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Sonntag, 31. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 30. Mai 2026 – „Les jeunes s'amusent“

Allée enfants!

Frühstück gibt's ab acht Uhr, da können wir vorher schon ein paar der gewaschenen Sachen zusammenlegen und aufräumen. Das Frühstück findet dann draußen statt. Es ist angenehm kühl, ein leichter Luftzug weht unter der vom Weinlaub bedeckten Pergola. Die Auswahl ist très français: Es gibt ein gutes Baguette, ein bisschen Butter, Käse und Marmelade und sehr leckere Croissants.

Und dann kommt doch tatsächlich schon wieder so ein Graubart daher, diesmal mit sportlicher Frau (ist also wie bei uns). Was uns unterscheidet, ist, dass ihm beinah das Rad umfällt, wenn er steht und er selber kaum aufsteigen kann. Dann fährt sie los, und er kommt nicht in seine Klickpedale. So fährt sie davon, und er ruft laut wie einst Fred Feuerstein „Martine“ hinter ihr her. Wenigstens das ist bei uns anders.

Wir machen jetzt noch ein bisschen Körperpflege und fahren dann los. Anfangs auf einer ziemlichen Ruckelpiste raus aus Saint-Jean, dann auf die Landstraße, auf der es deutlich glatter läuft. Klar, die Landstraße ist für Autos gemacht, da darf's ein bisschen besser sein.

Unser Dorf sollte schöner werden

In Richtung Seurre schicken sie uns wieder über einen Ruckelweg, den man eigentlich niemandem zumuten möchte, egal, ob er Fahrrad oder Traktor oder sonstwas fährt. Es geht immer wieder rechts-links, links-rechts usw. Das sieht auf einer Karte sicher hübsch aus, weil man meint, man fährt nett durch die Felder. Aber im Endeffekt dient das alles nur der Idee, die Radfahrer von der Straße zu nehmen.

Das Schlimmste dabei ist, dass die Routenvorschläge von Komoot oder anderen Plattformen genau so funktionieren, wie bei Spotify, bei Amazon, bei Tripadvisor und sonstigen Anbietern. Was der Erste fährt, wird dem Zweiten vorgeschlagen. Der fährt es ebenfalls, weil ihm keine Alternative angeboten wird. Bei allen anderen Anfragen geht das so weiter, und am Ende hat das System gelernt, dass es hier einen super Weg, einen super Film oder was auch immer gibt.

Was auf der Strecke bleibt, ist die Individualität der Nutzer, die Vielfalt der Gesellschaft.

Verdun-sur-le-Doubs – der Name passt

Wenigstens beim Wetter gibt es nichts zu Meckern. Es ist nicht so heiß, leicht bewölkt, und der Wind bläst leise in unsere Richtung. Die nächste Abbiegung führt uns nach Charnay-lès-Chalon und auf den dortigen Spiel- und Rastplatz. Er hat sich leider nicht zu dem Zentrum entwickelt, als das er geplant war. Die Bäume sind relativ klein geblieben, der feine Kiesweg und der Boule-Platz sind inzwischen zu 40 Prozent von Unkraut übernommen. An der Bank, auf der wir Zuckerpause machen, wächst es bis in Sitzhöhe.

Bei Verdun-sur-le-Doubs ist eine wichtige Brücke gesperrt, das bedeutet: die nächste Umleitung. Wir sprechen mit vier Deutschen – Vater, Mutter, zwei Töchter? –, die unterwegs besser aufgepasst haben und wissen, wo diese Umleitung verläuft. Am Ende kommen wir an einer Stelle, die wir bereits von früher kennen, auf den EuroVélo 6 zurück.

Wenig Platz für Fahrfehler

Und der Weg wurde inzwischen frisch gemacht: Auf den Bessunger Kies kippt man große Mengen kleiner Steinchen und hofft, dass die Reifen sie in den Boden pressen und diesen damit festigen. Bei 20 Zentimeter breiten Autoreifen mag das funktionieren, bei 35 Millimeter breiten Fahrradreifen funktioniert es definitiv nicht.

Wir schlittern also mit zu hoher Geschwindigkeit über diese Gravillons. Besonders übel wird es bei Anstiegen, wo das Hinterrad durchdreht. Zwischendurch steht immer wieder mal ein Warnschild, aber das sagt eigentlich nur: „Du, der du dieses Warnschild siehst, pass' auf. Wir haben einen Fehler gemacht, nun sieh zu, wie du damit zurechtkommst.

Pausenbild mit Déjà-vu

Bei der Einfahrt nach Chalon-sur-Saône kommen wir an reichlich Mietskasernen vorbei, die Banlieu reicht bis tief nach Centre ville hinein. Unterwegs kaufen wir bei Carrefour noch fürs Mittagessen und die nächsten Tage ein, um 13:30 Uhr sind wir am Hotel und dürfen noch nicht ins Zimmer.

Also nehmen wir draußen auf der Terrasse Platz, breiten unser Mittagessen aus und überbrücken die Wartezeit mit Essen. Als es dann endlich so weit ist, bringen wir die Räder in den Stall, nehmen Chambre 35 in Beschlag und machen, was wir nach der Ankunft immer machen. Um 18:30 Uhr gehen wir dann zu den Galeries Lafayette direkt gegenüber, wo es übel aussieht und wenig Begehrenswertes angeboten wird.

Früher Abend in Chalon

Apropos übel aussieht: Unser Hotelzimmer ist relativ groß, es enthält vergangene Größe vorspiegelndes Mobiliar, und das Bad ist über eine beidseitig verspiegelte Schranktür zugänglich. Der darin befindliche Spiegel ist aber nur so lange ein Spiegel, bis auf der anderen Seite das Licht angeht. Dann kann man durchschauen.

Der Fußboden ist mit blau-grau melierten Kurzflor-Teppichfliesen verhunzt. Das Bad mit kackbraunen Fliesen gekachelt. Diese Definition der Farbe stammt von der Ehefrau, die solche Wörter sonst ebensowenig in den Mund nimmt, wie z.B. fressen, Scheiße oder kotzen. Die Sanitärobjekte wurden vor nicht allzu langer Zeit erneuert, die Toilette würde man im englischen Sprachraum ob ihres Zustandes als „shit hole“ bezeichnen.

Wir gehen über den Place du Général de Gaulle und durch die Grande Rue zur Île Saint-Laurent, wo die kulinarische Vielfalt der Stadt tobt. Wir haben einen Tisch reserviert, dürfen draußen sitzen (drinnen ist die Stimmung etwas zu erhaben für unseren Geschmack) und werden gut beköstigt. Zum Crémant de Bourgogne essen wir zwei Menüs = 1x quer durch das Angebot. Nach dem Essen kommen wir noch mit zwei anderen alten Deutschen am Nachbartisch ins Gespräch, um kurz nach zehn gehen wir auf bekanntem Weg zurück ins Hotel.

Von der Insel zurück in die Stadt

Der Weg gestaltet sich allerdings etwas anders, denn Paris Saint-Germain hat das CL-Finale gewonnen und die örtliche „Fan-Szene“ spielt Katz-und-Maus mit der Polizei. So schreiten wir, mal schneller, mal langsamer durch Fan-Gesänge, Reizgas-Wolken und umgekippte Mülleimer durch die Straßen zum Hotel.

Der Nachtportier hat mittels eines Stahlrohres die Eingangstür verriegelt, so, wie man das aus US-Western kennt, wenn kurz vor dem Angriff der Indiander der Holzbalken innen quer vor das Tor gelegt wird. Von den drei Fenster-Türen unseres Zimmers können wir den Fortgang der Ereignisse gut beobachten, sie gehen noch länger fort.

Ab jetzt geht es in den Süden

Freitag, 29. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 29. Mai 2026 – Das reinste Zuckerschlecken

Wir fahren nach rechts

Das Frühstück findet unten im Bereich von Rezeption und Aufzug statt, es entspricht dem, was wir von ibis inzwischen kennen. Wir essen reichlich und machen uns wieder ordentliche Baguettes und zwei wachsweiche Eier.

Am Tisch links neben uns sitzt der deutsche Ehemann unter Druck. Er schaut grimmig und zittert während des ganzen Frühstücks mit seinem rechten Bein. Auf der anderen Seite unseres Tisches hält ein wichtiger Mann in zu engem Oberhemd Hof. Tendenziell ist er temporärer Dozent an einem der hiesigen Fachbereiche.

Farben, auf die Pantone neidisch ist

Anfangs sitzt ein knapp 30-jähriger Taschenträger aus Österreich bei ihm am Tisch. Er sagt, was der Erwachsene hören will und wird dafür jovial wohlgelitten. Dann geht der Ösi und der Asiate setzt sich an dessen Platz. Anfangs geht das gut, aber dann doziert der Dozent über China, und der Asiate widerspricht.

So fällt die Temperatur am Nachbartisch abrupt ins Minus, der Dozent lehnt sich demonstrativ zurück und straft den Asiaten mit Nichtachtung. Wenn da eine Prüfung ansteht, möchte ich nicht der Prüfling sein.

Aber uns stehen ja ganz andere Prüfungen bevor. Unser Lotse Komoot macht seinen Job gut, wir kommen schnell wieder auf den EuroVélo 6 und machen auf geübte Weise Strecke in Richtung Saint-Vit.

Ein Durchbruch für die Schifffahrt auf der Saône 

Wir denken an die Rekruten, die entlang dieses Weges vor vielen Jahren mit Dauerläufen gequält wurden, passieren die Schiffspassage durch den Berg bei Thoraise, halten kurz bei der vergitterten Maria und können rechtzeitig etwas Energie zuschalten, weil wir wissen, wo und wann die Anstiege kommen.

Nach rund 25 Kilometern machen wir unsere Zuckerpause. Immer wieder kommen uns alte Männer mit grauen Bärten auf Rennrädern entgegen. Ich kann es langsam nicht mehr sehen. Vor ein paar Jahren fuhren nur alte Männer Rennrad. Dann fuhren plötzlich mehr und mehr junge Männer Rennrad, und inzwischen machen das sogar Frauen.

Das Problem: die jungen sehen auf dem Rennrad meistens viel besser aus als die alten. Sie fahren schneller, sie haben oft ein schickeres Rad, sie tragen Klamotten von Rapha oder Pas Normal Studios, die es in Größen für alte Männer gar nicht gibt.

Da geht's lang

Das einzige, was der alte Mann ihnen noch voraus hat, ist der graue Bart. Den können die jungen auch nicht darstellen. Und deswegen sieht man immer mehr von diesen Graubärtigen, die ihren letzten USP noch mal richtig betonen wollen.

Bei Ranchot erwartet uns eine kleine Umleitung. Wir fragen einen Rennradfahrer, der aus Richtung der Baustelle kommt, und er rät von einer Weiterfahrt ab. Also suchen wir eine Alternative zur sehr weit ausholenden Umleitung und fahren in die andere Richtung. Rechts des Doubs, auf dem Weg nach Barre, werden wir sehr sozial und radverträglich fündig.

Der vertraute Blick auf Dôle

Von der nächsten Biopause bringt die Gattin wilden Majoran mit. Gestern saß sie noch im Bärlauch-, heute im Majoranfeld. Wir werden solche Kräuter nicht mehr kaufen, wer weiß, wer da noch alles drin gesessen hat.

Der Kanal ist auch hier mit Seerosen überseet – Monet hätte seine helle Freude daran. Das Blau des Wassers ist im Farbumfang einer normalen Handykamera gar nicht vorgesehen. Die Gattin versucht trotzdem alle 200 Meter, es irgendwie noch mal einzufangen. Das unterbricht den Rhythmus aber dafür sind wir ja auch hier. Wir wollen unseren Rhythmus ein bisschen unterbrechen.

Südlich von Audelange erreichen wir einen kleinen Kinderspielplatz mit Aire de pique-nique. Der Platz war früher wohl mal ein öffentliches Waschhaus, jetzt teilen wir ihn uns mit vier Bauarbeitern, die gut drauf sind. Um 12:30 Uhr machen wir noch zweimal Duolingo, und dann huschen wir weiter in Richtung Dôle.

Da warn's auf einmal acht – der erste Blick auf die Saône

In Damparis kaufen wir noch kurz bei Intermarché ein: Apfelsaft, Bananen und vier Magnum. Letztere essen wir gleich, das Obst packen wir ein. Bei der anschließenden Fahrt aus dem Ort, überholt uns ein ca. Dreizehnjähriger und schert ohne Not direkt vor mir ein. Dann fährt er 
vor mir Schlangenlinien und wird dabei langsamer.

Ich blaffe ihn von hinten an, dass er den Scheiß lassen und ordentlich geradeaus fahren soll. Entweder ist sein Deutsch sehr gut oder der Ton war international verständlich – er zuckt kurz, fährt noch ein paar Meter anständig und die nächste Möglichkeit rechts ab.

Der Wind ist auch heute wieder auf unserer Seite, so dass wir trotz der zunehmenden Hitze sehr schnell nach Saint-Jean-de-Losne kommen. Der Chef weist uns ein, wir stellen unsere Räder in die Garage, die außerdem als Lager für die Küche, als Werkstatt und als Mülldeponie dient. Danach schleppen wir unsere Siebensachen die steilen 21 Stufen hinauf in Chambre une.

Der Abend senkt sich über die Saône

Wir waschen einiges, machen uns sauber und schlafen bis Viertel vor sieben. Dann geht es runter an die Saône zum Essen.

Wir sitzen schön vorne mit bestem Blick übers Wasser, trinken vorab zwei Picon bière und bestellen anschließend wie folgt: Friture d'ablettes und Carpaccio de boeuf, dann Filet de dorade royale und Tartare de boeuf gefolgt von einer Crème brûlée und zwei Cafés. Dazu trinken wir einen Aligoté und einen Pinot noir aus Chorey-lès-Beaune.

Bevor es ins Bett geht, quälen wir noch einen Steward der Excellence Rhône, die ein paar Meter weiter vor Anker liegt. Das Schiff sieht ordentlich aus, der Steward ist ein bisschen zäh, außerdem möchten wir nicht eine Woche lange mit all diesen Leute auf dem Wasser gefangen sein.

Also gehen wir rüber ins Bett.

60 sind es schon lange nicht mehr, sondern nur noch 48 Gänge westwärts

Donnerstag, 28. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 28. Mai 2026 – „Das ist mein Tag heute!“

Der schönste Radweg der Welt

Kaum sitzen wir beim Frühstück, kommt eine ältere Dame und fragt, ob wir denn aus Reutlingen kommen Da fragt man sich sofort, was man an sich trägt, damit man gleich als Reutlinger erkannt wird. Aber nein, die Dame kommt aus Tübingen und hat gestern Abend auf dem Parkplatz neben ihrem Auto ein Auto mit Reutlinger Kennzeichen gesehen.

Das hat sie emotional wohl so mitgenommen, dass sie jetzt unbedingt diese/n Reutinger finden muss. Wir sind es nicht.

Ein Relikt vergangener Zeiten

Der Speisesaal sieht wirklich toll aus und ist wohl das Tollste, was das Haus zu bieten hat. Leider ist auch er ein bisschen überdekoriert. Da liegt ein riesiger Bär neben dem Tisch mit dem Backwerk. Da stehen sechs Kerzen schräg im großen Kandelaber, weil sie zu schmal sind für dessen Kerzenhalter. Da funktioniert die Kaffeemaschine wie die Klospülung oben im Bad: Obwohl der Prozess bereits abgeschlossen ist, kommt nochmal ein Schwall Flüssigkeit.

Bleiben wir noch kurz im Zimmer oben. Die 
Badezimmertür hat innen zwei Haken für Handtücher. Leider gibt es kein Handtuch, dessen Aufhänger zu den Haken passt. An der Armatur der Badewanne läuft unten mehr Wasser raus als oben. Wenn ich vor dem schmalen Waschbecken stehe und beim Zähneputzen meinen Kopf ein bisschen nach vorne beuge, stoße ich mit meinen wenigen Haaren an den Spiegel, der über dem Waschbecken hängt. Eine Klobürste gibt es nicht.

Kleiner Blütenteppich auf dem Doubs

Der „Kleiderschrank“ ist 50 Zentimeter breit und mit 40 Zentimetern Tiefe zu flach für die Bügel, die darin hängen. Eigentlich haben wir das feinere Zimmer genommen, aber wir sind nicht der Meinung, dass wir das tatsächlich auch bekommen hätten.

Um kurz nach neun ist alles auf die Räder gepackt, es geht los durch die Stadt. Kurz vor dem EuroVélo 6 halten wir im „Parc de la banane“ und telefonieren mit A-ROSA, weil wir eventuell eines derer Schiffe für den Weg nach Arles kapern wollen. 
Von unserer Telefon-Bank und auf dem weiteren Weg sehen wir, dass die kleine Grünanlage von mindestens einer Großfamilie fahrenden Volks okkupiert wurde, die mindestens 60 Fahrzeuge auf den gepflegten Rasenflächen abgestellt hat.

Links und rechts grün, rasen in der Mitte

Wir fahren auf die wunderbare Strecke nach Besançon, und könnten alle paar Meter schreien vor Glück. Elvis Costello hat für solche Fälle sogar ein Lied geschrieben.

In Île-sur-le-Doubs machen wir eine kurze Zuckerpause. Das hat unser Sohn uns beigebracht. Die Kohlenhydrate gehen nach seiner Aussage direkt in die Muskeln und halten sie länger frisch. Die Einheimischen treffen sich am Bankautomaten von Crédit Agricole zum Schwätzchen, und wahrscheinlich schaut jeder mal, wie viel der andere noch abheben kann. 

Bei der Fahrt aus der Stadt hinaus treffen wir auf einer kleinen Brücke zwei andere Ehepaare in unserem zarten Alter. Alle vier fahren feine Rennräder. Die Damen lassen ihr Gepäck von den Herren transpotieren. Sie sind auf dem Weg nach Wien. Wir plauschen kurz über das übliche Woher-wohin und wünschen uns anschließend „Bonne route“.

Vom 
EuroVélo 5 haben wir es über den EuroVélo 15 zum EuroVélo 6 geschafft und fahren inzwischen am siebten Fluss. Um halb zwölf sitzen wir in Pays-de-Clerval auf der Terrasse des Restaurants, wo ich gelernt habe, wie der Franzose einen kleinen Kaffee mit Milch bestellt und trinken einen ebensolchen.

Kapitän Haddock aus Besançon

Auf der anderen Seite des Doubs haben findige Radweg-Gestalter den Radweg neu gestaltet und vor allem: neu definiert. Statt wie bisher langsam und kontinuierlich auf der Hauptstraße hinauf, geht es jetzt abseits dieser Hauptstraße durch kleine Gässchen auf plötzliche Rampen, die auch mit Motor kaum zu bewältigen sind. Die Gattin ist außer sich.

Um halb eins stoßen wir kurz hinter Beaume-les-Dames auf einen kleinen Rastplatz mit einer leeren Bank im Schatten. Rundum sind Familien, sind Kinder, sind Rennradfahrer, ist 
Hopsasa und Trallala. Um 13:00 Uhr machen wir uns auf den weiteren Weg. Wir haben noch etwa 40 Kilometer vor uns und sind noch überraschend gut dabei.

Tausend Farben Grün

Die restlichen Kilometer fahren sich wie von selbst. Der Wind hilft beim Vorwärtskommen und nach jeder neuen Biegung des Doubs höre ich hinter mir ein Jubeln, Frohlocken oder sonstige Glücksbekundungen. In Laissey halten wir für zwei Café und zwei Dame blanche. Bei der letzten Brücke vor der Stadt gibt's ein paar Reibungen, weil Madame sich von irgendwelchen Jungs aus dem Tritt bringen lässt. Ich hatte die Buben zuvor angeblökt, mir hatten sie problemlos Platz gemacht.

Um Viertel nach drei sind wir bei unserem Hotel. Nachdem in der Gegend zuletzt alle Straßen verkehrsberuhig und verschönert worden sind, macht sich jetzt auch das ibis fein. Leider heißt das für uns, dass wir nicht mehr so einfach in die Fahrrad-Garage kommen.

Stadterneuerung auf hohem Niveau

Um halb sieben machen wir uns auf in die Stadt. Nach Montbéliard ist zwar jede Stadt die schönste Stadt der Welt. Aber im Fall von Besançon stimmt das auch ohne Montbéliard. Wir bewundern ehrfürchtig die feinen Häuser, schauen in die Auslagen der Läden, die keiner Kette angehören, und landen am Ende wieder mal bei 1802 am Square Granvelle.

Wir nehmen eine Flasche Crémant du Jura und zweimal das Menu. Jede/r isst, was der, die das andere nicht isst. So kommen wir auf sechs Gänge und sind sechsmal positiv gestimmt. Zuerst gibt es Poulpe mariné und Artichauts frits, dann La pêche française du moment bzw. Quasi de veau. Und zum Schluss noch eine Tartelette aux fraises und ein Paris–Brest.

Square Granvelle vor dem Essen

Am Tisch neben uns sitzt ein schwules Pärchen, dessen Konversation einerseits dem Spektrum der lokalen Universität zuzuordnen ist, sich andererseits aber auch um knutschende Freunde, Kollegen, Bekannte kreist. Hinter der Gattin sitzt ein Pärchen in den späten Vierzigern bis frühen Fünfzigern. Beide wohlhabend gebräunt und im feinen Tuch, er Typ angejahrter Playboy, sie mehr Typ reife Schönheit. So sitzen sie erstmal nur auffällig da, und dann kommen die anderen zwei: gleiche Altersgruppe, er Brad Pitt, sie Angelina Jolie.

Und dann spielen sie wichtige Männer und begehrte Frauen. Nur die Jungs reden miteinander, nur die beiden Frauen reden miteinander. Irgendwann wird Brad Pitt zum Raucher. Zuerst hält er die Zigarette in der linken Hand, quasi mitten über dem Tisch. Da Raucher heute aber nicht mehr Raucher sein dürfen, nimmt er sie in die rechte Hand und hält sie nach unten neben sich, damit keiner sieht, dass er Drogen nimmt.

Stadtleben nach 21 Uhr

Als der Kellner vorbeigeht, fragt er nach einem Aschenbecher. Als er einen bekommt, kann er ihn nicht benutzen, weil er weiterhin Angst hat, die Zigarette öffentlich zu zeigen. Es ist ein Trauerspiel. Die vier gehen irgendwann rüber zur Lounge-Ecke, wo sie andere Altersgenossen gesehen haben, mit den sie weiterspielen können.

Wir gehen rüber zum Hotel. Die Idee mit dem Flusskreuzer haben wir ad acta gelegt.

Dafür hat uns heute der Extender gereicht


Dafür hat uns der Extender gereicht


Mittwoch, 27. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 27. Mai 2026 – Weniger Strom, mehr Watt

Dem können wir uns nur anschließen

Gestern Abend haben wir beschlossen, unsere Tage etwas konzentrierter und zielstrebiger zu beginnen, um die etwas kühleren Stunden zu nutzen. Deshalb frühstücken wir heute etwas früher. Das Frühstück ist okay, alle Gäste und Mitarbeiter schauen geschäftig, alles wirkt wie im Business-Hotel.

Ich telefoniere um kurz nach acht noch mit unserer Hausarzt-Praxis, weil ich gestern Abend bräunlich-rote Stückchen im Urin hatte. Der Doktor wird später zurückrufen. Um 9:15 Uhr fahren wir an den Kanal, er verläuft direkt vor der Tür. Auf dem Kanalweg geht es gut voran, wir sind schnell raus aus der Stadt. Leider spinnt das GPS immer wieder mal. Es zeigt uns an Stellen, an denen wir gar nicht sind und umgekehrt. Dafür ist die Beschilderung des Weges eindeutig.

Am Kanal aus der Stadt

Wie lange unsere heutige Strecke ist, muss sich auch noch zeigen. Ich habe den Weg zwei Mal von Komoot berechnen lassen – einmal war er 56, einmal über 70 Kilometer lang. Mal sehen, was am Ende stimmt.

Auf dem Kanal fühlen sich viele heimisch

Den Motor stellen wir auf kleinste Unterstützung, das reicht gerade mal, um die Beladung zu kompensieren. Den Rest fahren wir mit eigener Kraft. Trotz Mittwochmorgen ist der Weg gut besucht. Die schnurgerade Strecke abseits der Orte verleitet zum Beschleunigen. Nach einer Stunde und ein paar Minuten erreichen wir nach 24 Kilometern die Marina von Dannemarie. So hatten wir uns das vorgestellt.

Im Hafen von Dannemarie

Unterwegs amselt, drosselt, finkt und start es nach allen Regeln der Kunst. Manchmal klappert der Storch dazwischen, und die Frösche quaken zurück. Seit gestern ruft auch der Kuckuck  wieder von der anderen Kanalseite. Schon vor ein paar Tagen hat der Holunderduft den Bärlauchgeruch abgelöst.

Nach etwas mehr als 40 Kilometern erreichen wir den Doubs, eines der Hauptziele, wenn nicht das Ziel dieser Reise. Die Freude ist beiderseits, wir haben uns ja schon drei Jahre nicht mehr gesehen.

Damit ist eigentlich alles gesagt

Mit uns sind wieder viele Rennradfahrer unterwegs, und mittlerweile fällt auch der Gattin auf, dass die bereits beschriebenen „grauen Wölfe“ eine wachsende Gruppe sind. Ich gehe vorsichtig davon aus, dass auch ich in etwa zwei Wochen dazugehören werde.

Für den Doubs nehmen wir uns ein bisschen mehr Zeit. Wir suchen Punkte, die wir nicht mehr finden, freuen uns, wenn wir Abschnitte wiedererkennen, und sind überrascht, dass Montbéliard tatsächlich nur noch 15 Kilometer entfernt ist. Um zwölf Uhr kommen wir an der Stelle an, an der wir zuletzt unsere gesamte Habe steil aufwärts schieben mussten. Heute sind  wir schon oben und machen erstmal Mittagspause.

Der Doubs kurz vor Montbéliard

Um zwanzig nach zwölf ruft tatsächlich der Doktor an – das wird 20,72 Euro kosten –, und fragt nochmal nach, welchen Blödsinn wir da treiben. Dann gibt er Entwarnung, bei größerer Anstrengung könne da schon mal ein Äderchen platzen, und außerdem sei es wichtig, immer viel zu trinken. Er spricht nicht davon, dass man in unserem Alter vielleicht auf solche Aktivitäten verzichten könnte, bietet aber an, meinen Urin nach unserer Rückkehr nochmal zu testen.

Da bei ibis heute nichts mehr frei ist, schlafen wir hier. Da wir schon um 13:00 Uhr da sind, verweigert uns die Rezeptionistin erstmal ein Zimmer. Aber wir lassen uns nicht beirren, satteln ab und fangen in einer kleinen Sitzecke nahe der Bar mit dem „Arbeiten“ an. Um Viertel vor zwei weist sie uns dann ein Zimmer zu, ob es wirklich die Kategorie ist, die wir gebucht und bezahlt haben, bleibt unklar.

Schön war's mal in Montbéliard

Wir waschen, laden, duschen und legen uns bis Viertel vor fünf aufs Ohr. Anschließend gehen wir auf eine Runde durch die nächste sterbende Stadt. Es ist mörderisch heiß, wir landen beim Italiener, der uns für zwei Becher Eis 21,00 Euro abknöpft, und schauen mit Wehmut auf die geschlossenen Geschäfte und verwesenden Häuser in den Straßen der Stadt.

Fürs Abendessen haben wir einen Tisch bei Marco Polo reserviert, wo man früher den Schwärmen von Mauerseglern beim Segeln zuschauen konnte. Heute sitzt man im überdachten Vorbau des Restaurants, wo es wenig von den Vögeln, dafür umso mehr von den Menschen zu sehen gibt. Außerdem scheint die Population drastisch geschrumpft zu sein, man hört und sieht fast nichts von ihnen.

Wo einst die Mauersegler flogen

Wir bestellen einen kleinen Salat vorneweg, danach eine Pizza végétarienne und eine Angela. Mit beiden gelingt es uns, unsere hellen Hosen zu versauen. Dazu trinken wir einen Rosato und zwei Carafes d'eau. Um uns herum sitzen Menschen, die zwar nicht so aussehen, aber aus geschäftlichen Gründen hier zu sein scheinen. In den Gesprächen geht es auf der rechten Seite um Millionenbeträge und links um Immobilienerwerb.

Wir bestellen noch zwei Espressi und gehen zurück ins Hotel.

Heute mal wieder Kurzstrecke

Dienstag, 26. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 26. Mai 2026 – Ein Fest für Gravelbikes

Love, Peace and Happinässe

Beim Frühstück treffen sich viele Nationen, viele fremde Sprachen, viele kleine Kinder. Kurz: Es ist viel los. Und es gibt das beste Müsli, das wir bisher hatten. Fast ist es besser als unseres zu Hause.

Nachdem wir sie gestern Abend nicht gefunden hatten, fahren wir nochmal durch La Petite Venise und suchen nach der Schnittstelle, ab der wir die Stadt kennen. Es dauert ein bisschen, aber am Ende finden wir, was wir suchen. Inzwischen hat das System den Weg neu berechnet – das klappt schon wie bei der Navigation im Auto –, und wir fahren auf einer etwas breiteren Straße raus in Richtung Muhlhouse.

Mohn amour

Dann geht's rechts ab in den Wald und über Waldwege südwärts nach Herrlisheim. Es ist angenehm schattig, so könnte es bleiben.

Nach den Weindörfern mit -heim am Ende folgen nun die Weindörfer mit -willer am Ende. Zum Teil ist das alles sehr touristisch, aber insgesamt macht es einen sehr schönen Eindruck. Zwischen Hartmanns- und Berrwiller sind wir bei 45 Kilometern und stoppen kurz vor 12:00 Uhr neben dem Schmerzensmann zur Mittagspause am Rand einer kleinen Straße, die die Gattin gerade zur Hauptverkehrsader erkoren hat, weil uns vier Fahrzeuge passiert hatten.

Der Schmerzensmann ist links, nicht unter dem Baum

Danach waren es nur noch ein paar Kilometer, aber dann hat sich doch der Radweg gegen uns verschworen. Erst kam Cernay, der Familienursprung derer von Gattin. Dann kam der gesperrte Komoot-Weg. Und nachdem wir da im letzten Jahr schon mal sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fahren wir außen rum und – landen an der Auffahrt zur Route National 66.

Fast schon familiäre Gefühle

Also wieder zurück auf einen anderen, nicht gesperrten Waldweg. Für solche Fälle waren unsere Räder ja früher mal Gravelbikes.

Wir fahren und fahren und fahren, es wird immer enger und noch enger und am Ende fahren wir auf einem 15 bis 20 Zentimeter breiten, braunen Streifchen, das von Gräsern überwuchert ist. Der Blick auf die Karte bestätigt, dass wir immer noch „richtig“ sind. Irgendwann kommt die vorhergesagte Linkskurve, direkt danach stehen wir vor einem Bunker des örtlichen Golfplatzes.

An der Route 66

Ab da geht's immer weiter, dann links ab, dann rechts ab auf den nächsten schmalen Waldweg. Schotter über sieben Kilometer. Insgesamt sind wir nur damit beschäftigt, die Spur zu halten, Löchern auszuweichen und nicht umzufallen. Am Ende fahren wir so, wie andere Pedelec-Fahrer das oft tun: zwei langsame Umdrehungen der Kurbel, zehn Meter rollen lassen.

Nach dem Wald fängt sich die Dame des Hauses noch einen fiesen Stich am rechten Knöchel, und dann erwarten uns weitere zwei bis drei Kilometer entlang von Bahnschienen auf etwas besserem Bessunger Kies.

Entlang der D20, die gerade von der Autobahn kommt, setzen wir unsere Fahrt fort, und es dauert nicht lange, da quietschen neben uns die Bremsen eines Autos aufs Heftigste. Verantwortlich dafür ist ein kleiner, burgunderroter Wagen mit deutschem Kennzeichen und zwei Rädern auf der Anhängerkupplung. Während alle anderen kurz stehenbleiben, setzt er seine Fahrt langsam, man möchte denken: zitternd, fort.

Was war passiert?

Der Autofahrer fuhr auf der rechten Spur neben einem großen Lkw auf der linken. Von dieser linken Seite kam ein Junge von etwa acht bis zehn Jahren über den Zebrastreifen (!!) der vierspurigen Straße. Der Lkw-Fahrer sah ihn und hielt, der Fahrer des Pkw sah ihn erst, als es fast zu spät war.

Gottseidank ist nichts passiert, aber wir lernen: Anders als in Deutschland haben Zebrastreifen in Frankreich einen hohen Stellenwert. Die einen nutzen sie, die anderen respektieren das. Wobei wir uns beide die Frage stellen, ob ein Zebrastreifen auf einem Autobahnzubringer  tatsächlich die verkehrstechnisch beste Lösung ist.

Cernay ist wahrscheinlich weniger christlich geprägt als es aussieht

Zur Beruhigung stoppen wir gleich danach bei Lidl in Mulhouse Dornach und kaufen einen Sixpack Magnum Mini. Im Laden denke ich noch, dass wir ein oder zwei Portionen draußen an Kinder verschenken werden, aber es bleibt kein Krümel übrig.

Der Lidl ist fest in muslimischer Hand. Menschen jeder Hautfarbe, Frauen mit Hijab oder voll verschleiert mit langen, wallenden Gewändern. Zwischendurch kommt Cat Stevens vorbei. Ein Mann lädt einen Sixpack Wasser aufs Trittbrett seines Elektrorollers, stellt seinen rechten Fuß quer dahinter, beschleunigt das Gefährt und stellt seinen linken Fuß oben auf Wasser. Das sieht abenteuerlich aus, aber er fährt völlig entspannt davon.

Gleich darauf spricht uns noch ein Muslim aus Bamberg an, der gerade seine türkische Oma und Familie besucht. Er hat uns reden gehört, er freut sich, hier andere Deutsche zu treffen, und er wünscht uns weiterhin gute Fahrt.

Durch die letzten Weingärten des Elsass'

Im Hotel angekommen, schließen wir unsere Beschleuniger ans Stromnetz an, sie haben sich heute schwer verausgabt. Unsere eigenen Akkus laden wir im Zimmer mit Kaffee und Keksen etwas auf. Danach Dusche und Pause bis kurz vor sechs.

Was vor dem Essen noch ansteht, ist der Ersatz des Ladekabels, das ich heute Morgen in Colmar vergessen habe. Nur ein paar Schritte entfernt vom Hotel finden wir einen Handy-Shop, der zwar das Einzelteil nicht mehr hat, für mich aber eine Packung mit Stecker öffnet und mir das Kabel für zehn Euro verkauft.

Fürs Abendessen müssen wir ein bisschen laufen. Das erste Restaurant hat aufgegeben, das nächste ist zehn Minuten Fußweg entfernt. Auch dort ist ein neuer Betreiber eingezogen. Nochmal suchen und wieder lange laufen möchten wir nicht. Wir trinken ein Fläschchen Crémant, teilen uns die dritte Tarte flambée in drei Tagen und essen einmal Salade de pate et poulet und einmal Tataki de boeuf. Beides sehr gut, der Café zum Schluss ebenfalls.

Zurück im Hotel nehmen wir die Ladegeräte mit nach oben und schließen sie an die Extender an. Jetzt geht's ins Bett.

Nicht wirklich weit, aber wirklich zehrend