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Mittwoch, 10. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 10. Juni 2026 – Das Grauen des Königs

Viel Rummel vor und hinter dicken Mauern

Unser Tag beginnt um sieben Uhr, wir starten in die vierte Woche.

Zuerst bereiten wir das Packen vor, dann gehen wir runter zum Frühstück. Kaum öffnet sich die Aufzugtür, schon schallt uns lautes Reden entgegen – heute ist hier mehr los als gestern. Die ums Eck gehörte Gruppe verlässt allerdings gerade die Bühne, wir bleiben zurück mit drei Mitarbeitern und einem anderen Paar zünftig gekleideter Radfahrer. Neben dem normalen Frühstück kochen wir uns noch zwei Eier und machen Brote fürs Mittagessen. Außerdem entdecken wir, dass die vorbereiteten Crêpes sich leicht erwärmen lassen und dann noch besser mit der Pâte à tartiner schmecken.

Die Gattin geht nach oben, der Gatte wartet noch auf den Chariot, den die Rezeptionistin aus den Untiefen des Hauses hervorschiebt. Aus dem Fahrstuhl entsteigen die beiden Trikotträger von vorhin mit zwei großen Rollkoffern; offensichtlich doch keine Tourenfahrer.

Hinter der Brücke die Baustelle

Ab Viertel nach neun führt uns das Gerät aus der Stadt hinaus, nach vier Kilometern steht rechts das Ortsende-Schild. Die nächsten zwölf Kilometer teilen wir uns eine schmale Kreisstraße mit den Autos, es werden insgesamt fünf.

Rechts und links der Straße wiegt sich das Röhricht im Wind, der vorhergesagte Wind aus Nord hat es heute nicht geschafft, er hat seinen Vertreter aus West geschickt. Hinter dem Schilf stehen kleine Reispflanzen im Wasser, hier sehen wir endlich, was wir letztes Jahr in der Po-Ebene vergeblich gesucht hatten. Auf den Reisfeldern picken sich Vogelschwärme unterschiedlicher Art und Größe mit ihren langen, spitzen Schnäbeln das Beste raus.

Zuckerpause am Kanal

In Saint-Gilles wird alles neu gemacht. Auch der Radweg. Das bedeutet: kleiner Umweg zum nächsten Kreisverkehr und dann wieder runter zum Weg. Leider kommt man nicht runter, weil zuerst der Bagger und danach noch ein großer LKW hochfahren müssen. Aber kaum hat man unten die Brücke passiert, zack, ist der Radweg wie frisch gemacht.

Zu Anfang fährt man auf neuem, tief schwarzem Asphalt, es folgt eine längere Passage dicht bestreut
 mit hellen Steinchen. Danach wird der Asphalt wieder schwarz, aber wellig, und am Ende gibt es zwei dunkle Spuren – eine hin, eine her. Rechter Hand stehen zwei Meter hohe, verdorrte Disteln, nach einiger Zeit kommen zu den verdorrten noch ein paar frische mit rosa, lila und gelben Blüten. Auf den letzten Metern vor Aigues-Mortes sind die Disteln plötzlich verschwunden.

Mehr Süden geht kaum

Wir erreichen die Stadt zur Mittagszeit, die Gattin fotografiert alles rund ums Haupttor weg, dann setzen wir uns gegenüber auf eine Bank, um die Beute vom heutigen Frühstück zu verspeisen. In einer Asthöhle einer Platane hat sich eine Krähe häuslich eingerichtet. 
Dann kommt ein älteres Ehepaar von drüben auf den Platz. Er hat sein Beatmungsgerät bei sich, in seiner Nase stecken die Sauerstoffschläuche. Man könnte meinen, dass der Name der Stadt Programm sein soll.

Kurz darauf erscheint ein anderes Ehepaar und macht seine leistungsstarken Fahrräder startklar. Papa hat hinten drauf einen Korb, in den er den weißen Hund der Familie setzt, dann klappt er ein weißes Gitter über das Tier, damit der Hund nicht rausfallen oder gar rausspringen kann. Der Hund schaut so, als habe er beim Familienrat nicht dafür gestimmt, diese Fahrt zu unternehmen.

Die „Sammlung der Wasser“ wird „Meer“ genannt und das trockene Land „Erde“

Nach dem Essen geht es weiter in Richtung Meer, wir erreichen das Grauen des Königs. Die Legende sagt, dass der spätere Thronfolger seine Sommer mit großem Hofstaat am Meer verbringen musste und ihm jedes Jahr davor graute. Wenn man sieht, was aus der Gegend geworden ist, kann man das verstehen.

Auf einem relativ schlechten Radweg geht es weiter in Richtung La Grande Motte. Von der anderen Seite grüßen andere Radreisende mit Winken und lautem Klingeln. An der Betonabtrennung zur Straße wachsen Gräser, die haben große Fruchtstände, und deren Schatten tanzen wie Käfer oder Fliegen auf dem Boden. Kurz drauf erreichen wir Le Vidourle, das ist wahrscheinlich 20. Fluss, den wir auf dieser Reise sehen oder überqueren.

Der letzte Fluss vor Montpellier

Bei La Piazzetta bekommen wir einen sehr guten Espresso. Um uns herum ist der Brutalismus der Siebziger Jahre in Beton gegossen, in Deutschland stünden die Ferienbauten garantiert unter Denkmalschutz. Dass die Franzosen das auch gemacht haben, darf bezweifelt werden. An den Fenstern der Massenunterkünfte sieht man, dass es heute Eigentumswohnungen sein müssen, deren Eigner weit reichende Befugnisse haben: Statt einer seitlichen Fensterform gibt es heute sieben verschiedene.

Einerseits sehen wir viele Alte und Gebrechliche, die hier wohl viel Zeit in ihren Wohnungen verbringen. Andererseits hat man aber, wenn man hier so durchfährt und die Sprachen hört, die gesprochen werden, das Gefühl, dass die Idee an Ost- und Südosteuropäer verkauft wird, die hier noch die Reste abfrühstücken.

Jean Balladurs Bild vom schönen Wohnen

Auf uns warten noch etwa 20 Kiloimeter bis Montpellier. Der Weg ist in Ordnung, manchmal ein bisschen wild, vor allem, wenn es am Ende in die große Stadt geht. Diese Stadt empfängt uns sehr modern. Sowohl in puncto Nahverkehr als auch in puncto Städtebau.

Unser Hotel steht direkt am Bahnhof Saint-Roch, etwa fünf Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Das Zimmer hat einen großen Balkon, wir können also viel Wäsche waschen. Parallel reservieren wir die nächsten beiden Übernachtungen und machen uns fein fürs Abendessen.

La Comedie, Zentrum einer beeindruckenden Großstadt

Der Weg ins Zentrum führt durch von der Polizei bewachte Straßen zur Place de la Comedie. Von dort gehen wir zur Esplanade Charles de Gaulle und fragen uns, warum z.B. der Frankfurter Rossmarkt nicht ähnlich funktional und sehenswert gestaltet werden konnte. Auf einer steinernen Bank suchen wir uns einen Platz fürs Abendessen aus, den wir gleich per Telefon reservieren.

Zum Essen sitzen wir draußen, neben uns nimmt später eine Französin Platz, mit der wir ins Gespräch übers Essen und unsere Reise kommen. Das Konzept des Lokals ist clever, denn jeder hat eine Kindheit und erinnert sich an das Essen von früher. Wir nehmen einen Ricard und einen Panaché, teilen uns vier Beignets de courgettes und essen dann zwei Tartar, eins vom Lachs und eins vom Rind. Dazu gibt's Wein, danach einen Café gourmand und ein Tiramisù framboise-pistache.

Die Nachbarin verabschiedet sich, wir machen uns ebenfalls auf den Weg.

Von der antiken Kleinstadt in die Großstadt ohne antike Geschichte

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