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Dienstag, 6. Juni 2023

La France avecque ... des boceaux Weck

Ein bekanntes Gesicht am Ufer der Loire


5. Juni 2023


Irgendwie fangen unsere Tage immer mit Frühstück an.


Heute sitzen wir am Zehnertisch im Frühstücksraum bei Julie. Ein deutsches Pärchen ist schon weg, das zweite zahlt gerade. Kurz nach uns kommen die drei Spanier aus dem OG und reden wesentlich zu schnell für unseren Ausbildungsstand.


Wir sprechen langsam mit Julie über ihre 120-ml-Weckgläser. Das damit verbundene Prinzip der Konservierung ist ihr gar nicht bekannt, sie findet bloß die Gläser schön und serviert den Gästen morgens Fromage blanc darin. Wir schicken ihr weitere Info, wenn wir wieder zu Hause sind.


Reisebekanntschaft


Aurélien kommt gerade noch rechtzeitig vom Einkaufen zurück, um uns bonne route zu wünschen, dann folgen wir dem schönen weiteren Weg auf der Basse Île entlang der Loire. Schon nach kurzer Zeit verläuft der Weg auf einer schmalen Landstraße, die ein ordentliches Tempo zulässt und uns direkt nach Montjean-sur-Loire führt. Das Hotel, in dem wir 2012 übernachteten, gibt es noch unter gleicher Leitung.


Bezüglich der schmalen Straßen gibt es hierzulande noch eine Besonderheit: Zum Zwecke der Verkehrsberuhigung werden viele Straßen durch zwei Beton- oder Pflastererhöhungen links und rechts auf eine schmale Spur mit alternierender Durchfahrt reduziert.


Der Radfahrer bekommt eine eigene Spur rechts der Betonerhöhung. Leider ist diese Spur so schmal, dass man auch ohne Taschen kaum durchkommt. Der ADFC wäre hellauf entsetzt! Wir haben in der Praxis festgestellt, dass man mit dem Rad auch gut und sicher durch die Mitte kommt.


Wir bleiben auf der linken Loireseite, kaufen in Saint-Florent-le-Vieil fürs Mittagessen ein und wechseln kurz vor eins bei Ancenis auf die andere Seite des Wassers. Gleich am linken Pfeiler der Brücke empfängt uns die AfF mit einem munteren „DES COVIDIOTES“. Wir setzen uns auf der anderen Seite auf eine warme, schattige Steinmauer und verputzen die Hälfte des Proviants.


Die alte Steinmauer war nicht nur für uns attraktiv


Zwei junge Menschen auf einer nahen Parkbank räumen nach dem Essen auf Großstadtniveau auf: den Müll in den Abfallkorb, die Flaschen für die Sammler daneben. Nur blöd, dass es in Frankreich gar kein Pfandsystem für irgendwas gibt.


Weiter geht es durch ständig wechselnde Abschnitte von Wald, Wiese, Wohnbereich. In Oudon (wo die dicken Nudeln gemacht werden) suchen wir vergeblich eine geöffnete Bar, bis Saint-Simon fahren wir über staubenden Kies entlang der D751 durch übel riechenden Gemüseanbau.


Bei Mauves-sur-Loire fahren wir das letzte Mal über den Fluss, kurz darauf fangen die Vororte von Nantes an. Und das ist wirklich kein Vergnügen. Am Rand des Weges leben Menschen in einer Art großer Kleingartenkolonie. Paradox, gell?


Links fließt die Loire, rechts sehen wir kleinere und größere Grundstücke, eingezäunt, meist mit stabilem Tor. Hinter den Hecken und Zäunen stehen Holzhäuser, Campmobile, Sitzgelegenheiten. Hier wird gegrillt, dort nur gesessen. Am Ende dieser Siedlung liegt auf der linken Seite ein beachtlicher Haufen an Hausrat, so sieht es in der Stadt aus, wenn jemand zwangsgeräumt wurde oder verstorben ist. Insgesamt ein unangenehmes Umfeld.


Leben in der Stadt


Die Stadt selbst präsentiert sich völlig anders. Hier ist Leben, hier ist eine intakte Centre ville. Hier sind Geschäfte, Restaurants usw. vom Feinsten. Genau da wollen wir auch hin. Denn in Nantes gibt es einen Laden der Firma Café Coton. In deren Geschäft in Bordeaux habe ich 2020 eine größere Zahl von Unterhosen zu einem sehr günstigen Stückpreis erworben. Und da wäre doch heute eine gute Gelegenheit für den Wiederholungstäter.


Den Laden finden wir relativ schnell, unterwegs können wir uns an dem überbordenden Gefühl von Stadt kaum sattsehen. Die Dame im Geschäft ist sehr freundlich, in der Sache aber knallhart. Die Preise, von denen ich erzähle, gibt's bei ihr nicht, hat sie auch noch nie gehört. Bei ihr kosten caleçon 30 Euro – die muss sie selber anziehen.


Vous ȇtes en Bretagne


Unser Hotel liegt direkt am Bahnhof, die Menschen, die dort arbeiten, sind sehr freundlich. Nach kurzer Pause bummeln wir ein bisschen ums Schloss, der Fou du Roi hat leider längst den Geschäftsbetrieb eingestellt.


Wo Anne de Bretagne zu Hause war


Am Ende landen wir in der elsässischen Systemgastronomie, wo der Riesling wie Pinot blanc schmeckt und das Flambieren auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. Dafür ist nebenan großartige Apéritif-Stimmung und übers Essen wabert der Geruch von besserem Cannabis. Bhnhfsvrtl halt.


Unterwegs in die alte Hauptstadt der Bretagne

Montag, 5. Juni 2023

La France avecque ... une petite cycliste

Chenehutte(n)

4. Juni 2023


Die Frühstücks-Atmosphäre im Mercure ist angenehmer als in den meisten unserer bisherigen Bleiben. Ruhiger, gediegener, altersgerechter. Leider ist das Frühstück selbst nicht so gut, wie wir es uns gewünscht hätten. Und auf der Terrasse sitzen nur die, die Extra-Pullis mitführen.


Wir packen, telefonieren mit zu Hause bzw. mit dem Hotel in Tours, das sich immer noch nicht wegen meines vergessenen Gurtes gemeldet hat. Dann holen wir die Räder und fahren zum Boulanger an der nächsten Ecke, wo bereits eine beachtenswerte Schlange steht.


Überwiegend alte Leute, da passen wir gut dazu. Auf dem grauen T-Shirt eines grauhaarigen Trägers steht: Rules are made to be broken. Ich bezweifle, dass er sich daran gehalten hat. Auf unseren Trikots steht (sehr klein) Gore. Daran halten wir uns schon seit über zehn Jahren.


Frankreich trocknet aus


Eine alte Frau steht etwas abseits der Reihe, schiebt sich aber rein, als sie sieht, dass ich mich auch anstelle. Im Vorwärtsrücken versucht sie, mit anderen Schlänglern ins Gespräch zu kommen. Generell hat sie eine gewisse Begabung, den Laden aufzuhalten. Die Boulangeuse fragt sie irgendwann entnervt: „Enfin, vous voulez qoui?“


Das beschleunigt die Geschäftsabwicklung. Kurz darauf bin ich vorne und schnell wieder draußen. Mit Baguette usw. in den Taschen queren wir danach die Brücke. Die Frau und der T-Shirt-Mann schlendern ins Gespräch vertieft auf der linken Seite. Passt.


Der freundliche Radweg-Planer schickt uns die ersten zehn Kilometer in die hohen und höchsten Wohnlagen Saumurs. Wir wundern uns, aber wir haben Motörchen. Nach Les Rochettes wird der Weg besser, wir überholen unsere Schatten-Bekanntschaft von gestern Nachmittag und fahren anschließend auf der Uferstraße durch schöne Orte, wie Chenehutte, Saint-Jean und Préban.


In Le Thoureil quert eine Frau von ungefähr gleicher Breite und Höhe im schulterfreien, gelben T-Shirt die Straße. Sie hat wohl eine Gîte gemietet, schaut nicht links, nicht rechts und vermittelt den festen Glauben, sie habe den Ort gekauft. Alle Bars und Restaurants sind prall gefüllt. Es ist Sonntag, es ist Mittag, es ist Urlaubsgebiet.


Le Prieuré de Saint-Maur


Bei Saint-Matheurin-sur-Loire fahren wir wieder über den Fluss, der Weg ist strategisch günstig ausgeschildert: Wer ihm folgt, fährt quasi direkt auf die Terrasse des Restaurants am Loire-Ufer. Wie es aussieht, haben schon viele alles richtig gemacht. Wir sind heute etwa 30 Kilometer gefahren, noch rund 25 bis Angers.


In La Sablonnière erwartet uns ein traumhafter Essplatz. Große Wiese, Tische teilweise schattig, teilweise sonnig, teilweise überdacht, großer Müllbehälter in angemessener Entfernung. Da bleiben wir gerne und essen fast alles auf, was wir noch haben.


Entsprechend gut gestärkt geht es weiter Richtung Angers, nach einiger Zeit begegnen wir einem Vater mit kleiner Tochter auf dem kleinsten Rennrad, das wir je gesehen haben. Zwei Abbiegungen weiter treffen wir auf alte Erinnerungen: Le bac de la Chevalerie.


Das Prinzip des Kettenziehens ist noch das gleiche, aber das Ufer ist komplett neu in Beton gegossen, etwa viermal so breit und wesentlich steiler als 2012. Erfreulicherweise kommen Vater und Tochter hinter uns her, so kann er uns beim Be- und Entladen helfen, und wir müssen nicht abpacken.


Deutsch-französische Übersetzer


Die Tochter freut sich darüber, dass sie ein tolles Rad hat. Der Vater ist stolz wie Bolle. Die Frage, ob sie gut mit der Schaltung zurechtkommt, bejaht er. Heute seien sie 40 Kilometer gefahren. Nicht besonders schnell, aber immerhin. Auf dem weiteren Weg holen wir das Gespann wieder ein und sehen, dass sie gar nicht schaltet. Sie erhöht bei Bedarf einfach die Kadenz.


Wenig später erreichen wir die ersten Ausläufer von Angers. Zunächst wird nur die helle Oberfläche des Weges schwarz, dann stehen die ersten Schieferstelen am Wegesrand. Und dann kommt der Parc des Ardoisières. Von der letzten Tour haben wir ihn noch in bester Erinnerung, aber die Durchfahrt ist auch diesmal wieder ein Ereignis.


Herzlich willkommen im Steinbruch der Geschichte


Am Ende des Parks wird es laut, auf dem Weg ins Zentrum kommen wir links an einem Roma-Lager vorbei, in dem Rémi und Démi den Sonntag feiern. Ein deutsches Ehepaar auf Pedelecs findet den Weg in die Stadt nicht mehr und bewundert, wie wir mit so viel Gepäck die letzte Steigung gemeistert haben. Die Gattin klärt sie auf, sie schauen die Räder an und glauben nicht, dass da irgendwo ein Motor drinsteckt.


Wir fahren ins Zentrum, am Schloss vorbei und haben beide das Gefühl, dass es eigentlich reicht für heute. Aber wir haben weiter westlich gebucht ...


Zwei Wahrzeichen Angers: Schloss und Schiefer


Und dann geht's auch erst richtig los.


Im Parc de Balzac und am Lac de Maine veranstalten die Sportvereine Angers ein großes Fest für den sportlichen Nachwuchs. Jeder kann alles testen, bei allem mitmachen. Außer den Radreisenden, die müssen absteigen und durchs Gewimmel schieben. Notgedrungen machen wir den vermeintlichen Spaß mit, anfangs wissen wir ja noch nicht, wie weit sich Park  und Seeufer erstrecken.


Aber auch das geht vorbei, wir sagen bei Julie und Aurélien Bescheid, dass wir erst gegen fünf ankommen.


Doch auch daraus wird nichts. An der Promenade in Bouchemaine ist die Hölle los. Am Ufer in La Possonnière findet ein Flohmarkt mit Musik und allerlei sonstiger Unterhaltung statt. Und überall ist der EuroVélo 6 nur schiebend zu benutzen.


Am Ende wird es knapp sechs, bis wir da sind. Wir schwatzen ein bisschen mit den Gastgebern, versorgen die Stromfresser und schaffen es um acht in die Pizzeria an der nächsten Ecke. Es sieht so aus, als wären alle Gäste der Mariniers gekommen.


Im Westen nichts Neues


Nach dem Essen gehen wir noch ein paar Schritte am Quai entlang, dann nehmen wir die Ladegeräte vom Strom und steigen die Treppe in unser Zimmer hoch. Morgen sind es 72 Kilometer bis Nantes.


Hier wurde heute wirklich so einiges veranstaltet

Sonntag, 4. Juni 2023

La France avecque ... la jument et son poulain

Villandry von seiner schönsten Seite


3. Juni 2023


Die Ausfahrt aus Tours dauert so lang, wie es sich für eine mittlere Großstadt gehört. Vorher delektieren wir uns noch an dem Hampton-typischen Frühstück und erfreuen uns an der schwäbischen Ehefrau, die eine deutsche Antwort mit „Ei, da könnet mir ja a Deutsch schwätze“ quittiert.


Besagte Ausfahrt also führt über die Loire, an einem Einkaufszentrum vorbei und dann durch ein schönes Naherholungsgebiet im Westen der Stadt. An dessen Ende fahren wir  durch den ebenso großen wie frequentierten Golfplatz von Joué-les-Tours.


Straßenbau auf höchstem Niveau


Was folgt, ist die Silhouette von Villandry und die Einfahrt in  Bréhémont, wo wir zunächst mit dem Kinde telefonieren und dann zu Mittag essen. Das schattige Tisch-mit-Bänken-Ensemble nimmt direkt vor uns ein anderes Ehepaar in Beschlag. Es sind Bretonen aus der Nähe von Brieuc, sie gewährt uns großzügig zwei Plätze, er fragt grinsend: „Vous avez payé?“


Übers Essen kommen wir ins Reden. Auch sie sind touristisch hier, fahren seit knapp zwei Wochen die Loire ab, parken ihren Camper hie und da und erkunden dann mit den Elektro-Mobilen die jeweilige Umgebung. Ein munteres Pärchen, das aus den verbleibenden Jahren sicher noch einiges machen wird.


Wir brechen ebenfalls auf und sehen eine etwa 20-köpfige Altherren-Gruppe eines lokalen Radsportclubs die Straße entlang schnurren. Plötzlich stürzt einer der Herren auf schnurgerader Strecke, wahrscheinlich hat er den hohen Bordstein touchiert. Die anderen kümmern sich zwar gleich um ihn, die Fahrt wird er allerdings trotzdem nicht fortsetzen können. Auf Entfernung sieht man, dass das Vorderrad nicht mehr zu gebrauchen ist.


Kurz hinter Bréhémont sehen wir von oben (siehe oben) ein echtes Naturschauspiel. Eine majestätische Stute läuft mit ihrem frischen Nachwuchs auf einer kleinen Koppel. Das Fohlen bewegt sich noch etwas sprunghaft und unkoordiniert, ahmt aber die Bewegungen der Mutter nach. Und diese lehrt ihr Kind ganz nebenbei, wie ein schönes Pferd zu laufen hat.


Der weitere Weg könnte ziemlich entspannt zu bewältigen sein, wenn die lokalen Planer sich nicht einige Herausforderungen für den gemeinen Radwanderer ausgedacht hätten. So zum Beispiel eine steile Auf- und Abfahrt über das Kopfsteinpflaster von Ludwig XV, das zwei gut asphaltierte Streckenabschnitte trennt.


Stolpersteine auf dem Weg nach Saumur


Oder die schmalen und ebenfalls unpassierbar steilen Ortsdurchfahrten abseits der unten liegenden und weitgehend unbefahrenen Durchgangsstraße. Zugegeben: Es ist oben meist wirklich schön, aber doch nicht so schön, dass es lohnt, 15 Kilogramm hinauf zu strampeln. Und der hier weit verbreitete touristische Ansatz des Weinchens vor, zum und nach dem Essen (oder einfach mal zwischendurch) ist für uns erstens unpraktikabel und zweitens eh nicht unser Ding.


In Avoine lernen wir beim Nachmittagskaffee vor der großen Kirche einen französischen Radreisenden mit kleinem Anhänger kennen. Er freut sich, dass er im Schatten sitzt, will alles von uns wissen und macht sich auf den Weg, während wir noch vor halbvollen Tassen sitzen. 


Hübsche Städtchen geben den älteren Herrschaften von beiderseits des Kanals ein gutes Gefühl


Höhepunkt des Tages ist Candes-Saint-Martin, ein Ort, der top-renoviert und auch in anderer Beziehung geeignet ist, jedes englische Herz höher schlagen zu lassen. Uns fällt auf, dass wir zwar durch eine AOC-Lage nach der anderen fahren, aber bislang kaum einen Weinstock gesehen haben. Sind wohl alle auf der Nordseite der Loire.


Candes-Saint-Martin oder „Stop and smell the roses“


Was uns außerdem auffällt, ist, dass hinter Candes-Saint-Martin die Zahl der heute noch fälligen Kilometer immer wieder leicht ansteigt. So kommen wir statt auf 70 auf über 80 Kilometer. Und weil ich meinen Pulsgurt samt Sensor im Hotel vergessen habe, steht vor Feierabend noch die Beschaffung eines neuen auf dem Programm.


Terre de Running hat nur ein Modell vorrätig: Gurt und Sensor von Garmin für 69,00 Euro. Also doch zu Decathlon, wo es sicher Alternativen gibt. Wir sind schnell da, der Mann am Fahrrad-Counter ist nett und sicher, dass es hauseigene Produkte gibt, die mein Problem lösen werden. Ich werde mutig und frage mal ins Blaue hinein, ob das Team nicht mal eben auch unsere verdreckten Antriebe säubern könnte.


„Bien sûr, Monsieur, 20 Euro.“


Wo wir auf die Wartung warteten


Natürlich geht das alles am Ende weniger schnell, als wir es uns gewünscht hatten, aber wir hätten es in der einen Stunde zu diesem Preis nicht so gut selbst machen können. Und das Gurt-Sensor-Package spart uns mit 36,00 Euro so viel, dass wir sogar die Kaffeekasse der Werkstatt noch etwas auffüllen können.


Der Hin- und Rückweg zu bzw. von Decathlon führt uns vorbei an den weitläufigen Anlagen der Écoles Militaires de Saumur, an der École de cavalerie und dem Musée de la cavalerie. Die Geschichte der Stadt ist eng mit Pferden verwoben, man begegnet überall Fotos, Gemälden, Statuen oder Plakaten, die auf entsprechende Veranstaltungen hinweisen.


Noch zwei Stunden, dann bricht hier das Wochenende aus


In der Hotel-Garage stiehlt uns dann die Technik noch einige Zeit. Auto laden – kein Problem, es gibt zwei Ladestellen. Fahrrad laden – es gibt eine Dose unter einer Ladestelle. Kosten mindestens 4,95. Alternativ: Akku mit ins Zimmer nehmen.


Wir suchen also die eine Steckdose. Während der Gatte sie unten sucht, findet die Gattin sie oben. Es ist wirklich die eine Dose auf ca. 300 Quadratmetern. Leider stehen die Räder damit in der Zufahrt. Aber das regelt die Rezeption und stellt einfach drei Poller drumrum.


Mit Ach und Krach schaffen wir es bis halb acht auf die andere Seite ins Speisen- und Getränkezentrum. Und, man glaubt es kaum, die besseren Etablissement sind am Samstag alle ausgebucht. Mit Hilfe unserer Flexibilität in Speise- und Getränkefragen sowie der uns eigenen sprachlichen Hilflosigkeit können wir die Kellnerin im Bistro les Tontons dazu bewegen, uns an einem zwar reservierten, aber noch freien Tisch den Apéritif zu servieren.


Kaum sitzen wir, zahlen die Engländer an dem viel schöneren Tisch hinter uns, und wir haben ein feines Plätzchen zum Essen und Gucken gewonnen. Es gibt Menschen-Kino in Dauerschleife. Kinder jeden Alters, die schreiend durchs Getümmel rasen, Stühle rücken oder auf Baumschutzeinrichtungen aus Metall klettern und dabei „Papa!“ rufen. Männer und Frauen jeden Alters schieben sich über den kleinen Platz, Familien drehen ihre Runden und kommen entsprechend öfter vorbei, die Polizei und Rettungssanitäter „kümmern sich“ um Verlorene und Verletzte aller Art.


Ein wirklich zauberhafter Abend in mediterraner Atmosphäre.


Schöne Weinorte, viele Engländer und mehr Kilometer als gedacht

Samstag, 3. Juni 2023

La France avecque ... l'hébergement de haute qualité

Herzlich willkommen bei Rutsch & Staub


2. Juni 2023


Das Frühstücks-Publikum im Hotel ist heute irgendwie besonders. Charles und Camilla sind da. Ein Kleinkind mit Eltern sitzt hinter uns und nimmt engagiert am Leben teil. Viele machen einen verstörten Eindruck. Vielleicht liegt es an der Temperatur und am Wind, draußen ist es ziemlich kalt.


Bevor wir losfahren, ziehen wir uns also erstmal noch ordentlich was drüber, dann bitten wir Garmin, uns zum EuroVélo zu leiten, und das macht er: Zwei Straßen vom Hotel entfernt schickt er uns nach rechts auf einen Pfad, der an riesigen Disteln vorbei steil bergab führt. Und hast-du-nicht-gesehen sind wir am Wasser, überqueren die nächste Brücke und fahren andererseits westwärts.


Hinter Chailles geht es plötzlich steil bergauf, oben rechts ab und quasi felgentief in den Sand. Da wird das Geradeausfahren zum Risikosport, da wünscht die Gattin all diese Radwege-Planer zur Strafe auf die Strecke(n), die sie planen. Mit normalen Rädern, reichlich Gepäck, wenig Schaltung. Und das mindestens eine Woche lang bei 80 Kilometern pro Tag.


Diese Franzosen – einer plant den Weg, der andere die Dekoration


Auch Chaumont-sur-Loire lebt von seinem Schloss und tut wirklich alles, um den vorbei fahrenden Fremden den Euro aus der Tasche zu ziehen. Schließlich ist die Konkurrenz aus Orléans, Amboise usw. groß, und wer sein Geld nicht hier ausgibt, der erhöht anderswo die Gewerbesteuereinnahmen.


An dieser Stelle müssen wir übrigens mit großem Bedauern feststellen, dass sich der aktuelle Bundesfinanzminister gestern aus der Finanzierung unserer Reise verabschiedet hat. Die uns aus den Steuereinnahmen 2022 überlassenen Bundesmittel sind verbraucht.


Ballade en bateau bei Chaumont-sur-Loire


Auf den Schreck futtern wir erstmal eine Banane und zwei Croissants, dann fahren wir bis Amboise immer wieder auf und ab und kommen durch alle Arten von Umgebungen: Gewerbe, Landwirtschaft, Siedlungen – einfach alles, was man sich vorstellen kann. Kurz hinter der Ortseinfahrt von Amboise fängt zudem eine Serie von Informationstafeln über die Stadt und ihre Geschichte an.


Aber deswegen verläuft bzw. verfährt sich ja niemand hierher. Alle wollen das sehen, was unten am Loire-Ufer steht: Schloss, Leonardo da Vincis Grab, die Altstadt.


Hinten der alte Stadtturm, vorne die neuen Geldquellen von Amboise


Wir fahren natürlich auch hinunter zum Fluss. Es ist halb eins, da wird es Zeit fürs Mittagessen. Am Ufer sehen wir viele der Radfahrer wieder, die wir heute bereits auf der Strecke gesehen haben. Überwiegend Pärchen, überwiegend gut motorisiert, wenige mit Gepäck. Wir nehmen an, dass die meisten irgendwo einen festen Standort haben (Hotel, Gîte, Camper) und nun mit geliehenen Rädern die Gegend unsicher machen.


Mittags im Séparrée in Amboise


Man hört viel deutsch, noch mehr englisch. Es sind überraschend wenige Asiaten da. Als ich höre, wie sich einige über lange Schlangen vor und hohe Eintrittspreise an den Kassenhäuschen beschweren, fallen mir ein Lied und daraus vor allem zwei Textzeilen ein (hier das Video mit Untertiteln zum Mitbrummen):


The obsession's in the chasing and not the apprehending
The pursuit you see and never the arrest


Irgendwann ist alles gesagt, gesungen und gegessen. Wir fahren weiter auf sehr guten Wegen und erleben eine bisher nicht gekannte Infrastruktur. Nach jeder zweiten Kurve stehen Bänke und Tische am Weg, teilweise sogar im Schatten, was der inzwischen wieder auf das bekannte Niveau gestiegenen Temperatur etwas von ihrem Schrecken nimmt.


Patisserie à Montlouis centre ville

Mit der Einfahrt in Montlouis-sur-Loire sehen wir die ersten nennenswerten Weinlagen an der Loire. Es geht weiter viel rauf und runter, in der Patisserie im Zentrum gönnen wir uns die dringend benötigte Zucker-Ration.

Den Winzer, dessen Wein wir in Orléans getrunken hatten, besuchen wir nicht. Der Vater ist letzte Woche verstorben, da werden sie anderes zu tun haben, als mit uns über Wein zu reden.

Tours de France


Wir fahren weiter Richtung Tours, das wir gegen halb vier erreichen. An der Rezeption ein schmales, männliches Fiasko. Da stellt die Hotelkette ans Ende der Fußgängerzone zwei moderne Klötze. Da werden wir als „valued guests“ empfangen, und dann gibt es nicht mal eine Steckdose fürs Aufladen der Räder.


Nach moderatem Protest auf Französich, ruft der Rezeptionist beim Kollegen gegenüber an, der aber auch keine Steckdose übrig hat. Wir überlegen draußen, ob wir stornieren und auf ein anderes Haus ausweichen sollen, aber dann gehe ich doch nochmal rein und sage ihm auf Englisch sehr deutlich, was ich von ihm, der Hotelkette und den fehlenden Service-Bemühungen halte.


Ich lerne: Englisch regiert die Welt.


Denn plötzlich fällt dem Kollegen ein, dass er ja direkt hier an der Rezeption eine Steckdose und sogar den nötigen Platz für die Räder hat. Unter diesen Umständen behalten wir das sehr günstige Zimmer und ziehen uns zum Duschen und Ruhen zurück.


Als wir zum Stadtbummel aufbrechen, sind die Räder geladen. Wir machen die Ladegeräte ab und lassen die Räder an der Rezeption stehen. Als Mahnmal für spätere Generationen von Rezeptionisten.


La cathédrale aus nächster Nähe

Wie nahezu überall an der Loire bisher, erkennen wir auch in Tours nichts wieder. Die Stadt ist viel größer als in unserer Erinnerung, anders als in Deutschland gibt es im Zentrum viele kleine, interessante Geschäfte. Der Verkehr ist beachtlich, auch hierzulande wird das Auto bei jeder Gelegenheit als Mittel zur Demonstration eigener Stärke benutzt.


So schlendern wir die Straßen entlang, besuchen die Kathedrale, schauen Schaufenster und kaufen einen Ersatz für den gebrochenen Flaschenhalter aus Folge 5. Der Hunger ist ein ständiger Begleiter, wir finden das Café de la poste als empfehlenswerte Adresse, leider finden wir es nicht an der auf dem Bildschirm angezeigten Stelle.


Nach der dritten Umrundung des kleinen Karrees rufe ich nochmal an, der Wirt dirigiert uns und am Ende spricht er so laut, dass wir ihn über den Platz weg hören können. Die Adresse stimmt, die Anzeige auf dem Telefon ist Blödsinn. Das Essen ist besser als der Wein, die Stimmung ist trotzdem gut.


Und weil wir beim Apéritif gerne den nächsten Tag planen, machen wir auch noch das Hotel in Saumur für morgen klar. Auch das ist nicht einfach, denn der Kollege am Telefon versteht trotz zweimaligen Wiederholens: nichts. Er übergibt an eine Kollegin, die vorgibt, Deutsch zu sprechen. Leider spricht sie nur so viel Deutsch wie wir z.B. Griechisch.


Ich wiederhole also alles ein drittes Mal, und siehe da, jetzt klappt es. Die Bestätigung kommt schnell, wir nutzen den Vorab-CheckIn und nur eine Stunde später schickt uns Accor wieder eine Mail. Diesmal mit dem Hinweis, dass wir doch den Vorab-CheckIn nutzen könnten. Es ist zum Davonlaufen.


Abends im Vergnügungsviertel von Tours (es ist später als man denkt)


Das machen wir auf der Stelle, und plötzlich erkennen wir Tours wieder. Denn wie es sich für Touristen gehört, durchqueren wir auf dem Weg zurück zum Hotel das hiesige Touristen- und Vergnügungsviertel. Genau so hatten wir die vermeintliche Kleinstadt am Fluss in Erinnerung! Unten an der Loire spielt ein Trio 20er-Jahre-Gitarrenmusik. Ein älterer, etwas abgewrackter  Zeitgenosse, den wir im Lauf des Abends bereits mehrfach gesehen haben, steht am Bühnenrand und amüsiert sich prächtig.


Ein Schloss kommt selten allein