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Mittwoch, 22. August 2012

1. Juni 2012, der dreiundzwanzigste Tag: Saint-Trojan-les-Bains–La Rochelle, 92,17 km

Über die Brücken in den Hafen
Nach dem Frühstück ruft Mo bei ihren Eltern an, um den Stand der Dinge zu erfragen, dieses Ansinnen erfährt auf der anderen Seite aber nicht sonderlich viel Gegenliebe. Immerhin wissen wir nun, dass nichts Schlimmes passiert ist, und können um neun Uhr los fahren.

Natürlich nicht, ohne die inzwischen zahlreichen Oldtimer zu bewundern, die teils abgedeckt, teils offen den Hotel-Parkplatz füllen. Von den meisten Herstellern haben wir noch nie gehört, die Mehrzahl der Fahrzeuge ist noch voll und ganz dem traditionellen Kutschenbau verpflichtet und wahrscheinlich vergleichbar spritzig unterwegs.

Was Madame gerne an jedem Auto sähe

Fünf-Speichen-Design gab's bereits zur Jahrhundertwende

Wie bereits gestern Abend erkannt, müssen wir heute zurück über die Brücke. Den Weg kennen wir noch, über Le-Grand-Village-Plage erreichen wir zügig die D26, und auf ihr kommen wir direkt zur Auffahrt. Einerseits haben wir Glück: weniger Verkehr, weniger Wind. Andererseits mindestens genauso viel Angst, denn diesmal wissen wir ab dem ersten Meter, was uns erwartet, und mit einem Idioten von hinten muss man immer rechnen ...

Auch Fischers François fischt frische Fische

Spätestens beim Lesen dieser Zeilen kann der geneigte Leser aber sicher sein, dass alles gut gegangen bzw. gefahren ist. Um das Glück nicht weiter herauszufordern, verlassen wir in Bourcefranc-le-Chapus sofort die große Straße, rollen nach Bourcefranc und dort auf einem von vielen Chemins du Patrimoine erst zum alten Hafen und dann weiter auf einer kleinen Straße nach Hiers-Brouage.


Nicht gerade meerumschlungen, weckt aber  nördlichste Erinnerungen

Von dort geht es auf der D238 an von Kanälen durchzogenen Feldern vorbei in Richtung Saint-Agnant. Wir sehen Störche, Reiher, schwarz-weiße Kühe, frisch geschorene Schafe mit blau gekennzeichnetem Rücken und fühlen uns wie in Schleswig-Holstein.

Ab Saint-Agnant haben wir Probleme mit dem Weg und landen plötzlich auf der vielspurig ausgebauten und stark befahrenen D733. Wir nutzen gleich die nächste Ausfahrt zum Rückzug, erstehen in Les Èronelles ein neues Anti-Mücken-Spray und fahren ohne recht zu wissen, was uns erwartet, stetig geradeaus auf den Pont Transbordeur de Martrou zu.

Der Anblick des schmucken Geräts verschlägt uns die Sprache, gleich danach verschafft es uns eine zwar kurze, aber unvergessliche Überfahrt nach Rochefort.

Wie sollen wir bloß da hoch kommen?

Geschafft: Wir bleiben einfach unten

Die Suche nach der Piste cyclable verschieben wir, erst geht's zu einem riesigen Leclerc, und es dauert lange, bis Mo zurück kommt. Ich schaue drei ambitionierten Jungs zu, die eine ähnliche Tour wie wir machen. Sie kommen nach uns, fahren aber lange vor uns weiter. So ein Stress.

Beim Auto-Service gegenüber kann ich noch mein noch Hinterrad gonflieren lassen, dann machen wir uns erneut auf die Suche nach dem Weg. Ein Motorradfahrer befürchtet, dass wir auf die Autobahn zusteuern, er hält uns an und hilft uns, auf den rechten Weg zu kommen. Nach drei Kilometern machen wir an einem schattigen Plätzchen an der Charente Mittagspause. Ein Fahrlehrer nutzt die wenig befahrene Strecke für Übungsfahrten und Wendemanöver mit einem Schüler. Es wird immer heißer.

Die weitere Beschilderung bis Châtellaillon-Plage ist verheerend. Wir müssen an jeder zweiten Ecke suchen und fragen, zum Teil stehen Wegweiser auf Verkehrsinseln und sind überwuchert. Wir ärgern uns ordentlich, kommen am Ende aber doch an. Der Ort selbst lebt heute von unzähligen Thalasso-Zentren und -Angeboten, wir beschränken uns auf einen Café in Centre ville.

Bei Angoulins nimmt uns ein Radfahrer mit Hund ein Stück mit und weist uns den Weg nach La Rochelle. Entlang der Küste fahren wir durch langgezogene Grünanlagen direkt in den Yachthafen vor der Stadt. Er wird gerade umgebaut, was uns zu größeren Umwegen zwingt. Der Asphalt auf den Straßen hat den Kampf gegen die Sonne leider verloren, er hält sich an unseren Rädern fest und nimmt vom Weg alles mit, war er unterwegs zu fassen kriegt.

Wir müssen leider draußen bleiben – im Yachthafen vor der Stadt

Auf den neuen folgt der alte Hafen, direkt im Stadtzentrum angelegt und von zwei Wehrtürmen gesichert. Wir fahren durch die Buden- und Fahrgeschäftsstraßen der aktuellen Kirmes, finden ein architektonisch führendes Office de Tourisme und dort ein umfassendes Hotelverzeichnis. Draußen vor der Tür will uns eine sehr rüstige Rentnerin beim Suchen helfen; in einem längeren Gespräch erzählt sie von ihren Radreisen und geht mit uns die Vor- und Nachteile der örtlichen Herbergen durch. Wir fahren drei Hütten ab und landen am Ende bei b&b – schwierig für 77 Euro.

Alter Hafen, neue Eindrücke

Abends ziehen wir durch La Rochelle, die Stadt wirkt sehr südlich, ist sehr belebt und kommt sehr französisch rüber. Natürlich essen wir im Touristenviertel: anfangs Austern und einen Krabbenauflauf, später Turbot und Lotte plus einen super Vouvray.

Der Rückweg ist noch interessanter als der Hinweg, entsprechend spät sind wir im Hotel. Aber glücklich.

Überall ausgezeichnete Stimmung, hohe Ansteckungsgefahr

Montag, 20. August 2012

31. Mai 2012, der zweiundzwanzigste Tag: Ruhetag auf der Île d'Oléron

Willkommen zum Oldtimer-Treffen

Endlich mal wieder ausschlafen und spät frühstücken. Ich wechsle die Decke an meinem Hinterrad und stelle fest, dass bislang besseres Material auf der Felge saß. Aber die alte Decke war auch mehr als doppelt so teuer wie die neue.

Mo genießt den Pool, ich arbeite im Büro das Nötigste ab und leiste ihr später Gesellschaft. So geht der Tag ins Land. Obwohl wir erst drei Wochen unterwegs sind, denken wir heute schon an die Heimreise: Ab halb sechs planen wir mit Junior fürs Burgund und buchen die beiden bekannten Hotels. Er wird am 19. Juni mit dem Auto nach Pont-de-Veaux kommen,  sein Rennrad mitbringen und gemeinsam mit uns eine Woche in der Bresse die Hügel rauf und runter düsen.

Um sieben nehmen wir den Apéritif, inzwischen sind auch die ersten Oldtimer da (Autos und Fahrer), die das Hotel zwei Tage lang praktisch ausgebucht haben. Die Halbpension fällt wieder üppig aus: zwei Mal Assiette des Fruits de Mer mit wirklich allem, was das Wasser hergibt, ein Magret de Canard für Mo, und ein Mi-cuit de Thon snacké orientale für mich. Alles super-lecker!

Leider ist der Service heute noch miserabler als gestern. Die Jungs arbeiten völlig ohne System, kratzen sich beim Aufnehmen der Bestellung den Kopf, und einem hängt das Hemd aus Hose, dass man befürchten muss, er steht gleich ohne da.

Nach dem Essen lesen wir, dass Mos Mutter gestürzt ist und sich die Hand gebrochen hat. Das heißt: Ab morgen ist ihr Vater ein paar Nächte allein zu Haus. Mir wird parallel bewusst, dass wir morgen früh wieder über die Brücke des Todes fahren müssen.

Na, gute Nacht.

Nachts sind alle Lampen hell

Sonntag, 19. August 2012

30. Mai 2012, der einundzwanzigste Tag: Soulac-sur-Mer–Saint-Trojan-les-Bains, 86,16 km

Vom Paradies in die Hölle

Nach einem gutem Frühstück fahren wir nochmal an den Strand, um einen Blick aufs Meer zu werfen. Das Strandcafé mit integriertem Gesamtversorgungskonzept hat bereits geöffnet, wir nutzen die Gelegenheit, uns hochpreisig mit Baguette und Wasser zu versorgen.

Vom Amélie-Strand geht's entlang einer wenig befahrenen Straße, an deren Rändern meist gut erhaltene und sehr individuell gestaltete Sommerhäuser der Jahrhundertwende stehen, ins lebhafte Zentrum von Soulac-sur-Mer. Vor uns liegen insgesamt ca. 15 Kilometer bis zur Bac über die Gironde, die Abfertigungszone erinnert an den Fährhafen von Genua, hier muss im Sommer die Hölle los sein.

Wir rollen 20 Minuten vor Abfahrt ein, es ist menschenleer. Die Abfertigung verläuft völlig entspannt, der Preis ist in Ordnung (ist ja Vorsaison). Während wir in den Bauch der Fähre fahren, kommen wir mit einer Deutschen ins Gespräch, die schon seit Jahren hier den Urlaub verbringt und gerne mal „zur Abwechslung“ auf die andere Seite übersetzt.

Das klingt viel versprechend, also rauf aufs Deck und Vorfreude auf die Ankunft in Royan; die Überfahrt dauert etwa 20 Minuten und führt – direkt in die Hölle.

Wer vorne sitzt, sieht das Elend früher

Nach 20 Minuten maritimem Lebensgefühl ...

... werden alle hinaus in die Realität sortiert

Die Stadt war während des 2. Weltkriegs von deutschen Truppen besetzt und wurde durch englische und amerikanische Luftangriffe im Januar bzw. April 1945 vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde sie zum „Laboratorium städtebaulicher Forschung“ erklärt und in diesem Geiste wieder aufgebaut. Davon hat sie sich bis heute nicht erholt und wird sich nach Lage der Dinge auch nie mehr erholen.

Auch unser Telefon leidet unter der Umgebung: Wir haben seit rund einer Stunde kein Netz mehr.

Die MitarbeiterInnen des Office du Tourisme zählen zur Spezies „fleischgewordenes Desinteresse“, im Maison de la Presse haben wir mehr Glück und können eine Karte für die vor uns liegende Charente-Maritime erstehen. Die Devise lautet: Nichts wie weg!

Royan: belebte Betonwüste am Atlantik

Unser Fluchtweg ist lang und führt durch schreckliche Urlauberghettos – La Métaine, Les Groies, Saint-Palais-sur-Mer, Puyraveau – bis zur Grande Côte (Die große Scheiße). Von dort folgen wir einer gut ausgebauten Piste cyclable, durch Pinienwald und über Dünen geht es ordentlich rauf und runter. Die Mittagspause verlegen wir auf einen Parkplatz unter Bäumen, wir haben immer noch kein Netz, unsere französischen Nachbarn schon.

Auch nach dem Essen bleiben wir auf der Piste, passieren die Schrecken von La Palmyre und erreichen nach Durchquerung weiteren Pinienwaldes den Phare de la Coubre, der seit mehr als 100 Jahren die wilde Küste ziert. An der Tankstelle gegenüber der ClubMed-Anlage in La Palmyre lassen wir nochmal ordentlich Druck auf die Reifen gegeben, die nächsten 16,5 Kilometer nach Ronce-les-Bains gehen wir entsprechend flott an.

Entlang der Küste gehen den Fischern nicht nur Austern ins Netz

107 Jahre Phare de la Coubre: im Westen nichts Neues

Vier Kilometer vor dem Ort entweicht meinem Hinterrad ein lautes pff-pff-pff: Die Decke hat ein Loch, der Schlauch ist kaputt. Ich ärgere mich, dass ich so fest aufgepumpt habe, wechsle den Schlauch und flicke die Decke von innen provisorisch mit einem kleinen Stück Karton – das hält tatsächlich.

In Ronce-le-Bains suchen wir einen Fahrradladen und finden eine Location des vélos, die uns zwar nicht direkt helfen, aber wenigstens eine Adresse im drei Kilometer entfernten La Tremblade nennen kann. Der kleine schwarze Bub, der bei uns im Hof steht, kann nicht akzeptieren, dass nicht-französische Touristen Französisch sprechen, er will partout Englisch mit uns reden. Der Laden in La Tremblade hat tatsächlich eine passende Decke, der Verkäufer ist freundlich wie ein Franke, verlangt aber nur 13 Euro für das – hoffentlich – gute Stück; den Wechsel verschiebe ich auf später.

Im Ort halten wir noch kurz an einem Telefonladen, die Chefin persönlich prüft unsere SIM-Karten und Telefone – Letztere funktionieren einwandfrei, aber wir haben weiterhin kein Netz. In einer Bar an der Hauptstraße nehmen wir einen Café an der Hauptstraße, die Chefin gestattet uns, ihr Telefon für unsere Hotelbuchung zu missbrauchen. An der Theke steht ein toller Hund, sein junges Frauchen pfeift sich zwei, drei demi rein, bevor sie ins Auto steigt. Der Deutsche am Nachbartisch fragt „Ihr seid aber nicht mit dem Fahrrad aus Deutschland hierher gekommen?“, Mo sagt „doch“, er verdreht die Augen.

Auch alte Brücken haben ihre Tücken

Auf der D728E fahren wir hinüber nach Marennes, überall sehen und riechen wir die Austern-Bassins, überall liegen vom Salzwasser angegriffene -Gestänge; noch zwölf Kilometer bis Saint-Trojan-les-Bains, dem heutigen Tagesziel.

Vor uns liegt zunächst die Brücke zur Île d'Oléron. Sie beginnt bei Bourcefranc-le-Chapus, führt in nordwestlicher Richtung dreieinhalb Kilometer übers Meer und bietet Radfahrern und Fußgängern jeweils etwa 60 Zentimeter Überlebensraum seitlich der Fahrspuren. Der Fußgänger hat drei nicht zu unterschätzende Vorteile:

1. Zwischen ihm und den mit 80–100 km/h vorbeidonnernden Autos befindet sich eventuell ein Radfahrer.

2. Der Fußweg liegt etwa 15 Zentimeter höher als die Straße, Autos und Fahrräder kommen da nicht leicht hinauf.

3. Der Fußgänger kann bei Bedarf übers Geländer springen.

Unsere Spur vereint die vorgenannten Nachteile, und wir haben reichlich Zeit, über sie nachzudenken. Außerdem kommt der Wind von links vorn, die Autos halten ihn während der Passage kurz ab und erhöhen damit spürbar die darauf folgende Wirkung, so machen sie ihn völlig unberechenbar. Erfreulicherweise fordert die Überfahrt keine Todesopfer.

Jadgsaison auf der Brücke zur Île d'Oléron

Saint-Trojan-les-Bains ist natürlich nicht ausgeschildert, aber fragen hilft. Unser Hotel ist zunächst ebenfalls kaum zu finden, letztendlich kommen wir aber knapp zwei Stunden vor dem Abendessen an. Die Schweizerin an der Rezeption möchte ihr Deutsch verbessern und hat ein gutes Angebot, plötzlich lebt auch das Telefon wieder. Nach acht Stunden!

Die Halbpension ist günstig, das Zimmer OK, abends gibt es Bulots, Panache de Crevettes et Langostinos, Moules et Frites und Pavé de maigre. Dazu einen schönen Entre deux mers vom Marquis de Fontoy. Nach dem Dessert verlängern wir um einen Tag.

Freitag, 17. August 2012

29. Mai 2012, der zwanzigste Tag: Arès–Soulac-sur-Mer, 107,88 km

Wo die nackten Kerle Urlaub machen

Unser Hotel macht seinem Namen gleich beim Frühstück alle Ehre. Maritimes Ambiente mit Sand von fremden Gestaden in heimischen Gläsern, alles ist hübsch dekoriert. Am Tisch gibt's leckeres Brot und hausgemachte Marmelade, am Nachbartisch sitzen zwei Handwerker, die ihre Arbeit hoffentlich ernster nehmen als ihr Frühstück.

Kurz nach neun fahren wir nach rechts aus der Hoteleinfahrt und auf der Avenue de la Libération ins Ortszentrum. Direkt um die sehenswerte Kirche sind alle erforderlichen Angebote versammelt, wir ziehen uns ordentlich an und kaufen, was das Zeug hält. Die Kassiererin bei Carrefour trällert ein munteres „J'arrive!“ durch den Laden, am Längerwerden der Schlange kann man abmessen, wie ernst sie das nimmt.

Ein Bäcker, der nicht zu viel von seinen Kunden sehen möchte

Arbeitsteilung 2012: Einer kauft ein, einer knipst ab

Auf einer ehemaligen Bahnstrecke, dem Chemin de Gleysaou, rollt unser Frankreich-Express zügig nach Le Porge und von dort weiter nach Lacanau, einem Schwerpunkt der regionalen Tourismus-Szene, die sich hinter dem Dünenstrand rund um zwei großen Süßwasser-Seen ausbreitet. Ein paar Kilometer nördlich des Ortes wechseln wir auf eine lange Strecke durchs Dünen-, Hügel- und Mücken-Reservat.

Auf alter Trasse zu neuen Ufern

Der Weg ist steil und kurvig und führt durch weitläufige Wohnanlagen in den Hügeln zwischen den Seen. Es ist praktisch menschenleer und relativ dunkel, denn der dichte Pinienwald lässt kaum Licht nach unten durch. Die Lage ist eigentlich optimal: nah genug und dabei weit genug entfernt vom Strand.

Im Wald unweit von Hourtin-Plage gibt's nach 65 Kilometern Mittagessen, anschließend sind wir so gestärkt, dass wir erstmal fünf Kilometer Umweg machen, bevor wir die Straße nach Montalivet-les-Bains gefunden haben.

In Sachen Kahlschlag ist der Franzose absolut auf der Höhe

Verkehrs-Infrastrukturmaßnahmen können so natürlich wirken

Die Avenue de l'Europe führt kilometerlang an Campinganlagen vorbei, die sich westlich des Weges aneinander reihen. Wir lesen, dass hinter den Zäunen ein riesiges FKK-Zentrum liegen soll, offensichtlich ist aber noch niemand ein-, geschweige denn ausgezogen.

Die Hitze schmilzt den Asphalt des Radweges, wir verlieren sowohl reichlich Wasser als auch die Lust am Weiterfahren. Nach knapp 90 Kilometern stehen wir im merkantilen Zentrum des Ortes und müssen feststellen, dass wir in der uns umgebenden Trostlosigkeit nicht bleiben wollen. Obwohl wir die Schmerzgrenze zumindest erreicht haben.

Hauptversorger der zu erwartenden Nudisten ist ALDI, außer der Kassiererin spricht im überklimatisierten Laden niemand Französisch (ist ja auch kaum jemand da). Während ich vor dem Laden der etwas unglücklich verlaufenden Konversation eines niederländischen Liegeradlers mit zwei Französinnen meines Alters lausche (es gibt leider keine Sprache, in der sie sich verständigen könnten), findet Mo in den Regalen eine Packung mit fünf großen Quadern aus dunkler Schokolade, die einen intensiv schmeckenden Nougat-Kern umschließen. Die Teile sehen gut aus, bringen dem Körper allerdings jeweils nur schlappe 200 kcal.

Aber was soll man machen in der Not – Madame nimmt zwei, ich alle anderen.

Die Düne, die neben uns wanderte

Der Zucker wirkt schneller als erwartet, am Ortsende erreichen wir den Strand und eine riesige Düne, die bereits weite Teile der Straße erobert hat. Für uns bleibt noch etwas Platz, wir fahren nordwärts nach Soulac-sur-Mer. Ausnahmsweise begünstigt der Wind unser Vorwärtskommen.


Das Hotel liegt einige Kilometer vor dem Ortskern an einem Strand namens L'Amélie, der Patron schlägt vor, die Räder im Weinkeller übernachten zu lassen. Ich frage, ob dort eventuell auch für uns ein Plätzchen frei wäre, und er rät sofort und dringend ab: da unten gebe es sowieso nur Pétrus. Am Ende stehen die Räder im Heizungskeller, und wir tauschen in Zimmer 29 die Rad- gegen die Badeklamotten.


House of the Cool

Zum Strand sind es nur etwas mehr als einhundert Meter, das lässt sich nach dem heutigen Tag gerade noch bewältigen. Schwimmen kann man leider nicht, dafür ist zum einen das Wasser zu kalt (aber es tut richtig gut), zum anderen ist das Baden offiziell verboten, da der Strand nicht überwacht wird. Nach der Dusche kriegt jede/r eine Abreibung mit Neo-Ballistol und ein paar Minuten Pause zugestanden.

Vor dem Essen gönnen wir uns noch einen Lillet und einen Sauternes im Schatten, das Essen selbst – Austern, Cuisses de Canard – ist ausgezeichnet und der Service super. Dazu spielt dezenter Bebop und Cool Jazz, was weder zur Gegend noch zum Essen, noch zu den Gästen passt. Offensichtlich gefällt es aber dem Chef, und wir kommen nebenbei auch auf unsere Kosten.

So geht Urlaub!

Baden verboten, (be)wundern erlaubt

Donnerstag, 16. August 2012

28. Mai 2012, der neunzehnte Tag: Bordeaux–Arès, 91,88 km


Pfingstmontag, schönes Wetter, das macht früh munter. Die Gruppe von ca. 15 Franzosen, die sich ab halb acht an der langen Tafel vor unserem Zimmer zusammenfindet, erlebt das sehr intensiv und lässt uns umfänglich daran teilhaben.

Wir frühstücken indoors, sind früh fertig und haben etwas mehr Zeit für unsere Ehrenrunde durch die Stadt. Erst geht's durch die (noch) völlig stillen Straßen unseres Quartiers, dann nehmen wir einen Café an der Kathedrale und fahren von dort runter an die Garonne zum Wasserspiegel. Ein paar Jogger, ein paar Radler, wir folgen dem Ufer ein Stück und dann nach links quer über die Esplanade des Quinconces in den Jardin public.

Nicht nur wir schlafen morgens gerne etwas länger

Viele Körper, wenig Leben

Aus der Innenstadt fahren wir in südwestlicher Richtung nach Saint-Augustin, wo wir lernen, dass in Bordeaux' Vororten sogar am Pfingstmontag früh und intensiv gearbeitet wird. Zum einen in unzähligen kleinen Lebensmittelläden, Bäck- und Metzgereien, zum anderen in der Automobilbranche.

Zuerst höre ich in einiger Entfernung das hohe Pfeifen einer verstörten Alarmanlage, dann kommen wir völlig unvorbereitet an dessen Ausgangspunkt vorbei: Ein gepflegter 5er-BMW steht in unserer Fahrtrichtung links an der Straße, an seiner rechten Seite lehnt mit der Brust ein Mann, dessen linker Arm locker auf dem Dach des Wagens liegt. Seine rechte Hand sehe ich durch die Heckscheide, sie wühlt sich zielsicher durch die auf der hinteren Ablage platzierten Türen und Taschen.

Der Gauner lächelt entspannt, fehlt nur noch, dass er mir mit der freien Hand zuwinkt. Als ich Mo frage, ob sie's auch gesehen hat, ist sie entsetzt: „Was? Am helllichten Tag?“ So hat sie das zuhause nicht gelernt, da kommen die Verbrecher immer sonntags nach der Tagesschau, wenn es draußen dunkel ist.

Ein Bäcker, der weiß, was seine KundInnen denken

Kein Happy-End: das Ciné-Théâtre Girondin

Unser Weg führt weiter durch Pessac, einen sichtlich wohlhabenden Vorort, und an dessen Grenze auf die mit dem Lineal gezogene D1250, der wir die nächsten 30 Kilometer nach Westen folgen.

Anfangs fahren wir allein, nach einer kurzen Pause bei Pierroton hängt sich ein Rennradler an Mos Hinterrad. Da wir kein Taxibetrieb sind, macht mich diese Form der Beförderung von Mitfahrern immer ziemlich unruhig. Im konkreten Fall läuft es aber sehr gut, denn der Kollege taucht nach einigen Kilometern neben mir auf und schlägt vor, dass er ja auch mal vorn fahren könnte.

Das kommt gut an, wir wechseln uns etwa alle drei Kilometer ab und jagen mit einem Schnitt von über 30 km/h auf die Atlantikküste zu. Madame mosert nicht, sondern tritt, der Mitreißende verabschiedet sich bei Le Teich und empfiehlt einen Besuch im örtlichen Parc Ornithologique, für den unsere Zeit aber leider nicht reicht.

Denn im Office du Tourisme erfahren wir, dass unsere Transbassin um 14 Uhr in Arcachon ablegt. Und wir hatten noch kein Mittagessen!

Ende Mai = menschenleer

Am Strand von Arcachon trifft man komische Figuren

Viel Zeit bleibt uns nicht, aber wir sind ja gut vorbereitet und kommen tatsächlich zehn Minuten vor Abfahrt in Arcachon an. Nun gilt es, den Jetée Thiers zu finden und dort rechtzeitig anzukommen. Mo würde lieber schwimmen gehen, aber dafür ist genauso wenig Zeit wie für die Vögel.

Wir fragen uns durch, brettern über hölzerne Strandstege (ist ja noch nichts los) und erreichen quasi mit dem Glockenschlag den Ticketverkauf. Da wir nicht die einzigen Spätankömmlinge sind, hält die Verkäuferin das Boot per Funk auf, und wir kommen deutlich vor den anderen am Bootsanleger an. Die gewonnene Zeit können wir gut gebrauchen, denn wir müssen abpacken – die Räder werden aufs Dach der Barkasse gehievt, wir schleppen uns mit den Taschen nach vorne zum maritimen Chauffeur.

Links oben fremdes Rad, links unten befremdlicher Hinweis

Gegen halb drei erreichen wir Cap Ferret, fahren direkt zum Strand auf der anderen Seite des Zipfels – und essen erstmal was. Anschließend ziehen wir uns hinter einem zufällig vor uns stehenden Sichtschutz um, Mo geht schwimmen, ich schaue den Strandbesuchern zu. Es herrscht ein reges Kommen und Gehen, und unter beiden Gruppen befinden sich auffallend viele junge Mädchen mit Surfbrettern.

Ich schwimme in der zweiten Schicht: Das Wasser ist elend kalt (mein gestählter Schwager würde sagen: lauwarm) und sehr bewegt. Nach zehn Minuten halte ich es nicht mehr aus.

Man sieht, wie der Strand genannt wird: l'Horizon

Der Wind macht den Büschen hübsche Frisuren

Erst um halb fünf fahren wir weiter, eine lockere Schraube am hinteren Schutzblech (nein, kein Scherz) hält uns zusätzlich auf. Und natürlich gibt es weit und breit kein Hotel, das wir mögen könnten, die nächsten vermuten wir in Arès, das ist mehr als 30 Kilometer entfernt an der Nordspitze des Bassins.

Die Voie verte führt durch endlose Pinienwälder und vorbei an riesigen Campingplätzen, spät erreichen wir den Ort. Es ist Vorsaison, trotzdem stehen die Autos in langer Schlange in Richtung zurück nach Bordeaux. Die Hotelsuche gestaltet sich schwierig. Das eine mögen wir nicht, das andere mag uns nicht, um kurz nach sieben haben wir endlich eins gefunden. Das Haus liegt ein Stück abseits, aber in der Nähe gibt es ein Restaurant, das im Vorüberfahren einen akzeptablen Eindruck macht (wir fahren vorüber, nicht das Restaurant).

Kurz nach acht sitzen wir im „l'Incontournable“, das sich wie eine Pizzeria präsentiert, aber als ganz normales Restaurant entpuppt. Mutter und Tochter bedienen uns sehr freundlich, das Essen ist leckerst (Austern, Dorade, Crème brûlée) und der Wein super.

Das Bett ist zu kurz. Alle schlafen gut.