Nach dem Frühstück stocken wir noch kurz unsere Wasserbestände auf, dann fahren wir auf bekanntem Weg zur Stadt hinaus und über Chalvignac lange schön abwärts. Bis zur Barrage de l'Aigle, wo die EdF das Wasser der Dordogne zu Gold macht.
Zum Abschied ein Blick auf Mauriacs schönste Seite
Wir fragen einen vorbeikommenden Mitarbeiter nach dem weiteren Weg, er bemüht daraufhin sein Navigationssystem, bestückt uns mit Broschüren über die Gefahren des plötzlich anschwellenden Wassers durch die Stromproduktion und repräsentiert seine Firma ausgezeichnet.
Bergauf tun die Beine vom Treten weh, bergab die Hände vom Bremsen
Madame stellt die Tatsachen auf den Kopf
Die nächsten Kilometer geht es gnadenlos aufwärts. An einem Erdrutsch überholt uns ein Rennradler mit Stahl in den Waden, er ist völlig baff, dass sich eine Frau diese Strecke hinauf traut (noch dazu mit Gepäck) und feuert Mo lautstark an.
Schmale Stelle, breite Zustimmung
Nicht mehr weit bis zur Überraschung des Tages
Am höchsten Punkt des Tages erwartet uns Auriac (nicht zu verwechseln mit Aurillac, das ist weiter östlich), ein perfekt restaurierter und in Schuss gehaltener Weiler. Wir sind so baff, wie der Kollege weiter unten am Berg und lassen lange die Blicke schweifen:
Bei uns heißen die Orte eher Kaltwasser oder Eiskeller
Zu kurz gesprungen
Ab Auriac geht's hügelig weiter, dann wieder fünf Kilometer lang steil abwärts bis zur nächsten, deutlich größeren Barrage.
Très panoramique
Kleine Freude am Wegesrand
Die EdF staut an dieser Stelle knapp 200 Millionen Kubikmeter Wasser und produziert damit über 282 Megawatt Strom pro Jahr – seit inzwischen 60 Jahren.
Stilles Wasser ...
... fällt tief
Ab der Barrage geht es auf Höhe der Dordogne zehn Kilometer weit flussabwärts. Anfangs ruhig, weil die Stromproduktion jede sonstige Nutzung des Gewässers verhindert, dann ist der Fluss plötzlich von Kinderlachen und sonstigem Remmidemmi erfüllt. Mit gebührendem Sicherheitsabstand taucht ein riesiger Campingplatz auf, dessen temporäre Bewohner sich voller Eifer dem Wasser hingeben.
Irgendwie ist man der EdF dankbar, dass sie mit ihrer Arbeit an einigen Stellen sichtbaren Umweltschutz betreibt.
Als Argentat in Sichtweite kommt, steigt unser Puls. Die Stadt sieht einladend aus, und wir haben schon gesehen, dass es ein Hotel nach unserem Geschmack geben soll. Da wir früh dran sind, setzen wir uns erstmal an den Platz vor dem Office de Tourisme und gönnen uns (nach den salzigen Nüssen) etwas Süßes: zwei Paris-Brest und zwei Obsttartes.
Argentat auf den ersten Blick
Argentat auf den zweiten Blick
Danach lasse ich mir im Office de Tourisme den Weg zum Hotel erklären. Wir rollen langsam hin und wären beinah zu spät gekommen, denn wir bekommen das letzte Zimmer. Und direkt nach uns kommen drei Menschen, die unverrichteter Dinge abziehen müssen. Obwohl „das letzte Zimmer“ für sie eigentlich viel passender gewesen wäre. Es ist ein Dreizimmer-Appartement unterm Dach mit großem Bad, separater Toilette und großer Küchenzeile – fast wie unsere alte Wohnung. Der Preis ist lächerlich, und ich beantrage abends bei Madame eine Fortsetzung unseres Aufenthaltes. Schließlich freut sich Mo aufs Schwimmbad und wir beide uns aufs Essen.
Madame willigt ein, abends gibt's Ravioles de homard et Saint-Jacques au coulis de crustacés und Escalope de foie frais de canard aux pèches et son caramel d’épices gefolgt von Tournedos de boeuf sauce Cahors, Plateaux de fromages und Desserts maison au choix.
Den Apéritif bringt die Praktikantin aus Thüringen, die sich am Nachbartisch mit einer jungen Französin auf Deutsch herumschlagen muss. Den Cahors bringt der Oberkellner. Wir haben das Gefühl, dass in Frankreich praktisch alle Deutsch sprechen.
Morgens sind wir froh, dass uns über Nacht nichts gestochen oder sonstwie gepeinigt hat, die Chance war ziemlich groß. Unten in der Bar gibt es Café au lait, Baguette und nur ein bisschen Deutsch. Der Abend hat die Chefin wohl ziemlich gefordert. Uns steht das noch bevor, denn es geht etwa drei Kilometer aufwärts gen Champagnac, wo wir schon vor dem Ortseingang erwartet werden:
In dem einstigen Minen-Ort ist die Armut von unten schnell vergessen – Herrschaftshäuser, gepflegte Vorgärten, alles sieht sehr einladend aus. Was uns jetzt erwartet, sind acht Kilometer rasante Abfahrt zum Pont de Vernéjoux und direkt anschließend erneut dreieinhalb Kilometer steile Auffahrt. Mo sieht sich in Richtung Mittelerde versetzt, in diesem feuchten Mikroklima säumen Kollateralschlangen und -frösche den Straßenrand.
Guten Morgen, Bilbo
„We wants it, we needs it. Must have the precious. They stole it from us. Sneaky little hobbitses.“
Vorspeisen am Wegesrand
Bei jedem Stop sammeln sich um unsTiere, die von Blut leben, und ihr Verhalten lässt darauf schließen, dass sie länger nichts mehr zu saugen hatten. Wir sprühen sie mit Autan in die Flucht. Kurz vor Sérandon spricht uns ein Autofahrer an, der aus dem Ort kommt. Es sei gleich vorbei, nur noch 300 Meter, bonne journée. Wir lernen auf den folgenden 700 Metern, was ein Autofahrer unter 300 Metern versteht.
Langsam setzt Nieselregen ein, der sich kontinuierlich steigert. Gleich rechts am Ortseingang erwartet uns Chez Lisa, wohin wir vor dem Regen flüchten. Drinnen ist es dunkel, am Tresen drei alte Männer und eine Frau aus dem Ort, die Herren riechen streng. In der Ecke über der Kaffeemaschine spuckt der Flachbildschirm Videdohits und Hit-Videos in loser Folge aus, die Herren trinken Café oder Liqueur, die Dame bestellt das zweite Bier.
Irgendwann erscheint Lisa und spricht mit einem gerade reingeschneiten Gast Englisch. Ich frage, wie und wann sie denn hierher gekommen sei, sie antwortet, das sei mehr als zwanzig Jahre her „and there was sun then“.
Wie üblich verfahren wir uns am Ortsausgang und müssen wieder zwei Kilometer zurück, dann fängt der Regen wieder an. Wir stellen uns kurz im Wald unter, und als der Regen nachlässt, rollen wir weiter bergab bis zum Belvédère de Gratte-Bruyère, einer Aussichtsplattform über dem Zusammenfluss von Dordogne und Sumène. Hier verbringen wir auch unsere Mittagszeit. Essen im Stehen neben den Rädern, Holländer und Franzosen bleiben einfach im Auto sitzen.
Unsere schöne Rauf-und-runter-Landschaft
... und es sieht wirklich aus wie auf der Zeichnung
Besatzung und Widerstand sind allgegenwärtig
Mit nachlassendem Regen brechen wir auf, vorbei an der Nau (wo ein Silverdale-of-Nottingham-Bus mit laufendem Motor auf eine Gruppe britischer Kinder wartet, die sich gerade zum Wassersport umziehen), hin zum Pont de Saint-Projet:
Hier wirkt die Dordogne ziemlich überspannt
Sieht gar nicht so gefährlich aus
Ab der Brücke geht es zum Abschluss des Tages nochmal rund zwölf Kilometer bergauf. Wir vergessen dabei mehr und mehr den Blick in die Landschaft, sondern versuchen hauptsächlich, uns einigermaßen aufs Treten zu konzentrieren. Eigenartig ist dabei die Erkenntnis, dass uns zwar nichts weh tut, aber trotzdem der ganze Körper wie ausgezehrt wirkt. Neben der physischen Belastung zeigt sich auch immer stärker die psychische Beanspruchung durch unsere Unternehmung. Mos Hass auf den Reiseführer wächst mit jedem Meter Anstieg, denn es ist nicht nachzuvollziehen, für welche Fahrer er dieses Buch entwickelt hat. Außerdem bin ich recht sicher, dass er selbst die Strecke nur mit einem Camper abgefahren ist. Anders lassen sich viele der Fehler nicht erklären.
In Mauriac bekommen wir das letzte Zimmer des Hotels. Nach Ydes ist es ein kleines Paradies, und es kostet nur zehn Euro mehr.
Späte Ankunft, stille Stadt
Typische Bauweise der Region
Als sich dann auch noch das Abendessen schwierig gestaltet (Restaurant complét, Restaurant äh-bäh), kriegen wir uns in Le Grilly, dem Fleischpalast der Stadt, zuerst gehörig in die Wolle und dann doch noch halbwegs die Kurve.
Die Abstände verspringen, die Schriftgrößen ändern sich und, und, und. Außerdem findet man weder einen Grund noch eine Gegenmaßnahme. Das kostet unnötig Zeit und hindert uns daran, neue Posts zu veröffentlichen. Nachtrag am 7. August 2011: Google ist doch nicht an allem Schuld. Wir wurden vielmehr Opfer der immerwährenden Fehde zwischen Google und Apple: Texte, die wir auf einem Apple-Gerät geschrieben und in die Blogger-Anwendung kopiert hatten, wurden von dem Google-Programm (mutwillig?) völlig fehlinterpretiert. Das führte zu dem Chaos im letzten Eintrag. Nachtrag am 4. Februar 2013: Mit Mozillas Firefox sind plötzlich alle Probleme leicht lösbar (auch die rückwirkenden). Der Browser setzt gewünschte Formatierungen anstandslos um, und sie haben in Blogger dauerhaft Bestand.
„Deswegen haben die Deutschen den Bierdeckel erfunden.“
Beim Frühstück mit echten Haferflocken (Mo war völlig baff, dass es sowas in Frankreich gibt) fällt uns ein kleiner Mann mit leicht nach außen gebogenen Beinen und Waden wie Betonquader auf. Sein Schritt ist determiniert, der seiner Gattin ebenfalls, wir tippen auf passionierte Wanderer. Beim Verlassen des Raumes fragt er, ob wir Französisch sprechen und welchen Sport wir denn so betreiben (wir haben ja die bunten Leibchen an).
Er äußert sein Wohlgefallen und outet sich auf Gegenfrage tatsächlich als Wanderer. Dann platzt er auf Deutsch heraus, dass er aus Paris komme, unsere Sprache früher gelernt habe, aber leider nicht genug praktiziere. Schwupp, schon ist er die Treppe raufgehuscht und weg. Mit seiner bunthaarigen Frau (Typ: Stylistin mit Hund und großer, goldener Umhängetasche), die sich zum Croissant einen Becher bionorm Schoko (französisch halt) anrührt, sprechen wir nicht.
Die Vulkane überragen hier einfach alles
Stattdessen fahren wir auf dem Weg durch die Stadt nochmal beim Bäcker von gestern Nachmittag vorbei, um ihm seine Spezialität abzukaufen.
Wer weiß, wie's heißt, weiß auch, wie's schmeckt
Den Aufstieg in Richtung La Tour d'Auvergne teilen wir mit engagierten Rennradlern, das allein macht Mo schon sehr skeptisch bezüglich des Schwierigkeitsgrades. Immerhin: Die Jungs ahnen, was wir leisten und zollen vor allem Mo immer wieder Respekt. Auf jeder neu erklommenen Höhe gönnen wir uns ausgiebige Rundblicke, der Weg wirkt wie ein Wanderweg im Südschwarzwald, allerdings mit der Einschränkung, dass er als echte Straße genutzt wird. Und der Straßenbelag ist vom motorisierten Touristenstrom sichtbar gezeichnet.
Die schattige Idylle wirkt dennoch ansteckend, Mo meint, sie sei noch nie so schön bergauf gefahren, gemeinsam stimmen wir „Im Frühtau zu Berge“ an, da steht rechts das gelbe Schild mit den großen, schwarzen Lettern FIN DE CHANTIER. Wir hören auf zu singen.
Bevor wir La Tour d'Auvergne erreichen, passieren wir ein archaisches Kreuz, die örtliche Langlauf-Station (also doch Ski-Gebiet) und sind von rund 17 Kilometern etwa zwölf hoch und fünf runter gefahren.
Frühchristliche Kunst in über 1.000 m Höhe
Nach der Auffahrt ist vor der Abfahrt (gilt leider auch umgekehrt)
La Tour d'Auvergne ist ein langweiliges Bergdorf mit hoher Touristendichte. Wir verfahren uns und schauen einem etwa 10-jährigen Jungen zu, der von Netzen umgeben Trampolin übt. Er schlägt Salti vorwärts wie rückwärts und springt wie der Teufel. Der Weg danach ist hügelig, wir hören erstmals auf dieser Reise Kuhglocken. Leider versaut uns der Conseil Régional die frisch asphaltierte Abfahrt kilometerlang mit Gravillons.
Der Turm, dem die Stadt ihren Namen verdankt
Der heiße Reifen hat in Frankreich eine lange Tradition
Den Mittag verbringen wir wieder mit Baguette und Käse auf einer frisch gemähten Wiese, auf der wir einen Großteil der Sachen auseiner von Mos Packtaschen zum Trocknen auslegen; leider war die vermeintlich fest verschlossene Packung mit Casinos Apfelsaft teilweise ausgelaufen. Als wir fertig sind, kommt der Bauer zum Heuwenden. Da hat er aber Glück gehabt, dass ihm Mos Klamotten nicht mehr im Weg liegen.
Und nach dem Mittagessen ein Bäuerchen
In unserem Radreiseführer Südwest-Frankreich hat Mo einen interessanten Abstecher zum Château de Val entdeckt, einem alten Schloss, das einst über der Dordogne thronte, im Zuge der Aufstauung aber zum Wasserschloss mutierte. Das möchten wir sehen, fahren aber an der falschen Stelle ab. Statt weitem Ausblick geht es drei Kilometer steilst nach unten ans Ufer der Dordogne, wo uns hektisches Strandleben empfängt.
Das Château steht direkt vor uns, von hier blicken wir eher auf See und Berge. So heißt es, in der Hitze umdrehen und die Räder langsam wieder bergauf schieben, denn fahren ist bei dieser Steigung nicht drin.
Einst fernes Schloss, heute Strandkulisse: Château de Val
Die weitere Abfahrt nach Bort-les-Orgues verlangt uns dann nochmal alles ab: neun Prozent Gefälle auf zwei Kilometer, da glühen die Felgen, und ich bin froh, dass ich die Bremsen am Vortag (zufällig!) nachgezogen hatte. Bei Carrefour füllen wir unsere Wasservorräte, wir sind ziemlich fertig, fahren aber weiter, denn der Ort ist wenig einladend.
Letzter Halt vor dem Abstecher ins Grüne
Der weitere Weg führt in Richtung Champagnac und Sérandon. Dieser Weg wird kein leichter sein (nein, da gibt's keinen link), wenigstens verläuft die Steigung zunächst überwiegend im Schatten. Kurz von Champagnac geben wir auf. Ich frage Leute, die hinter ihrem Haus im Garten sitzen, nach einem Hotel, erst zucken alle die Schultern, dann fällt ihnen das Hotel des Voyageurs in Ydes ein. Ich reserviere ein Zimmer, wir fahren die steile Abfahrt hinunter (das müssen wir morgen alles wieder hoch) und finden das Haus.
Der Mann hinter dem Tresen sieht aus wie ein ehemaliger Gewichtheber oder Catcher, er freut sich sichtlich und macht einen sehr netten Eindruck. Wir gehen aufs Zimmer, erschrecken, duschen und ruhen aber trotzdem, wir haben ja keine Alternative.
Das ist der Beweis: Fotografie schönt die Wirklichkeit
Um 19 Uhr gehen wir zum Essen runter, nun steht eine Gewichtheberin hinter dem Tresen, die übers ganze Gesicht strahlt und uns zwei Stella Artois zum Apéritif zapft, bzw. was man in Frankreich zapfen nennt. Die Dame spricht Deutsch, denn ein Teil ihrer Familie kommt aus der deutschen Schweiz.
Wir setzen uns raus, reden über den Tag, planen den nächsten, und weil eine Wespe sich immer mehr für das Bier interessiert, legt Mo unseren o.g. Radreiseführer drauf. Da tönt es vom Nachbartisch: „Deswegen haben die Deutschen den Bierdeckel erfunden“. Der Töner sitzt dort mit seiner Frau, er dunkelblonde Föhnwelle à la Roland Kaiser, sie einfache Dauerwelle.
Er nennt sich einen pensionierten Professor für Germanistik (wir tippen auf maximal Deutschlehrer), lebt gleich um die Ecke im Haus seiner verstorbenen Mutter und hat väterliche Wurzeln in Kirchzarten. Den Schlegelhof kennt er und empfiehlt zudem die Sonne. Und als er hört, woher wir kommen, schwärmt er von einem „sehr guten Hotel“ in Saint-Gervais-d'Auvergne. Wir waren vor ein paar Tagen da.
Irgendwann gehen wir zum Essen rein, nun ist die Chefin wieder mit Deutsch dran. Positiver Nebeneffekt, manchmal bringt sie ein Tellerchen mit: Assiette de jambonneau, Salade au Tomate, Tartiflette Salade, Fromage, Fromage blanc myrtilles, Eclair, Café. Bis halb zehn wird viel Deutsch gesprochen, alle sind unglaublich herzlich, und wir haben nach einem schweren Tag einen tollen Abend. Im Rausgehen fragt der Professor, ob wir auch Akademiker seien. Ich antworte „Manchmal“.
Kurz nach zehn liegen wir im superweichen Bett und versuchen, die einmal eingenommene Schlafposition mittels Muskelkraft zu halten. Meine Frau schläft. Dann kann ich das auch. In der Nacht schüttet es.
Bis auf die von den Beteiligten zum Stilmittel erhobene Völlerei sollte diese Tour sauber bleiben, nun fällt – noch vor dem Start der 13. Etappe – der erste Schatten auf das Unternehmen: Chica, die laufstarke Sprinterin aus dem Team Veillon, soll mit sechs Eiern inklusive Schale und halbem Eierkarton ihre Leistungsfähigkeit unerlaubt gesteigert haben.
Niederländische Medien berichten, dass die Beschuldigte bereits mehrfach als „Klautüte“ ertappt und teilweise überführt werden konnte. Die Beschuldigte selbst gibt sich ahnungs- und schuldlos, wahrscheinlich auch, weil sie davon ausgeht, dass ein zweifelsfreier Nachweis kaum geführt werden kann: Außer der zweiten Hälfte des Eierkartons sind sämtliche Spuren des Falles beseitigt.
„Beschwerden werden erst ab 15 Uhr entgegen genommen.“
Die Qualität des Frühstücks wechselt wie die Auf- und Abfahrten entlang der Strecke. Heute sind wir wieder im tiefen Tal. Madame ficht das nicht weiter an, sie giggelt mit einer Gästin wie zwei 14-Jährige, die einander auf dem Schulhof berichten, welcher Junge während der Stunde zu ihnen rübergeschaut hat.
Parallel putzt sie die Glastür des Etablissements von beiden Seiten mit einem kleinen Schwämmchen, anschließend benutzt sie es zur Reinigung der noch verfügbaren Plastikmatten, auf denen das Frühstück serviert wird (einseitig). Wir schließen unseren Aufenthalt ab und sehen deshalb nicht, ob sie auch die Toiletten damit putzt.
Frühstücksverweigerung in zentraler Lage
Nach dem Einkauf bei Casino suchen wir noch einen Bäcker, leider Fehlanzeige. Montags hat der Franzose gerne geschlossen.
Gibt's den eigentlich noch?
Südwärts weist der Weg
Anfangs fahren wir die D986 Richtung Miouze. Das geht ziemlich eben, ziemlich schnell und ist ziemlich gut zum Anwärmen der geschundenen Muskulatur. Wir wissen ja nicht, welche steilen Rampen heute auf uns warten, da zählt jeder Meter ohne Last doppelt und dreifach.
Bei Miouze kreuzen wir die Sioule, und kaum, dass wir die verkehrsreiche D2089 erreicht haben, fahren wir auch schon wieder links raus nach Saint-Pierre-Roche. Der Weg dorthin ist steil, am höchsten Punkt atmen wir tief durch und Monika schlägt sich äußerst widerwillig hinter der Kreuz-Skulptur in die Büsche. Das Abbiegen entpuppt sich als unnötig, der weitere Weg führt uns zurück auf die befahrene Straße.
Da wir immer noch kein Brot und inzwischen alle Läden geschlossen haben, entscheiden wir uns für Plat du jour. Gleich beim ersten Versuch, in der „Bar des Druides“ ist aber schon alles aufgegessen. Den zweiten Versuch starten wir in Rochefort-Montagne, wo wir mehr Erfolg haben. Die Räder kriegen draußen einen Sonnenschirm (damit der Käse, der eigentlich für Mittagessen gedacht war, nicht schmilzt), wir essen drinnen vom Entrée-Buffet, dann Geschmortes mit Reis und schließlich Käse und Eis. Das Achtel Wein und der Café werden ohne Vorankündigung extra berechnet, das schmeckt uns eher nicht.
Während wir essen, fahren drei Rennradler den steilsten von drei Wegen nach Mont-Dore hoch, als wir fertig sind, sehen wir, wie sie gerade wieder runterkommen – und den Aufstieg erneut in Angriff nehmen. Das macht uns Mut, den nach Auskunft unseres Wirtes am wenigsten steilen Weg zu nehmen. Er führt sofort steil aufwärts zurück zur D2089, auf der wir nach ca. fünf Minuten den ersten größeren Krach dieser Reise kriegen. Neben uns donnern wieder die Laster, und irgend ein Depp drückt direkt neben Mo kräftig (und eher aufmunternd gemeint) auf die Hupe, was ihr jedoch die letzten Nerven raubt. Wir sprechen ernst und laut über Themen, wie z.B.: Die ganze Welt möge ein Radweg sein u.ä.
Da es keine wirkliche Alternative gibt, setzen wir die Fahrt nach der Aussprache fort. Die Landschaft zur Linken ist sensationell, mit jeder Abfahrt zur Rechten nimmt der Verkehr ab, bei Laqueuille fliegen wir ohne Mitbewerber, aber mit hohem Tempo auf neuer Piste ins Tal.
Die Kegel dominieren die Region
Wer abwärts rast, muss auch wieder aufwärts schleichen. Das gelingt uns auf den folgenden vier Kilometern ausgezeichnet. Die Hitze nimmt beständig zu, kleine Asphaltbröckchen kleben an den Reifen fest und klappern bei jeder Drehung des Rades durchs Schutzblech, bevor sie wieder raus geschleudert werden. Wie verlassen die inzwischen fast leere Route National in Richtung Murat-le-Quaire, das den typischen Baustil der Auvergne bis heute bewahrt hat.
Endlich mal wieder ein Pferd!
Bauen in der Auvergne: gestern und heute (rechts hinten)
Im weiteren Verlauf der Fahrt fällt uns auf, das wir heute schon ziemlich viele Höhenmeter absolviert haben müssen, denn nach Mont-Dore (1.050 m) geht es eher bergab als bergauf.
Sensationell: bergab in die Berge
Als wir die Stadt erreichen, sind wir gleich wieder überrascht. Erstens, weil Männer entlang des Weges Pfosten in den Boden rammen, an denen Plakate für den 15. August ein tanzenden Abendessens ankündigen (das hätten wir gern gesehen, leider sind wir morgen schon wieder weg). Zweitens, weil wir einen typischen Wintersportort erwartet hatten, zunächst aber durch ein besseres Bergdorf fahren, in dem nur der Hinweis auf einen Ski- und MTB-Verleih an Wintersport erinnern.
So baute und baut der Auvergnate
Im Zentrum der Stadt sieht es dann ganz anders aus. Ob der Touristenmassen, die sich völlig sinn- und zweckfrei durch die Fußgängerzone bewegen, fühle ich mich an den Mont-Saint-Michel erinnert, Mo fühlt sich nach Andorra versetzt, wo Menschen, Läden und Hotels ebenfalls einen Wintersportort komplett dominieren.
Hier fühlt er sich wohl, der Curiste
Das bunte Treiben wollen wir uns anschauen, also kaufen wir beim Bäcker eine Pfirsichtarte und ein Apfelstückchen und verspeisen beides am Rande des Menschenstromes. Hier sind Menschen mit dem T-Shirt der Dark-Side-of-the-Moon-Tournee unterwegs (fast 40 Jahre alt und spannt immer noch), andere schieben ihren Hund im Kinderwagen Gassi (das kennen wir doch irgendwoher, oder?), und wieder andere sprechen uns auf die Räder und das Hochfahren in den Ort an.
Hier bin ich Mensch, hier schieb' ich rum
Außerdem nutzen wir die Zeit, um ein Hotel außerhalb des Rummels zu finden und reservieren gleich dessen letztes freies Zimmer. Der Empfang ist mehr als herzlich, der Garten ist ein Traum, und ein kleines Schwimmbad gibt's auch. Alle dürfen jetzt raten, was Mo sofort macht!
Nachdem alles Wichtige getan ist, treffen wir uns im Garten zwecks Apéritif (es gibt lokale Gentiane: Avèze und Saler), dann gehen wir essen. Die Karte ist klein, aber gespickt mit Spezialitäten der Auvergne. Das Publikum entspricht dem Inventar des klassischen Urlaubs-Vollpensions-Hotels der 60er Jahre, vor allem das weibliche Geschlecht in höheren Altersklassen ist gut vertreten. Irgendwie fühlt man sich wie bei Famille Semmeling.
Das Massif central haben wir damit erklommen, morgen suchen wir die Ausfahrt in Richtung Lot, Célé und Tarn. Es wird wohl ein wenig dauern, bis wir diese Region erreicht haben, aber das ist ja durchaus gewünscht.