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Sonntag, 19. August 2012

30. Mai 2012, der einundzwanzigste Tag: Soulac-sur-Mer–Saint-Trojan-les-Bains, 86,16 km

Vom Paradies in die Hölle

Nach einem gutem Frühstück fahren wir nochmal an den Strand, um einen Blick aufs Meer zu werfen. Das Strandcafé mit integriertem Gesamtversorgungskonzept hat bereits geöffnet, wir nutzen die Gelegenheit, uns hochpreisig mit Baguette und Wasser zu versorgen.

Vom Amélie-Strand geht's entlang einer wenig befahrenen Straße, an deren Rändern meist gut erhaltene und sehr individuell gestaltete Sommerhäuser der Jahrhundertwende stehen, ins lebhafte Zentrum von Soulac-sur-Mer. Vor uns liegen insgesamt ca. 15 Kilometer bis zur Bac über die Gironde, die Abfertigungszone erinnert an den Fährhafen von Genua, hier muss im Sommer die Hölle los sein.

Wir rollen 20 Minuten vor Abfahrt ein, es ist menschenleer. Die Abfertigung verläuft völlig entspannt, der Preis ist in Ordnung (ist ja Vorsaison). Während wir in den Bauch der Fähre fahren, kommen wir mit einer Deutschen ins Gespräch, die schon seit Jahren hier den Urlaub verbringt und gerne mal „zur Abwechslung“ auf die andere Seite übersetzt.

Das klingt viel versprechend, also rauf aufs Deck und Vorfreude auf die Ankunft in Royan; die Überfahrt dauert etwa 20 Minuten und führt – direkt in die Hölle.

Wer vorne sitzt, sieht das Elend früher

Nach 20 Minuten maritimem Lebensgefühl ...

... werden alle hinaus in die Realität sortiert

Die Stadt war während des 2. Weltkriegs von deutschen Truppen besetzt und wurde durch englische und amerikanische Luftangriffe im Januar bzw. April 1945 vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde sie zum „Laboratorium städtebaulicher Forschung“ erklärt und in diesem Geiste wieder aufgebaut. Davon hat sie sich bis heute nicht erholt und wird sich nach Lage der Dinge auch nie mehr erholen.

Auch unser Telefon leidet unter der Umgebung: Wir haben seit rund einer Stunde kein Netz mehr.

Die MitarbeiterInnen des Office du Tourisme zählen zur Spezies „fleischgewordenes Desinteresse“, im Maison de la Presse haben wir mehr Glück und können eine Karte für die vor uns liegende Charente-Maritime erstehen. Die Devise lautet: Nichts wie weg!

Royan: belebte Betonwüste am Atlantik

Unser Fluchtweg ist lang und führt durch schreckliche Urlauberghettos – La Métaine, Les Groies, Saint-Palais-sur-MerPuyraveau – bis zur Grande Côte (Die große Scheiße). Von dort folgen wir einer gut ausgebauten Piste cyclable, durch Pinienwald und über Dünen geht es ordentlich rauf und runter. Die Mittagspause verlegen wir auf einen Parkplatz unter Bäumen, wir haben immer noch kein Netz, unsere französischen Nachbarn schon.

Auch nach dem Essen bleiben wir auf der Piste, passieren die Schrecken von La Palmyre und erreichen nach Durchquerung weiteren Pinienwaldes den Phare de la Coubre, der seit mehr als 100 Jahren die wilde Küste ziert. An der Tankstelle gegenüber der ClubMed-Anlage in La Palmyre lassen wir nochmal ordentlich Druck auf die Reifen gegeben, die nächsten 16,5 Kilometer nach Ronce-les-Bains gehen wir entsprechend flott an.

Entlang der Küste gehen den Fischern nicht nur Austern ins Netz

107 Jahre Phare de la Coubre: im Westen nichts Neues

Vier Kilometer vor dem Ort entweicht meinem Hinterrad ein lautes pff-pff-pff: Die Decke hat ein Loch, der Schlauch ist kaputt. Ich ärgere mich, dass ich so fest aufgepumpt habe, wechsle den Schlauch und flicke die Decke von innen provisorisch mit einem kleinen Stück Karton – das hält tatsächlich.

In Ronce-le-Bains suchen wir einen Fahrradladen und finden eine Location des vélos, die uns zwar nicht direkt helfen, aber wenigstens eine Adresse im drei Kilometer entfernten La Tremblade nennen kann. Der kleine schwarze Bub, der bei uns im Hof steht, kann nicht akzeptieren, dass nicht-französische Touristen Französisch sprechen, er will partout Englisch mit uns reden. Der Laden in La Tremblade hat tatsächlich eine passende Decke, der Verkäufer ist freundlich wie ein Franke, verlangt aber nur 13 Euro für das – hoffentlich – gute Stück; den Wechsel verschiebe ich auf später.

Im Ort halten wir noch kurz an einem Telefonladen, die Chefin persönlich prüft unsere SIM-Karten und Telefone – Letztere funktionieren einwandfrei, aber wir haben weiterhin kein Netz. In einer Bar an der Hauptstraße nehmen wir einen Café an der Hauptstraße, die Chefin gestattet uns, ihr Telefon für unsere Hotelbuchung zu missbrauchen. An der Theke steht ein toller Hund, sein junges Frauchen pfeift sich zwei, drei demi rein, bevor sie ins Auto steigt. Der Deutsche am Nachbartisch fragt „Ihr seid aber nicht mit dem Fahrrad aus Deutschland hierher gekommen?“, Mo sagt „doch“, er verdreht die Augen.

Auch alte Brücken haben ihre Tücken

Auf der D728E fahren wir hinüber nach Marennes, überall sehen und riechen wir die Austern-Bassins, überall liegen vom Salzwasser angegriffene -Gestänge; noch zwölf Kilometer bis Saint-Trojan-les-Bains, dem heutigen Tagesziel.

Vor uns liegt zunächst die Brücke zur Île d'Oléron. Sie beginnt bei Bourcefranc-le-Chapus, führt in nordwestlicher Richtung dreieinhalb Kilometer übers Meer und bietet Radfahrern und Fußgängern jeweils etwa 60 Zentimeter Überlebensraum seitlich der Fahrspuren. Der Fußgänger hat drei nicht zu unterschätzende Vorteile:

1. Zwischen ihm und den mit 80–100 km/h vorbeidonnernden Autos befindet sich eventuell ein Radfahrer.

2. Der Fußweg liegt etwa 15 Zentimeter höher als die Straße, Autos und Fahrräder kommen da nicht leicht hinauf.

3. Der Fußgänger kann bei Bedarf übers Geländer springen.

Unsere Spur vereint die vorgenannten Nachteile, und wir haben reichlich Zeit, über sie nachzudenken. Außerdem kommt der Wind von links vorn, die Autos halten ihn während der Passage kurz ab und erhöhen damit spürbar die darauf folgende Wirkung, so machen sie ihn völlig unberechenbar. Erfreulicherweise fordert die Überfahrt keine Todesopfer.

Jadgsaison auf der Brücke zur Île d'Oléron

Saint-Trojan-les-Bains ist natürlich nicht ausgeschildert, aber fragen hilft. Unser Hotel ist zunächst ebenfalls kaum zu finden, letztendlich kommen wir aber knapp zwei Stunden vor dem Abendessen an. Die Schweizerin an der Rezeption möchte ihr Deutsch verbessern und hat ein gutes Angebot, plötzlich lebt auch das Telefon wieder. Nach acht Stunden!

Die Halbpension ist günstig, das Zimmer OK, abends gibt es Bulots, Panache de Crevettes et Langostinos, Moules et Frites und Pavé de maigre. Dazu einen schönen Entre deux mers vom Marquis de Fontoy. Nach dem Dessert verlängern wir um einen Tag.

Freitag, 17. August 2012

29. Mai 2012, der zwanzigste Tag: Arès–Soulac-sur-Mer, 107,88 km

Wo die nackten Kerle Urlaub machen

Unser Hotel macht seinem Namen gleich beim Frühstück alle Ehre. Maritimes Ambiente mit Sand von fremden Gestaden in heimischen Gläsern, alles ist hübsch dekoriert. Am Tisch gibt's leckeres Brot und hausgemachte Marmelade, am Nachbartisch sitzen zwei Handwerker, die ihre Arbeit hoffentlich ernster nehmen als ihr Frühstück.

Kurz nach neun fahren wir nach rechts aus der Hoteleinfahrt und auf der Avenue de la Libération ins Ortszentrum. Direkt um die sehenswerte Kirche sind alle erforderlichen Angebote versammelt, wir ziehen uns ordentlich an und kaufen, was das Zeug hält. Die Kassiererin bei Carrefour trällert ein munteres „J'arrive!“ durch den Laden, am Längerwerden der Schlange kann man abmessen, wie ernst sie das nimmt.

Ein Bäcker, der nicht zu viel von seinen Kunden sehen möchte

Arbeitsteilung 2012: Einer kauft ein, einer knipst ab

Auf einer ehemaligen Bahnstrecke, dem Chemin de Gleysaou, rollt unser Frankreich-Express zügig nach Le Porge und von dort weiter nach Lacanau, einem Schwerpunkt der regionalen Tourismus-Szene, die sich hinter dem Dünenstrand rund um zwei großen Süßwasser-Seen ausbreitet. Ein paar Kilometer nördlich des Ortes wechseln wir auf eine lange Strecke durchs Dünen-, Hügel- und Mücken-Reservat.

Auf alter Trasse zu neuen Ufern

Der Weg ist steil und kurvig und führt durch weitläufige Wohnanlagen in den Hügeln zwischen den Seen. Es ist praktisch menschenleer und relativ dunkel, denn der dichte Pinienwald lässt kaum Licht nach unten durch. Die Lage ist eigentlich optimal: nah genug und dabei weit genug entfernt vom Strand.

Im Wald unweit von Hourtin-Plage gibt's nach 65 Kilometern Mittagessen, anschließend sind wir so gestärkt, dass wir erstmal fünf Kilometer Umweg machen, bevor wir die Straße nach Montalivet-les-Bains gefunden haben.

In Sachen Kahlschlag ist der Franzose absolut auf der Höhe

Verkehrs-Infrastrukturmaßnahmen können so natürlich wirken

Die Avenue de l'Europe führt kilometerlang an Campinganlagen vorbei, die sich westlich des Weges aneinander reihen. Wir lesen, dass hinter den Zäunen ein riesiges FKK-Zentrum liegen soll, offensichtlich ist aber noch niemand ein-, geschweige denn ausgezogen.

Die Hitze schmilzt den Asphalt des Radweges, wir verlieren sowohl reichlich Wasser als auch die Lust am Weiterfahren. Nach knapp 90 Kilometern stehen wir im merkantilen Zentrum des Ortes und müssen feststellen, dass wir in der uns umgebenden Trostlosigkeit nicht bleiben wollen. Obwohl wir die Schmerzgrenze zumindest erreicht haben.

Hauptversorger der zu erwartenden Nudisten ist ALDI, außer der Kassiererin spricht im überklimatisierten Laden niemand Französisch (ist ja auch kaum jemand da). Während ich vor dem Laden der etwas unglücklich verlaufenden Konversation eines niederländischen Liegeradlers mit zwei Französinnen meines Alters lausche (es gibt leider keine Sprache, in der sie sich verständigen könnten), findet Mo in den Regalen eine Packung mit fünf großen Quadern aus dunkler Schokolade, die einen intensiv schmeckenden Nougat-Kern umschließen. Die Teile sehen gut aus, bringen dem Körper allerdings jeweils nur schlappe 200 kcal.

Aber was soll man machen in der Not – Madame nimmt zwei, ich alle anderen.

Die Düne, die neben uns wanderte

Der Zucker wirkt schneller als erwartet, am Ortsende erreichen wir den Strand und eine riesige Düne, die bereits weite Teile der Straße erobert hat. Für uns bleibt noch etwas Platz, wir fahren nordwärts nach Soulac-sur-Mer. Ausnahmsweise begünstigt der Wind unser Vorwärtskommen.


Das Hotel liegt einige Kilometer vor dem Ortskern an einem Strand namens L'Amélie, der Patron schlägt vor, die Räder im Weinkeller übernachten zu lassen. Ich frage, ob dort eventuell auch für uns ein Plätzchen frei wäre, und er rät sofort und dringend ab: da unten gebe es sowieso nur Pétrus. Am Ende stehen die Räder im Heizungskeller, und wir tauschen in Zimmer 29 die Rad- gegen die Badeklamotten.


House of the Cool

Zum Strand sind es nur etwas mehr als einhundert Meter, das lässt sich nach dem heutigen Tag gerade noch bewältigen. Schwimmen kann man leider nicht, dafür ist zum einen das Wasser zu kalt (aber es tut richtig gut), zum anderen ist das Baden offiziell verboten, da der Strand nicht überwacht wird. Nach der Dusche kriegt jede/r eine Abreibung mit Neo-Ballistol und ein paar Minuten Pause zugestanden.

Vor dem Essen gönnen wir uns noch einen Lillet und einen Sauternes im Schatten, das Essen selbst – Austern, Cuisses de Canard – ist ausgezeichnet und der Service super. Dazu spielt dezenter Bebop und Cool Jazz, was weder zur Gegend noch zum Essen, noch zu den Gästen passt. Offensichtlich gefällt es aber dem Chef, und wir kommen nebenbei auch auf unsere Kosten.

So geht Urlaub!

Baden verboten, (be)wundern erlaubt

Donnerstag, 16. August 2012

28. Mai 2012, der neunzehnte Tag: Bordeaux–Arès, 91,88 km


Pfingstmontag, schönes Wetter, das macht früh munter. Die Gruppe von ca. 15 Franzosen, die sich ab halb acht an der langen Tafel vor unserem Zimmer zusammenfindet, erlebt das sehr intensiv und lässt uns umfänglich daran teilhaben.

Wir frühstücken indoors, sind früh fertig und haben etwas mehr Zeit für unsere Ehrenrunde durch die Stadt. Erst geht's durch die (noch) völlig stillen Straßen unseres Quartiers, dann nehmen wir einen Café an der Kathedrale und fahren von dort runter an die Garonne zum Wasserspiegel. Ein paar Jogger, ein paar Radler, wir folgen dem Ufer ein Stück und dann nach links quer über die Esplanade des Quinconces in den Jardin public.

Nicht nur wir schlafen morgens gerne etwas länger

Viele Körper, wenig Leben

Aus der Innenstadt fahren wir in südwestlicher Richtung nach Saint-Augustin, wo wir lernen, dass in Bordeaux' Vororten sogar am Pfingstmontag früh und intensiv gearbeitet wird. Zum einen in unzähligen kleinen Lebensmittelläden, Bäck- und Metzgereien, zum anderen in der Automobilbranche.

Zuerst höre ich in einiger Entfernung das hohe Pfeifen einer verstörten Alarmanlage, dann kommen wir völlig unvorbereitet an dessen Ausgangspunkt vorbei: Ein gepflegter 5er-BMW steht in unserer Fahrtrichtung links an der Straße, an seiner rechten Seite lehnt mit der Brust ein Mann, dessen linker Arm locker auf dem Dach des Wagens liegt. Seine rechte Hand sehe ich durch die Heckscheide, sie wühlt sich zielsicher durch die auf der hinteren Ablage platzierten Türen und Taschen.

Der Gauner lächelt entspannt, fehlt nur noch, dass er mir mit der freien Hand zuwinkt. Als ich Mo frage, ob sie's auch gesehen hat, ist sie entsetzt: „Was? Am helllichten Tag?“ So hat sie das zuhause nicht gelernt, da kommen die Verbrecher immer sonntags nach der Tagesschau, wenn es draußen dunkel ist.

Ein Bäcker, der weiß, was seine KundInnen denken

Kein Happy-End: das Ciné-Théâtre Girondin

Unser Weg führt weiter durch Pessac, einen sichtlich wohlhabenden Vorort, und an dessen Grenze auf die mit dem Lineal gezogene D1250, der wir die nächsten 30 Kilometer nach Westen folgen.

Anfangs fahren wir allein, nach einer kurzen Pause bei Pierroton hängt sich ein Rennradler an Mos Hinterrad. Da wir kein Taxibetrieb sind, macht mich diese Form der Beförderung von Mitfahrern immer ziemlich unruhig. Im konkreten Fall läuft es aber sehr gut, denn der Kollege taucht nach einigen Kilometern neben mir auf und schlägt vor, dass er ja auch mal vorn fahren könnte.

Das kommt gut an, wir wechseln uns etwa alle drei Kilometer ab und jagen mit einem Schnitt von über 30 km/h auf die Atlantikküste zu. Madame mosert nicht, sondern tritt, der Mitreißende verabschiedet sich bei Le Teich und empfiehlt einen Besuch im örtlichen Parc Ornithologique, für den unsere Zeit aber leider nicht reicht.

Denn im Office du Tourisme erfahren wir, dass unsere Transbassin um 14 Uhr in Arcachon ablegt. Und wir hatten noch kein Mittagessen!

Ende Mai = menschenleer

Am Strand von Arcachon trifft man komische Figuren

Viel Zeit bleibt uns nicht, aber wir sind ja gut vorbereitet und kommen tatsächlich zehn Minuten vor Abfahrt in Arcachon an. Nun gilt es, den Jetée Thiers zu finden und dort rechtzeitig anzukommen. Mo würde lieber schwimmen gehen, aber dafür ist genauso wenig Zeit wie für die Vögel.

Wir fragen uns durch, brettern über hölzerne Strandstege (ist ja noch nichts los) und erreichen quasi mit dem Glockenschlag den Ticketverkauf. Da wir nicht die einzigen Spätankömmlinge sind, hält die Verkäuferin das Boot per Funk auf, und wir kommen deutlich vor den anderen am Bootsanleger an. Die gewonnene Zeit können wir gut gebrauchen, denn wir müssen abpacken – die Räder werden aufs Dach der Barkasse gehievt, wir schleppen uns mit den Taschen nach vorne zum maritimen Chauffeur.

Links oben fremdes Rad, links unten befremdlicher Hinweis

Gegen halb drei erreichen wir Cap Ferret, fahren direkt zum Strand auf der anderen Seite des Zipfels – und essen erstmal was. Anschließend ziehen wir uns hinter einem zufällig vor uns stehenden Sichtschutz um, Mo geht schwimmen, ich schaue den Strandbesuchern zu. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, und unter beiden Gruppen befinden sich auffallend viele junge Mädchen mit Surfbrettern.

Ich schwimme in der zweiten Schicht: Das Wasser ist elend kalt (mein gestählter Schwager würde sagen: lauwarm) und sehr bewegt. Nach zehn Minuten halte ich es nicht mehr aus.

Man sieht, wie der Strand genannt wird: l'Horizon

Der Wind macht den Büschen hübsche Frisuren

Erst um halb fünf fahren wir weiter, eine lockere Schraube am hinteren Schutzblech (nein, kein Scherz) hält uns zusätzlich auf. Und natürlich gibt es weit und breit kein Hotel, das wir mögen könnten, die nächsten vermuten wir in Arès, das ist mehr als 30 Kilometer entfernt an der Nordspitze des Bassins.

Die Voie verte führt durch endlose Pinienwälder und vorbei an riesigen Campingplätzen, spät erreichen wir den Ort. Es ist Vorsaison, trotzdem stehen die Autos in langer Schlange in Richtung zurück nach Bordeaux. Die Hotelsuche gestaltet sich schwierig. Das eine mögen wir nicht, das andere mag uns nicht, um kurz nach sieben haben wir endlich eins gefunden. Das Haus liegt ein Stück abseits, aber in der Nähe gibt es ein Restaurant, das im Vorüberfahren einen akzeptablen Eindruck macht (wir fahren vorüber, nicht das Restaurant).

Kurz nach acht sitzen wir im „l'Incontournable“, das sich wie eine Pizzeria präsentiert, aber als ganz normales Restaurant entpuppt. Mutter und Tochter bedienen uns sehr freundlich, das Essen ist leckerst (Austern, Dorade, Crème brûlée) und der Wein super.

Das Bett ist zu kurz. Alle schlafen gut.

Mittwoch, 15. August 2012

27. Mai 2012, der achtzehnte Tag: Langon–Bordeaux, 70,21 km

Vom feinsten Wein ans Ufer des Wassers

Der Tag fängt gut an: Morgens gibt's erstmal Ärger wegen Mos Motivation, und ich bin gedanklich schon wieder auf dem Heimweg. „So nicht!“ schallt es mir entgegen, Madame möchte unbedingt weiter und verspricht, weniger zu jammern.

Nach dem Frühstück fahren wir auf der D125 nach Sauternes, suchen und finden das Château d'Yquem, das auf unsere Ankunft vorbereitet scheint und alle Zufahrten abgeriegelt hat. Dafür ist die weitere Strecke auf den kleinen Landstraßen durch Graves schön und geht vor allem schön rauf und runter. Überall steht der Wein an überraschend kleinen Stöcken.

Sauternes, sauteuer

Wir folgen weiter der D125, die sich nach Landiras schlängelt, wo uns der sonntägliche Markt erwartet. Es ist noch früh, aber wir nutzen natürlich die Gelegenheit und decken uns mit allerlei Essbarem ein.

Ein ganz besonderer Glücksgriff sind drei komische Tomaten, die so schrullig aussehen, dass sie einfach optimal zu uns passen.

In Cabanac-et-Villagrains sehen wir am Ortsende eine junge Frau, die frische Austern verkauft. Erst düsen wir vorbei, dann drehen wir um und erstehen zwei ansprechende Exemplare, die sie fröhlich für uns öffnet. Man muss sich wundern, wie gut Austern schmecken, wenn sie gestern noch in ihrem Bassin waren ...

Auf dem Markt der Ochsenherzen

In La Brède finden wir einen schattigen Platz zum Mittagessen. Zwischen uns und einer weiteren mobilen Austern-Verkaufsstelle steht ein Tisch, den ein Pärchen mit Weingläsern bevölkert. Ich ringe dem Austernfischer sieben seiner Erzeugnisse für zwei Euro ab, er macht sie auf, findet eine passable Transportunterlage, und das Pärchen am Tischchen hebt anlässlich meines Vorübergehens die Gläser und gibt mir ein „Bon appétit“ mit auf den Weg.


Anfangs schaut uns nur der Baron de Montesqieu beim Essen zu, später gesellen sich zwei Liegeradler zu ihm, die unbedingt mit uns ins Gespräch kommen wollen. Es sind Norweger, die in Bordeaux leben, früher auch viel mit dem Rad reisten und seit einiger Zeit in die Horizontale umgestiegen sind, da die Gattin Probleme mit Armen und Schultern hat. Am Ende des Gesprächs schenken sie uns eine Bordeaux-Straßenkarte, die uns sehr gelegen kommt (wir sind mal wieder mangelhaft vorbereitet) und die sie sich jederzeit wieder im Office du Tourisme aneignen können.


Mittagessen mit Montesqieu

Es sind jetzt noch etwa 20 Kilometer bis in die wichtigste Stadt Südwestfrankreichs. Wir fahren durch schöne, sichtlich wohlhabende Vororte, durch absolut hässliche Stadtteile, vorbei am Gare Saint-Jean und stehen um halb fünf mitten auf der Place de la Victoire.

Unsere Frage nach dem Stadtzentrum beantwortet eine dentaltechnisch unterversorgte Einheimische kopfschüttelnd mit dem Hinweis, das wir bereits mittendrin seien und einer Wegweisung in die Rue Sainte-Cathérine – da hätten wir fünf Kilometer Centre ville. Die Fußgängerzone ist düster und wirkt billig, wir essen gleich vorne an der Ecke zur Rue des Augustins ein Sieben-Euro-Eis und fühlen uns so unwohl, dass wir nicht bleiben, sondern lieber schnell wieder fahren wollen.

Aber wenn wir nun schon mal da sind, können wir der Straße ja ruhig noch ein Stück weit folgen.

Im Radumdrehen von der Poverté zur Pracht

Unser touristischer Mut wird reich belohnt: Die Straße wird heller, schöner, breiter und führt in eine wirklich prachtvolle Innenstadt. Jetzt muss erstmal ein Hotel her, und zwar fix.


Unser Führer schickt uns in die Rue Huguerie, eine ruhige Straße in einem Viertel mit vielen kleinen Stadthotels, die es sich (und hoffentlich auch ihren Gästen) in den alten Bürgerhäusern gemütlich gemacht haben. Unseres hat seinen Hinterhof zu einem lebendigen Jardin umgebaut, der von vier neu erbauten Zimmern begrenzt wird; in einem davon werden wir die Nacht verbringen.


Die Schwangere an der Rezeption trägt das hautenge Kleine Schwarze, gibt uns Tipps fürs Abendessen und fragt ob ich französische Vorfahren habe – endlich mal jemand der der Schreibweise Rechnung trägt.


Rechts die Opéra National de Bordeaux, hinten das Monument aux Girondins mit schrägem Vogel

So kann es ausssehen, wenn man nah am Wasser gebaut hat

Wir duschen sehr schnell, flanieren dann knapp zwei Stunden durchs Zentrum und sind völlig von den Socken. Die Stadt hat zwar nur rund als 250.000 Einwohner, beeindruckt aber durch ihre großzügige Anlage, unzählige sensationelle Bauwerke und eine unglaubliche Kombination von Geschäften und Geschichte, Restaurants und Restaurierung, Klima und Kathedrale.

Ein technisches und gestalterisches Highlight erwartet uns am Ufer der Garonne: Le miroir d'eau. Auf rund dreienhalbtausend Quadratmetern tummeln sich Jung und Alt im zwei Zentimeter hohen Wasser, in dem sich die Place de la Bourse mit den sie umschließenden Bauten spiegeln könnte, wenn, ja wenn Jung und Alt sich nicht im Wasser tummelten, sondern dessen Oberfläche spiegelglatt wäre.

An der Garonne vergnügt man sich gern auf dem Wasserspiegel

Fazit der Flaneure: In einer Stadt, die Richard II. von England und den kleinen Nick zu ihren Kindern zählt, wäre man selbst gern zu Hause. Wir beschließen, zumindest zu Hause zu essen. Nahe der Place Gambetta verköstlicht man uns mit einem 800g-Entrecôte sowie Frites et Salade à volonté. Dazu einen regionalen Rotwein, der ruhig so gut hätte sein können wie der von gestern Abend an der Mautstation.

Auf dem Rückweg zum Hotel freuen wir uns schon auf die Fahrt durch die Stadt morgen früh.

Was neben dem Tisch passiert oder Das Auge isst mit