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Sonntag, 17. Mai 2026

Brüggen-Tage im Mai | 6. Mai 2026, Glaube hat seinen Preis

Grote Markt, Stadthuis, Brabofontein, Hand werpen

Das Frühstück bei Novotels ist nicht schlecht, aber kein Vergleich zu Angebot und Qualität in Brügge. Wir haben das Gefühl, dass bei praktisch jeder Position der Rotstift angesetzt wurde: billige Pseudo-Säfte, bröckeliges Rührei, völlig verfetteter Speck, kaum Kuchen ... naja.

Nach dem Schock von gestern wollen wir aber nicht meckern, sondern uns heute mit einem weiteren Kleinod Belgiens befassen. Wir fahren nach Antwerpen. Das machen wir auf der E34, die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden.

Wir sind, wie üblich, völlig unvorbereitet. Die Stadt macht en passant einen wohlhabenden Eindruck, wir parken bei der ehemaligen Handelsbörse, in der heute nicht mehr gehandelt, sondern auf hohem Niveau gefeiert wird. Wir schlendern durch die Innenstadt, kommen an einem Plattenladen vorbei, der die ganzen alten Dinger von 1960 bis 1970 für zwei Euro verkauft. Im Schaufenster nebenan weist ein Schild darauf hin, dass – Covid lässt grüßen – maximal 49 Personen gleichzeitig im Laden sein dürfen.

Open-Air-Museum der niederländischen Renaissance

Die Gässchen sind schmal, die Häuser sensationell. Auch hier ist jeder Quadratzentimeter Pflaster mit irgendwelchen Restaurants und Tischen und Markisen und Sonnenschirmen und Bänken für Touristen und Läden mit Tourischeiß vollgestellt. Die Seele labt sich am zarten Geläut, das von der Kathedrale herüberweht.

Als wir sie erreichen, stellen wir fest, dass die Kirche mit ihrem wunderschönen Geläut nicht die Gläubigen, sondern die Zahlungskräftigen und -willigen erreichen möchte. Gottes Stellvertreter in Antwerpen verlangen zwölf Euro Eintritt von jedem Gotteskind, das hier den Austausch mit seinem Schöpfer sucht. Wie sagte schon Hiob: „Ich hab's gegeben, der Herr hat's genommen.“

Auch in Antwerpen lassen sich nicht besonders gut aussehende Frauen von ihren Insta-Aufnahmeleitern fotografieren. Eine schüttelt vorher nochmal lasziv die Haare, und dann muss er ihr das Bild zur Freigabe bringen. Sie steht tatsächlich nicht mal von der Bank auf, um ihm einen Schritt entgegenzugehen.

Ave Antwerpen, morituri te salutant

Wir gehen vom Großen Markt zum Steenplein, direkt an der Schelde. Oben steht in seiner Mitte Minerva, die Göttin des Automobils, ihre Skulptur hat der belgische Automobilclub zur Erinnerung an Sylvain de Jong dort aufstellen lassen. Das sieht alles sehr bedenklich aus.

In nördlicher und südlicher Richtung schließt jeweils eine Flaniermeile an. Wenige Meter entfernt steht in der einen Richtung Het Steen, eine zweifelhafte „Nachempfindung“ des ehemals ältesten Gebäudes Antwerpens. Heute dient es nicht mehr der Verteidigung, sondern als Museum, Kreuzfahrtterminal und, nach Aussage des Tourismusbüros, „absoluter Hotspot für alle Antwerpen-Besucher“. In der anderen Richtung säumen Logistikzentren das Ufer. Es gibt also doch nicht nur Touristen hier.

Wir gehen weiter durch die gut besuchten Straßen, fragen eine ältere Einheimische, ob die Außen-Gastronomie schon lange derart das Stadtbild dominiert. Sie lebt leider erst seit zehn Jahren in der Stadt und kennt sie nicht anders. So ziehen wir staunend weiter und besuchen zwecks Biopause ein feines Teehaus, in dem wir zwei Cappucci trinken.

Auch in Brügge führen alle Wege zu Gott

Google führt uns über breite Einkaufsboulevards zurück zum Parkhaus, es geht auf gleicher Strecke zurück, und in Brügge hat sich über den Tag auch nicht viel verändert.

Nach kurzer Pause ruft das Abendessen, das wir heute bei Pietje Pek einnehmen. Das Lokal ist sehr gut besucht, aber peu à peu stellen wir fest, dass es sich wohl um eine größere amerikanische Touristenrotte handelt, die in Vierergruppen die Tische besetzt hat. Sie essen die üblichen belgischen Spezialitäten, obwohl die Karte auch vieles bietet, was beim südlichen Nachbarn gern auf den Tisch kommt: Kikkerbillen, Oesters und Halve kreeft.

Schräge Sonne auf sehr schrägen Häusern

Der Service ist sehr professionell, die Chefin bügelt routiniert die Fehler ihrer Mitarbeiter aus. Wir nehmen zwei Keuzemenüs, einen Liter Wasser für elf Euro und eine Flasche Cava. Der Espresso am Schluss schlägt mit unverschämten 4,70 zu Buche.

Da machen wir, dass wir schnell zurück ins Hotel kommen.

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