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Mittwoch, 30. Januar 2013

13. Juni 2012, der fünfunddreißigste Tag: Sancerre–Decize,114,56 km

Die Fenster zum Himmel

Das Frühstück fällt heute knapp aus, es ist einfach nicht mehr viel da. Deshalb wollen wir zum Nachfüllen in den Carrefour unten am Kreisel. Mo zahlt, ich sehe unterdessen unsere Retterin vom Vorabend und bedanke mich nochmal. Die Dame selbst ist gut drauf, die mit ihr frühstückenden Briten (?) schauen mich eher disappointed an – evtl. bin ich etwas underdressed.

Um Viertel vor neun fahren wir los.

Nach zwei Kurven gleich ein Moment der Entscheidung: links geht's nach Saint-Satur (und zum Kreisel), rechts nach Ménétréol-sous-Sancerre und in eine ernährungstechnisch ungewisse Zukunft. Abenteurer, die wir sind, drehen wie nach rechts und werden gleich mit einer schönen, weil schön langen Abfahrt belohnt.

Man wird die Felder auch mal mähen

Der weitere Weg ist schnell gefunden, es geht auf den Damm, links und rechts stehen verschiedene Blumen und Gräser hoch, wir düsen mit knapp 30 km/h Reisegeschwindigkeit, aber ohne nachweisbares Mittagessen mitten durch.

Kurz vor Pouilly-sur-Loire taucht rechts eine Ferme mit ungewöhnlichen Tieren auf: neben Esel, Pferd und Hund und Katzen sehen wir zwei Lamas, und auf deren Gatter steht ein Pfau mit breitem, langem Schweif. Wir warten ein bisschen, aber Rad schlagen hat er heute nicht im Programm.

Die bessere Hälfte der Brücke nach La Charité

Bis kurz vor La Charité-sur-Loire bleiben wir auf dem Levée Napoléon, fahren dann über die zur Hälfte eingerüstete, schwer passierbare Brücke und kaufen im Ort doch nur ein Baguette. Denn der SPAR ist irgendwo „oben neben der Mairie“, was uns nach einem Blick hinter die örtliche Kirche sehr fern und ziemlich steil erscheint.

Also fahren wir zurück über die Brücke, um unseren Weg auf der Straße fortzusetzen. Davon hält uns auf der anderen Seite ein französischer Radler ab, der dringend den Weg auf dem Damm empfiehlt: zu viel Verkehr auf der Straße, bester Belag auf dem Damm. Wir folgen seinem Rat, erleben freundliche Mäher, wenig Gegenverkehr und rasantes Vorwärtskommen.

Hier geht einfach alles glatt

Schneller als gedacht sind es nur noch 30 Kilometer bis Nevers – zumindest wenn man auch dem zweiten Rat des Rad-Kollegen folgt und ab Fourchambault auf den Radweg neben der D40 ausweicht, statt die längere Strecke am Kanal zu nehmen. In Fourchambault schauen wir uns erstmal den Carrefour an, füllen unsere Vorräte auf und entscheiden uns am Ende doch für den (Um)Weg entlang des Kanals.

Also wieder zurück über die Brücke und südwärts zur Mündung des Allier in die Loire. Direkt am Pont canal finden wir einen Spitzen-Picknick-Platz, den wir erst räumen als es anfängt, leicht zu tröpfeln.

Brücke von unten

Brücke von oben

Kanal von vorn

Die nächsten Kilometer führen uns mal wieder an einem Kanal entlang, diesmal bis Nevers. Nach Überquerung der Brücke finden wir direkt ins Centre ville und zur beeindruckenden Kathedrale.

Im Innern eher schlicht anmutend, haben die Verantwortlichen der Gemeinde bei den Fenstern einen Mut bewiesen, der weit über die Chagall-Fenster in Mainz und das Richter-Fenster in Köln hinaus geht: Zwischen 1977 und 2009 wurden alle Fenster der Kathedrale von unterschiedlichen Künstlern neu gestaltet und von unterschiedlichen Glasern neu produziert.

Im gotischen Ostchor hat Claude Viallat 15 Fenster geschaffen, im romanischen Westchor beeindrucken die Fenster von Jean-Michel Alberola, und entlang des Hauptschiffes haben Gottfried Honegger und der Glasbauer Jean Mauret mit zehn Fenstern ein echtes Meisterstück abgeliefert: je fünf Fenster pro Seite kommen mit je einer Farbe aus. Und das in einer katholischen Kirche! Incroyable!

Nevers my love!

Um diese Eindrücke zu verarbeiten, gibt's am Sortie für jeden noch 200 Kalorien in Form eines Schokoladen-Rochers gefolgt von einer kleinen Rundfahrt durch die Altstadt von Nevers, und dann geht's retour an den Kanal. Dort erwartet uns leider ein Revêtement irregulair, das stark an den Canal du Midi erinnert. Mo votiert sofort für die Straße, ich schließe mich an, der Himmel wird schwarz.

Il peut pleuvoir

Wir schaffen keine zwei Kilometer, dann fallen die ersten Tropfen. In kurzer Entfernung sehen wir eine Brücke, sie führt die Straße über den Kanal, wir schaffen es gerade so, dann gehen oben die Schleusen auf. Unter der Brücke steigen wir in die Regensachen, denn der Wind hat stark zugenommen, und es wird kalt.


Etwa eine halbe Stunde warten wir zitternd unter der Brücke, dann lässt der Regen nach und wir fahren weiter. Es sind noch etwas mehr als 20 km bis Decize, anfangs müssen wir uns nochmal in einem Wartehäuschen unterstellen, dann kommt langsam die Sonne zurück, der Himmel wird wieder blau und alles sieht aus wie frisch gewaschen.


Was das Eine mit dem Anderen zu tun haben mag, werden wir wohl nie ergründen

Kurz vor halb sieben sind wir im Hotel, duschen, umziehen, Bürokram und dann die Nachricht, dass es auch Zuhause stark geregnet hat. So stark, dass durch den Abfluss im Keller Wasser in die Waschküche gedrückt wurde. Na, das hat gerade noch gefehlt!

Im Restaurant erwartet uns die Tochter des Hauses, die uns mit und an einem Tisch ganz vorne abspeisen möchte. Wir nehmen lieber einen anderen, so schafft man sich Feinde. Mama nimmt die Bestellung auf: Schnecke in Spinat mit Knoblauchsauce, gebratene Foie gras de Canard auf Feigenbrot, Pavé und Tournedos vom Charollais-Rind. Papa kocht ordentlich.

Die Tochter hat eine orangefarbene Stoffserviette schön gefaltet unter ihre rechte Achsel geklemmt, die legt sie nur ab, wenn sie vom Käsewagen bedient. Dann kann die Serviette mit dem Käse um die Wette müffeln. Unserer Freude am Käse tut dies keinen Abbruch, langsam taut das mürrische Frollein auf, und als sie die Desserts annonciert, sind wir fast schon Freunde geworden.

Zurück im Zimmer erfahren wir, dass Mario Gomez 2:1 gegen Holland gewonnen hat, Christineke schreiben später, dass wir morgen trotzdem kommen dürfen.

Montag, 31. Dezember 2012

12. Juni 2012, der vierunddreißigste Tag: Ruhetag in Sancerre

Zwanzig Gänge himmelwärts


Direkt nach dem Aufwachen der Griff zum Telefon, Zimmer prolongiert, wieder umgedreht, spät aufgestanden. Dusche in der Dusche, Frühstück im Zimmer und anschließend wissen wir nicht, was wir nun machen sollen. Machen wir doch einen Bummel durch die Stadt, bevor der Regen losgeht.


Fern fließt der Fluss, wir sind dem Himmel nah


An vielen Stellen lässt sich die Aussicht genießen, wir besuchen die alte Kirche, kaufen beim Affineur ein bisschen Crottin de Chavignol fürs Mittagessen und bestaunen die mal besser und öfter mal schlechter erhaltenen Gemäuer in den verwinkelten Gassen.


Ab halb zwölf arbeiten wir ein bisschen in der Bar (kein Scherz, da gibt's eine stabile Internet-Verbindung und Tische, an denen man wirklich arbeiten kann), um halb eins ziehen wir uns zum Essen auf unser Zimmer zurück.


Wir wollen unbedingt nochmal raus, bevor der Regen losgeht.


Triste Perspektiven ...

... wechseln mit romantischen Ecken ...

... und Tante-Emma-Läden, in denen die Zeit stehengeblieben scheint

Nach dem Essen schreibe ich bis drei, Madame schläft und lässt sich erst durch die Aussicht auf einen Café mit Törtchen zum Aufstehen bewegen. Unterwegs loben wir den vormittags gekauften und inzwischen verputzten Käse. Die Verkäuferin lacht und erklärt uns, dass wir im Supermarkt halt nur den abgepackten Mist bekommen, während sie nach eigenen Vorstellungen affinierte Leckereien feilbietet.


Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir gehen zurück zum Hotel und arbeiten noch zwei Stunden in der Bar. Unterwegs beeilen wir uns, damit wir im Hotel sind, bevor der Regen losgeht, vergessen aber nicht, einen Tisch für den Abend zu reservieren.


Place du Beffroi – hinten das älteste Haus, rechts die älteste Kirche Sancerres

Um Viertel vor acht zum Essen ins La Tour. Dort gibt es in feinem Ambiente eine sehenswerte Karte, die u.a. ein Degustationsmenu offeriert, das meiner Gattin deutlich zu teuer ist. Also bestelle ich es zweimal mit Weinbegleitung.

Die dieser Eigenmächtigkeit folgende, erregte Diskussion flacht nach dem Mise en bouche ab, nach der cremigen Gurkenkaltschale mit Langostinos ist sie beendet und die frisch gebratene Foie gras in Hibiskusbrühe wird ebenso wohlwollend aufgenommen wie die Lotte mit Speck, das iberische Schwein und die fünf weiteren Tellerchen, deren Inhalte ich nicht beschreiben kann.

Inklusive Apéritif, Wein und Café zahlen wir am Ende nur etwas mehr als das Doppelte dessen, was wir gestern Abend bei Alphonse für drei Gänge berappen durften. Und Madame guckt beim Verlassen des Hauses als wär' sie dem Himmel so nah.

Und natürlich der älteste Eisenwarenladen

Es ist spät geworden, wir müssen sehen, dass wir zurück kommen, bevor der Regen losgeht. Um zwanzig nach elf sind wir am Hotel, es ist geschlossen, und wir haben den Code vergessen.

Gottseidank steht noch eine Gästin in der dunklen Halle, die uns reinlässt und sehr clever aushorcht (da könnte ja jeder kommen!). Nach Französisch und Englisch einigen wir uns auf Deutsch, denn sie kommt aus Hamburg, ist seit 40 Jahren mit einem Engländer verheiratet und lebt jetzt in den Hautes-Pyrénnes.

Derzeit sind sie mit Freunden zum Weinkaufen hier. Und natürlich, um die vergesslichen Dödel aus der Heimat ins Hotel zu lassen.

Wir gehen schlafen, bevor der Regen losgeht.

Sonntag, 30. Dezember 2012

11. Juni 2012, der dreiunddreißigste Tag: Sully-sur-Loire–Sancerre, 93,37 km

Es geht aufwärts!

Frühstück im Hause, es ist das beste, das uns diese Tour bisher beschert hat. Auf meine Frage nach dem Bäcker schaut uns der Patron zunächst verständnislos an und erklärt dann, dass er die von uns verzehrten Baguettes heute morgen selbst gebacken hat. Und die Viennoiserie ebenfalls.

Er kann verstehen, dass wir nicht noch einen Abend bleiben wollen, ohne sein Restaurant auszuprobieren und nimmt es entsprechend entspannt hin, dass wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen. Vor dem Hotel ist inzwischen der wöchentliche Markt aufgebaut, es ist kurz nach neun.

Ein Château! Ein Château!

Am Château vorbei fahren wir ein paar Meter auf sandiger Piste, dann geht es wieder auf den Damm – heute rollt es besser als gestern, denn der Wind ist mit uns. Die Fahrt geht über ca. acht Kilometer, dann biegt der offizielle Weg auf eine andere Strecke ab. Wir bleiben auf dem Damm.

Kurz hinter Lion-en-Sullias, etwa auf Höhe des AKWs auf der anderen Seite, kommt plötzlich ein Hund von links aus dem hohen Gras, das den Damm säumt. Hinter ihm tritt eine Frau in den späten Zwanzigern auf den Weg. Sie entpuppt sich als Lohn-Schäferin aus Holland, die bis Oktober 400 Schafe für eine Gemeinde nördlich von Gien durchs Land treiben und dann zurück nach Holland gehen wird. Unten blökt es wie wild, und die Frau weist uns fröhlich darauf hin, dass ihre Schafe an dieser Stelle offiziell gar nicht weiden dürften.

Wir wünschen weiterhin guten Appetit, wechseln am Ende des Damms auf die Straße nach Saint-Gondon und hinter dem Ort zurück auf den Damm bis Gien. Die Stadt sieht aus der Ferne zwar sensationell aus, das entpuppt sich aber als zwiespältig, denn nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie vollständig im alten Stil wieder nachgebaut.

Gien: optisch ansprechende Neubausiedlung am Ufer der Loire

Von Gien fahren wir abseits der Loire durchs Land, bei Briare treffen wir auf eine Kanalbrücke über die Loire, wie wir sie aus Digoin kennen. Nach Besuch des örtlichen Bäckers verfahren wir uns und finden erst nach einiger Zeit wieder aus der Stadt hinaus. Auf der Route d'Ousson kommen wir genau dorthin, überqueren die nächste Brücke und machen nach 50 Kilometern Tagesstrecke um halb eins auf der anderen Seite Mittag.

Was ist das: mehr als 100 Jahre alt, 663 Meter lang und überbrückt die Loire bei Briare?

Der Mensch muss Ziele haben im Leben

Danach zunächst einmal entlang des nächsten Canal latéral, dann auf absolut frischer Asphaltpiste bis Bonny-sur-Loire, vorbei am nächsten AKW und auf dem Damm gegen den stärker werdenden Wind auf westlicher Seite bis zur Brücke nach Cosne-Cours-sur-Loire.


So ein Schleusenwärter wohnt manchmal schöner als man glaubt

Ein Radweg, wie er heute sein soll!

In der Bar an der Ecke kriegen wir zwei Petit crème für zwei Euro, der Patron hat einen jungen Jagdhund mit auffälligem Halsband, das den Hund mittels Elektroschock unter Strom setzt, sobald er sich mehr als 250 m vom Sender (= vom Haus) entfernt. Kein Wunder, dass der Hund so verstört wirkt.

Der Tierquäler drinnen ist stolz, wir fragen draußen telefonisch in einem Hotel auf der anderen Seite nach einem Zimmer. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagt „Non!“, ich sage „Schade.“, sie antwortet „Ja, Monsieur – vor allem für Sie“.

Das spornt uns mächtig an, die letzten zehn Kilometer vergehen wie im Fluge, gegen vier erreichen wir Saint-Satur und finden ein interessantes Hotel – leider montags geschlossen.

150 m über der Loire, 2500 ha weit über dem Durchschnitt

Durch den Ort fahren wir zum Rond point und von dort nochmal drei Kilometer aufwärts nach Sancerre. Die Steigung orientiert sich an den Prozenten der hier ausgebauten Weine: zehn bis zwölf Prozent, wir fühlen uns wie auf dem Weg durch die Dordogne.

Oben angekommen, empfiehlt uns die freundliche Frau im Office du Tourisme Hotel und Restaurant. Wir bekommen ein günstiges Zimmer, duschen uns, waschen die Trikots und schlafen bzw. schauen das EM-Spiel zwischen Frankreich und England.

Um halb acht geht's zum Essen. Alphonse Mellot serviert Tartar von Saint-Jacques und Mango, Oeufs meurettes mit zwei Saucen, Filet de Boeuf und einen Andouilette-Auflauf. Mit dem passenden Getränk tut man sich natürlich schwer in dieser Umgebung, am Ende einigen wir uns auf ein Fläschchen Sancerre.

Im Hotel schauen wir Petra von Kant in der RWF-Retrospektive auf arte noch ein halbes Stündchen beim Heulen zu.

„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“

Nachdem wir den geplanten Ruhetag gestern mangels Restaurant hatten sausen lassen, beschließen wir, die Sause in Sancerre nachzuholen. Mal sehen, ob uns das Hotel für eine weitere Nacht aufnimmt.

Dienstag, 25. Dezember 2012

10. Juni 2012, der zweiunddreißigste Tag: Orléans–Sully-sur-Loire, 56,01 km

L'important c'est la Regenhose


Zum Frühstück gibt's feinen Schinken und leckere Aprikosen, heute soll's regnen.


Nach etwa halbstündiger Rundfahrt durch die Stadt erreichen wir die Brücke, auf der wir gestern Abend ins Zentrum gekommen waren, sie führt uns direkt zum Anschluss an den Radweg auf der anderen Seite.


Zunächst geht es auf kurviger Sandpiste ein paar Kilometer an der Loire entlang, dann wieder auf einen Deichweg, auf dem wir trotz Gegenwind schnell nach Jargeau kommen. Unterwegs passieren wir das erste gemähte Kornfeld! Heute ist der 10. Juni!!


Die Brücke nach Châteauneuf-sur-Loire, ...

... ein paar Meter weiter erwartet uns Loulou

Auf der anderen Seite, in Saint-Denis-de-l'Hôtel, kaufen wir ein. Vor dem Supermarché spricht uns ein Mann an, der behauptet, er habe 1956 in der Schule Deutsch gelernt. Außerdem behauptet er, im Auto CDs der Amigos und der Flippers zu haben. Ist das eine Falle?

Wir fahren über die Brücke zurück, Mo sucht ein Klo, kaum hat sie ein Plätzchen gefunden, taucht ein drahtiger Rennradler auf und will uns beim Wegfinden helfen. Er stellt sich als kundiger Kenner der Region vor, ich schicke Mo den Hügel runter in die Büsche. Oben weist Monsieur mich ein: Straße, dann Damm, dann über den Fluss nach Châteauneuf-sur-Loire und von dort unbedingt nach Germigny-des-Prés in die karolingische Kirche.

Wo er recht hat, hat er recht: Sie ist wirklich beeindruckend, schlicht und bezeichnet sich Besuchern gegenüber als Site de cult. Gleich rechts neben dem Eingang, in der dunkelsten Ecke des Raumes, steht eine sensationelle alte Holzfigur: ein grob gearbeiteter Schäfer, der das Buch mit dem Titel PAX hochhält.

1400 Jahre Christentum in Frankreich

Die Hand Gottes im byzantinischen Mosaik

Vor der Kirche wartet bereits eine Hochzeits-Gesellschaft (hatten wir nicht gestern erst eine?), mit Blick zum sich stetig verdunkelnden Himmel beschließen wir, den Weg auf der Straße fortzusetzen.

Leider ist der Regen noch schneller als wir, gleich nach der ersten Kurve fallen die ersten Tropfen. Wir stoppen, ziehen Hose, Jacke und Helmüberzug über und glauben, das würde reichen. Der Regen sieht das anders, er schüttet sich aus vor Vergnügen, und bis Saint-Benoît sind wir richtig nass.

Am örtlichen Bus-Wartehäuschen rufen wir das für die nächsten beiden Nächte anvisierte Hotel an. Die Küche klingt sensationell, da bleiben wir gerne einen Tag länger. Die Dame am Telefon macht mich darauf aufmerksam, dass das Restaurant heute geschlossen ist. Voller Enthusiasmus fahren wir die restlichen acht Kilometer im Regen und kommen um kurz vor halb zwei an.

Triste Aussichten: zwei Abende lang kein Essen im Haus

Alle sind nett, im Restaurant tafeln Menschen, denen man ihr Glück ansieht, aber für uns reicht es zeitlich leider nicht mehr zum Mittagessen, und abends ist das Restaurant halt zu. Unsere Idee des zweitägigen Aufenthaltes wird von Madame positiv aufgenommen, morgen ist das Restaurant allerdings auch geschlossen.

Der Patron beruhigt uns, es gibt noch einen Chinesen und einen Italiener im Ort.

Wir duschen, essen Mitgebrachtes und legen uns erstmal hin. Alles ist extrem plüschig und très français. Um sieben gehen wir zum Italiener essen. Er entpuppt sich als hundertprozentiger Franzose, der ein Bistrot mit (relativ) italienischem Flair betreibt, das Café des Arts. Für uns bedeutet das: Salade au Chèvre chaud, Salade de Gésiers, Filet de Sandre sowie Moules et Frites für Monsieur. Das Essen ist absolut OK, aber der Gedanke daran, was wir im Hotel verpassen, trübt die Stimmung.

Zurück im Hotel funktioniert plötzlich das Internet, so dass wir mit Junior skypen können. Dafür gibt's keinen Fußball im TV.

9. Juni 2012, der einunddreißigste Tag: Blois–Orléans, 88,14 km

Endlich Schlossherrin!

Frühstück dans la chambre. Mo weiß nicht mehr, wo sie ist. Um die Verwirrung zu komplettieren, buche ich gleich mal ein Hotel in Orléans.

Vor der Abfahrt geht's erst noch zum nahen Post-Palast. Draußen bettelt Ayshe, drinnen gibt es viele Schalter, vor jedem steht eine ordentliche Schlange. Weit und breit ist nur ein Mitarbeiter zu sehen. Viele Kunden drängen sich vor Automaten, so stellen sich Lieschen Müller und ich die Spielkasinos in Las Vegas vor.

Eine Kundin am Ende einer Schlange berät mich zwecks Markenkauf am Automaten. Als ich gehe, ist sie keinen Schritt vorwärts gekommen, und der Schalter ist nach wie vor unbesetzt. Vor meinem inneren Auge wird die Post am Südbahnhof zum Amt für Hochgeschwindigkeit.

Wir fahren zum nahen 8 à huit und dem Bäcker direkt daneben. Centre ville füllt sich langsam mit einkaufenden Menschen, 9.25 Ausfahrt über den Pont Jacques Gabriel.

Ostwärts raus aus Blois

Nach ein paar Metern am anderen Loire-Ufer geht's rechts ab ins Land: Vineuil, Huisseau-sur-Cosson, Chambord. Unterwegs überholen wir einen in sich gekehrten Wanderer, und ich frage mich, ob er wohl auch zum Château will.

Rund vier Kilometer vor dem Château werden wir von der Straße in den Wald geschickt, um am Ende des Weges doch wieder auf der Straße zu landen. Der Blick aufs Château ist frei, Mo ist glücklich, wir fahren an alle möglichen Punkte rundum, machen Fotos und schauen den anderen Touristen zu.

Auf dem weitläufigen Rasen vor dem Schloss trabt und galoppiert eine junge Frau. Ich fahre rüber und frage einen Mann, der von der nahen Mauer zuschaut, ob sie wohl die Prinzessin ist. Er kann das fröhlich verneinen, denn sie gehört zu seiner Truppe von Schauspielern und Artisten, die 2x täglich ein Ritter-Spektakel für zahlende Besucher darbieten.

Radweg in Stein gemeißelt

Chambord einerseits

Chambord andererseits

Gegen elf nehmen wir zwei Petit crème auf der Terrasse des Hotels gegenüber und telefonieren mit den mehr und minder Lieben daheim. Um halb zwölf fahren wir weiter, kurz hinter dem Parkplatz kommt uns der Wanderer von vorhin entgegen – Chapeau!

Den königlichen Forst verlassen wir in nördlicher Richtung nach Saint-Dyé-sur-Loire, unterwegs sehen wir mehr Radwanderer als in allen Wochen zuvor sowie viele Kurzradler, die für ihre kurzen Wege Räder gemietet haben. Bei Muides-sur-Loire nutzen wir die ausladende Aire am Flussufer zu einer etwas weniger ausladenden Mittagspause, danach über die Brücke und am Fluss entlang in Richtung Beaugency.

Da müssen sie durch, die großen und kleinen Radfahrer

Unterwegs haben viele Stadtväter den Radlern ein Geschenk gemacht, indem sie üppige Mengen von Split auf den Betonwegen ausbringen ließen, besonders in Kurven erhöht dies die allgemeine Verkehrssicherheit ungemein.

Château Beaugency 2.0

600 Jahre Krieg um 23 Bögen

Die Abbaye direkt am Fluss, heute fest in Touristenhand

In Beaugency besuchen wir nach intensiver Beratung durch eine Einheimische die Église abbatiale Notre-Dame, drinnen üben sie Ave Maria, draußen trommelt der Fanfarenzug aus Autainville ein Brautpaar in Richtung Altar.


Alle warten, dann kommt der Pfarrer in naturweiss mit schmucker oranger Schärpe. Genug gesehen, alle gehen rein, wir fahren weiter.


Höchste Zeit zu heiraten

Bis Meung-sur-Loire wird die Strecke übel: Schlaglöcher, überhängende Zweige und viele Kurven, im Ort verfahren wir uns, dann weiter über eine Brücke und auf einen Damm, der das südliche Ufer vor dem Wasser schützt.

Schön, dass wir wieder auf dem Damm sind

Mit Tempo 30+ schmelzen die Kilometer bis Saint-Hilaire-Saint-Mesmin nur so dahin. Irgendwo bei Saint-Pryvé-Saint-Mesmin verfahren wir uns erneut, sehen uns aber auf einem guten Weg zu dem heute früh reservierten Hotel. Wir kaufen noch ein bisschen fürs Frühstück ein und kurbeln weiter gen Saint-Jean-le-Blanc.

Nach skeptischer Fahrt durch eine schmale, von allerlei hängendem Gestrüpp überwucherten Passage sprechen wir mit zwei jungen Frauen, die uns am Eingang der Passage vorgelassen hatten, und erreichen schließlich das Hotel – fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, umgeben von Bau- und Gartenmärkten.

Weit und breit keine Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme; das mögen wir nicht.

Johanna im Herzen der Stadt

Es ist 17.22 Uhr, wir düsen ins Zentrum. Zwanzig Minuten später haben wir einen Hotelführer aus dem Office de Tourisme und täuschen im ursprünglich gebuchten Hotel telefonisch eine Panne vor, um die Absage zu rechtfertigen. Das Grand Hotel hat ein Zimmer für uns, wir satteln ab, duschen und gehen essen.

Vorher noch ein kleiner Rundgang durch die Altstadt, dann l'Ardoise: Fusion de Thon blanc et Poulpes, Pressé de Lapin, Variations de Caille, Crépinette de Pied de Cochon et son Mignon. So weit, so gut.

Beim Käse gibt's Ärger, denn die Kellnerin will nicht akzeptieren, dass ein Gast lieber lokale Käse hätte als das Durchschnittsgedöns mit Camembert & Consorten. Der Kellner fasst zur Strafe noch mit seinen Fingern an meinen Sablé, naja ...

Die Kathedrale, die in Street View nicht wiederzuerkennen ist