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Donnerstag, 21. Mai 2026

Frühlinkserwachen 2026 | 21. Mai 2026 – Ein Tag, drei Flüsse

Hallelujah!

Wie das Essen gestern Abend, ist heute auch das Frühstück viel besser als vor zwei Jahren. Wir sitzen in einem Raum, der an ein Spiegel-Kabinett erinnert. Jede Ecke und viele Wandflächen sind mit großen Spiegeln belegt; das macht den großen Raum größer. Ich denke zwei Mal, dass ich mir bzw. meiner Angetrauten beim Brötchenkauen zuschaue, aber jedes Mal ist es doch nur ein anderer Grauhaariger mit Brille ein paar Tische weiter.

Die junge Rezeptionistin schenkt uns zum Abschied zwei Tütchen Gummibärchen. Wir packen, holen unsere Räder aus dem Verlies und bringen ihr zur Belohnung alle Schlüssel zurück. Um zehn nach neun geht's los.

Bad Mergentheim ist immer noch so hässlich wie vor zwei Jahren, wenigstens regnet es heute nicht. Danach passieren wir Pferdeställe und Koppeln, da kann die Gattin gar nicht mehr richtig treten vor lauter Gucken.

Landschaft mit Wattebäuschen

Nach knapp 16 Kilometern erreichen wir den ersten von zwei heutigen „Gipfeln“. Wir blicken weit übers Tal, über den Feldern sehen wir kleine Vögel, die der fränkische Naturschützer als „Wiesenbrüder“ bezeichnen würde. Sie fliegen so niedrig, dass die Kornspitzen ihnen den Bauch kraulen. Nach der Biopause am Hochstand erscheinen zwei riesige Greifvögel über der Landschaft und rufen sich wechselseitig zu, wie schön das alles ist. Die Gattin macht Fotos im Akkord, da kann sie nachher mehr wegwerfen.

Am Ortsende von Rengershausen dürfen wir einen schmalen Weg befahren, der eigentlich Fußgängern vorbehalten ist. Die Wirtin der Ferienwohnung am Eck schüttelt die Betten aus und grüßt freundlich. Am Ende des Weges, öffnet sich nach links eine große Wiese entlang des Goldbachs. Sie ist geschmückt mit einem lila-rosa-gelb-grün-blauen Blumenmeer – plötzlich fährt das Bäuerchen mittendurch und macht die ganze Stimmung kaputt.

Keine Bewegung ob der Tauber

Unser Weg führt uns sehr schön weiter in Richtung Dörtzbach. Der Bärlauch blüht auch hier und riecht wie gestern heftig von links und rechts. Im örtlichen Industriegebiet fällt uns auf und ein, dass wir hier vor zwei Jahren Kaffee trinken waren. Das heißt: Da ist ein Edeka, und wir biegen kurz ab, um die Vorräte aufzufüllen. Als ich wieder rauskomme, ist draußen Sommer.

Kurz vor zwölf sehen wir die Bank wieder, auf der wir vor zwei Jahren schon mal gesessen haben und machen dort gleich wieder Mittagspause. Anschließend reservieren wir für den Pfingstsonntag in Valff. Monsieur gibt sich viel Mühe und macht uns sogar einen guten Zimmerpreis.

Wiedersehen macht Freude

In Richtung Jagsthausen folgt bald das nächst Déjà-vu: Kloster Schöntal. Wir stellen uns und die Räder in den Innenhof. Ich passe auf alles auf, Madame fotografiert alles weg. Hinter Jagsthausen steht uns leider der zweite Anstieg bevor, weil wir ja unbedingt von der Jagst an den Kochr wollen.

Auf knapp zwei Kilometern erwarten uns 140 Höhenmeter mit bis zu 13 Prozent Steigung, wir nennen das Bergwertung. Und wenn Garmin sagt, dass man selbst 300 Watt tritt und der Motor es nicht mehr schafft, seinen Anteil beizusteuern, dann fragen wir uns, warum wir nicht mit dem Junior die Mur de Huy hochgefahren sind. Da hatten wir wenigstens 20 Kilo weniger zu transportieren.

Partners in climb

Der Herrgott sieht das ähnlich und schenkt uns zur Belohnung die Abfahrt nach Sindringen. In der Abfahrt kommen uns einige Radfahrer entgegen, mit denen wir nicht hätten tauschen mögen. Leider kommt uns kurz darauf auf vier Kilometern Länge das Werk eines Radweg-Gestalters unter, der meinte, es wäre romantischer, wenn man den Weg aus zwei schmalen Reihen grober Betonplatten baute.

Jede Platte ist ca. 50 Zentimeter breit und etwa 1,50 Meter lang, zwischen den Reihen ein matschiger Boden und von rechts wächst 30 Zentimeter weit das Gras rein. Außerdem führt der Weg relativ steil bergab, so dass wir mit rund 30 km/h abwärts  brettern. Das ist so schon nicht ungefährlich, aber wenn dann an einigen Stellen entweder gar keine Platten mehr liegen oder der Matsch tief in den Ecken steht, dann kann man sich beim oben erwähnten Herrgott bedanken, wenn man heil unten angekommen ist.

Als der Weg dann endlich wieder diesen Namen verdient, ist er gesperrt. Wir sehen, dass die Sperrung auf der anderen Seite nur etwa einhundertfünfzig Meter entfernt ist, aber da kommt ein anderes Paar rechts aus dem Wald und sagt, dass man unbedingt die Umleitung nehmen müsse. Und wir Deppen hören auf sie!

Besagte Umleitung führt auf fast drei Kilometern über einen matschigen, glitschigen und in weiten Teilen steilen Waldweg. Am Ende kommen wir tatsächlich an der Stelle raus, die wir von der anderen Seite gesehen hatten. Von rechts kommt ein Rennradfahrer, der nach eigenem Bekunden zwei- bis dreimal die Woche durch die gesperrte Passage fährt.

Vorsicht, Steinschlag

Er meint, dass anfangs ein großer Stein auf dem Radweg lag, den man umfahren musste. Wir gehen im Nachhinein davon aus, dass die zuständige Behörde den Weg wegen vermeintlicher Steinschlaggefahr sperren musste. Eventuell haben wir den Verantwortlichen heute sogar im Wald gesehen: An einer Stelle stand ein Mann, der sich nicht bewegte und uns nur beim Befahren des matschigen Untergrundes beobachtete. Vielleicht haben die latenten Schuldgefühle ihn zurück an den Ort seines Verbrechens geführt.

Der Rennradfahrer streut zum Abschied noch ein bisschen Salz in unsere Wunde: „Und da seid ihr wirklich durch den Wald gefahren?“

Nach Neuenstadt ist es nicht mehr weit. Wir wollen vorher noch ein Eis essen, aber ein Radfahrer, den wir fragen, sagt, der beste Eissalon ist in Neuenstadt gleich hinter dem Stadttor. So kommen wir zum Eiscafé Italia und stellen fest, dass es nirgendwo einen Platz gibt, an dem unsere vollbepackten Räder gut aufgehoben sind.

Ich nehme also mein Rad mit zum Eis-Schalter. Der junge Mann hat kein Auge für mich, er füllt zwei Eisbecher für die Terrasse. Aber die Chefin schaut von hinten und nickt mir freundlich zu. Bevor ich nachdenken kann, höre ich mich laut „Buongiorno, Signora“ sagen. Da geht ein Ruck durchs gesamte Personal. Der junge Mann stellt die Eisbecher weg, lächelt mich an und sagt: „Allora?“, ich breche das italienische Rad und erkläre unser Problem. „Non c'è problema,“ sagt er und schlägt vor, dass wir unsere Räder hinten auf die leere Terrasse stellen.

Das machen wir gerne, suchen uns einen Tisch in der Nähe und bestellen, was das Zeug hält. Das Eis ist sehr gut, der Caffè auch. Am Ende kommen alle nochmal vorbei und fragen, ob alles in Ordnung war. Wir haben gelernt, dass drei Jahre Duolingo sich lohnen.

Sommerabend am Bahnhof in Neuenstadt

Nach dem Eis fahren wir ins Hotel, dem ehemaligen Bahnhof von Neuenstadt, wo um 16:00 Uhr niemand auf uns wartet. Ein Angestellter gibt sich vor der Tür als solcher zu erkennen, er aktiviert einen anderen Menschen drinnen. Dieser kommt raus, erklärt uns, was wir falsch gemacht haben, und verschwindet wieder. Da schlägt die Gattin vor, dass wir auf den Tischen draußen einfach unser Büro eröffnen und die anstehenden Tätigkeiten – Bilder, Texte, Daten – angehen sollten.

Kurz nachdem wir komplett arbeitsfähig sind, kommt besagter Mensch wieder aus dem Haus – er hat alles für uns erledigt. Wir bleiben trotzdem noch kurz sitzen und sprechen mit der Kellnerin, die um halb fünf ihren Job beginnt. Danach schließen wir unsere Räder am Haus ans Stromnetz an und gehen auf unser Zimmer.

Dusche, Pause, Abendessen um halb acht. Zwei Hamburger, vier Weißbier, zwei Desserts. Beim Entstöpseln der Stromzufuhr kommen wir noch mit einem ca. Vierzigjährigen ins Gespräch, der etwa 130–140 Kilometer am Tag fährt, weil er „nicht so viel Zeit hat.“

Wir schaffen die Hälfte davon in der ersten Hälfte des Tages und brauchen die zweite Hälfte, um die erste zu verarbeiten.

Wir schlängeln uns an Tauber, Jagst und Kochr

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