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Freitag, 12. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 11. Juni 2026 – „Il n'y a pas de piste“

Architektonische Überraschung in Montpellier

Frühstück gibt's unten in der Halle. Als wir kommen, sind alle Tische gut besetzt. Auswahl und Qualität des Angebots sind begrenzt, mancher würde sagen: beschränken sich auf das Nötigste.

Wir halten es mit den englischen Damen, die sich beim Hotelchef beschweren: „The food was terrible and the portions too small,“ und machen uns je zwei belegte Brötchen für den Mittag. Die etwas absondserliche Art des Fliesenspiegels in unserem Bad hat man in den Eingangsbereich übernommen. Vom Bahnhof dringt die fröhliche Lautstärke der um die Ecke düsenden Straßenbahnen herüber.

Wir kommen gut aus der Stadt heraus. Einmal stehen wir an einer Ampel fälschlicherweise auf der Fußgängerspur. Nachdem die Gattin dies erkannt hat, schiebt sich eine agile Seniorin in Laufklamotten demonstrativ vor uns und weist uns auf den faux-pas hin. So eine blöde Kuh.

Der Weg ist schwierig heute. Es ist alles wahnsinnig hässlich hier. Natürlich gibt es ein paar alte Ortskerne, aber mit den Jahren ist diese riesige Infrastruktur geschaffen worden für Autofahrer, für Bootsbesitzer. Und als das alles fertig war, wurde eine Infrastruktur für  Radfahrer gfeschaffen, die sich allerdings komplett an die bereits vorhandenen Strukturen anpassen musste. Das heißt: Wenn man eine Brücke überqueren will, fährt man vorher und nachher mehrere wilde Schleifen unter der Brücke durch links, nochmal unter der Brücke durch rechts und auf der anderen Seite genauso wieder runter.

Am Kanal heißt manchmal auch über den Kanal

Die Bebauung sieht hier genauso aus wie überall, wo jemand mal irgendwann eine Touristensiedlung gebaut hat oder hat bauen lassen Die Hässlichkeiten, von denen man gelernt hat, dass sie funktionieren, die baut man einfach überall wieder hin, weil man weiß, dass sie funktionieren, weil die Leute kommen und hinterher sagen, das es toll war.

Am Kanal heißt manchmal auch freier Blick zum Mittelmeer

Unser erster Eindruck ist eher, dass es stinkt es, weil viele der Wasserflächen im Sommer vertrocknen und dann ein beißender Geruch von Algenresten und Vogelscheiße die Luft verpestet. übrig.

Mittagessen gibt es um 12:30 Uhr vor einer Apotheke in Sète. Danach fahren wir auf einem schmalen Weg stur geradeaus am Meer entlang. Links stehen große Neubauten, und man nennt es Centre technical. Kurz darauf passieren wir eine große Kunstakademie, und so, wie die Lioneser ihre Markthalle nach dem einen benennen, benennen die Sétois ihre Kunstakademie nach dem anderen.

Sète präsentiert sich heute einladender als früher

Hinter Sète geht es auf die Strecke am Strand – langweilig geradeaus, links die Düne vor dem Meer, rechts Parkplätze, Toiletten und eine Busspur. Bei unserem ersten und letzten Besuch im Hérault gab es neben der wesentlich schmaleren Route départemental nichts.

Irgendwo fahren wir fast in zwei ältere Teutonen, die uns bereits gestern auf dem Weg nach Montpellier negativ aufgefallen waren. Der ältere steht strategisch günstig und von einem hohen Oleanderbusch verdeckt in einer Rechtskurve. Meine Beschwerde kommentiert der jüngere mit Klatschen und blöden Sprüchen.

Vor 25 Jahren war das hier noch nicht so idyllisch angelegt

Mit jeder gefahrenen Minute nimmt der Westwind zu. Das kostet eigene und Akku-Kraft. Am Boulevard des volcans biegen wir von der Strand-Route ins städtische Gewirr ab. Jetz folgt die Erkenntnis, dass auch in Cap d'Agde der Verkehr bevorzugt für das Auto geplant wurde. Die Straßen sind eng, die Radwege teilweise unwegsam. Ein älterer Herr, der mit seiner Frau vor uns fährt, bremst nach einem Kreisverkehr abrupt ab und konstatiert, dass der Weg einfach nicht mehr weiter geht.

Die Rezeptionistin in unserem Hotel ist sehr kundenorient und recht knapp bekleidet. Etwas zu kurz sind auch ihre Kenntnisse des O'Logis-Treuprogramms geraten. Das Hotel selbst hat schon bessere Zeiten gesehen. Das hoffen wir zumindest, denn man sieht es ihm nicht an.

Wir lassen uns davon nicht die Freude verderben, ziehen uns um und gehen ins nahe Meer. Es ist etwa zehn Zentimeter hoch und unserer Meinung nach für die Jahreszeit viel zu kalt, trotzdem schreiten wir unverdrossen ein ganzes Stück weit hinein, bis es etwa 80 Zentimeter hoch ist und wir ein paar Züge schwimmen können.

Wieder draußen, spricht uns ein älteres Ehepaar auf die Temperatur und den Wind an. Wir antworten wahrheitsgemäß, gehen zurück ins Hotel und machen unsere Wäsche. Der Balkon lädt einfach dazu ein.

Elend links, Elend rechts

Am Abend müssen wir wieder ein ganzes Stück gehen: nach Grau d'Agde. Schon der Name lässt nichts Gutes ahnen, und die Realität steht dem Namen in nichts nach. Es ist so hässlich hier!

Überall steh'n diese Kisten für die Käfighaltung von Touristen – daraus sollte ich eventuell einen Sprechgesang-Hit entwickeln – die Mehrzahl der Fenster ist dunkel, die Markisen der Balkone sind zum Teil zerfetzt, die Rasenflächen (!!) befinden sich im Übergang von tot zu ganz tot.

Die Beköstigungsstationen nahe unseres Hotels sind bessere Frittenbuden, in Grau d'Agde gibt es eine Mail (das ist wohl frz. für Mall), auf der steht eine kleine Zeltstadt mit Stühlen und Tischen drin. So kann der Tourist draußen essen, ohne vom Winde verweht zu werden.

Wir gehen diese Mail fast bis ans Ende und finden Le Quai d'Eux, ein kleines Restaurant ohne Zelt. Der Chef kocht, die Chefin macht den Service, die Karte hat keine Bilder, nur Buchstaben und Zahlen. Unser Menu besteht aus Austern, Garnelen und Fischsuppe. Danach einmal Foie und einmal Tete de veau. Dazu lokalen Wein, zum Abschluss Profiteroles und einen Eisbecher mit Aprikosen- und Vanilleeis, dessen Konzept ich nicht verstehe.

Zurück im Hotel funktionieren alle Zugangscodes, und wir können schlafen gerhen.

40 Kilometer hart am Wind

Mittwoch, 10. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 10. Juni 2026 – Das Grauen des Königs

Viel Rummel vor und hinter dicken Mauern

Unser Tag beginnt um sieben Uhr, wir starten in die vierte Woche.

Zuerst bereiten wir das Packen vor, dann gehen wir runter zum Frühstück. Kaum öffnet sich die Aufzugtür, schon schallt uns lautes Reden entgegen – heute ist hier mehr los als gestern. Die ums Eck gehörte Gruppe verlässt allerdings gerade die Bühne, wir bleiben zurück mit drei Mitarbeitern und einem anderen Paar zünftig gekleideter Radfahrer. Neben dem normalen Frühstück kochen wir uns noch zwei Eier und machen Brote fürs Mittagessen. Außerdem entdecken wir, dass die vorbereiteten Crêpes sich leicht erwärmen lassen und dann noch besser mit der Pâte à tartiner schmecken.

Die Gattin geht nach oben, der Gatte wartet noch auf den Chariot, den die Rezeptionistin aus den Untiefen des Hauses hervorschiebt. Aus dem Fahrstuhl entsteigen die beiden Trikotträger von vorhin mit zwei großen Rollkoffern; offensichtlich doch keine Tourenfahrer.

Hinter der Brücke die Baustelle

Ab Viertel nach neun führt uns das Gerät aus der Stadt hinaus, nach vier Kilometern steht rechts das Ortsende-Schild. Die nächsten zwölf Kilometer teilen wir uns eine schmale Kreisstraße mit den Autos, es werden insgesamt fünf.

Rechts und links der Straße wiegt sich das Röhricht im Wind, der vorhergesagte Wind aus Nord hat es heute nicht geschafft, er hat seinen Vertreter aus West geschickt. Hinter dem Schilf stehen kleine Reispflanzen im Wasser, hier sehen wir endlich, was wir letztes Jahr in der Po-Ebene vergeblich gesucht hatten. Auf den Reisfeldern picken sich Vogelschwärme unterschiedlicher Art und Größe mit ihren langen, spitzen Schnäbeln das Beste raus.

Zuckerpause am Kanal

In Saint-Gilles wird alles neu gemacht. Auch der Radweg. Das bedeutet: kleiner Umweg zum nächsten Kreisverkehr und dann wieder runter zum Weg. Leider kommt man nicht runter, weil zuerst der Bagger und danach noch ein großer LKW hochfahren müssen. Aber kaum hat man unten die Brücke passiert, zack, ist der Radweg wie frisch gemacht.

Zu Anfang fährt man auf neuem, tief schwarzem Asphalt, es folgt eine längere Passage dicht bestreut
 mit hellen Steinchen. Danach wird der Asphalt wieder schwarz, aber wellig, und am Ende gibt es zwei dunkle Spuren – eine hin, eine her. Rechter Hand stehen zwei Meter hohe, verdorrte Disteln, nach einiger Zeit kommen zu den verdorrten noch ein paar frische mit rosa, lila und gelben Blüten. Auf den letzten Metern vor Aigues-Mortes sind die Disteln plötzlich verschwunden.

Mehr Süden geht kaum

Wir erreichen die Stadt zur Mittagszeit, die Gattin fotografiert alles rund ums Haupttor weg, dann setzen wir uns gegenüber auf eine Bank, um die Beute vom heutigen Frühstück zu verspeisen. In einer Asthöhle einer Platane hat sich eine Krähe häuslich eingerichtet. 
Dann kommt ein älteres Ehepaar von drüben auf den Platz. Er hat sein Beatmungsgerät bei sich, in seiner Nase stecken die Sauerstoffschläuche. Man könnte meinen, dass der Name der Stadt Programm sein soll.

Kurz darauf erscheint ein anderes Ehepaar und macht seine leistungsstarken Fahrräder startklar. Papa hat hinten drauf einen Korb, in den er den weißen Hund der Familie setzt, dann klappt er ein weißes Gitter über das Tier, damit der Hund nicht rausfallen oder gar rausspringen kann. Der Hund schaut so, als habe er beim Familienrat nicht dafür gestimmt, diese Fahrt zu unternehmen.

Die „Sammlung der Wasser“ wird „Meer“ genannt und das trockene Land „Erde“

Nach dem Essen geht es weiter in Richtung Meer, wir erreichen das Grauen des Königs. Die Legende sagt, dass der spätere Thronfolger seine Sommer mit großem Hofstaat am Meer verbringen musste und ihm jedes Jahr davor graute. Wenn man sieht, was aus der Gegend geworden ist, kann man das verstehen.

Auf einem relativ schlechten Radweg geht es weiter in Richtung La Grande Motte. Von der anderen Seite grüßen andere Radreisende mit Winken und lautem Klingeln. An der Betonabtrennung zur Straße wachsen Gräser, die haben große Fruchtstände, und deren Schatten tanzen wie Käfer oder Fliegen auf dem Boden. Kurz drauf erreichen wir Le Vidourle, das ist wahrscheinlich 20. Fluss, den wir auf dieser Reise sehen oder überqueren.

Der letzte Fluss vor Montpellier

Bei La Piazzetta bekommen wir einen sehr guten Espresso. Um uns herum ist der Brutalismus der Siebziger Jahre in Beton gegossen, in Deutschland stünden die Ferienbauten garantiert unter Denkmalschutz. Dass die Franzosen das auch gemacht haben, darf bezweifelt werden. An den Fenstern der Massenunterkünfte sieht man, dass es heute Eigentumswohnungen sein müssen, deren Eigner weit reichende Befugnisse haben: Statt einer seitlichen Fensterform gibt es heute sieben verschiedene.

Einerseits sehen wir viele Alte und Gebrechliche, die hier wohl viel Zeit in ihren Wohnungen verbringen. Andererseits hat man aber, wenn man hier so durchfährt und die Sprachen hört, die gesprochen werden, das Gefühl, dass die Idee an Ost- und Südosteuropäer verkauft wird, die hier noch die Reste abfrühstücken.

Jean Balladurs Bild vom schönen Wohnen

Auf uns warten noch etwa 20 Kiloimeter bis Montpellier. Der Weg ist in Ordnung, manchmal ein bisschen wild, vor allem, wenn es am Ende in die große Stadt geht. Diese Stadt empfängt uns sehr modern. Sowohl in puncto Nahverkehr als auch in puncto Städtebau.

Unser Hotel steht direkt am Bahnhof Saint-Roch, etwa fünf Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Das Zimmer hat einen großen Balkon, wir können also viel Wäsche waschen. Parallel reservieren wir die nächsten beiden Übernachtungen und machen uns fein fürs Abendessen.

Was uns hier im Hotel auffällt, ist, dass das relativ kleine, aber recht hohe Bad mit Fliesen im Format 120x20 Zentimeter geschmückt ist. Und diese Fliesen sind hochkant verlegt, was das  schmale Bad zusätzlich streckt.

La Comedie, Zentrum einer beeindruckenden Großstadt

Der Weg ins Zentrum führt durch von der Polizei bewachte Straßen zur Place de la Comedie. Von dort gehen wir zur Esplanade Charles de Gaulle und fragen uns, warum z.B. der Frankfurter Rossmarkt nicht ähnlich funktional und sehenswert gestaltet werden konnte. Auf einer steinernen Bank suchen wir uns einen Platz fürs Abendessen aus, den wir gleich per Telefon reservieren.

Zum Essen sitzen wir draußen, neben uns nimmt später eine Französin Platz, mit der wir ins Gespräch übers Essen und unsere Reise kommen. Das Konzept des Lokals ist clever, denn jeder hat eine Kindheit und erinnert sich an das Essen von früher. Wir nehmen einen Ricard und einen Panaché, teilen uns vier Beignets de courgettes und essen dann zwei Tartar, eins vom Lachs und eins vom Rind. Dazu gibt's Wein, danach einen Café gourmand und ein Tiramisù framboise-pistache.

Die Nachbarin verabschiedet sich, wir machen uns ebenfalls auf den Weg.

Von der antiken Kleinstadt in die Großstadt ohne antike Geschichte

Dienstag, 9. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 9. Juni 2026 – Planschen auf höchster Ebene

Wo Arles sich trifft

Das Frühstück ist deutlich unterdurchschnittlich. Der Raum ist riesig und nicht gut besetzt. Das schafft keine angenehme Atmosphäre.

Interessant ist die rotbekleidete Spanierin, die es wohl darauf angelegt hat, das Personal zu quälen. Anschließend fischt sie sich zwei Eier aus dem Kochwasser, lässt sich zwei Eierbecher bringen, setzt sich an einen Tisch und haut mit einem kleinen Löffel immer wieder abwechselnd auf die Eier. Wenn man ihren Gesichtsausdruck als Maßstab nimmt, ist sie mit dem Ergebnis zumindest nicht ganz zufrieden.

Wir atmen heute mal durch.

Absolutes Top-Niveau!

Nach dem Frühstück gehen wir kurz aufs Zimmer, dann mit den Rechnern bestückt wieder runter in die Halle. Bis etwa 13 Uhr beschäftigen wir uns mit Rechnungen, Blog, Fotos und weiteren Reiseplänen.

Dann gehen wir wieder hoch, um uns fürs Schwimmbad umzuziehen. Das klappt gut, leider ist das Zimmer nicht gemacht, und die Damen verabschieden sich zum Mittagessen.

Wir fahren hoch auf die Dachterrasse im vierten Stock. Das erfordert ein gewisses Auf und Ab sowie den Wechsel des Fahrstuhls. Oben angekommen, treffen wir ein Mitglied einer tunesischen Fußballnationalmannschaft (U19, U21, U23?), die aktuell in Arles und bei uns im Hotel weilt, um an einem Turnier teilzunehmen. Er hält es nicht lange mit uns aus.

Gassen, die leben

Das Becken ist etwa zehn mal acht Meter groß und einen Meter fünfzig tief. Von der Terrasse sieht man die Kathedrale, einige Dächer von Nachbarhäusern und die gesamte Technik des Hotels, die auf dem Dach untergebracht ist. Wir halten es nicht lange mit ihr aus.

Zurück im Zimmer duschen wir, buchen das Hotel für den nächsten Tag und legen uns hin.

Um halb sechs klingelt der Wecker, wir machen uns stadtfein und wollen zum Abschied nochmal in alle Gassen schauen. Das klappt noch besser als erwartet, wir gehen durch Ecken, die uns beim letzten Besuch nicht aufgefallen waren und die heute wie kleine Oasen im städtischen Alltag wirken.

Das Haus links vorne steht zum Verkauf

Einige Häuser sind sehr schön renoviert, viele haben das zwingend vor sich, viele scheinen aufgelassen. Aber fast überall stehen Blumentöpfe und Kästen vor den Häusern, wachsen Oleander und Konsorten aus dem entsiegelten Boden.

Um kurz nach sieben kommen wir zurück auf den kleinen Platz vor L'Antonelle, der heute und morgen leider geschlossen ist. Schräg gegenüber schauen wir ins Fenster des Käseladens, den man vom Fleck weg leerfressen könnte. Es ist eine Schande, dass es sowas in Deutschland nicht gibt.

Uns zieht es weiter in Richtung Rhône, und wir sind nicht die einzigen, die es zieht. Auf dem weiteren Weg sehen wir in einer Gasse ein paar besetzte Tische und fühlen uns angezogen, wenn nicht eingeladen.

Leben direkt an der Rhône

Das Restaurant hat einen Chef und einen Koch. Der eine ist meistens draußen und erinnert an die Chefin von L'artiste in Montélimar: Er spricht in allen Sprachen auf seine Gäse ein, liebt die Koreranerinnen – Mutter und Tochter – an unserem Nachbartisch genau wie die Briten einen Tisch weiter, und er tanzt mit all den Passanten, Wheelies, Skateboardern, Radfahrern und anderen, die seinen Weg vor dem Restaurant kreuzen. Der andere kocht drinnen à l'ancienne.

Es gibt eine Tapenade aus Sardellen, Oliven, Kapern zum Apéritif, Vorspeisen: Fehlanzeige. Dafür stehen vier Hauptspeisen auf der Karte, wir nehmen das Filet de Daurade und daste de Veau. Die Musik ist mindestens so ancienne wie die Küche, die Gattin schmilzt bei beidem dahin.

Als Nachtisch kommen ein Éclair und eine Meringue mit Eis auf den Tisch, am Ende haben wir zu den günstigsten Konditionen dieser Reise sehr gut gegessen.

Déjà-vu 2026 | 8. Juni 2026 – Wo der Papst boxt(e)

Die päpstliche Residenz

Nach uns betreten andere Menschen den Frühstücksbereich. Die feurig-spanische Dame im roten Top, die sich wie eine Muleta zwischen Buffet und Tisch bewegt. Oder die dynamisch-orientierungslose Deutsche, die erst in die Mitte rennt und dann schaut, wo sie eigentlich hin will. Zuletzt die achtsame Amerikanerin im weiten Gewand, die sich den Frühstückstisch mit ihrem Begleiter und zwei iPads teilt bzw. teilen muss.

Wir fahren entspannt 
raus aus Orange. Die Stadt ist auch im Vorüberfahren noch ganz schön.  Dann geht es auf kleinen Wegen in Richtung Caderousse, ein sehr schönes kleines Örtchen. Hier verwirklichen sich einige diesen Traum vom Haus in Südfrankreich mit der Palme vor der Tür und die Hauswände gestrichen in den Farben des Südens. Die Mauern um die Grundstücke sind hoch, die Tore sind zu. Es sieht als, als wären die meisten von ihnen heute nicht da.

Wie komme ich von hier weiter, nachdem ich angelegt habe?

Uns leitet der sehr gut ausgebaute Radweg in Richtung Châteauneuf-du-Pape. An der halte fluvial kommt uns eine achtköpfige Rennradlergruppe entgegen. Die werden jetzt ihren Tag an der Rhône verbringen, viele Alternativen in Form von Hügeln haben sie hier nicht.

Fehlt nur der Gauloises rauchende Franzose auf dem Fahrrad mit Beret basque und Baguette

Der Radweg bleibt perfekt ausgebaut, und wir kommen problemlos nach Avignon. So gut der Weg auch sein mag, es gibt keine einzige Infrastrukturmaßnahme. Kein Café, keine Bar, keine Servicestelle, keinen Supermarkt. Wer hier ein Problem hat, muss immer in die Dörfer, Orte und Städte.

Jetzt sind wir in Avignon. Dem Durchfahrenden reiht sich eine Boutique an die nächste. Die Stadt wirkt dadurch sehr wohlhabend, die Besucher sollten es sein. Wir sitzen gegenüber des Hotel de Ville, wo der Tourist richtig abgekocht wird, und trinken zwei Cappuccini zum Sparpreis von zehn Euro.

Rechts die Stadt, links le pont

Mit der Mittagspause wird es leider nichts, weil die Gattin den Weg an die Rhône scheut. Erst wäre es in Schlangenlinien runtergegangen, dann unter der Straße durch und auf der anderen Seite wieder hoch ans Ufer. Rückweg umgekehrt.

Aus Avignon kommt man nicht so leicht wieder raus mit dem Fahrrad. Das haben wir schon einmal schmerzlich erfahren, heute haben wir eine vorgegebene Route, die sich allerdings auch nicht als Vorteil erweist. Die Biegungen und Wendungen sind überraschend, es geht rauf und runter und dann entlang des recht geraden, langweiligen und sandigen Weges. So essen wir erst in Boulbon, das ist etwa 18 Kilometer südlich von Avignon. Vorher gab es weder eine Bank noch eine andere Möglichkeit. Die Stimmung ist leicht gereizt.

Auf der anderen Seite liegt Beaucaire

Nach der Pause vor der Kirche fahren wir auf der D35 nach Tarascon und von dort über die Brücke nach Beaucaire, an das wir auch nicht unbedingt die besten Erinnerungen haben. Die Stadt kämpft um jeden Touristen, wir gewinnen in der Folge das Gefühl: auch mit unfairen Mitteln. 

Direkt nach der Brücke geht es wieder schwer verständlich links, rechts, rauf, runter. Am Ende sollen wir auf einem Trampelpfad unter einer Eisenbahnbrücke durchfahren und über einen Steg eine Schleuse überqueren. Wir machen alles wie vorgegeben und stehen vor sechs Metallstufen. Dass wir die Räder heben müssen, hebt auch nicht gerade die Stimmung.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Nach dem Heben ist der offizielle Weg gesperrt. Die Umleitung ist schwer nachzuvollziehen. Wir umfahren einen sehr großen Wind- und Solarpark und dann auf dem Deich weiter in Richtung Arles. Der Wind kommt wieder von vorne. Weit ist es nicht mehr, mein Akku signalisiert sinkende Leistungsfähigkeit. Warum soll es ihm besser gehen als uns?

Vor uns fährt ein Einsatzfahrzeug der Deichweg-Kontrolle. Er ist langsamer als wir unterwegs, hat wahrscheinlich eine Klimaanlage im Auto und weicht keinen Millimeter. Im Gegenteil, mal pendelt er nach links, mal nach rechts auf den Schotter. Der dabei frei werdende Platz auf dem Weg reicht nicht zum Überholen. Ich muss dreimal sehr laut werden, dann fährt er nach links, bremst ab und macht für uns den Schotter frei.

In Arles kommen wir schnell zu unserem Hotel. Mit dem Bremsen springt die Akku-Anzeige von über 25 Prozent auf unter zehn Prozent Kapazität. Die Batterie im Rad der Gattin verzeichnet noch 34 Prozent. Solche Differenzen gab es bisher nicht. Ich rufe oben im Zimmer gleich mal bei Mahle an.

Der Mensch am anderen Ende erklärt mir erstmal, dass Männer und Frauen unterschiedlich Fahrrad fahren. Ich bin genau in der richtigen Stimmung für solchen Blödsinn. Dann sprechen wir über Fehlermeldungen der letzten Tage, und er kommt irgendwann doch damit heraus, dass der Motor unserer Räder für unsere Art der Nutzung nicht gemacht seien. Da wäre der neue Mittelmotor die bessere Wahl.

Abgesehen davon, dass es den erst seit kurzer Zeit gibt, wird er nur in MTB verbaut und die Räder sind so hässlich wie alle anderen mit Mittelmotor. Außerdem haben 850 Watt Leistung und über 100 Newtonmeter in meinem Verständnis nicht mehr viel mit Fahrrad zu tun, das sind elektrische Mopeds. Ich bedanke mich aber auf jeden Fall für seine ehrliche Ansage. Mal gucken, wie lange unsere zwei Transporteure unsere Anforderungen noch überleben.

Das alte und neue Zentrum der Stadt

Es ist spät geworden. Wir machen uns auf den Weg hinauf in die Altstadt, schauen kurz bei der Arena vorbei und pressen uns dann bei Gaudina zum Essen auf den schmalen Bürgersteig. Das Essen ist sehr gut. Vorneweg gibt es eine dicke Bouillon safrané aux moules et pâtes, danach ein Ragoût de Taureau. Als Dessert gibt es einmal Fondant intense au chocolat, einmal Paris–Brest.

Wir sprechen über die vergangenen drei Wochen und die damit verbundenen Anstrengungen. Das ist für uns beide kein einfacher Abend. Als erstes Ergebnis beschließen wir, unseren Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, um neue Kraft zu tanken. Drei Tage in einer dieser Touristenschachteln am Mittelmeer werden wir nicht buchen, da muss es andere Möglichkeiten geben.

Vielleicht hätten wir doch hier essen sollen

Der Kellner kriegt auch noch einen ab. Nachdem er den Apéritif schon ohne grignotage serviert und Sekunden später die Vorspeise gebracht hatte, bitte ich ihn nach dem Hauptgang, mit den Desserts noch ein bisschen zu warten. Zehn Sekunden später steht er wieder am Tisch und sagt: „Ils sont déjà fait.“ Das führt zu einem mittleren Ausbruch in meiner Muttersprache, was ihn zunächst überrascht und dann wortlos wieder abziehen lässt.

Ich wundere mich, wie viele Franzosen mich verstehen, wenn ich laut Deutsch spreche.

40 Kilometer schlechte Stimmung

Déjà-vu 2026 | 7. Juni 2026 – Am Abend großes Theater

The empire likes back

Das Frühstück bei ibis ist bunt, sehr bunt. Speisen und Getränke sind okay und entsprechen dem günstigsten Gesamtpreis. Die Schweizer sind auch wieder da, sie machen einen recht entspannten Eindruck und wollen heute auch nicht so weit fahren. Mal gucken, ob man sich unterwegs nochmal zuwinkt.

Tausend Jahre Kirchengeschichte in Viviers

Vor Viviers sehen wir einen riesigen Steinbruch mit ebensolchem Zement- oder Kieswerk daneben. Aus der Stadt grüßt später die imposante Kathedrale über den Fluss, und danach beginnt es, so richtig wild zu werden. Wir überqueren wunderschöne Brücken, sehen rote  Felswände auf der linken Seite der Rhône, und der Wind ist auch heute wieder auf unserer Seite. Gestern war er auf unserer Vorderseite, heute ist er auf unserer Rückseite.

Nach Viviers fahren wir durch La Forêt d'Ur, und hier zeigt sich, wie man so einen Radweg anlegen sollte. Denn im Süden ist es heiß im Sommer, und im Schatten der hohen Bäume ist es wirklich angenehm kühl, während immer noch so viel Sonne durch die Baumkronen kommt, dass man gut sehen kann.

Der heilige Michael passt auf uns auf

Auch heute sind wieder sehr viele Menschen unterwegs. Wir haben viele Familien gesehen mit kleinen Kindern, sowohl als Tagesausflügler als auch als Tourenfahrer. Wenn ein Kind dabei ist, fährt das oftmals auf dem Fahrrad eines Elternteils mit. Wenn es älter ist, fährt es selbst. Einige hängen auch hinten am Fahrrad des Vaters dran, einer hat seinen mindestens zehnjährigen Sohn sogar mit einem Seil von Rad zu Rad mitgezogen.

Spannende Verbindung zwischen alt und neu

Insgesamt man hat schon das Gefühl, dass viele Menschen aus solchem gemeinsamen Tun für sich Honig saugen. Die Schweizer, die wir gestern und heute Morgen beim Frühstück im Hotel gesehen haben, vermittelten dieses Gefühl auch. Sie fuhren aus der Schweiz die Rhône entlang nach Lyon und jetzt weiter bis nach Marseille. Von dort wollen sie mit dem Zug wieder heim in die Schweiz fahren. Er fährt bio, sie mit einem sehr üppig konfigurierten Elektrogerät.

Wie der Zufall es will, bringt uns der Weg in den Süden immer wieder in direkten Kontakt mit der Autoroute du Soleil
. Auf dem Weg nach Montélimar haben wir sie gestern – gefühlt sechs Mal über- oder unterquert. Heute fahren wir ab Mondragon (frz. für Meine Frau) etwa fünf Kilometer neben ihr her.

Überraschung zur Mittagspause

Nach der Mittagspause passiert dann kurz vor Mornas das Unerwartete: Wir sehen die Forteresse de Mornas, die wir schon sehr oft von der A7 aus gesehen haben, aber leider nie ordentlich fotografieren konnten. Jetzt kann Madame in aller Ruhe alle Fotos machen, die sie immer schon mal machen wollte.

Wir haben noch 15 Kiloimeter bis Orange.

Pflanzenschutz auf der Obstplantage

Die Strecke ist auch heute wieder gesäumt von Obstbäumen, Weinstöcken und riesigen Feldern. Mais, Getreide, Paprika, Lavendel – hier wächst, was die Welt braucht.

In Orange angekommen, erwartet uns der erste Kontakt mit Augustus, wir machen einen Bogen drum. Zu unserem Hotel geht es stadteinwärts geradeaus, viel zentraler könnte es nicht sein. Die Rezeption ist dreifach besetzt, dem männlichen Mitarbeiter könnte die Gattin einen ausgezeichneten Implanteur in Würzburg empfehlen.

Das Zimmer ist sehr schön und hat sogar einen Sonnenbalkon. Da machen wir gleich mal große Wäsche. Nach einer Pause geht es hinaus in die Stadt. Die Lokale rund um den großen Platz und am Theater sind durchaus besucht, aber richtig viel ist noch nicht los. Für das Theater sind wir zu spät, es schließt um 19 Uhr. Für die kleine, sehr schöne, aber tendenziell etwas zu kitschig bemalte Cathédrale Notre-Dame-de-Nazareth reicht es aber noch. Ein Glanzstück im Inneren ist die Orgel. Von unten sieht sie aus wie der Kopf eines wilden Tieres, das auf die Gemeinde blickt.

Wo der Kaiser spielen ließ

Wir essen direkt am Theater. Über uns tanzen die Martinets noirs, die wir in Monbéliar vermisst hatten, auf den Tisch kommen eine Planche de fromages et de charcuteries sowie eine Pinsa tomate burrata. Dazu gibt's einen Petit Martin und hinterher noch eine Panna cotta und eine etwas verunglückte Dame blanche.

Am alten Comte vorbei gehen wir zurück zum Hotel. Es ist nicht weit.

Vom Nougat zum Obst, das geht nur in Südfrankreich

Sonntag, 7. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 6. Juni 2026 – Das Tourrettes-Syndrom

Die Brücke, die alles verändert

Heute brauchen wir lange, bis wir rausgekommen. So ist das halt, wenn man nach dem Frühstück im Zimmer noch einen Blog zu Ende schreiben will.

Um zehn Uhr fahren wir los, auf der durchaus befahrenen Route Nationale 7 geht es gut vorwärts. Dann biegt unser Radweg nach links ab auf die „Route des belvédères“, was dazu führt, dass wir einen kleinen Hügel hoch- und nach ein paar Hundert Metern wieder runterfahren. Das muss nicht sein, dann fahren wir lieber durchgehend auf der Straße.

Heute sind außer uns sehr viele Gespanne unterwegs, die Leute wollen ja alle in den Süden. Manche dieser Gespanne haben vorne ganz schmale Pkw und hinten dran einen sehr breiten Anhänger. Der Holländer, der mich dadurch beinahe rasiert hätte, wird sich an die Maße seiner mobilen Unterkunft hoffentlich bald gewöhnen.

Eine interessante Variante sind die zwei Abschleppwagen, die jeweils einen Wohnwagen ziehen. Man könnte denken, dass hier Pessimisten auf dem Weg ans Meer sind. Aber: Ist das wirklich schlüssig? Den Wohnwagen ziehen sie ja sowieso schon. Und wenn am Abschleppwagen etwas kaputtgeht, können sie sich ja nicht selbst abschleppen.

Dort haben wir auch schon einmal gelegen

Nach Tain-l'Hermitage fahren wir auf einem besseren und reich mit feinem Kies bestreuten Weg. Da fährt man am besten zügig, um nicht ins Rutschen zu kommen. 
Der Wind ist ein bisschen gegen uns, aber dafür haben wir ja eine leichte Unterstützung. Um elf machen wir erstmal eine Zuckerpause, kurz drauf der nächste Fluss: Die Isère fließt von Osten ein.

Rückblickend ist es übrigens ein Segen, dass wir nicht die Idee umsetzen, statt der paar überquerten und begleiteten Flüsse die Appellationen zu benennen, die wir vom Radweg aus sehen oder tatsächlich durchfahren. Vom Elsass über das Jura, das Burgund und das Beaujolais hätten wir schon Hunderte auflisten müssen. Und jetzt kämen noch die von den Côtes du Rhône dazu – eine Mammutaufgabe.

Auf dem Weg nach Valence

Bourg-lès-Valence empfängt uns mit einem sehenswerten Naherholungsgebiet. In Valence selbst möchten wir dann
 fürs Mittagessen einkaufen. Das ist nicht leicht. Die Wege durch die Stadt sind sehr schön angelegt, aber die Supermärkte der Stadt sind oberhalb des Radwewgs, und dieser Beziehung halten wir's mit dem TSV 1860 München, unnötige Aufstiege möchten wir uns ersparen.

Ein Blick zurück in den Norden

Auf der anderen Seite der Rhône findet Madame eine Toilette, und während ich warte, spricht mich eine Dame an, die mir helfen möchte. Sie rät mir, nicht zu Carrefour, sondern ein Stück weiter zum großen Intermarché zu fahren. Das machen wir brav, und hinterher suchen wir ein Plätzchen für unsere Mittagspause.

Nach der Mittagspause geht es durch ein schönes Waldstück, danach durch endlose Aprikosen-Plantagen und hinter Charmes-sur-Rhône ergießt sich L'Embroye in die Rhône. Es folgen Le Turzon und 
Eyrieux, und bei Beauchastel fahren wir durch ein großes Fest mit Boule-Turnier und sonstigen Vergnügungen für Jung und Alt.

In La-Voulte-sur-Rhône würde die Gattin am liebsten bleiben, spätestens jetzt haben wir endgültig den Süden erreicht. Aber wir müssen über die Brücke, denn unsere Hotelbuchung in Montélimar ist nicht stornierbar. Wenig später wird dieses Weiterkommen abrupt verhindert, die Brücke über La Drôme ist gesperrt.

Spätestens jetzt sind wir im Süden

Wir fahren natürlich trotzdem erstmal weiter, aber da ist kein Durchkommen, denn nach unseren ersten Metern auf der Brücke sehen wir, dass der Bautrupp tatsächlich auch am Samstagnachmittag arbeitet. Also fahren wir zurück, kommen noch mit einem Schweizer und einigen Franzosen ins Gespräch und folgen dann der Umleitung.

Diese entpuppt sich als zehn Kilometer langes Martyrium. Es ist heiß, und wir haben heute im falschen Vertrauen auf eine geringere Streckenlänge und für die Arbeit gegen den Wind zu viel Energie verbraucht. In Les Tourrettes ist mein Akku leer, und ich erfahre schmerzhaft, was es bedeutet, mehr als 130 Kilogramm Systemgewicht mit eigener Kraft eine fünfprozentige Steigung hinauf zu fahren. Ich habe das Gefühl, das Fahrrad fährt rückwärts.

Entnervt rufe ich in unserem Hotel an, auf der anderen Seite meldet sich Lea, die sich als „Frankfurter Mädel“ vorstellt. Ich lege unser Schicksal in ihre Hände, wir fahren runter in die Bar an der N7, trinken einen Café und warten auf ihren Rückruf. Zur gleichen Zeit hält ein Mercedes-Transporter auf dem dortigen Parkplatz, und ich frage den Fahrer, ob er nicht zufällig nach Montélimar fährt und uns mitnehmen würde mit seinem großen Auto.

Er fährt leider in die andere Richtung, sagt aber, dass wir uns wegen der Strecke nach Montélimar keine Sorgen machen müssten. „C'est tout plat et ce sont seulement dix kilomètres.“ Der Café und die kurze Ruhepause tun ihr Übriges, wir bitten Lea, ihre Bemühungen einzustellen und fahren die restliche Strecke ohne Strom. Das geht besser als erwartet, nach 35 Minuten stehen wir vor unserem Hotel.

Nach 95 Kilometern fühlt sich alles nach Heimat an

Während wir abpacken, kommen zwei Schweizer, die heute auch gelitten haben und froh sind, ihr Ziel endlich erreicht zu haben. Wir spulen unsere Routine ab, legen uns erschlagen hin und schleppen uns gegen halb acht zum Abendessen.

Lea wollte uns eigentlich gut beraten, aber nachdem wir gestern schon sehr distinguiert gegessen haben, reicht uns heute die Cuisine traditionelle an der nächsten Ecke: Chez l'artiste.

Der Künstler auf dieser Bühne ist eine Sie, die Chefin. Sie wirbelt über die Terrasse, spricht mit allen Gästen in der Sprache, die sie gerade für passend hält und macht den Laden tatsächlich zum Theater. Speisen und Getränke gibt es auch, sind aber eher Nebensache. Sie schafft es sogar, den Bub im Lamine-Yamal-Trikot, der den ganzen Abend am Handy spielt, für einige Zeit zurück ins echte Leben zu bringen.

Wir nehmen Salade croustillante au Saint-Marcellin, Rôti de porc grillé und Faisselle d'ardèche bzw. Salade drômoise, Magret de canard und einen Coupe ardoise. Dazu gibt es einen lokalen, roten 14,5-Prozenter, damit kann man einfach nichts falsch machen.

Bleiben nur noch ein paar Gedanken zu Montélimar.

Ich habe diesen Namen – wie wahrscheinlich viele meiner Generation – zum ersten Mal im Jahr 1968 gehört. Und falsch verstanden. Ich glaubte, es gehe in dem Lied um eben diese Stadt, obwohl es um deren bekanntestes Produkt geht: den Nougat.

George Harrison sagte später einmal, dass er das Lied wegen Eric Claptons Naschsucht geschrieben habe, der Montélimars liebte und jede angefangene Süßigkeitenpackung komplett aufessen musste. Claptons sonstiges Suchtverhalten war zwar wesentlich gesundheitsgefährdender, aber nur für dieses galt: „you'll have to have them all pulled out after the Savoy Truffle.

Sehr schöne Strecke mit unschönem Ende