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Freitag, 15. Juli 2011

Wenn Werbung Wirklichkeit wird

Dialog am Morgen:
„Ich muss langsam mal wach werden.“
„Darauf warte ich schon, seit ich dich kenne.“

Nach den gestrigen Güssen sind morgens die Trikots noch feucht, wir hängen sie ins Fenster und gehen frühstücken. Das Angebot ist überschaubar, aber ordentlich – u.a. mit frischen Zwetschgen und selbstgemachten Marmeladen, die zwar nicht riechen, aber gut schmecken.

Let it all hang out

Der Mann im Radio singt „Lass uns lieben, lass uns träumen, lass uns keine Sekunde versäumen“, der Enkel der Wirtin macht dem Träumen ein Ende, denn obwohl er sich kaum auf den Beinen halten kann, hämmert er mit seinem Holzhammer überall die Schrauben rein. Hier ist die nächste Generation badischen Feinmechanikerwesens im Werden.

Wir zahlen 57,20 inkl. Kurtaxe, unsere bisher günstigste Übernachtung.

Gundelfingen ist nicht weit, wir lassen uns Zeit und fahren über wunderbare Wege durch den Obst- und Gemüsegarten am Fuß des Kaiserstuhls. Zwischen den Orten steht hochgewachsener Mais gegenüber von Zwetschgen-, Apfel- und Kirschplantagen. Überall sieht man Kürbisse heranwachsen. In den Orten sieht man Frauen, die die Fugen im Gehwegpflaster mit dem Schraubenzieher säubern. Endingen sticht optisch besonders hervor, die kleine Perle lässt an Dinkelsbühl und Rothenburg denken, wirkt dabei aber „normaler“ und lebendiger.

Wo der Kaiserstühler Wein wächst

Endingen: wirklich fein gemacht

Gegen eins sind wir bei Kai Bendixen, sprechen die Inspektion durch, deponieren die Mehrzahl unserer Taschen und überlegen danach, wie wir am besten ins Hotel in Kirchzarten kommen. Mo will ein Taxi zum Bahnhof rufen, das müsste aber extra aus Freiburg kommen, und wir verzichten. Gegenüber ist eine Europcar-Station, mal sehen, ob's da vielleicht für 50 Euro ein Auto gibt. Leider nicht, aber nach viel fröhlichem Palaver macht uns die Mitarbeiterin ein Angebot, das wir nicht ablehnen können: ein nagelneues Mercedes E-Klasse Cabrio mit allem Schnickschnack der Welt zum Preis eines kleinen Citroen.

Ziemlich breites Grinsen für einen Hamburger

Mit diesem Gerät fahren wir nach Hinterzarten und erleben endlich einmal live, was wir in den Jahren unserer Arbeit für Mercedes immer behauptet haben. Und es stimmt alles!!


Im Schlegelhof duschen wir fix, Mo will „sofort in den Schwarzwald“. Wir kurbeln rauf auf den Schauinsland, wo wir im Hotel Halde Schwarzwälder Kirschtorte verspeisen und ins Land schauen. Anschließend geht's zum Abendessen nach Horben in den Raben (siehe Archiv März 2011), wo wir zuerst den Weg für die nächsten Tage festlegen (bis Baumes-les-Dames) und uns dann über die Kreationen des Herrn Disch hermachen.

So sieht's hinter der Halde aus

Um elf sind wir zurück im Schlegelhof und fallen zufrieden ins Bett. Mo schreibt in ihr kleines schwarzes Buch: „Toller Tag!“

Dialog am Abend:
„Ich brauch' keine Sauna, keine Gesichtspackung, keine Wellness.“
„Also, Gesichtspackung wär' schon mal gut.“

Mittwoch, 13. Juli 2011

Kann nicht mal einer die Dusche abdrehen?

Das Frühstück in Kilstett ist bemerkenswert: tolle Baguettes, reichlich Butter, super Croissants und dazu Café und lait separiert. Wir verabschieden uns mit „à la prochaine“, mal sehen, wie lange es dauern wird.

Falls wir wieder den Weg über La Wantzenau nehmen, wird es sehr lange dauern. Denn so, wie wir uns bereits im März auf dem Weg gen Norden im Ort verfransten, so kurbeln wir auch diesmal unnötig lang in Richtung Süden. Ab der Ill-Brücke wissen wir dann wieder, wo's lang geht: durch den Wald, auf den Damm und so weiter in Richtung Strasbourg.

Etwas plump formuliert, aber der Franzose weiß schon, warum wir ihn besuchen

In der Stadt steuern wir zunächst einmal den Treffpunkt aller Digital-Nomaden an: die McDonald's-Filiale im Stadtteil Meinau, um dort bei einem Café und einem Muffin Choco ein bisschen Büroarbeit zu erledigen. Anders als der juvenile Handelsvertreter, der einen kompletten Vierertisch mit Laptop, Ordnern und losen Unterlagen belegt hat, und dem eher dem arabischen Raum zuzuordnenden Vieltelefonierer, bleiben wir mit der Arbeit lieber draußen, weil das die Beobachtung der Räder erleichtert.

Nach getaner Arbeit fahren wir ein ganzes Stück durch das sowohl industriell als auch islamisch geprägte Viertel. Erst die Autolackiererei, dann die Moschee, dann der Metall verarbeitende Betrieb und gleich dahinter die islamische Schule und der Deko-Laden „1001 Décoration“ (kein Scherz!).

Auf dem weiteren Weg Richtung Illkirch-Graffenstaden müssen wir den Radweg infolge Bauarbeiten verlassen. Das Ausweichen auf die ebenfalls aufgerissene Straße wird uns per deutlicher Schildersprache verboten, so dass wir uns bis fast zum Kanal illegal auf der Straße fortbewegen müssen.

Wenig Betrieb am Canal du Rhin au Rhone

Um dem Fremden das mit der Zeit eintönige Fahren am Kanal etwas abwechslungsreicher zu gestalten, baut der Franzose immer wieder mal eine déviation ein. Wir haben dadurch heute Gelegenheit, Plobsheim und sein Einkaufszentrum mit Boulangerie, Norma und diversen Kleingewerblern kennenzulernen.

Aus der zunächst willkommenen Chance, fürs Mittagessen zu sorgen, wird ein Aufenthalt von rund einer Stunde. Wir wären gerne nicht so lange geblieben, aber gleich nach dem Einkauf beginnt es zu schütten, so dass wir besagtes Mittagsmahl (lecker lokales Baguette und lecker Norma-Camembert) gleich vor Ort unter Normas aus- und einladendem und vor allem regensicheren Vordach konsumieren.

Wir bleiben trocken, Plobsheim wird nass

Gegen eins geben wir unseren Widerstand auf und packen die Regenklamotten aus: Jacken und Hosen von Löffler, Gonso und Vaude, Helmüberzüge und Socken von Gore und Sattelschützer von Brooks. Und siehe da, alles funktioniert prächtig, wir können die Anschaffung jedem empfehlen, der längere Zeit oder generell wetterunabhängig mit dem Rad fahren möchte. Mit nachlassendem Regen steigt allerdings die Befeuchtung von innen durch Schwitzwasser, so dass wir uns auf Höhe von Boofzheim (die älteren Leser werden sich erinnern) wieder aus den Plastikhüllen schälen.

Im weiteren Verlauf der Strecke entdecken wir einen für uns neuen Radwegabschnitt in Richtung Marckolsheim, dem wir über zwei Schleusenabschnitte folgen. Der offensichtlich kaum genutzte Weg entlang des nicht mehr befahrbaren Kanals ist geschottert und zum Teil so tief, dass man das Rad kaum mehr beherrschen kann. Außerdem kostet das Fahren enorme Kraft, weshalb wir die Fahrt bei Bindernheim wieder auf die Landstraße verlegen.

Kostet mehr Kraft als man sieht: der Radweg am Kanal nach Marckolsheim

Inzwischen wird es Zeit, das bei Norma erworbene Backwerk zu konsumieren. Es heißt „Gâteau four noisette“ bzw. in der deutschen Übersetzung „Rosco Füllstoff aus Kakao-Haselnusscreme“ und enthält laut gleichsprachiger Zutatenliste alles, was Mo nie essen würde, wie z.B. Feuchtigkeitscreme, säverungsmittel und Konservativ. Wir verabreden, das Teil auf der Bank beim nächsten Kriegerdenkmal zu verzehren. Mangels Kriegerdenkmal muss in Schwobsheim der örtliche Brunnen herhalten. Und Rosco Füllstoff ist so schnell verputzt, dass fürs Lesen besagter Zutatenliste erst hinterher die Zeit kommt.

Mit extrem gestiegenen Blutzuckerspiegel geht es weiter gen Marckolsheim, leider holt uns die Front, die so fern schien, ein paar Kilometer vor dem Ortseingang ein:

Da hinten wird's schon dunkler


Den ersten Guss warten wir im Schutz eines Hauses am Straßenrand ab, parallel werden die Regensachen wieder bemüht, und mit nachlassender Intensität des Wasserschwalls setzen wir uns wieder auf die Räder. Von Marckolsheim führt eine Bundesstraße über den Rhein, und der erste Ort ist unser Ziel: Sasbach am Kaiserstuhl. im dortigen Löwen haben wir auf unserer ersten Rheintour vor ca. 12 Jahren Station gemacht, und es hatte uns gut gefallen.

Den Löwen gibt es immer noch, und er wird kaufmännisch einwandfrei geführt. Heute hat er einen separaten Neubau, heute spuckt der Reisebus 80 Rentner in die Gaststube (was uns in den Nebenraum verschiebt), heute wird abends nichts mehr serviert, wir werden abgespeist.

Immerhin: Die Forelle Müllerin ist gut, der hausgemachte Pflaumenkuchen ebenfalls (wo sind denn jetzt die Pflaumen reif?). Leider hat die regionale Spezialität „Schäufelchen“ mit der hessischen oder fränkischen Speise gleichen Namens nichts gemein, es ist einfach warmes Kasseler mit warmem, aber weitgehend geschmacksfreiem Kartoffelsalat.

Erlesene Speisen in ebensolcher Kammer

Dienstag, 12. Juli 2011

Kann nicht mal einer den Backofen zumachen?

Der Morgen beginnt mit RPR 1. Wie die Abk. schon sagt, ist das ein Radiosender, der in RP gehört wird. Schon nach wenigen Sekunden wird klar, dass Nachrichten und Formatradio einfach nicht zusammenpassen. Denn irgendwie hat der Moderator erfahren, dass nun auch mit Italien etwas nicht optimal läuft, und so posaunt er im Gute-Laune-Modus in die Welt, dass alle Hörer ihn mal anrufen und die Frage beantworten könnten, ob sie nun „Angst um den Euro haben“.

Gottseidank kommt bei Formatradio nach jedem Satz ein neues Liedchen.

Das Frühstücks-Angebot des Hotels ist wie für uns gemacht: Wasserflaschen werden kostenfrei aufgefüllt, das Buffet ist fürs Broteschmieren freigegeben, so dass wir parallel zum Frühstück schon das Mittagessen vorbereiten können.

Wir schaffen es, bis neun Uhr auszuchecken, kurz vor halb zehn rollen wir los. Abgesehen von den hohen Temperaturen vor der Tür fängt die Etappe gut an. Der gestern getauschte Schlauch hält die Luft, die Ausfahrt aus Germersheim ist schnell gefunden, und die ersten Kilometer rollen fast wie von selbst.

Idylle bei Sondernheim, hinter uns tanzt Zorbas den Souvlaki

Umbauarbeiten am Hauptdeich zwingen uns durch Hördt, Kuhardt und Leimersheim, danach dürfen wir wieder in den Schatten der Bäume.

Wir sind wieder auf dem Damm


Leider ist mit den Bäumen bald Schluss, und wir haben das Gefühl, mit ordentlich Tempo in
einen offenen Backofen einzufahren. Dieses Gefühl wird heute anhalten bis wir anhalten, zwischendurch dreht aber irgendwer kontinuierlich die Backofentemperatur hoch. Bei über 30 Grad im Schatten dürften wir in der Sonne auf mindestens 40 Grad erhitzt worden sein.

Gerade mal ein paar Monate alt, schon machen die Jung-Störche die Rheinauen unsicher

Pfälzer Center-Welt vor Maximiliansau

Gegen zwölf passieren wir die Grenze bei Lauterbourg, wenige Kilometer später beginnt die 
Réserve naturelle du Delta de la Sauer“. Deren breites Ende ist von Schwänen okkupiert, die Ufer sind mit kleinen Booten geschmückt, und kein Mensch weit und breit.

Auf französischer Seite müssen die Menschen nämlich arbeiten. Wir sehen sie in den unzähligen Kies- und Sandwerken entlang des Radwegs. Auf deutscher Seite machen sie in großer Zahl Urlaub am Rheinufer. Wir sehen die kleinen Strandabschnitte, die mit bunten Sonnenschirmen gekennzeichnet sind.

Die Rheinfähre bei Plittersdorf kannten wir bisher nur aus dem Verkehrsfunk

Am Ende des Naturparks finden wir auf Höhe von Seltz ein schattiges Plätzchen für unsere Mittagspause. Essen haben wir reichlich, leider wird langsam das Flüssige knapp, was bei den steigenden Temperaturen als kontraproduktiv empfunden wird. Und bis Drusenheim gibt es keine Gelegenheit zur Flüssigkeitsaufnahme mehr. Immerhin schieben sich Wolken vor die Sonne, aber parallel wird es auch schwül.

In Drusenheim erleichtern wir Leclerc um mehrere Flaschen Vittel, etwas Apfelsaft und eine Dose Cola, die gleich verzehrt wird. Müllers haben heute Ruhetag, wir machen uns auf den Weg nach La Wantzenau. Darüber freut sich offensichtlich die Sonne, die uns auf dem weiteren Weg wieder mit voller Wucht anlacht.

In Kilstett nehmen wir das erste Hotel, das wir sehen, und diese Wahl soll sich als Volltreffer erweisen. Zum frisch renovierten und ziemlich günstigen Zimmer mit tollem Bad gibt's abends frische Flammekuchen aus dem Holzofen. Das schmeckt nicht nur uns, sondern auch dem Elsässer – das Restaurant ist zu gut 50 Prozent gefüllt, und in der Winstub sitzen auch nochmal zehn, zwölf Gäste.

Unsere Räder sind übrigens ebenso gut untergebracht wie wir: direkt neben dem Auto des Chefs, das etwa so alt ist wie wir, aber nach Auskunft der Chefin deutlich weniger bewegt wird.

Übernachten in bester Gesellschaft

Zweiter Tag, zweiter Unfall, erster Plattfuß

Der Weg raus aus Worms ist etwa so prickelnd wie der Weg rein nach Worms. Einziger Vorteil – man kommt raus aus Worms.

Was man in der Stadt nicht findet, sind z.B. Lebensmittelläden. Der Eingeborene empfiehlt deshalb die Fahrt ins Einkaufszentrum. Dort gibt es alles, was es früher in der Stadt gab, und garantiert nie mehr dort geben wird. Wir füllen unsere Wasservorräte nach und erkennen beim Blick über den weitläufigen und gut gefüllten Parkplatz, dass wir das gleiche System bereits in Wörth gesehen haben.

Das Ergebnis ist hier wie dort gleich: Die Pfälzer Innenstädte sterben peu à peu aus. Und in den verbliebenen Fußgängerzonen reihen sich die üblichen Verdächtigen.

So ist es zehn Uhr geworden. Wir quälen uns raus ins Grüne, rauf auf den Rheinhauptdeich, der uns bis Speyer begleiten wird.


Erster Stop bei Petersau, wo der agile Reitlehrer die lokale Damen- und Pferdeschar bewegt (und uns zu recht darüber aufklärt, dass es durchaus angebracht wäre, fremde Menschen nach Erlaubnis zu fragen, bevor man sie fotografiert oder filmt). Weitere geplante Stopps an zwei Badeseen fallen wundenbedingt aus.

Hinter Worms führen alle Wege nach Ludwigshafen

Hätten sie sich auf Anilin und Soda beschränkt, sähe es hier heute anders aus

Nach der LU-Umfahrung durch den Mundenheimer Waldpark erreichen wir den Getränkemarkt Bruch in Altrip (Motto der Firma: Alles geht zu Bruch). Der Chef persönlich weist uns den Weg zu einer schönen Abkürzung, ab der Kollerinsel sind wir dann wieder auf dem „normalen Weg.

Kurz vor Speyer gönnen wir uns ein spätes Mittagessen auf dem Deich. Es wird langsam heiß. Speyer selbst empfängt uns mit der Sommer-Kirmes, durch das von der März-Fahrt bekannte Industriegebiet kommen wir ohne Innenstadtkontakt weiter südwärts. Der Deichbau im Süden führt uns über einen Umweg durch Mechtersheim, anschließend geht es über den Lingenfelder Altrhein und weiter in die Festungsanlagen im Norden Germersheims.

Wenige Kilometer vor der Stadt kommen uns in einer Linkskurve vier Radler entgegen, zwei davon leider auf unserer Spur. Das Problem: die Herrschaften reagieren falsch bzw. gar nicht, sie fahren einfach weiter. So sind wir gezwungen, in die Wiese auszuweichen, diesmal keinen Sturz, aber Mo knallt mit dem Knie wieder an den Lenker, der die Wunde von gestern erneut zum Bluten bringt.

Wenn das so weiter geht, fahren wir nicht mehr lange.

Was man sieht: Teile der Festung, was man nicht sieht: Teile von Glasflaschen – pfffft

In Germersheim rasten wir rechts auf einer schattigen Bank, suchen und finden ein Hotel, und als wir uns auf den Weg dorthin machen, ruft Mo zwar noch „Vorsicht, Scherben!“, aber da ruft auch das Hinterrad schon „Pfffft“ zurück. Die Fahrt zum Hotel wird so zum Schub ins Hotel, dort erstmal abpacken, Schlauch wechseln (und dabei feststellen, dass man nur falsche, weil zu dicke Schläuche dabei hat), dann endlich duschen und ruhen.

Abends serviert die hauseigene Stube den Pfälzer Teller und man freut sich auf den nächsten Abend in Frankreich.

Montag, 11. Juli 2011

Ode an die Gattin

Geschunden.
Offene Wunden, nicht verbunden.
Wann wird sie gesunden?

Gegenverkehr.
Bremsen schwer, brüllen hinterher.
Wo kamen die denn her?

Germersheim.
Stadt am Rhein, in Scherben hinein.
Musste das wirklich sein?

Brennt stärker als die Sonne

Ins Abenteuer gestürzt

So: Abfahrt 8.30, runter an den Main, bis kurz vor die Friedensbrücke durch die Fussballgärten, mit denen der DFB die Fussballfamilie in WM-Stimmung bringen wollte. Nach der gestrigen Viertelfinal-Pleite der deutschen Frauen lassen die Stand- und VIP-Lounge-Bewacher schon morgens ihre Köpfe hängen als wären sie zwei Wochen nicht gegossen worden.

Es ist so weit: westwärts immer, ostwärts nimmer

An Höchst und dem gleichnamigen Industriepark vorbei geht es weiter in Richtung Okriftel, Eddersheim und Flörsheim. Neben dem Radweg auf dem Damm stehen plötzlich Reiher zum Greifen nah, und direkt vor Kostheim streift eine achtköpfige Storchenfamilie auf der Suche nach Fröschen und ähnlichem Getier durchs Gras.

Wo der Storch zu Fuß hingeht

Ick hev mol in Meenz 'n Dreemaster seh'n ...

Ab Mainz geht's dann auf bekanntem Weg den Rhein hinauf: zuerst durch die Bierbörse hinter der Rheingoldhalle, dann durch Nackenheim, Nierstein und Gimbsheim.

Zum Mittagessen in Nierstein: Wolken wie gemalt

Die Eck-Wach-Möve wacht über die Ecke des Pontons bei Nierstein.
Weitgehend regungslos und ohne Unterlass – ein verantwortungsvoller Vogel

Kurz vor Rheindürkheim ist die Fahrt dann fast schon zu Ende. Ich will ein radelndes Pärchen während des Überholens nach einem Restaurant-Tipp fragen und bremse deshalb unerwartet und unerwartet heftig, Mo trifft zunächst auf mich, dann auf den Boden: Hautabschürfungen an Beinen, Armen und Händen, ein paar Blessuren am Rad und ein Schock, der sich in wüsten Beschimpfungen Luft macht. Nach ca. 30 Minuten beschließen wir, die Fahrt langsam wieder aufzunehmen. Glücklicherweise sind alle Knochen heil (andere trifft es heute härter) und Worms ist nur noch ca. acht Kilometer entfernt.

Die Stadt empfängt uns mit Spielhallen, Dönerbuden und heruntergekommenen Häusern en masse. Anfangs schieben wir das auf das Viertel, durch das wir reinfahren, später bestätigt sich der erste Eindruck, wohin man auch blickt.

Wir suchen eine Apotheke, weil die Wundversorgung natürlich erste Priorität hat. Im Vorüberfahren finden wir ein Hotel mit großem Namen, das zwar geschlossen, aber ein bezahlbares und akzeptables Zimmer für uns hat. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zur Notdienst-Apotheke, wo wir gut behandelt und preiswert versorgt werden. Später geben uns die Inhaber noch einen Tipp fürs Abendessen, der keine Blessuren nach sich zieht.

Im Gegenteil: Wir kommen satt und mit positivem Blick auf den Montag zurück ins Hotel. Mal sehen, was uns auf dem Weg nach Germersheim erwartet.

Sonntag, 10. Juli 2011

Du liest jetzt Hermann Hesse, sonst ...

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Wohlan denn, Herz, nimm' Abschied und gesunde!

(Stufen, einige übersprungen)

Samstag, 9. Juli 2011

Adieu cheveux!

Letzte Vorbereitungen: Haare ab, Bart ab, und ab morgen: Rad ab.

Da habe ich doch einen guten Schnitt gemacht

Donnerstag, 19. Mai 2011

60 Kilometer abschwitzen

Der erste Blick nach Verlassen des Reinhard'schen Hofes fällt auf diesen Hinweis. Da wird dann endlich klar, warum das Schicksal am Vorabend in den anderen Hotels alle Betten belegt hatte.

You've come a long way, Baby

Eigentlich sollte man eine solche Tour ja entspannt ausklingen lassen, aber je näher man Frankfurt kommt, desto schwieriger wird das. Auf dem Weg nach Aschaffenburg regt man sich darüber auf, dass die städtischen Wasserwerke im Gebiet entlang des Weges etwas installiert haben müssen, das den Funk zwischen Pulsmesser, Tacho und Uhr stört. So fährt man plötzlich 73 km/h mit einem Puls von 60. Oder 6,2 km/h mit einem Puls von 218.

Neben Gleisanlagen der Bahn oder Überland-Stromleitungen kommt das ebenfalls gerne vor, aber was suchen solche Störfaktoren im Wasserschutzgebiet?

Gelebte Monarchie: vom Volksfestplatz zum Schloss Johannisburg

Durch Kleinostheim fahren wir weiter in Richtung Dettingen. Das Wetter sonnig und warm, aber irgendwie scheinen die Löcher, Wurzelverwerfungen und Bodenwellen deutlich störender als auf dem Weg in die andere Richtung. Die Zahl der gepäckfreien Radtouristen-Gruppen nimmt zu, leider ist das Radfahren für viele VertreterInnen dieser Spezies offensichtlich ein regelfreies Vergnügen. Da fährt man zu dritt nebeneinander, reagiert nicht auf Klingelzeichen und geht augenscheinlich davon aus, das Entgegenkommende sich kurz vor der Kollision in Luft auflösen.

Mos Stimmung wird dann noch dadurch verbessert, dass sie mit herunter gefallener Kette die Killiansbrücke bei Dettingen hinauf schiebt und sich von einer der hinab rollenden Tussen erläutern lassen muss, dass sie die Steigung ohne Gepäck besser schaffen würde. Das Eis in Seligenstadt kühlt die Gemüter, noch 35 Kilometer, wir nähern uns der Mittagszeit, und zu den Gruppen, Rentnerpaaren und grimmig dreinblickenden Kampfradlern gesellen sich nun heimreisende SchülerInnen, die ersten Sonnenanbeter sowie Büromenschen, die ihre Mittagszeit zum Futtern, Dösen oder Dekolltée-Bräunen auf den Uferbänken nutzen.

Viel Sonne, wenig Regen – Frankfurt im Mai 2011

Irgendwie kommen wir durch all das Gewusel zügig durch und um zehn vor zwei zu Hause an. Was wir noch haben (Tomaten, Gurke, Käse), verbinden wir mit dem, was wir finden (Butter, Brötchen, Schinken, Marmelade), zu einem akzeptablen Mittagessen. Anschließend wird ausgeräumt, aufgeräumt und weggeräumt, gegen fünf sind wir frisch geduscht und um kurz nach sechs mit dem Geburtstagskind des Tages zum Ebbelwoi verabredet.

Spätestens jetzt freuen wir uns, wieder in Frankfurt zu sein.

Die Preziose des Tages

Rund zwei Monate und 1.200 Kilometer nach dem Kauf sehen die Räder deutlich besser aus als bei der Übernahme. Insgesamt 25 Veränderungen / Verbesserungen liegen zwischen diesem und jenem Bild. Wer sie findet, darf sie behalten. Der Sonnenschein zählt nicht mit.

Kleiner Tipp: Es kommt darauf an, was man nicht sieht

Das letzte Zimmer

Das Frühstück in Lohr teilen wir mit den drei Damen, die am Vorabend zeitgleich mit uns angekommen waren und dem lange vor uns aufbrechenden Ehepaar, das wir ca. eine Stunde später überholen. Über Marktheidenfeld, Trennfeld und Urphar (s. Preziose) rollt es so zügig wie zugig nach Wertheim, dessen neue Burg von ferne grüßt:

Wertheim, die neue Burg

Die Mittagspause fest im Blick steuern wir gegen ein Uhr mit 55 Kilometern in den Beinen eine freie Bank zwischen Stadt- und Dorfprozelten an. In der Flussmitte arbeitet „Milena“, und es gibt ja bekanntlich kaum etwas Schöneres, als anderen bei der Arbeit zuzusehen.

Stilles Tal, kolossal

Mahl am Kanal, total frugal

Nach der Pause wieder Sause: Noch vor Bürgstadt kommen wir an einem der vielen Alleinradler vorbei, der uns schon beim ersten Zusammentreffen durch ausgeprägte Orientierungslosigkeit aufgefallen war. Was außerdem auffällt, sind seine grell-orangen Fahrradtaschen, die weit verbreitet sind und einen hohen Wiedererkennungswert haben – speziell für den Outdoor-Ausrüster, der sie anbietet. Für nur fünf Euro mehr bekommt man die gleichen Taschen in viel schöneren Farben und vor allem mit praktischen Innentaschen.

Apropos Bürgstadt, da sind wir ja noch etwas schuldig, hier ist es:

Alter Esel nach dem Mittagessen

Ab Kleinheubach fahren wir den Radweg auf der anderen Mainseite als auf dem Hinweg. Ab Kleinheubach fangen wir mit der Suche nach einer Unterkunft an. Ab Kleinheubach finden wir kein Zimmer.

Zunächst nehmen wir's leicht und trösten uns mit lecker Eis in Klingenberg am Main. Das Hotel auf der anderen Mainseite gefällt uns nicht besonders, die Großbaustelle direkt daneben verstärkt den Eindruck. Also weiter nach Wörth, wo der Anker mit Fischstäbchen, Schweine Schnitzel und passendem Ambiente um uns wirbt. Irgendwie ist uns das einfach nicht online genug. Schließlich sind wir auf dem Radweg, der mit „Genussradeln auf der Paradestrecke“ für sich spricht und dies mit schönen, leicht verständlichen Schildern illustriert:

Wenn ich diesen Schoppen hinter mich gebracht habe, fahre ich Schlangenlinien

Die nächsten Zimmer-Anfragen richten wir an dieses und jenes sowie dieses und jenes Etablissement. Ihnen allen gemeinsam ist: ausgebucht. Michelle Moll, die freundliche Rezeptionistin im Seehotel, gibt sich ausgesprochen viel Mühe mit uns und ergattert tatsächlich noch ein Zimmer im Wilden Mann zu Aschaffenburg. Weitere 20 Kilometer Fahrt sind uns dann aber doch zu viel (wir sind ja schon bei knapp 115 Kilometer Tagesleistung), so dass wir uns für das letzte Zimmer im Ort entscheiden.

56 Euro inkl. Frühstück ist OK, das WLAN ausgezeichnet, und wir hätten sogar im Hause essen können. Da wir das nicht wussten und Frau Moll so nett war, haben wir aber schon im Seehotel reserviert. Also schnell duschen, anziehen und zurück an den See, um das Panorama zu genießen:

Blick toll, Wein gut, Küche naja

Der Apéritiv kommt von Licher, der Weißburgunder von Wirsching, das Essen aus der Küche. Es schmeckt gut, aber irgendwie passt es dann doch nicht. Schlaffe Rucola-Dekoration zur Vorspeise, der Rotkohl zum Rinderbäckchen mit einer Cocktailtomate gekrönt und monströse amerikanische Heidelbeeren als Ergänzung zum Dessert – saisonale Küche vom Feinsten!

Der Ausblick macht allerdings vieles wett. Und allein für den See würde Mo jederzeit wiederkommen. Wir gehen aber erstmal, und kurz nach elf sind wir zurück bei Reinhards. Das Bett steht etwas schief, so dass ich die ganze Nacht träume, man hätte mich an den Füßen aufgehängt. Aber vielleicht habe ich das ja auch verdient.


Die Preziose des Tages

In Urphar betreibt der Bäcker Göpfert eine unglaubliche Filiale (Bild folgt in Kürze): Direkt zwischen dem Radweg und der Landstraße 2310 kann der Eilige hier Drive-In-Brötchen, Drive-In-Kuchen und sonstiges Drive-In-Backwerk erstehen. Eat your heart out, Ronald McDonald!