Seiten

Samstag, 20. Mai 2023

La France avecque ... les coureurs de Motocross

Der Kanal wartet schon auf uns


20. Mai 2023


Das Essen gestern Abend war hervorragend! 2x Foie gras ordentlich portioniert, 1x Lammkarrée, 1x Entrecôte, 1x Chariot des fromages und 2x Dessert. Der Wein war ok, der Blick auf die Mitesser nicht mit Geld zu bezahlen. Das Ehepaar mit den zwei Söhnen: vier Menschen, die partout nicht miteinander reden wollten. Das vierköpfige Geschäftsessen in der Ecke: Männer, die nicht zum Spaß zusammen essen gehen. Der durchgängig positiv gestimmte Sommelier.


Fast 100 Menschen füllten das Restaurant. Zwischendurch war's auch mal etwas unruhiger, aber insgesamt eine Atmosphäre zum Niederknien. In Deutschland undenkbar. Genau wie das Essen und die Weinkarte im Folio-Format.


Leider gab die Nacht wieder Anlass zur Sorge: Madame hatte mehrere Rendezvous mit der Toilette, was aber nicht zu einem erneuten Abbruch führte. Stattdessen nehmen wir entspannt am sehr guten Frühstück teil, staunen wahlweise über die bzw. erfreuen uns an den anderen Teilnehmern und kommen um kurz nach zehn in die Gänge.


Heute haben wir's nicht weit: 40 Kilometer bis Mömpelgard.


Hausboote bei Montreux-Château


Bis Hagenbach geht's steil bergab, dann am Kanal entlang nach Dannemarie, wo wir bei Super U Wasser und Proviant erwerben. Der weitere Weg ist etwas langweilig, die Zahl der Radreisenden ist wirklich bemerkenswert.


Die Kanalstrecke geht tendenziell leicht aufwärts mit starken Steigungen an jeder zweiten Schleuse. Nur wenige von ihnen sind heute noch bewohnt oder werden anderweitig genutzt. Kurz hinter Bourgogne verlassen wir das Elsass und fahren über eine kleine Brücke ins Departement Doubs.


Mehr Doubs geht kaum


Etwas später schließen wir zu einem Pärchen auf, das nicht überholt werden möchte. Kein Problem, dann scheuchen wir sie halt ein bisschen. Das ist sicher etwas unfair, aber wenn er 25 km/h fahren will, dann fahren wir halt mit fünf Metern Abstand hinterher.


Unglaublich, wo wir noch überall hin wollen


Wenig später erreichen wir Mömpelgard; unser Hotel liegt streategisch günstig. Der Rezeptionist gibt sich viel Mühe mit uns. Erst muss er einen Parkplatz mit Steckdose finden, dann reserviert er für morgen ein Zimmer bei den Kollegen in Besançon für uns. Und dann erklärt er noch, warum es an diesem Wochenende rundum keine freien Zimmer mehr gibt.


Wahrzeichen von Mömpelgard, Lieblingsplatz der martinets noirs


Wir gehen aufs Zimmer, essen ein bisschen von den Super-U-Einkäufen, machen uns frisch und erkunden danach die Stadt. Anschließend reservieren wir einen Tisch für den Abend, bevor die Mopedfahrer alle belegt haben.


La pause gourmand ist auch beim sechsten Versuch nicht buchbar, wir landen wieder im Le Chatel. Das Essen ist besser als bei unserem letzten Besuch: 2x Œuf à la bourguignonne en cocotte, 1x Filet de truite à l'oseille, 1x Saucisse de Morteau au comté und 2x Mousse au chocolat et fève tonka.


Wir sind recht früh dran. Das Restaurant füllt sich anschließend zügig, es gibt also viel zu sehen. Neben uns treffen sich Vater, Mutter und Sohn, alle drei Mitglieder der French Garisson. Die T-Shirts und Kutten sehen aus wie bei Hell's Angels, das Ganze ist aber nur blöd. Am Tisch daneben sitzen Sunday Father & Son, die anfangs freudig Platz nehmen, sich aber mit fortschreitender Zeit nichts mehr zu sagen haben.


Absoluter Höhepunkt ist der Sechser-Tisch schräg gegenüber. Zuerst kommen zwei Frühdreißiger mit Söhnen im Alter von ca. sechs und vier Jahren. Die Eltern setzen sich einander gegenüber, nehmen ihre Telefone raus und versinken minutenlang blick- und wortlos im Digitalen. Die Kinder sind mal auf der einen, mal auf der anderen Seite des Tisches, werden aber nicht weiter wahrgenommen. Die Mutter rückt nach der Bildschirmzeit erstmal ausgiebig ihre üppigen Auslagen zurecht, der Vater bleibt digital.


Dann kommt das Pärchen, mit dem sie verabredet sind. Den Mann siehe ich nur von hinten, er wird ständig vom stiernackigen Vater in kumpelhafte Griffe genommen, fällt aber sonst nicht weiter auf. Das übernimmt sein feminines Mitbringsel, eine Tussi, wie man sie selbst in einer Großstadt suchen muss. Auch hier hat der Operateur sicher ein gutes Stück zur aktuellen Form beigetragen, auch hier wird manuell justiert, was das Zeug hält.


Die vier sprechen Englisch miteinander. Die Kinder haben ein Smartphone. Ich hätte dem Gespräch gerne für ein paar Minuten gelauscht. Andererseits: Wer weiß, ob ich es wirklich Minuten ausgehalten hätte.


Weniger Gänge als früher, aber konsequent in der richtigen Richtung

Freitag, 19. Mai 2023

La France avecque ... les plaisirs de l'electromobilité

Abschied von Horben im Kreis Märklin


19. Mai 2023


Es lebe die Elektromobilität!


Der Umstieg auf Strom war tatsächlich eine unserer besseren Entscheidungen. Natürlich ist Radfahren mit Motor in vieler Hinsicht kein oder nur bedingt Radfahren. Aber mit Motor entspannt ankommen ist wesentlich besser als ohne Motor leiden.


Wir durften heute etwas länger schlafen, denn im Raben gab's erst um neun Uhr Frühstück. Die Hütte war über Nacht ausgebucht, im Frühstücksbereich sind dementsprechend alle Tische eingedeckt. Und wir kommen als Erste!


Das Essen gestern Abend war lecker wie immer, aber eigentlich nichts für ausgehungerte 100-Kilometer-Fahrer, deshalb essen wir heute alles auf, was Frau Disch uns hinstellt. Außerdem machen wir uns zwei Brötchen für die Fahrt. Ein anderes altes Paar ist dem Essen ebenso zugetan wie wir. Schon gestern Abend waren uns die beiden wegen ihrer ungebremsten Freude an Essen und Trinken aufgefallen. Heute schaut er mit glänzenden Augen die Etagere mit Wurst, Käse und Gemüse auf ihrem Tisch an und greift beherzt zu.


Um Viertel vor zehn holen wir die Räder aus dem Lager hinter dem Hotel. Die Goldschmiedin, die es derzeit als Atelier nutzt, ist schon da und begrüßt uns freundlich und unsere Gastgeberin sehr herzlich. Wir räumen das Lokal, packen draußen auf, verabschieden uns von Frau Disch und rollen um kurz nach zehn stadtauswärts.


Erst geht's steil hinauf, dann hinunter nach Langackern, wo wir nach links in Richtung Au abbiegen. Die kommenden fünf Kilometer hätten wir gestern nicht hochfahren mögen. Mehr als 12 Prozent Gefälle, teilweise flößt schon der Blick auf die schmale Straße ein mehr als nur mulmiges Gefühl aus. Aber die Scheibe bremst super, wir kommen gesund und munter runter.


Staufen ist im Winter irgendwie schöner (und auf jeden Fall leerer)


Aus Au geht es gleich wieder nach oben, und wieder macht sich die moderne Technik sofort nützlich. Hinter Wittnau ist der Anstieg überwunden, durch Staufen und Heitersheim fahren wir stromlos bis nach Neuenburg, wo wir das Land verlassen und nahe Chalampé (bitte langsam und laut vorlesen) das Mitgebrachte spachteln.


Überschattet wird die Rast von einer E-Mail der Sparkasse, die bei der Gattin wüste Schimpftiraden auslöst. Wir beschließen, uns von Frau Hanselmann weder den Tag noch die Reise verderben zu lassen. Grund zur Freude gibt ein junges Pärchen auf Rennrädern, das sich mit allem eingedeckt hat, was zu einer zeitgemäßen Backpacking-Tour gehört, und jetzt orientierungslos auf der Grasnabe neben unserer Sitzgruppe steht. Sie gibt zu Protokoll, dass sie jetzt erstmal hier runter müsse, er folgt ihr kopfschüttelnd. Die Gattin sagt: „So haben wir auch mal angefangen.“


Kaum über die Brücke gefahren, schon in Frankreich (rechts Mittagessen)


In Richtung Ottmarsheim fahren wir durch den Port de Mulhouse-Rhin, der links ganz der alte ist: genossenschaftlicher Umschlag für Getreide, Mehl und sonstige landwirtschaftliche Güter. Rechts wird das Areal weiträumig neu entwickelt. Die Baustellen zeugen von neuen Nutzungsideen, die Arbeiter sind dort so untergebracht wie die Flüchtlinge gestern in Freiburg. Und damit alle, die tagsüber zusammenarbeiten, in der restlichen Zeit schön unter sich bleiben, ist die Belegung der Container nach Ländern organisiert.


Kurz nach Hombourg erreichen wir das nördliche Ufer des Kanals, dem wir auf einer extrem schlechten Piste bis zur nächsten Brücke folgen. Diese müssen wir überqueren, um auf das bessere südliche Ufer wechseln zu können. Auf der Brücke weht die französische neben der Europa-Flagge. An beiden Ufern erinnert ausrangiertes Kriegsgerät an die Combats de la forêt de la Hardt, die hier Ende 1944 fast 3.000 Franzosen und Deutsche das Leben kosteten.


Der Kanal heißt jetzt Canal du Centre, an seinem Ufer fahren wir weiter von Ost nach West durch Mulhouse. Das ist manchmal etwas unübersichtlich, geht aber insgesamt gut, wir werden dem Kanal bis an die Loire. Der Motor ist längst wieder mit von der Partie, wir fahren endlich mal so schnell, wie unsere Räder aussehen. Entgegenkommende Rennfahrer denken sich ihren Teil.


Gute Ideen müssen vor allem eins sein: einfach

In Zillisheim gibt's den längst herbeigesehnten Kaffee. Ich nutze die Gelegenheit vor der Bar für einen Anruf bei ibis in Montbéliard. Dort wollen wir morgen hin, es gibt aber keine Zimmer mehr in der Stadt. Der freundliche Herr am Telefon hat trotzdem noch zwei. Und als mir im Lauf des Telefonats einfällt, dass wir bei der gleichen Gruppe in Bamberg irgendwann mal ein Kundenkonto eröffnet hatten, gibt er uns noch zehn Prozent auf den üppigen Zimmerpreis.

Amazone links von zwei Kaffeetassen (o. Abb.)

Jetzt ist es nicht mehr weit nach Altkirch. Der Motor gibt noch eine Stufe mehr her, wir kommen in den Kreisel, von dem rechts unser Radweg abgeht, da ruft es hinter mir: „Da fahr' ich nicht hoch, das ist ja fast senkrecht.“

Motor hin oder her, da hat die Dame recht. Der Radweg ist eher für ambitionierte Radfahrer. Die mehrspurig ausgebaute D68, an der wir gerade stehen, bietet dagegen auch älteren Menschen eine Möglichkeit zur Teilhabe am Verkehr: einen Seitenstreifen von etwa einem Meter Breite. Wir beschließen, es darauf zu versuchen, Autos kommen da sicher gut vorbei. Die Steigung ist durchgehend gleichmäßig, der Aufstieg kein Vergleich zu den Mühen, die wir bei unserem ersten Besuch in diesem Hotel auf uns nehmen mussten.

Neue Räder vor (fast) neuem Haus

Von besagtem Hotel ist aber auch nicht mehr viel übrig. Alles neu, alles top-modernisiert. Mal sehen, ob sie auch die Menüs frisch gestrichen haben.

Steile Abfahrt, lange Auffahrt, viel Abwechslung zwischendrin

Donnerstag, 18. Mai 2023

La France avecque ... un détour dans la Forêt-Noire

Zehn Grad wärmer und wir hätten glatt bleiben können


18. Mai 2023


Die Bezeichnung „Moped“ für unsere Räder nehme ich zurück. Es sind höchstens Mofas.


Hinter uns saß heute beim Frühstück eine Gruppe von echten Moped-Fahrern: zehn Männlein und ein Weiblein, die auf schweren Maschinen das Elsass „machen“ werden. Alles Fachleute, die auch schon einiges gemacht haben: den Schwarzwald, die Schweiz und Brasilien, zum Beispiel.


Als Außenstehender weiß man das ja alles nicht!


Bei den Damen- und Herrschaften geht es nicht um die Frage, ob der Strom bis ins Ziel reicht. Da geht es um Modellbezeichnungen, Hubräume, Beschleunigung und darum, „an der Linie zu arbeiten“. Außerdem geht es wohl auch darum, Maschinen zu verkaufen bzw. bei Journalisten vorzustellen. Zu diesem Zweck wird die Gruppe von Guides geführt und ist mit gestellten Mopeds ausgestattet.


In Benfeld schlägt Gevatter Tod das Glöckchen


Wir machen auch was, nämlich uns ab auf die Straße. Über Westhouse und Benfeld geht's an den Ancien Canal du Rhone au Rhin, dem wir heute über Marckolsheim bis nach Biesheim folgen. Wir werden ihm noch lange folgen ...


Zurück am Kanal bei Boofzheim


Das Wetter ist super, der Wind zieht mit uns und uns mit sich. Bei Boofzheim gibt's Bananen, in Marckolsheim selbstgebackene Müsliriegel. Außerdem ziehen wir die warmen Sachen aus, sie werden baw nicht mehr gebraucht.


Rund um Marckolsheim ist der Weg höchst frequentiert. Menschen aller Fitness-, Motivations- und Alterklassen fahren hin und her. Sie sind auffallend individuell gekleidet: einige sportlich, einige solar, einige polar.


Mittags im Dschungel


Entlang des Kanals reisen außerdem Enten, Gänse, Reiher, Schwäne, Störche und das ganze kleine Federvieh, dessen Namen wir nicht kennen. Zwischendurch kreuzen Eidechsen den Weg, und am anderen Ufer schreitet eine Ziege mit Glöckchen am Hals. Kurz vor Biesheim meldet sich auch der Kuckuck wieder. Wahrscheinlich freut er sich, in diesen schwierigen Zeiten des Klimawandels noch ein Plätzchen für eines seiner Eier gefunden zu haben.


Mit dem Grenzübertritt bei Breisach ändert sich die Stimmung. Das Wetter treibt die Teutonen auf die Straßen und dort verhalten sie sich auch teutonisch. Latent aggressiv, jeder fährt für sich allein, keiner macht Fehler, keiner entschuldigt sich. Es ist wie auf der Autobahn.


Badischer Wein, so weit das Auge reicht


Über Ihringen und Merdingen erreichen wir die erste Erhebung des Tages: den Tuniberg. Er lässt sich unter Strom gut bewältigen, die Gattin spricht im Anstieg: „Ich bin ja so froh.“ Danach geht es rasant abwärts und durch Opfingen in Richtung westliches Freiburg. Überall laden uns Schilder ein zum „Vatertagshock“.


In Haslach ist Freiburg weit weniger ansprechend als rund ums Münster. Hier stehen Container mit Flüchtlingen in drei Etagen übereinander. Eingezäunt und innerhalb der Zäune von Gelbwesten „bewacht“. Auf der anderen Seite einer Unterführung stehen Wohnblöcke aus Neue-Heimat-Zeiten. Auf den Grasflächen zwischen den Häusern spielen ausländische Jungs das Champions-League-Spiel von gestern Abend nach. Von der anderen Straßenseite schauen eher bio-deutsche Kinder ihnen zu.


Durchs Loretto-Viertel erreichen wir schließlich die Schauinslandstraße, die hinauf zur Talstation der Schauinslandbahn führt. Wir schalten den Motor auf drei und lassen uns hoch schieben. Leider nimmt die Steigung ständig zu, so dass wir schon bald selbst mitarbeiten müssen.


Vom Schauinsland kommen mit Hochgeschwindigkeit heimwärts rasende Rennradfahrer herunter. Wir fahren kurz vor Günterstal nochmal rechts ran, um die letzten Riegel zu verputzen. Zwei Mittzwanzigerinnen kommen auf der Straße nebeneinander und mit gutem Tempo bei uns vorbei. Die Damen wirken völlig entspannt, sie nehmen keine Notiz von den Autos hinter ihnen, sondern schwatzen hingebungsvoll miteinander. Sie werden auch den Serpentinen auf dem Weg zum Schauinsland keine Chance lassen.


Ab der Talstation geht es dann mit zweistelligen Prozentwerten aufwärts. Einschließlich der 250 Watt, die der Motor beisteuert, bringt die Gattin eine maximale Leistung von 450 Watt aufs Pedal. Bewundernswert nach fast 90 Tageskilometern.


Am Ende reicht der Strom gut bis zum Raben. Man nimmt uns auf, lässt die Räder nahe einer Steckdose parken und geleitet uns auf Zimmer 4. Hier gibt's Dusche und alles, was der Mensch jetzt braucht. Vorher habe ich Horbens Hock-Teilnehmer noch fragen können, was eigentlich ein Hock ist: ein ZusammenHOCKen mit Essen und Trinken.


Nach Körperpflege und kurzem Schlaf gibt's Essen. Frau Disch ist untröstlich, dass sie uns das falsche Zimmer gegeben hat. Wenigstens unser Tisch ist der richtige.


Er erträgt jeden Gast, den Frau Disch ihm hinsetzt

Die Gattin grüßt den Namensgeber im Hergottswinkel: „Guten Abend, Jesus. Wir haben heute auch ein bisschen gelitten.“ Nach solcher Blasphemie steht einem guten Abendessen nichts mehr im Wege. Wir nehmen 1x vier und 1x sechs Gänge mit Weinbegleitung. Das Essen ist super, aber für eine Radtour völlig ungeeignet.


Morgen gibt's was mit Spätzle.


Erst entspannt durch Frankreich, dann Grenzerfahrungen in Deutschland

Mittwoch, 17. Mai 2023

La France avecque ... la capitale de la choucroute

Der Beweis: Die Gattin ist wieder auf dem Damm

17. Mai 2023
 

Die Gattin hat alles gut vertragen, wir essen das mitgebrachte Frühstück, machen uns radfein und sind um kurz nach neun reisefertig. Die Räder hatten wir gestern Abend schon zusammengebaut, jetzt müssen wir nur noch die Zimmer- und den Autoschlüssel in den Briefkasten werfen, dann geht's hinauf auf den Rheindamm.


Erstes highlight des Tages: le delta de la Sauer bei Munchhausen. Gleich rechts hinter der Brücke quakt es hundertfach aus einer überfluteten Wiese, wenige Meter weiter schreiten sechs Störche entspannt durchs Gras. Wir sehen einen gewissen Zusammenhang zwischen beiden Populationen.


Seit über zehn Jahren praktisch unverändert, le delta de la Sauer


Bei Seltz versucht der Franzose, uns nach rechts auf die Durchgangsstraße nach Beinheim, Roppenheim usw. umzuleiten. Das machen wir aber nicht mit, sondern biegen lieber links ab und fahren am Rhein entlang bis Drusenheim. Dort fahren zwar auch ein paar Autos, aber mit dem Verkehr durch die Orte ist das nicht zu vergleichen.


Ab Drusenheim müssen wir durch die Orte. Inzwischen wurden zwar immer mehr Radwege ausgewiesen, aber dadurch werden die Straßen keinen Zentimeter breiter. Der Radweg ist teilweise schmal wie ein Handtuch, und den Autofahrern sind die weißen Linien und grünen Flächen sowieso weitgehend egal.


Hinter La Wantzenau biegen wir links ab in den Strasbourger Stadtwald, den wir ohne sonstige Verkehrsteilnehmer passieren. Der Einfachheit halber haben wir den Motor auf Stufe 1 zugeschaltet. Kurz nach Verlassen des Waldes erreichen wir Strasbourg, wo wir am Bassin des Remparts den mitgebrachten Proviant verdrücken.


Neubauten am Bassin Vauban


Damit sind knapp 70 Kilometer quasi stromfrei absolviert, den Rest fahren wir auf Stufe 3 Moped. Anfangs fahren wir auf bekanntem Weg in Richtung Stadtzentrum, aber am Montagne verte geht es geradeaus statt links. Der Weg ist unbekannt  und führt durch schönere und weniger schöne Viertel der Stadt in Richtung südwest.


Unser Moped ist so schnell, dass wir teilweise das Abbiegen verpassen.


Nein, Kapsweyer liefert nicht das Fleisch zum Choucroute royal


Auf Wirtschaftswegen und Radwegen neben der Schnellstraße geht es durch Lingolsheim und Blaesheim, wo wir an einer viel versprechenden neuen Adresse vorbeikommen. Das werden wir demnächst mal ausprobieren. Und weiter geht es nach Krautergersheim, wo auch in diesem Herbst wieder das traditionelle Erntedankfest fürs Kraut gefeiert wird.


Noch ein paar Kurbelumdrehungen weiter erreichen wir unser heutiges Ziel. Um 16 Uhr sind die Räder am Strom und wir im Zimmer. Die Stimmung ist so entspannt wie wir, jetzt gehen wir erstmal zum Abendessen.


Elsass vom Feinsten, mitten im Ort


Nachtrag: Im Restaurant sind wir nicht allein. Die ersten Tische sind bereits besetzt, die weiteren füllen sich nach und nach. Allen Gästen wohnt dieses sanfte Glühen in den Augen inne – sie freuen sich aufs Essen.


Gegen acht kommt Rémy. Er hat seine Eltern mitrgebracht, damit sie auch mal einen schönen Abend haben. Rémy ist etwa zweieinhalb, seine Mutter zieht ihm die Michelin-Männchen-Jacke aus, er sagt bonsoir. Dann steigt er behende auf den Kinderstuhl und widmet sich den mitgebrachten Büchern. Wir fühlen uns mehr als 30 Jahren jünger.


Die Mutter isst einen üppigen Burger, der Vater hat auch irgendwas mit Fleisch vor sich, und Rémy kriegt Kinder-Essen: Hühnerschnipsel in weißer Soße mit Spätzle. Er hält die Gabel hochkonzentriert in der rechten Hand und isst Fleisch und Beilagen routiniert mit den Fingern der linken. Die Eltern reden miteinander, Rémy kümmert sich um seine Angelegenheiten.


Kurz nach neun sind alle fertig, jetzt hat er keine Lust mehr. Der Vater spricht mit ihm, die Mutter spricht mit ihm. Der Vater nimmt ihn auf den Schoß, die Mutter nimmt ihn auf den Schoß. Rémy macht das alles mit, aber er will jetzt gehen. Er fühlt sich unverstanden und macht das langsam auch deutlich.


Der Vater zahlt, die Mutter zieht ihm die Michelin-Männchen-Jacke wieder an, das Terzett verabschiedet sich. Außer uns hat wahrscheinlich niermand im Restaurant nennenswert Notiz von ihnen genommen ... ein schöner Abend.


Achja: Gegessen haben wir natürlich auch. Einerseits Salat mit Räucherlachs gefolgt von Hähnchenroulade gefüllt mit Spinat und geräuchertem Schinken und handgeschabten Spätzle, andererseits überbackenes Sot-l'y-laisse und dann die Speise zur Region: Choucroute royale. Zum Dessert gab's Erdbeeren mit Schlagsahne bzw. Café gourmand. War recht üppig, aber super.


Viel zu sehen, viel Abwechslung, wenig Anstrengung

Dienstag, 16. Mai 2023

La France avecque ... la bonne continuation

Gleich geht's weiter


16. Mai 2023


Heute holen wir unsere Radtour mit dem Auto wieder ein.


Laut Plan wollten wir am vierten Tag im Elsass ankommen. Da müssen wir ein bisschen tricksen und auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen, das wir dann (hoffentlich!) auf dem Parkplatz unseres Hotels stehenlassen können.


Morgen geht's dann planmäßig weiter.


Nachtrag: Madame meinte bei unserer Ankunft, unser Auto stehen zu lassen sei pas de problème. Nach dem Essen* hörte sich das wieder anders an, aber am Ende versprach der Junior, sich der Sache anzunehmen. Puh!


Nachtrag 2: * Für den angegriffenen Magen gab's vorneweg einen grünen Salat mit Parmesan-Spänen und Pistazien, anschließend Seezungen-Filets mit Spinat auf Bandnudeln und zum Abschluss ein paar Löffel Crème brûlée. Der robuste Magen erfreute sich zuerst an lackiertem Kalbsbäckchen, Garnelen und Tintenfisch auf weißem und grünem Spargel, danach an Kalbsbries mit Bandnudeln (Spätzle waren alle) und zum guten Schluss an den restlichen Löffeln der Crème brûlée.


Les parapluies de Mothern – Vorbereitung auf Madames Geburtstag am kommenden Wochenende


Sonntag, 14. Mai 2023

La France avecque ... un taxi

Ab hier hätte es eigentlich nur noch schöner werden können


14. Mai 2023


Die Nacht war schwierig. Ab ca. sechs Uhr ging's der Gattin so mies, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war.


Inzwischen haben wir ein Taxi organisiert und die für heute und morgen gebuchten Hotels storniert. Jetzt packen wir schön zusammen, warten auf das Taxi (Frau Doktor haben wir wieder abbestellt) und hoffen, dass wir problemfrei nach Hause kommen.


Nachtrag: Hat alles gut geklappt, Fahrt ohne Probleme, Gattin rekonvalesziert im Bett, gleich gibt's eine Tässchen Luise.

Samstag, 13. Mai 2023

La France avecque ... les premières cȏtes

Auch der Himmel ist in Aufbruchsstimmung


13. Mai 2023


Jetzt sind wir tatsächlich los gefahren. Früher als geplant, aber rund um Himmelfahrt und Pfingsten gibt es in den deutschen Besichtigungs-Hochburgen längst keine freien Betten mehr. Also mussten wir ausweichen. Und dann lieber nach vorne ziehen als – im schlimmsten Fall immer wieder – nach hinten schieben.


Die ersten knapp 30 Kilometer geht's bei tollem Wetter abwärts bzw. auf ebener Strecke am Main entlang, in Marktbreit kommt die scharfe Linkskurve mit Steigung in Richtung Süden. Fast gleichzeitig sucht sich die Sonne ein geschütztes Plätzchen hinter den Wolken.


Gleich bei der Einfahrt zeigt sich Marktbreit von seiner schönsten Seite


Dann geht's hinauf nach Gnodstadt, wo sich unser Lieblings-Bäcker für uns die Hände schmutzig macht. Rundum Landwirtschaft, der Hase rast über die Felder, Rehe verstecken sich im bereits ziemlich hohen Grün. Wir fahren  entspannt auf Stufe 2, da muss man zwar immer noch mittreten, aber die Hauptarbeit macht das Motörchen.


In Rodheim finden wir gegen eins eine Bank; mitten im Dorf, mitten im Dickicht. Auch hier sterben die Häuser vor sich hin, nach einiger Zeit kommt eine Gruppe ausländischer Arbeiter vorbei, dann der lokale Nuschler, der uns vor dem Auftrieb in Rothenburg warnt. Und vor dem Westwind bei Gattenhofen.


Moderate Steigung, zieht sich aber ganz schön


Viel schlimmer als der Wind: Bei Langensteinach meldet mein Akku, dass er bereits zu 75% geleert ist. Das kommt davon, wenn man zwischendurch großzügig auf Stufe drei schaltet, und bedeutet: Motor aus und selbst fahren! Hinter Adelshofen geht es fünf Kilometer bergab, das hilft beim Stromsparen.


Nach knapp 700 Höhenmetern erreiche ich mit den letzten Watt Rothenburg, da muss ich künftig wohl etwas weniger freigiebig mit der Unterstützung sein. Die Gattin ist leichter (etwas) und kommt mit gleicher Energieversorgung ein ganzes Stück weiter.


Links und rechts einige der Auto-Jünger


In Rothenburg kaufen wir uns einen Liter Apfelsaft (für morgen, ist ja Sonntag), dann fahren wir bei Herrn Mittermaier vorbei, eventuell ist heute Abend noch Platz für uns in der Stube. Der Empfang ist herzlich, die „Blaue Sau“ leider geschlossen, bzw. wie der Chef uns später draußen verrät, nur noch für Veranstaltungen geöffnet.


Überhaupt der Chef: Er sieht uns draußen, ist selbst auf dem Heimweg und fragt die ziehenden Vagabunden, ob er helfen könne. Wir schwätzen ein bisschen, er empfiehlt – wie seine Rezeptionistin zuvor – den Reichsküchenmeister und weist nochmal darauf hin, dass auch sein Restaurant geöffnet ist ...


Hotel, Restaurant, Winstub, Ferienwohnung, Garage: Dieses Haus arrondiert Rothenburg


Wir verabschieden uns, suchen den Weg zu unserer Bleibe und werden dort ebenfalls sehr freundlich empfangen. Die Dame an der Rezeption findet sogar ein Plätzchen für unsere Pferde, normalerweise müssten sie ungeladen draußen schlafen.


Das Zimmer ist allerdings bitter. Der Preis in Relation zur Leistung ebenfalls. Aber das geht vorbei. Wir machen uns frisch und auf in die Stadt. Sie ist voll mit Strömen von Touristen, auf dem Marktplatz stehen reichlich Porsche: alle Modelle, alle Motorisierungen, lauter Profis, die den Event sehr ernst nehmen. Man hört es beim Anfahren.


Je später der Abend, desto schöner die Stadt


Das Abendessen im Reichsküchenmeister hält, was wir uns versprochen hatten. Um zehn sind wir zurück im Breiterle und müde genug, um das Ambiente klaglos zu ertragen.


Morgen geht's nach links (westwärts!)