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Freitag, 19. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 19. Juni 2026 – „Où est la sauce?“

Hier bekommt Wasserspiegel eine ganz neue Bedeutung

Wir schlafen ein Stündchen länger, es gibt ja nichts zu tun. Madame hat leichten Schwindel, die Hitze von gestern hat wohl Spuren hinterlassen. Gehen wir also erstmal einen Café trinken und frühstücken.

Das Frühstück gibt's im ersten Stock, um uns herum sitzen viele Spanisch sprechende Menschen, mir fällt auf, dass ich lange nicht mehr an Duolingo gedacht habe. Das Angebot wirkt üppig, wenn man genauer hinschaut, ist alles wie immer: Rührei aus der Tüte (aber mit Petersilie für die Optik), Schinken und Wurst zur Abwechslung mal nicht auf Platten, sondern in Schüsseln (da klebt alles besser zusammen), Croissants und Pains au chocolat ebenfalls verklebt.

Positiv stimmt das Müsli, noch positiver die Brioche vendéenne. Sie ist schön groß und super-fluffig geraten. Wir machen uns aus purer Gewohnheit noch ein belegtes Baguette für die Mittagspause.

Sommerliche Stimmung vor der Cathédrale Saint-André de Bordeaux

Es ist immer wieder interessant zu sehen, dass einige Gäste offensichtlich meinen, sie dürften nur ein Mal ans Büffet und sich deshalb praktisch das gesamte Angebot auf den dafür viel zu kleinen Teller laden. Ebenso wiederkehrend ist das Bild der jungen Mitarbeiterin, die beim neu Eindecken der Tische jedes Besteckteil gezielt an den Stellen anfasst, die sich der Gast später in den Mund schieben wird. Apropos 'Stellen': Die recht schönen Teller sind in großer Zahl angestoßen, die Ränder an vielen Stellen abgeplatzt.

Wir gehen nach dem Frühstück in die Stadt. Die Temperatur liegt noch unter 30 Grad, da kann man noch schön flanieren. Zuerst flanieren wir zu H&M, wo ich ein (fast) Leinenhemd für unter 30 Euro finde und Mo ihre textilen Bestände um ein T-Shirt und drei Unterhosen erweitert. Nicht weit entfernt finden wir eine Apotheke, in der wir einen günstigen Nachfüllpack Creme und ein Sonderangebot von Keops finden.

Suchbild

Leicht beladen geht es hinunter zum Miroir d'eau, der gut besucht, dessen Wasserspiegel aber kaum wahrnehmbar ist. Dafür – und vielleicht gibt es sogar einen Zusammenhang – liegt die Temperatur inzwischen bei deutlich über 30 Grad, und jede Bewegung ist eine Bewegung zu viel.

In den Fußgängerbereichen der Innenstadt sehen wir einige Bettler. Einer hat wohl erkannt, dass das Mitführen von Hunden die Spendenbereitschaft und die Erträge erhöht. Da er aber über keinen verwendbaren Hund verfügt, hat er ein Stofftier vor sich platziert. Dass diese Maßnahme wirklich den gewünschten Effekt erzielt, darf man bezweifeln.

Eine andere Erkenntnis liefern zwei eindeutig Drogenabhängige. Sowohl der Mann als auch die Frau tragen kurze Hosen und T-Shirts, so dass man sehr gut die dünnen Arme und Beine sehen kann. An ihnen lässt sich auch für einen Laien ablesen, wie Drogen den Körper auszehren.

Wir machen uns auf den Rückweg. Im Café einer Trattoria bekommen wir trotz Mittagszeit problemlos zwei sehr gute Caffè, verbunden mit dem Hinweis, dass es hinten, neben der Küche, eine Quelle für kostenloses Wasser gibt. Die Temperatur steigt gnadenlos weiter, wir machen einen Zwischenstopp bei Auchan im Mériadeck, wo wir morgen noch ein paar Flaschen Wein in unseren Kombi stopfen wollen.

Gleich gibt's Caffè

Im Hotel ziehen wir uns kurz um und machen uns danach an die Reinigung der Räder. Einen Gartenschlauch gibt es dafür leider nicht, aber der Kollege an der Rezeption hat uns einen großen Eimer mit Wasser und Reinigungsmittel in den kleinen Hof gestellt. Die Sache dauert keine Viertelstunde, und wir haben zwei neue Wörter gelernt: tuyeau und sceau. Interessant, dass zwei Dinge, die mit Wasser zu tun haben, im Französischen tatsächlich mit eau aufhören.

Oben im Zimmer machen wir Pause, um halb sechs gibt's Café, und dann ist ja bald Zeit fürs Abendessen. Dafür müssen wir natürlich wieder in die Stadt. Und in die Hitze.

Die Repräsentantin des Museums der Schönen Künste

Unser Weg führt uns entlang der Mériadeck-Betonwüste gen Osten. Wir sehen wenig einladende Seitenstraßen und liebevoll renovierte Stadtpalais, große Parks und Plätze, die dringend einer Revitalisierung bedürften. Unser Ziel liegt in einer kleinen Seitenstraße, schräg gegenüber befindet sich ein Sex Shop, daneben Le dragon doré.

So fängt ein besonderes Menü an

So hört es auf

Um kurz vor 20.00 Uhr öffnen wir die Tür, an einem Tisch sitzen zwei Herren, die Dame, die uns empfängt überlässt uns die Wahl des Tisches. Wir setzen uns ganz weit weg vom Trubel des Restaurants und entscheiden uns für das Fünf-Gang-Menü. Was genau wir da gegessen haben, können wir nicht beschreiben, aber es war eine Erfahrung.

Der Mann am Herd kocht allein, er spielt mit dem Essen, er spielt mit den Gästen. Und er zaubert Speisen auf die Teller, die man sonstwo lange suchen muss. Für uns ist das ein bisschen zu viel, obwohl der Ideenreichtum tatsächlich verblüfft: Wir folgen der französischen Variante von Hänsel und Gretel durch den Wald zum Hexenhäuschen, die Sauce für den Roten Knurrhahn brennt vor ihrem Einsatz auf unseren Tellern als Futter für die Kerze auf unserem Tisch und am Ende dreht Tschaikowskis Nussknacker seine Pirouetten für uns.

Gegen 22.00 Uhr ist der Spaß vorbei, wir machen uns auf den Rückweg durchs heiße, nächtliche Bordeaux. Ab morgen machen wir Badeurlaub am Atlantik.

Das Wochenende kann kommen

Déjà-vu 2026 | 18. Juni 2026 – Halb schob er sie, halb rollt' sie hin

Heiße Nacht, große Oper

Auf der letzten Etappe der Tour de France trinken die Gewinner der drei individuellen Wertungen immer fotowirksam zusammen Champagner. Das machen wir nicht, wir sind ja nur zu zweit. Aber wir gönnen uns mittags 2x Plat du jour in La Brède.

Aber der Reihe nach:

Wir wachen um sieben auf. Madame ist noch müde, weil sie nicht gut geschlafen hat. Es war recht warm, aber wir hatten die Klimaanlage ausgeschaltet. Im EG gibt es um 7:45 Uhr ein richtig gutes französisches Frühstück. Der große Tisch ist für vier Personen eingedeckt, es ist noch ein französisches Fahrrad-Pärchen im Haus. Auf jeder Hälfte des Tisches stehen zwei Eier, zwei Baguette, verschiedene Käse, Orangensaft, vier kleine Gläschen selbstgemachte Marmelade und sehr feine Butter. Heißgetränke gibt es nach Wunsch.


Natürlich kommt man mit den Franzosen ins Gespräch, weil die sind auch mit dem Fahrrad da, und dann beginnt dieses Woher-wohin und Wie-lange-Gespräch. Für uns wird es interessant als sie nach der Stromversorgung fragen. Unsere Räder sähen doch gar nicht aus wie elektrische Fahrräder. Das geht runter wie Öl, und wir erzählen, wie das so ist mit den kleinen Motoren und Batterien. Dann sagt er, dass seine Frau oder Freundin auf jeden Fall weiter Bio-Rad fahren will, und ich meine, dass sich das mit dem Alter ändern kann.

Wir wünschen einander gute Fahrt, vielleicht sieht man sich ja nochmal unterwegs. Um Viertel nach neun fahren wir los, sind schnell wieder am Kanal und folgen ihm bis fünf Kilometer vor Langon. Weiter geht es durch Felder und Weinanbau, nach etwa einer Stunde erreichen wir die Stadt.

Abschied vom Kanal, das Meer ruft

Von dort geht es auf einer größeren, gut besuchten Landstraße fast zwei Kilometer heftig bergab, dann werden wir auf der D109 durch die Anbaugebiete Sauternes und Graves in Richtung La Brède geführt. Um 11:59 Uhr biegen wir nach rechts ab auf den kleinen Place Montesqieu, auf dem wir vor 14 Jahren mit Norwegern gesessen und 
vom Austernmann an der Ecke unsere erste gemeinsame Austernplatte geholt und verspeist haben.

Langon – hier ist der Kanal am Anfang oder am Ende

Der Platz hat sich sehr verändert, die Bäume wurden wohl irgendwann auf eine Höhe von etwa zwei Meter gekürzt, und die neuen, entsprechend niedrigeren Kronen spenden weniger Schatten als zuvor. Das Montesqieu-Denkmal ist nicht mehr grau-schwarz, sondern strahlt wie frisch gewaschen. Und wo früher eine kleine Parkanlage war, hat heute das Restaurant gegenüber seine Terrasse.

Genau dort sitzen wir zur Plat du jour. Es gibt Grillade de légumes, Fish 'n Chips und Panna cotta. Die Terrasse füllt sich, der Service bringt immer neue Carafes d'eau. Wunderbar.

Montesqieu, frisch gewaschen

Um 13.00 Uhr geht es weiter. Komoot sagt, es sind noch etwas mehr als 20 Kilometer. Wir schalten auf Stufe 3.

Der Wein steht jetzt über weite Flächen in Reih und Glied, ab Léognan reicht das Anbaugebiet bis fast in die Innenstadt. Wir folgen einem durchaus verbesserungsfähigen Radweg, der sich entlang immer stärker befahrener Straßen aus dem südlichem Umland bis ins Zentrum zieht. Die Autofahrer sehen den Verkehr als Beispiel einer séléction naturelle, als ich eine aus einer rechten Nebenstraße kommende Fahrerin mittels lautem „Stop!“ zum Stehen bringe, ruft sie etwas zurück, das mit cycliste aufhört. Den Anfang möchte ich gar nicht wissen.

Kleine Pflanzen, große Gewächse, rive gauche

Der Radweg wird irgendwann zur Busspur, die wir mit dem Namensgeber und dem Taxigewerbe teilen. An der Ampel steht vor uns eine enddreißigjährige Französin. Eine kleine Frau, schmaler Körper, die Haare hinten am Kopf zusammengebunden. Sie trägt ein kurzes, schwarzes Kleid mit großen, weißen Punkten und Sandalen mit etwa neun Zentimeter hohen Pfennigabsätzen. Wenn die Ampel grün wird, setzt sie sich in Bewegung und knattert mit gleicher Geschwindigkeit wie ich 
vorneweg. Als sie abbiegen muss, hält sie den linken Arm raus, guckt nicht nach hinten und wechselt die Spur. Das ist ein großes Maß an Gottvertrauen. Vielleicht lernt man das in einer Stadt wie Bordeaux mit den Jahren.

Unser Hotel haben wir vor drei Jahren mit den Worten „Da kann man doch nicht wohnen“ klassifiziert, jetzt haben wir es für zwei Tage gebucht. Alles rund um das Stadtentwicklungs-Projekt Mériadeck ist hässlich wie die Nacht finster. Und die Hoteldichte drumherum liegt bei gefühlten 120 Prozent.

Wir checken ein, stellen die Räder in den kleinen Innenhof und müssen etwa eine Dreiviertelstunde auf den Zugang zum Zimmer warten. Parallel kommt ein großer Reisebus voller Australier vor dem Hotel an. Sie blockieren zunächst die Rezeption, dann die beiden Aufzüge.

Wo der Brutalismus wohnt

Ich frage die freundliche Rezeptionistin, ob sie vielleicht noch einen ascenseur caché hat. Sie grinst und sagt: „Suivez-moi.“ Wir folgen ihr mit unserem Gepäckwagen durch schmale Gänge hinter der Rezeption zum Personal- und Wäscheaufzug. Sie fährt mit und führt uns zu unserem Zimmer. Mo ist sprachlos, ich sehe: Nur wer's probiert, kann etwas erreichen.

Wir duschen, waschen, reservieren Restaurants für heute und morgen und legen uns hin. Die Temperatur hat inzwischen 35 Grad erreicht. Um 18.00 Uhr wachen wir auf, machen uns stadtfein und gehen gegen halb sieben los.

Ab Samstag haben wir ein Auto, da können wir unseren minimalistischen Kleiderschrank eventuell sommerlich ergänzen. Zuerst besuchen wir meinen Unterhosen-Ausrüster, aber die Angebote entsprechen nicht meinen finanziellen Vorstellungen. Danach schauen wir bei Uniqlo rein, wo Madame ein Kleid und eine leichte Hose für die kommende Hitzewelle ersteht.

Hinein ins Einkaufserlebnis

Ich schaue inzwischen einer anderen Kundin zu, die die Treppe von den Umkleidekabinen hinuntergeht, dabei stolpert, das mitgeführte Kaufobjekt fallen lässt und es am Ende der Stufen gerade so in die aufrechte Position schafft. Ich folge ihrem missmutigen Blick nach unten und sehe mit ihr, dass die Schnürsenkel beider Schuhe offen sind und links und rechts auf dem Boden liegen. Sie schaut sie strafend an, tut aber nichts, um die Gefahr zu bannen, sondern setzt einfach ihren Weg durch den Laden fort.

Wir gehen auch bald wieder, diesmal zu den Galeries Lafayette, wo es unseren Deostick beim letzten Mal deutlich günstiger gab als in Deutschland. Daran hat sich nichts geändert, wir nehmen einen mit. Das Hemd, das mir schon in Chalon-sur-Saône sehr gut gefallen hat, gibt es hier auch. Der Preis ist mir immer noch zu hoch.

Inzwischen ist es fast 20.00 Uhr, die Läden schließen gleich oder haben längst geschlossen. Und wir sind zum Abendessen verabredet. Draußen sitzen möchten wir nicht, einerseits wegen der Temperatur, andererseits weil die schmale Gasse zum Restaurant stinkt wie ein lange nicht geputztes Pissoir.

Rechts der Leiter besagter Touristengruppe

Wie vorhin im Hotel, ist auch hier zeitgleich mit uns eine Touristengruppe eingetroffen. Anders als vorhin im Hotel, hat sie nicht reserviert. Das führt zu längeren Diskussionen mit der die Gäste empfangenden Dame, wir passen einen passenden Moment ab und schieben uns zwischen die Diskutanten.

Im Lokal sichern wir uns einen Tisch neben einem der Fenster. Eine Klimaanlage gibt es nicht, aber auf diese Weise zieht die Luft zumindest ein bisschen durch. Das Essen ist gut, die Hütte voll, trotzdem sind wir enttäuscht, denn mit Bouchon hatten wir – so, wie in Lyon – eine einfache, lokale Küche verbunden. Das wäre ein schöner Kontrast zu morgen gewesen, ist aber leider nicht so.

Es wird Nacht in Bordeaux, und viele wollen dabeisein

Mit dem Wein sind wir auch unglücklich. Nachdem schon der Crémant zu rosinig war, ist die Empfehlung des Sommeliers ebenfalls zu floral. Wir hatten ihm genau gesagt, was wir wollten, aber er wollte es wohl nicht verstehen, um mit der Flasche ein paar Euro mehr Umsatz zu machen.

Um 22.00 Uhr machen wir uns auf den Rückweg, ein kleiner Umweg über die Oper ist noch drin, mehr nicht. Die Stadt hat sich frischgemacht für die Nacht.

Letzte Etappe mit dem Rad, der Tacho steht bei 1.968 Kilometer