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| Hier bekommt Wasserspiegel eine ganz neue Bedeutung |
Wir schlafen ein Stündchen länger, es gibt ja nichts zu tun. Madame hat leichten Schwindel, die Hitze von gestern hat wohl Spuren hinterlassen. Gehen wir also erstmal einen Café trinken und frühstücken.
Das Frühstück gibt's im ersten Stock, um uns herum sitzen viele Spanisch sprechende Menschen, mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr an Duolingo gedacht habe. Das Angebot wirkt üppig, wenn man genauer hinschaut, ist alles wie immer: Rührei aus der Tüte (aber mit Petersilie für die Optik), Schinken und Wurst zur Abwechslung mal nicht auf Platten, sondern in Schüsseln (da klebt alles besser zusammen), Croissants und Pains au chocolat ebenfalls verklebt.
Positiv stimmt das Müsli, noch positiver die Brioche vendéenne. Sie ist schön groß und super-fluffig geraten. Wir machen uns aus purer Gewohnheit noch ein belegtes Baguette für die Mittagspause.
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| Sommerliche Stimmung vor der Cathédrale Saint-André de Bordeaux |
Es ist immer wieder interessant zu sehen, dass einige Gäste offensichtlich meinen, sie dürften nur ein Mal ans Büffet und sich deshalb praktisch das gesamte Angebot auf den dafür viel zu kleinen Teller laden. Ebenso wiederkehrend ist das Bild der jungen Mitarbeiterin, die beim neu Eindecken der Tische jedes Besteckteil gezielt an den Stellen anfasst, die sich der Gast später in den Mund schieben wird. Apropos 'Stellen': Die recht schönen Teller sind in großer Zahl angestoßen, die Ränder an vielen Stellen abgeplatzt.
Wir gehen nach dem Frühstück in die Stadt. Die Temperatur liegt noch unter 30 Grad, da kann man noch schön flanieren. Zuerst flanieren wir zu H&M, wo ich ein (fast) Leinenhemd für unter 30 Euro finde und Mo ihre textilen Bestände um ein T-Shirt und drei Unterhosen erweitert. Nicht weit entfernt finden wir eine Apotheke, in der wir einen günstigen Nachfüllpack Creme und ein Sonderangebot von Keops finden.
Leicht beladen geht es hinunter zum Miroir d'eau, der gut besucht, dessen Wasserspiegel aber kaum wahrnehmbar ist. Dafür – und vielleicht gibt es sogar einen Zusammenhang – liegt die Temperatur inzwischen bei deutlich über 30 Grad, und jede Bewegung ist eine Bewegung zu viel.
In den Fußgängerbereichen der Innenstadt sehen wir einige Bettler. Einer hat wohl erkannt, dass das Mitführen von Hunden die Spendenbereitschaft und die Erträge erhöht. Da er aber über keinen verwendbaren Hund verfügt, hat er ein Stofftier vor sich platziert. Dass diese Maßnahme wirklich den gewünschten Effekt erzielt, darf man bezweifeln.
Eine andere Erkenntnis liefern zwei eindeutig Drogenabhängige. Sowohl der Mann als auch die Frau tragen kurze Hosen und T-Shirts, so dass man sehr gut die dünnen Arme und Beine sehen kann. An ihnen lässt sich auch für einen Laien ablesen, wie Drogen den Körper auszehren.
Wir machen uns auf den Rückweg. Im Café einer Trattoria bekommen wir trotz Mittagszeit problemlos zwei sehr gute Caffè, verbunden mit dem Hinweis, dass es hinten, neben der Küche, eine Quelle für kostenloses Wasser gibt. Die Temperatur steigt gnadenlos weiter, wir machen einen Zwischenstopp bei Auchan im Mériadeck, wo wir morgen noch ein paar Flaschen Wein in unseren Kombi stopfen wollen.
Im Hotel ziehen wir uns kurz um und machen uns danach an die Reinigung der Räder. Einen Gartenschlauch gibt es dafür leider nicht, aber der Kollege an der Rezeption hat uns einen großen Eimer mit Wasser und Reinigungsmittel in den kleinen Hof gestellt. Die Sache dauert keine Viertelstunde, und wir haben zwei neue Wörter gelernt: tuyeau und sceau. Interessant, dass zwei Dinge, die mit Wasser zu tun haben, im Französischen tatsächlich mit eau aufhören.
Oben im Zimmer machen wir Pause, um halb sechs gibt's Café, und dann ist ja bald Zeit fürs Abendessen. Dafür müssen wir natürlich wieder in die Stadt. Und in die Hitze.
Unser Weg führt uns entlang der Mériadeck-Betonwüste gen Osten. Wir sehen wenig einladende Seitenstraßen und liebevoll renovierte Stadtpalais, große Parks und Plätze, die dringend einer Revitalisierung bedürften. Unser Ziel liegt in einer kleinen Seitenstraße, schräg gegenüber befindet sich ein Sex Shop, daneben Le dragon doré.
Um kurz vor 20.00 Uhr öffnen wir die Tür, an einem Tisch sitzen zwei Herren, die Dame, die uns empfängt überlässt uns die Wahl des Tisches. Wir setzen uns ganz weit weg vom Trubel des Restaurants und entscheiden uns für das Fünf-Gang-Menü. Was genau wir da gegessen haben, können wir nicht beschreiben, aber es war eine Erfahrung.
Der Mann am Herd kocht allein, er spielt mit dem Essen, er spielt mit den Gästen. Und er zaubert Speisen auf die Teller, die man sonstwo lange suchen muss. Für uns ist das ein bisschen zu viel, obwohl der Ideenreichtum tatsächlich verblüfft: Wir folgen der französischen Variante von Hänsel und Gretel durch den Wald zum Hexenhäuschen, die Sauce für den Roten Knurrhahn brennt vor ihrem Einsatz auf unseren Tellern als Futter für die Kerze auf unserem Tisch und am Ende dreht Tschaikowskis Nussknacker seine Pirouetten für uns.
Gegen 22.00 Uhr ist der Spaß vorbei, wir machen uns auf den Rückweg durchs heiße, nächtliche Bordeaux. Ab morgen machen wir Badeurlaub am Atlantik.
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| Das Wochenende kann kommen |


















