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Sonntag, 7. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 6. Juni 2026 – Das Tourrettes-Syndrom

Die Brücke, die alles verändert

Heute brauchen wir lange, bis wir rausgekommen. So ist das halt, wenn man nach dem Frühstück im Zimmer noch einen Blog zu Ende schreiben will.

Um zehn Uhr fahren wir los, auf der durchaus befahrenen Route Nationale 7 geht es gut vorwärts. Dann biegt unser Radweg nach links ab auf die „Route des belvédères“, was dazu führt, dass wir einen kleinen Hügel hoch- und nach ein paar Hundert Metern wieder runterfahren. Das muss nicht sein, dann fahren wir lieber durchgehend unten.

Heute sind außer uns sehr viele Gespanne unterwegs, die Leute wollen ja alle in den Süden. Manche dieser Gespanne haben vorne ganz schmale Pkw und hinten dran einen sehr breiten Anhänger. Der Holländer, der mich dadurch beinahe rasiert hätte, wird sich an die Maße seiner mobilen Unterkunft hoffentlich bald gewöhnen.

Eine interessante Variante sind die zwei Abschleppwagen, die jeweils ein Wohnwagen ziehen. Man könnte denken, dass hier Pessimisten auf dem Weg ans Meer sind. Aber: Ist das wirklich schlüssig? Den Wohnwagen ziehen sie ja sowieso schon. Und wenn am Abschleppwagen etwas kaputtgeht, können sie sich ja nicht selbst abschleppen.

Dort haben wir auch schon einmal gelegen

Nach Tain-l'Hermitage fahren wir auf einem besseren und reich mit feinem Kies bestreuten Weg. Da fährt man am besten zügig, um nicht ins Rutschen zu kommen. 
Der Wind ist ein bisschen gegen uns, aber dafür haben wir ja eine leichte Unterstützung. Um elf machen wir erstmal eine Zuckerpause, kurz drauf der nächste Fluss: Die Isère fließt von Osten ein.

Rückblickend ist es übrigens ein Segen, dass wir nicht die Idee umsetzen, statt der paar überquerten und begleiteten Flüsse die Appellationen zu benennen, die wir vom Radweg aus sehen oder tatsächlich durchfahren. Vom Elsass über das Jura, das Burgund und das Beaujolais hätten wir schon Hunderte auflisten müssen. Und jetzt kämen noch die von den Côtes du Rhône dazu – eine Mammutaufgabe.

Auf dem Weg nach Valence

Bourg-lès-Valence empfängt uns mit einem sehenswerten Naherholungsgebiet. In Valence selbst möchten wir dann
 fürs Mittagessen einkaufen. Das ist nicht leicht. Die Wege durch die Stadt sind sehr schön angelegt, aber die Supermärkte der Stadt sind oberhalb des Radwewgs, und dieser Beziehung halten wir's mit dem TSV 1860 München, unnötige Aufstiege möchten wir uns ersparen.

Ein Blick zurück in den Norden

Auf der anderen Seite der Rhône findet Madame eine Toilette, und während ich warte, spricht mich eine Dame an, die mir helfen möchte. Sie rät mir, nicht zu Carrefour, sondern ein Stück weiter zum großen Intermarché  zu fahren. Das machen wir brav, und hinterher suchen wir  ein Plätzchen für unsere Mittagspause.

Nach der Mittagspause geht es durch ein schönes Waldstück, danach durch endlose Aprikosen-Plantagen Aprikosen und hinter Charmes-sur-Rhône ergießt sich L'Embroye in die Rhône. Es folgen Le Turzon und 
Eyrieux, und bei Beauchastel fahren wir durch ein großes Fest mit Boule-.Turnier und sonstigen Vergnügungen für Jung und Alt.

In La-Voulte-sur-Rhône würde die Gattin am liebsten bleiben, spätestens jetzt haben wir endgültig den Süden erreicht. Aber wir müssen über die Brücke, denn unsere Hotelbuchung in Montélimar ist nicht stornierbar. Wenig später wird dieses Weiterkommen abrupt verhindert, die Brücke über La Drôme ist gesperrt.

Spätestens jetzt sind wir im Süden

Wir fahren natürlich trotzdem erstmal weiter, aber da ist kein Durchkommen, denn der Bautrupp arbeitet tatsächlich am Samstagnachmittag. Also fahren wir zurück, kommen noch mit einem Schweizer und einigen Franzosen ins Gespräch und folgen dann der Umleitung.

Diese entpuppt sich als zehn Kilometer langes Martyrium. Es ist heiß, und wir haben im falschen Vertrauen auf eine begrenzte Streckenlänge Endergie verschwendet. In Les Tourrettes ist mein Akku leer, und ich erfahre schmerzhaft, was es bedeutet, über 130 Kilogramm Systemgewicht mit eigener Kraft eine fünfprozentige Steigung hinauf zu fahren. Ich habe das Gefühl, das Fahrrad fährt rückwärts.

Entnervt rufe ich in unserem Hotel an, auf der anderen Seite meldet sich Lea, die sich als „Frankfurter Mädel“ vorstellt. Ich lege unser Schicksal in ihre Hände, wir fahren runter in die Bar an der N7 und trinken einen Café. Zur gleichen Zeit hält ein Mercedes-Transporter auf dem dortigen Parkplatz und ich frage den Fahrer, ob er nicht zufällig nach Montélimar fährt und uns mitnehmen würde mit seinem großen Auto.

Er fährt leider in die andere Richtung, sagt aber, dass ich mir wegen der Strecke nach Montélimar keine Sorgen machen müsse. „C'est tout plat et ce sont seulement dix kilomètres.“ Der Café und die kurze Ruhepause tun ihr Übriges, wir bitten Lea, ihre Bemühungen einzustellen und fahren die restliche Strecke ohne Strom. Das geht besser als erwartet, nach 35 Minuten stehen wir vor unserem Hotel.

Nach 95 Kilometern fühlt sich alles nach Heimat an

Während wir abpacken, kommen zwei Schweizer, die heute auch gelitten haben und froh sind, ihr Ziel endlich erreicht zu haben. Wir spulen unsere Routine ab, legen uns erschlagern hin und schleppen uns gegen halb acht zum Abendessen.

Lea wollte uns eigentlich gut beraten, aber nachdem wir gestern schon sehr distinguiert gegessen haben, reicht uns heute die Cuisine traditionelle an der nächsten Ecke: Chez l'artiste.

Der Künstler auf dieser Bühne ist eine Sie, die Chefin. Sie wirbelt über die Terrasse, spricht mit allen Gästen in der Sprache, die sie gerade für passend hält und macht den Laden tatsächlich zum Theater. Speisen und Getränke gibt es auch, sind aber eher Nebensache. Sie schafft es sogar, den Bub im Lamine-Yamal-Trikot, der den ganzen Abend am Handy spielt, zurück ins echte Leben zu bringen.

Wir nehmen Salade croustillante au Saint-Marcellin, Rôti de porc grillé und Faisselle d'ardèche bzw. Salade drômoise, Magret de canard und einen Coupe ardoise. Dazu gibt es einen lokalen, roten 14,5-Prozenter, damit kann man einfach nichts falsch machen.

Bleiben nur noch ein paar Gedanken zu Montélimar.

Ich habe diesen Namen – wie wahrscheinlich viele meiner Generation – zum ersten Mal im Jahr 1968 gehört. Und falsch verstanden. Ich glaubte, es gehe in dem Lied um eben diese Stadt, obwohl es um deren bekanntestes Produkt geht: den Nougat.

George Harrison sagte später einmal, dass er das Lied wegen Eric Claptons Naschsucht geschrieben habe, der Montélimars liebte und jede angefangene Süßigkeitenpackung komplett aufessen musste. Claptons weiteres Suchtverhalten war zwar wesentlich gesundheitsgefährdender, aber nur für dieses galt: „you'll have to have them all pulled out after the Savoy Truffle.

Sehr schöne Strecke mit unschönem Ende