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Dienstag, 9. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 8. Juni 2026 – Wo der Papst boxt(e)

Die päpstliche Residenz

Nach uns betreten andere Menschen den Frühstücksbereich. Die feurig-spanische Dame im roten Top, die sich wie eine Muleta zwischen Buffet und Tisch bewegt. Oder die dynamisch-orientierungslose Deutsche, die erst in die Mitte rennt und dann schaut, wo sie eigentlich hin will. Zuletzt die achtsame Amerikanerin im weiten Gewand, die sich den Frühstückstisch mit ihrem Begleiter und zwei iPads teilt bzw. teilen muss.

Wir fahren entspannt 
raus aus Orange. Die Stadt ist auch im Vorüberfahren noch ganz schön.  Dann geht es auf kleinen Wegen in Richtung Caderousse, ein sehr schönes kleines Örtchen. Hier verwirklichen sich einige diesen Traum vom Haus in Südfrankreich mit der Palme vor der Tür und die Hauswände gestrichen in den Farben des Südens. Die Mauern um die Grundstücke sind hoch, die Tore sind zu. Es sieht als, als wären die meisten von ihnen heute nicht da.

Wie komme ich von hier weiter, nachdem ich angelegt habe?

Uns leitet der sehr gut ausgebaute Radweg in Richtung Châteauneuf-du-Pape. An der halte fluvial kommt uns eine achtköpfige Rennradlergruppe entgegen. Die werden jetzt ihren Tag an der Rhône verbringen, viele Alternativen in Form von Hügeln haben sie hier nicht.

Fehlt nur der Gauloises rauchende Franzose auf dem Fahrrad mit Beret basque und Baguette

Der Radweg bleibt perfekt ausgebaut, und wir kommen problemlos nach Avignon. So gut der Weg auch sein mag, es gibt keine einzige Infrastrukturmaßnahme. Kein Café, keine Bar, keine Servicestelle, keinen Supermarkt. Wer hier ein Problem hat, muss immer in die Dörfer, Orte und Städte.

Jetzt sind wir in Avignon. Dem Durchfahrenden reiht sich eine Boutique an die nächste. Die Stadt wirkt dadurch sehr wohlhabend, die Besucher sollten es sein. Wir sitzen gegenüber des Hotel de Ville, wo der Tourist richtig abgekocht wird, und trinken zwei Cappuccini zum Sparpreis von zehn Euro.

Rechts die Stadt, links le pont

Mit der Mittagspause wird es leider nichts, weil die Gattin den Weg an die Rhône scheut. Erst wäre es in Schlangenlinien runtergegangen, dann unter der Straße durch und auf der anderen Seite wieder hoch ans Ufer. Rückweg umgekehrt.

Aus Avignon kommt man nicht so leicht wieder raus mit dem Fahrrad. Das haben wir schon einmal schmerzlich erfahren, heute haben wir eine vorgegebene Route, die sich allerdings auch nicht als Vorteil erweist. Die Biegungen und Wendungen sind überraschend, es geht rauf und runter und dann entlang des recht geraden, langweiligen und sandigen Weges. So essen wir erst in Boulbon, das ist etwa 18 Kilometer südlich von Avignon. Vorher gab es weder eine Bank noch eine andere Möglichkeit. Die Stimmung ist leicht gereizt.

Auf der anderen Seite liegt Beaucaire

Nach der Pause vor der Kirche fahren wir auf der D35 nach Tarascon und von dort über die Brücke nach Beaucaire, an das wir nicht unbedingt die besten Erinnerungen haben. Die Stadt kämpft um jeden Touristen, wir gewinnen in der Folge das Gefühl: auch mit unfairen Mitteln. 

Direkt nach der Brücke geht es wieder schwer verständlich links, rechts, rauf, runter. Am Ende sollen wir auf einem Trampelpfad unter einer Eisenbahnbrücke durchfahren und über einen Steg eine Schleuse überqueren. Wir machen alles wie vorgegeben und stehen vor sechs Metallstufen. Dass wir die Räder heben müssen, hebt auch nicht gerade die Stimmung.

Dieser Weg wird kein leichter sein

Nach dem Heben ist der offizielle Weg gesperrt. Die Umleitung ist schwer nachzuvollziehen. Wir umfahren einen sehr großen Wind- und Solarpark und dann auf dem Deich weiter in Richtung Arles. Der Wind kommt wieder von vorne. Weit ist es nicht mehr, mein Akku signalisiert sinkende Leistungsfähigkeit. Warum soll es ihm besser gehen als uns?

Vor uns fährt ein Einsatzfahrzeug der Deichweg-Kontrolle. Er ist langsamer als wir unterwegs, hat wahrscheinlich eine Klimaanlage im Auto und weicht keinen Millimeter. Im Gegenteil, mal pendelt er nach links, mal nach rechts auf den Schotter. Der dabei frei werdende Platz auf dem Weg reicht nicht zum Überholen. Ich muss dreimal sehr laut werden, dann fährt er nach links, bremst ab und macht für uns den Schotter frei.

In Arles kommen wir schnell zu unserem Hotel. Mit dem Bremsen springt die Akku-Anzeige von über 25 Prozent auf unter zehn Prozent Kapazität. Die Batterie im Rad der Gattin verzeichnet noch 34 Prozent. Solche Differenzen gab es bisher nicht. Ich rufe oben im Zimmer gleich mal bei Mahle an.

Der Mensch am anderen Ende erklärt mir erstmal, dass Männer und Frauen unterschiedlich Fahrrad fahren. Ich bin genau in der richtigen Stimmung für solchen Blödsinn. Dann sprechen wir über Fehlermeldungen der letzten Tage, und er kommt irgendwann doch damit heraus, dass der Motor unserer Räder für unsere Art der Nutzung nicht gemacht seien. Da wäre der neue Mittelmotor die bessere Wahl.

Abgesehen davon, dass es den erst seit kurzer Zeit gibt, wird er nur in MTB verbaut und die Räder sind so hässlich wie alle anderen mit Mittelmotor. Außerdem haben 850 Watt Leistung und über 100 Newtonmeter in meinem Verständnis nicht mehr viel mit Fahrrad zu tun, das sind elektrische Mopeds. Ich bedanke mich aber auf jeden Fall für seine ehrliche Ansage. Mal gucken, wie lange unsere zwei Transporteure unsere Anforderungen noch überleben.

Das alte und neue Zentrum der Stadt

Es ist spät geworden. Wir machen uns auf den Weg hinauf in die Altstadt, schauen kurz bei der Arena vorbei und pressen uns dann bei Gaudina zum Essen auf den schmalen Bürgersteig. Das Essen ist sehr gut. Vorneweg gibt es eine dicke Bouillon safrané aux moules et pâtes, danach ein Ragoût de Taureau. Als Dessert gibt es einmal Fondant intense au chocolat, einmal Paris–Brest.

Wir sprechen über die vergangenen drei Wochen und die damit verbundenen Anstrengungen. Das ist für uns beide kein einfacher Abend. Als erstes Ergebnis beschließen wir, unseren Aufenthalt um einen Tag zu verlängern, um neue Kraft zu tanken. Drei Tage in einer dieser Touristenschachteln am Mittelmeer werden wir nicht buchen, da muss es andere Möglichkeiten geben.

Vielleicht hätten wir doch hier essen sollen

Der Kellner kriegt auch noch einen ab. Nachdem er den Apéritif schon ohne grignotage serviert und Sekunden später die Vorspeise gebracht hatte, bitte ich ihn nach dem Hauptgang, mit den Desserts noch ein bisschen zu warten. Zehn Sekunden später steht er wieder am Tisch und sagt: „Ils sont déjà fait.“ Das führt zu einem mittleren Ausbruch in meiner Muttersprache, was ihn zunächst überrascht und dann wortlos wieder abziehen lässt.

Ich wundere mich, wie viele Franzosen mich verstehen, wenn ich laut Deutsch spreche.

40 Kilometer schlechte Stimmung

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