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Mittwoch, 7. Juni 2023

La France avecque ... l'enfer de l'ouest

Frisch gewaschen und in Aufbruchsstimmung


7. Juni 2023


Was mit den Worten „Lass uns doch schnell noch“ anfängt, dauert gerne mal etwas länger. Wir z.B. wollen heute Morgen schnell noch ein Hotel für den heutigen Abend buchen und stellen dabei fest, dass es dort, wo wir hin wollen, gar keine Hotels gibt, die uns gefallen könnten. Da kommt uns in den Sinn, dass wir mit der Abkürzung gestern sehr gut gefahren waren, und wir suchen auch für heute eine schöne Abkürzung. So hat das Frühstück erstmal ohne uns angefangen.


Kurz darauf sitzen wir neben dem ständig telefonierenden Puma-Mann und seiner Frau Adipositas. Er zuckt die ganze Zeit mit dem linken Bein. Wenn ich mal groß bin, werde ich auch nervös.


Gleich von Anfang an fahren wir in tiefem Sand von Sandkasten zu Sandkasten. Am nächsten Ort bleiben wir stehen, schauen ins Meer und überlegen, wie wir auf die Straße kommen, um zumindest mal ein paar Meter zu schaffen. So jedenfalls kann es nicht über 80, 90 Kilometer weitergehen.


Im Angesicht der folgenden zehnprozentigen Abfahrt auf Sand und lockerem Schotter weichen wir umgehend auf die D751 aus. Auch hier geht es schön bergab, und die Gattin ruft von hinten: „Da hat man wenigstens was vom Gefälle.“ Nächster Halt ist Pornic, wo man um elf Uhr im Zentrum schon wieder an Bistrotischen sitzt. Am Hafen fährt ein Ehepaar vorbei, er hat auf dem Gepäckträger eine kleine Kiste montiert. In der Mitte der Kiste steckt ein kleiner, blauer Regenschirm, darunter sitzt der Hund schön schattig.


Das ist real, hat mit der Realität aber wenig zu tun


Weiter geht es auf der D13, wo Schilder auf dem Radweg darauf hinweisen, dass man bitte vorsichtig fahren möge, weil aus den Ausfahrten Autos rauskommen können. Wahrscheinlich gibt’s da ein ähnliches Problem wie bei uns in Deutschland mit den Tempo-130-Schildern. Es sind nicht genug Schilder da, um die Autofahrer auf die Radfahrer hinzuweisen, die hier Vorrang haben.


Die Durchfahrtstraße in La Bernerie-en-Retz wird gerade auf beiden Seiten renoviert. Wir fahren trotzdem durch und der Mann mit dem großen Bagger sagt uns, wir mögen bitte nicht durch den frischen Asphalt fahren. Am Ende der Maßnahme tönt von einer Terrasse beschwingte Musette zu uns herunter. Man hat das Gefühl, man wäre in Frankreich.


Ein breites Angebot an Urlaubsvergnügen


In der Ortsmitte gehen wir bei Carrefour für den Mittag einkaufen. Jamiroquai ist auch da und begleitet unser sommerliches Einkaufsvergnügen musikalisch. Ansonsten suchen wir erfolglos nach Batterien für unsere Pedale.


Ein Stück hinter dem Ort wechseln wir wieder auf die D13, die leider nicht mehr so wenig befahren ist, wie zuvor. Bei Port Collet fahren wir deshalb gerne ab und folgen der D
118 bis Bouin, wo wir vor der Kirche eine 
relativ schattige Bank unterm Baum finden. Hier treffen sich einige Radreisende, und am Ende der Pause kommen wir noch mit zwei Franzosen ins Gespräch, die in Notre-Dame-de-Monts wohnen und gerade auf dem Heimweg von Nantes sind.


Sie nehmen aus der Weinhandlung gegenüber eine Flasche für zu Hause mit, wir wünschen viel Vergnügen damit und erleben, was schlampige Aussprache anrichten kann. Statt vin versteht Madame vent und wundert sich, warum ihr die Deutschen Spaß mit dem Wind wünschen.


Die Kirche im Dorf, Treffpunkt des fahrenden Volks


Unser heutiger Weg für einige Kilometer durch das Marais breton vendéen, eine weitläufige Marsch-Landschaft im Hinterland der Küste, die sichtbar von der Dürre in Frankreich bedroht ist. Die Pegel der sie durchziehenden Kanäle und Seen sind um 30 und mehr Zentimeter gesunken, die damit einhergehende Austrocknung des Bodens führt zu starken Absenkungen, die wiederum Risse und Absenkungen im Asphalt der schmalen Straßen nach sich ziehen. Was die Trockenheit für die Pflanzen und Tiere des Marschlands bedeutet, wird man wohl erst in Zukunft sehen.


In Saint-Jean-de-Monts hat uns dann der Schrecken der Küste wieder.


Es gibt kaum ein unbebautes Stück Land, wo vormittags an den Straßenseiten noch einzelne Häuser standen, dominieren jetzt Wohnblocks, Ferienanlagen, Erlebnisbäder und ähnliche must-haves. Heute ist noch fast alles geschlossen und nichts los, aber vom 1. Juli bis 30. August herrscht hier der gnadenlose Gott des Badeurlaubs.


Wer sich hier nicht wohlfühlt,  hat falsche Vorstellungen von Urlaub


Für uns geht es noch rund 20 Kilometer an der Küste entlang. Die Orte gehen ineinander über, unterscheiden sich aber nicht nennenswert. Unser Hotel hat den leicht abgewrackten Charme der sonstigen Bebauung, wenigstens ist die Rezeption freundlich besetzt.


Nach dem Duschen und Waschen bleibt kaum Zeit für eine Pause. Wir schauen nochmal über die Brücke in die Ortsmitte und gehen am Ende doch lieber auf unserer Seite essen. Die Preise sind reel, die Qualität gut. Um zehn sind wir wieder im  Hotel, morgen sollen die ersten Gewitter kommen.


C'est la Vie

Die Wäsche ist schon fast trocken, von draußen schallt das laute Lachen der gleichnamigen Möwen ins Zimmer herein. Wahrscheinlich wissen sie mehr als wir.


Die zweite Abkürzung, 170 Kilometer gefahren, 210 Kilometer weit gekommen

La France avecque ... la vue de la mer

Überraschende Perspektiven in der Hafen-City


6. Juni 2023


Das Frühstück bei ibis Styles war auch schon besser. Heute gibt's als kostenfreie Zusatzleistung ein Fernsehprogramm, das Menschen bei der Produktion von Radioprogrammen zeigt. Wahrscheinlich nennen sie es „Irgendwas mit Multimedia“.


Garmin leitet uns exzellent durch die Straßen und über die Plätze der Stadt, binnen kurzer Zeit sind wir am Hafen und auf dem Weg in Richtung Mündung.


Bis Le Pellerin erkennen wir nichts wieder und wundern uns über steile Anstiege, lange Abfahrten und überwiegend weniger reizvolle Wege. Aber das ist kein Wunder, 2012 sind wir den Weg in umgekehrter Richtung und vor allem auf der nördlichen Seite des Flusses gefahren.


Das Hotel, in dem wir damals unterkamen, hat sich schwer gemausert. Der Chef war seinerzeit schon sichtlich geschäftstüchtig, jetzt sieht es so aus, als habe er sein Haus peu à peu auf einen zeitgemäßen Stand gebracht und Erfolg damit.


Unser ständiger Begleiter, der EuroVélo 6, wird uns in Kürze verlassen


An den nun folgenden Abschnitt der Strecke erinnern wir uns tatsächlich noch gut. Damals ging es schnurgerade in eine hoffnungslose Zukunft ohne Bleibe für die Nacht. Heute fahren wir schnurgerade in Richtung Atlantik mit der Gewissheit einer guten Adresse für den Abend.


Zwischendurch raubt uns noch ein unverschämter Anstieg die Nerven. Lang, steil und auch mit technischer Unterstützung nicht zu bewältigen. Wir schieben schimpfend hoch und treffen oben auf zwei britische Pärchen unserer Altersgruppe. Sie haben den Schatten eines Hauses genutzt, um wieder zu Atem zu kommen, sind einem Schwätzchen nicht abgeneigt, und so stehen wir eine Zeit zusammen und klären, was wir alten Ausländer hier überhaupt machen: Living our lives in a different country.


Die Zeit der Châteaus ist vorbei, jetzt kommen die Herrenhäuser


Gegen 13 Uhr erreichen wir Paimboeuf, kaufen im Intermarché am Weg ein paar Tomaten und Taschentücher und setzen uns am Loireufer auf eine Bank im Schatten. Die Bank gegenüber hat eine Frau mit ihrem ca. sechsjährigen Sohn belegt, sie grüßt freundlich und verabschiedet sich wenig später auf gleiche Weise. Uns fällt auf, dass Radreisende in Frankreich entweder generell nett behandelt werden oder uns viele freundliche Leute über den Radweg laufen.


Kurze Zeit später erobert ein Pärchen wie wir die Bank: Er lang und dürr, sie nicht. Immer mehr Radreisende kommen vorbei, sie alle finden hier keinen Platz mehr.


Eigentlich schade, ein ganzer Fluss ist am Ende nur noch braune Brühe


Wir entscheiden uns beim Essen dafür, den weiteren Weg abzukürzen, und wechseln deshalb auf die D96 in Richtung Saint-Michel-Chef-Chef. Da kommen die guten Kekse her, da wollen wir sowieso hin! Über die Landstraße kommen wir sehr gut voran, kein Holterdipolter, keine Staubwolke, keine nennenswerten Anstiege.


So geht Radreise heute!


„Partageons la route“ – Autos gehört die Straße, Radfahrer werden an den Rand gedrängt


Die folgenden Orte existieren eigentlich nur, weil es Tourismus gibt. Das sieht man derzeit besonders gut, weil es noch nicht viel Tourismus gibt. Das heißt: Die Geschäfte, Restaurants und Bars sind fast alle geschlossen, die Läden der Häuser sind zu, die Rollos unten.


Auf den Campingplätzen und am Strand herrscht dafür reger Vorbereitungsbetrieb. Es wird neu gebaut (ob das noch rechtzeitig fertig wird?), repariert und natürlich an der Illusion vom Badeurlaub gearbeitet. So fahren z.B. über die Grande plage de Tharon mehrere Lastwagen, die in Nähe der Promenade von einem Bagger befüllt werden und den ans Meer verlorenen Strand mit dem neuem Sand auffüllen.


Neue Wegweiser zwischen Keksen und Abendessen


Für uns geht es noch ein paar Meter weiter nach Préfailles, wo wir in einem sehr guten Touristenhotel unterkommen. Das Haus ist nicht in allerbester Verfassung, was auch an der hohen Beanspruchung durch Wind und Wetter liegen dürfte, dafür schlägt uns wieder die eingangs beschriebene Freundlichkeit entgegen. Die Chefin lässt uns die Räder sowohl vor der Tür mit dem Gartenschlauch vom Staub reinigen als auch in der Lounge aufladen.


Abendessen gibt's hier auch: Austern von direkt gegenüber – die Gattin will abseits der Küste nie wieder welche essen –, hausgemachte Foie gras und Barschfilet bzw. mariniertes Filet vom Rind. Der Wein ist besser als die meisten bisher, die Desserts sing gut, nur der Käseteller macht deutlich, dass wir die Käseregion an der Loire leider verlassen haben.


Hinterher schauen wir der Sonne noch kurz beim Untergehen zu, dann gehen wir aufwärts. Beim Abendessen haben wir festgestellt, dass sich in den letzten zwei, drei Tagen dieses Gefühl völliger Losgelöstheit bei uns eingestellt hat. Wahrscheinlich dauert es einfach enorm lange, bis einem das Päckchen, das man so mit sich rumträgt, von den Schultern rutscht.


Raus aus der Stadt, rein ins Vergnügen

Dienstag, 6. Juni 2023

La France avecque ... des boceaux Weck

Ein bekanntes Gesicht am Ufer der Loire


5. Juni 2023


Irgendwie fangen unsere Tage immer mit Frühstück an.


Heute sitzen wir am Zehnertisch im Frühstücksraum bei Julie. Ein deutsches Pärchen ist schon weg, das zweite zahlt gerade. Kurz nach uns kommen die drei Spanier aus dem OG und reden wesentlich zu schnell für unseren Ausbildungsstand.


Wir sprechen langsam mit Julie über ihre 120-ml-Weckgläser. Das damit verbundene Prinzip der Konservierung ist ihr gar nicht bekannt, sie findet bloß die Gläser schön und serviert den Gästen morgens Fromage blanc darin. Wir schicken ihr weitere Info, wenn wir wieder zu Hause sind.


Reisebekanntschaft


Aurélien kommt gerade noch rechtzeitig vom Einkaufen zurück, um uns bonne route zu wünschen, dann folgen wir dem schönen weiteren Weg auf der Basse Île entlang der Loire. Schon nach kurzer Zeit verläuft der Weg auf einer schmalen Landstraße, die ein ordentliches Tempo zulässt und uns direkt nach Montjean-sur-Loire führt. Das Hotel, in dem wir 2012 übernachteten, gibt es noch unter gleicher Leitung.


Bezüglich der schmalen Straßen gibt es hierzulande noch eine Besonderheit: Zum Zwecke der Verkehrsberuhigung werden viele Straßen durch zwei Beton- oder Pflastererhöhungen links und rechts auf eine schmale Spur mit alternierender Durchfahrt reduziert.


Der Radfahrer bekommt eine eigene Spur rechts der Betonerhöhung. Leider ist diese Spur so schmal, dass man auch ohne Taschen kaum durchkommt. Der ADFC wäre hellauf entsetzt! Wir haben in der Praxis festgestellt, dass man mit dem Rad auch gut und sicher durch die Mitte kommt.


Wir bleiben auf der linken Loireseite, kaufen in Saint-Florent-le-Vieil fürs Mittagessen ein und wechseln kurz vor eins bei Ancenis auf die andere Seite des Wassers. Gleich am linken Pfeiler der Brücke empfängt uns die AfF mit einem munteren „DES COVIDIOTES“. Wir setzen uns auf der anderen Seite auf eine warme, schattige Steinmauer und verputzen die Hälfte des Proviants.


Die alte Steinmauer war nicht nur für uns attraktiv


Zwei junge Menschen auf einer nahen Parkbank räumen nach dem Essen auf Großstadtniveau auf: den Müll in den Abfallkorb, die Flaschen für die Sammler daneben. Nur blöd, dass es in Frankreich gar kein Pfandsystem für irgendwas gibt.


Weiter geht es durch ständig wechselnde Abschnitte von Wald, Wiese, Wohnbereich. In Oudon (wo die dicken Nudeln gemacht werden) suchen wir vergeblich eine geöffnete Bar, bis Saint-Simon fahren wir über staubenden Kies entlang der D751 durch übel riechenden Gemüseanbau.


Bei Mauves-sur-Loire fahren wir das letzte Mal über den Fluss, kurz darauf fangen die Vororte von Nantes an. Und das ist wirklich kein Vergnügen. Am Rand des Weges leben Menschen in einer Art großer Kleingartenkolonie. Paradox, gell?


Links fließt die Loire, rechts sehen wir kleinere und größere Grundstücke, eingezäunt, meist mit stabilem Tor. Hinter den Hecken und Zäunen stehen Holzhäuser, Campmobile, Sitzgelegenheiten. Hier wird gegrillt, dort nur gesessen. Am Ende dieser Siedlung liegt auf der linken Seite ein beachtlicher Haufen an Hausrat, so sieht es in der Stadt aus, wenn jemand zwangsgeräumt wurde oder verstorben ist. Insgesamt ein unangenehmes Umfeld.


Leben in der Stadt


Die Stadt selbst präsentiert sich völlig anders. Hier ist Leben, hier ist eine intakte Centre ville. Hier sind Geschäfte, Restaurants usw. vom Feinsten. Genau da wollen wir auch hin. Denn in Nantes gibt es einen Laden der Firma Café Coton. In deren Geschäft in Bordeaux habe ich 2020 eine größere Zahl von Unterhosen zu einem sehr günstigen Stückpreis erworben. Und da wäre doch heute eine gute Gelegenheit für den Wiederholungstäter.


Den Laden finden wir relativ schnell, unterwegs können wir uns an dem überbordenden Gefühl von Stadt kaum sattsehen. Die Dame im Geschäft ist sehr freundlich, in der Sache aber knallhart. Die Preise, von denen ich erzähle, gibt's bei ihr nicht, hat sie auch noch nie gehört. Bei ihr kosten caleçon 30 Euro – die muss sie selber anziehen.


Vous ȇtes en Bretagne


Unser Hotel liegt direkt am Bahnhof, die Menschen, die dort arbeiten, sind sehr freundlich. Nach kurzer Pause bummeln wir ein bisschen ums Schloss, der Fou du Roi hat leider längst den Geschäftsbetrieb eingestellt.


Wo Anne de Bretagne zu Hause war


Am Ende landen wir in der elsässischen Systemgastronomie, wo der Riesling wie Pinot blanc schmeckt und das Flambieren auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. Dafür ist nebenan großartige Apéritif-Stimmung und übers Essen wabert der Geruch von besserem Cannabis. Bhnhfsvrtl halt.


Unterwegs in die alte Hauptstadt der Bretagne

Montag, 5. Juni 2023

La France avecque ... une petite cycliste

Chenehutte(n)

4. Juni 2023


Die Frühstücks-Atmosphäre im Mercure ist angenehmer als in den meisten unserer bisherigen Bleiben. Ruhiger, gediegener, altersgerechter. Leider ist das Frühstück selbst nicht so gut, wie wir es uns gewünscht hätten. Und auf der Terrasse sitzen nur die, die Extra-Pullis mitführen.


Wir packen, telefonieren mit zu Hause bzw. mit dem Hotel in Tours, das sich immer noch nicht wegen meines vergessenen Gurtes gemeldet hat. Dann holen wir die Räder und fahren zum Boulanger an der nächsten Ecke, wo bereits eine beachtenswerte Schlange steht.


Überwiegend alte Leute, da passen wir gut dazu. Auf dem grauen T-Shirt eines grauhaarigen Trägers steht: Rules are made to be broken. Ich bezweifle, dass er sich daran gehalten hat. Auf unseren Trikots steht (sehr klein) Gore. Daran halten wir uns schon seit über zehn Jahren.


Frankreich trocknet aus


Eine alte Frau steht etwas abseits der Reihe, schiebt sich aber rein, als sie sieht, dass ich mich auch anstelle. Im Vorwärtsrücken versucht sie, mit anderen Schlänglern ins Gespräch zu kommen. Generell hat sie eine gewisse Begabung, den Laden aufzuhalten. Die Boulangeuse fragt sie irgendwann entnervt: „Enfin, vous voulez qoui?“


Das beschleunigt die Geschäftsabwicklung. Kurz darauf bin ich vorne und schnell wieder draußen. Mit Baguette usw. in den Taschen queren wir danach die Brücke. Die Frau und der T-Shirt-Mann schlendern ins Gespräch vertieft auf der linken Seite. Passt.


Der freundliche Radweg-Planer schickt uns die ersten zehn Kilometer in die hohen und höchsten Wohnlagen Saumurs. Wir wundern uns, aber wir haben Motörchen. Nach Les Rochettes wird der Weg besser, wir überholen unsere Schatten-Bekanntschaft von gestern Nachmittag und fahren anschließend auf der Uferstraße durch schöne Orte, wie Chenehutte, Saint-Jean und Préban.


In Le Thoureil quert eine Frau von ungefähr gleicher Breite und Höhe im schulterfreien, gelben T-Shirt die Straße. Sie hat wohl eine Gîte gemietet, schaut nicht links, nicht rechts und vermittelt den festen Glauben, sie habe den Ort gekauft. Alle Bars und Restaurants sind prall gefüllt. Es ist Sonntag, es ist Mittag, es ist Urlaubsgebiet.


Le Prieuré de Saint-Maur


Bei Saint-Matheurin-sur-Loire fahren wir wieder über den Fluss, der Weg ist strategisch günstig ausgeschildert: Wer ihm folgt, fährt quasi direkt auf die Terrasse des Restaurants am Loire-Ufer. Wie es aussieht, haben schon viele alles richtig gemacht. Wir sind heute etwa 30 Kilometer gefahren, noch rund 25 bis Angers.


In La Sablonnière erwartet uns ein traumhafter Essplatz. Große Wiese, Tische teilweise schattig, teilweise sonnig, teilweise überdacht, großer Müllbehälter in angemessener Entfernung. Da bleiben wir gerne und essen fast alles auf, was wir noch haben.


Entsprechend gut gestärkt geht es weiter Richtung Angers, nach einiger Zeit begegnen wir einem Vater mit kleiner Tochter auf dem kleinsten Rennrad, das wir je gesehen haben. Zwei Abbiegungen weiter treffen wir auf alte Erinnerungen: Le bac de la Chevalerie.


Das Prinzip des Kettenziehens ist noch das gleiche, aber das Ufer ist komplett neu in Beton gegossen, etwa viermal so breit und wesentlich steiler als 2012. Erfreulicherweise kommen Vater und Tochter hinter uns her, so kann er uns beim Be- und Entladen helfen, und wir müssen nicht abpacken.


Deutsch-französische Übersetzer


Die Tochter freut sich darüber, dass sie ein tolles Rad hat. Der Vater ist stolz wie Bolle. Die Frage, ob sie gut mit der Schaltung zurechtkommt, bejaht er. Heute seien sie 40 Kilometer gefahren. Nicht besonders schnell, aber immerhin. Auf dem weiteren Weg holen wir das Gespann wieder ein und sehen, dass sie gar nicht schaltet. Sie erhöht bei Bedarf einfach die Kadenz.


Wenig später erreichen wir die ersten Ausläufer von Angers. Zunächst wird nur die helle Oberfläche des Weges schwarz, dann stehen die ersten Schieferstelen am Wegesrand. Und dann kommt der Parc des Ardoisières. Von der letzten Tour haben wir ihn noch in bester Erinnerung, aber die Durchfahrt ist auch diesmal wieder ein Ereignis.


Herzlich willkommen im Steinbruch der Geschichte


Am Ende des Parks wird es laut, auf dem Weg ins Zentrum kommen wir links an einem Roma-Lager vorbei, in dem Rémi und Démi den Sonntag feiern. Ein deutsches Ehepaar auf Pedelecs findet den Weg in die Stadt nicht mehr und bewundert, wie wir mit so viel Gepäck die letzte Steigung gemeistert haben. Die Gattin klärt sie auf, sie schauen die Räder an und glauben nicht, dass da irgendwo ein Motor drinsteckt.


Wir fahren ins Zentrum, am Schloss vorbei und haben beide das Gefühl, dass es eigentlich reicht für heute. Aber wir haben weiter westlich gebucht ...


Zwei Wahrzeichen Angers: Schloss und Schiefer


Und dann geht's auch erst richtig los.


Im Parc de Balzac und am Lac de Maine veranstalten die Sportvereine Angers ein großes Fest für den sportlichen Nachwuchs. Jeder kann alles testen, bei allem mitmachen. Außer den Radreisenden, die müssen absteigen und durchs Gewimmel schieben. Notgedrungen machen wir den vermeintlichen Spaß mit, anfangs wissen wir ja noch nicht, wie weit sich Park  und Seeufer erstrecken.


Aber auch das geht vorbei, wir sagen bei Julie und Aurélien Bescheid, dass wir erst gegen fünf ankommen.


Doch auch daraus wird nichts. An der Promenade in Bouchemaine ist die Hölle los. Am Ufer in La Possonnière findet ein Flohmarkt mit Musik und allerlei sonstiger Unterhaltung statt. Und überall ist der EuroVélo 6 nur schiebend zu benutzen.


Am Ende wird es knapp sechs, bis wir da sind. Wir schwatzen ein bisschen mit den Gastgebern, versorgen die Stromfresser und schaffen es um acht in die Pizzeria an der nächsten Ecke. Es sieht so aus, als wären alle Gäste der Mariniers gekommen.


Im Westen nichts Neues


Nach dem Essen gehen wir noch ein paar Schritte am Quai entlang, dann nehmen wir die Ladegeräte vom Strom und steigen die Treppe in unser Zimmer hoch. Morgen sind es 72 Kilometer bis Nantes.


Hier wurde heute wirklich so einiges veranstaltet

Sonntag, 4. Juni 2023

La France avecque ... la jument et son poulain

Villandry von seiner schönsten Seite


3. Juni 2023


Die Ausfahrt aus Tours dauert so lang, wie es sich für eine mittlere Großstadt gehört. Vorher delektieren wir uns noch an dem Hampton-typischen Frühstück und erfreuen uns an der schwäbischen Ehefrau, die eine deutsche Antwort mit „Ei, da könnet mir ja a Deutsch schwätze“ quittiert.


Besagte Ausfahrt also führt über die Loire, an einem Einkaufszentrum vorbei und dann durch ein schönes Naherholungsgebiet im Westen der Stadt. An dessen Ende fahren wir  durch den ebenso großen wie frequentierten Golfplatz von Joué-les-Tours.


Straßenbau auf höchstem Niveau


Was folgt, ist die Silhouette von Villandry und die Einfahrt in  Bréhémont, wo wir zunächst mit dem Kinde telefonieren und dann zu Mittag essen. Das schattige Tisch-mit-Bänken-Ensemble nimmt direkt vor uns ein anderes Ehepaar in Beschlag. Es sind Bretonen aus der Nähe von Brieuc, sie gewährt uns großzügig zwei Plätze, er fragt grinsend: „Vous avez payé?“


Übers Essen kommen wir ins Reden. Auch sie sind touristisch hier, fahren seit knapp zwei Wochen die Loire ab, parken ihren Camper hie und da und erkunden dann mit den Elektro-Mobilen die jeweilige Umgebung. Ein munteres Pärchen, das aus den verbleibenden Jahren sicher noch einiges machen wird.


Wir brechen ebenfalls auf und sehen eine etwa 20-köpfige Altherren-Gruppe eines lokalen Radsportclubs die Straße entlang schnurren. Plötzlich stürzt einer der Herren auf schnurgerader Strecke, wahrscheinlich hat er den hohen Bordstein touchiert. Die anderen kümmern sich zwar gleich um ihn, die Fahrt wird er allerdings trotzdem nicht fortsetzen können. Auf Entfernung sieht man, dass das Vorderrad nicht mehr zu gebrauchen ist.


Kurz hinter Bréhémont sehen wir von oben (siehe oben) ein echtes Naturschauspiel. Eine majestätische Stute läuft mit ihrem frischen Nachwuchs auf einer kleinen Koppel. Das Fohlen bewegt sich noch etwas sprunghaft und unkoordiniert, ahmt aber die Bewegungen der Mutter nach. Und diese lehrt ihr Kind ganz nebenbei, wie ein schönes Pferd zu laufen hat.


Der weitere Weg könnte ziemlich entspannt zu bewältigen sein, wenn die lokalen Planer sich nicht einige Herausforderungen für den gemeinen Radwanderer ausgedacht hätten. So zum Beispiel eine steile Auf- und Abfahrt über das Kopfsteinpflaster von Ludwig XV, das zwei gut asphaltierte Streckenabschnitte trennt.


Stolpersteine auf dem Weg nach Saumur


Oder die schmalen und ebenfalls unpassierbar steilen Ortsdurchfahrten abseits der unten liegenden und weitgehend unbefahrenen Durchgangsstraße. Zugegeben: Es ist oben meist wirklich schön, aber doch nicht so schön, dass es lohnt, 15 Kilogramm hinauf zu strampeln. Und der hier weit verbreitete touristische Ansatz des Weinchens vor, zum und nach dem Essen (oder einfach mal zwischendurch) ist für uns erstens unpraktikabel und zweitens eh nicht unser Ding.


In Avoine lernen wir beim Nachmittagskaffee vor der großen Kirche einen französischen Radreisenden mit kleinem Anhänger kennen. Er freut sich, dass er im Schatten sitzt, will alles von uns wissen und macht sich auf den Weg, während wir noch vor halbvollen Tassen sitzen. 


Hübsche Städtchen geben den älteren Herrschaften von beiderseits des Kanals ein gutes Gefühl


Höhepunkt des Tages ist Candes-Saint-Martin, ein Ort, der top-renoviert und auch in anderer Beziehung geeignet ist, jedes englische Herz höher schlagen zu lassen. Uns fällt auf, dass wir zwar durch eine AOC-Lage nach der anderen fahren, aber bislang kaum einen Weinstock gesehen haben. Sind wohl alle auf der Nordseite der Loire.


Candes-Saint-Martin oder „Stop and smell the roses“


Was uns außerdem auffällt, ist, dass hinter Candes-Saint-Martin die Zahl der heute noch fälligen Kilometer immer wieder leicht ansteigt. So kommen wir statt auf 70 auf über 80 Kilometer. Und weil ich meinen Pulsgurt samt Sensor im Hotel vergessen habe, steht vor Feierabend noch die Beschaffung eines neuen auf dem Programm.


Terre de Running hat nur ein Modell vorrätig: Gurt und Sensor von Garmin für 69,00 Euro. Also doch zu Decathlon, wo es sicher Alternativen gibt. Wir sind schnell da, der Mann am Fahrrad-Counter ist nett und sicher, dass es hauseigene Produkte gibt, die mein Problem lösen werden. Ich werde mutig und frage mal ins Blaue hinein, ob das Team nicht mal eben auch unsere verdreckten Antriebe säubern könnte.


„Bien sûr, Monsieur, 20 Euro.“


Wo wir auf die Wartung warteten


Natürlich geht das alles am Ende weniger schnell, als wir es uns gewünscht hatten, aber wir hätten es in der einen Stunde zu diesem Preis nicht so gut selbst machen können. Und das Gurt-Sensor-Package spart uns mit 36,00 Euro so viel, dass wir sogar die Kaffeekasse der Werkstatt noch etwas auffüllen können.


Der Hin- und Rückweg zu bzw. von Decathlon führt uns vorbei an den weitläufigen Anlagen der Écoles Militaires de Saumur, an der École de cavalerie und dem Musée de la cavalerie. Die Geschichte der Stadt ist eng mit Pferden verwoben, man begegnet überall Fotos, Gemälden, Statuen oder Plakaten, die auf entsprechende Veranstaltungen hinweisen.


Noch zwei Stunden, dann bricht hier das Wochenende aus


In der Hotel-Garage stiehlt uns dann die Technik noch einige Zeit. Auto laden – kein Problem, es gibt zwei Ladestellen. Fahrrad laden – es gibt eine Dose unter einer Ladestelle. Kosten mindestens 4,95. Alternativ: Akku mit ins Zimmer nehmen.


Wir suchen also die eine Steckdose. Während der Gatte sie unten sucht, findet die Gattin sie oben. Es ist wirklich die eine Dose auf ca. 300 Quadratmetern. Leider stehen die Räder damit in der Zufahrt. Aber das regelt die Rezeption und stellt einfach drei Poller drumrum.


Mit Ach und Krach schaffen wir es bis halb acht auf die andere Seite ins Speisen- und Getränkezentrum. Und, man glaubt es kaum, die besseren Etablissement sind am Samstag alle ausgebucht. Mit Hilfe unserer Flexibilität in Speise- und Getränkefragen sowie der uns eigenen sprachlichen Hilflosigkeit können wir die Kellnerin im Bistro les Tontons dazu bewegen, uns an einem zwar reservierten, aber noch freien Tisch den Apéritif zu servieren.


Kaum sitzen wir, zahlen die Engländer an dem viel schöneren Tisch hinter uns, und wir haben ein feines Plätzchen zum Essen und Gucken gewonnen. Es gibt Menschen-Kino in Dauerschleife. Kinder jeden Alters, die schreiend durchs Getümmel rasen, Stühle rücken oder auf Baumschutzeinrichtungen aus Metall klettern und dabei „Papa!“ rufen. Männer und Frauen jeden Alters schieben sich über den kleinen Platz, Familien drehen ihre Runden und kommen entsprechend öfter vorbei, die Polizei und Rettungssanitäter „kümmern sich“ um Verlorene und Verletzte aller Art.


Ein wirklich zauberhafter Abend in mediterraner Atmosphäre.


Schöne Weinorte, viele Engländer und mehr Kilometer als gedacht