Der Mai ist der Monat der Brüggen-Tage. Das war schon immer so, das muss man ernst nehmen. Deshalb hängen wir an die vier Tage in Liège noch vier weitere in Brügge dran.
Obwohl das gar nicht sooo weit ist, stehen wir schon wieder früh auf. Zum einen will der Junior noch ein paar Höhenmeter von Liège–Bastogne–Liège abfahren, zum anderen wollen wir noch ein bisschen was von Brügge sehen.
Es kommt anders.
Nach erfolgreicher Verabschiedung ereilt uns nach ca. 30 Minuten ein Anruf: „Ihr habt leider vergessen, den Sattel mit in den Twingo zu laden.“ Das ist natürlich falsch, denn mit 38 Jahren ist jeder ist für die Vollständigkeit seiner Siebensachen selbst verantwortlich, trotzdem bitten wir um Zusendung des Standortes, um das gute Stück nachzureichen. Wir sind gerade mit dem Packen fertig und wollen dem jungen Mann nicht den Tag verderben.
Während er La Redoute schon mal ohne Sattel hochfährt, brettern wir auf der E25 nach Remouchans, finden ihn nach kurzer Rücksprache am Auto und wünschen nochmal gute Fahrt.
Wir selbst besuchen den örtlichen Carrefour, um mal zu schauen, was der Belgier so im Supermarkt findet. Wir erstehen zwei kleine runde Dinger mit Tomate und Oliven, die sich beim Verzehr als nicht besonders toll erweisen. Außerdem eine Flasche belgischen Apéritifs mit dem viel versprechenden Namen SPA, den wir zu Hause probieren werden.
Und dann stehen da die Regale mit der Schokolade. Die Hersteller sind uns fremd, ich frage also zwei Spezialistinnen von ca. 10 bis 12 Jahren, welche sie empfehlen können. Sofort hängt sich die Mutter rein und meint, Galler sei die beste. Ob des Preises stehen wir weiter unschlüssig vor dem Regal, da tritt ein Mann an uns heran. Er stellt sich auf englisch als Sohn der Gegend vor, der nach Kanada ausgewandert und aktuell auf Heimaturlaub ist.
Dann bestätigt er, das Galler die beste ist. Und er sagt, dass es direkt neben der Fabrik in Chaudfontaine einen Laden dieses Herstellers gibt, wo man alle Sorten probieren und zu sehr viel günstigeren Konditionen erwerben kann.
Gut, da kommen wir auf unserem weiteren Weg sowieso vorbei, da fahren wir mal raus.
Chaudfontaine ist ein trauriges Stück Belgien. Wenn ich dort jeden Morgen aus dem Haus gehen und das Elend rundum sehen müsste und dann am Abend wieder heimkäme und sich nichts geändert hätte, dann würde ich wahrscheinlich die belgische AfD wählen.
So fahren wir beklommen durch die Straßen, erreichen das kleine, unauffällige Lädchen und gehen mal rein. Die Dame des Hauses freut sich über jeden, der kommt, sie lädt uns zum Probieren ein und weist auf die aktuellen Angebote hin. Die Schokolade ist super. Es gibt noch viel Osterzeug, aber das brauchen wir nicht, da waren wir neulich schon in Italien erfolgreich. Jetzt kaufen wir zehn Tafeln zum Preis von sieben, wobei der „reguläre“ Preis pro Tafel fast einen Euro unter dem im Supermarkt liegt.
Gut versorgt geht's zurück auf die Autobahn und endlich in Richtung Brügge.
Die E40 führt uns nach und durch Brüssel, wo riesige Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen (tolles Wort!) den Verkehr ausbremsen. Von der Stadt sieht man wenig, gegen 16 Uhr erreichen wir unser Hotel.
Mit dem Auto kommt nicht vors Haus, ich gehe also zu Fuß und lasse die Gattin im und mit dem Auto am Straßenrand zurück. Als ich guter Dinge zurückkomme, beschwert sie sich, dass man nirgendwo legal halten könne und das Auto wahrscheinlich schon von zwei Mitarbeitern des hiesigen Ordnungsamtes notiert worden sei. Mal sehen, wann die Anzeige kommt.
Wir wollen nicht jammern, sondern lieber was von Brügge sehen. Also packen wir zügig aus und machen uns gleich auf den Weg in die Stadt.
Sie trifft uns völlig unvorbereitet.
Brügge ist völlig überlaufen von Menschen wie uns. Durch jede Straße, jede Gasse und über jeden Platz schieben sich die Massen. Etwa die Hälfte der lokalen Geschäfte bietet Schokolade, Tand und Waffeln an. Vor der Kathedrale dreht eine Fünfundzwanzigjährige mit Hilfe ihrer Aufnahmeleiterin ein Tanzvideo für ihren Insta-feed. Das sieht nicht nur peinlich aus, das ist peinlich. Überall sieht man Einzelne und Gruppen mit Deppen-Zepter. Und rund um die Plätze wetteifern die Restaurants mit Tischen und Stühlen um Opfer.
Die Preise sind ambitioniert. Das berühmte belgische Bier kostet fünf bis sechs Euro pro 0,3-Liter-Dosis, Vorspeisen werden für 20 Euro angeboten, Hauptspeisen für das Doppelte. Und abgesehen von Burgerbude, Thai und Italiener gibt es überall praktisch das immer Gleiche: Boulets, Rinder- oder Fisch-Stew, Croquettes mit Käse oder Shrimps oder Muscheln in vier verschiedenen Zubereitungen.
Wir gehen nochmal zurück ins Hotel, um uns vom ersten Schrecken zu erholen. Danach gehen wir zu Mozart, dem Restaurant, das auf Spareribs spezialisiert ist und konzeptionell an Bouillon-Chartier erinnert. Der Küchenchef erzählt am Ende des Abends, dass seine kleine Brigade an guten Tagen etwa 700 Teller raushaut.
Wir wünschen eine gute Nacht.




























