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Donnerstag, 8. Juni 2023

La France avecque ... la grande désillusion

Ein wirklich eindrucksvoller Radweg


8. Juni 2023


Die Möwe lacht ab 5.32 Uhr.


Während wir frühstücken, laufen über die Tonanlage Eurythmics und En Vogue (with Salt 'n' Pepa) gefolgt von einer Klavierimprovisation von entweder Thelonius Monk oder Jacky Terrasson – auf jeden Fall ein sehr abwechslungsreiches Programm.


Um uns herum wischt ein Mitarbeiter das Mobiliar. Erst pfft-pfft aus der Sprühflasche, dann sauber- bzw. trockenwischen. Natürlich zuerst den Tisch, dann die Stühle. Beim nächsten Tisch wiederholt er die Prozedur. Natürlich mit dem gleichen Lappen.


Auch für den Weg aus Saint-Gilles-Croix-de-Vie bitten wir Garmin um Unterstützung, leider mit zweifelhaftem Ergebnis. Das liegt aber auch an der Aufgabenstellung. Wir beordern ihn an den Startpunkt der Strecke, und der liegt nun mal auf der anderen Seite der Brücke. Also fahren wir rüber, schauen uns nochmal das Elend an und gondeln dann wieder zurück.


Der heutige Weg ist dem gestrigen nicht unähnlich: viel Staub, wenig Weg, viel Sand, wenig Weg. Das mag ganz nett sein, wenn man im Hotel ein Rad leiht und zum Zeitvertreib ein Stück nach links oder rechts an der Küste lang fahren möchte. Wir versuchen, ein Stück zu fahren, gehen dann aber doch genervt wieder auf die Straße. Für Radreisen sind solche Wege einfach ungeeignet.


Im Hafen von Les Sables d'Olonne liegen die Boote, wie die Touristen in ihren Apartments


Auf der Straße ist es aber auch nicht einfach, denn sie ist nicht so breit, dass ein Fahrrad und ein Auto bequem nebeneinander passen. Da keiner von uns die Verantwortung für die Misere tragen will, kriegen wir uns erst mal ein bisschen in die Haare, finden dann aber doch eine Möglichkeit, auf einem anderen Radweg ein gutes Stück voran zu kommen.


Was wir unterwegs sehen, ist erschreckend. Denn wir fahren auf kleinen Sträßchen abseits des „offiziellen“ Weges quasi durch die Hinterhöfe des Strandlebens. Dort gibt es jede Menge Häuser, fast alle derzeit unbewohnt, an fast allen wird die Ankunft der Eigner bzw. Mieter vorbereitet. Hier wird der Pool gereinigt und befüllt, dort die  Fassade gestrichen und dort drüben justieren zwei Herren das Tor zur Einfahrt.


Zum einen sind die Häuser selbst ziemlich hässlich, vielfach abgewohnt, vielfach außenrum ungepflegt. Zum anderen ist der Flächen- und Ressourcenverbrauch für zwei Monate Nutzung unverantwortlich. Denn es sind ja nicht nur die Häuser selbst, sondern auch Straßen, Ver- und Entsorgung, Licht usw., was gebaut werden muss. Und zum Dritten kann man recht deutlich sehen, wie eine nachvollziehbare, individuelle Idee (hier ist es schön, hier will ich sein), zu schrecklichen Konsequenzen führt.


Die Gattin zieht irgendwann ihre persönlichen Konsequenzen und ruft von hinten: „Ich will nie wieder hierher!“


Wo es früher mal schön war, werden immer die gleichen Fehler gemacht


Von Bretignolles-sur-Mer kommen wir gut nach Brem-sur-Mer. Da ist zwar auch ein bisschen D80 dazwischen, aber das funktioniert prima. Unser nächstes Ziel ist Les Sables d'Olonne, das wir in der Folge mindestens viermal verlassen werden, weil es über die Jahre in immer neue Ortsteile mutierte. Die meist dreistöckigen Art-Deco-Schönheiten an der Wasserfront werden heute eingerahmt von sechs- und mehrstöckigen Kästen, viele davon noch nicht alt, aber viele schon in einem beklagenswerten Zustand.


Nachdem wir die Batterien für unsere Pedale auch bei Decathlon und Brico E.Leclerc nicht bekommen haben, finden wir wenigstens einen schönen Platz am Hafen, wo wir Mittag essen können. Auch hier fragt man sich beim Rumgucken die ganze Zeit, wie schrecklich es im Sommer sein wird.


Wo Meer und Himmel eins werden


Bei solchen Gelegenheiten denkt man auch über sich selbst nach. Mit jedem Tag der Reise gewöhnen wir uns mehr an dieses Leben abseits  des Lebens. Prozesse werden klarer und einfacher, Routinen entwickeln sich. Das Schöne ist, dass man ständig mit Unbekanntem, mit Überraschendem konfrontiert wird, dass man sich ständig neu justieren, neu positionieren muss. So hält man den Kopf am Laufen und richtet sich gleichzeitig in einer unsicheren Situation ein. Man lebt quasi in zwei Welten gleichzeitig und fährt dabei noch Fahrrad.


Genug gedacht. Auf Höhe von Talmont-Saint-Hilaire führt der Weg in eine wunderschöne Marschlandschaft. So richtig gut ist er zwar auch nicht, aber das hier ist eine tolle Entschädigung für das Übel von heute Vormittag. Auch, wenn auf dem Weg plötzlich 20 Leute mit gelben Westen in der Ferne auftauchen. Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen.


Kurz vor Verlassen des Marais sprechen wir noch mit einer dort wirtschaftenden Französin. Sie erklärt uns das biologische Prinzip der Marsch – Süß- und Salzwasser mischen sich hinter der Küste – und deren wirtschaftlichen Nutzung, die Fischzucht. Unsere Befürchtungen bezüglich der niedrigen Wasserstände kann sie zerstreuen. Das Wasser im Marais unterliegt wegen der Verbindung zum Meer den Gezeiten. Was wir gestern und heute gesehen haben, war einfach bas-marais.


Süß- und Salzwasserfische in gleicher Umgebung


Nach dem Marais fahren wir ein Stück Landstraße in Richtung Jard-sur-Mer, wo wir im Zentrum einen Café crème trinken. Unterwegs dorthin passieren wir ein junges Elternpaar mit ihren Rädern, den zwei Anhängern – und dem Filius, der gerade mal stehen kann. Schon mutig, einen solchen Zwerg so durch die Welt zu kutschieren. Andererseits: Man will / muss / sollte den Nachwuchs ja auch auf die Realität vorbereiten.


In der folgenden Abfahrt rasen wir durch Fliegenschwärme, die überall auf dem Sonnenschutzmittel und den Klamotten kleben bleiben. Ich würde mich gerne mit ihnen fotografieren lassen, aber kaum halte ich an, fliegen sie weg.


Auf den letzten Kilometern bis zum Ziel locken uns die Franzosen wieder auf ihre sandigen Pisten. Es hat in dieser Ecke geregnet, da staubt es weniger, da klebt es mehr. Länger als zwei, drei Kilometer machen wir das Theater nicht mit. Bei der Plage des Conches fahren wir raus auf die D105, der wir bis ins Hotel folgen.


Der Empfang ist freundlich, die Fahrrad-Garage ist auf Elektromobilität vorbereitet. Das Hotel ist optisch wie technisch etwa auf dem Stand der Zähne der Chefin. Alles schon etwas älter, funktioniert aber noch. Man  müsste mal grundlegend investieren.


Heute ist übrigens ein ganz besonderer Tag.


Zum ersten Mal seit dem 17. Mai werde ich meiner Frau beim Abendessen in einem anderen Hemd gegenüber sitzen. Ich bin gespannt, ob sie mich a) überhaupt erkennt und b) welche Konsequenzen das haben wird.


Anfangs reiner Schrecken, später pures Vergnügen

Mittwoch, 7. Juni 2023

La France avecque ... l'enfer de l'ouest

Frisch gewaschen und in Aufbruchsstimmung


7. Juni 2023


Was mit den Worten „Lass uns doch schnell noch“ anfängt, dauert gerne mal etwas länger. Wir z.B. wollen heute Morgen schnell noch ein Hotel für den heutigen Abend buchen und stellen dabei fest, dass es dort, wo wir hin wollen, gar keine Hotels gibt, die uns gefallen könnten. Da kommt uns in den Sinn, dass wir mit der Abkürzung gestern sehr gut gefahren waren, und wir suchen auch für heute eine schöne Abkürzung. So hat das Frühstück erstmal ohne uns angefangen.


Kurz darauf sitzen wir neben dem ständig telefonierenden Puma-Mann und seiner Frau Adipositas. Er zuckt die ganze Zeit mit dem linken Bein. Wenn ich mal groß bin, werde ich auch nervös.


Gleich von Anfang an fahren wir in tiefem Sand von Sandkasten zu Sandkasten. Am nächsten Ort bleiben wir stehen, schauen ins Meer und überlegen, wie wir auf die Straße kommen, um zumindest mal ein paar Meter zu schaffen. So jedenfalls kann es nicht über 80, 90 Kilometer weitergehen.


Im Angesicht der folgenden zehnprozentigen Abfahrt auf Sand und lockerem Schotter weichen wir umgehend auf die D751 aus. Auch hier geht es schön bergab, und die Gattin ruft von hinten: „Da hat man wenigstens was vom Gefälle.“ Nächster Halt ist Pornic, wo man um elf Uhr im Zentrum schon wieder an Bistrotischen sitzt. Am Hafen fährt ein Ehepaar vorbei, er hat auf dem Gepäckträger eine kleine Kiste montiert. In der Mitte der Kiste steckt ein kleiner, blauer Regenschirm, darunter sitzt der Hund schön schattig.


Das ist real, hat mit der Realität aber wenig zu tun


Weiter geht es auf der D13, wo Schilder auf dem Radweg darauf hinweisen, dass man bitte vorsichtig fahren möge, weil aus den Ausfahrten Autos rauskommen können. Wahrscheinlich gibt’s da ein ähnliches Problem wie bei uns in Deutschland mit den Tempo-130-Schildern. Es sind nicht genug Schilder da, um die Autofahrer auf die Radfahrer hinzuweisen, die hier Vorrang haben.


Die Durchfahrtstraße in La Bernerie-en-Retz wird gerade auf beiden Seiten renoviert. Wir fahren trotzdem durch und der Mann mit dem großen Bagger sagt uns, wir mögen bitte nicht durch den frischen Asphalt fahren. Am Ende der Maßnahme tönt von einer Terrasse beschwingte Musette zu uns herunter. Man hat das Gefühl, man wäre in Frankreich.


Ein breites Angebot an Urlaubsvergnügen


In der Ortsmitte gehen wir bei Carrefour für den Mittag einkaufen. Jamiroquai ist auch da und begleitet unser sommerliches Einkaufsvergnügen musikalisch. Ansonsten suchen wir erfolglos nach Batterien für unsere Pedale.


Ein Stück hinter dem Ort wechseln wir wieder auf die D13, die leider nicht mehr so wenig befahren ist, wie zuvor. Bei Port Collet fahren wir deshalb gerne ab und folgen der D
118 bis Bouin, wo wir vor der Kirche eine 
relativ schattige Bank unterm Baum finden. Hier treffen sich einige Radreisende, und am Ende der Pause kommen wir noch mit zwei Franzosen ins Gespräch, die in Notre-Dame-de-Monts wohnen und gerade auf dem Heimweg von Nantes sind.


Sie nehmen aus der Weinhandlung gegenüber eine Flasche für zu Hause mit, wir wünschen viel Vergnügen damit und erleben, was schlampige Aussprache anrichten kann. Statt vin versteht Madame vent und wundert sich, warum ihr die Deutschen Spaß mit dem Wind wünschen.


Die Kirche im Dorf, Treffpunkt des fahrenden Volks


Unser heutiger Weg für einige Kilometer durch das Marais breton vendéen, eine weitläufige Marsch-Landschaft im Hinterland der Küste, die sichtbar von der Dürre in Frankreich bedroht ist. Die Pegel der sie durchziehenden Kanäle und Seen sind um 30 und mehr Zentimeter gesunken, die damit einhergehende Austrocknung des Bodens führt zu starken Absenkungen, die wiederum Risse und Absenkungen im Asphalt der schmalen Straßen nach sich ziehen. Was die Trockenheit für die Pflanzen und Tiere des Marschlands bedeutet, wird man wohl erst in Zukunft sehen.


In Saint-Jean-de-Monts hat uns dann der Schrecken der Küste wieder.


Es gibt kaum ein unbebautes Stück Land, wo vormittags an den Straßenseiten noch einzelne Häuser standen, dominieren jetzt Wohnblocks, Ferienanlagen, Erlebnisbäder und ähnliche must-haves. Heute ist noch fast alles geschlossen und nichts los, aber vom 1. Juli bis 30. August herrscht hier der gnadenlose Gott des Badeurlaubs.


Wer sich hier nicht wohlfühlt,  hat falsche Vorstellungen von Urlaub


Für uns geht es noch rund 20 Kilometer an der Küste entlang. Die Orte gehen ineinander über, unterscheiden sich aber nicht nennenswert. Unser Hotel hat den leicht abgewrackten Charme der sonstigen Bebauung, wenigstens ist die Rezeption freundlich besetzt.


Nach dem Duschen und Waschen bleibt kaum Zeit für eine Pause. Wir schauen nochmal über die Brücke in die Ortsmitte und gehen am Ende doch lieber auf unserer Seite essen. Die Preise sind reel, die Qualität gut. Um zehn sind wir wieder im  Hotel, morgen sollen die ersten Gewitter kommen.


C'est la Vie

Die Wäsche ist schon fast trocken, von draußen schallt das laute Lachen der gleichnamigen Möwen ins Zimmer herein. Wahrscheinlich wissen sie mehr als wir.


Die zweite Abkürzung, 170 Kilometer gefahren, 210 Kilometer weit gekommen

La France avecque ... la vue de la mer

Überraschende Perspektiven in der Hafen-City


6. Juni 2023


Das Frühstück bei ibis Styles war auch schon besser. Heute gibt's als kostenfreie Zusatzleistung ein Fernsehprogramm, das Menschen bei der Produktion von Radioprogrammen zeigt. Wahrscheinlich nennen sie es „Irgendwas mit Multimedia“.


Garmin leitet uns exzellent durch die Straßen und über die Plätze der Stadt, binnen kurzer Zeit sind wir am Hafen und auf dem Weg in Richtung Mündung.


Bis Le Pellerin erkennen wir nichts wieder und wundern uns über steile Anstiege, lange Abfahrten und überwiegend weniger reizvolle Wege. Aber das ist kein Wunder, 2012 sind wir den Weg in umgekehrter Richtung und vor allem auf der nördlichen Seite des Flusses gefahren.


Das Hotel, in dem wir damals unterkamen, hat sich schwer gemausert. Der Chef war seinerzeit schon sichtlich geschäftstüchtig, jetzt sieht es so aus, als habe er sein Haus peu à peu auf einen zeitgemäßen Stand gebracht und Erfolg damit.


Unser ständiger Begleiter, der EuroVélo 6, wird uns in Kürze verlassen


An den nun folgenden Abschnitt der Strecke erinnern wir uns tatsächlich noch gut. Damals ging es schnurgerade in eine hoffnungslose Zukunft ohne Bleibe für die Nacht. Heute fahren wir schnurgerade in Richtung Atlantik mit der Gewissheit einer guten Adresse für den Abend.


Zwischendurch raubt uns noch ein unverschämter Anstieg die Nerven. Lang, steil und auch mit technischer Unterstützung nicht zu bewältigen. Wir schieben schimpfend hoch und treffen oben auf zwei britische Pärchen unserer Altersgruppe. Sie haben den Schatten eines Hauses genutzt, um wieder zu Atem zu kommen, sind einem Schwätzchen nicht abgeneigt, und so stehen wir eine Zeit zusammen und klären, was wir alten Ausländer hier überhaupt machen: Living our lives in a different country.


Die Zeit der Châteaus ist vorbei, jetzt kommen die Herrenhäuser


Gegen 13 Uhr erreichen wir Paimboeuf, kaufen im Intermarché am Weg ein paar Tomaten und Taschentücher und setzen uns am Loireufer auf eine Bank im Schatten. Die Bank gegenüber hat eine Frau mit ihrem ca. sechsjährigen Sohn belegt, sie grüßt freundlich und verabschiedet sich wenig später auf gleiche Weise. Uns fällt auf, dass Radreisende in Frankreich entweder generell nett behandelt werden oder uns viele freundliche Leute über den Radweg laufen.


Kurze Zeit später erobert ein Pärchen wie wir die Bank: Er lang und dürr, sie nicht. Immer mehr Radreisende kommen vorbei, sie alle finden hier keinen Platz mehr.


Eigentlich schade, ein ganzer Fluss ist am Ende nur noch braune Brühe


Wir entscheiden uns beim Essen dafür, den weiteren Weg abzukürzen, und wechseln deshalb auf die D96 in Richtung Saint-Michel-Chef-Chef. Da kommen die guten Kekse her, da wollen wir sowieso hin! Über die Landstraße kommen wir sehr gut voran, kein Holterdipolter, keine Staubwolke, keine nennenswerten Anstiege.


So geht Radreise heute!


„Partageons la route“ – Autos gehört die Straße, Radfahrer werden an den Rand gedrängt


Die folgenden Orte existieren eigentlich nur, weil es Tourismus gibt. Das sieht man derzeit besonders gut, weil es noch nicht viel Tourismus gibt. Das heißt: Die Geschäfte, Restaurants und Bars sind fast alle geschlossen, die Läden der Häuser sind zu, die Rollos unten.


Auf den Campingplätzen und am Strand herrscht dafür reger Vorbereitungsbetrieb. Es wird neu gebaut (ob das noch rechtzeitig fertig wird?), repariert und natürlich an der Illusion vom Badeurlaub gearbeitet. So fahren z.B. über die Grande plage de Tharon mehrere Lastwagen, die in Nähe der Promenade von einem Bagger befüllt werden und den ans Meer verlorenen Strand mit dem neuem Sand auffüllen.


Neue Wegweiser zwischen Keksen und Abendessen


Für uns geht es noch ein paar Meter weiter nach Préfailles, wo wir in einem sehr guten Touristenhotel unterkommen. Das Haus ist nicht in allerbester Verfassung, was auch an der hohen Beanspruchung durch Wind und Wetter liegen dürfte, dafür schlägt uns wieder die eingangs beschriebene Freundlichkeit entgegen. Die Chefin lässt uns die Räder sowohl vor der Tür mit dem Gartenschlauch vom Staub reinigen als auch in der Lounge aufladen.


Abendessen gibt's hier auch: Austern von direkt gegenüber – die Gattin will abseits der Küste nie wieder welche essen –, hausgemachte Foie gras und Barschfilet bzw. mariniertes Filet vom Rind. Der Wein ist besser als die meisten bisher, die Desserts sing gut, nur der Käseteller macht deutlich, dass wir die Käseregion an der Loire leider verlassen haben.


Hinterher schauen wir der Sonne noch kurz beim Untergehen zu, dann gehen wir aufwärts. Beim Abendessen haben wir festgestellt, dass sich in den letzten zwei, drei Tagen dieses Gefühl völliger Losgelöstheit bei uns eingestellt hat. Wahrscheinlich dauert es einfach enorm lange, bis einem das Päckchen, das man so mit sich rumträgt, von den Schultern rutscht.


Raus aus der Stadt, rein ins Vergnügen

Dienstag, 6. Juni 2023

La France avecque ... des boceaux Weck

Ein bekanntes Gesicht am Ufer der Loire


5. Juni 2023


Irgendwie fangen unsere Tage immer mit Frühstück an.


Heute sitzen wir am Zehnertisch im Frühstücksraum bei Julie. Ein deutsches Pärchen ist schon weg, das zweite zahlt gerade. Kurz nach uns kommen die drei Spanier aus dem OG und reden wesentlich zu schnell für unseren Ausbildungsstand.


Wir sprechen langsam mit Julie über ihre 120-ml-Weckgläser. Das damit verbundene Prinzip der Konservierung ist ihr gar nicht bekannt, sie findet bloß die Gläser schön und serviert den Gästen morgens Fromage blanc darin. Wir schicken ihr weitere Info, wenn wir wieder zu Hause sind.


Reisebekanntschaft


Aurélien kommt gerade noch rechtzeitig vom Einkaufen zurück, um uns bonne route zu wünschen, dann folgen wir dem schönen weiteren Weg auf der Basse Île entlang der Loire. Schon nach kurzer Zeit verläuft der Weg auf einer schmalen Landstraße, die ein ordentliches Tempo zulässt und uns direkt nach Montjean-sur-Loire führt. Das Hotel, in dem wir 2012 übernachteten, gibt es noch unter gleicher Leitung.


Bezüglich der schmalen Straßen gibt es hierzulande noch eine Besonderheit: Zum Zwecke der Verkehrsberuhigung werden viele Straßen durch zwei Beton- oder Pflastererhöhungen links und rechts auf eine schmale Spur mit alternierender Durchfahrt reduziert.


Der Radfahrer bekommt eine eigene Spur rechts der Betonerhöhung. Leider ist diese Spur so schmal, dass man auch ohne Taschen kaum durchkommt. Der ADFC wäre hellauf entsetzt! Wir haben in der Praxis festgestellt, dass man mit dem Rad auch gut und sicher durch die Mitte kommt.


Wir bleiben auf der linken Loireseite, kaufen in Saint-Florent-le-Vieil fürs Mittagessen ein und wechseln kurz vor eins bei Ancenis auf die andere Seite des Wassers. Gleich am linken Pfeiler der Brücke empfängt uns die AfF mit einem munteren „DES COVIDIOTES“. Wir setzen uns auf der anderen Seite auf eine warme, schattige Steinmauer und verputzen die Hälfte des Proviants.


Die alte Steinmauer war nicht nur für uns attraktiv


Zwei junge Menschen auf einer nahen Parkbank räumen nach dem Essen auf Großstadtniveau auf: den Müll in den Abfallkorb, die Flaschen für die Sammler daneben. Nur blöd, dass es in Frankreich gar kein Pfandsystem für irgendwas gibt.


Weiter geht es durch ständig wechselnde Abschnitte von Wald, Wiese, Wohnbereich. In Oudon (wo die dicken Nudeln gemacht werden) suchen wir vergeblich eine geöffnete Bar, bis Saint-Simon fahren wir über staubenden Kies entlang der D751 durch übel riechenden Gemüseanbau.


Bei Mauves-sur-Loire fahren wir das letzte Mal über den Fluss, kurz darauf fangen die Vororte von Nantes an. Und das ist wirklich kein Vergnügen. Am Rand des Weges leben Menschen in einer Art großer Kleingartenkolonie. Paradox, gell?


Links fließt die Loire, rechts sehen wir kleinere und größere Grundstücke, eingezäunt, meist mit stabilem Tor. Hinter den Hecken und Zäunen stehen Holzhäuser, Campmobile, Sitzgelegenheiten. Hier wird gegrillt, dort nur gesessen. Am Ende dieser Siedlung liegt auf der linken Seite ein beachtlicher Haufen an Hausrat, so sieht es in der Stadt aus, wenn jemand zwangsgeräumt wurde oder verstorben ist. Insgesamt ein unangenehmes Umfeld.


Leben in der Stadt


Die Stadt selbst präsentiert sich völlig anders. Hier ist Leben, hier ist eine intakte Centre ville. Hier sind Geschäfte, Restaurants usw. vom Feinsten. Genau da wollen wir auch hin. Denn in Nantes gibt es einen Laden der Firma Café Coton. In deren Geschäft in Bordeaux habe ich 2020 eine größere Zahl von Unterhosen zu einem sehr günstigen Stückpreis erworben. Und da wäre doch heute eine gute Gelegenheit für den Wiederholungstäter.


Den Laden finden wir relativ schnell, unterwegs können wir uns an dem überbordenden Gefühl von Stadt kaum sattsehen. Die Dame im Geschäft ist sehr freundlich, in der Sache aber knallhart. Die Preise, von denen ich erzähle, gibt's bei ihr nicht, hat sie auch noch nie gehört. Bei ihr kosten caleçon 30 Euro – die muss sie selber anziehen.


Vous ȇtes en Bretagne


Unser Hotel liegt direkt am Bahnhof, die Menschen, die dort arbeiten, sind sehr freundlich. Nach kurzer Pause bummeln wir ein bisschen ums Schloss, der Fou du Roi hat leider längst den Geschäftsbetrieb eingestellt.


Wo Anne de Bretagne zu Hause war


Am Ende landen wir in der elsässischen Systemgastronomie, wo der Riesling wie Pinot blanc schmeckt und das Flambieren auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. Dafür ist nebenan großartige Apéritif-Stimmung und übers Essen wabert der Geruch von besserem Cannabis. Bhnhfsvrtl halt.


Unterwegs in die alte Hauptstadt der Bretagne

Montag, 5. Juni 2023

La France avecque ... une petite cycliste

Chenehutte(n)

4. Juni 2023


Die Frühstücks-Atmosphäre im Mercure ist angenehmer als in den meisten unserer bisherigen Bleiben. Ruhiger, gediegener, altersgerechter. Leider ist das Frühstück selbst nicht so gut, wie wir es uns gewünscht hätten. Und auf der Terrasse sitzen nur die, die Extra-Pullis mitführen.


Wir packen, telefonieren mit zu Hause bzw. mit dem Hotel in Tours, das sich immer noch nicht wegen meines vergessenen Gurtes gemeldet hat. Dann holen wir die Räder und fahren zum Boulanger an der nächsten Ecke, wo bereits eine beachtenswerte Schlange steht.


Überwiegend alte Leute, da passen wir gut dazu. Auf dem grauen T-Shirt eines grauhaarigen Trägers steht: Rules are made to be broken. Ich bezweifle, dass er sich daran gehalten hat. Auf unseren Trikots steht (sehr klein) Gore. Daran halten wir uns schon seit über zehn Jahren.


Frankreich trocknet aus


Eine alte Frau steht etwas abseits der Reihe, schiebt sich aber rein, als sie sieht, dass ich mich auch anstelle. Im Vorwärtsrücken versucht sie, mit anderen Schlänglern ins Gespräch zu kommen. Generell hat sie eine gewisse Begabung, den Laden aufzuhalten. Die Boulangeuse fragt sie irgendwann entnervt: „Enfin, vous voulez qoui?“


Das beschleunigt die Geschäftsabwicklung. Kurz darauf bin ich vorne und schnell wieder draußen. Mit Baguette usw. in den Taschen queren wir danach die Brücke. Die Frau und der T-Shirt-Mann schlendern ins Gespräch vertieft auf der linken Seite. Passt.


Der freundliche Radweg-Planer schickt uns die ersten zehn Kilometer in die hohen und höchsten Wohnlagen Saumurs. Wir wundern uns, aber wir haben Motörchen. Nach Les Rochettes wird der Weg besser, wir überholen unsere Schatten-Bekanntschaft von gestern Nachmittag und fahren anschließend auf der Uferstraße durch schöne Orte, wie Chenehutte, Saint-Jean und Préban.


In Le Thoureil quert eine Frau von ungefähr gleicher Breite und Höhe im schulterfreien, gelben T-Shirt die Straße. Sie hat wohl eine Gîte gemietet, schaut nicht links, nicht rechts und vermittelt den festen Glauben, sie habe den Ort gekauft. Alle Bars und Restaurants sind prall gefüllt. Es ist Sonntag, es ist Mittag, es ist Urlaubsgebiet.


Le Prieuré de Saint-Maur


Bei Saint-Matheurin-sur-Loire fahren wir wieder über den Fluss, der Weg ist strategisch günstig ausgeschildert: Wer ihm folgt, fährt quasi direkt auf die Terrasse des Restaurants am Loire-Ufer. Wie es aussieht, haben schon viele alles richtig gemacht. Wir sind heute etwa 30 Kilometer gefahren, noch rund 25 bis Angers.


In La Sablonnière erwartet uns ein traumhafter Essplatz. Große Wiese, Tische teilweise schattig, teilweise sonnig, teilweise überdacht, großer Müllbehälter in angemessener Entfernung. Da bleiben wir gerne und essen fast alles auf, was wir noch haben.


Entsprechend gut gestärkt geht es weiter Richtung Angers, nach einiger Zeit begegnen wir einem Vater mit kleiner Tochter auf dem kleinsten Rennrad, das wir je gesehen haben. Zwei Abbiegungen weiter treffen wir auf alte Erinnerungen: Le bac de la Chevalerie.


Das Prinzip des Kettenziehens ist noch das gleiche, aber das Ufer ist komplett neu in Beton gegossen, etwa viermal so breit und wesentlich steiler als 2012. Erfreulicherweise kommen Vater und Tochter hinter uns her, so kann er uns beim Be- und Entladen helfen, und wir müssen nicht abpacken.


Deutsch-französische Übersetzer


Die Tochter freut sich darüber, dass sie ein tolles Rad hat. Der Vater ist stolz wie Bolle. Die Frage, ob sie gut mit der Schaltung zurechtkommt, bejaht er. Heute seien sie 40 Kilometer gefahren. Nicht besonders schnell, aber immerhin. Auf dem weiteren Weg holen wir das Gespann wieder ein und sehen, dass sie gar nicht schaltet. Sie erhöht bei Bedarf einfach die Kadenz.


Wenig später erreichen wir die ersten Ausläufer von Angers. Zunächst wird nur die helle Oberfläche des Weges schwarz, dann stehen die ersten Schieferstelen am Wegesrand. Und dann kommt der Parc des Ardoisières. Von der letzten Tour haben wir ihn noch in bester Erinnerung, aber die Durchfahrt ist auch diesmal wieder ein Ereignis.


Herzlich willkommen im Steinbruch der Geschichte


Am Ende des Parks wird es laut, auf dem Weg ins Zentrum kommen wir links an einem Roma-Lager vorbei, in dem Rémi und Démi den Sonntag feiern. Ein deutsches Ehepaar auf Pedelecs findet den Weg in die Stadt nicht mehr und bewundert, wie wir mit so viel Gepäck die letzte Steigung gemeistert haben. Die Gattin klärt sie auf, sie schauen die Räder an und glauben nicht, dass da irgendwo ein Motor drinsteckt.


Wir fahren ins Zentrum, am Schloss vorbei und haben beide das Gefühl, dass es eigentlich reicht für heute. Aber wir haben weiter westlich gebucht ...


Zwei Wahrzeichen Angers: Schloss und Schiefer


Und dann geht's auch erst richtig los.


Im Parc de Balzac und am Lac de Maine veranstalten die Sportvereine Angers ein großes Fest für den sportlichen Nachwuchs. Jeder kann alles testen, bei allem mitmachen. Außer den Radreisenden, die müssen absteigen und durchs Gewimmel schieben. Notgedrungen machen wir den vermeintlichen Spaß mit, anfangs wissen wir ja noch nicht, wie weit sich Park  und Seeufer erstrecken.


Aber auch das geht vorbei, wir sagen bei Julie und Aurélien Bescheid, dass wir erst gegen fünf ankommen.


Doch auch daraus wird nichts. An der Promenade in Bouchemaine ist die Hölle los. Am Ufer in La Possonnière findet ein Flohmarkt mit Musik und allerlei sonstiger Unterhaltung statt. Und überall ist der EuroVélo 6 nur schiebend zu benutzen.


Am Ende wird es knapp sechs, bis wir da sind. Wir schwatzen ein bisschen mit den Gastgebern, versorgen die Stromfresser und schaffen es um acht in die Pizzeria an der nächsten Ecke. Es sieht so aus, als wären alle Gäste der Mariniers gekommen.


Im Westen nichts Neues


Nach dem Essen gehen wir noch ein paar Schritte am Quai entlang, dann nehmen wir die Ladegeräte vom Strom und steigen die Treppe in unser Zimmer hoch. Morgen sind es 72 Kilometer bis Nantes.


Hier wurde heute wirklich so einiges veranstaltet