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Montag, 11. Juli 2011

Ode an die Gattin

Geschunden.
Offene Wunden, nicht verbunden.
Wann wird sie gesunden?

Gegenverkehr.
Bremsen schwer, brüllen hinterher.
Wo kamen die denn her?

Germersheim.
Stadt am Rhein, in Scherben hinein.
Musste das wirklich sein?

Brennt stärker als die Sonne

Ins Abenteuer gestürzt

So: Abfahrt 8.30, runter an den Main, bis kurz vor die Friedensbrücke durch die Fussballgärten, mit denen der DFB die Fussballfamilie in WM-Stimmung bringen wollte. Nach der gestrigen Viertelfinal-Pleite der deutschen Frauen lassen die Stand- und VIP-Lounge-Bewacher schon morgens ihre Köpfe hängen als wären sie zwei Wochen nicht gegossen worden.

Es ist so weit: westwärts immer, ostwärts nimmer

An Höchst und dem gleichnamigen Industriepark vorbei geht es weiter in Richtung Okriftel, Eddersheim und Flörsheim. Neben dem Radweg auf dem Damm stehen plötzlich Reiher zum Greifen nah, und direkt vor Kostheim streift eine achtköpfige Storchenfamilie auf der Suche nach Fröschen und ähnlichem Getier durchs Gras.

Wo der Storch zu Fuß hingeht

Ick hev mol in Meenz 'n Dreemaster seh'n ...

Ab Mainz geht's dann auf bekanntem Weg den Rhein hinauf: zuerst durch die Bierbörse hinter der Rheingoldhalle, dann durch Nackenheim, Nierstein und Gimbsheim.

Zum Mittagessen in Nierstein: Wolken wie gemalt

Die Eck-Wach-Möve wacht über die Ecke des Pontons bei Nierstein.
Weitgehend regungslos und ohne Unterlass – ein verantwortungsvoller Vogel

Kurz vor Rheindürkheim ist die Fahrt dann fast schon zu Ende. Ich will ein radelndes Pärchen während des Überholens nach einem Restaurant-Tipp fragen und bremse deshalb unerwartet und unerwartet heftig, Mo trifft zunächst auf mich, dann auf den Boden: Hautabschürfungen an Beinen, Armen und Händen, ein paar Blessuren am Rad und ein Schock, der sich in wüsten Beschimpfungen Luft macht. Nach ca. 30 Minuten beschließen wir, die Fahrt langsam wieder aufzunehmen. Glücklicherweise sind alle Knochen heil (andere trifft es heute härter) und Worms ist nur noch ca. acht Kilometer entfernt.

Die Stadt empfängt uns mit Spielhallen, Dönerbuden und heruntergekommenen Häusern en masse. Anfangs schieben wir das auf das Viertel, durch das wir reinfahren, später bestätigt sich der erste Eindruck, wohin man auch blickt.

Wir suchen eine Apotheke, weil die Wundversorgung natürlich erste Priorität hat. Im Vorüberfahren finden wir ein Hotel mit großem Namen, das zwar geschlossen, aber ein bezahlbares und akzeptables Zimmer für uns hat. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zur Notdienst-Apotheke, wo wir gut behandelt und preiswert versorgt werden. Später geben uns die Inhaber noch einen Tipp fürs Abendessen, der keine Blessuren nach sich zieht.

Im Gegenteil: Wir kommen satt und mit positivem Blick auf den Montag zurück ins Hotel. Mal sehen, was uns auf dem Weg nach Germersheim erwartet.

Sonntag, 10. Juli 2011

Du liest jetzt Hermann Hesse, sonst ...

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Wohlan denn, Herz, nimm' Abschied und gesunde!

(Stufen, einige übersprungen)

Samstag, 9. Juli 2011

Adieu cheveux!

Letzte Vorbereitungen: Haare ab, Bart ab, und ab morgen: Rad ab.

Da habe ich doch einen guten Schnitt gemacht

Donnerstag, 19. Mai 2011

60 Kilometer abschwitzen

Der erste Blick nach Verlassen des Reinhard'schen Hofes fällt auf diesen Hinweis. Da wird dann endlich klar, warum das Schicksal am Vorabend in den anderen Hotels alle Betten belegt hatte.

You've come a long way, Baby

Eigentlich sollte man eine solche Tour ja entspannt ausklingen lassen, aber je näher man Frankfurt kommt, desto schwieriger wird das. Auf dem Weg nach Aschaffenburg regt man sich darüber auf, dass die städtischen Wasserwerke im Gebiet entlang des Weges etwas installiert haben müssen, das den Funk zwischen Pulsmesser, Tacho und Uhr stört. So fährt man plötzlich 73 km/h mit einem Puls von 60. Oder 6,2 km/h mit einem Puls von 218.

Neben Gleisanlagen der Bahn oder Überland-Stromleitungen kommt das ebenfalls gerne vor, aber was suchen solche Störfaktoren im Wasserschutzgebiet?

Gelebte Monarchie: vom Volksfestplatz zum Schloss Johannisburg

Durch Kleinostheim fahren wir weiter in Richtung Dettingen. Das Wetter sonnig und warm, aber irgendwie scheinen die Löcher, Wurzelverwerfungen und Bodenwellen deutlich störender als auf dem Weg in die andere Richtung. Die Zahl der gepäckfreien Radtouristen-Gruppen nimmt zu, leider ist das Radfahren für viele VertreterInnen dieser Spezies offensichtlich ein regelfreies Vergnügen. Da fährt man zu dritt nebeneinander, reagiert nicht auf Klingelzeichen und geht augenscheinlich davon aus, das Entgegenkommende sich kurz vor der Kollision in Luft auflösen.

Mos Stimmung wird dann noch dadurch verbessert, dass sie mit herunter gefallener Kette die Killiansbrücke bei Dettingen hinauf schiebt und sich von einer der hinab rollenden Tussen erläutern lassen muss, dass sie die Steigung ohne Gepäck besser schaffen würde. Das Eis in Seligenstadt kühlt die Gemüter, noch 35 Kilometer, wir nähern uns der Mittagszeit, und zu den Gruppen, Rentnerpaaren und grimmig dreinblickenden Kampfradlern gesellen sich nun heimreisende SchülerInnen, die ersten Sonnenanbeter sowie Büromenschen, die ihre Mittagszeit zum Futtern, Dösen oder Dekolltée-Bräunen auf den Uferbänken nutzen.

Viel Sonne, wenig Regen – Frankfurt im Mai 2011

Irgendwie kommen wir durch all das Gewusel zügig durch und um zehn vor zwei zu Hause an. Was wir noch haben (Tomaten, Gurke, Käse), verbinden wir mit dem, was wir finden (Butter, Brötchen, Schinken, Marmelade), zu einem akzeptablen Mittagessen. Anschließend wird ausgeräumt, aufgeräumt und weggeräumt, gegen fünf sind wir frisch geduscht und um kurz nach sechs mit dem Geburtstagskind des Tages zum Ebbelwoi verabredet.

Spätestens jetzt freuen wir uns, wieder in Frankfurt zu sein.

Die Preziose des Tages

Rund zwei Monate und 1.200 Kilometer nach dem Kauf sehen die Räder deutlich besser aus als bei der Übernahme. Insgesamt 25 Veränderungen / Verbesserungen liegen zwischen diesem und jenem Bild. Wer sie findet, darf sie behalten. Der Sonnenschein zählt nicht mit.

Kleiner Tipp: Es kommt darauf an, was man nicht sieht

Das letzte Zimmer

Das Frühstück in Lohr teilen wir mit den drei Damen, die am Vorabend zeitgleich mit uns angekommen waren und dem lange vor uns aufbrechenden Ehepaar, das wir ca. eine Stunde später überholen. Über Marktheidenfeld, Trennfeld und Urphar (s. Preziose) rollt es so zügig wie zugig nach Wertheim, dessen neue Burg von ferne grüßt:

Wertheim, die neue Burg

Die Mittagspause fest im Blick steuern wir gegen ein Uhr mit 55 Kilometern in den Beinen eine freie Bank zwischen Stadt- und Dorfprozelten an. In der Flussmitte arbeitet „Milena“, und es gibt ja bekanntlich kaum etwas Schöneres, als anderen bei der Arbeit zuzusehen.

Stilles Tal, kolossal

Mahl am Kanal, total frugal

Nach der Pause wieder Sause: Noch vor Bürgstadt kommen wir an einem der vielen Alleinradler vorbei, der uns schon beim ersten Zusammentreffen durch ausgeprägte Orientierungslosigkeit aufgefallen war. Was außerdem auffällt, sind seine grell-orangen Fahrradtaschen, die weit verbreitet sind und einen hohen Wiedererkennungswert haben – speziell für den Outdoor-Ausrüster, der sie anbietet. Für nur fünf Euro mehr bekommt man die gleichen Taschen in viel schöneren Farben und vor allem mit praktischen Innentaschen.

Apropos Bürgstadt, da sind wir ja noch etwas schuldig, hier ist es:

Alter Esel nach dem Mittagessen

Ab Kleinheubach fahren wir den Radweg auf der anderen Mainseite als auf dem Hinweg. Ab Kleinheubach fangen wir mit der Suche nach einer Unterkunft an. Ab Kleinheubach finden wir kein Zimmer.

Zunächst nehmen wir's leicht und trösten uns mit lecker Eis in Klingenberg am Main. Das Hotel auf der anderen Mainseite gefällt uns nicht besonders, die Großbaustelle direkt daneben verstärkt den Eindruck. Also weiter nach Wörth, wo der Anker mit Fischstäbchen, Schweine Schnitzel und passendem Ambiente um uns wirbt. Irgendwie ist uns das einfach nicht online genug. Schließlich sind wir auf dem Radweg, der mit „Genussradeln auf der Paradestrecke“ für sich spricht und dies mit schönen, leicht verständlichen Schildern illustriert:

Wenn ich diesen Schoppen hinter mich gebracht habe, fahre ich Schlangenlinien

Die nächsten Zimmer-Anfragen richten wir an dieses und jenes sowie dieses und jenes Etablissement. Ihnen allen gemeinsam ist: ausgebucht. Michelle Moll, die freundliche Rezeptionistin im Seehotel, gibt sich ausgesprochen viel Mühe mit uns und ergattert tatsächlich noch ein Zimmer im Wilden Mann zu Aschaffenburg. Weitere 20 Kilometer Fahrt sind uns dann aber doch zu viel (wir sind ja schon bei knapp 115 Kilometer Tagesleistung), so dass wir uns für das letzte Zimmer im Ort entscheiden.

56 Euro inkl. Frühstück ist OK, das WLAN ausgezeichnet, und wir hätten sogar im Hause essen können. Da wir das nicht wussten und Frau Moll so nett war, haben wir aber schon im Seehotel reserviert. Also schnell duschen, anziehen und zurück an den See, um das Panorama zu genießen:

Blick toll, Wein gut, Küche naja

Der Apéritiv kommt von Licher, der Weißburgunder von Wirsching, das Essen aus der Küche. Es schmeckt gut, aber irgendwie passt es dann doch nicht. Schlaffe Rucola-Dekoration zur Vorspeise, der Rotkohl zum Rinderbäckchen mit einer Cocktailtomate gekrönt und monströse amerikanische Heidelbeeren als Ergänzung zum Dessert – saisonale Küche vom Feinsten!

Der Ausblick macht allerdings vieles wett. Und allein für den See würde Mo jederzeit wiederkommen. Wir gehen aber erstmal, und kurz nach elf sind wir zurück bei Reinhards. Das Bett steht etwas schief, so dass ich die ganze Nacht träume, man hätte mich an den Füßen aufgehängt. Aber vielleicht habe ich das ja auch verdient.


Die Preziose des Tages

In Urphar betreibt der Bäcker Göpfert eine unglaubliche Filiale (Bild folgt in Kürze): Direkt zwischen dem Radweg und der Landstraße 2310 kann der Eilige hier Drive-In-Brötchen, Drive-In-Kuchen und sonstiges Drive-In-Backwerk erstehen. Eat your heart out, Ronald McDonald!


Dienstag, 17. Mai 2011

!kcüruz theg se – esuapmetA enieK

Wer den Wecker nicht stellt, bleibt leicht länger liegen, deshalb Aufbruch erst um zehn Uhr. Der Wind ist vor uns aufgestanden und hat sich schon ordentlich aufgeblasen. Wir fahren gen Westen, er ist so freundlich, uns auf etwa 80 Prozent der Strecke entgegen zu kommen.

Über Kitzingen und Marktbreit kommen wir zügig nach Ochsenfurt, wo wir – statt über die Brücke – per Fähre die Mainseite wechseln.

Der Diktator macht Station in Marktbreit

Moderne Freibeuter: für 50 Cent ans andere Ufer

Auf der anderen Seite fahren wir den Straßenbauern entgegen, die gerade den neuen Radweg mit Flüsterasphalt überziehen. Da das Fahrzeug recht massiv erscheint und vor allem den Weg auf ganzer Breite ausfüllt, lassen wir uns davon überzeugen, dass es besser ist, die Baustelle zu umfahren und erst hinter Kleinochsenfurt wieder auf den Weg zu stoßen.

Um 13.10 Uhr gibt's in Würzburg natürlich nur eins: die am letzten Mittwoch ausgelassene Bratwurst.

Darum geht's mittags in Würzburg

Auf der Fortsetzung des Weges durch die Würzburger Mainwiesen ärgert sich Mo a)  über eine Dame mit Pedelec, die uns überholen und b)  über mich, der dies nicht zulassen will. Unsere Diskussion bzw. Aussprache endet damit, dass wir beschließen, die Tour doch gemeinsam fortzusetzen.

Pedelecs auf Fahrradwegen sind problematischer als man denkt. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20–25 km/h sind sie etwa genauso schnell wie "normale" Fahrräder. Die meisten Pedelecer schalten den Motor aber nur manchmal zu. Und damit entsteht z.B. beim Überholen am Berg das Problem, dass man einen Verkehrsteilnehmer, der eben noch ca. 15 km/h fuhr und nun den Motor laufen lässt, nicht mehr überholen kann. Bei Gegenverkehr kann das ebenso gefährlich werden, wie der erfolglose Überholversuch eines Pedelecers neben einem Radler.

Außerdem stellt sich natürlich die generelle Frage, woher nun auch noch der ganze Strom für die Räder kommen soll, wenn gerade die Elektrifizierung der Autos mit Milliarden gefördert werden soll. Ob unser kleines Ländchen wirklich so viele Windkrafträder, Photovoltaik-Anlagen und Überlandleitungen unterbringen kann?

Kurzer Stop zwischen Bratwurst und Eis

Bei Dal Cin in Karlstadt holen wir uns mittels doppeltem Espresso und großer Eiswaffel die Kraft für die restlichen 30 Kilometer bis Lohr. Dort geht's gleich zu Mehlings, um einen Tisch für den Abend zu reservieren. Das letzte Mal hatten wir uns erst ums Hotel bemüht und dann prompt keinen Platz mehr bekommen.

Die Hotelsuche in Lohr gestaltet sich (wie immer) schwierig. Das Bundschuh ist uns zu teuer, die günstigeren sind außerhalb der Stadt, was mit Fahrrad schwierig ist, bleibt also nur die Krone, die auf ihrer website extra darauf hinweist, „der einzige noch weitgehend im ursprünglichen Zustand erhaltene Gasthof Lohrs“ zu sein.

Leider haben wir eines der Zimmer, auf die das absolut zutrifft, immerhin können wir den Preis auf ein erträgliches Niveau verhandeln.

Bewährtes erhalten, Preise modernisiert

Der Abend im Weinhaus Mehling ist dagegen ein Volltreffer: Josephs Brezel, Rieslingsuppe, Schweinerückensteak, Schweinebraten und Apfelstrudel zum guten Schluss. So ist man um halb elf glücklich und müde genug fürs zu weiche Bett.

Josephs Brezel macht der Chef täglich frisch

Die Preziose des Tages

Diesen Namen hätte Manfred Gotta nicht besser erfinden können

Sonntag, 15. Mai 2011

Schöner fahren

Unser Rad soll schöner werden. Dazu braucht's Aceton, einen Lappen und eine ruhige Hand. Haben wir alles, und deshalb sieht jedes Rad nach kurzer Zeit auf breiter Front so pur aus wie hier im Close-up:

Wie geliefert

Wie gewünscht

Wie gut das insgesamt aussieht, zeigen wir nach unserer Rückkehr nach F, morgen geht's los.

Schneller als gedacht

Abfahrt in Karlstadt um 9.30 Uhr, der Weg führt über Himmelstadt, Zellingen, Erlabrunn und Veitshöchheim nach WÜ, wo wir so früh ankommen, dass die Bratwurst am Marktplatz mangels Mittagszeit ausfallen muss. Entsprechend irritiert biegen wir bei der Ludwigsbrücke ein paar hundert Meter zu früh ab und brauchen länger als nötig bis zum nächsten Anschlusspunkt.

Vom linken Ufer geht es dann über den Sebastian-Kneipp-Steg und auf der anderen Seite auf breiter Asphaltpiste in Richtung Randersacker.

Gruß aus Würzburg: immer Feste strampeln

Unterwegs überholen wir einen Rennradler, der sich das von zwei Traktoren natürlich nicht bieten lassen will. Vor lauter Aufregung verpassen wir den Weg, so dass er schnell wieder vorne ist. Für uns eine günstige Ausgangslage, so können wir ihn bald ein zweites Mal überholen. Kurz vor Winter- bzw. Sommerhausen entscheiden wir uns gegen weitere Renneinlagen und für ein kurzes Gespräch mit zwei uneinigen Wanderern: Der beleibte Teutone geht von einer Helmpflicht für Radfahrer in Deutschland aus, sein deutlich schmalerer Begleiter aus den Niederlanden bezweifelt dies. Wir auch, Ende des Gesprächs.

Gleich haust links der Sommer und rechts der Winter

Immerhin, es gibt Aussicht auf Rettung

Die wohlverdiente Mittagspause folgt in Ochsenfurt, wo wir sonst immer Kaffee und Kuchen nehmen. Heute legen wir beide Pausen zusammen und vergnügen uns bis halb zwei mit LKW, Schinkenbrödla und Käse- bzw. Mohnkuchen.

Vor zwei Jahren abgerissen, jetzt folgt der Aufbau Ost

Die folgenden 16 Kilometer bis nach Kitzingen verfliegen wie im Gange, dann noch schnell  19 Kilometer durch Großlangheim, Kleinlangheim, Feuerbach und Wiesentheid bis ins Zweitheim. Kurz nach drei sind wir da, und haben die 285 Kilometer trotz des teilweise heftigen Gegenwindes mit einem Durchschnittstempo von knapp 20 Stundenkilometern bewältigt. Das war uns vor zwei Jahren noch nicht einmal mit den Rennrädern gelungen (aber das ist eine andere Geschichte).

Die Preziose des Tages

Ziemlich abgegriffen

Mittwoch, 11. Mai 2011

Von Esel, Kormoran und Rohrspatz

Nach dem Frühstück zurück ins Zimmer und direkt vorbei am frühstückenden Esel, der auf dem weitläufigen Centgraf-Gelände sein Gnadenbrot serviert bekommt. Da wir in der einen Richtung keine Kamera dabei hatten und der Kollege sich später hinter die alte Scheune verkrümelt hatte, liefern wir das Foto nächste Woche nach, wenn wir auf dem Rückweg nach F sind.

Unser Weg führt heute von Bürgstadt ostwärts bis Wertheim, dann über Marktheidenfeld weiter in nördlicher Richtung nach Lohr und Gemünden und von dort wieder südwärts nach Karlstadt. Dieser Abschnitt ist der wohl schönste Teil des ganzen Main-Radwegs: weites Tal, frisches Grün bis die Augen platzen, roter Sandstein, hier und da die Vorboten des fränkischen Weinlandes und hinter jedem Halm und jedem Blatt schallendes Vogelgezwitscher.

Einer, der nicht zwitschert, weil er den Hals ziemlich voll und daran gut zu schlucken hat, taucht manchmal kurz in der Flussmitte auf: ein Kormoran, der im Kampf um den lokalen Fischbestand gegen die örtlichen Angler jede Menge Pluspunkte sammelt.

Hier ist die Welt noch in Ordnung, und die Schiffe heißen wie der Kapitän: Ralf-Dieter


Kurz vor Wertheim blockiert an einer Steigung die Schaltung, es geht aber glimpflich ab. Außerdem wackelt der Ständer, was sich mit dem mitgeführten Werkzeug nicht beheben lässt. Ein paar Kilometer hinter Wertheim dann unser Freund der Rohrspatz. Wir kennen ihn von mittlerweile vielen Mittagspausen am Mainufer. Er bewohnt – mal mit, mal ohne Lebensabschnittspartnerin – einen Wohnwagen direkt am Eingang zum örtlichen Campingplatz und war bisher immer da, wenn wir dort Halt machten. Seinen Kosenamen verdankt er der Fähigkeit, stets schon kurz nach unserer Ankunft mit besagter Dame (oder einem anderen Teilnehmer) einen lautstarken Streit vom Zaun zu brechen.

Heute bleibt ihm dafür nicht die Zeit, denn wir sind zu früh zum Mittagessen und halten eigentlich nur, weil wir hoffen, ihn kurz zu sehen und fotografieren zu können. Die wenigen Minuten genügen, um sowohl das eine als auch das andere zu tun. Denn kaum sind wir abgestiegen, läuft er einmal kurz durch sein Reich und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen war.

Rohrspatz (Emberiza schoeniclus) in natürlicher Umgebung, hinten der Zaun, von dem er den Streit bricht

Was der Rohrspatz sieht, wenn er nicht schimpft

Kurz vor 13 Uhr erreichen wir nach 55 Tageskilometern Marktheidenfeld – so früh wie nie, so frisch wie nie. Das Mittagessen speist sich aus Nahrungsresten, die wir gestern noch aus dem Kühlschrank gerettet haben: gekochte Eier, Tomaten, Salatgurke, dazu Butterbrot und Fleur de Sel. Die Kombination ist superlecker und wird auf den Speisezettel künftiger Radtouren aufgenommen. Auch die üppige Salz-Zufuhr ist sehr willkommen.

Radfahren ist eine sehr kontemplative Sache. Irgendwann schaltet man nahezu vollständig ab (was z.B. in Kurven fatale Folgen haben 
kann), und irgendwann stellt man sich Fragen, die unbeantwortet bleiben (müssen?): Warum machen Menschen Fahrradtouren, denen man auf 20 Meter ansieht, dass sie dazu absolut keine Lust haben? Warum stechen Menschen mit Skistöcken auf den Boden ein? Warum schleifen andere Menschen beim Laufen Skistöcke über den Boden, obwohl sie ohne diese Stöcke sicher viel flüssiger laufen könnten? Warum nennen Menschen einen Wohnwagen „Azur“, „Südwind“ oder „Château“, wo es doch nur einen vernünftigen Namen für Wohnwagen gibt:

1.000 unbeantwortete Fragen, heute Frage 322: „Warum heißt mein Wohnwagen mein Hobby?“

Nach etwa einer halben Stunde machen wir uns auf den zweiten Tagesabschnitt: 20 Kilometer bis Lohr, dann je 15 nach Gemünden und Karlstadt. Die Strecke wird noch glatter, der Gegenwind lässt langsam nach, wir unterqueren die Autobahnbrücke, von der aus wir immer den Radweg grüßen. Heute grüßen wir hinauf zur A3.

Sogar von der A3 gut zu sehen

Nächster Fixpunkt der Strecke ist Gemünden, wo im Eiscafé Cortina zwar der Kaffee stark zu verbessern wäre, das Eis 
aber nicht. Nach einer knappen halben Stunde starten wir den Express für die letzten Kilometer, insgesamt haben wir bei Ankunft in Karlstadt etwas mehr als 104 Kilometer in weniger als fünf Stunden bewältigt.

Ein Ziel, das man gern erreicht

Das Bett beim Fehmelbauer erwartet uns erst ab 17 Uhr, deshalb bleibt vorher noch Zeit für einen kurzen Besuch beim führend Fahrradladen in Karlstadt, wo man mir gern mit dem passenden Schraubenschlüssel aushilft, um den wackeligen Fahrradständer fest zu machen. Nach Dusche und kurzer Ruhe kommt es ab halb acht zu hemmungsloser Kalorienzufuhr. Im Anschluss an das tolle Schäufele muss noch ein Kaiserschmarrn geschlachtet werden, um die 4.000 abgestrampelten Kalorien nachzufüllen.

Stille Nacht

Die Preziose des Tages

Nahe Dorfprozelten führt der Radweg durch ein kleines Industriegebiet, dann wieder abwärts zum Main, wo der Weg eine 90-Grad-Linkskurve macht und wieder parallel zum Fluss läuft. In der Kurve ist der Asphalt mit feinem Sand bestreut, auf der Grasnabe direkt daneben parkt ein Rettungswagen. Mo von hinten: „Warten die hier auf Kundschaft?“