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Mittwoch, 5. September 2012

3. Juni 2012, der fünfundzwanzigste Tag: Talmont-Saint-Hilaire–Saint-Gervais, 90,72 km

Á la Bude de Bruch

Unser Frühstück hat genauso wenig Power wie wir, entsprechend unterversorgt machen wir uns auf den Weg zurück hinauf nach Talmont-Saint-Hilaire. Bereits nach kurzer Fahrt kommen wir an einem Abzweig vorbei, der auf einen neuen, noch nicht für den Verkehr frei gegebenen Zubringer zur Route nationale führt. Wir biegen wild entschlossen nach ab und sind bis zum Ende der Strecke entre nous.

An unserer Ausfahrt kommt uns eine Eingeborene entgegen, die gerade ansetzt, den Weg in umgekehrter Richtung zu nutzen. Sie lobt unseren Pioniergeist und weist uns den weiteren Weg. Gegen den Wind fahren wir auf der D4 nach Südwesten in Richtung Bourgenay.

Im Ort passieren wir eine Urlaubssiedlung von Pierre et Vacances, die aussieht wie Wertheim Village ohne Shopping.

Weiter geht es entlang der Baie de Cayola, wo links und rechts des Weges große Parks liegen, in denen man teils herrschaftliche Villen sieht und andernteils zumindest welche vermutet. Ein hochfeines Restaurant und zwei ebensolche Golfplätze runden das Gesamtbild einer auf wohlhabende Wirkung bedachten Siedlung ab.

Viel Wind, sonst nichts

Es könnte so schön sein, wenn wir und die anderen nicht da wären

Wenige Meter später und kurz vor Les Sables-d'Olonne kommen wir an so etwas wie Monza für Arme vorbei: eine Mini-Rennstrecke, auf der ältere Männer mit erweitertem Umfang und reduziertem Haupthaar in ihren Porsche, Maserati und Ferrari Stoßstange an Stoßstange sehr kleine Runden drehen und damit einige Zuschauer aus dem familiären Umfeld erfreuen können. Die Idee an sich und der von rechts herüber wehende Lärm und Gestank erinnern daran, dass Knete und Klasse nur in Ausnahmefällen Hand in Hand gehen.

Les Sables-d'Olonne begrüßt uns mit vielen Joggern, vielen Küstenwanderern und heftigem Gegenwind. Die Stadt ist recht belebt und hässlich wie die Nacht finster. Teils stehen noch erhabene alte Häuser am Straßenrand und man kann sich gut vorstellen, wie schön es hier einst gewesen sein könnte, aber überwiegend zieren vermeintlich neue Urlauberkästen, die längst wieder saniert werden müssten, unseren Weg.

Vorn viel Strand, hinten viel Elend

Wir kaufen bei Carrefour im Zentrum ein, fahren auf der D32 nach Olonne-sur-Mer und ein Stück hinter dem Ort auf der D38 weiter nach Brem-sur-Mer und Bretignolles-sur-Mer. Bei La Sauzaie wechseln wir auf eine Piste cyclable, die sehr schön durch die Dünen nach Saint-Gilles-Croix-de-Vie führt – kurz vor dem Ort machen wir Mittagspause und Mo telefoniert ein bisschen wegen der Entwicklung bei ihren Eltern.

Bis Saint-Jean-de-Monts gehen danach alle Orte mehr oder weniger ineinander über. Teils sind es Campingplätze, teils Ferienanlagen, teils Wohnsiedlungen. Und immer sind es Urlauberghettos. Mit den so genannten Mobile Homes hat man das System perfektioniert: in Reihenhaus-Formation auf den Campingplätzen aufgestellt und weder mobil noch home. Mauer oder Zaun drum – fertig. Dazu den Fun-Park für die Kleinen, Sky Sports für Papa, Karaoke für die Teenager und die Hausarbeit für Mama.

Ach ja, heute feiert Frankreich la Fête des mères.

Nicht alles ist Käse in Saint-Gervais

In Saint-Jean-de-Monts reservieren wir telefonisch ein Hotel im nahen Saint-Gervais, mit diesem Namen haben wir ja letztes Jahr schon mal sehr gute Erfahrungen gemacht. Leider lässt sich das diesmal so nicht sagen, das Hotel entpuppt sich als Bude de Bruch: alles Plastik, alles verschlissen, insgesamt unerträglich.

Augen zu und rein

Wir haben noch etwas Zeit vor dem Abendessen, die wir zum Ruhen nutzen. Beim Essen haben wir heute keine Wahl, denn es ist Sonntag und für die Hausgäste gibt es ein festes Menü: Jambon de Vendée, Faux Filet de Bœuf sauce au Poivre und Tarte aux pommes.

Nachdem wir unsere Vorspeise gegessen haben, nehmen einen Tisch weiter sechs Franzosen Platz, die mit dem angebotenen Schinken unzufrieden sind und lieber Austern hätten. Madame serviert also 36 Austern, ich beschwere mich und sie versucht mir zu erzählen, die Nachbarn hätten vorbestellt. Damit macht sie es nicht besser. Mit dem „besonderen“ Dessert, das sie uns als Wiedergutmachung offeriert, auch nicht.

Nach dem Essen telefonieren wir mit meiner Mutter. Mo bittet sie um den Versand von drei DIN-A4-Seiten per Telefax. Der Vorgang nimmt eine Stunde und 20 Minuten in Anspruch – so feiert man la Fête des mères!

Freitag, 31. August 2012

2. Juni 2012, der vierundzwanzigste Tag: La Rochelle–Talmont-Saint-Hilaire, 108,13 km

Ins Land von Gâche und Muscadet

Wir frühstücken am Fenster (wenig erfreuliche Aussicht), packen und schauen unten kurz in den „Frühstücksraum“. Er sieht aus wie eine schlechte Jugendherbergs-Kantine mit Selbstbedienung, Plastikgeschirr und -besteck; trotzdem sitzen da Menschen und essen. Das Angebot des Hauses ist laut großem Schild neben der Tür komplett Markenware, und tatsächlich ist alles von KRAFT, Unilever, Danone und Konsorten in Einzelportionen abgepackt (Butter, Marmelade, Wurst, Milch, Schmelzkäse usw. – das gesamte Elend der modernen Lebensmittelindustrie).

Also schnell in die Innenstadt. Das Office de Tourisme öffnet erst um neun Uhr, was uns eine halbe Stunde Zeit für einen Café am Hafen schenkt. Und dann gondeln wir mit einer kostenfreien Karte für den weiteren Weg fröhlich durch die Stadt.

Adieu La Rochelle, der Himmel winkt zum Abschied

Zunächst geht es durch den Parc Charruyer, der sich von den Hafenanlagen bis in den Norden La Rochelles erstreckt. Dort angekommen, passieren wir den örtlichen Tauchklub und kaufen auf der nahen Avenue de Fétilly bei Lidilly  ein.

Wir lernen, dass unsere Radkarte nicht nur kostenfrei war, sondern auch ziemlich wertlos ist. Nach einigen Fehlversuchen und Gesprächen mit unschuldigen Passanten finden wir aber doch einen Radweg, auf dem wir uns weiter verfahren und trotzdem irgendwie nach Nieul-sur-Mer kommen.

Klein und fein und sehr entspannt

Der Ort ist klein und macht einen angenehmen Eindruck. Während Mo das Klo okkupiert, trifft mich ein älterer Herr, der sich als erfahrenen Radler positioniert, uns den weiteren Weg an die Küste und direkt an ihr entlang nordwärts weist. An einigen Stellen erweist sich dieser Weg als ein bisschen schwierig, insgesamt kommen wir aber gut und schön voran.

Kurz vor Esnandes passieren wir einen Flohmarkt mit Hüpfburg und allgemeiner Familienbespaßung, was für alle Beteiligten einige Gefahrenmomente mit sich bringt. Im Ort wechseln wir auf die D105 nach Charron, von wo wir auf der D9 über die Brücke der Sèvre Niortaise fahren, die Charente-Maritime und Vendée trennt.

Einen Hinweis auf die Piste cyclable gibt es nicht, deshalb fahren wir auf dem gut ausgebauten Radweg weiter. Leider in die falsche Richtung.

Il était une fois une piste cyclable ...

Nach drei Kilometern merken wir, dass es so nicht weiter geht, fahren zurück zur Brücke und finden dort tatsächlich einen Hinweis auf die gesuchte Piste. Erst ist sie schwer zu finden, dann schwer zu fahren, weil bis auf einen schmalen Streifen völlig überwuchert.

Nach einigen Kilometern ist der Spuk vorbei, unser Weg mündet in eine asphaltierte Straße, links und rechts stehen kleine bäuerliche Anwesen. Drei andere Radler machen hier Pause, sie kennen sich offensichtlich gut aus und erklären den hinter uns liegenden Weg damit, dass an dieser Stelle vor zwei Jahren eine Riesenwelle den alten Weg wegriss, Farmen überflutete und 40 Menschen und rund 250 Tiere das Leben kostete. Für die folgende Strecke finden sie nur lobende Worte: gut beschildert, guter Belag.

Wir geben Gas und durchqueren auf Wirtschaftswegen riesige Korn- und Paprikafelder. Die Verbindungsstücke zwischen einzelnen Abschnitten des Weges sind schlecht, aber alles ist sehr gut beschildert. Das Korn ist hier bereits deutlich höher als in Deutschland und überall schon fast reif. Bei Saint-Michel-en-l'Herm machen wir in einer offenen Halle Mittagspause – es ist heiß!

Nur tote Fische schwimmen oben, hier sind das alle

Nach rasanter Weiterfahrt erreichen wir La-Tranche-sur-Mer, am Super U gibt's die fünf Schokoladen-Quader, die wir heute morgen bei Lidl erstanden haben (sie sind inzwischen so weich, dass wir sie aus der Verpackung lutschen können) und vier neue Fläschchen Wasser. Damit hat jeder von uns auf knapp 75 km drei Liter verbraucht, da sollte sich Herr Winterkorn mal ein Beispiel nehmen!

Die zunehmende Hitze macht den weiteren Weg zunehmend anstrengend, wir werden über Fußwege links und rechts der Straße geschickt und haben das Gefühl, mehr Sightseeing als Strecke zu machen. Überall blüht der Holunder, dessen intensiver Geruch uns seit den ersten Kilometern dieser Reise begleitet. Als nächsten Ort mit Hotel identifizieren wir Talmont-Saint-Hilaire. Wir reservieren per Telefon aus einer menschenleeren Bar am Rand der Rue de l'Océan in Jard-sur-Mer, wo man körperlich spürt, wie der ganze Ort nur darauf wartet, dass endlich die Saison ausbricht.

Es geht weiter kreuz und quer, bis wir endlich feststellen, dass wir unser Hotel vom Meer aus gar nicht erreichen können. Der Verzweiflung nahe fahren wir in östlicher Richtung zurück, erreichen nach einiger Zeit die D21 und fahren in den Ort hinauf. Zwischendurch schauen wir immer wieder auf den Routenplaner und hoffen, eine Abkürzung zu finden – leider ohne Erfolg. Es gibt nur den Weg hinauf zum Ort. Und dann wieder hinunter zum Strand.

Irgendwann nach sechs und mit knapp 110 Tageskilometern in den Beinen sind wir endlich da, die Leute sind etwas spröde, das Hotel wenig einladend. Wir duschen, Mo ruht etwas, danach nehmen wir die HP: fünf Super-Austern vom Stand gegenüber, Foie gras, Kabeljau-Rücken mit Kartoffelpüree mit Brie de Meaux und die Côte de Cochon pour moi. Dazu einen sehr guten Muscadet! Und sogar die Chefin ist von Gang zu Gang ein wenig aufgetaut.

Vor dem Schlafengehen lerne ich via Skype von meiner Mutter: Im Atlantik kann man nicht schwimmen, Biarritz ist ein Taucherparadies und im Westen ist es abends nicht länger hell als im Osten.

Gute Nacht.

Mittwoch, 22. August 2012

1. Juni 2012, der dreiundzwanzigste Tag: Saint-Trojan-les-Bains–La Rochelle, 92,17 km

Über die Brücken in den Hafen
Nach dem Frühstück ruft Mo bei ihren Eltern an, um den Stand der Dinge zu erfragen, dieses Ansinnen erfährt auf der anderen Seite aber nicht sonderlich viel Gegenliebe. Immerhin wissen wir nun, dass nichts Schlimmes passiert ist, und können um neun Uhr los fahren.

Natürlich nicht, ohne die inzwischen zahlreichen Oldtimer zu bewundern, die teils abgedeckt, teils offen den Hotel-Parkplatz füllen. Von den meisten Herstellern haben wir noch nie gehört, die Mehrzahl der Fahrzeuge ist noch voll und ganz dem traditionellen Kutschenbau verpflichtet und wahrscheinlich vergleichbar spritzig unterwegs.

Was Madame gerne an jedem Auto sähe

Fünf-Speichen-Design gab's bereits zur Jahrhundertwende

Wie bereits gestern Abend erkannt, müssen wir heute zurück über die Brücke. Den Weg kennen wir noch, über Le-Grand-Village-Plage erreichen wir zügig die D26, und auf ihr kommen wir direkt zur Auffahrt. Einerseits haben wir Glück: weniger Verkehr, weniger Wind. Andererseits mindestens genauso viel Angst, denn diesmal wissen wir ab dem ersten Meter, was uns erwartet, und mit einem Idioten von hinten muss man immer rechnen ...

Auch Fischers François fischt frische Fische

Spätestens beim Lesen dieser Zeilen kann der geneigte Leser aber sicher sein, dass alles gut gegangen bzw. gefahren ist. Um das Glück nicht weiter herauszufordern, verlassen wir in Bourcefranc-le-Chapus sofort die große Straße, rollen nach Bourcefranc und dort auf einem von vielen Chemins du Patrimoine erst zum alten Hafen und dann weiter auf einer kleinen Straße nach Hiers-Brouage.


Nicht gerade meerumschlungen, weckt aber  nördlichste Erinnerungen

Von dort geht es auf der D238 an von Kanälen durchzogenen Feldern vorbei in Richtung Saint-Agnant. Wir sehen Störche, Reiher, schwarz-weiße Kühe, frisch geschorene Schafe mit blau gekennzeichnetem Rücken und fühlen uns wie in Schleswig-Holstein.

Ab Saint-Agnant haben wir Probleme mit dem Weg und landen plötzlich auf der vielspurig ausgebauten und stark befahrenen D733. Wir nutzen gleich die nächste Ausfahrt zum Rückzug, erstehen in Les Èronelles ein neues Anti-Mücken-Spray und fahren ohne recht zu wissen, was uns erwartet, stetig geradeaus auf den Pont Transbordeur de Martrou zu.

Der Anblick des schmucken Geräts verschlägt uns die Sprache, gleich danach verschafft es uns eine zwar kurze, aber unvergessliche Überfahrt nach Rochefort.

Wie sollen wir bloß da hoch kommen?

Geschafft: Wir bleiben einfach unten

Die Suche nach der Piste cyclable verschieben wir, erst geht's zu einem riesigen Leclerc, und es dauert lange, bis Mo zurück kommt. Ich schaue drei ambitionierten Jungs zu, die eine ähnliche Tour wie wir machen. Sie kommen nach uns, fahren aber lange vor uns weiter. So ein Stress.

Beim Auto-Service gegenüber kann ich noch mein noch Hinterrad gonflieren lassen, dann machen wir uns erneut auf die Suche nach dem Weg. Ein Motorradfahrer befürchtet, dass wir auf die Autobahn zusteuern, er hält uns an und hilft uns, auf den rechten Weg zu kommen. Nach drei Kilometern machen wir an einem schattigen Plätzchen an der Charente Mittagspause. Ein Fahrlehrer nutzt die wenig befahrene Strecke für Übungsfahrten und Wendemanöver mit einem Schüler. Es wird immer heißer.

Die weitere Beschilderung bis Châtellaillon-Plage ist verheerend. Wir müssen an jeder zweiten Ecke suchen und fragen, zum Teil stehen Wegweiser auf Verkehrsinseln und sind überwuchert. Wir ärgern uns ordentlich, kommen am Ende aber doch an. Der Ort selbst lebt heute von unzähligen Thalasso-Zentren und -Angeboten, wir beschränken uns auf einen Café in Centre ville.

Bei Angoulins nimmt uns ein Radfahrer mit Hund ein Stück mit und weist uns den Weg nach La Rochelle. Entlang der Küste fahren wir durch langgezogene Grünanlagen direkt in den Yachthafen vor der Stadt. Er wird gerade umgebaut, was uns zu größeren Umwegen zwingt. Der Asphalt auf den Straßen hat den Kampf gegen die Sonne leider verloren, er hält sich an unseren Rädern fest und nimmt vom Weg alles mit, war er unterwegs zu fassen kriegt.

Wir müssen leider draußen bleiben – im Yachthafen vor der Stadt

Auf den neuen folgt der alte Hafen, direkt im Stadtzentrum angelegt und von zwei Wehrtürmen gesichert. Wir fahren durch die Buden- und Fahrgeschäftsstraßen der aktuellen Kirmes, finden ein architektonisch führendes Office de Tourisme und dort ein umfassendes Hotelverzeichnis. Draußen vor der Tür will uns eine sehr rüstige Rentnerin beim Suchen helfen; in einem längeren Gespräch erzählt sie von ihren Radreisen und geht mit uns die Vor- und Nachteile der örtlichen Herbergen durch. Wir fahren drei Hütten ab und landen am Ende bei b&b – schwierig für 77 Euro.

Alter Hafen, neue Eindrücke

Abends ziehen wir durch La Rochelle, die Stadt wirkt sehr südlich, ist sehr belebt und kommt sehr französisch rüber. Natürlich essen wir im Touristenviertel: anfangs Austern und einen Krabbenauflauf, später Turbot und Lotte plus einen super Vouvray.

Der Rückweg ist noch interessanter als der Hinweg, entsprechend spät sind wir im Hotel. Aber glücklich.

Überall ausgezeichnete Stimmung, hohe Ansteckungsgefahr

Montag, 20. August 2012

31. Mai 2012, der zweiundzwanzigste Tag: Ruhetag auf der Île d'Oléron

Willkommen zum Oldtimer-Treffen

Endlich mal wieder ausschlafen und spät frühstücken. Ich wechsle die Decke an meinem Hinterrad und stelle fest, dass bislang besseres Material auf der Felge saß. Aber die alte Decke war auch mehr als doppelt so teuer wie die neue.

Mo genießt den Pool, ich arbeite im Büro das Nötigste ab und leiste ihr später Gesellschaft. So geht der Tag ins Land. Obwohl wir erst drei Wochen unterwegs sind, denken wir heute schon an die Heimreise: Ab halb sechs planen wir mit Junior fürs Burgund und buchen die beiden bekannten Hotels. Er wird am 19. Juni mit dem Auto nach Pont-de-Veaux kommen,  sein Rennrad mitbringen und gemeinsam mit uns eine Woche in der Bresse die Hügel rauf und runter düsen.

Um sieben nehmen wir den Apéritif, inzwischen sind auch die ersten Oldtimer da (Autos und Fahrer), die das Hotel zwei Tage lang praktisch ausgebucht haben. Die Halbpension fällt wieder üppig aus: zwei Mal Assiette des Fruits de Mer mit wirklich allem, was das Wasser hergibt, ein Magret de Canard für Mo, und ein Mi-cuit de Thon snacké orientale für mich. Alles super-lecker!

Leider ist der Service heute noch miserabler als gestern. Die Jungs arbeiten völlig ohne System, kratzen sich beim Aufnehmen der Bestellung den Kopf, und einem hängt das Hemd aus Hose, dass man befürchten muss, er steht gleich ohne da.

Nach dem Essen lesen wir, dass Mos Mutter gestürzt ist und sich die Hand gebrochen hat. Das heißt: Ab morgen ist ihr Vater ein paar Nächte allein zu Haus. Mir wird parallel bewusst, dass wir morgen früh wieder über die Brücke des Todes fahren müssen.

Na, gute Nacht.

Nachts sind alle Lampen hell

Sonntag, 19. August 2012

30. Mai 2012, der einundzwanzigste Tag: Soulac-sur-Mer–Saint-Trojan-les-Bains, 86,16 km

Vom Paradies in die Hölle

Nach einem gutem Frühstück fahren wir nochmal an den Strand, um einen Blick aufs Meer zu werfen. Das Strandcafé mit integriertem Gesamtversorgungskonzept hat bereits geöffnet, wir nutzen die Gelegenheit, uns hochpreisig mit Baguette und Wasser zu versorgen.

Vom Amélie-Strand geht's entlang einer wenig befahrenen Straße, an deren Rändern meist gut erhaltene und sehr individuell gestaltete Sommerhäuser der Jahrhundertwende stehen, ins lebhafte Zentrum von Soulac-sur-Mer. Vor uns liegen insgesamt ca. 15 Kilometer bis zur Bac über die Gironde, die Abfertigungszone erinnert an den Fährhafen von Genua, hier muss im Sommer die Hölle los sein.

Wir rollen 20 Minuten vor Abfahrt ein, es ist menschenleer. Die Abfertigung verläuft völlig entspannt, der Preis ist in Ordnung (ist ja Vorsaison). Während wir in den Bauch der Fähre fahren, kommen wir mit einer Deutschen ins Gespräch, die schon seit Jahren hier den Urlaub verbringt und gerne mal „zur Abwechslung“ auf die andere Seite übersetzt.

Das klingt viel versprechend, also rauf aufs Deck und Vorfreude auf die Ankunft in Royan; die Überfahrt dauert etwa 20 Minuten und führt – direkt in die Hölle.

Wer vorne sitzt, sieht das Elend früher

Nach 20 Minuten maritimem Lebensgefühl ...

... werden alle hinaus in die Realität sortiert

Die Stadt war während des 2. Weltkriegs von deutschen Truppen besetzt und wurde durch englische und amerikanische Luftangriffe im Januar bzw. April 1945 vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde sie zum „Laboratorium städtebaulicher Forschung“ erklärt und in diesem Geiste wieder aufgebaut. Davon hat sie sich bis heute nicht erholt und wird sich nach Lage der Dinge auch nie mehr erholen.

Auch unser Telefon leidet unter der Umgebung: Wir haben seit rund einer Stunde kein Netz mehr.

Die MitarbeiterInnen des Office du Tourisme zählen zur Spezies „fleischgewordenes Desinteresse“, im Maison de la Presse haben wir mehr Glück und können eine Karte für die vor uns liegende Charente-Maritime erstehen. Die Devise lautet: Nichts wie weg!

Royan: belebte Betonwüste am Atlantik

Unser Fluchtweg ist lang und führt durch schreckliche Urlauberghettos – La Métaine, Les Groies, Saint-Palais-sur-Mer, Puyraveau – bis zur Grande Côte (Die große Scheiße). Von dort folgen wir einer gut ausgebauten Piste cyclable, durch Pinienwald und über Dünen geht es ordentlich rauf und runter. Die Mittagspause verlegen wir auf einen Parkplatz unter Bäumen, wir haben immer noch kein Netz, unsere französischen Nachbarn schon.

Auch nach dem Essen bleiben wir auf der Piste, passieren die Schrecken von La Palmyre und erreichen nach Durchquerung weiteren Pinienwaldes den Phare de la Coubre, der seit mehr als 100 Jahren die wilde Küste ziert. An der Tankstelle gegenüber der ClubMed-Anlage in La Palmyre lassen wir nochmal ordentlich Druck auf die Reifen gegeben, die nächsten 16,5 Kilometer nach Ronce-les-Bains gehen wir entsprechend flott an.

Entlang der Küste gehen den Fischern nicht nur Austern ins Netz

107 Jahre Phare de la Coubre: im Westen nichts Neues

Vier Kilometer vor dem Ort entweicht meinem Hinterrad ein lautes pff-pff-pff: Die Decke hat ein Loch, der Schlauch ist kaputt. Ich ärgere mich, dass ich so fest aufgepumpt habe, wechsle den Schlauch und flicke die Decke von innen provisorisch mit einem kleinen Stück Karton – das hält tatsächlich.

In Ronce-le-Bains suchen wir einen Fahrradladen und finden eine Location des vélos, die uns zwar nicht direkt helfen, aber wenigstens eine Adresse im drei Kilometer entfernten La Tremblade nennen kann. Der kleine schwarze Bub, der bei uns im Hof steht, kann nicht akzeptieren, dass nicht-französische Touristen Französisch sprechen, er will partout Englisch mit uns reden. Der Laden in La Tremblade hat tatsächlich eine passende Decke, der Verkäufer ist freundlich wie ein Franke, verlangt aber nur 13 Euro für das – hoffentlich – gute Stück; den Wechsel verschiebe ich auf später.

Im Ort halten wir noch kurz an einem Telefonladen, die Chefin persönlich prüft unsere SIM-Karten und Telefone – Letztere funktionieren einwandfrei, aber wir haben weiterhin kein Netz. In einer Bar an der Hauptstraße nehmen wir einen Café an der Hauptstraße, die Chefin gestattet uns, ihr Telefon für unsere Hotelbuchung zu missbrauchen. An der Theke steht ein toller Hund, sein junges Frauchen pfeift sich zwei, drei demi rein, bevor sie ins Auto steigt. Der Deutsche am Nachbartisch fragt „Ihr seid aber nicht mit dem Fahrrad aus Deutschland hierher gekommen?“, Mo sagt „doch“, er verdreht die Augen.

Auch alte Brücken haben ihre Tücken

Auf der D728E fahren wir hinüber nach Marennes, überall sehen und riechen wir die Austern-Bassins, überall liegen vom Salzwasser angegriffene -Gestänge; noch zwölf Kilometer bis Saint-Trojan-les-Bains, dem heutigen Tagesziel.

Vor uns liegt zunächst die Brücke zur Île d'Oléron. Sie beginnt bei Bourcefranc-le-Chapus, führt in nordwestlicher Richtung dreieinhalb Kilometer übers Meer und bietet Radfahrern und Fußgängern jeweils etwa 60 Zentimeter Überlebensraum seitlich der Fahrspuren. Der Fußgänger hat drei nicht zu unterschätzende Vorteile:

1. Zwischen ihm und den mit 80–100 km/h vorbeidonnernden Autos befindet sich eventuell ein Radfahrer.

2. Der Fußweg liegt etwa 15 Zentimeter höher als die Straße, Autos und Fahrräder kommen da nicht leicht hinauf.

3. Der Fußgänger kann bei Bedarf übers Geländer springen.

Unsere Spur vereint die vorgenannten Nachteile, und wir haben reichlich Zeit, über sie nachzudenken. Außerdem kommt der Wind von links vorn, die Autos halten ihn während der Passage kurz ab und erhöhen damit spürbar die darauf folgende Wirkung, so machen sie ihn völlig unberechenbar. Erfreulicherweise fordert die Überfahrt keine Todesopfer.

Jadgsaison auf der Brücke zur Île d'Oléron

Saint-Trojan-les-Bains ist natürlich nicht ausgeschildert, aber fragen hilft. Unser Hotel ist zunächst ebenfalls kaum zu finden, letztendlich kommen wir aber knapp zwei Stunden vor dem Abendessen an. Die Schweizerin an der Rezeption möchte ihr Deutsch verbessern und hat ein gutes Angebot, plötzlich lebt auch das Telefon wieder. Nach acht Stunden!

Die Halbpension ist günstig, das Zimmer OK, abends gibt es Bulots, Panache de Crevettes et Langostinos, Moules et Frites und Pavé de maigre. Dazu einen schönen Entre deux mers vom Marquis de Fontoy. Nach dem Dessert verlängern wir um einen Tag.