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Donnerstag, 4. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 4. Juni 2026 – Heilige Hallen

Sextett mit Limonen

Heute sind wir wieder etwas später aufgestanden und haben entsprechend auch später gefrühstückt.

Schon gestern wurden wir beim Einchecken darüber informiert, dass es beim Frühstück „Animation“ geben würde. Heute erleben wir, dass damit weder Tanz noch Gesang gemeint war, sondern vom Personal nur auf Produkte hingewiesen wurde, die man frühstücken könnte. Muss man aber nicht machen.

Wohnen und Parken im Zentrum Lyons

Weil Stadtbummel an Regentagen nicht unsere bevorzugte Okkupation sind, haben wir uns entschlossen, uns in Teilen neu mit Kleidung und Schuhen einzudecken, die besser zu den kommenden Tagen passen als das Mitgeführte. Der Rezeptionist, der uns einen hauseigenen Schirm leiht, rät uns, nach links zu gehen, in das Westfield Einkaufszentrum.

So etwas mitten in einer Stadt von nur 550.000 Einwohnern ist unglaublich. Auf mehreren Ebenen gibt es wirklich alles und noch viel mehr. Einen solchen Ort haben wir in Deutschland noch nie gesehen, hier ist es eine von mehreren Einkaufsmöglichkeiten mitten im Stadtzentrum. Einen Eindruck davon liefert ein älterer Film mit Woody Allen.

Bei Decathlon haben wir alles gefunden, was wir wollten: Schuhe und kurze Hosen. Bei Fnac habe ich noch ein Set Batterien für unsere PowerMeter bekommen, und bei C&A gibt es für 13 Euro das weiße Polohemd, das die Gattin ersetzen wollte. Anschließend gehen wir zurück zum Hotel, wir haben ja alles.

Mindestens 60 gute Gründe, nicht Veganer zu werden

Gottseidank kommt man auf diesem Rückweg aber an den Halles de Lyon Paul Bocuse vorbei, und das sollte man sich nicht entgehen lassen. Von außen eher unscheinbar, gehen dem Betrachter drinnen die Augen über: Es gibt einfach alles, was man sich in Sachen sehr gutes Essen und Trinken vorstellen kann. Wir sind beim Meeresfrüchte-Stand hängengeblieben, haben sechs Austern und und eine Carafe d'eau bestellt und dem Koch auf der anderen Seite des Tresens beim Vorbereiten größerer Gebinde zugeschaut.

Wir haben schon an vielen Orten in Frankreich und anderswo Austern gegessen, aber solche haben wir noch nicht einmal direkt bei den Fischern auf der Île d'Oléron, in Arcachon oder an der Atlantikküste bekommen. An anderen Ständen gibt es Fleisch, Käse, Obst, Gemüse und Süßes in allen Variationen und einer offensichtlichen Qualität sondersgleichen.

Strahlende Abendsonne über Lyon

Irgendwann muss aber auch das ein Ende haben, und zum Hotel ist es nicht mehr weit. Wir pausieren bis etwa halb sechs, dann machen wir uns auf den Weg hinauf nach Fourvière. Da es seit heute Morgen schüttet (mehr als 50 Liter pro Quadratmeter sollen es werden), nehmen wir die Métro. Die Fahrt kostet 2,30 Euro, das Ticket gilt eine Stunde lang auf allen Linien.

Die Métro fährt fahrer- und schaffnerlos alle paar Minuten, zwei Wagen bilden einen Zug. Die Stationen sind sauber, die Wände nicht verschmiert, die Züge frei von Vandalismus-Folgen. Dieser Zug ist gerappelt voll, die Stationen sind so weit voneinander entfernt, dass die Technik zwischendurch nochmal richtig beschleunigen kann. Eine Station ist von der anderen so weit entfernt, wie z.B. die Hauptwache in der hessischen Partnerstadt vom Dornbusch. Man muss sich wundern, dass Deutschland kein derart effizientes System zu bieten hat.

Up the hill and down the hill

In wenigen Minuten sind wir in Vieux Lyon, von dort nehmen wir die Funiculaire. Sie wird von Stahlseilen durch einen Tunnel nach oben gezogen. Oben angekommen, besuchen wir eines der Wahrzeichen der Stadt, die Basilika Notre-Dame de Fourvière. Sie ist innen überbordend mit Mosaiken geschmückt, wenn man die christlichen Skulpturen wegdenkt, wähnt man sich in einer Moschee. Die Messe ist gerade gelesen, der Pfarrer sitzt vorne im  Chor und hält innere Einkehr mit seinem Herrn. Dann tritt er nochmal an den Altar und singt im Wechsel mit der Gemeinde „Jesus, Jesus, Jesus, Jesus“.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade

Unseren Fußweg nach unten begleiten unzählige Läufer, die völlig durchnässt wahlweise auf- oder abwärts joggen. Viele wechseln die Richtung, überholen uns zuerst und kommen uns bald darauf wieder entgegen. Zufällig liegt unser Ziel an einer Stelle, die wir am besten über La Montée des Chazeaux erreichen, der sich bei näherer Betrachtung als must-see Lyons herausstellt.

Ruhe vor dem Ansturm

Den heutigen Restaurant-Tipp veredanken wir der Kellnerin, die uns gestern Abend bei Lea bediente. Les Lyonnais liegt am unteren Ende der o.g. Montée, es zählt zu den legendären Bouchons de Lyon und öffnet gerade als wir – eine halbe Stunde früher als reserviert – kommen. Der Chef nimmt das nicht tragisch, setzt uns an einen schönen Tisch und lässt alles bringen, wonach uns der Sinn steht: zwei Picon bière vorneweg, dann Saucisson brioché maison und Paté croute gefolgt von Quenelle de brochet und Tête de veau. Am Ende folgen noch ein Demi Saint Marcellin und eine Crème brûlée.

Der Heimweg wird sehr nass und dauert einige Zeit. Wir sind uns einig, dass man einen Regentag in Lyon kaum schöner verbringen kann.

Déjà-vu 2026 | 3. Juni 2026 – Durch den Elbtunnel nach Lyon

In beiden Richtungen sehr zu empfehlen

Heute ist Weltfahrradtag, da fahren wir erstmal 30 Kilometer mit dem Zug.

Wobei das nicht ganz richtig ist, erstmal stehen wir um sieben auf, frühstücken im Zimmer und machen uns reisefertig. Dann checken wir aus – die spröde Kollegin aus dem  Osteuropäischen ist uns inzwischen sehr zugewandt und winkt schon fröhlich, wenn sie uns sieht – und fahren zum Bahnhof von Tournus.

Ein Zug am Band, fester Stand im Zug

Hier sieht es so aus, wie man es sich auch in Deutschland wünschen würde: sauber, aufgeräumt, funktional. Aber wir wissen ja schon seit 1974, dass das Wünschen nicht mehr hilft. Das Einsteigen funktioniert reibungslos, die Räder werden mit einem simplen Spanngummi fest fixiert, die Fahrt ist rasant. Beim Blick aus dem Fenster rast die Welt mit 120 Stundenkilometern vorbei, ein leichtes Schwindelgefühl kommt auf.

Ein letzter Blick auf Mâcon

Vom Bahnhof Mâcon geht es ein Stückchen durch die Stadt, dann ein Stückchen über Felder und Wiesen, und plötzlich kommen wir in eine Ecke, die wie ein Naturschutzgebiet wirkt. Wir fragen einen Einheimischen, der das verneint, aber genau weiß, wie man die Voie bleue entlang der Saône beschreibt: magnifique!

Voie bleue ins Schöne

Wir fahren, fahren, fahren, fahren – ist ja Weltfahrradtag – und passieren bei Thoissey einen großen Campingplatz mit Schwimmbad und Schiffsanleger. Wenn wir vorbeifahren, rufen die Vögel oft „vite, vite, vite“, und wir sind nicht sicher, ob es anfeuernd oder beschreibend gemeint ist. Nach einer kurzen Zuckerpause geht es weiter Richtung Montmerle.

Schon mal gesehen, aber aus ganz anderer Perspektive

Was uns unterwegs durch den Kopf geht, ist, dass wir das alles tatsächlich schon gesehen haben. Aber nicht als Rad-, sondern als Flusskreuzfahrer. Und weil das ganz andere Sicht auf Land und Leute bedeutet, erkennen wir absolut nichts wieder.

Montmerle ist ein stilles, sehr schön anzuschauendes Städtchen. Große Platanen spenden dem Bouleplatz Schatten, wir passieren Maisfelder, und auf bereits gemähten Wiesen liegen große Heuballen. Sie sind nicht in die üblichen Plastikfolien eingerollt, sondern in den Farben der Tricolore umwickelt. So weiß der Bauer, dass das Heu für seine Tiere wirklich zu 100 Prozent französischen Ursprungs ist.

Nach etwas mehr als 40 Kilometern machen wir bei Beauregard Mittagspause und schauen hinüber nach Villefranche-sur-Saône. Der dortige Bootsclub lässt seine Sportgeräte zu Wasser, wir teilen Baguette, Tomaten, Banane und schauen zu.

Bei Saint-Bernard sitzen Gott und die Welt an Tischen entlang des Ufers: ein junges Pärchen, eine Mutter mit drei Kindern, zwei Schüler, zwei komplett schwarz verschleierte Frauen, Nah- und Fernverkehrs-Radfahrer. Es ist wirklich unglaublich, wie die Leute das Angebot annehmen.

Hier geht es von der Romantik hinüber in die Realität

Ab Couzon-au-Mont-d'Or wird es dann ernst. Wir überqueren die Saône und fahren auf einen Radweg, der uns bis ins 9e Arrondissement von Lyon führt. Der Weg wurde einfach von der vorhandenen Schnellstraße abgeteilt und dient als Radschnellweg. Wer so fährt wie wir, dem kommen links die Raser entgegen, die auf dem Fahrrad aus der Stadt kommen, und rechts die Raser, die mit dem Auto aus der Stadt kommen. Ein bewegendes Gefühl!

Vorboten der Stadt bei Cuire-le-Bas

Irgendwann erreichen wir den Tunnel de la Croix-Rousse, der den Stadtteil zwischen den beiden Flüssen durchquert. Fahrräder gucken in die eine Röhre, Autos in die andere. Am Ende erreichen wir La Part-Dieu im 3e Arrondissement, wo auch unser Hotel steht.

Zunächst einmal sind Hotels in Lyon an Wochentagen sehr teuer, da zahlt normalerweise die Firma. Unser Mercure mit seinen vier Sternen ist im Vergleich mit anderen halbwegs erträglich, wobei wir sicher sind, dass es gezielt gebaut und ausgestattet wurde, um exakt diese Klassifikation zu erreichen.

Bevor wir das Hotel sehen, sehen wir allerdings den „Bauch“ des Hotels. Denn dort müssen wir unsere Räder abstellen. Dieser Bereich ist für das Valet-Parking reserviert und ein rechtes Dreckloch. Hier tanzen nächtens garantiert nicht nur die Ratten. Und dann geht es für uns samt schwerem Gepäck auf verschlungenen Wegen über eklige Treppenhäuser vorbei an Werkstätten und der Küche wieder zurück in die Lobby.

Solche Ecken darf man Gästen nicht zeigen.

Fahrraderscher Käfig

Wir stecken das irgendwie weg, nisten uns im Zimmer 105 ein und gehen erst um 19:00 wieder auf die Straße. Dort erwartet uns der neunte Fluss dieser Reise, die Rhône, und eine Stadt, wie wir sie nicht vermutet hätten. Mondän, voller Leute, voller Leben, voller Attraktionen – man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll. Und man fragt sich, wie es eine Stadt, die nur ca. 550.000 Einwohner hat, schafft, einen solchen Eindruck von Weltläufigkeit und Metropole zu erwecken. Und wie es das dörfliche Frankfurt geschafft hat, mit dieser Stadt eine Städtepartnerschaft zu schließen.

Abendessen gibt es dann zum Abschied mit Blick auf die Saône. Die Namenspatronin ist Teil der kulinarischen Tradition Lyons, und auch heute prägen zwei ältere Damen den Service und damit das Erscheinungsbild des Restaurants. Eine von ihnen nennt der Restaurantleiter „Mamie“.

Wir sitzen im ersten Stock am Fenster und können schön aufs Stadtleben schauen. Neben uns ein Fünfertisch voller Einkaufsbummler, die nach getaner Futterarbeit ihre zahlreichen Tüten rausschleppen. Hinter uns eine Gruppe von Deutschen, Franzosen und Asiaten, die einen Geschäftsabschluss feiern oder vorbereiten. Einer der Asiaten erklärt dem Bier trinkenden Deutschen, dass Bier ein Kennzeichen deutschen Lebensart ist.

Ein Ziel für den Regentag morgen

Und was gibt's bei uns zu essen? 1x Croustillants de Langoustines, 1x Foie gras und 2x Gigot d’agneau. Dazu einen Crémant de Bourgogne, danach La Chartreuse und Le Chocolat. Unsere Kellnerin gibt sich viel Mühe mit uns, Mamie erklärt mir, wie ich La Chartreuse verzehren sollte, und der Restaurantleiter weist uns zum Abschied in die Variationen der Chartreuses ein. Am Ende steht die Variante, für die man pro Zentiliter-Gläschen 80–90 Euro zu zahlen bereit sein muss.

Wir zahlen nur, was wir tatsächlich verzehrt haben und gehen beseelt durch die inzwischen ins Nacht(er)leben übergegangenen Straßen zurück in unsere Bleibe.

Unglaublich: von Burgund und Beaujolais direkt nach Lyon