auf den Gauahnradweg. Der Regen in der letzten Nacht hat die Schnecken auf den Weg gelockt, sie schleimen sich in allen Größen, Farben und Formen von links nach rechts und umgekehrt.

Der Weg führt uns auf ein Plateau, auf dem wir links über weite Felder und sanfte Hügel in allerlei Schattierungen von Grün und Gelb schauen. Am Horizont dreht der Wind die gleichnamigen Räder, rechts stehen die Masten, durch deren Leitungen die frisch gewonnene Energie ins Netz strömt. Immer wieder fahren wir durch Schwärme von Millionen winziger Fliegen.

Das ist grüne Romantik, die Gattin ist begeistert.

Nachdem wir unseren Stromverbrauch am Anfang gering gehalten und nur das zusätzliche Gewicht kompensiert hatten, schalten wir unseren Anschieber jetzt mal hoch. Der Radweg ist zwar weniger steil als erwartet, aber der Wind weht so stark, dass wir kaum vorwärtskommen. Aufwärts strebende Vögel werden von ihm zu Boden gedrückt. Sie prallen unsanft auf, rollen irgendwie über den Asphalt und schaffen es kaum, wieder in die Luft zu kommen.

Mittagspause im Blütenmeer

Kurz vor Sonderhofen kommt uns eine junge, hochmotivierte Radreisende entgegen, kurz darauf sehen wir einen kleinen Reinigungswagen, der die Kante des Radwegs mit großen, blauen Bürsten von Unkraut säubert. Und gleich darauf klärt uns ein Schild darüber auf, das wenigstens im Winter nicht gestreut und geräumt wird. Gegen zwölf halten wir am Rastplatz bei Sonderhofen. Es ist windig, aber ein ganz schöner Platz, übersät von Blütenblättern.

Nach dem Essen ist vor der Kaffeepause, Die machen wir in Röttingen beim Bäcker Roth. Nach dem Abstellen der Räder gehe ich über einen kleinen Platz zum Eingang der Bäckerei, da passiert mich haarscharf der alte Mann, der nicht weiß, dass man klingeln kann. Auf meinen Hinweis meint er: „Ich pass' schon auf.“

Nur wenige Radumdrehungen von der Buttercreme entfernt

Die Buttercreme ist cremig, sonst nichts. Der Kaffee ist okay. Der Käsekuchen ist wohl auch nicht schlecht. Ich höre zumindest keine Beschwerden.

Nicht weit von Röttingen führt in Tauberrettersheim die Balthasar-Neumann-Brücke über die Tauber. Während die Gattin sie von allen Seiten abfotografiert, fragt mich ein anderer Radreisender mit Gattin, wo es nach Rothenburg geht. Ich weiß es auch nicht, bemühe aber gerne Komoot für ihn. Nachdem ich den Weg für ihn rausgesucht habe, sagt er, dass seine Frau das mit diesem Komoot auch hätte. Warum fährt er ihr nicht einfach hinterher?

Was vom Hochwasser von 1732 geblieben ist

Kurz vor Weikersheim erwischt uns der für heute angesagte und bisher nicht gefallene Regen doch. Schräg gegenüber einer riesigen Halle der Firma Sport Schaller finden wir unter dem Vordach einer Spedition Schutz. Nach zehn Minuten ist die schwarze Wolke durch.

Taufe

Um Viertel vor drei erreichen wir unser Hotel, auf den ersten Blick hat es sich nicht verändert. Wir schließen die Akkus an und die Räder ab, gehen wieder lange Wege auf unser Zimmer und dort in die Dusche. Danach eine Stunde Pause, wir haben ja nicht viel Zeit – ab halb sechs gibt es Abendessen.

Wir kümmern uns vor dem Essen noch um unsere Akkus. Deshalb kommen wir etwas später, und die Hütte ist rappelvoll. Ein Keller teilt uns einen Tisch zu, wir ordern Wildschweingulasch mit Pilzen und Spätzle. Die eine trinkt ein Pils dazu, der andere zwei Weißbier.

Das Essen ist viel besser als vor zwei Jahren. Der Kellner ist leider derselbe. Deshalb wird es auch nichts mit dem Nachtisch. Er bringt zwar die Karte, kommt dann aber nicht mehr wieder. Wir gehen.

Einmal quer durchs Frankenland, bitte

Dienstag, 19. Mai 2026

La Coupe de France | 10. Mai 2026, Spiegelei zum Muttertag

Notre-Dame nach dem Frühstück

Zum Abschied zeigen sich die amerikanischen Gäste nochmal von ihrer besten Seite.

Einer nuschelt auf die Frage nach der Zimmernummer: „Two-O-Nine“. Die Fragerin versteht „Two or nine“, aber die Zimmernummer gibt's im Hause nicht. Die Frau neben uns sitzt auf ihrem Stuhl, spricht mit den Tischnachbarn und presst dabei ihre Knie, ihre Hände und ihre Füße so fest zusammen, dass die Handflächen zittern. Und einen Tisch weiter sitzt ein Amerikaner im Holzfällerhemd.

Was treibt diese Menschen nach Europa bzw. nach Reims? Sie können ja nicht mal den Champagner mit nach Hause nehmen.

Ansonsten ist das Frühstück relativ schwach. Nur das Spiegelei, die Crêpe und der Apfelkuchen waren wirklich gut. Wir holen erstmal unser Auto, fahren ein Stück gegen die Einbahnstraße und parken wieder vorschriftswidrig. Es regnet, da wird keiner kontrollieren kommen.

Der Austernstand gegenüber dem Hotel hat um 9:40 Uhr schon wieder geöffnet. Die Stühle stehen draußen, die Kundschaft kommt wahrscheinlich erst ab elf. Die Suche nach einem Bäcker ist zuerst mal erfolglos. Wir machen eine kleine Stadtrundfahrt durch gesperrte Zonen und sehen unterwegs die schönsten Häuser, Paläste und Plätze der Stadt. Ob wir allerdings wirklich überall dort fahren dürfen, wo wir fahren, darf bezweifelt werden.

In der Nähe des Hôtel de Ville werden wir fündig. Die Boulangerie Paintagruélique sieht sehr einladend aus, die Gattin kommt erst nach einiger Zeit, dafür gut bepackt wieder zum Auto.

Die Autobahn ist leer. Die erste Rastplatz heißt Aire de l’espère, das gibt uns Hoffnung. Nach der Autobahnauffahrt übernimmt der Tempomat, deutlich hinter Verdun gibt es den ersten Grund, zu bremsen: Wir möchten an einem Halteplatz rausfahren.

Kurz nach 17 Uhr stehen wir auch wieder mal an einer Tankstelle. Die letzte Füllung in Brügge hat uns knapp 850 Kilometer weit gebracht. Zu Hause packen wir schön aus und versuchen langsam, auch im Kopf anzukommen.

Montag, 18. Mai 2026

La Coupe de France | 9. Mai 2026, Reims ins Vergnügen

À l'extérieur

Heute heißt es Abschied nehmen. Vom Hotelfrühstück, von Belgien, von den netten Menschen an der Rezeption, die sich viel Mühe mit uns gegeben haben. Und von Brügge, natürlich.

Wir fahren erstmal tanken, denn in Belgien kostet der Sprit nur rund 1,80 pro Liter. Wir fragen uns, wie die das machen und fahren auf der E403 in Richtung Roubaix. Das geht anfangs nicht schlecht, aber bei der Passage durch Lille erleben wir dann, wie es sich anfühlt, wenn der Franzose Ernst macht mit dem Autofahren. Es gibt kaum ein Durchkommen.

Beim Passieren des Stade Pierre Mauroy, das heute Decathlon Arena heißt, denken wir kurz daran, dass sich in Lille (flämisch Rysel) heute der Stammsitz und das Entwicklungszentrum der Decathlon-Fahrradmarke Van Rysel befinden. Das sind die Räder, mit denen wir im letzten Jahr vor Korsika, auf Korsika und nach Korsika diese nichtendenwollenden Probleme hatten.

Aber das ist vorbei, und wir wollen nicht abschweifen.

Summer in the city

Unser erstes Ziel heißt heute Saint-Quentin. Nicht das durch Johnny Cash und verschiedene Filme bekannte, amerikanische Gefängnis, sondern eine Stadt mit einem Auchan-Hypermarché in direkter Autobahnnähe.

Für unsere Verhältnisse kaufen wir wenig bei Auchan ein. Vielleicht liegt es daran, dass wir durch die Tage vorher gedanklich noch etwas okkupiert und nicht in der richtigen Stimmung sind. Oder daran, dass wir nicht besonders viel brauchen, weil wir in zehn Tagen unsere nächste Radreise starten.

Also geht es gleich weiter in Richtung Reims, der Hauptstadt der Champagne, am frühen Nachmittag sind wir da. Unser Hotel liegt am Rande der Altstadt und verspricht Blick auf die Kathedrale, da sind wir mal gespannt. Wir parken vorschriftswidrig auf dem Bürgersteig vor dem Hotel, die Tiefgarage ist bereits ausgebucht.

Nach dem Ausladen und Einzimmern fahren wir ins nächstliegende Parkhaus, dann geht's in die Stadt.

Fontaine de la Solidarité

Es ist Samstag, die Sonne strahlt, die Straßen sind voller Menschen. Mit jeder Kreuzung, die uns näher an die Kathedrale führt, steigt der Feier- und Freudenpegel. Erster Höhepunkt ist die von Bäumen gesäumte Place Drouet d'Erlon. Hier sitzen alle draußen, viele Mädels sind nur notdürftig bekleidet, viele Menschen führen ihre Hunde spazieren – die Luft vibriert.

Außerdem erwartet uns ein kalabrischer Markt mit zehn Ständen, die von Wurst und Käse über Olivenöl und Kunsthandwerk ein breites Spektrum kalabrischer Errungenschaften anbieten. Das Schönste: Die venditori sprechen alle Italienisch, und sie können nicht weglaufen.

L'important c'est la Westrose

An der Fontaine de la Solidarité biegen wir links ab, dann rechts an der Rue de Tallyerand, und schon steht sie vor uns bzw. wir vor ihr: Notre-Dame de Reims. Hier verlangen Gottes Stellvertreter auf Erden keinen Eintritt, sie bitten nur auf einem großen Banner vor dem Eingang um Spenden bzw. die Übernahme einer steuerbegünstigten Patenschaft. Zwei Drittel der Gabe werden vom französischen Finanzminister anerkannt.

Die Kathedrale ist riesig, gut besucht und in einem überraschend guten Zustand. Innen wie außen sind weite Teile des Steins aufgearbeitet oder ersetzt, kein Gerüst versperrt die Sicht. Irgendwie scheint die Strategie der Verantwortlichen aufzugehen.

Wir schauen uns alles schön an, gehen dann einmal um den Block und kommen wieder dort raus, wo die Menschen in Gruppen in der Sonne vor Bars sitzen und das konsumieren, wofür die Region bekannt ist. Die Gattin erwirbt auf den letzten Metern vor dem Hotel noch eine Bluse, da kann sie die Erinnerung noch lange mit sich herumtragen.

À l'intérieur

Für den Abend haben wir einen Tisch bei Condo reserviert, wo der Champagner nicht mehr kostet als der Wein. Auf dem Weg über die Terrasse kommen wir an sieben fröhlichen US-Mädels vorbei, für die der schwache Dollar offenbar kein Problem darstellt. In den ersten 20 Minuten, die wir an unserem Tisch sitzen, putzen sie vier Flaschen weg, danach lässt das Tempo etwas nach.

Wir haben sehr gut gegessen und eine sehr gute Cuvée von Rémi Lorey getrunken. Wären wir gestern nicht in Brügge bei Bernard gewesen, ...

Zum Abschluss des Tages, der Reise usw. prüfen wir schnell noch nach, ob das mit dem Blick auf die Kathedrale wirklich stimmt. Und tatsächlich, von der Dachterrasse im 7. Stock sehen wir die strahlende Kirche in nicht allzu weiter Ferne. Da könnte man ja glatt noch zwei Coupe zum Schauen nehmen.

Auch im Zimmer nehmen wir noch lange am Nachtleben teil. Draußen ist es laut bis zum Morgengrauen.

Über den Dächern von Reims