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| Abschied von der kleinen großen Stadt |
Unser Hausarzt hatte mir bei unserem Telefonat am 27. Mai ja noch mit auf den weg gegeben: „Verunfallen Sie nicht.“ Heute hätte ich ihn beinahe gleich zweimal schwer enttäuscht.
Aber der Reihe nach: Heute ist Weltumwelttag, da geht es natürlich wieder aufs Rad. Nach Frühstück und Packen holen wir die Pferdchen aus dem Verlies und reiten an der Rhône entlang aus der Stadt. Es war ein wenig frisch, aber ganz schön mit vielen Joggern und anderen Radfahrern. Kurz vor dem Zusammenfluss der beiden Flüsse geht es beim Musée des Confluences über den Pont Pasteur und weiter auf die rechte Seite der Saône.
Ab da wird es dann ein bisschen anders. Denn plötzlich sind wir dort, wo wir von der Autobahn aus schon oft Fahrradfahrer gesehen und uns gewundert haben, wie die wohl da hinkamen. Jetzt sind wir selbst die Fahrradfahrer. Jetzt lernen wir, dass die Orte hinter Lyon ineinander übergehen und quasi mit der Stadt verschmelzen.
Und es passieren Dinge in diesem städtischen Umfeld, die sowohl Fahrradfahrer als auch Autofahrer lieber vermeiden würden. Wir fahren auf dem Radweg, die Ampel des Autos rechts ist rot. Der Autofahrer fährt los, brüllen hilft. Kurz darauf kommt links eine Ausfahrt vom Carrefour-Parkplatz. Der Radweg ist deutlich gekennzeichnet, der ältere Herr, der laut Aussage meiner Gattin nicht mehr Auto fahren sollte, fährt ungebremst raus. Brüllen hilft nicht, weil der Mann die Bremse nicht findet. Irgendwie bin ich gerade noch vorbeigekommen. Das wird unseren Hausarzt freuen.
Abgesehen davon, gibt man sich überall wirklich Mühe, die Infrastruktur fahrradgerecht zu gestalten. Da werden Radwege in die Mitte zwischen den Spuren verlegt. Da dürfen Radfahrer an den Ampeln zuerst losfahren, damit die Autofahrer sie gut sehen und nicht gleich an der Ecke überfahren. Aber dann hört der Radweg wegen Bauarbeiten einfach auf, und die Umleitung wird für Autofahrer eingerichtet. Also schauen wir mal und sehen, dass wir besser die Straße nehmen sollten, die links parallel zu der gesperrten Straße läuft. Da dürfen nämlich nur wir, aber keine Autos fahren.
Bei Vernaison kreuzen wir wieder über den Fluss, dann geht es am Rand eines Industriegebietes plötzlich in die Botanik. Von „halbwegs erträglich“ verengt sich die Spur auf 15–20 Zentimeter durch sehr dichtes Unterholz. Der Boden ist von den 50 Litern von gestern gut durchgeweicht, aber wir kriegen das recht ordentlich hin. Als wir rauskommen, stehen da zwei ältere Rennradfahrer, denen man sofort ansieht, dass sie den kulinarischen Verlockungen der Region nicht widerstehen können oder wollen. Sie machen uns Mut und sagen, dass die ViaRhôna nur noch einen Kilometer entfernt ist.
Das bedeutet dann konkret: So, wie wir nach Lyon reingefahren sind, fahren wir auch jetzt wieder. Jetzt haben wir allerdings rechts die dreispurige A7 und links kommen uns statt Radfahrern Autos entgegen. Außerdem teilen wir unsere Spur mit Autos und Motorrädern, die mit geschätzten 100 Sachen an uns vorbeibrettern.
Nach etwa 30 Kilometern machen wir kurz vor Vienne am Ende eines Gewerbegebiets eine „Gemütspause“. Wir atmen mal tief durch, ziehen die warmen Sachen aus und sprühen uns mit Sonnenschutz ein. Rund um uns herum wächst wilder Majoran. Weiter geht es durch Vienne und Condrieu, wir schauen den Menschen dort beim Leben am und mit dem Fluss zu und halten an einer sehr breiten Stelle der Rhône zur Mittagspause. In der Mitte des Flusses dient eine Insel als Heimat für Schwarzmilane, Kormorane und sonstiges Gefieder.
Von dort kommen wir durch romantische Gebiete und kleinere Orte. Der gesamte Weg ist gesäumt von den Reben der Côtes du Rhône. Hinter Saint-Pierre-de-Boeuf beginnt eine etwa sieben Kilometer lange „Rennstrecke“, deren günstiges Profil wir gerne annehmen. Kurz vor Saint-Rambert-d'Albon überqueren wir die Rhône erneut und fahren wieder rive gauche. Auf der anderen Seite passieren wir ein Sägewerk, das sich auf angespitzte Pfosten spezialisiert hat. Hinter hohen Zäunen stehen sie auf Paletten, es sieht aus wie bei Faber-Castell mit überdimensionierten Bleistiften.
In Saint-Valier stoppen wir bei einem riesigen Intermarché und kaufen ein bisschen was für morgen zum Frühstück, bis nach Ponsas sind es noch drei Kilometer. Schwierig ist es auch, denn um zum Hotel zu kommen, müssen wir von der schmalen, gut befahrenen Straße nach links über die durchgezogene Linie abbiegen.
Unsere Bleibe entpuppt sich als ein veritables Schloss mit einem Swimmingpool in Wettkampfdimensionen. Wir nehmen die Herausforderung an und treffen am Pool leider genau die Klientel, die wir etwas schwierig finden: laut palavernde, bemüht lockere und die vermeintliche Bedeutung heraushängen lassende Nordländer (meint die Gattin, lässt sich nicht verifizieren). Um halb acht sind wir fürs Restaurant eingebucht, vorher spulen wir unser Programm ab.
Das Abendessen wollten wir eigentlich im Bistrot nehmen, da ist es billiger. Aber beim Blick auf die Karte erscheint uns das Restaurant doch attraktiver. Als wir ankommen, grölen schon die Nordländer, da machen wir der jungen Servicekraft gleich deutlich, dass wir in diesem Umfeld nicht essen möchten. Sie bedauert den Krach, wir reden hin und her, und irgendwann kommt heraus, dass wir im Bistrot sind. Das Restaurant ist nebenan. Dort hört man die Krakeeler immer noch, aber es ist ruhiger.
Beim Essen haben wir die Wahl zwischen drei Alternativen, wir nehmen die günstigste. Was danach kommt, ist eine Offenbarung: vier Amuse-bouches, eine Vor-, eine Hauptspeise und ein Dessert. Was wir essen, lässt sich nicht beschreiben. Es ist eine wilde Mischung von Extrakten, Schäumen, Essenzen, die in Form von Gelées, Plättchen, Backwerk auf die Teller kommt. Handwerklich sensationelle Küche, das große Menü wäre eventuell doch besser gewesen.
Die Kellner kommen aus Dänemark, der Küchenchef auch, und seine Frau macht das Kaufmännische. Vielleicht kommt daher die Verbindung zu den nordischen Gästen.
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| Im Süden von Lyon beginnt der Süden |







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