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Sonntag, 17. Mai 2026

Brüggen-Tage im Mai | 8. Mai 2026, Mijn vlakke land

Windräder der Schande, schon immer und überall

Im Hotel frühstückt neuerdings eine Gruppe Amerikanerinnen mit uns; die Damen sind verhaltensauffällig. Eine sprach gestern die Gattin an, als wir gerade unsere Räder in der Gepäckaufbewahrung platziert hatten. Was sie wollte, blieb unklar.

Heute sind die Kaffeemaschinen etwas zickig, was auf dem Display sehr klar zu sehen ist. Eine der Damen ignoriert den Hinweis in ihrer Muttersprache, drückt mehrfach auf den Bildschirm, schaut empört und geht rüber zu der anderen Maschine. Dort erwartet sie eine identische Situation und sie geht genauso damit um.

Zwei andere Damen haben sich an einem Sechser-Tisch niedergelassen. Eine auf der linke äußeren Ecke, die andere quer gegenüber. Sie breiten ihr Leben aus. Alle dürfen mitfiebern.

Wir machen, dass wir aus dem Haus kommen. Zuerst geht's zum Kurbelreparateur, dann auf eine kleine Runde in Richtung Malegem und zurück.

Noorwäärts am Noorweegse-Kaai

Der kleine Fietsenwinkel ist mehr Verleih als Werkstatt, aber der Kollege vor Ort kennt sich aus. Er sieht das Problem, holt das passende Werkzeug und wundert sich dann, dass die feine Campagnolo-Gruppe mit der 105er Kurbel von Shimano funktioniert – so was hätt's früher nicht gegeben. Wo er recht hat, ...

Die Justage kostet fünf Euro, wir verlassen Brügge am Kruispoort, fahren entlang des Kanals in nördlicher Richtung und biegen an dessen Ende rechts auf den Noorweegse-Kaai ab (das hat doch bestimmt was mit KI zu tun?!). Wir folgen dem Kanal bis De Siphon, fahren erneut rechts und erreichen pünktlich zum Mittagskaffee Maldegem.

Einen Italiener mit richtigem Caffè finden wir auf die Schnelle nicht, deshalb parken wir bei der Bakkerij Vanhamel. Die Gattin setzt sich und bewacht die Räder, der Gatte tritt ein und trifft auf die sehr aufgeschlossene Frau Van Hamel.

Die Flamen können Kanäle, die Flamen können Radwege

Sie fragt, woher und wohin und scheint einen Narren an Deutschland gefressen zu haben. Ihr Mann und sie fahren einmal im Jahr in eine deutsche Stadt und bleiben dort ein paar Tage. Zuletzt waren sie in Heidelberg. Als ich sage, dass wir dort in Kürze auch sein werden, gibt es kein Halten mehr.

Direkt an der Heiliggeistkirche haben sie diesen Italiener entdeckt, den sie so gut fanden, dass sie ihn jeden Abend heimsuchten. Da müssten wir unbedingt hingehen. Und sie meint es ernst: Als ich mit Kaffee und Backwerk draußen ankomme und davon erzählen will, kommt sie mit ihrem Telefon aus der Tür gespritzt und zeigt uns begeistert Fotos vom Tatort.

Meentest du das Gemeenthuis?

Wir werden ihr ein Bild schicken, wenn wir dort sind.

Jetzt fahren wir erstmal weiter in den Süden über Zeldonk und Lange Donk an den Kanaal Gent-Brugge, der uns über Wellingstraat zurück nach Brügge leitet. Habe ich schon verraten, dass die reparierte Kurbel einwandfrei ihren Dienst tut?

Letzte Rechtskurve vor Brügge

Wir waren heute früh dran, deshalb sind wir auch recht früh wieder zurück. Im Hotel laden wir die Räder wieder ins Auto, widmen uns der Körperpflege und machen Pause. Anschließend bereiten wir das Packen vor und gehen zum letzten Mal durch Brügges belebte Gassen.

Unser Weg führt uns in das kleine Restaurant, in dem wir gestern auf dem Heimweg einen Tisch reserviert hatten. Bis auf zwei Tische sind alle besetzt. Es ist Freitagabend, da gibt es entweder drei oder fünf Gänge. Wir nehmen alles, was es gibt, plus alkoholische Getränke.

Und was, bitte, gibt es?

Diese Langustine ist nicht umsonst gestorben

Seebarsch mit Avocado, einen offenen Ravioli mit Garnelen-Füllung, eine Langustine mit Gurke, Entenbrust mit Spargel und zum guten Schluss Rharbarber-Crumble mit Hibiskus. Wir haben lange nicht mehr so gut gegessen.

Zum Ende des Abends traut sich der junge Mann am Nachbartisch endlich, die Hand seiner Begleiterin zu streicheln. Jetzt können wir beruhigt zurück ins Hotel gehen. 

Eine schöne, nicht ganz runde Runde

Brüggen-Tage im Mai | 7. Mai 2026, Knokke und Konsorten

Schönes Belgien auf dem Weg an die Küste

Nach dem vielen Sitzen während der letzten beiden Tage, machen wir heute mal was Vernünftiges: Wir setzen uns aufs Rad.

Die Küste ist nicht weit, es geht in Richtung Knokke. Komoot führt uns in nordöstlicher Richtung durchs ländliche Umland. Die Route ist so platt wie ein Tisch – auf knapp 80 Kilometern Strecke erreichen wir gerade mal 140 Höhenmeter.

Zunächst geht es durch Dudzele, eine der ältesten bewohnten Siedlungen nördlich von Brügge. Auf den gut ausgebauten und, siehe oben, flachen Asphaltwegen sind wir nicht allein mit den Rädern unterwegs. Irgendwann kommt uns eine achtköpfige Gruppe ambitionierter Senioren auf Rennrädern entgegen. Auf mein „Allez, allez, allez!“ schallt uns die gleichlautende Entgegnung eines soliden Männerchors entgegen.

Kein Warnsignal, nur ein Ortsschild

Nach etwas mehr als einer Stunde gemütlichen Rasens durch schöne Landschaft erreichen wir den Oostwinkel von Knokke-Heist. Es ist gräßlich.

Acht- bis zehngeschossige Kästen säumen in Zweierreihen die Küste bzw. die dahinter verlaufende Hauptstraße. Der darauf folgende Sandstrand ist mit Badehäusern, Bootsverleih und sonstigen Touristen-Melkmaschinen übersät. Menschen sieht man nur wenige und alle in ziemlich dicken Jacken. Es ist einfach zu kalt und zu windig.

Hier kann man im Urlaub tatsächlich noch was lernen

Weiter geht es durch Seebrügge und das Knokke in nichts nachstehende Blankenberge. Kurz darauf kommen wir durch De Haan, das von ansehnlichen Einfamilienhäusern und Villen dominiert wird. Hier haben sich diejenigen niedergelassen, die den Strand und die Seeluft schätzen und es sich leisten konnten, dem Rest der Meute auszuweichen.

Kurz hinter Bredene umfahren wir das Fort Napoleon, drehen kurz vor Oostende um und fahren durch kontinuierlich schöner werdende Landschaft auf Radwegen entlang eines Kanals in westlicher Richtung zurück nach Brügge.

Freier Strand vor Bredene

Wenige Kilometer vor der Stadt habe ich das Gefühl, das mein linker Schuh im Pedal „schwimmt“. Zuerst denke ich, das meine Cleats wohl schon ziemlich abgeschliffen sind (was nicht ganz falsch ist), dann sehe ich, dass sich auf der linke Seite die Kurbel vom Lager gelöst hat.

Ich schaue mir das Problem an, habe sowas noch nie gesehen und deshalb keine Lösung. Aber es gibt ja EU-Roaming, so dass ich den Mann anrufen kann, der den aktuellen Stand der Technik verbaut hat. Er wundert sich, gibt aber Entwarnung. Gelöst habe sich nur das Plastikteil, das die Kurbel an den Rahmen zieht, das kann man mit einfachen Mitteln wieder in die richtige Position bringen. Danach muss man die Schrauben, die die Kurbel am Vierkant halten, kräftig nachziehen.

Ich stelle fest, dass besagte Schrauben sehr locker sind und drehe das Plastikteil so weit rein, wie ohne passendes Spezialwerkzeug möglich. Danach ziehe ich die Schrauben sehr fest an.

Noch schöner wär's, wenn die Kurbel fest säße

Zur Entstehung des Problems haben wir eine einfache und schlüssige Idee. Unser Techniker wollte anstelle der 105er von Shimano eigentlich die Campagnolo-Kurbel verbauen, die zur Schaltung gehört. Das ließ aber der Mahle-Sensor im Tretlager nicht zu. Weil unser Mann auf eine Lösung von Mahle wartete, schraubt er die Kurbel nur locker zusammen, so dass sie sich auf dem Kopfsteinpflaster-Passagen in den Ardennen langsam lösen konnte.

Für morgen früh kann ich nachher einen Werkstatt-Termin vereinbaren.

Abends landen wir heute beim Ägypter. Er sieht erstmal gar nicht so aus und bietet auch alle typisch belgischen Gerichte, aber die gute Küche und der „Is'-mir-doch-egal“-Service sind fest in ägyptischer Hand. Madame nimmt de halve Kip, Monsieur de Mosselen witte wijn. Beides macht sich sehr gut, auf die Motivation des Kellners hat das keinen Einfluss.

Auf dem Rückweg zum Hotel kommen wir an einem Restaurant vorbei, in dem wir lieber gegessen hätten. Es ist leer, die Tür ist noch offen, wir reservieren für morgen.

Sehr schöne Runde, bis auf die Küste

Brüggen-Tage im Mai | 6. Mai 2026, Glaube hat seinen Preis

Grote Markt, Stadthuis, Brabofontein, Hand werpen

Das Frühstück bei Novotels ist nicht schlecht, aber kein Vergleich zu Angebot und Qualität in Brügge. Wir haben das Gefühl, dass bei praktisch jeder Position der Rotstift angesetzt wurde: billige Pseudo-Säfte, bröckeliges Rührei, völlig verfetteter Speck, kaum Kuchen ... naja.

Nach dem Schock von gestern wollen wir aber nicht meckern, sondern uns heute mit einem weiteren Kleinod Belgiens befassen. Wir fahren nach Antwerpen. Das machen wir auf der E34, die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden.

Wir sind, wie üblich, völlig unvorbereitet. Die Stadt macht en passant einen wohlhabenden Eindruck, wir parken bei der ehemaligen Handelsbörse, in der heute nicht mehr gehandelt, sondern auf hohem Niveau gefeiert wird. Wir schlendern durch die Innenstadt, kommen an einem Plattenladen vorbei, der die ganzen alten Dinger von 1960 bis 1970 für zwei Euro verkauft. Im Schaufenster nebenan weist ein Schild darauf hin, dass – Covid lässt grüßen – maximal 49 Personen gleichzeitig im Laden sein dürfen.

Open-Air-Museum der niederländischen Renaissance

Die Gässchen sind schmal, die Häuser sensationell. Auch hier ist jeder Quadratzentimeter Pflaster mit irgendwelchen Restaurants und Tischen und Markisen und Sonnenschirmen und Bänken für Touristen und Läden mit Tourischeiß vollgestellt. Die Seele labt sich am zarten Geläut, das von der Kathedrale herüberweht.

Als wir sie erreichen, stellen wir fest, dass die Kirche mit ihrem wunderschönen Geläut nicht die Gläubigen, sondern die Zahlungskräftigen und -willigen erreichen möchte. Gottes Stellvertreter in Antwerpen verlangen zwölf Euro Eintritt von jedem Gotteskind, das hier den Austausch mit seinem Schöpfer sucht. Wie sagte schon Hiob: „Ich hab's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Auch in Antwerpen lassen sich nicht besonders gut aussehende Frauen von ihren Insta-Aufnahmeleitern fotografieren. Eine schüttelt vorher nochmal lasziv die Haare, und dann muss er ihr das Bild zur Freigabe bringen. Sie steht tatsächlich nicht mal von der Bank auf, um ihm einen Schritt entgegenzugehen.

Ave Antwerpen, morituri te salutant

Wir gehen vom Großen Markt zum Steenplein, direkt an der Schelde. Oben steht in seiner Mitte Minerva, die Göttin des Automobils, ihre Skulptur hat der belgische Automobilclub zur Erinnerung an Sylvain de Jong dort aufstellen lassen. Das sieht alles sehr bedenklich aus.

In nördlicher und südlicher Richtung schließt jeweils eine Flaniermeile an. Wenige Meter entfernt steht in der einen Richtung Het Steen, eine zweifelhafte „Nachempfindung“ des ehemals ältesten Gebäudes Antwerpens. Heute dient es nicht mehr der Verteidigung, sondern als Museum, Kreuzfahrtterminal und, nach Aussage des Tourismusbüros, „absoluter Hotspot für alle Antwerpen-Besucher“. In der anderen Richtung säumen Logistikzentren das Ufer. Es gibt also doch nicht nur Touristen hier.

Wir gehen weiter durch die gut besuchten Straßen, fragen eine ältere Einheimische, ob die Außen-Gastronomie schon lange derart das Stadtbild dominiert. Sie lebt leider erst seit zehn Jahren in der Stadt und kennt sie nicht anders. So ziehen wir staunend weiter und besuchen zwecks Biopause ein feines Teehaus, in dem wir zwei Cappucci trinken.

Auch in Brügge führen alle Wege zu Gott

Google führt uns über breite Einkaufsboulevards zurück zum Parkhaus, es geht auf gleicher Strecke zurück, und in Brügge hat sich über den Tag auch nicht viel verändert.

Nach kurzer Pause ruft das Abendessen, das wir heute bei Pietje Pek einnehmen. Das Lokal ist sehr gut besucht, aber peu à peu stellen wir fest, dass es sich wohl um eine größere amerikanische Touristenrotte handelt, die in Vierergruppen die Tische besetzt hat. Sie essen die üblichen belgischen Spezialitäten, obwohl die Karte auch vieles bietet, was beim südlichen Nachbarn gern auf den Tisch kommt: Kikkerbillen, Oesters und Halve kreeft.

Schräge Sonne auf sehr schrägen Häusern

Der Service ist sehr professionell, die Chefin bügelt routiniert die Fehler ihrer Mitarbeiter aus. Wir nehmen zwei Keuzemenüs, einen Liter Wasser für elf Euro und eine Flasche Cava. Der Espresso am Schluss schlägt mit unverschämten 4,70 zu Buche.

Da machen wir, dass wir schnell zurück ins Hotel kommen.