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Dienstag, 16. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 15. Juni 2026 – „Ich bin ja gern so irgendwie“

So schön werden wir das wohl lange nicht mehr sehen

Der Frühstücksraum bei Mercure besticht mit einer sehr eigenwilligen und sehr unterschiedlichen Bestuhlung. Teilnehmer heute: ein Mann wie ein Berg, eine junge Frau, die eventuell zu viele Filme mit Esther Williams gesehen hat und ihr heute, zumindest optisch, nacheifert, und eine Mitarbeiterin in der Anlernphase, die alle Bestecke, Gläser und sonstigen Teile mit bloßen Händen genau dort anfasst, wo nur der jeweilige Gast sie berühren sollte.

Die Kaffeemaschine wird zum Treffpunkt der Verzweifelten, eine sitzt mir gegenüber. Meine eigene Verzweiflung rührt daher, dass ich mein Spiegelei selbst versaut habe, weil ich nicht in der Lage war, genügend Öl in dieses Förmchen zu kippen. Also richtig nett hier.

Pont canal mit Gitter

Komoot leitet uns sehr effizient aus Toulouse heraus direkt an den Canal latéral à la Garonne. Anfangs ist der Weg aus Beton und etwa zwei Meter breit. Links verläuft die Autobahn, rechts fließt das Wasser. Nach etwa sieben Kilometern unterqueren wir die Autobahn, sie biegt nach rechts ab, der Weg wird
 einen Meter breiter und ist asphaltiert. Ab Kilometer zehn wird er wieder zwei Meter schmal und es kommen ab und zu ein paar Wurzeln der Bäume durch.

Was alle Abschnitte eint: Es geht schnurgerade nordwärts. Nach einer Stunde haben wir ein Drittel unseres heutigen Tagespensums erledigt und stoppen zwecks Zuckerpause in Saint-Jory.

Mittagspause in Montech

Der Weg fährt sich wie an der Schnur gezogen. In Montech machen wir Mittagspause am letzten Tisch im Schatten. Als wir fast fertig sind, stellen sich zwei Franzosen-Tussis mit ihrem Kleinwagen auf den Parkplatz neben uns und lassen minutenlang den Motor laufen. Aber wir lassen uns nicht wegpesten, sondern laden lieber die vier Herren des städtischen Bauhofs, die inzwischen mit zwei Autos daneben halten, dazu ein, sich an unseren Tisch zu setzen. Die Mädels protestieren, wir fahren und wissen nicht, wie man sich geeinigt hat.

Pont canal ohne Gitter (mit Mauer)

Zwischendurch haben wir mit unserem Hotel geklärt, dass wir schon um 14 Uhr einchecken können. Außerdem habe ich mit einer Domaine in den Cévennen über den Preis und die Lieferung ihres Viogniers verhandelt. Die Dame wird ein Angebot schicken.

Moissac empfängt uns mit seiner Kanalbrücke über den Tarn. Das kleine Flüsschen, das wir aus der Region Cahors kennen, ist vor seiner Mündung in die Garonne richtig erwachsen geworden. Nach der Brücke fahren wir durch eine lange, schattige Allee in die kleine Stadt. Unser Hotel ist riesig und steht direkt am Fluss, der Empfang ist freundlich, das Zimmer in Ordnung.

Wohin man schaut, das gleiche Bild

Besonders schön ist der kleine Balkon mit Blick auf die Tarnbrücke. Praktisch ist er auch, denn was wir jetzt waschen und hier aufhängen, wird von der Sonne binnen kürzester Zeit getrocknet werden. Da nutzen wir die Gelegenheit und waschen gleich noch einige Polos mit.

Die Pause dauert infolge grassierender Erschöpfung etwas länger. Danach machen wir ein bisschen Büro, planen die letzten Tage unserer Reise, bestellen den Viognier und machen uns fürs Abendessen fein. Das Angebot ist heute eingeschränkt, denn am Montag haben bekanntlich viele Restaurants geschlossen.

Seit fast 200 Jahren überbrückt sie den Tarn

Ein paar Hundert Meter weiter befindet sich La guinguette de l'uvarium, ein kleines, tempelartiges Gebäude mit separat aufgestellten Sanitär- und Küchencontainern und etwa 30 Tischen draußen. Viele werden heute Abend besetzt, wir hatten reserviert. Zum Apéritif gibt es gebratene Tintenfischchen und drei Tapenaden mit in Öl ausgebackenem Brot. Als Hauptgang nehmen wir zweimal Tartare de boeuf, als Nachtisch eine Dame blanche und ein kleines Eis.

Das Essen ist akzeptabel, die Gattin meint, das Eis sei am besten gewesen. Der Pic Saint-Loup ist in Ordnung, der Service ist grottenschlecht. Da streifen völlig motivations- und kenntnisfreie Menschen in schlampiger Klamotte um die Tische herum, die Teller und Zubehör zwar bringen und abräumen können, aber nicht wissen, was sie tun.

Dafür sind die anderen Gäste interessant. Am Zweiertisch neben uns sitzen zwei mittelalte, jugendlich aufgedüste Französinnen, die aufeinander einreden. Eine von ihnen singt gerne zu laut und zu falsch mit, wenn von drinnen populäre Musik ertönt. Nach den Französinnen übernimmt ein englisches Paar mit Hund den Tisch. Er ist optisch ein Unsympath par excellence, sie trägt ihre Weiblichkeit etwas zu offensiv in die Welt. Der Hund macht einen sehr sympathischen Eindruck, er ist halt an die Falschen gekommen.

Mir gegenüber nehmen drei überschminkte Frauen Anfang dreißig Platz. Wenn man überlegt, dass jedes Teil der Natur seine individuelle Schönheit hat, und sieht, was passiert, wenn Menschen mittels Kleidung, Schminke oder Accessoires versuchen, sich zu verschönern, dann muss man verzweifeln.

Wir gehen zurück ins Hotel, reservieren noch schnell den Mietwagen in Bordeaux und legen uns hin. Morgen ist ja schon wieder ein Tag.

Von der Haute-Garonne nach Tarn-et-Garonne

Sonntag, 14. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 14. Juni 2026 – Der Mythos lebt

Frankreich? Spanien? Toulouse!

Heute sind wir früh aufgewacht, aber Frühstück gibt es erst ab acht (schon wieder so ein super Reim). Also räumen wir schon mal unsere Tüten zusammen, das spart später Zeit.

An der Bar ist alles hübsch aufgebaut und besteht auch den Qualitäts-Test. Wir kochen uns ein Ei zum Mitnehmen und belegen noch ein bisschen Baguette fürs Mittagessen. Danach packen wir den Rest zusammen, klären mit unserem Hotel in Toulouse, dass wir ab Mittag ein Zimmer haben und machen uns auf den Weg.

Abschied von Castelnaudary

Um der Hitze zu entgehen – es soll deutlich mehr als 35 Grad warm werden —, schalten wir heute von Anfang an auf volle Lotte. Es sind bloß 65 Kilometer, da reicht der Akku, und wir wollen keine Minute Zeit verlieren.

Der Anfang ist wie seit Cap d'Agde bekannt: gelöcherte Sandpiste, mal feiner, mal grober Schotter, mal oberflächlich, mal vier, fünf Zentimeter tief, keine Bäume. Beim vorsichtigen Fahren habe ich heute gelernt, wie man ein Elektrofahrrad fahren muss: kleiner Gang, fünfmal treten, lange rollen lassen, wieder fünfmal treten, wieder lange rollen lassen und so weiter. Das kostet vielleicht ein bisschen Energie, hat aber den Vorteil, dass man sich auf den Weg konzentrieren und mit wenig eigenem Aufwand sehr entspannt sehr weit fahren kann.

Veritable Freude statt Entspannung kommt dann bei der Passage der Poterie Not auf, die tatsächlich ganz unscheinbar direkt am Radweg liegt. Und da am Sonntag kein Betrieb herrscht, ist man schnell daran vorbeigerauscht. Deren klassische Cassoulet-Schüsseln haben wir zum ersten Mal bei unserem zweiten Toulouse-Besuch (mit Auto) in einem Haushaltswarenladen der Stadt gekauft. In kleinerem Format wären sie auch ganz schön, aber diesmal ist nicht die Zeit für terre cuite.

Ein kulinarisches Schüsselerlebnis

Bei Kilometer 18 steht rechts das Schild mit der Zauberformel „Vous êtes en Haute-Garonne“ und, zack, ist der Weg drei Meter breit, asphaltiert und macht überhaupt keine Probleme mehr. Die Räder fahren wie von allein, wo vorher 80 Prozent der Bäume krank und gefällt oder nachgepflanzt waren, sind jetzt nur wenige Bäume kaputt.

Auf den folgenden Kilometern kann man verstehen, was den Canal du Midi für so viele Menschen so attraktiv macht und gemacht hat. Wir finden es hier ganz große Klasse, und es ist uns egal, wie lange es noch dauert bis Toulouse. Wenn wir so weiter fahren können, fahren wir noch bis sonstwohin.

So soll er sein, der Kanal

Unsere Zuckerpause machen wir im Schatten bei Vaysse. Wir sind jetzt 30 Kilometer gefahren, zuletzt auf der bisher schönsten Strecke am Canal du Midi. Um zwölf Uhr machen wir Mittagspause kurz vor Toulouse. Wir sind völlig begeistert und fragen uns, warum man den Radweg nur in der Haute-Garonne so macht. Gerade wenn und weil der Kanal ein solcher Publikumsmagnet ist, sollte man ihn doch auch so attraktiv wie möglich gestalten. Und das Ganze ist ja keine Erfindung der Toulousains, sondern eine französische Institution.

Nationale Bootsausstellung Toulouse

Wie auch immer, wir schauen den vorbeifahrenden Rennradfahrern nach – Pärchen, Gruppen, Einzelmeister – und steigen irgendwann selbst wieder auf. Wir fahren elf Kilometer an den Hausbooten auf dem Kanal vorbei. Das erinnert an die Fertighausausstellung bei Bad Vilbel, nur halt mit Hausbooten und nicht zum Verkauf.  Gegen halb zwei kommen wir in unserem Hotel an. Das Viertel kommt uns sehr bekannt vor. Wir sind heute zum vierten Mal in der Stadt und fühlen uns gleich ziemlich heimisch.

Die rosa Stadt, die eher eine rote ist

An der Rezeption erwartet uns Laure, die erstmal fragt, wieso wir so spät dran sind, wir hatten doch angefragt, ob wir das Zimmer ab Mittag haben könnten. Wir können das so beantworten, dass sie es durchgehen lässt. Dann gibt sie unseren Pferdchen eine schöne Bleibe samt Steckdose und uns die Zimmerkarte. Wir machen es uns gemütlich, gehen in den Pool auf dem Dach und säubern Betroffenes und Betroffene vom Kanalstaub. Danach Pause bis halb sieben.

Alte Pracht in moderner Stadt

Der anschließende Weg durch Centre ville ist mehr déjà-vu als erwartet. Hier ein Laden, den wir schon besucht haben, dort ein Platz, an dem wir etwas getrunken oder gegessen oder nur gesessen haben. Wir kommen sogar nahe der Markthalle vorbei, wo wir mittags erlebt haben, was ein begabter Metzger mit Fleisch anstellen kann.

22 Uhr an einem Sonntag in Toulouse

Nach etwa einer Stunde des Laufens, Staunens und Erinnerns finden wir uns an der Place de Pont Neuf wieder, die wir als unser Portal in die Innenstadt erkennen. Nicht weit entfernt ist unser Restaurant für heute Abend. Wir werden freundlich aufgenommen, es gibt ein einheitliches Menu mit Pot au feu, Salade campagnarde und Saucisson & terrine de campagne. Danach nehmen wir das Confit de canard und die Mousse au chocolat. Crémant und Vin rouge fließen reichlich, wir finden trotzdem zurück zum Hotel.

Morgen erwartet uns ein neuer Tag.

Vom Canal du Midi ins Paradies

Samstag, 13. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 13. Juni 2026 – Damals nass, heute staubtrocken

Wer einen Fehler wiederholt, ist dumm

Heute ist Internationaler Wellnesstag, darauf muss man auch erstmal kommen.

Unser notdürftiges Frühstück setzt sich zusammen aus Milchbrötchen Schinken, Comté und einem Rest Baguette von gestern. Dazu gibt's lecker Kaffee aus der Nescafé-Dose. Wir müssen nirgendwo hin, müssen uns nicht anstellen, können alles schnell erledigen. Das hilft uns, ein bisschen Zeit zu sparen. Besonders erfreulich: Wir können die Räder vor der Tür unseres Apartments beladen, so dass wir keine großen Trageaktionen haben. 

Zum Schluss bedanken wir uns noch per SMS bei unserem Vermieter Hagge. Er dankt zurück, wünscht gute Fahrt, und schon sind wir draußen auf die Straße.

Dieses Bild haben wir auch in nass

Wir fahren ab Homps gleich auf die D610, die ist relativ frisch gemacht, und es geht gut voran. Der Wind kommt immer noch brutal auf uns zu, und irgendwann entscheiden wir, dass wir jetzt den Motor anmachen, nach Carcassonne fahren und uns dort in den Zug 
setzen. Den Fehler von vor 14 Jahren möchten wir heute nicht noch mal wiederholen.

Einige der Autofahrer, die mit uns die Straße teilen, finden unsere Idee, dass wir uns auf einer Route départmental bewegen, nicht so gut. Sie fahren dann mit 20 Zentimeter Abstand vorbei. Mein als Lehrer sozialisierter Schwager würde sagen: „Edukativer Impetus“, aber das können wir nicht ändern. Wir haben ein Ziel vor Augen, und da fahren wir hin.

Nach einer Dreiviertelstunde sitzen wir in Marseillette in der Bar, in der wir vor 14 Jahren auch schon mal saßen. Da haben wir allerdings nicht draußen gesessen, weil es regnete. Jetzt sitzen wir draußen, denn es ist richtig heiß (auch das spricht für den Transport mit der Bahn).

Mit uns sitzen andere alte Ehepaare draußen und bestellen Café und Chocolat chaud. Drinnen an der Bar sitzen fünf Herren, die sich nicht mit Präliminarien aufhalten, sondern längst bei Pastis, Vin bleu und anderen Getränken mit zweistelligen Volumenprozenten sind. Wir reißen uns irgendwann los und bleiben der D610 bis Trèbes treu.

Heute gibt Trèbes ein ganz anderes Bild ab

Der direkte Weg nach Carcassonne führt über die D303 und D6113, die auf der Karte beide eine gewisse Ähnlichkeit mit Autobahnen aufweisen. Also beißen wir in den staubigen Apfel und biegen auf den Kanalweg ab. Was uns dabei nervt – Staub, Löcher, Rillen, Schotter –, merken die Menschen, die uns mit Rückenwind entgegenkommen, offenbar nicht. Sie brettern mit 50 bis 60 Millimeter breiten, stark profilierten Reifen über alle Hindernisse. Viele fahren in Gruppen und ohne Gepäck.

Mit uns fährt z.B. dieses Pärchen auf Elektrorollern, mal sind sie vor uns, mal wir vor ihnen. Die haben beide keinen Helm auf, die haben beide kurzärmelig mit 25 km/h auf diesem Weg. Entweder sie fahren sicherer als wir. Oder sie machen sich keine Gedanken. Oder was auch immer. Wir wundern uns.

Bevor wir nach Carcassonne reinfahren, spreche ich noch zwei Herren von der VNF an, die an der Böschung arbeiten, und beschwere mich über die Qualität des Weges. Dafür ist ihr Arbeitgeber zwar nicht zuständig, aber einer von ihnen weist uns freundlich einen anderen Weg, der nicht über den Schotter in die Stadt führt. So kommen wir an einem Radfahrer vorbei, der auf seiner Schulter einen Ara spazierenfährt. Er spricht mit ihm, der Papagei antwortet, wir hören ein bisschen zu, wünschen einen guten Tag und fahren dann weiter.

Von dem einen Meer kommen wir

Nach knapp zwei Stunden stehen wir an Fahrrad, Taschen und Körper hellgrau bestaubt vor dem Bahnhof von Carcassonne. Ich stelle mich drinnen am Schalter an, vor mir ein Pärchen aus dem englischsprachigen Raum, ein schwarzer Teenager und eine kleine, agile Rentnerin.

Vorne wird in gutem Französisch diskutiert, die alte Dame macht parallel dem jungen Mann klar, dass er sein Ticket lieber am Automaten kaufen sollte, statt hier Zeit zu verschwenden. So rücke ich einen Platz nach vorne. Apropos vorne: Plötzlich steht der Schaltermann mitten im Gespräch auf und verschwindet. Die Engländer sind verdutzt, verzeifeln, warten ca. zwei Minuten vergeblich und verlassen den Bahnhof unverrichteter Dinge. Die alte Dame bindet mich in ihr Leben ein. Gemeinsam versuchen wir zu ergründen, wo der Schaltermann geblieben ist und was da wohl los war.

Nach fünf Minuten ist er wieder da und verkauft der Kundin eine Hin- und Rückfahrt nach/von irgendwo. Das ist kompliziert, aber von Erfolg gekrönt. Mein Anliegen beantwortet er ohne nachzuschauen: Heute keine Plätze für Fahrräder mehr frei in den Zügen nach Castelnaudary. Die alte Dame schaltet sich ein, fragt ihn nach Busverbindungen, die Räder mitnehmen. Nein, gibt's auch keine.

350 Jahre Romantik vor Carcassonne

Ich gehe geschlagen raus zu meiner Ehefrau und berichte.

Ein paar Meter weiter steht ein Linienbus. Ich gehe hin, spreche mit der Fahrerin, und sie meint, dass es sehr wohl Busse nach Castelnaudary gibt, die Räder mitnehmen. Deshalb und weil heute Samstag ist, soll ich aber bei der regionalen Verkehrsgesellschaft im Internet nachschauen, um das Passende zu finden. Das machen wir drüben auf dem großen, schattigen Platz. Und siehe da: Zwei Erwachsene in unserem Alter zahlen bei der Bahn zwei Euro, sechs von zwölf Fahrradstellplätzen sind um 13.40 Uhr noch frei, der Transport der Räder ist kostenlos, man muss nur reservieren.

Der Zug ist pünktlich, wir sind es auch. Die Stellplätze sind überbelegt, wir quetschen uns mit rein, wir haben ja reserviert. Die anderen Radreisenden haben gute Ratschläge für uns, wie wir uns und die Räder hinstellen sollen. Man kommt ins Gespräch, alle kommen irgendwo her und wollen irgendwo hin.

In Castelnaudary angekommen, gibt es leider keinen Aufzug für die Räder. Wir müssen abpacken und tragen, das hatten wir schon lange nicht mehr. Unser Hotel ist rund zweieinhalb Kilometer vom Bahnhof entfernt, es geht gut bergab. Der erste Eindruck ist erschreckend: billige Hütte am Kreuz der Schnellstraßen. Es kann nur besser werden, und das wird es auch.

Die jungen Inhaber sind fröhlich, der Pool im Garten ist erfrischend, das Zimmer macht seinen Job. Wir legen uns nach dem Schwimmen und Duschen hin und würden am liebsten bis morgen früh durchschlafen. Aber wir haben Halbpension gebucht. Und wir müssen noch klären, wie wir uns neu aufstellen, um mit den 35 Grad zurechtzukommen, die für die nächsten Wochen im Schatten angesagt sind.

Zum Crémant de Limoux nehmen wir Foie gras poêlé und Salade lauragaise, als Hauptgänge werden Linguines de la Mer und Demi-Magret de Canard geordert. Zum Schluss gibt's noch zwei sehr süße Snickers-Variationen.

Mit diesen Zeilen geht es ins Bett. Ab morgen sehen wir, ob unsere neue Planung uns gut weiterbringt.

Erst viel Akku, dann viel Gleis

Déjà-vu 2026 | 12. Juni 2026 – Das Geheimnis im Safe

Hier funktioniert das Zusammenspiel von Romantik, Farben, Bäumen und Lebensgefühl noch

Das Frühstück im Hotel ist richtig mies. Zu wenig von allem, keine Qualität und ein scheiß Ambiente. Kurz: alles, was man sich nicht wünscht.

Wir packen, gehen raus und ich frage die Gattin, ob sie denn alles aus dem Safe genommen hat. Sie guckt nochmal nach und findet eine Brieftasche, die etwa 5.000 Euro in Hundertern enthält. Damit wäre unsere Reise zu einem nicht unerheblichen Teil finanziert, aber wir sind relativ ehrliche Menschen und möchten dem Vergesser des Geldes eine Freude machen. Also überlege ich, wie wir verhindern können, dass sich irgendwer im Hause die Kohle unter den im gleichnamigen Studio fein gemachten Nagel reißt.

An der Rezeption dürchwühle ich die Brieftasche deshalb nochmal und finde die Nummer eines Labors für Blutwerte
. Dort rufe ich an, schildere das Problem und bekomme von meiner Gesprächspartnerin tatsächlich die Mobilnummer des Herrn, dessen Name auf dem Blutwertepass steht. Ich lerne: Datenschutz ist in Frankreich ein hohes Gut.

Cap d'Agde hat auch schöne Seiten

Der Vergesser leitet mich auf seine messagerie um, ich erzähle ihr, wer ich bin, wie ich dazu komme, ihn anzurufen, woher ich die Rufnummer habe und dass es um ein dickes Bündel Geldscheine geht, das ihm gehört. Die Kollegin an der Rezeption muss mich die ganze Zeit loben, aber ihre Augen sagen mir: „Du Idiot. wieso bringst du uns hier um diese Menge Geldes, mit dem wir uns ein super Wochenende machen könnten?“

Egal, wir möchten niemand etwas unterstellen, packen unsere Siebensachen, und da kommt sie nochmal rausgerannt und sagt, dass der Vergessliche am Apparat ist und mich sprechen möchte. Also gehe ich rein und spreche nochmal kurz mit ihm. Er bedankt sich und sagt, dass ich ihm bitte unseren Namen und die Adresse schicken möge. Er wolle sich, wenn das Geld wieder in seinem Besitz ist, nochmal bei mir melden.

Danach können wir endlich losfahren.

Neue Bäume für einen ganz alten Kanal

Um Zeit zu sparen und abzukürzen, lassen wir die Radwege links liegen und fahren auf der Straße. Das heißt: Hinter uns stauen sich immer wieder mal zwei, drei Autos, die nicht an uns vorbeikommen. Wenn sie es dann schaffen, erklären uns einige von ihnen, dass wir auf dem Radweg fahren sollten bzw. müssten. Das nenne ich aufmerksame Gastgeber.

Zwischen Kilometer 12 und 16 reiht sich ein Campingplatz an den nächsten und jeder versucht, den anderen in Sachen Hässlichkeit, Kinderbespaßung mit Bauwerken usw. zu übertreffen. Dann geht es ziemlich hin und her auf schlechtem Boden und aufgerissenen Straßen. Sobald die Straße besser wird, kann man davon ausgehen, dass Autos darauf fahren. So erkennt man die Prioritäten.

Wo die Mathematik die Kurven erfand

Nach ca. 35 Kilometern erreichen wir Beziers, finden einen kleinen Supermarché und decken uns mit dem Nötigsten ein. Die weitere Streckenführung ist unübersichtlich, aber wir finden sie nach einiger Zeit und folgen dem Radweg nach Colombiers. Dort gibt's Mittagessen auf einer schattigen Bank im Zentrum, danach geht es weiter in Richtung Poilhes. Der Radweg wird immer mehr zum „möglicherweise“, die Landstraße zur Normalität.

Irgenwie entspricht das hier unserer Erinnerung an 2012. Damals war der Weg vom Regen durchgeweicht und quasi unpassierbar. Heute ist er von Sonne und Wind ausgetrocknet und staubig. Die fehlenden Bäume tragen ihren Teil dazu bei, keine Romantik aufkommen zu lassen. Die neuen Bäumchen werden lange brauchen, einige haben es nicht geschafft und viele sind vom Wind schon so schräg gestellt worden, dass sie an diesem Kanal niemals werden Schatten spenden können.

Mittagspause in Colombiers

So kommen wir zügig nach Montenvac-en-Minervois, wo die Penichettes in Reihe am Ufer liegen und schöne Menschen im Rentenalter vom Mittagessen zurück zum Boot streben.

Via Appia heute

Wir haben nicht mehr weit nach Homps, wo wir unweit unseres Hotels von 2012 von deutschen Menschen eine schön gemachte FeWo für eine Nacht gemietet haben. Leider kommen wir erstmal nicht rein, weil wir zu zaghaft mit dem System umgehen. Aber dann klappt es, wir packen ab und spritzen erstmal unsere Pferdchen ab.

„Da fahre ich nicht rein.“

Danach überweisen wir die Miete, korrespondieren mit Monsieur Masson, der unser Verhältnis zu Champagner abfragt – eventuell ist er jüngster Spross der Champagner-Dynastie Masson und möchte uns zum Dank ein Fläschchen schicken. Eine Palette wäre auch nicht verkehrt, bei unserem Konsum.

Improvisierter Apéritif mit mitgebrachten Nüsschen

Zum Abendessen gehen wir nur ein paar Schritte nach rechts. Der Garten ist gut befüllt, hier gibt es spanische Vorspeisen und Fleisch vom Grill (agneau und boeuf). Als Begleiter empfiehlt uns die überschminkte Mittvierzigerin einen lokalen Minervois, das ist eine gute Idee. Nachtisch lassen wir ausfallen, wir müssen ja noch den Chardonnay niedermachen, den unser Vermieter uns spendiert hat.

So landen wir alle früher oder später in der Horizontalen.

Knapp 90 Kilometer gegen den Wind

Freitag, 12. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 11. Juni 2026 – „Il n'y a pas de piste“

Architektonische Überraschung in Montpellier

Frühstück gibt's unten in der Halle. Als wir kommen, sind alle Tische gut besetzt. Auswahl und Qualität des Angebots sind begrenzt, mancher würde sagen: beschränken sich auf das Nötigste.

Wir halten es mit den englischen Damen, die sich beim Hotelchef beschweren: „The food was terrible and the portions too small,“ und machen uns je zwei belegte Brötchen für den Mittag. Die etwas absondserliche Art des Fliesenspiegels in unserem Bad hat man in den Eingangsbereich übernommen. Vom Bahnhof dringt die fröhliche Lautstärke der um die Ecke düsenden Straßenbahnen herüber.

Wir kommen gut aus der Stadt heraus. Einmal stehen wir an einer Ampel fälschlicherweise auf der Fußgängerspur. Nachdem die Gattin dies erkannt hat, schiebt sich eine agile Seniorin in Laufklamotten demonstrativ vor uns und weist uns auf den faux-pas hin. So eine blöde Kuh.

Der Weg ist schwierig heute. Es ist alles wahnsinnig hässlich hier. Natürlich gibt es ein paar alte Ortskerne, aber mit den Jahren ist diese riesige Infrastruktur geschaffen worden für Autofahrer, für Bootsbesitzer. Und als das alles fertig war, wurde eine Infrastruktur für  Radfahrer gfeschaffen, die sich allerdings komplett an die bereits vorhandenen Strukturen anpassen musste. Das heißt: Wenn man eine Brücke überqueren will, fährt man vorher und nachher mehrere wilde Schleifen unter der Brücke durch links, nochmal unter der Brücke durch rechts und auf der anderen Seite genauso wieder runter.

Am Kanal heißt manchmal auch über den Kanal

Die Bebauung sieht hier genauso aus wie überall, wo jemand mal irgendwann eine Touristensiedlung gebaut hat oder hat bauen lassen Die Hässlichkeiten, von denen man gelernt hat, dass sie funktionieren, die baut man einfach überall wieder hin, weil man weiß, dass sie funktionieren, weil die Leute kommen und hinterher sagen, das es toll war.

Am Kanal heißt manchmal auch freier Blick zum Mittelmeer

Unser erster Eindruck ist eher, dass es stinkt es, weil viele der Wasserflächen im Sommer vertrocknen und dann ein beißender Geruch von Algenresten und Vogelscheiße die Luft verpestet. übrig.

Mittagessen gibt es um 12:30 Uhr vor einer Apotheke in Sète. Danach fahren wir auf einem schmalen Weg stur geradeaus am Meer entlang. Links stehen große Neubauten, und man nennt es Centre technical. Kurz darauf passieren wir eine große Kunstakademie, und so, wie die Lioneser ihre Markthalle nach dem einen benennen, benennen die Sétois ihre Kunstakademie nach dem anderen.

Sète präsentiert sich heute einladender als früher

Hinter Sète geht es auf die Strecke am Strand – langweilig geradeaus, links die Düne vor dem Meer, rechts Parkplätze, Toiletten und eine Busspur. Ein riesiger Campingplatz zieht sich dann rechts über die letzten fünf Kilometer des Landstücks am Ètang de ThauCamping Le Castellas. Bei unserem ersten und letzten Besuch im Hérault, vor 25 Jahren, gab es neben der wesentlich schmaleren Route départemental nichts. Bei unserem späteren Rundgang durch Cap d'Agde werden wir sehen, dass die Planer der Ferienanlagen mit den Planern der Campingplätze nicht zwingend identisch, aber wahrscheinlich sehr gut bekannt waren.

Irgendwo fahren wir fast in zwei ältere Teutonen, die uns bereits gestern auf dem Weg nach Montpellier negativ aufgefallen waren. Der ältere steht strategisch günstig und von einem hohen Oleanderbusch verdeckt in einer Rechtskurve. Meine Beschwerde kommentiert der jüngere mit Klatschen und blöden Sprüchen.

Vor 25 Jahren war das hier noch nicht so idyllisch angelegt

Mit jeder gefahrenen Minute nimmt der Westwind zu. Das kostet eigene und Akku-Kraft. Am Boulevard des volcans biegen wir von der Strand-Route ins städtische Gewirr ab. Jetz folgt die Erkenntnis, dass auch in Cap d'Agde der Verkehr bevorzugt für das Auto geplant wurde. Die Straßen sind eng, die Radwege teilweise unwegsam. Ein älterer Herr, der mit seiner Frau vor uns fährt, bremst nach einem Kreisverkehr abrupt ab und konstatiert, dass der Weg einfach nicht mehr weiter geht.

Die Rezeptionistin in unserem Hotel ist sehr kundenorient und recht knapp bekleidet. Etwas zu kurz sind auch ihre Kenntnisse des O'Logis-Treuprogramms geraten. Das Hotel selbst hat schon bessere Zeiten gesehen. Das hoffen wir zumindest, denn man sieht es ihm nicht an.

Wir lassen uns davon nicht die Freude verderben, ziehen uns um und gehen ins nahe Meer. Es ist etwa zehn Zentimeter hoch und unserer Meinung nach für die Jahreszeit viel zu kalt, trotzdem schreiten wir unverdrossen ein ganzes Stück weit hinein, bis es etwa 80 Zentimeter hoch ist und wir ein paar Züge schwimmen können.

Unser Restaurant versucht noch, uns mit Tbc-Koordinaten und Brisantines gewogen zu stimmen, aber wir sind längst weiter.Zum Abendessen finden wir uns praktisch nur wenige Meter entfernt. Sie kauften Croissants, er käuft sich einen solchen 
 
Elend links, Elend rechts

Am Abend müssen wir wieder ein ganzes Stück gehen: nach Grau d'Agde. Schon der Name lässt nichts Gutes ahnen, und die Realität steht dem Namen in nichts nach. Es ist so hässlich hier!

Überall steh'n diese Kisten für die Käfighaltung von Touristen – daraus sollte ich eventuell einen Sprechgesang-Hit entwickeln – die Mehrzahl der Fenster ist dunkel, die Markisen der Balkone sind zum Teil zerfetzt, die Rasenflächen (!!) befinden sich im Übergang von tot zu ganz tot.

Die Beköstigungsstationen nahe unseres Hotels sind bessere Frittenbuden, in Grau d'Agde gibt es eine Mail (das ist wohl frz. für Mall), auf der steht eine kleine Zeltstadt mit Stühlen und Tischen drin. So kann der Tourist draußen essen, ohne vom Winde verweht zu werden.

Wir gehen diese Mail fast bis ans Ende und finden Le Quai d'Eux, ein kleines Restaurant ohne Zelt. Der Chef kocht, die Chefin macht den Service, die Karte hat keine Bilder, nur Buchstaben und Zahlen. Unser Menu besteht aus Austern, Garnelen und Fischsuppe. Danach einmal Foie und einmal Tete de veau. Dazu lokalen Wein, zum Abschluss Profiteroles und einen Eisbecher mit Aprikosen- und Vanilleeis, dessen Konzept ich nicht verstehe.

Zurück im Hotel funktionieren alle Zugangscodes, und wir können schlafen gerhen.

40 Kilometer hart am Wind

Mittwoch, 10. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 10. Juni 2026 – Das Grauen des Königs

Viel Rummel vor und hinter dicken Mauern

Unser Tag beginnt um sieben Uhr, wir starten in die vierte Woche.

Zuerst bereiten wir das Packen vor, dann gehen wir runter zum Frühstück. Kaum öffnet sich die Aufzugtür, schon schallt uns lautes Reden entgegen – heute ist hier mehr los als gestern. Die ums Eck gehörte Gruppe verlässt allerdings gerade die Bühne, wir bleiben zurück mit drei Mitarbeitern und einem anderen Paar zünftig gekleideter Radfahrer. Neben dem normalen Frühstück kochen wir uns noch zwei Eier und machen Brote fürs Mittagessen. Außerdem entdecken wir, dass die vorbereiteten Crêpes sich leicht erwärmen lassen und dann noch besser mit der Pâte à tartiner schmecken.

Die Gattin geht nach oben, der Gatte wartet noch auf den Chariot, den die Rezeptionistin aus den Untiefen des Hauses hervorschiebt. Aus dem Fahrstuhl entsteigen die beiden Trikotträger von vorhin mit zwei großen Rollkoffern; offensichtlich doch keine Tourenfahrer.

Hinter der Brücke die Baustelle

Ab Viertel nach neun führt uns das Gerät aus der Stadt hinaus, nach vier Kilometern steht rechts das Ortsende-Schild. Die nächsten zwölf Kilometer teilen wir uns eine schmale Kreisstraße mit den Autos, es werden insgesamt fünf.

Rechts und links der Straße wiegt sich das Röhricht im Wind, der vorhergesagte Wind aus Nord hat es heute nicht geschafft, er hat seinen Vertreter aus West geschickt. Hinter dem Schilf stehen kleine Reispflanzen im Wasser, hier sehen wir endlich, was wir letztes Jahr in der Po-Ebene vergeblich gesucht hatten. Auf den Reisfeldern picken sich Vogelschwärme unterschiedlicher Art und Größe mit ihren langen, spitzen Schnäbeln das Beste raus.

Zuckerpause am Kanal

In Saint-Gilles wird alles neu gemacht. Auch der Radweg. Das bedeutet: kleiner Umweg zum nächsten Kreisverkehr und dann wieder runter zum Weg. Leider kommt man nicht runter, weil zuerst der Bagger und danach noch ein großer LKW hochfahren müssen. Aber kaum hat man unten die Brücke passiert, zack, ist der Radweg wie frisch gemacht.

Zu Anfang fährt man auf neuem, tief schwarzem Asphalt, es folgt eine längere Passage dicht bestreut
 mit hellen Steinchen. Danach wird der Asphalt wieder schwarz, aber wellig, und am Ende gibt es zwei dunkle Spuren – eine hin, eine her. Rechter Hand stehen zwei Meter hohe, verdorrte Disteln, nach einiger Zeit kommen zu den verdorrten noch ein paar frische mit rosa, lila und gelben Blüten. Auf den letzten Metern vor Aigues-Mortes sind die Disteln plötzlich verschwunden.

Mehr Süden geht kaum

Wir erreichen die Stadt zur Mittagszeit, die Gattin fotografiert alles rund ums Haupttor weg, dann setzen wir uns gegenüber auf eine Bank, um die Beute vom heutigen Frühstück zu verspeisen. In einer Asthöhle einer Platane hat sich eine Krähe häuslich eingerichtet. 
Dann kommt ein älteres Ehepaar von drüben auf den Platz. Er hat sein Beatmungsgerät bei sich, in seiner Nase stecken die Sauerstoffschläuche. Man könnte meinen, dass der Name der Stadt Programm sein soll.

Kurz darauf erscheint ein anderes Ehepaar und macht seine leistungsstarken Fahrräder startklar. Papa hat hinten drauf einen Korb, in den er den weißen Hund der Familie setzt, dann klappt er ein weißes Gitter über das Tier, damit der Hund nicht rausfallen oder gar rausspringen kann. Der Hund schaut so, als habe er beim Familienrat nicht dafür gestimmt, diese Fahrt zu unternehmen.

Die „Sammlung der Wasser“ wird „Meer“ genannt und das trockene Land „Erde“

Nach dem Essen geht es weiter in Richtung Meer, wir erreichen das Grauen des Königs. Die Legende sagt, dass der spätere Thronfolger seine Sommer mit großem Hofstaat am Meer verbringen musste und ihm jedes Jahr davor graute. Wenn man sieht, was aus der Gegend geworden ist, kann man das verstehen.

Auf einem relativ schlechten Radweg geht es weiter in Richtung La Grande Motte. Von der anderen Seite grüßen andere Radreisende mit Winken und lautem Klingeln. An der Betonabtrennung zur Straße wachsen Gräser, die haben große Fruchtstände, und deren Schatten tanzen wie Käfer oder Fliegen auf dem Boden. Kurz drauf erreichen wir Le Vidourle, das ist wahrscheinlich 20. Fluss, den wir auf dieser Reise sehen oder überqueren.

Der letzte Fluss vor Montpellier

Bei La Piazzetta bekommen wir einen sehr guten Espresso. Um uns herum ist der Brutalismus der Siebziger Jahre in Beton gegossen, in Deutschland stünden die Ferienbauten garantiert unter Denkmalschutz. Dass die Franzosen das auch gemacht haben, darf bezweifelt werden. An den Fenstern der Massenunterkünfte sieht man, dass es heute Eigentumswohnungen sein müssen, deren Eigner weit reichende Befugnisse haben: Statt einer seitlichen Fensterform gibt es heute sieben verschiedene.

Einerseits sehen wir viele Alte und Gebrechliche, die hier wohl viel Zeit in ihren Wohnungen verbringen. Andererseits hat man aber, wenn man hier so durchfährt und die Sprachen hört, die gesprochen werden, das Gefühl, dass die Idee an Ost- und Südosteuropäer verkauft wird, die hier noch die Reste abfrühstücken.

Jean Balladurs Bild vom schönen Wohnen

Auf uns warten noch etwa 20 Kiloimeter bis Montpellier. Der Weg ist in Ordnung, manchmal ein bisschen wild, vor allem, wenn es am Ende in die große Stadt geht. Diese Stadt empfängt uns sehr modern. Sowohl in puncto Nahverkehr als auch in puncto Städtebau.

Unser Hotel steht direkt am Bahnhof Saint-Roch, etwa fünf Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Das Zimmer hat einen großen Balkon, wir können also viel Wäsche waschen. Parallel reservieren wir die nächsten beiden Übernachtungen und machen uns fein fürs Abendessen.

Was uns hier im Hotel auffällt, ist, dass das relativ kleine, aber recht hohe Bad mit Fliesen im Format 120x20 Zentimeter geschmückt ist. Und diese Fliesen sind hochkant verlegt, was das  schmale Bad zusätzlich streckt.

La Comedie, Zentrum einer beeindruckenden Großstadt

Der Weg ins Zentrum führt durch von der Polizei bewachte Straßen zur Place de la Comedie. Von dort gehen wir zur Esplanade Charles de Gaulle und fragen uns, warum z.B. der Frankfurter Rossmarkt nicht ähnlich funktional und sehenswert gestaltet werden konnte. Auf einer steinernen Bank suchen wir uns einen Platz fürs Abendessen aus, den wir gleich per Telefon reservieren.

Zum Essen sitzen wir draußen, neben uns nimmt später eine Französin Platz, mit der wir ins Gespräch übers Essen und unsere Reise kommen. Das Konzept des Lokals ist clever, denn jeder hat eine Kindheit und erinnert sich an das Essen von früher. Wir nehmen einen Ricard und einen Panaché, teilen uns vier Beignets de courgettes und essen dann zwei Tartar, eins vom Lachs und eins vom Rind. Dazu gibt's Wein, danach einen Café gourmand und ein Tiramisù framboise-pistache.

Die Nachbarin verabschiedet sich, wir machen uns ebenfalls auf den Weg.

Von der antiken Kleinstadt in die Großstadt ohne antike Geschichte