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Montag, 25. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 25. Mai 2026 – Wir nehmen die Weinreise

Jubel, Trubel, Sauerkraut

Nach dem Frühstück, bei dem die Kollegin von gestern Abend schon wieder alle Hände voll zu hat, verabschieden wir uns und fahren mit Rückenwind und bergab in Richtung Barr.

Dort geht es dann zum ersten Mal ein bisschen hoch, und in der Folge kommen wir durch Orte und Ecken des Elsass, die wir noch von früher kennen, aber schon lange nicht mehr besucht haben. Auf dem EuroVélo 5 fahren wir tatsächlich „La route des vins d'Alsace“ durch Orte und Weinberge.

Ein wunderschöne Reise durch unsere Vergangenheit

In Blienschwiller passieren wir das Weingut Kieffer, das wir durch Le Moulin kennengelernt und bei dem wir oft eingekauft haben. Die Mutter des Hauses hat früher stolz von ihren Jungs berichtet, die beide bei Haeberlin in der Auberge de l'Ill arbeiteten. Heute ist das Tor geschlossen, da brauchen wir nicht an ein Wiedersehen zu denken.

In Itterswiller kommen wir bei Arnold vorbei, einem ehemals kleinen Hotel, das sich inzwischen entlang der Hauptstraße ausgebreitet hat. Ich dachte, das wäre in Andlau gewesen, aber da habe ich wohl den Namen mit dem Ort vermischt.

Ein kleines Haus wächst über sich hinaus

Rennradfahrer sind heute wieder viele unterwegs, hoffentlich müssen die morgen alle wieder arbeiten. Um 11:56 Uhr macht die Gattin noch eine kleine Fotosafari durch die Weinberge, da kommt uns der Mann im Weltmeistertrikot entgegen.

Vor Kintzheim überholen wir eine große Franzosengruppe, nach Kintzheim machen wir eine Zuckerpause, da überholen sie uns wieder. Ein paar Kilometer weiter verleitet uns ein kleiner Rastplatz zum Halten. Drei Beton-Tische mit Bänken drumherum, alle verschattet von gut tragenden Kirschbäumen. Wir hören den vorbeifahrenden Rennrädern mit ihren laut surrenden Chris-King-Naben zu und versuchen, die jeweilige Preiskategorie zu bestimmen. Viele der allein fahrenden Männer tragen neuerdings graue bis weiße Bärte, was das Image des einsamen Wolfes unterstreicht.

Wer soll das nur alles trinken?

Sechs Kilometer vor Colmar fahren wir durch ein kleines Naherholungsgebiet rund um La Fecht. Unten am Fluss sitzen Jung und Alt auf Kiesbänken und lassen die Beine im Wasser baumeln. Oben sitzen die Generationen zum Mittagessen unter Sonnenschirmen vereint. Ich sage der Chefin gleich, dass ich weiß, dass Essenszeit ist, und sie erklärt sich bereit, uns zwei Noisette zu verkaufen. Ich zahle mit einem 20-Euro-Schein und gehe mit den beiden Tassen raus an den Tisch, den Madame für uns blockiert hat.

Die leeren Tassen bringe ich wieder rein und bedanke mich. Madame dreht sich zu mir um, ruft: „et votre monnaie“ und hält mir die 15 Euro entgegen, die ich vergessen habe. Ich strecke schuldbewusst meine Hand aus und sage, es liege am Alter. Sie legt die zusammengefalteten Scheine in meine Hand und drückt sie, wie nur Mütter es können.

Unser Hotel erreichen wir um halb zwei. Es liegt sensationell direkt am Parc du Champ-de-Mars und empfängt uns auf sehr angenehme Weise. Wir zollen erstmal der Hitze Tribut, legen uns hin und waschen Wäsche. Um kurz nach 18:00 Uhr gehen wir raus, es ist immer noch mehr als 30 Grad warm.

Nomen est omen: La Petite Venise

Der Park ist ein Tummelplatz für Kinder, Treffpunkt für Jugendliche und Ausgangspunkt für abendliche Aktivitäten. Da sind wir also genau richtig. Nach einem Telefonat mit dem Junior gehen wir ein paar Straßen weiter und finden uns in La Petite Venise wieder, einem Viertel der Stadt, das wir in 40 Jahren nie betreten haben.

Nun ist eh alles egal. Wir gehen einmal hin, einmal her und essen im Le Fer Rouge, einem Restaurant im Brennpunkt des Brennpunkts. Der Picon bière ist besser als gestern, die Tarte flambée nicht. Der Saumon au choucroute ist super, das Caquelon de spaetzle eine Nummer zu salzig, zu fettig und zu groß.

Die Beine sind eine Nummer zu schwer für den Rückweg ins Hotel.

Von Bas-Rhin zu Haut-Rhin

Déjà-vu 2026 | 24. Mai 2026 – Durchs Land des Sauerkrauts

An der Schnittstelle von Wald und Stadt

Wir frühstücken schön im Zimmer und bereiten gleich die Brote für heute Mittag vor. Dann verabschieden wir uns von Madame Pautler und sprechen am Pool noch kurz mit dem Mann, der gestern Abend im kleinen Kreis seinen 72. Geburtstag hier gefeiert hat und wahrscheinlich ein Schlaganfall-Patient ist.

Komoot führt uns durch Alt-Mothern in Richtung Damm, am Ende kommen wir bei der Brücke zum Delta de la Sauer raus. Alles sieht aus wie immer, aber zu Pfingsten sind schon morgens viele Rennrad-Gruppetti unterwegs.

Frühmorgens ruht das Delta

Auf dem Deich laufen Wandergruppen. Andere stehen an Fluss- und Seeufern und lassen Mengen von Ruten ins Wasser hängen. Links trennt uns ein schmaler Kanal vom Damm, auf dem Wasser schwimmen Enten und Schwäne. Unter der Wasseroberfläche sieht man Gräser in der Strömung, darauf liegen weiße Blüten wie ein dicker Teppich.

So fahren wir etwas mehr als 30 Kilometer dahin, dann geht es rechts hinauf nach Drusenheim. Nach wenigen Metern ein kleiner Rastplatz mit vier Plakaten, die über die wirtschaftliche Entwicklung Drusenheims „de 1800 à au jour“ informieren. Besonders interessant ist der Hinweis auf „Le choc petrolier“ in den Jahren 1979/80.

Wenn man sich überlegt, dass dieses Erdöl-Risiko der Welt seit mindestens 45 Jahren bekannt ist und sie es nicht geschafft hat, auf eine andere Energieversorgung zu setzen, dann muss man sich schon wundern. Die einen haben Atomkraftwerke gebaut (und bauen immer noch bzw. wieder), andere machen erneuerbare Energien schlecht.

Viel Deich, kaum Storch

Von Drusenheim geht es durch Herrlisheim, Gambsheim und so weiter -heim durch die einschlägig bekannten Städtchen entlang des Radweges. Viele Radwege hat der Franzose einfach auf den Bürgersteig gemalt. Sie führen über Kanaldeckel und gebrochene Asphaltflächen und sind schwer erträglich. Mindestens ebenso schwierig ist es aber auf der Landstraße, wenn der Franzose in seinem Duster oder Dacia mal eben den inneren Alain Prost raushängen lassen muss und mit 30 Zentimetern oder weniger Abstand an einem vorbeibrettert.

Bei einer Total-Tankstelle kurz vor Kilstett retten wir einen sehr großen Hirschkäfer, den wir vom Rücken wieder auf die Beine helfen. Eventuell hätten wir ihn Timmy taufen sollen.

In Kilstett fragen wir gegen elf bei La Couronne, ob wir einen Kaffee kriegen, aber Madame weist auf die 80–100 eingedeckten Plätze und sagt: „C'est le temps du repas, Monsieur.“ Dann fahren wir halt weiter und machen unsere Biopause ein paar Meter außerhalb der Wohnbebauung am Waldrand.

Vor La Wantzenau überholen wir noch ein Pärchen, bei dem es nicht so gut läuft. Obwohl er schon fast das ganze Gepäck befördert, fällt es ihr doch sehr schwer, mitzufahren. Nach dem Ort finden wir gleich zwei Bänke, schön im Schatten bei einem kleinen Sportplatz. Während wir die Räder abstellen, läuten die Mittagsglocken, da machen wir eine kurze Mittagspause.

Gegenüber steht ein VW mit Emmendinger Kennzeichen und tendenziell serbo-kroatischem Migrationshintergrund. Vater, Mutter und zwei Kinder langweilen sich ausdauernd, während wir essen. Als wir aufbrechen treffen die sehnlich erwarteten Freunde, Familienmitglieder oder was auch immer aus Karlsruhe ein. Wir verlassen die Stätte herzlichster Wiedersehens-Rituale.

Strasbourg, kurz vor der letzten Bank

Der weitere Weg bis Strasbourg ist uns gut bekannt. Hinter La Wantzenau wurde ein kleiner Stadtteil mit Fahrradwegen komplett neu infrastrukturiert. Das sieht toll aus, und wenn man dann weiter durch die Stadt fährt, sieht man, dass die Stadt, obwohl sie wirklich schon viel getan hat, noch viel machen muss, um den Radverkehr zu fördern.

An der Marina setzen wir uns noch mal auf eine Bank und atmen durch. Wir haben jetzt noch etwa 30 Kilometer vor uns, es wird heiß. Jede/r gönnt sich ein Päckchen Gummibärchen und stimmt sich innerlich auf die weitere Fahrt ein. Sie führt zunächst durch den Grüngürtel der Stadt, dann in Richtung Illkirch-Graffenstaden und weiter durch Blaesheim, Krautergersheim und wie die Heime hier sonst noch alle heißen.

Am Ende sparen wir noch zwei Kilometer Strecke, indem wir nicht dem Komoot-Weg durch die Weißkohl-Felder folgen, sondern dem etwas kürzeren Weg über die D215 folgen. Bei Illkirch hatte uns zuvor eine Credit Mutuel über 32 Grad Außentemperatur informiert, da muss man sich nicht unnötig lange in der Sonne aufhalten.

Schmerzensmann bei Kilometer 92

Im Hotel kommen wir um 14:45 Uhr an. Das ist für knapp 100 km ganz ordentlich. Das Haus hat noch nicht für den Nachmittag geschlossen, so dass wir niemanden von irgendwoher holen müssen. Es sitzen sogar noch Gäste im Restaurant.

Wir kriegen unser Zimmer, räumen erstmal unsere Sachen aus und gehen in den Pool. Das Wasser ist ziemlich kalt, wir frischen auf. Das Publikum rundum ist gewöhnungsbedüftig, so weit möchten wir es aber nicht kommen lassen, deshalb gehen wir wieder rein, um unsere Wäsche zu machen. Danach sieht es auf unserer Terrasse aus wie rund um den Pool.

Der Neubau des Hotels ist binnen weniger Jahre ziemlich in die Jahre gekommen. Die Platten um den Pool sind vielfach lose, im Bad platzen Fugen, die Halterung der Duschkabine ist abgerissen, der Wasserhahn verkalkt. Dabei wirkte es anfangs so, als hätten sich alle viel Mühe gegeben.

Vor dem Abendessen halte ich mich etwas zu lange mit diesem Blog auf, was eine heftige Reaktion der Gattin provoziert. Ich habe ihren fortgeschrittenen Hunger unterschätzt.

Wir werden auf der Terrasse platziert, eine angenehme Brise weht über den Tisch. Hinter uns sitzen der grobschlächtige Vater, die leidende Mutter und der genervte Sohn. Man spricht nicht miteinander, vermeidet Blickkontakt. Des Vaters Telefon läutet, der Sohn verdreht die Augen. Der Kopf des Vaters bleibt im Verlauf des Abends leicht gerötet, seine Haut schimmert feucht. Nach gelungener Mahlzeit gibt es leichte Annäherungen zwischen den Tischnachbarn.

Wie sagte mein Schwiegervater: „Essen und Trinken bringt die Leut' zusammen.“

Bei uns ist es auch schön. Wir trinken zwei Picon bière, teilen uns vorneweg eine Tarte flambée traditionnelle und entscheiden uns dann für das Coquelet bzw. das Filet de boeuf charolais. Am Ende gönne ich mir noch zwei Kugeln Eis mit Sahne, genau wie es das Pärchen zwei Tische weiter hatte.

Am langen Tisch hinter uns sitzt eine Gruppe von Italienern, die lange nichts zu essen bekommen und deshalb umso mehr trinken müssen. Das erhöht zuerst den Alkohol-, dann den Lärmpegel. Als ihr Essen kommt, sind wir schon auf dem Weg in unser Zimmer. Wir hören sie noch einige Zeit.

Einmal Bas-Rhin von Nord nach Süd