Seiten

Freitag, 19. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 19. Juni 2026 – „Où est la sauce?“

Hier bekommt Wasserspiegel eine ganz neue Bedeutung

Wir schlafen ein Stündchen länger, es gibt ja nichts zu tun. Madame hat leichten Schwindel, die Hitze von gestern hat wohl Spuren hinterlassen. Gehen wir also erstmal einen Café trinken und frühstücken.

Das Frühstück gibt's im ersten Stock, um uns herum sitzen viele Spanisch sprechende Menschen, mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr an Duolingo gedacht habe. Das Angebot wirkt üppig, wenn man genauer hinschaut, ist alles wie immer: Rührei aus der Tüte (aber mit Petersilie für die Optik), Schinken und Wurst zur Abwechslung mal nicht auf Platten, sondern in Schüsseln (da klebt alles besser zusammen), Croissants und Pains au chocolat ebenfalls verklebt.

Positiv stimmt das Müsli, noch positiver die Brioche vendéenne. Sie ist schön groß und super-fluffig geraten. Wir machen uns aus purer Gewohnheit noch ein belegtes Baguette für die Mittagspause.

Sommerliche Stimmung vor der Cathédrale Saint-André de Bordeaux

Es ist immer wieder interessant zu sehen, dass einige Gäste offensichtlich meinen, sie dürften nur ein Mal ans Büffet und sich deshalb praktisch das gesamte Angebot auf den dafür viel zu kleinen Teller laden. Ebenso wiederkehrend ist das Bild der jungen Mitarbeiterin, die beim neu Eindecken der Tische jedes Besteckteil gezielt an den Stellen anfasst, die sich der Gast später in den Mund schieben wird. Apropos 'Stellen': Die recht schönen Teller sind in großer Zahl angestoßen, die Ränder an vielen Stellen abgeplatzt.

Wir gehen nach dem Frühstück in die Stadt. Die Temperatur liegt noch unter 30 Grad, da kann man noch schön flanieren. Zuerst flanieren wir zu H&M, wo ich ein (fast) Leinenhemd für unter 30 Euro finde und Mo ihre textilen Bestände um ein T-Shirt und drei Unterhosen erweitert. Nicht weit entfernt finden wir eine Apotheke, in der wir einen günstigen Nachfüllpack Creme und ein Sonderangebot von Keops finden.

Suchbild

Leicht beladen geht es hinunter zum Miroir d'eau, der gut besucht, dessen Wasserspiegel aber kaum wahrnehmbar ist. Dafür – und vielleicht gibt es sogar einen Zusammenhang – liegt die Temperatur inzwischen bei deutlich über 30 Grad, und jede Bewegung ist eine Bewegung zu viel.

In den Fußgängerbereichen der Innenstadt sehen wir einige Bettler. Einer hat wohl erkannt, dass das Mitführen von Hunden die Spendenbereitschaft und die Erträge erhöht. Da er aber über keinen verwendbaren Hund verfügt, hat er ein Stofftier vor sich platziert. Dass diese Maßnahme wirklich den gewünschten Effekt erzielt, darf man bezweifeln.

Eine andere Erkenntnis liefern zwei eindeutig Drogenabhängige. Sowohl der Mann als auch die Frau tragen kurze Hosen und T-Shirts, so dass man sehr gut die dünnen Arme und Beine sehen kann. An ihnen lässt sich auch für einen Laien ablesen, wie Drogen den Körper auszehren.

Wir machen uns auf den Rückweg. Im Café einer Trattoria bekommen wir trotz Mittagszeit problemlos zwei sehr gute Caffè, verbunden mit dem Hinweis, dass es hinten, neben der Küche, eine Quelle für kostenloses Wasser gibt. Die Temperatur steigt gnadenlos weiter, wir machen einen Zwischenstopp bei Auchan im Mériadeck, wo wir morgen noch ein paar Flaschen Wein in unseren Kombi stopfen wollen.

Gleich gibt's Caffè

Im Hotel ziehen wir uns kurz um und machen uns danach an die Reinigung der Räder. Einen Gartenschlauch gibt es dafür leider nicht, aber der Kollege an der Rezeption hat uns einen großen Eimer mit Wasser und Reinigungsmittel in den kleinen Hof gestellt. Die Sache dauert keine Viertelstunde, und wir haben zwei neue Wörter gelernt: tuyeau und sceau. Interessant, dass zwei Dinge, die mit Wasser zu tun haben, im Französischen tatsächlich mit eau aufhören.

Oben im Zimmer machen wir Pause, um halb sechs gibt's Café, und dann ist ja bald Zeit fürs Abendessen. Dafür müssen wir natürlich wieder in die Stadt. Und in die Hitze.

Die Repräsentantin des Museums der Schönen Künste

Unser Weg führt uns entlang der Mériadeck-Betonwüste gen Osten. Wir sehen wenig einladende Seitenstraßen und liebevoll renovierte Stadtpalais, große Parks und Plätze, die dringend einer Revitalisierung bedürften. Unser Ziel liegt in einer kleinen Seitenstraße, schräg gegenüber befindet sich ein Sex Shop, daneben Le dragon doré.

So fängt ein besonderes Menü an

So hört es auf

Um kurz vor 20.00 Uhr öffnen wir die Tür, an einem Tisch sitzen zwei Herren, die Dame, die uns empfängt überlässt uns die Wahl des Tisches. Wir setzen uns ganz weit weg vom Trubel des Restaurants und entscheiden uns für das Fünf-Gang-Menü. Was genau wir da gegessen haben, können wir nicht beschreiben, aber es war eine Erfahrung.

Der Mann am Herd kocht allein, er spielt mit dem Essen, er spielt mit den Gästen. Und er zaubert Speisen auf die Teller, die man sonstwo lange suchen muss. Für uns ist das ein bisschen zu viel, obwohl der Ideenreichtum tatsächlich verblüfft: Wir folgen der französischen Variante von Hänsel und Gretel durch den Wald zum Hexenhäuschen, die Sauce für den Roten Knurrhahn brennt vor ihrem Einsatz auf unseren Tellern als Futter für die Kerze auf unserem Tisch und am Ende dreht Tschaikowskis Nussknacker seine Pirouetten für uns.

Gegen 22.00 Uhr ist der Spaß vorbei, wir machen uns auf den Rückweg durchs heiße, nächtliche Bordeaux. Ab morgen machen wir Badeurlaub am Atlantik.

Das Wochenende kann kommen

Déjà-vu 2026 | 18. Juni 2026 – Halb schob er sie, halb rollt' sie hin

Heiße Nacht, große Oper

Auf der letzten Etappe der Tour de France trinken die Gewinner der drei individuellen Wertungen immer fotowirksam zusammen Champagner. Das machen wir nicht, wir sind ja nur zu zweit. Aber wir gönnen uns mittags 2x Plat du jour in La Brède.

Aber der Reihe nach:

Wir wachen um sieben auf. Madame ist noch müde, weil sie nicht gut geschlafen hat. Es war recht warm, aber wir hatten die Klimaanlage ausgeschaltet. Im EG gibt es um 7:45 Uhr ein richtig gutes französisches Frühstück. Der große Tisch ist für vier Personen eingedeckt, es ist noch ein französisches Fahrrad-Pärchen im Haus. Auf jeder Hälfte des Tisches stehen zwei Eier, zwei Baguette, verschiedene Käse, Orangensaft, vier kleine Gläschen selbstgemachte Marmelade und sehr feine Butter. Heißgetränke gibt es nach Wunsch.


Natürlich kommt man mit den Franzosen ins Gespräch, weil die sind auch mit dem Fahrrad da, und dann beginnt dieses Woher-wohin und Wie-lange-Gespräch. Für uns wird es interessant als sie nach der Stromversorgung fragen. Unsere Räder sähen doch gar nicht aus wie elektrische Fahrräder. Das geht runter wie Öl, und wir erzählen, wie das so ist mit den kleinen Motoren und Batterien. Dann sagt er, dass seine Frau oder Freundin auf jeden Fall weiter Bio-Rad fahren will, und ich meine, dass sich das mit dem Alter ändern kann.

Wir wünschen einander gute Fahrt, vielleicht sieht man sich ja nochmal unterwegs. Um Viertel nach neun fahren wir los, sind schnell wieder am Kanal und folgen ihm bis fünf Kilometer vor Langon. Weiter geht es durch Felder und Weinanbau, nach etwa einer Stunde erreichen wir die Stadt.

Abschied vom Kanal, das Meer ruft

Von dort geht es auf einer größeren, gut besuchten Landstraße fast zwei Kilometer heftig bergab, dann werden wir auf der D109 durch die Anbaugebiete Sauternes und Graves in Richtung La Brède geführt. Um 11:59 Uhr biegen wir nach rechts ab auf den kleinen Place Montesqieu, auf dem wir vor 14 Jahren mit Norwegern gesessen und 
vom Austernmann an der Ecke unsere erste gemeinsame Austernplatte geholt und verspeist haben.

Langon – hier ist der Kanal am Anfang oder am Ende

Der Platz hat sich sehr verändert, die Bäume wurden wohl irgendwann auf eine Höhe von etwa zwei Meter gekürzt, und die neuen, entsprechend niedrigeren Kronen spenden weniger Schatten als zuvor. Das Montesqieu-Denkmal ist nicht mehr grau-schwarz, sondern strahlt wie frisch gewaschen. Und wo früher eine kleine Parkanlage war, hat heute das Restaurant gegenüber seine Terrasse.

Genau dort sitzen wir zur Plat du jour. Es gibt Grillade de légumes, Fish 'n Chips und Panna cotta. Die Terrasse füllt sich, der Service bringt immer neue Carafes d'eau. Wunderbar.

Montesqieu, frisch gewaschen

Um 13.00 Uhr geht es weiter. Komoot sagt, es sind noch etwas mehr als 20 Kilometer. Wir schalten auf Stufe 3.

Der Wein steht jetzt über weite Flächen in Reih und Glied, ab Léognan reicht das Anbaugebiet bis fast in die Innenstadt. Wir folgen einem durchaus verbesserungsfähigen Radweg, der sich entlang immer stärker befahrener Straßen aus dem südlichem Umland bis ins Zentrum zieht. Die Autofahrer sehen den Verkehr als Beispiel einer séléction naturelle, als ich eine aus einer rechten Nebenstraße kommende Fahrerin mittels lautem „Stop!“ zum Stehen bringe, ruft sie etwas zurück, das mit cycliste aufhört. Den Anfang möchte ich gar nicht wissen.

Kleine Pflanzen, große Gewächse, rive gauche

Der Radweg wird irgendwann zur Busspur, die wir mit dem Namensgeber und dem Taxigewerbe teilen. An der Ampel steht vor uns eine enddreißigjährige Französin. Eine kleine Frau, schmaler Körper, die Haare hinten am Kopf zusammengebunden. Sie trägt ein kurzes, schwarzes Kleid mit großen, weißen Punkten und Sandalen mit etwa neun Zentimeter hohen Pfennigabsätzen. Wenn die Ampel grün wird, setzt sie sich in Bewegung und knattert mit gleicher Geschwindigkeit wie ich 
vorneweg. Als sie abbiegen muss, hält sie den linken Arm raus, guckt nicht nach hinten und wechselt die Spur. Das ist ein großes Maß an Gottvertrauen. Vielleicht lernt man das in einer Stadt wie Bordeaux mit den Jahren.

Unser Hotel haben wir vor drei Jahren mit den Worten „Da kann man doch nicht wohnen“ klassifiziert, jetzt haben wir es für zwei Tage gebucht. Alles rund um das Stadtentwicklungs-Projekt Mériadeck ist hässlich wie die Nacht finster. Und die Hoteldichte drumherum liegt bei gefühlten 120 Prozent.

Wir checken ein, stellen die Räder in den kleinen Innenhof und müssen etwa eine Dreiviertelstunde auf den Zugang zum Zimmer warten. Parallel kommt ein großer Reisebus voller Australier vor dem Hotel an. Sie blockieren zunächst die Rezeption, dann die beiden Aufzüge.

Wo der Brutalismus wohnt

Ich frage die freundliche Rezeptionistin, ob sie vielleicht noch einen ascenseur caché hat. Sie grinst und sagt: „Suivez-moi.“ Wir folgen ihr mit unserem Gepäckwagen durch schmale Gänge hinter der Rezeption zum Personal- und Wäscheaufzug. Sie fährt mit und führt uns zu unserem Zimmer. Mo ist sprachlos, ich sehe: Nur wer's probiert, kann etwas erreichen.

Wir duschen, waschen, reservieren Restaurants für heute und morgen und legen uns hin. Die Temperatur hat inzwischen 35 Grad erreicht. Um 18.00 Uhr wachen wir auf, machen uns stadtfein und gehen gegen halb sieben los.

Ab Samstag haben wir ein Auto, da können wir unseren minimalistischen Kleiderschrank eventuell sommerlich ergänzen. Zuerst besuchen wir meinen Unterhosen-Ausrüster, aber die Angebote entsprechen nicht meinen finanziellen Vorstellungen. Danach schauen wir bei Uniqlo rein, wo Madame ein Kleid und eine leichte Hose für die kommende Hitzewelle ersteht.

Hinein ins Einkaufserlebnis

Ich schaue inzwischen einer anderen Kundin zu, die die Treppe von den Umkleidekabinen hinuntergeht, dabei stolpert, das mitgeführte Kaufobjekt fallen lässt und es am Ende der Stufen gerade so in die aufrechte Position schafft. Ich folge ihrem missmutigen Blick nach unten und sehe mit ihr, dass die Schnürsenkel beider Schuhe offen sind und links und rechts auf dem Boden liegen. Sie schaut sie strafend an, tut aber nichts, um die Gefahr zu bannen, sondern setzt einfach ihren Weg durch den Laden fort.

Wir gehen auch bald wieder, diesmal zu den Galeries Lafayette, wo es unseren Deostick beim letzten Mal deutlich günstiger gab als in Deutschland. Daran hat sich nichts geändert, wir nehmen einen mit. Das Hemd, das mir schon in Chalon-sur-Saône sehr gut gefallen hat, gibt es hier auch. Der Preis ist mir immer noch zu hoch.

Inzwischen ist es fast 20.00 Uhr, die Läden schließen gleich oder haben längst geschlossen. Und wir sind zum Abendessen verabredet. Draußen sitzen möchten wir nicht, einerseits wegen der Temperatur, andererseits weil die schmale Gasse zum Restaurant stinkt wie ein lange nicht geputztes Pissoir.

Rechts der Leiter besagter Touristengruppe

Wie vorhin im Hotel, ist auch hier zeitgleich mit uns eine Touristengruppe eingetroffen. Anders als vorhin im Hotel, hat sie nicht reserviert. Das führt zu längeren Diskussionen mit der die Gäste empfangenden Dame, wir passen einen passenden Moment ab und schieben uns zwischen die Diskutanten.

Im Lokal sichern wir uns einen Tisch neben einem der Fenster. Eine Klimaanlage gibt es nicht, aber auf diese Weise zieht die Luft zumindest ein bisschen durch. Das Essen ist gut, die Hütte voll, trotzdem sind wir enttäuscht, denn mit Bouchon hatten wir – so, wie in Lyon – eine einfache, lokale Küche verbunden. Das wäre ein schöner Kontrast zu morgen gewesen, ist aber leider nicht so.

Es wird Nacht in Bordeaux, und viele wollen dabeisein

Mit dem Wein sind wir auch unglücklich. Nachdem schon der Crémant zu rosinig war, ist die Empfehlung des Sommeliers ebenfalls zu floral. Wir hatten ihm genau gesagt, was wir wollten, aber er wollte es wohl nicht verstehen, um mit der Flasche ein paar Euro mehr Umsatz zu machen.

Um 22.00 Uhr machen wir uns auf den Rückweg, ein kleiner Umweg über die Oper ist noch drin, mehr nicht. Die Stadt hat sich frischgemacht für die Nacht.

Letzte Etappe mit dem Rad, der Tacho steht bei 1.968 Kilometer

Mittwoch, 17. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 17. Juni 2026 – 65 Kilometer durch die Kathedrale

Eine noble Herberge

Aufstehen um kurz nach sieben, Frühstück um kurz nach halb acht. Erster Schreck des Tages: Die Wäsche ist nicht so trocken geworden, wie wir das gewöhnt sind. Heute haben wir in vielen Kleidungsstücken noch eine deutliche Restfeuchte, da müssen wir sehen, wie wir die Sachen einpacken.

Die Musik macht dort weiter, wo Madame sie gestern Abend abgewürgt hat. Wie kommen noch nicht einmal fünfzigjährige Menschen darauf, ihren Gästen Streaming-Playlists der Fünfziger und Sechziger Jahre mit Schwerlast Rolling Stones und Credence Clearwater Revival zum Frühstück zuzumuten?

Egal, wir frühstücken mit den Kindern des Hauses. Sie sitzen zwei Tische weiter und sehen aus, als wären sie die Kinder aus erster Ehe der Chefin. Noch ein paar Anmerkungen zum Frühstück selbst. Der Café ist dünn, das Rührei aus der Packung, obwohl der angeheiratete Chef sagt, es wären Oeufs bruillés maison. Das Brot gibt es nur in vorgeschnittenen Stücken – drei Gäste kommen rein, die Chefin folgt kurz darauf mit sechs Abschnitten. Der Joghurt ist entrahmt, das Müsli kein Müsli. Insgesamt also nicht so, dass wir sagen, dieses war das beste Frühstück der Reise.

The race is on

Um 9.20 Uhr schalten wir auf Stufe 3 – die Räder fahren jetzt praktisch von allein – und machen uns auf den Weg an den Kanal. Wir fahren ein in eine Kathedrale der Bäume, deren Kronen den Weg wie ein nichtendenwollendes Kreuzgewölbe überspannen. Natürlich gibt es zwischendurch mal kurze Unterbrechungen, z.B. an Schleusen, Brücken, Straßenübergängen, aber der Gesamteindruck festigt sich auf rund 65 Kilometern.

Irgendwo verdirbt uns ein holländisches Pärchen den Schnitt. Die beiden sind um die 50, haben Top-Figuren und fahren 
sehr eingespielt. Für mein Gefühl hängt sie zu eng auf ihm drauf. Das spricht für ihr Vertrauen in ihn und in ihre eigene Fähigkeit, das Rad bei Bedarf sehr schnell zum Stillstand zu bringen. Ich könnte das so nicht. Zumal sie mit Blick auf den Zustand des Weges, auf dem sie da fuhren, eigentlich zu schnell unterwegs waren.

Beste Wohnlage am Kanal

Nach Zuckerpause und Biopause steht die Mittagspause an. Die machen wir um 12.20 Uhr nach knapp 60 Kilometern an der Halte nautique hinter Meilhan-sur Garonne. Tische und Stühle stehen reichlich bereit, leider hat das kleine Lädchen geschlossen. Wir setzen uns hin und essen das, was wir noch haben: zwei hart gekochte Eier, ein kleines belegtes Baguette, ein Stück Comté und ein paar Nüsschen.

Während wir sitzen, kommt ein Radfahrer vorbei, den wir gestern schon gesehen haben und der uns auffiel, weil er mal schob und mal fuhr. Und weil er die Sachen auf seinem Anhänger mit einer Folie bedeckt hatte, die aussah wie ein PV-Panel, er aber stromfrei fuhr.

Mittagspause mit Schiff, oder umgekehrt

Er kommt also zu uns und fragt uns wegen des Weges. Wir sagen ihm, dass der Weg eigentlich auf der anderen Seite verläuft, aber wegen der Baumaßnahme an der Brücke gäbe es eine Umleitung. Die, sagt er, hat er auch gesehen, und er sei ihr auch schon gefolgt, aber es gibt keine weiteren Zeichen. Also zeigen wir ihm auf Komoot, wo der Umweg eigentlich laufen müsste. Und ich sage ihm, dass er auch einfach über die Brücke fahren könne, während die Handwerker Mittagspause machen. Das will er nicht, er will auf uns warten und hinter uns her in Richtung Bordeaux fahren. Kurz darauf ist er wieder da, spricht jetzt Englisch und sagt, er würde jetzt doch fahren, und dann sehen wir, wie er über die Brücke und auf der anderen Seite weiterfährt.

Wir essen in Ruhe zu Ende. Es kommt noch ein weiteres Pärchen, das seine Räder abstellt und sich auch an einen der Tische setzt. Dann schiebt sich ein stattlicher Segler mit abgeklapptem Mast vorbei, und plötzlich springt der Mann auf und stößt sehr ungewöhnliche Laute aus. Vom Schiff winkt man zurück. Er dreht sich zu uns und erläutert, dass er und seine Frau mit den Leuten auf dem Schiff in Kontakt gekommen und dass diese Australier seien. Und dass sie aus Australien in 14 Monaten hierher gesegelt und jetzt auf dem Weg nach England seien.

Wir Langweiler sind heute in die fünfte Woche gestartet.

Die natürlichste Sache der Welt

Als wir mit dem Essen fertig sind, haben 
auch die Handwerker zu Ende gegessen. Das heißt: Wir können nicht mehr über die Brücke fahren, sondern folgen dem Umleitungsschild. Der Weg verläuft genau so, wie wir es dem PV-Schieber erklärt hatten, ein passendes Schild gibt es auch (er hatte nicht weit genug nach unten gescrollt). Inzwischen haben wir 35 Grad im Schatten.

Auf dem Radweg kommen wir nach schattiger Fahrt nach La Réole, wo wir gerne noch einen Café getrunken hätten. Beim Italiener, der ein Franzose ist, gibt es zur Mittagszeit ohne Essen keinen Café. Da sagen wir dankeschön, fahren weiter und kommen kurz darauf an einer kleinen Boulangerie vorbei, die uns gerne zwei Noisette und zwei Tartes verkauft, eine aux pommes und eine aux framboises.

Ein kleines Paradies nicht weit von Bordeaux

Komoot führt uns zielsicher zu unserer heutigen Bleibe. Wir finden das Haus und klingeln, aber es antwortet niemand. Irgendwann habe ich den Mut, einfach mal auf die Klinke zu drücken, und, siehe da, die Tür geht auf. Kaum ist die Tür offen, kommt Françoise, unsere Vermieterin, die Treppe herunter. Anfangs ist sie ein bisschen unwirsch, weil wir wohl irgendwas gesagt oder falsch gemacht haben. Aber irgendwie taut sie langsam auf, und dann sagt sie, wir könnten auch Deutsch sprechen.

Sie hat lange in Deutschland und Österreich gearbeitet und führt uns durch ihr schönes, großes, altes Haus zu unseren Gemächern. Das Haus hat einen noblen Hintergrund und ist ein absoluter Hammer. Sie hat es in einem sehr schönen Zustand erhalten oder in einen schöneren Zustand versetzt. Unser Zimmer hat etwa 25 Quadratmeter, einen Vorraum mit Küche und Esstisch, ein kleines Bad und eine Toilette. Die Fenster sind alle schön zugemacht, damit die Hitze draußen bleibt, und das Ganze kostet inkl. Frühstück unter 100 Euro.

Ein Ort, an dem man sich heimisch fühlt

Zum Essen schickt sie uns zum Italiener. Er liegt in einer ruhigen Straße, rundum stehen einige Häuser zum Verkauf.

Über die Tochter des capo kommen wir ins Gespräch, den Rest des Abends geht es mehrsprachig und vor allem durcheinander um Essen, Trinken, Charakter, Tourismus und was man sonst noch zwischen Küche und Teller unterbringen kann.

Es ist nicht das Meer, das im Hintergrund scheint

Zum Apéritif gibt es einen Spritz mit hausgemachtem Holunderblüten-Sirup, den die vier Engländerinnen am Nachbartisch nicht angeboten bekommen. Als Vorspeise eine Parmigiana und zwei Barchette di verdure. Hauptspeisen sind Fusilli rosso und Risofreddo verde. Das Kirsch-Eis zum Abschluss ist ein weiterer Hammer des Tages.

Um 22.00 Uhr gehen wir zurück ins Haus – Bordeaux, wir kommen!

Wir haben die Gironde erreicht

Dienstag, 16. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 16. Juni 2026 – Mer deieu, priier, Porno

Agen ist nicht nur für Pflaumen bekannt, sondern auch für die zweitlängste Kanalbrücke Frankreichs

Das Frühstück ist ok heute, wir bereiten gleich etwas fürs Mittagessen vor und kochen uns zwei Eier. Aus dem Fenster sieht man Gruppen, die mit Wanderstöcken und leichten Rucksäcken aus Centre ville kommen und nach rechts auf den Weg am Kanal einschwenken. Eine dieser Gruppen macht vorher noch Übungen der Rhythmischen Sportgymnastik unter den Schatten spendenden Bäumen an der Uferpromenade.

Die Rezeptionistin von gestern steht wieder am Empfang, sie bestätigt, dass es sich bei den Wandergruppen um Pilger handelt. Unseren anerkennenden Hinweis, dass die Leute ja mit sehr wenig Habseligkeiten unterwegs sind, korrigiert sie mit der Information, dass es heute viele Anbieter gibt, die das große Gepäck der Pilger von Ort zu Ort transportieren.

Betreutes Pilgern kannten wir noch nicht, aber man fragt sich schon, ob diese Form wirklich noch einen religiösen Bezug hat, oder ob der Jakobsweg hier zum Wanderweg bzw. zur Eventlocation degradiert wird.

Sie verabschiedet uns sehr freundlich, wir fahren vor Arbeitsantritt noch kurz nach oben zur Abbaye Saint-Pierreeinem sehr imposanten Gebäude. Das Portal der Abteikirche ist von wunderbaren Skulpturen gesäumt, drinnen sieht es aus als seien die Wände der Kirche tapeziert und es wäre langsam Zeit für einen Tapetenwechsel.

Früher alleinstehend, heute in fester Beziehung

Draußen sehe ich ein sehr gebrechliches Ehepaar, das Selfies von sich macht. Das ist schon anrührend. Andererseits ist es auch schrecklich, wenn man sieht, wie sich rund um die Abbaye eine blühende Tourismus- und Pilgerindustrie etabliert hat.

Drinnen erlebe ich, was moderne Technik zu leisten imstande ist. Ich spreche eine erste Gedankensammlung zu diesem Blog zuerst immer ins Telefon, kopiere später das Transkript und mache daraus dann diesen Text. Heute spreche ich sechs Wörter des Ave Maria ins Telefon: „Mère de Dieu, priez pour nous“. Der daraus transkribierte Text steht oben.

Heute Vormittag sind hier nur 20 oder 22 Grad, eigentlich schon ein echter Sommertag in Deutschland, aber ein bisschen frisch ist es schon. Die Gattin zieht nach dem Kirchenbesuch den Windstopper über, dann düsen wir weiter in Richtung Bordeaux.

Route moderner Pilger

Auf den ersten Kilometern passieren wir einige Pilger. Viele haben Stöcke in der Hand, die sie vielleicht später noch brauchen. Einer hat die Stöcke in der linken Hand und mit der rechten das Telefon am Ohr. Dazu fällt mir das ein.

Während des weiteren Fahrens sehen wir mal links ein bisschen Obst, mal rechts ein bisschen Obst, aber gefühlt sind die Plantagen deutlich weniger als wir es in Erinnerung hatten. Die Sonne ist um 11:30 Uhr immer noch sehr zurückhaltend mit dem Scheinen.

Wir sprechen immer wieder mal über den Gedanken des Pilgerns in Kombination mit dem Gepäckttransport. Irgendwie scheint uns das nicht der Weg, den der Herrgot sich gewünscht hat. Aber neue Zeiten bringen auch neue Ideen hervor, die man nicht verstehen, die man nicht mögen muss.

Agen lassen wir großzügig links liegen. Wie es da aussieht, haben wir 2012 schmerzlich erfahren.

Die Plantagen sind noch da

15 Kilometer später erreichen wir unser Hotel, es ist Viertel nach zwei und das Zimmer ist erst ab 16 Uhr verfügbar. Kein Problem, wir füttern erstmal die Pferdchen und setzen uns anschließend in den Salle de reunion, wo Spiele gespielt und Cocktails konsumiert werden sollen. Wir machen nichts von alldem, sondern sortieren Fotos und unsere Gedanken.

Olympische Dimensionen für einfache Gemüter

Die Chefin kommt um kurz nach drei mit der guten Nachricht, dass unser Zimmer nun verfügbar ist. Wir duschen und gehen erstmal in den Pool, der eher Schwimmbad heißen müsste: 20 Meter lang, zehn Meter breit, niemand außer uns. Wir toben uns aus, sonnen noch ein wenig und gehen dann zurück in unser Zimmer. Dort unter die Dusche, dann ins Bett.

Um kurz vor 18 Uhr finden wir zurück ins Leben, wir schreiben und organisieren noch ein bisschen, dann geht's zum Abendessen. Vom Haupthaus treten wir durch die Tür in den Hof, wo uns die Rolling Stones empfangen. Ok, nicht persönlich, aber mit Brown Sugar aus dem Jahr 1972. Das ist nun schon 54 Jahre her, wir sind alle etwas älter geworden, und meine persönliche Ehefrau bittet den Chef – nachdem anschließend CCR, Bill Haley und irgend ein 80er-Scheiß über den Rasen gedüdelt waren –, die Musik leiser zu machen.

Schönes Ambiente, weniger Qualität als früher

Der Kollege am Nachbartisch freut sich mit uns, nun können wir ungestört essen: Tomate tatin mit Frischkäse-Eis, Cuisses de grenouilles, danach Cabillau und Confit de canard und schließlich Crème brûllée und Profiteroles. Der lokale Wein ist überraschend trinkbar, sowohl in weiß als auch in rot.

Auch hier ist der Service völlig hilflos, wenn es um zeitliche Abfolge, Rückfragen u.ä. geht. Bis zur Bestellung dauert es mindestens zwanzig Minuten. Bis zum Apéritif auf dem Tisch vergehen weitere Minuten ohne Umsatz für das Restaurant. Da braucht es keine Pandemien fürs Sterben in der Gastronomie.

Wir haben zwei Spanier am Nachbartisch, das heißt: Meine Gattin ist die letzte halbe Stunde für mich nur sehr schwer erreichbar, weil sie lieber fremden Männern zuhört.

Vom Jakobsweg in die Obstplantagen

Déjà-vu 2026 | 15. Juni 2026 – „Ich bin ja gern so irgendwie“

So schön werden wir das wohl lange nicht mehr sehen

Der Frühstücksraum bei Mercure besticht mit einer sehr eigenwilligen und sehr unterschiedlichen Bestuhlung. Teilnehmer heute: ein Mann wie ein Berg, eine junge Frau, die eventuell zu viele Filme mit Esther Williams gesehen hat und ihr heute, zumindest optisch, nacheifert, und eine Mitarbeiterin in der Anlernphase, die alle Bestecke, Gläser und sonstigen Teile mit bloßen Händen genau dort anfasst, wo nur der jeweilige Gast sie berühren sollte.

Die Kaffeemaschine wird zum Treffpunkt der Verzweifelten, eine sitzt mir gegenüber. Meine eigene Verzweiflung rührt daher, dass ich mein Spiegelei selbst versaut habe, weil ich nicht in der Lage war, genügend Öl in dieses Förmchen zu kippen. Also richtig nett hier.

Pont canal mit Gitter

Komoot leitet uns sehr effizient aus Toulouse heraus direkt an den Canal latéral à la Garonne. Anfangs ist der Weg aus Beton und etwa zwei Meter breit. Links verläuft die Autobahn, rechts fließt das Wasser. Nach etwa sieben Kilometern unterqueren wir die Autobahn, sie biegt nach rechts ab, der Weg wird
 einen Meter breiter und ist asphaltiert. Ab Kilometer zehn wird er wieder zwei Meter schmal und es kommen ab und zu ein paar Wurzeln der Bäume durch.

Was alle Abschnitte eint: Es geht schnurgerade nordwärts. Nach einer Stunde haben wir ein Drittel unseres heutigen Tagespensums erledigt und stoppen zwecks Zuckerpause in Saint-Jory.

Mittagspause in Montech

Der Weg fährt sich wie an der Schnur gezogen. In Montech machen wir Mittagspause am letzten Tisch im Schatten. Als wir fast fertig sind, stellen sich zwei Franzosen-Tussis mit ihrem Kleinwagen auf den Parkplatz neben uns und lassen minutenlang den Motor laufen. Aber wir lassen uns nicht wegpesten, sondern laden lieber die vier Herren des städtischen Bauhofs, die inzwischen mit zwei Autos daneben halten, dazu ein, sich an unseren Tisch zu setzen. Die Mädels protestieren, wir fahren und wissen nicht, wie man sich geeinigt hat.

Pont canal ohne Gitter (mit Mauer)

Zwischendurch haben wir mit unserem Hotel geklärt, dass wir schon um 14 Uhr einchecken können. Außerdem habe ich mit einer Domaine in den Cévennen über den Preis und die Lieferung ihres Viogniers verhandelt. Die Dame wird ein Angebot schicken.

Moissac empfängt uns mit seiner Kanalbrücke über den Tarn. Das kleine Flüsschen, das wir aus der Region Cahors kennen, ist vor seiner Mündung in die Garonne richtig erwachsen geworden. Nach der Brücke fahren wir durch eine lange, schattige Allee in die kleine Stadt. Unser Hotel ist riesig und steht direkt am Fluss, der Empfang ist freundlich, das Zimmer in Ordnung.

Wohin man schaut, das gleiche Bild

Besonders schön ist der kleine Balkon mit Blick auf die Tarnbrücke. Praktisch ist er auch, denn was wir jetzt waschen und hier aufhängen, wird von der Sonne binnen kürzester Zeit getrocknet werden. Da nutzen wir die Gelegenheit und waschen gleich noch einige Polos mit.

Die Pause dauert infolge grassierender Erschöpfung etwas länger. Danach machen wir ein bisschen Büro, planen die letzten Tage unserer Reise, bestellen den Viognier und machen uns fürs Abendessen fein. Das Angebot ist heute eingeschränkt, denn am Montag haben bekanntlich viele Restaurants geschlossen.

Seit fast 200 Jahren überbrückt sie den Tarn

Ein paar Hundert Meter weiter befindet sich La guinguette de l'uvarium, ein kleines, tempelartiges Gebäude mit separat aufgestellten Sanitär- und Küchencontainern und etwa 30 Tischen draußen. Viele werden heute Abend besetzt, wir hatten reserviert. Zum Apéritif gibt es gebratene Tintenfischchen und drei Tapenaden mit in Öl ausgebackenem Brot. Als Hauptgang nehmen wir zweimal Tartare de boeuf, als Nachtisch eine Dame blanche und ein kleines Eis.

Das Essen ist akzeptabel, die Gattin meint, das Eis sei am besten gewesen. Der Pic Saint-Loup ist in Ordnung, der Service ist grottenschlecht. Da streifen völlig motivations- und kenntnisfreie Menschen in schlampiger Klamotte um die Tische herum, die Teller und Zubehör zwar bringen und abräumen können, aber nicht wissen, was sie tun.

Dafür sind die anderen Gäste interessant. Am Zweiertisch neben uns sitzen zwei mittelalte, jugendlich aufgedüste Französinnen, die aufeinander einreden. Eine von ihnen singt gerne zu laut und zu falsch mit, wenn von drinnen populäre Musik ertönt. Nach den Französinnen übernimmt ein englisches Paar mit Hund den Tisch. Er ist optisch ein Unsympath par excellence, sie trägt ihre Weiblichkeit etwas zu offensiv in die Welt. Der Hund macht einen sehr sympathischen Eindruck, er ist halt an die Falschen gekommen.

Mir gegenüber nehmen drei überschminkte Frauen Anfang dreißig Platz. Wenn man überlegt, dass jedes Teil der Natur seine individuelle Schönheit hat, und sieht, was passiert, wenn Menschen mittels Kleidung, Schminke oder Accessoires versuchen, sich zu verschönern, dann muss man verzweifeln.

Wir gehen zurück ins Hotel, reservieren noch schnell den Mietwagen in Bordeaux und legen uns hin. Morgen ist ja schon wieder ein Tag.

Von der Haute-Garonne nach Tarn-et-Garonne