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Sonntag, 24. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 23. Mai 2026 – Sous les parapluies de Mothern

Make me wanna holler


Am Buffet steht dieser Mann neben mir. Er nimmt zuerst vom Rührei, legt dann ein paar Streifen Speck darauf und toppt das Ganze mit einem Spiegelei. Kurz darauf zapft sich eine junge Frau einen Latte macchiato, stellt aber eine viel zu kleine Tasse unter den Auslauf. Zuerst quiekt sie, als hätte sie eine Maus gesehen, dann balanciert sie die schwappende Tasse, statt ein bisschen abzugießen, quer durchs Lokal an ihren Tisch. Die Schweizer Gruppe, die wir gestern Abend in der Brauerei schon gesehen hatten, ist auch da. Die Damen und Herren sitzen an den Nachbartischen.

Heimatliche Gefühle

Insgesamt lassen wir uns unvernünftigerweise ein bisschen mehr Zeit und kommen später als sonst auf die Strecke. Nach Verlassen der Innenstadt fahren wir an einer Schnellstraße entlang und kommen in Richtung Schwetzingen durch ein sehr schönes Waldstück, das uns an den Frankfurter Stadtwald erinnert.

Wir fahren am Hockenheimring vorbei, der sich von Ferne mit dem Krach jaulender Motorräder ankündigt. Hier werden Deutschlands hochpreisige Benzinreserven verschwendet. Aber wir müssen uns keine Gedanken machen: Die Dachflächen der Tribünen sind mit Solarpanels bestückt, das heißt, die Energie wird CO2-neutral verschwendet.

Danach geht es durch Hockenheims Feiermeile, wo es Läden wie ”Topfit“, „Pizza und Kebaphaus“ und „Piranha Bar“ gibt. Wenig später weist ein Schild in Richtung „Insultheimer Hof“. Da sind wir noch elf Kilometer von Speyer entfernt und fragen uns, wer da beleidigt werden soll.

Hier geht's mit Tankrabatt auf die Strecke

In Speyer angekommen, fahren wir erstmal zur Einhorn Apotheke. Ich hatte morgens mit Frau Weber gesprochen, um einen Hirschtalgstick zu bestellen, den holen wir jetzt ab. Kurz vor der Apotheke fährt mir ein alter Mann, vom Bürgersteig kommend, in die Quere. Meinen Hinweis, dass er gucken sollte, bevor er er auf die Straße fährt, quittiert er mit einem „Leck mich am Arsch“, was wiederum mich dazu bringt, ihn für die gesamte Innenstadt gut hörbar als nicht verkehrstauglich zu qualifizieren.

„Mer losse dr Dom en Speyer“

Als wir dann vor der Apotheke halten, kommt eine Frau zu uns, die meint, dass in Speyer alle so fahren. Das ist keine gute Nachricht für Speyer. Gemessen an der Zahl der Apothekenbesucher muss Speyer außerdem eine sehr kranke Stadt sein. Darauf angesprochen, meint die Apothekerin: „Die rasten alle völlig aus. Die glauben, ab Montag gibt's keine Medikamente mehr.“ Auch das ist keine gute Nachricht für Speyer.

Wir lassen uns von Komoot zum Rheinhauptdeich führen und kommen so durch Ecken in Speyer, die wir noch nie gesehen haben – Wohngebiete, mal schöner mal weniger schön, überall viele Leute unterwegs.

Ich freue mich sehr, nach langer Zeit wieder mal hier fahren zu dürfen. Da ich meiner Freude durch Treten Ausdruck verleihe, ruft es von hinten sofort, ob ich irgendwelche Termine hätte. Natürlich hab ich Termine. Ich möchte heute Abend in Mothern ordentlich essen und mich vorher in Ruhe hingelegt haben, weil, wenn die Zeit nicht zum Hinlegen reicht, dann sagt meine Frau: „Wieso sind wir nicht früher hier angekommen?“

Rheinhauptdeich bei Speyer, unretouchiert

Wir fahren den Hauptdeich also weiter, und weil es nirgendwo Bänke zum Pause machen gibt, machen wir die erst 20 Kilometer später vor dem alten Garnisons-Gemäuer Germersheim. Dort finden wir eine schöne, schattige Bank und fahren erst kurz nach halb eins, dafür aber umso schneller weiter. Unterwegs passieren wir eine vierköpfige Gruppe von Rennradfahrern, die an einer Ecke stehen und hoffen, dass sie von irgendwem eine Zange leihen können. Die brauchen sie, um das defekte Ventil aus einem Tubeless-Reifen zu schrauben. Ich denke an unseren Fahrradtechniker, der neulich meinte: „Tubeless ist nur was für Leute mit Begleitfahzeug.“

Gegen zwei Uhr sind wir im Maximilian-Center, wo wir einen Eiscafé trinken wollen. Leider hat der bekannte Eissalon geschlossen, insgesamt wirkt das „Fachmarktcenter“ mehr und mehr abgewirtschaftet. Die Gattin versucht, wenigstens bei Edeka zwei Kaffee zu erstehen. Ich passe draußen auf die Räder auf und komme mit einer jungen Frau ins Gespräch, die mit zwei Gleichgesinnten nach 70 Kilometern Rennrad auf dem Heimweg nach Karlsruhe ist.

Alt und Jung stellen fest, dass ihre Problemzonen nahezu identisch und gewisse Beeinträchtigungen unvermeidlich sind.

Rheinaufwärts, kurz vor Lauterbourg

Nach dem Kaffee decken wir uns bei Lidl noch für das lange Wochenende ein, dann geht es endlich weiter. Bis Lauterbourg geht es über den Rheinradweg. Dort haben wir die Wahl: kürzer oder länger. Wir entscheiden uns für die Straße und kommen kurz vor Mothern an der Speedway-Strecke vorbei, an der immer keiner fährt.

Das ist heute anders. Von den Hügeln hören wir das Jaulen und Dröhnen von Motoren, und unten fährt sich schon die überüberübernächste Generation warm. Ein etwa Dreijähriger in voller Montur, der sein Fahrzeug wie ein Laufrad nutzt. Das Besondere dabei: Das Laufrad hat einen Motor, den er ebenfalls benutzt und damit „wie ein Alter“ über die Wiese brettert.

Unser Hotel in Mothern erreichen wir um kurz nach 16 Uhr, keiner da. Mit uns fährt ein silbernes Mercedes-Cabrio mit zwei deutlich angejahrten Sigmaringern auf den Hof. Sie kämmt sich die pechschwarzen, zerzausten Haare, er kommt kaum aus dem Auto raus. Ich rufe die Chefin an, die kurz darauf mit den Schlüsseln kommt.

Wir packen aus (eine alles, einer, was er braucht), gehen kurz schwimmen und machen sogar noch kurz Pause. Um halb acht gehen wir zum Essen. Emilia nimmt das Fisch-Menü, Erich das Duo vom Thunfisch (sehr lecker mit Kiwi mariniert) sowie Kotelett und Filetspitzen vom Iberico-Schwein.

Um halb zehn ist Schluss.

Am vierten Tag am fünften Fluss