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Donnerstag, 12. Juli 2012

19. Mai 2012, der zehnte Tag: Beaucaire–Palavas-les-Flots, 93,69 km

Stürmische Zeiten

Auf das „Kissdellafruhstuck“ verzichten wir. Stattdessen kommt das übliche Sammelsurium von NescaféPain au laitComtéJoghurt und Banane zum Einsatz.

Um neun Uhr fahren wir den Hotelberg hinunter, auf dem Bürgersteig der anderen Straßenseite plagt sich ein Jogger, der unbedingt mit mir mithalten will, und das schon am frühen Morgen! Meine Gattin sollte sich ein Beispiel an ihm nehmen. Irgendwann geht es so steil bergab, dass er nicht mehr mitkommt, ich winke fröhlich, beim nächsten Rond point fahren wir rechts ab auf die Route de Saint-Gilles, der wir bis in den gleichnamigen Ort folgen.

Gleich in der ersten Bar nehmen wir zwei Cafés und fragen nach einer Einkaufsmöglichkeit. Madame schickt uns zum Carrefour am Ortsausgang, was uns einiges an Zeit kostet, dafür aber mit einer wilden Mischung aus Kundschaft belohnt. Ich halte beide Räder fest und das Gepäck im Auge, während Mo sich ins Getümmel stürzt (und dort lange bleibt). Mir fällt auf, dass der Supermarkt schon am Eingang deutlich darauf hinweist, dass Laden und Umgebung video-überwacht werden. Wenn ich mich umschaue, kann ich das verstehen.

Zurück im Ort fragen wir zwei Plakatkleber im besten Mannesalter (also etwas älter als ich) nach dem Weg, sie schicken uns geradeaus über die Brücke und die Eisenbahnlinie. Direkt danach geht es rechts auf die D179 und damit in eine andere Welt.

Vier Liegeplätze des Glücks

Unsere Straße führt im Zickzack durchs Gelände, der Wind weht zum Teil heftig, und wir düsen vom Verkehr weitgehend verschont an Reisfeldern vorbei, sehen zahllose Vögel, die wir nicht benennen können, die sich aber offensichtlich sehr gut in dieser Gegend ernähren können. Irgendwo mittendrin hat ein Belgier sein Auto verlassen und geht auf die Pirsch. Mit seiner Kamera und einem Teleobjektiv, das diesen Namen wirklich verdient.

Beim Centre du Scamandre biegen wir links ab und sehen zur Belohnung die ersten Camargue-Pferde. Nicht viel weiter treffen wir westlich wir auf die D58, die sichtlich darauf ausgelegt ist, möglichst viele Besucher möglichst reibungslos nach Aigues-Mortes zu bringen. Und ebenso reibungslos wieder weg. Wir machen an einem Weg rechts der Straße Mittagspause. Kurz vor der Weiterfahrt klingelt das Telefon, und wir erfahren, dass unser lebloser Rechner morgen nach Deutschland überführt wird. Mal sehen, ob wir ihn je werden reanimieren können.

Tote Wasser sind voll

Aigues-Mortes ist uns zu voll, wir schauen nur kurz rein und dann, dass wir weiter kommen. Kaum sind wir um die nächste Ecke der Stadtmauer gekommen, ruft die Dame hinter mir: „Vorsicht, Wind!“, da hat es mich beinahe schon vom Rad gehoben. Wir fahren rechts ran, schauen uns die schnurgerade D979 zwischen den großen Salzseen an und beschließen, die kommenden sechs Kilometer im kleinsten Gang und gaaanz vorsichtig in Angriff zu nehmen.

Ein, zwei Kilometer geht das recht akzeptabel, dann schaltet der Wind zunächst auf Sturm, dann auf Katastrophenmodus und bläst aus östlicher Richtung auf Gepäck und Körper. Beides erweist sich als perfekter Windfang, so wird das Geradeausfahren auf den folgenden Kilometern zum echten Kraftakt, und es bleibt kaum Gelegenheit, ein Auge auf die links und rechts im Wasser stehenden Flamingos zu werfen.

Nach schier endloser Fahrt erreichen wir Le Grau-du-Roi, atmen tief durch, fahren nach rechts über die Brücke und lassen uns von der einen Katastrophe in die nächste schieben.

Ach, du kriegst die Grand Motten ...

In La Grand Motte denken wir darüber nach, mit einem Bus etwas weiter ins l'Herault zu fahren, am besten gleich bis nach Lodève. Der Busfahrer hält das für keine erfolgversprechende Idee, denn Fahrräder nehmen die hiesigen Busse nicht mit. Und selbst wenn wir einen kooperativen Kollegen fänden, wäre das Ganze immer noch kaum realisierbar, denn der Weg führt über Montpellier und wir müssten mindestens drei Mal umsteigen.

Also verwerfen wir den Gedanken, fahren weiter staunend ins Zentrum dieses malerischen Touristenstädtchens und gönnen uns in einem strandnahen Salon de thé einige Törtchen und zwei Cafés. Auf der D59 fahren wir über Le Grand Travers motteauswärts; der Weg führt direkt am Strand entlang bis nach Carnon und nach einem kleinen, für Fahrräder verbotenen Schlenker über einen Hauptverkehrskreisverkehr weiter nach Palavas-les-Flots.

Die gesamte Strecke führt durch überwiegend auf dem Reißbrett entworfene Siedlungen, die eher an Massentierhaltung als an Urlaubsidylle denken lassen. Der fast schon bösartige Wind und die mit ihm ziehende, geschlossene Wolkendecke verstärken den trostlosen Eindruck. Irgendwer hat ausgerechnet für heute einen Halb-Triathlon terminiert. Die Aktiven, die uns auf ihren Hightech-Rädern entgegenkommen, können einem wirklich leid tun.

Willkommen in den schönsten Wochen des Jahres

Im örtlichen Office de Tourisme erbeuten wir einen lokalen Hotelführer, die ersten beiden Ziele scheiden nach persönlicher Ansicht aus, beim dritten Versuch werden wir heimisch. Das Mädel an der Rezeption gibt sich viel Mühe mit uns, die Chefin erlässt uns die Parkgebühr von je einem Euro, weil sie den umweltfreundlichen Aspekt des Radtourismus' fördern will.

Fürs Abendessen gibt man uns zwei Empfehlungen mit auf den Weg, die erste Adresse ist nicht unteuer, da gehen wir lieber zur zweiten. Im Le Saint-Georges stehen zwei besetzte etwa 25 leeren Tischen gegenüber, ein Jüngling in schwarz fragt nach unserer Reservierung und bietet uns, da wir keine haben, den kleinen Tisch direkt im Eingang an. Den mögen wir nicht so, aber alle anderen sind nach seiner Aussage reserviert. Man trennt sich in gegenseitiger Verachtung.

Also doch in die teurere Alternative. Die Umgebung riecht zwar bedenklich nach Touristenfalle, aber dann geht's hinten raus und eine ansehnliche Treppe hoch. Vor uns eine sehr heterogene Gruppe von etwa 15 Personen, die der Oberkellner im Vorraum begrüßt und deren Jacken er in einem aufnahmefähigen Garderobenschrank verstaut. Unsere Regenjacken finden dort ebenfalls Platz, denn wir werden ohne Reservierung und sehr freundlich aufgenommen.

Hässlicher Ort mit schöner Aussicht

Der Oberkellner lässt uns durch einen seiner Unterkellner im Restaurant platzieren. Ich höre „Table 35“, rechne sofort mit dem Schlimmsten (Katzentisch am Klo) und werde bitter enttäuscht: Wir sitzen neben der 15er-Gruppe, haben freien Blick aufs Mittelmeer und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Die Karte ist sehenswert, die Menüs sind vielversprechend. Mo beginnt mit einer tollen Fischsuppe, isst danach ein Doradenfilet und zum guten Schluss ein feines Parfait. Ich fange mit einer asiatischen Jakobsmuschel-Variante an, freue mich anschließend über gebratenen Rascasse und Brioche perdu. Der vom Keller empfohlene Wein passt wie für uns vergoren, der Service ist nicht von dieser Welt – nur gut, dass uns der Jüngling vorhin keinen besseren Tisch angeboten hat.

Draußen spuckt das Meer wellenweise Wasser aufs Land, der Sturm biegt die Palmen waagerecht und reißt ihnen die wenigen Büschel aus, die sie noch haben. Wir schauen dem Treiben lange von unserem Fensterplatz aus zu, dann treten wir glücklich den Rückweg an.

Leuchte er uns heim!

18. Mai 2012, der neunte Tag: Avignon–Beaucaire, 38,02 km

Südfrankreich kommt immer so plötzlich

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“ ist eine zwar weit verbreitete, aber definitiv falsche Annahme. Bei uns war die Hoffnung auf gutes Wetter schon in der Nacht verstorben und aus dieser misslichen Lage kann sie sich auch während des Frühstücks, das von dunklen Wolken und dem regelmäßigen Tropfen des Regens begleitet wird, nicht befreien. Auch das Frühstück selbst hat keine Fortschritte gemacht, es gibt die gleichen, in Alu verpackten Kalorienbringer wie tags zuvor.

Gegen neun legen wir in Avignon an der „kleinen Rhône“  an, wir haben natürlich längst gepackt und gehen erstmal auf eigene Faust in die Stadt. Der Regen hält uns zunächst davon ab, unnötig viel Zeit auf den Straßen zu verbringen (wir haben überraschenderweise keinen Schirm dabei).

... und plötzlich sind wir in Südfrankreich!

Unser erstes Ziel ist sowieso die lokale Einkaufsmeile, Mo will gucken, und mir rutscht mangels verbliebener Hüften jede Hose, so dass ich einen Gürtel brauche. Die Rue de la République bietet für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas Passendes, mir passt der 14,90-Gürtel bei H&M.


Schräg gegenüber kriegen wir bei einem bekannten amerikanischen Bulettenbrater gegen Bestellung und Bezahlung von zwei Café einen kostenfreien Internetzugang, der es uns erlaubt, uns nach zwei Tagen mal wieder ums Geschäftliche zu kümmern. Auf unserem Schiff gab's solche technischen Extravaganzen leider nicht.


Interessante Einblicke im Vorübergehen


Der weitere und Rückweg durch die Stadt ist beeindruckend: großartige Gebäude, prächtige Plätze und päpstliche Paläste. Wir können nur staunend vorüberhuschen, denn unsere Zeit ist knapp – der Regen hat aufgehört. Nach einem kurzen Abstecher ins Souterrain von Casino erreichen wir kurz nach elf unser Schiff, holen die Räder vom Oberdeck und satteln auf.

Nach kurzem Abschied vom verfügbaren Teil der Besatzung schieben wir von Bord, genau rechtzeitig, um all den Passagieren entgegen zu fahren, die gerade vom Landausflug zurück kommen und die Fahrt fortsetzen müssen. Es ist gleich zwölf, bald gibt's Mittagessen.

On y danse, on y danse ...


Wir gondeln noch kurz am Ufer hin und her, dann folgen wir einem Uferpfad und einer stillgelegten Landstraße in Richtung Süden. Irgendwie läuft alles nicht wie erwartet bzw. gewünscht, und am Ende stehen wir vor einem riesigen, komplett eingezäunten TGV-Bahnhof am südwestlichen Rand von Avignon. Wir fahren in praktisch alle Richtungen und stehen am Ende immer wieder vor dem gleichen Problem: Der Weg geht direkt in eine Autobahn oder für Fahrräder gesperrte Route Nationale über.

Dieses Elend kostet uns mindestens eine weitere Stunde, dann entscheiden wir uns für die Auffahrt auf die N1007, die erstens kaum befahren ist und uns zweitens sowohl über den Rhône-Seitenkanal als auch die ansonsten unpassierbare TGV-Strecke bringt.

An die Überwindung großer Distanz ist längst nicht mehr zu denken, wir denken vielmehr ans Mittagessen, das wir uns auf einer Mischung aus Baustelle, Gewerbegebiet und Lkw-Parkplatz am Rande der Route d'Avignon gönnen.

Ringsum wird es immer südfranzösischer

Besagte Straße führt uns weiter durch Graveson, knickt dort nach Südwesten ab und heißt plötzlich auch noch D970. Nächster Halt ist Tarascon, die Stadt des legendären Drachen, der an den Ufern der Rhône die Reisenden verschlungen haben soll. Wir können diesem Schicksal erfreulicherweise entgehen (hochschalten und schneller treten hilft oft), schauen noch kurz im örtlichen Château vorbei und machen uns danach über die Brücke nach Beaucaire.

Château de Tarascon, einerseits einladend, ...

... andererseits abweisend

Die Stadt empfängt den Brückenüberquerer mit einem großen Yachthafen, den passenden Bars und Cafés sowie einer von Bäumen überdachten Hauptstraße, die parallel zum Canal du Rhône à Séte durchs Zentrum führt.

Wir würden gern bleiben, stellen aber fest, dass wir für das telefonisch gebuchte Hotel hoch hinaus müssen; es liegt ca. fünf Kilometer außer- und weit oberhalb der Stadt. Im Vorbeifahren machen wir noch Station an einer Tankstelle, um ein bisschen Kettenfett zu schnorren. Die Chefin gibt ihr Fläschchen nicht aus der Hand, sondern sprüht das kostbare Gut eigenhändig auf die Antriebe. Als sie danach auf die Idee kommt, dass eventuell auch ich mal nachgefettet werden müsste, machen wir uns dankend auf den weiteren Weg.

Das Hotel und die gesamte Anlage haben definitiv schon bessere Zeiten gesehen, das erkennt man beim Vergleich des Prospekts mit der Realität. Mo meint, es sei ein „heruntergekommener Laden“, wenigstens gibt es einen Pool.

Fürs Abendessen haben wir keine Alternative, wir sind ja jwd. Also gibt's den Apéritif in der großen, wenig einladenden Halle und anschließend ein kleines Menü im naheliegenden Restaurant. Der Service ist ein bisschen hektisch (die Herrschaften möchten fertig werden), der Wein ist lecker und auch das Essen ist in Ordnung. Mit dem Bestellen tun wir uns etwas schwerer als sonst, weil die Menschen hier so südfranzösisch sprechen. Unsere Kellnerin z.B. schlägt sich auf meine Nachfrage, was denn ein „Kissdellapeng“ sein könnte, mit der linken Hand mehrmals heftig auf den rechten Unterarm und wiederholt das Wort zunehmend energischer.

Irgendwann begreife ich, dass es sich nicht um einen Hilferuf handelt. Sondern um Kaninchenkeule.

Mittwoch, 11. Juli 2012

17. Mai 2012, der achte Tag: Ruhetag auf Saône und Rhône

Einfach mal treiben lassen

Was sich am Abend zuvor bereits angedeutet hatte, wird beim Frühstück zur traurigen Gewissheit: Das Essen an Bord ist stark verbesserungsbedürftig. Es gibt zwar viel, aber was es gibt, könnte viel besser sein.

Immerhin ist das Schiff über Nacht gut voran gekommen, Lyon haben wir bereits passiert, nach dem Frühstück sind wir schon an Vienne vorbei. Den restlichen Vormittag verbringen wir lesend und herumguckend in der Sonne an Deck; windig aber angenehm. Wäsche haben wir auch gewaschen, sie trocknet jetzt in der Kabine vor sich hin.

Auch für die Fahrzeuge gilt heute: länger liegenbleiben

Gegen eins sitzen wir wieder mit den Berlinern am Tisch, und die Mitesser tauen langsam auf. Nach Quiche lorraine und etwas eigenwilliger Cordon-bleu-Variante sagt Madame: „Die französische Küche ist doch nicht sooo schlecht“, und wir stimmen vorsichtig zu. Den Camembert (Käse) lassen sie vorsichtshalber aus, dafür nehmen sie die Nougattorte. Wir essen alles und gehen danach schlafen.

Egal, wohin man schaut: ...
... Auf dem Weg in Richtung Süden ...
... sinkt das Niveau

Nach der Mittagspause sitzen wir wieder auf dem Sonnendeck, bräunen die normalerweise in Radschuhen steckenden Füße sowie Teile der sonst vom Trikot verhüllten Oberkörper nach und lauschen den häufigen Durchsagen der Besatzung, die dieses am linken und jenes am rechten Ufer benennen und durch zusätzliche Angaben erläutern.

Sinn und Zweck dieser Mitteilungen sind eher undurchsichtig. Denn es wird kein Wissen, keine Erfahrung vermittelt, sondern allein das vermeintlich gute Gefühl hergestellt, dass man alle wichtigen bzw. interessanten Stationen gesehen oder doch wenigstens etwas über sie gehört hat. So kann man den direkten Kontakt mit Land und Leuten vermeiden, war aber nichtsdestotrotz vor Ort, hat alles Wissenswerte gehört und kann vor allem sicher sein, dass man für sein Geld auch den nötigen Gegenwert erhält. Spätestens bei der vierten Durchsage hat man den Inhalt der ersten vergessen, aber wie sagt der Franzose: „C'est la vie!“

Das Schiff legt nachmittags in Tournon-sur-Rhône an, auf der anderen Seite des Flusses liegt Tain-l'Hermitage. Wir bummeln durch beide Orte, bewundern die sie verbindende Fussgängerbrücke, trinken einen Café, den der Kollege hinterm Tresen doppelt berechnet, was er nach zweimaliger Intervention aber als Missverständnis deklariert und korrigiert.

Tournon-sur-Rhône bietet viel Platz für Touristen

Zurück auf dem Schiff lesen wir noch ein bisschen auf dem Sonnendeck, dann geht's zum Apéritif in den Salon und ab halb acht sitzen wir mit unseren inzwischen fröhlichen Berlinern beim Abendessen. In sieben Monaten und sieben Tagen ist Heiligabend, der Schiffskoch feiert schon heute mit uns – Rehfilet als Hauptgang, Zimtpflaumen zum Dessert. Die Dame aus Berlin hat mir inzwischen drei Mal beim Essen zugeschaut und tut eingangs des Mahls das einzig Richtige: Sie bietet mir einen Teil ihrer Fleischportion an. Um das zarte Pflänzchen unserer aufkeimenden Freundschaft nicht zu gefährden, nehme ich an.

Nach dem Essen leeren wir im Salon noch unser Fläschen und erklären unserem Reiseleiter, was wir hinter und in den kommenden Tagen und Wochen vor uns haben. Er selbst hat offensichtlich zum ersten Mal deutsche Menschen vor sich, die sich ernsthaft für sein Land interessieren (Wir erinnern uns: „Isch bin Europeär aus där Provence, Fronkreisch.“). Man sieht ihm an, dass ihm dieser Ansatz zwar neu ist, er ihn deswegen aber nicht minder schätzt.

Da wir noch nicht einschätzen können, wann das Wetter morgen die Weiterfahrt zulässt, vereinbaren wir auf dem Weg in die Kabine mit der Zahlmeistern, dass wir morgen ohne weitere Kosten am Mittagessen teilhaben können. Mit der Hoffnung auf schönes Wetter ab neun Uhr gehen wir schlafen.

So eine Flusskreuzfahrt ist auch rückblickend eine interessante Erfahrung

Mittwoch, 4. Juli 2012

16. Mai 2012, der siebte Tag: Saint-Jean-de-Losne–Chalon-sur-Saône, 61,5 km

Ein Schiff wird kommen

Das Frühstück ersparen wir uns, wir hatten ja vorgesorgt. Abfahrt trotzdem erst um neun, aber wir können Zeit gewinnen, weil wir die Schleifen der Saône bis Seurre auf der D34 um etwa zehn Kilometer abkürzen. Danach geht's auf der D128 und D111 weiter nach Verdun-sur-le-Doubs, zwischendurch müssen wir leider einen Job abwickeln, was eine längere und windige Pause hinter einem Schuppen am Weiderand erfordert und die eine oder andere Kuh durchaus irritiert.

Entsprechend durchgefroren rollen wir in Verdun ein und klopfen schon vor zwölf am Wintergarten eines angenehm wirkenden Hotels im Zentrum an. Unser positiver Eindruck bestätigt sich beim Eintreten: Der Wintergarten ist beheizt.

Schöner als es scheint: Verdun-sur-le-Doubs

Wir ordern Plat du jour und dürfen uns für 12,50 € pro Nase mit einer Quiche, einer sehr guten gekochten Rinderbrust und einer feinen Tarte de pomme vergnügen. Neben den Bissen arbeiten wir noch ein bisschen und wärmen vor allem auf.

Hier findet der Doubs (rechts) sein Ende in der Saône (links)

Gut gestärkt geht's auf der Straße weiter gen Chalon-sur-Saône, unterwegs folgen wir einem Traktor, der uns mit bis zu 30 km/h über den Asphalt zieht. Irgendwann scheint der Fahrer aber den Spaß an seinem guten Werk zu verlieren, er beschleunigt leicht und hat dabei den Vorteil, dass er aus seiner Maschine mehr heraus holen kann als wir aus uns. Schon ist er weg.

Da der siebte Tag von alters her einen guten Ruf als Ruhetag hat, denken auch wir in diese Richtung. Und da fällt uns ein, dass wir vor einigen Jahren in Tournus ein großes Flusskreuzfahrtschiff voller AmerikanerInnen gesehen haben, die ganz begeistert über ihre Fahrt von Chalon-sur-Saône nach Lyon und Avignon berichteten.

Was der gemeine Ami kann, können wir schon lange. In der Stadt fragen wir uns deshalb zum Fluss durch und fahren direkt an die Anlegestelle der Flusskreuzfahrer. Dort fragen wir gleich beim ersten Schiff nach einer freien Kabine bis Avignon. Patrick, der Reiseleiter, ist Franzose („Isch bin Europeär aus där Provence, Fronkreisch.“) und trotzdem ein aufgeschlossener Typ. Er ruft die Reederei in Bonn an, wir werden uns einig und packen die Räder an Bord – Abfahrt ist um sieben, da bleibt uns noch viel Zeit.

Schön liegen bleiben, wir kommen gleich wieder

Die nutzen wir, um in Radklamotten durch die Stadt zu flanieren. Am Place de l'Hôtel de Ville unterbrechen wir dieses Unterfangen, um vor der gleichnamigen Bar in der Sonne zu sitzen und mehrere Cafés zu konsumieren.

Danach stöbern wir durch die Stadt, ich kaufe einen neuen Schnürsenkel, der Rest ist Schaufensterbummel – als Radfahrer hat man erfreulicherweise keinen Platz für ausgiebige Einkäufe. Interessant dabei: Die Fußgängerzonen in französischen Städten haben natürlich auch einige der unvermeidlichen Kettenläden im Angebot (1-2-3ZaraComptoir des CotonniersIKKS), bieten außerdem aber eine unglaubliche Vielfalt lokaler Geschäfte, die das Bummeln deutlich abwechslungsreicher und interessanter machen als den Weg durch das ewiggleiche Angebot in deutschen Einkaufsstraßen.

Rette sich, wer kann

Um sechs Uhr kommen wir zurück zum Schiff, nun lässt man uns an Bord. Wir duschen, gewöhnen uns auf unseren paar Quadratmetern ein und pilgern um sieben zur offiziellen Begrüßung in die Bar; es gibt ein sehr buntes, sehr süßes Getränk, das sie Cocktail nennen. Mo und eine andere ältere Frau drücken den Altersschnitt der Gäste mit vereinten Kräften auf knapp unter 70, nach der Vorstellung der MitarbeiterInnen und des Programms der nächsten Tage – die anderen müssen ja bleiben – schleppen sich alle zum Abendessen.

Es gibt totes Huhn, wir sitzen mit zwei ziemlich spröden Berlinern an einem Tisch. Gegen neun fahren wir an Tournus vorbei, danach gehen wir früh schlafen.

Heidewitzka, Her Kapitän!

Ganz klar: Wenn hier etwas untergeht, dann nur die Sonne

Tournus aus völlig neuer Perspektive

Freitag, 15. Juni 2012

15. Mai 2012, der sechste Tag: Besançon–Saint-Jean-de-Losne, 68,9 km

Auf Sonne folgt Regenschirm

Wir frühstücken ebenso französisch wie ergiebisch im Hotel, kaufen nebenan bei Casino ein und nehmen beim Bäcker kurz vor dem Radweg noch feines Baguette und ebensolche Croissants mit. Diesmal finden wir den Anschluss besser als im letzten Jahr und sind entsprechend schnell auf dem Weg nach Osten.

Nach ein paar Kilometern macht uns eine Straßensperre das Fortkommen schwer, da uns aber ein Rennradler entgegenkommt, ignorieren wir die öffentliche Ordnung und fahren weiter. Nun kommen uns einige rennende Menschen in Uniform entgegen. Sie sind unbewaffnet, trotzdem wollen wir nicht feindselig wirken und fahren deshalb langsam und ganz rechts auf dem Weg weiter. Die Zahl der Läufer erhöht sich, die einzelnen Menschen werden Teil einer Schlange, an der wir über etwa zwei Kilometer entlang fahren.

Langsame, schnelle, entspannte, fertige, keuchende Menschen, einer ist dem Kotzen nahe, eine Frau liegt am Boden und wird von Sanitätern versorgt – insgesamt eine gespenstische Angelegenheit. Am Ende der Reihe eine Gruppe von fünf Menschen mit drei Autos. Sie (die Menschen wie die Autos) sehen militärisch aus und sprechen in Funkgeräte (nur die Menschen).

Wir fragen, welchem Ereignis wir gerade beiwohnen durften, und hören, dass es der jährliche Fitness-Lauf der Einheit war. Wir verkneifen uns die Frage, warum die fünf nicht teilgenommen haben.

Felsdurchgang, heute ohne Regenvorhang

Bei Saint-Vit erreicht uns die schwarze Wolke, wir flüchten unter die Brücke bei der Schleuse, an der wir im letzten Jahr zwecks Mittagspause angehalten hatten – allerdings unter weniger trüben Umständen. Diesmal essen wir im Stehen, frieren und hoffen, dass der Regen bald aufhört.

Anders vorgestellt, lieber untergestellt

Wir nutzen die erste Gelegenheit, um weiter zu fahren – leider etwas vorschnell, denn nach wenigen Minuten fahren wir im Hagel. Vor Dampierre stellen wir uns lieber nochmal unter, essen die letzten Croissants und kaufen dann im Ort fürs Frühstück am nächsten Morgen ein.

Ist das nicht Dole?

Nach einem kurzen Stück auf der Straße biegen wir auf einen Kiesweg ein, dem wir bis Saint-Jean-de-Losne folgen. Gegen sechs erreichen wir unsere Herberge, die der niedrigen Bewertung im Logis-Verzeichnis in allen Belangen gerecht wird. Das Internet funktioniert nicht, aber unsere Kellnerin war als Au-pair in Deutschland und versteht uns. Essen und Trinken sind eher unterdurchschnittlich, aber wir werden satt.

Wie der Hotel-Monopolist Saint-Jean-de-Losne sieht

Am Nachbartisch sitzen die Eheleute Krebs, er hat einige Luxus-Ferienwohnungen bei Riquewihr und spricht Deutsch, seine Frau kommt aus Paris und ist auf Französisch nett.


14. Mai 2012, der fünfte Tag: Montbéliard–Besançon, 96,4 km

Laissey vous tenter

Das Frühstück nehmen wir im Zimmer, auf dem Weg aus der Stadt erleichtern wir eine Boulangerie um ein paar Croissants. Anschließend hilft uns eine freundliche Joggerin, den richtigen Anschluss an den Kanalweg zu finden. Bis l'Isle-sur-le-Doubs fahren wir oft zwischen dem Kanal (links) und dem Doubs (rechts), im Ort kaufen wir ein, und gegenüber Hyèvre-Paroisse setzen wir uns ans Wasser, um zu essen.

Erinnerung an die große Brunhildegard

Garantiert nichts zu sehen von Hyèvre-Paroisse

Die Sonne strahlt mit uns um die Wette, bei Baume-les-Dames erwartet uns eine neue Ortsumfahrung für Radfahrer (sehr eindrucksvoll). Das Tal, das uns im letzten Jahr trotz des starken Regens schon so gut gefallen hatte, ist auch im Sonnenschein noch sensationell.

Als wär's ein Rad von uns

In Laissey machen wir eine Kaffeepause an der Lieblingsstrecke der lokalen Rennrad-Elite, die (be)ständig an uns vorbeifährt. Ich lobe den Namen des Etablissements „Laissey vous tenter“, zur Belohnung gibt uns die Chefin den Kaffee für die Hälfte.

Kaffeepause ...

... mit altem Kameraden

Irgendwann brettern wir über die 100-Kilometer-Marke auf dem Asphalt und kurz darauf ist Besançon erreicht. Diesmal fahren wir früher ab (und vor allem: richtig) und steuern gleich das Hotel du Nord an, wo wir duschen, waschen und kurz ruhen.

Doubs und sie und ich

Andar el camino, auch in Besançon

Es folgen ein kurzer Stadtrundgang und eine Reservierung in der Brasserie du Commerce, die uns im letzten Jahr empfohlen worden war, aber leider geschlossen hatte. Mit dem Essen reift die Erkenntnis, dass wir da nicht nochmal hin müssen.

Viel commerce, wenig coeur