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Samstag, 3. Juni 2023

La France avecque ... l'hébergement de haute qualité

Herzlich willkommen bei Rutsch & Staub


2. Juni 2023


Das Frühstücks-Publikum im Hotel ist heute irgendwie besonders. Charles und Camilla sind da. Ein Kleinkind mit Eltern sitzt hinter uns und nimmt engagiert am Leben teil. Viele machen einen verstörten Eindruck. Vielleicht liegt es an der Temperatur und am Wind, draußen ist es ziemlich kalt.


Bevor wir losfahren, ziehen wir uns also erstmal noch ordentlich was drüber, dann bitten wir Garmin, uns zum EuroVélo zu leiten, und das macht er: Zwei Straßen vom Hotel entfernt schickt er uns nach rechts auf einen Pfad, der an riesigen Disteln vorbei steil bergab führt. Und hast-du-nicht-gesehen sind wir am Wasser, überqueren die nächste Brücke und fahren andererseits westwärts.


Hinter Chailles geht es plötzlich steil bergauf, oben rechts ab und quasi felgentief in den Sand. Da wird das Geradeausfahren zum Risikosport, da wünscht die Gattin all diese Radwege-Planer zur Strafe auf die Strecke(n), die sie planen. Mit normalen Rädern, reichlich Gepäck, wenig Schaltung. Und das mindestens eine Woche lang bei 80 Kilometern pro Tag.


Diese Franzosen – einer plant den Weg, der andere die Dekoration


Auch Chaumont-sur-Loire lebt von seinem Schloss und tut wirklich alles, um den vorbei fahrenden Fremden den Euro aus der Tasche zu ziehen. Schließlich ist die Konkurrenz aus Orléans, Amboise usw. groß, und wer sein Geld nicht hier ausgibt, der erhöht anderswo die Gewerbesteuereinnahmen.


An dieser Stelle müssen wir übrigens mit großem Bedauern feststellen, dass sich der aktuelle Bundesfinanzminister gestern aus der Finanzierung unserer Reise verabschiedet hat. Die uns aus den Steuereinnahmen 2022 überlassenen Bundesmittel sind verbraucht.


Ballade en bateau bei Chaumont-sur-Loire


Auf den Schreck futtern wir erstmal eine Banane und zwei Croissants, dann fahren wir bis Amboise immer wieder auf und ab und kommen durch alle Arten von Umgebungen: Gewerbe, Landwirtschaft, Siedlungen – einfach alles, was man sich vorstellen kann. Kurz hinter der Ortseinfahrt von Amboise fängt zudem eine Serie von Informationstafeln über die Stadt und ihre Geschichte an.


Aber deswegen verläuft bzw. verfährt sich ja niemand hierher. Alle wollen das sehen, was unten am Loire-Ufer steht: Schloss, Leonardo da Vincis Grab, die Altstadt.


Hinten der alte Stadtturm, vorne die neuen Geldquellen von Amboise


Wir fahren natürlich auch hinunter zum Fluss. Es ist halb eins, da wird es Zeit fürs Mittagessen. Am Ufer sehen wir viele der Radfahrer wieder, die wir heute bereits auf der Strecke gesehen haben. Überwiegend Pärchen, überwiegend gut motorisiert, wenige mit Gepäck. Wir nehmen an, dass die meisten irgendwo einen festen Standort haben (Hotel, Gîte, Camper) und nun mit geliehenen Rädern die Gegend unsicher machen.


Mittags im Séparrée in Amboise


Man hört viel deutsch, noch mehr englisch. Es sind überraschend wenige Asiaten da. Als ich höre, wie sich einige über lange Schlangen vor und hohe Eintrittspreise an den Kassenhäuschen beschweren, fallen mir ein Lied und daraus vor allem zwei Textzeilen ein (hier das Video mit Untertiteln zum Mitbrummen):


The obsession's in the chasing and not the apprehending
The pursuit you see and never the arrest


Irgendwann ist alles gesagt, gesungen und gegessen. Wir fahren weiter auf sehr guten Wegen und erleben eine bisher nicht gekannte Infrastruktur. Nach jeder zweiten Kurve stehen Bänke und Tische am Weg, teilweise sogar im Schatten, was der inzwischen wieder auf das bekannte Niveau gestiegenen Temperatur etwas von ihrem Schrecken nimmt.


Patisserie à Montlouis centre ville

Mit der Einfahrt in Montlouis-sur-Loire sehen wir die ersten nennenswerten Weinlagen an der Loire. Es geht weiter viel rauf und runter, in der Patisserie im Zentrum gönnen wir uns die dringend benötigte Zucker-Ration.

Den Winzer, dessen Wein wir in Orléans getrunken hatten, besuchen wir nicht. Der Vater ist letzte Woche verstorben, da werden sie anderes zu tun haben, als mit uns über Wein zu reden.

Tours de France


Wir fahren weiter Richtung Tours, das wir gegen halb vier erreichen. An der Rezeption ein schmales, männliches Fiasko. Da stellt die Hotelkette ans Ende der Fußgängerzone zwei moderne Klötze. Da werden wir als „valued guests“ empfangen, und dann gibt es nicht mal eine Steckdose fürs Aufladen der Räder.


Nach moderatem Protest auf Französich, ruft der Rezeptionist beim Kollegen gegenüber an, der aber auch keine Steckdose übrig hat. Wir überlegen draußen, ob wir stornieren und auf ein anderes Haus ausweichen sollen, aber dann gehe ich doch nochmal rein und sage ihm auf Englisch sehr deutlich, was ich von ihm, der Hotelkette und den fehlenden Service-Bemühungen halte.


Ich lerne: Englisch regiert die Welt.


Denn plötzlich fällt dem Kollegen ein, dass er ja direkt hier an der Rezeption eine Steckdose und sogar den nötigen Platz für die Räder hat. Unter diesen Umständen behalten wir das sehr günstige Zimmer und ziehen uns zum Duschen und Ruhen zurück.


Als wir zum Stadtbummel aufbrechen, sind die Räder geladen. Wir machen die Ladegeräte ab und lassen die Räder an der Rezeption stehen. Als Mahnmal für spätere Generationen von Rezeptionisten.


La cathédrale aus nächster Nähe

Wie nahezu überall an der Loire bisher, erkennen wir auch in Tours nichts wieder. Die Stadt ist viel größer als in unserer Erinnerung, anders als in Deutschland gibt es im Zentrum viele kleine, interessante Geschäfte. Der Verkehr ist beachtlich, auch hierzulande wird das Auto bei jeder Gelegenheit als Mittel zur Demonstration eigener Stärke benutzt.


So schlendern wir die Straßen entlang, besuchen die Kathedrale, schauen Schaufenster und kaufen einen Ersatz für den gebrochenen Flaschenhalter aus Folge 5. Der Hunger ist ein ständiger Begleiter, wir finden das Café de la poste als empfehlenswerte Adresse, leider finden wir es nicht an der auf dem Bildschirm angezeigten Stelle.


Nach der dritten Umrundung des kleinen Karrees rufe ich nochmal an, der Wirt dirigiert uns und am Ende spricht er so laut, dass wir ihn über den Platz weg hören können. Die Adresse stimmt, die Anzeige auf dem Telefon ist Blödsinn. Das Essen ist besser als der Wein, die Stimmung ist trotzdem gut.


Und weil wir beim Apéritif gerne den nächsten Tag planen, machen wir auch noch das Hotel in Saumur für morgen klar. Auch das ist nicht einfach, denn der Kollege am Telefon versteht trotz zweimaligen Wiederholens: nichts. Er übergibt an eine Kollegin, die vorgibt, Deutsch zu sprechen. Leider spricht sie nur so viel Deutsch wie wir z.B. Griechisch.


Ich wiederhole also alles ein drittes Mal, und siehe da, jetzt klappt es. Die Bestätigung kommt schnell, wir nutzen den Vorab-CheckIn und nur eine Stunde später schickt uns Accor wieder eine Mail. Diesmal mit dem Hinweis, dass wir doch den Vorab-CheckIn nutzen könnten. Es ist zum Davonlaufen.


Abends im Vergnügungsviertel von Tours (es ist später als man denkt)


Das machen wir auf der Stelle, und plötzlich erkennen wir Tours wieder. Denn wie es sich für Touristen gehört, durchqueren wir auf dem Weg zurück zum Hotel das hiesige Touristen- und Vergnügungsviertel. Genau so hatten wir die vermeintliche Kleinstadt am Fluss in Erinnerung! Unten an der Loire spielt ein Trio 20er-Jahre-Gitarrenmusik. Ein älterer, etwas abgewrackter  Zeitgenosse, den wir im Lauf des Abends bereits mehrfach gesehen haben, steht am Bühnenrand und amüsiert sich prächtig.


Ein Schloss kommt selten allein

Donnerstag, 1. Juni 2023

La France avecque ... une nettoyage à l'eau de pluie gratuite

Morgens um neun auf der Zeil von Orléans


1. Juni 2023


Warum kommen bloß so viele Engländer an die Loire und in die Bretagne? Sie sprechen kein Französisch, benehmen sich wie Wayne Rooney auf dem Fußballplatz und verderben – so zumindest mein Eindruck – obendrein die Preise.


Vielleicht wollen sie sich auch an den heute lebenden Franzosen dafür rächen, dass die früher lebenden Franzosen die Engländern zu ihrer Zeit öfter mal haben schlecht aussehen lassen. Der Kollege heute früh fragte die diensthabende Rezeptionistin jedenfalls ohne Rücksicht auf deren Englischkenntnisse: „You serve Aspartame or equal splendor?“ Die junge Frau suchte erfolglos die bereitliegenden Teebeutel ab, was dem Engländer viel Freude bereitete.


Der Franzose wiederum rächt sich mit Jeanne-d'Arc-Postern auf allen Ebenen des Hauses und einer breiten Palette an gleichnamigen Figuren auf dem Kaminsims. Und mitten in die Stadt hat er sogar noch eine große gestellt. Kleinkrieg, wie unter schlechten Nachbarn.


Heute sucht der Franzose in Orléans Nachwuchs für den Volleyball


Bei uns dauert heute alles wieder zu lange. Erst sucht die Gattin in zwei Hotels erfolglos nach ihrem Herzfrequenz-Sender, dann sucht der Gatte mit gleichem Erfolg den Laden, in dessen Schaufenstern gestern Abend diese schönen und bezahlbaren Gürtel lagen.


Damit wenigstens etwas am Vormittag funktioniert, fahren wir bei dem Boulanger unserer Frühstücks-Backwaren vorbei und erstehen ein kleines Pain jenesaispas sowie je zwei Croissants und Pains choc. Mit von der Partie ist ein homme sans domicile fixe, der einen kleinen Café bestellt und mit Kupfermünzen bezahlt. Seine Handrücken sind voller offener Stellen, entweder aufgekratzt oder von einer Krankheit befallen. C'est la vie, la vrai!


Bis wir loskommen, ist es entsprechend spät.


Kurz hinter der Stadt ist der Fluss wieder ganz der Fluss


Die Loire nimmt uns wieder freundlich auf. Der Wind weht günstig, wir rollen am südlichen Ufer in Richtung Beaugency.


Wo in Baugency der Abt wohnt


Bei Meung-sur-Loire fahren wir rüber aufs nördliche Ufer und erreichen mit Googles Hilfe den örtlichen Hypermarché von Super U. Die Gattin kommt begeistert und mit dem Erforderlichen zurück, nicht weit entfernt bietet sich ein  gutes Gelegenheit für ein opulentes Mittagessen am Weg.


Auch dieses Département lebt von dem Fluss, der es durchzieht


Nach dem Essen telefonieren wir noch ein bisschen, die Nachrichten aus Frankfurts Norden sind nicht erfreulich.


Der weitere Weg macht uns auf seine Weise ebenfalls nicht gerade froh. So schön er auch durch die Landschaft führt, seine Oberfläche aus weißem Sand und noch nicht getrockneter Bewässerung hinterlässt sowohl Staub als auch hochgespritzten Matsch an beiden Rädern.


Hinter Suèveres weichen wir deshalb kurz vom Weg ab und finden tatsächlich die erhoffte Tankstelle. Leider hat die Chefin nur einen Kärcher, keinen normalen Schlauch. Aber sie findet es nett, dass fremde Menschen mit ihr über solche Sachen sprechen und hat allerlei nicht zu realisierende Tipps für uns.


Wesentlich erfolgreicher sind wir dreihundert Meter zurück rechts. Da pflegt der Ortsansässige seinen Schrebergarten. Auch er findet es nett, dass fremde Menschen mit ihm über Gartenschläuche sprechen wollen. Im Gegensatz zur Tankstellerin hat er aber einige und ist vor allem auch bereit, sie für den guten Zweck bereitzustellen. Außerdem bietet er uns von seinen Kirschen an, die wir mangels Transportmöglichkeit leider ablehnen müssen.


Die andere Seite der Stadt


Frisch und sauber erreichen wir Blois, die Stadt in der wir schon 1988 auf unserem ersten Frankreich-Urlaub mit Kind Station gemacht hatten. Der Weg zum Hotel ist heute deutlich schwieriger, denn es liegt am höchsten Punkt der Stadt und wir kommen von ganz unten.  Wenigstens können wir im Vorüberfahren noch den Tisch fürs Abendessen reservieren.


Die Dame an der Rezeption ist sehr freundlich und bringt auch die Räder gut unter. Wir trinken einen Café, dann fahren wir aufs Zimmer zum Duschen. Um kurz nach sieben machen wir uns auf in die Stadt, um halb acht sind wir am Ziel unserer Wünsche. Das Essen ist gut, der Preis in Ordnung und der Kellner sehr umgänglich.


Von Ergrauten für Ergraute

Nach dem Essen machen wir noch einen Spaziergang durch die Stadt. Diesmal findet im Ort ein Marché nocturne mit Verkausständen, Live-Musik und Restauration statt. Wir hören den alten Männern kurz beim Musizieren zu, sprechen mit einem Schallplattenverkäufer und drehen den Kompass dann auf West.


Le chȃteau se trouve en haut


Vorbei am Chȃteau kämpfen wir uns aufwärts, schnacken noch kurz mit der Rezeptionistin und nehmen die Räder vom Strom. Ein zum Teil schwieriger Tag hat einen schönen Ausklang gefunden. Später schreibt ein konsterniertes Kind noch vom NS-Bild der deutschen Jugend in den Sechzigern. Das hatten wir seinerzeit live.


Schön, schön staubig und ganz schön freundlich

La France avecque ... la nuit aux deux hôtels

Nahe der Stadt und doch weit genug weg


31. Mai 2023


Wir frühstücken sehr gut (très français, nur Baguette, viennoiserie et confiture) und schauen anderen Ehepaaren beim gemeinsamen alt werden zu – bedenklich.


Auf dem Weg aus der Stadt kaufen wir Bananen für den weiteren Weg, dann geht's über die Brücke und entlang der Wiesen, Äcker und Wälder in Richtung Nordwesten. Kurz nach Les Braudins fahren wir auf einen Spielplatz am Loire-Ufer zu, er ist gerammelt voll mit Müttern und Kindern – wo die wohl alle herkommen?


Die Frage wird nach der nächsten Ecke beantwortet: aus Le Port. Der kleine Ort besticht mit unaufdringlich feinen Häusern, leider ist es schon nach wenigen Umdrehungen der Kurbel vorbei mit der Schönheit. Vorbei an Saint-Benoit-sur-Loire und Germingy-des-Près fahren wir in Richtung Chȃteauneuf-sur-Loire.


Vorher durchqueren wir ein Waldstück, das sich als Kleingärtnerkolonie auf sehr hohem Niveau entpuppt. Links und rechts des schmalen Weges stehen in gebührendem Abstand voneinander schöne und ausreichend große Holzhäuser auf ebenso ausreichend großen Grundstücken. Hätte man eine Bleibe in Sully, Chȃteauneuf oder gar Orléans, für diese Oase würde man die Fahrt am Wochenende gerne in Kauf nehmen.


Vor dem Café crème fotografiert, danach überquert


Nach Chȃteauneuf zeigt sich die Strecke wieder sehr abwechslungsreich: Asphalt und feiner, weißer Kies wechseln sich am Boden ab, Felder, Wald und bebauten Boden sieht man vom Fahrrad aus.


Rechts des Weges schlängelt sich der majestätische Fluss mit seinen Inseln in der Mitte und den üppigen Vogel-Populationen dahin. Man kann verstehen, dass sich Leute mit dem nötigen Vermögen, abgesehen von der Nähe zu den jeweils Herrschenden, schon immer gerne am Ufer der Loire angesiedelt haben.


All jene erlebt man hier nicht nur auf Hinweisen, sondern täglich links und rechts des Weges


Wir siedeln erstmal nicht, sondern lassen uns vom frischen Nordostwind westwärts treiben. Nicht weit vom gegenüber liegenden Flughafen Orléans stellt uns der Straßenbau ein nicht zu überwindendes Hindernis samt Déviation in den Weg. Ab- und Aufstieg sind nur schiebend zu bewältigen, und das alles wegen etwa hundert Metern Länge der Arbeiten.


Nur Jean-Jacques Sansbagage kommt hier fahrend rauf und runter


Nach der Mittagspause fahren wir in Orléans ein. Mit dem Hotel ist es heute etwas problematisch. Die Wahl der Gattin scheint uns zunächst zu teuer, dann finden wir andere Anbieter, die das gleiche Haus deutlich günstiger anbieten. Leider werden die Buchungsprozesse ohne Buchungsbestätigung abgebrochen, so dass wir zuerst einmal in besagtes Hotel fahren müssen, um unseren Status zu klären.


Der Weg in und durch die Stadt ist beileibe kein Vergnügen. Gesperrte Straßen, starker Verkehr und unklare Anweisungen von Google Maps bringen uns eher zur Verzweiflung als voran. Im Hotel erfahren wir dann, dass wir tatsächlich eingebucht sind und bereits bezahlt haben. Also rauf aufs Zimmer, entsetzt sehen, wo man gelandet ist, und duschen.


Die Stimmung ist im Keller. Dabei ist die Stadt so schön.


Da gibt's nur eins: Um 17 Uhr schauen wir uns das Hotel an der nächsten Ecke an. Es ist auf den britischen Geschmack eingerichtet und hat noch genau ein Zimmer frei. Das gefällt und reicht uns. Wir holen nebenan den Löwenanteil unseres Gepäcks und ziehen um, die Räder, Helme und einige Taschen übernachten drüben.


Was man so sieht, wenn man durch Orléans streift


Die Rezeptionistin im L'abeille empfiehlt uns La parenthèse, ein Restaurant, das leider nur vormittags zwecks Reservierung erreichbar ist. Sie empfiehlt uns außerdem, einfach hin zu gehen und unser Glück zu versuchen.


Unser Glück ist leider nicht in ausreichender Menge verfügbar. Das Haus ist in der Regel auf 14 Tage ausgebucht. Ich bitte den Patron um einen Tipp, er hat drei, empfiehlt aber mit Nachdruck L'essentiel. Wir rufen an, reservieren für 20 Uhr und drehen noch eine Runde durch das Viertel rund um die Markthalle. Dann setzen wir uns in die Bar an der Markthalle, trinken ein Bier zum Apéritif und buchen für die kommende Nacht in Blois.


Orléans ist stolz auf über 2.000 Jahre Geschichte


Das L'essentiel beweist sich als sehr gute Wahl bzw. Empfehlung. Gutes Handwerk, schöne Ideen, angenehme Atmosphäre und feine Weine – besser konnte es kaum kommen.


Knapp drei Stunden vom Land ins Getümmel

Mittwoch, 31. Mai 2023

La France avecque ... les passages étroits, les vrais

Achtung, gleich kommen sie wieder raus


30. Mai 2023


Heute haben wir nicht viel vor. Etwas mehr als 80 Kilometer, kaum Höhenmeter, viel bergab, da bleiben wir gern etwas länger liegen. Nach dem Aufstehen hat Madame Schwindel. Wir gehen trotzdem frühstücken. Das Angebot ist ok, erreicht aber leider nicht das Niveau des Preises.


Das Haus ist fest in englischer und niederländischer Hand. Der betagte Brite trägt blaue Shorts à la Dr. Livingston in Kombination mit burgunderroten Kniestrümpfen. Der beige Flechtgürtel ist elegant unter den Bauch verlegt.


Die Niederländer sind allesamt -innen. Zwei von ihnen sind in hellblaue Radtrikots gekleidet (Les huit ptites??) und machen einen sportiven Eindruck, die anderen tragen Freizeit. Allen wohnt eine körperliche Distanzlosigkeit inne, wie man sie in unseren Breiten einfach nicht findet.


Zwischendurch taucht noch der unvermeidliche Hesse am Buffet auf und fragt seine Frau: „Wo sinn denn die Brötcher?“


Da es der Gattin nach Futter und Tee besser geht, starten wir gegen halb elf die Abfahrt von Sancerre. Draußen fahren die Niederländerinnen mit sechs älteren Herren in hellblauen Trikots auf den feinen Rädern aus der Garage vorbei. Teilweise muss man sich um die Tragfähigkeit der Rahmen Gedanken machen.


Unser Weg ist wesentlich abwechslungsreicher als in den letzten Tagen. Leider kann man die Schönheit und den Wechsel der Landschaft nur bedingt genießen, da die Piste immer schwerer zu befahren ist und wir uns darauf konzentrieren müssen, dass wir uns und die Räder unfallfrei gen Norden bringen. Unser Hotel lässt uns erst ab 16.30 Uhr rein, wir haben also reichlich Zeit.


Fürs Mittagessen müssen wir noch ein bisschen einkaufen, das machen wir in Neuvy-sur-Loire. Der ProxiMarché am anderen Ufer ist schwer zu erreichen, aber gut sortiert, und hat wohl seit Monaten keine Kunden außer uns gesehen.


Wir verspeisen das Erworbene auf einer Bank an der Kirche in Belleville, wo der État dem Städtchen noch eine Bellecentrale nucléaire am Loire-Ufer spendiert hat. Die Polizei fährt elektromobil vorbei und grüßt freundlich. Das Thermometer zeigt 24 Grad, der Wind weht kräftig aus Nordosten.


Heute mehr Abwechslung am Kanal


Wir folgen weiter dem Kanal, vorbei an Beaulieu-sur-Loire und Châtillon-sur-Loire. Die Strecken bleiben abwechslungsreich und schattig, zwischendurch schwimmt immer mal wieder die Loire rechts vorbei, leider erfordern die unbehandelten Oberflächen der Wege unsere volle Konzentration.


Bei Briare erwartet uns der nächste Pont-canal. Und diesmal meint es der Franzose wirklich ernst. Bis vor ein paar Jahren war es die größte Kanalbrücke ihrer Art, auch als Zweitplatzierte hat sie nichts von ihrer Wirkung verloren.


Aus der Zeit, als große Bauwerke noch große Kunstwerke waren

Neue Nutzung an altem Standort


In der Folge geht es durch eine intensiv bewirtschaftete Kulturlandschaft, Viehweiden und Äcker wechseln sich links und rechts des Weges ab. Angebaut wird alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Von der Fahrt in umgekehrter Richtung vor zwölf Jahren erinnern wir uns an nichts mehr, noch nicht einmal die Kanalbrücke hat Langzeit-Eindruck hinterlassen.


Frongreisch, mohn amour


In Gien (rive gauche!) gibt's noch einen Café crème für die letzten Kilometer. Eine ortsansässige Dame hält den Kellner und seine Chefin auf Trab. Gegenüber rollt der Reisende im karierten, offenen Hemd vorbei, den wir heute zum vierten oder fünften Mal sehen. Er hat einen kleinen Camping- oder Anglerstuhl dabei und rastet, wo es ihm passt, beneidenswert.


Gien, die Kulissenstadt an der Loire


Jetzt hätten wir auf den Damm fahren müssen, aber davon wissen wir nichts (s.o.). So folgen wir dem vertrauten EV6-Zeichen und gondeln auf kleinen Straße übers Land. Es geht rauf und runter, die Entfernung nach Sully-sur-Loire nimmt nach Ortsdurchfahrten teilweise zu, und es wird später.


Teilweise wird es auch gefährlicher, denn die kleinen sind auch sehr schmale Straßen. Und wenn der entgegenkommende Bus bereits drei Viertel des Weges belegt, dann wird es für den uns unbedingt noch überholen müssenden Kleinlaster so eng, dass er rechts durchs Bankett rauscht und auf uns keine Rücksicht nehmen kann.


Immerhin: Das heftige Aufblenden des Busfahrers ignoriert er auch.


À Sully c'est très Château


Unser Hotel erreichen wir gegen 18 Uhr. Monsieur hilft uns, wo er kann, aber einen Tisch hat er nicht mehr für uns. Alle 25 Plätze im Restaurant sind vergeben, wir hätten anrufen müssen, meint er. Das hatten wir halt nicht gemeint.


So landen wir in der Castle Tavern vorne am – richtig! – Château. Das Angebot entspricht in etwa dem aus Nevers und Sancerre, da fühlen wir uns gleich wie zu Hause. Unsere Kellnerin ist allerdings besser drauf als alle anderen. Sie scherzt mit den Leuten und spricht mit ihren britischen Gästen ein Englisch, wie man es in der Tavern erwarten darf.


Zurück im Hotel nehmen wir die Räder vom Strom, legen uns hin und träumen von Johanna.


Dieser Weg ist kein leichter gewesen