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Dienstag, 9. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 9. Juni 2026 – Planschen auf höchster Ebene

Wo Arles sich trifft

Das Frühstück ist deutlich unterdurchschnittlich. Der Raum ist riesig und nicht gut besetzt. Das schafft keine angenehme Atmosphäre.

Interessant ist die rotbekleidete Spanierin, die es wohl darauf angelegt hat, das Personal zu quälen. Anschließend fischt sie sich zwei Eier aus dem Kochwasser, lässt sich zwei Eierbecher bringen, setzt sich an einen Tisch und haut mit einem kleinen Löffel immer wieder abwechselnd auf die Eier. Wenn man ihren Gesichtsausdruck als Maßstab nimmt, ist sie mit dem Ergebnis zumindest nicht ganz zufrieden.

Wir atmen heute mal durch.

Absolutes Top-Niveau!

Nach dem Frühstück gehen wir kurz aufs Zimmer, dann mit den Rechnern bestückt wieder runter in die Halle. Bis etwa 13 Uhr beschäftigen wir uns mit Rechnungen, Blog, Fotos und weiteren Reiseplänen.

Dann gehen wir wieder hoch, um uns fürs Schwimmbad umzuziehen. Das klappt gut, leider ist das Zimmer nicht gemacht, und die Damen verabschieden sich zum Mittagessen.

Wir fahren hoch auf die Dachterrasse im vierten Stock. Das erfordert ein gewisses Auf und Ab sowie den Wechsel des Fahrstuhls. Oben angekommen, treffen wir ein Mitglied einer tunesischen Fussballnationalmannschaft (U19, U21, U23?), die aktuell in Arles und bei uns im Hotel weilt, um an einem Turnier teilzunehmen. Er hält es nicht lange mit uns aus.

Gassen, die leben

Das Becken ist etwa zehn mal acht Meter groß und einen Meter fünfzig tief. Von der Terrasse sieht man die Kathedrale, einige Dächer von Nachbarhäusern und die gesamte Technik des Hotels, die auf dem Dach untergebracht ist. Wir halten es nicht lange mit ihr aus.

Zurück im Zimmer duschen wir, buchen das Hotel für den nächsten Tag und legen uns hin.

Um halb sechs klingelt der Wecker, wir machen uns stadtfein und wollen zum Abschied nochmal in alle Gassen schauen. Das klappt noch besser als erwartet, wir gehen durch Ecken, die uns beim letzten Besuch nicht aufgefallen waren und die heute wie kleine Oasen im städtischen Alltag wirken.

Das Haus links vorne steht zum Verkauf

Einige Häuser sind sehr schön renoviert, viele haben das zwingend vor sich, viele scheinen aufgelassen. Aber fast überall stehen Blumentöpfe und Kästen vor den Häusern, wachsen Oleander und Konsorten aus dem entsiegelten Boden.

Um kurz nach sieben kommen wir zurück auf den kleinen Platz vor L'Antonelle, der heute und morgen leider geschlossen ist. Schräg gegenüber schauen wir ins Fenster des Käseladens, den man vom Fleck weg leerfressen könnte. Es ist eine Schande, dass es sowas in Deutschland nicht gibt.

Uns zieht es weiter in Richtung Rhône, und wir sind nicht die einzigen, die es zieht. Auf dem weiteren Weg sehen wir in einer Gasse ein paar besetzte Tische und fühlen uns angezogen, wenn nicht eingeladen.

Leben direkt an der Rhône

Das Restaurant hat einen Chef und einen Koch. Der eine ist meistens draußen und erinnert an die Chefin von L'artiste in Montélimar: Er spricht in allen Sprachen auf seine Gäse ein, liebt die Koreranerinnen – Mutter und Tochter – an unserem Nachbartisch genau wie die Briten einen Tisch weiter, und er tanzt mit all den Passanten, Wheelies, Skateboardern, Radfahrern und anderen, die seinen Weg vor dem Restaurant kreuzen. Der andere kocht drinnen à l'ancienne.

Es gibt eine Tapenade aus Sardellen, Oliven, Kapern zum Apéritif, Vorspeisen: Fehlanzeige. Dafür stehen vier Hauptspeisen auf der Karte, wir nehmen das Filet de Daurade und daste de Veau. Die Musik ist mindestens so ancienne wie die Küche, die Gattin schmilzt bei beidem dahin.

Als Nachtisch kommen ein Éclair und eine Meringue mit Eis auf den Tisch, am Ende haben wir zu den günstigsten Konditionen dieser Reise sehr gut gegessen.

Déjà-vu 2026 | 8. Juni 2026 – Wo der Papst boxt(e)

Die päpstliche Residenz

Nach uns betreten andere Menschen den Frühstücksbereich. Die feurig-spanische Dame im roten Top, die sich wie eine Muleta zwischen Buffet und Tisch bewegt. Oder die dynamisch-orientierungslose Deutsche, die erst in die Mitte rennt und dann schaut, wo sie eigentlich hin will. Zuletzt die achtsame Amerikanerin im weiten Gewand, die sich den Frühstückstisch mit ihrem Begleiter und zwei iPads teilt bzw. teilen muss.

Wir fahren entspannt 
raus aus Orange. Die Stadt ist auch im Vorüberfahren noch ganz schön.  Dann geht es auf kleinen Wegen in Richtung Caderousse, ein sehr schönes kleines Örtchen. Hier verwirklichen sich einige diesen Traum vom Haus in Südfrankreich mit der Palme vor der Tür und die Hauswände gestrichen in den Farben des Südens. Die Mauern um die Grundstücke sind hoch, die Tore sind zu. Es sieht als, als wären die meisten von ihnen heute nicht da.

Wie komme ich von hier weiter, nachdem ich angelegt habe?

Uns leitet der sehr gut ausgebaute Radweg in Richtung Châteauneuf-du-Pape. An der halte fluvial kommt uns eine achtköpfige Rennradlergruppe entgegen. Die werden jetzt ihren Tag an der Rhône verbringen, viele Alternativen in Form von Hügeln haben sie hier nicht.

Fehlt nur der Gauloises rauchende Franzose auf dem Fahrrad mit Beret basque und Baguette

Der Radweg bleibt perfekt ausgebaut, und wir kommen problemlos nach Avignon. So gut der Weg auch sein mag, es gibt keine einzige Infrastrukturmaßnahme. Kein Café, keine Bar, keine Servicestelle, keinen Supermarkt. Wer hier ein Problem hat, muss immer in die Dörfer, Orte und Städte.

Jetzt sind wir in Avignon. Dem Durchfahrenden reiht sich eine Boutique an die nächste. Die Stadt wirkt dadurch sehr wohlhabend, die Besucher sollten es sein. Wir sitzen gegenüber des Hotel de Ville, wo der Tourist richtig abgekocht wird, und trinken zwei Cappuccini zum Sparpreis von zehn Euro.

Rechts die Stadt, links le pont

Mit der Mittagspause wird es leider nichts, weil die Gattin den Weg an die Rhône scheut. Erst wäre es in Schlangenlinien runtergegangen, dann unter der Straße durch und auf der anderen Seite wieder hoch ans Ufer. Rückweg umgekehrt.

Aus Avignon kommt man nicht so leicht wieder raus mit dem Fahrrad. Das haben wir schon einmal schmerzlich erfahren, heute haben wir eine vorgegebene Route, die sich allerdings auch nicht als Vorteil erweist. Die Biegungen und Wendungen sind überraschend, es geht rauf und runter und dann entlang des recht geraden, langweiligen und sandigen Weges. So essen wir erst in Boulbon, das ist etwa 18 Kilometer südlich von Avignon. Vorher gab es weder eine Bank noch eine andere Möglichkeit. Die Stimmung ist leicht gereizt.

Auf der anderen Seite liegt Beaucaire

Nach der Pause vor der Kirche fahren wir auf der D35 nach Tarascon und von dort über die Brücke nach Beaucaire, an das wir nicht unbedingt die besten Erinnerungen haben. Die Stadt kämpft um jeden Touristen, wir gewinnen in der Folge das Gefühl: auch mit unfairen Mitteln. 

Direkt nach der Brücke geht es wieder schwer verständlich links, rechts, rauf, runter. Am Ende sollen wir auf einem Trampelpfad unter einer Eisenbahnbrücke durchfahren und über einen Steg eine Schleuse überqueren. Wir machen alles wie vorgegeben und stehen vor sechs Metallstufen. Dass wir die Räder heben müssen, hebt auch nicht gerade die Stimmung.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Nach dem Heben ist der offizielle Weg gesperrt. Die Umleitung ist schwer nachzuvollziehen. Wir umfahren einen sehr großen Wind- und Solarpark und dann auf dem Deich weiter in Richtung Arles. Der Wind kommt wieder von vorne. Weit ist es nicht mehr, mein Akku signalisiert sinkende Leistungsfähigkeit. Warum soll es ihm besser gehen als uns?

Vor uns fährt ein Einsatzfahrzeug der Deichweg-Kontrolle. Er ist langsamer als wir unterwegs, hat wahrscheinlich eine Klimaanlage im Auto und weicht keinen Millimeter. Im Gegenteil, mal pendelt er nach links, mal nach rechts auf den Schotter. Der dabei frei werdende Platz auf dem Weg reicht nicht zum Überholen. Ich muss dreimal sehr laut werden, dann fährt er nach links, bremst ab und macht für uns den Schotter frei.

In Arles kommen wir schnell zu unserem Hotel. Mit dem Bremsen springt die Akku-Anzeige von über 25 Prozent auf unter zehn Prozent Kapazität. Die Batterie im Rad der Gattin verzeichnet noch 34 Prozent. Solche Differenzen gab es bisher nicht. Ich rufe oben im Zimmer gleich mal bei Mahle an.

Der Mensch am anderen Ende erklärt mir erstmal, dass Männer und Frauen unterschiedlich Fahrrad fahren. Ich bin genau in der richtigen Stimmung für solchen Blödsinn. Dann sprechen wir über Fehlermeldungen der letzten Tage, und er kommt irgendwann doch damit heraus, dass der Motor unserer Räder für unsere Art der Nutzung nicht gemacht seien. Da wäre der neue Mittelmotor die bessere Wahl.

Abgesehen davon, dass es den erst seit kurzer Zeit gibt, wird er nur in MTB verbaut und die Räder sind so hässlich wie alle anderen mit Mittelmotor. Außerdem haben 850 Watt Leistung und über 100 Newtonmeter in meinem Verständnis nicht mehr viel mit Fahrrad zu tun, das sind elektrische Mopeds. Ich bedanke mich aber auf jeden Fall für seine ehrliche Ansage. Mal gucken, wie lange unsere zwei Transporteure unsere Anforderungen noch überleben.

Das alte und neue Zentrum der Stadt

Es ist spät geworden. Wir machen uns auf den Weg hinauf in die Altstadt, schauen kurz bei der Arena vorbei und pressen uns dann bei Gaudina zum Essen auf den schmalen Bürgersteig. Das Essen ist sehr gut. Vorneweg gibt es eine dicke Bouillon safrané aux moules et pâtes, danach ein Ragoût de Taureau. Als Dessert gibt es einmal Fondant intense au chocolat, einmal Paris–Brest.

Wir sprechen über die vergangenen drei Wochen und die damit verbundenen Anstrengungen. Das ist für uns beide kein einfacher Abend. Als erstes Ergebnis beschließen wir, unseren Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, um neue Kraft zu tanken. Drei Tage in einer dieser Touristenschachteln am Mittelmeer werden wir nicht buchen, da muss es andere Möglichkeiten geben.

Vielleicht hätten wir doch hier essen sollen

Der Kellner kriegt auch noch einen ab. Nachdem er den Apéritif schon ohne grignotage serviert und Sekunden später die Vorspeise gebracht hatte, bitte ich ihn nach dem Hauptgang, mit den Desserts noch ein bisschen zu warten. Zehn Sekunden später steht er wieder am Tisch und sagt: „Ils sont déjà fait.“ Das führt zu einem mittleren Ausbruch in meiner Muttersprache, was ihn zunächst überrascht und dann wortlos wieder abziehen lässt.

Ich wundere mich, wie viele Franzosen mich verstehen, wenn ich laut Deutsch spreche.

40 Kilometer schlechte Stimmung

Déjà-vu 2026 | 7. Juni 2026 – Am Abend großes Theater

The empire likes back

Das Frühstück bei ibis ist bunt, sehr bunt. Speisen und Getränke sind okay und entsprechen dem günstigsten Gesamtpreis. Die Schweizer sind auch wieder da, sie machen einen recht entspannten Eindruck und wollen heute auch nicht so weit fahren. Mal gucken, ob man sich unterwegs nochmal zuwinkt.

Tausend Jahre Kirchengeschichte in Viviers

Vor Viviers sehen wir einen riesigen Steinbruch mit ebensolchem Zement- oder Kieswerk daneben. Aus der Stadt grüßt später die imposante Kathedrale über den Fluss, und danach beginnt es, so richtig wild zu werden. Wir überqueren wunderschöne Brücken, sehen rote  Felswände auf der linken Seite der Rhône, und der Wind ist auch heute wieder auf unserer Seite. Gestern war er auf unserer Vorderseite, heute ist er auf unserer Rückseite.

Nach Viviers fahren wir durch La Forêt d'Ur, und hier zeigt sich, wie man so einen Radweg anlegen sollte. Denn im Süden ist es heiß im Sommer, und im Schatten der hohen Bäume ist es wirklich angenehm kühl, während immer noch so viel Sonne durch die Baumkronen kommt, dass man gut sehen kann.

Der heilige Michael passt auf uns auf

Auch heute sind wieder sehr viele Menschen unterwegs. Wir haben viele Familien gesehen mit kleinen Kindern, sowohl als Tagesausflügler als auch als Tourenfahrer. Wenn ein Kind dabei ist, fährt das oftmals auf dem Fahrrad eines Elternteils mit. Wenn es älter ist, fährt es selbst. Einige hängen auch hinten am Fahrrad des Vaters dran, einer hat seinen mindestens zehnjährigen Sohn sogar mit einem Seil von Rad zu Rad mitgezogen.

Spannende Verbindung zwischen alt und neu

Insgesamt man hat schon das Gefühl, dass viele Menschen aus solchem gemeinsamen Tun für sich Honig saugen. Die Schweizer, die wir gestern und heute Morgen beim Frühstück im Hotel gesehen haben, vermittelten dieses Gefühl auch. Sie fuhren aus der Schweiz die Rhône entlang nach Lyon und jetzt weiter bis nach Marseille. Von dort wollen sie mit dem Zug wieder heim in die Schweiz fahren. Er fährt bio, sie mit einem sehr üppig konfigurierten Elektrogerät.

Wie der Zufall es will, bringt uns der Weg in den Süden immer wieder in direkten Kontakt mit der Autoroute du Soleil
. Auf dem Weg nach Montélimar haben wir sie gestern – gefühlt sechs Mal über- oder unterquert. Heute fahren wir ab Mondragon (frz. für Meine Frau) etwa fünf Kilometer neben ihr her.

Überraschung zur Mittagspause

Nach der Mittagspause passiert dann kurz vor Mornas das Unerwartete: Wir sehen die Forteresse de Mornas, die wir schon sehr oft von der A7 aus gesehen haben, aber leider nie ordentlich fotografieren konnten. Jetzt kann Madame in aller Ruhe alle Fotos machen, die sie immer schon mal machen wollte.

Wir haben noch 15 Kiloimeter bis Orange.

Pflanzenschutz auf der Obstplantage

Die Strecke ist auch heute wieder gesäumt von Obstbäumen, Weinstöcken und riesigen Feldern. Mais, Getreide, Paprika, Lavendel – hier wächst, was die Welt braucht.

In Orange angekommen, erwartet uns der erste Kontakt mit Augustus, wir machen einen Bogen drum. Zu unserem Hotel geht es stadteinwärts geradeaus, viel zentraler könnte es nicht sein. Die Rezeption ist dreifach besetzt, dem männlichen Mitarbeiter könnte die Gattin einen ausgezeichneten Implanteur in Würzburg empfehlen.

Das Zimmer ist sehr schön und hat sogar einen Sonnenbalkon. Da machen wir gleich mal große Wäsche. Nach einer Pause geht es hinaus in die Stadt. Die Lokale rund um den großen Platz und am Theater sind durchaus besucht, aber richtig viel ist noch nicht los. Für das Theater sind wir zu spät, es schließt um 19 Uhr. Für die kleine, sehr schöne, aber tendenziell etwas zu kitschig bemalte Cathédrale Notre-Dame-de-Nazareth reicht es aber noch. Ein Glanzstück im Inneren ist die Orgel. Von unten sieht sie aus wie der Kopf eines wilden Tieres, das auf die Gemeinde blickt.

Wo der Kaiser spielen ließ

Wir essen direkt am Theater. Über uns tanzen die Martinets noirs, die wir in Monbéliar vermisst hatten, auf den Tisch kommen eine Planche de fromages et de charcuteries sowie eine Pinsa tomate burrata. Dazu gibt's einen Petit Martin und hinterher noch eine Panna cotta und eine etwas verunglückte Dame blanche.

Am alten Comte vorbei gehen wir zurück zum Hotel. Es ist nicht weit.

Vom Nougat zum Obst, das geht nur in Südfrankreich