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Freitag, 1. Februar 2013

15. Juni 2012, der siebenunddreißigste Tag: Ruhetag in Saligny-sur-Roudon

Muttertag!

Trotz gestörter Nachtruhe infolge erfolgreicher Geburt – meine Augenzeugin berichtet, dass es etwa eine Stunde gedauert (darf bei Pferden auch nicht lange dauern, sind ja Fluchttiere) und der Vater in der Box nebenan ordentlich mitgearbeitet hat –, stehen wir schon um halb acht auf.

Ich fahre nach Saligny, um Brot zu holen (die Dame in der Épicerie erkennt mich am Fahrrad und am Griff ins Chèvre-Regal wieder: „Vous étiez déjà la!“). Zurück im Haus gibt's Frühstück für fünf, Mo hilft bei der Pferde-Pflege, ich putze die Räder. Madame wirft mir anschließend vor, ich hätte ihr Rad mit dem falschen Mittel geputzt, weil es zwei (!) matte (!!) Stellen (!!!) am Rahmen gibt. Das gibt vor allem Ärger.

Aber am Ende sieht sie immerhin ein, dass es nicht mein Fehler war, sondern eine Reaktion auf die Plastikflasche ist, die dort immer im Halter steckt.

Mutter und Kind (steht schon, ist aber noch etwas anlehnungsbedürftig)

Nach einem kurzen Mittagessen zieht es die vier Damen nach Moulins zum Zahnarzt, zum Einkaufen und in die Bar am Markt. Ich bleibe bei den Hunden und Pferden und versuche, etwas zu arbeiten. Das Kleeblatt trifft kurz nach sechs wieder im Hause ein, um sieben sind wir bei einer Bekannten zum Apéro eingeladen. Aber es gibt noch viel zu tun – z.B. Wäsche aufhängen.

Vater (stolz wie ein Spanier)

Wir landen entsprechend spät bei Françoise, die den Apéro zum vollwertigen Dîner aufgedüst hat: Es gibt alles, was man sich an Pasteten, Schinken, Fisch und sonstigen Leckereien wünschen möchte. Dazu reichlich Wein, eine Charlotte zum Dessert und viel Französisch. Ihre Mutter ist ebenfalls mit von der Partie und im Hintergrund lauert der gehörlose Bullterrier.

Bevor wir um halb eins ins heimische Bett sinken, schreibt unser Nachwuche, dass seine Freundin krank zu Bett liegt und eventuell ab Montag ins Krankenhaus muss. Morgen sagen wir die Woche im Burgund ab. Schade eigentlich, ist jetzt schon das zweite Mal.

Donnerstag, 31. Januar 2013

14. Juni 2012, der sechsunddreißigste Tag: Decize–Saligny-sur-Roudon, 80,47 km

„It doesn't convince the wife.“

Frühstück im Zimmer, anschließend packen, Treppe runter, zahlen. Unten stolpern wir mit unseren über die Taschen des  Pärchens, das gestern Abend unseren Nachbartisch bevölkerte. Wie sich herausstellt, sind es Australier, die für acht Wochen zum Radfahren nach Europa gekommen sind.

Nein, da biegen wir jetzt nicht ab, das ist Decize, da kommen wir her

Wir quatschen ein bisschen, wünschen einander gute Weiterfahrt, und fahren um kurz vor neun los. Der Weg durch Decize ist schwerer zu finden als es der Blick auf unsere Karte vermuten ließ. Wir finden noch einen Lidl, und direkt nach uns rollen auch die Australier ein, was er mit der Bemerkung „Great minds think alike“ kommentiert.

Vor dem Laden machen wir ordentlich Rollenverhalten:

Die Mädels gehen einkaufen, die Jungs reden über Technik, in diesem Fall über sein Garmin GPS System, das alle Karten und Funktionen dieser Welt in sich vereint und absolut zuverlässig jede Wegbiegung kennt, aber eines trotzdem nicht schafft – siehe oben.

Hier geht's so fix voran, ...

... dass man schnell mal die Abfahrt verpasst

Wir fahren als erste los und sind die nächsten Kilometer am Kanal so schnell unterwegs, dass wir die richtige Abfahrt verpassen. So produzieren wir einen Umweg von sechs hügeligen Kilometern, bevor wir in Saint-Hilaire-Fontaine wieder auf den rechten Weg stoßen. Ein Stück hinter Cronat nehmen wir uns Zeit fürs Mittagessen, wir haben inzwischen fast 50 Kilometer hinter uns.

So, so, hier fahren also die Buckligen los?!

Der Weg nach Bourbon-Lancy führt von Hügel zu Hügel. In der Stadt angekommen, fahren wir hinunter zum Plan d'eau und entscheiden uns dort für die kürzere von zwei Alternativen in Richtung Digoin.

Um zweieinhalb Kilometer zu sparen, quälen wir uns einen langen, kurvigen Anstieg hinauf und stellen oben fest, dass wir die falsche Entscheidung getroffen haben – wir sind im Ortszentrum. Wenigstens ist der Ort ansehnlich (hier könnte unser kleines P lernen, wie man Mittelalter präsentiert bzw. wie Mittelalter tatsächlich aussieht), und es gibt dünnen Kaffee für zwei Euro zwanzig.

Schön alt ...

... und schön halt

Nun müssen wir den Anschluss an die D979 finden. Das ist nicht leicht, klappt am Ende aber doch, und wir finden sogar den Radweg, der uns an den Abzweig nach Diou führt. Entlang des Kanals nehmen wir die letzten sechs Kilometer in Angriff, an der Brücke von Pierrefitte gibt's für jeden noch einen 200-Kalorien-Stein, dann geht es die letzten Hügel hinauf zur Pferde-Farm.

Heute geht es viel entspannter aufwärts als beim letzten Mal. Liegt das nun an den Steinen, den inzwischen zurückgelegten Kilometern oder daran, dass uns die Hügel mental nicht mehr überraschen?

Links der werdende Vater, rechts die später gebärende Mutter

Auf der Weide vor dem Haus steht eine hochschwangere Stute, die Bewegung möglichst vermeidet, rundum sind einige Hengste in Isolationshaft. Die Hunde begrüßen uns, sonst ist niemand zu sehen.

Die Damen sind im Stall, außer uns ist bereits eine weitere Freundin angekommen, es stehen ungewöhnlich viele Pferde in den Boxen – z.B. eine Dreijährige, die nach einem Schlangenbiss gepflegt werden muss, der sich zu einem großen Abszess links und rechts der Kuppe ausgeweitet hat (nein, sowas fotografieren wir nicht).

Wir kriegen erstmal einen Panaché, werden dann auf die in der Nacht erwartete Niederkunft eingestimmt und zum Duschen geschickt. Nach dem Abendessen schalten unsere Gastgeberinnen den Monitor der Stallüberwachung ein, und alle gehen schlafen. Um halb vier wecken sie Mo, die unbedingt bei der Geburt dabei sein will.

Und die Sonne kommt auch schon mal nieder

Mittwoch, 30. Januar 2013

13. Juni 2012, der fünfunddreißigste Tag: Sancerre–Decize,114,56 km

Die Fenster zum Himmel

Das Frühstück fällt heute knapp aus, es ist einfach nicht mehr viel da. Deshalb wollen wir zum Nachfüllen in den Carrefour unten am Kreisel. Mo zahlt, ich sehe unterdessen unsere Retterin vom Vorabend und bedanke mich nochmal. Die Dame selbst ist gut drauf, die mit ihr frühstückenden Briten (?) schauen mich eher disappointed an – evtl. bin ich etwas underdressed.

Um Viertel vor neun fahren wir los.

Nach zwei Kurven gleich ein Moment der Entscheidung: links geht's nach Saint-Satur (und zum Kreisel), rechts nach Ménétréol-sous-Sancerre und in eine ernährungstechnisch ungewisse Zukunft. Abenteurer, die wir sind, drehen wie nach rechts und werden gleich mit einer schönen, weil schön langen Abfahrt belohnt.

Man wird die Felder auch mal mähen

Der weitere Weg ist schnell gefunden, es geht auf den Damm, links und rechts stehen verschiedene Blumen und Gräser hoch, wir düsen mit knapp 30 km/h Reisegeschwindigkeit, aber ohne nachweisbares Mittagessen mitten durch.

Kurz vor Pouilly-sur-Loire taucht rechts eine Ferme mit ungewöhnlichen Tieren auf: neben Esel, Pferd und Hund und Katzen sehen wir zwei Lamas, und auf deren Gatter steht ein Pfau mit breitem, langem Schweif. Wir warten ein bisschen, aber Rad schlagen hat er heute nicht im Programm.

Die bessere Hälfte der Brücke nach La Charité

Bis kurz vor La Charité-sur-Loire bleiben wir auf dem Levée Napoléon, fahren dann über die zur Hälfte eingerüstete, schwer passierbare Brücke und kaufen im Ort doch nur ein Baguette. Denn der SPAR ist irgendwo „oben neben der Mairie“, was uns nach einem Blick hinter die örtliche Kirche sehr fern und ziemlich steil erscheint.

Also fahren wir zurück über die Brücke, um unseren Weg auf der Straße fortzusetzen. Davon hält uns auf der anderen Seite ein französischer Radler ab, der dringend den Weg auf dem Damm empfiehlt: zu viel Verkehr auf der Straße, bester Belag auf dem Damm. Wir folgen seinem Rat, erleben freundliche Mäher, wenig Gegenverkehr und rasantes Vorwärtskommen.

Hier geht einfach alles glatt

Schneller als gedacht sind es nur noch 30 Kilometer bis Nevers – zumindest wenn man auch dem zweiten Rat des Rad-Kollegen folgt und ab Fourchambault auf den Radweg neben der D40 ausweicht, statt die längere Strecke am Kanal zu nehmen. In Fourchambault schauen wir uns erstmal den Carrefour an, füllen unsere Vorräte auf und entscheiden uns am Ende doch für den (Um)Weg entlang des Kanals.

Also wieder zurück über die Brücke und südwärts zur Mündung des Allier in die Loire. Direkt am Pont canal finden wir einen Spitzen-Picknick-Platz, den wir erst räumen als es anfängt, leicht zu tröpfeln.

Brücke von unten

Brücke von oben

Kanal von vorn

Die nächsten Kilometer führen uns mal wieder an einem Kanal entlang, diesmal bis Nevers. Nach Überquerung der Brücke finden wir direkt ins Centre ville und zur beeindruckenden Kathedrale.

Im Innern eher schlicht anmutend, haben die Verantwortlichen der Gemeinde bei den Fenstern einen Mut bewiesen, der weit über die Chagall-Fenster in Mainz und das Richter-Fenster in Köln hinaus geht: Zwischen 1977 und 2009 wurden alle Fenster der Kathedrale von unterschiedlichen Künstlern neu gestaltet und von unterschiedlichen Glasern neu produziert.

Im gotischen Ostchor hat Claude Viallat 15 Fenster geschaffen, im romanischen Westchor beeindrucken die Fenster von Jean-Michel Alberola, und entlang des Hauptschiffes haben Gottfried Honegger und der Glasbauer Jean Mauret mit zehn Fenstern ein echtes Meisterstück abgeliefert: je fünf Fenster pro Seite kommen mit je einer Farbe aus. Und das in einer katholischen Kirche! Incroyable!

Nevers my love!

Um diese Eindrücke zu verarbeiten, gibt's am Sortie für jeden noch 200 Kalorien in Form eines Schokoladen-Rochers gefolgt von einer kleinen Rundfahrt durch die Altstadt von Nevers, und dann geht's retour an den Kanal. Dort erwartet uns leider ein Revêtement irregulair, das stark an den Canal du Midi erinnert. Mo votiert sofort für die Straße, ich schließe mich an, der Himmel wird schwarz.

Il peut pleuvoir

Wir schaffen keine zwei Kilometer, dann fallen die ersten Tropfen. In kurzer Entfernung sehen wir eine Brücke, sie führt die Straße über den Kanal, wir schaffen es gerade so, dann gehen oben die Schleusen auf. Unter der Brücke steigen wir in die Regensachen, denn der Wind hat stark zugenommen, und es wird kalt.


Etwa eine halbe Stunde warten wir zitternd unter der Brücke, dann lässt der Regen nach und wir fahren weiter. Es sind noch etwas mehr als 20 km bis Decize, anfangs müssen wir uns nochmal in einem Wartehäuschen unterstellen, dann kommt langsam die Sonne zurück, der Himmel wird wieder blau und alles sieht aus wie frisch gewaschen.


Was das Eine mit dem Anderen zu tun haben mag, werden wir wohl nie ergründen

Kurz vor halb sieben sind wir im Hotel, duschen, umziehen, Bürokram und dann die Nachricht, dass es auch Zuhause stark geregnet hat. So stark, dass durch den Abfluss im Keller Wasser in die Waschküche gedrückt wurde. Na, das hat gerade noch gefehlt!

Im Restaurant erwartet uns die Tochter des Hauses, die uns mit und an einem Tisch ganz vorne abspeisen möchte. Wir nehmen lieber einen anderen, so schafft man sich Feinde. Mama nimmt die Bestellung auf: Schnecke in Spinat mit Knoblauchsauce, gebratene Foie gras de Canard auf Feigenbrot, Pavé und Tournedos vom Charollais-Rind. Papa kocht ordentlich.

Die Tochter hat eine orangefarbene Stoffserviette schön gefaltet unter ihre rechte Achsel geklemmt, die legt sie nur ab, wenn sie vom Käsewagen bedient. Dann kann die Serviette mit dem Käse um die Wette müffeln. Unserer Freude am Käse tut dies keinen Abbruch, langsam taut das mürrische Frollein auf, und als sie die Desserts annonciert, sind wir fast schon Freunde geworden.

Zurück im Zimmer erfahren wir, dass Mario Gomez 2:1 gegen Holland gewonnen hat, Christineke schreiben später, dass wir morgen trotzdem kommen dürfen.

Montag, 31. Dezember 2012

12. Juni 2012, der vierunddreißigste Tag: Ruhetag in Sancerre

Zwanzig Gänge himmelwärts


Direkt nach dem Aufwachen der Griff zum Telefon, Zimmer prolongiert, wieder umgedreht, spät aufgestanden. Dusche in der Dusche, Frühstück im Zimmer und anschließend wissen wir nicht, was wir nun machen sollen. Machen wir doch einen Bummel durch die Stadt, bevor der Regen losgeht.


Fern fließt der Fluss, wir sind dem Himmel nah


An vielen Stellen lässt sich die Aussicht genießen, wir besuchen die alte Kirche, kaufen beim Affineur ein bisschen Crottin de Chavignol fürs Mittagessen und bestaunen die mal besser und öfter mal schlechter erhaltenen Gemäuer in den verwinkelten Gassen.


Ab halb zwölf arbeiten wir ein bisschen in der Bar (kein Scherz, da gibt's eine stabile Internet-Verbindung und Tische, an denen man wirklich arbeiten kann), um halb eins ziehen wir uns zum Essen auf unser Zimmer zurück.


Wir wollen unbedingt nochmal raus, bevor der Regen losgeht.


Triste Perspektiven ...

... wechseln mit romantischen Ecken ...

... und Tante-Emma-Läden, in denen die Zeit stehengeblieben scheint

Nach dem Essen schreibe ich bis drei, Madame schläft und lässt sich erst durch die Aussicht auf einen Café mit Törtchen zum Aufstehen bewegen. Unterwegs loben wir den vormittags gekauften und inzwischen verputzten Käse. Die Verkäuferin lacht und erklärt uns, dass wir im Supermarkt halt nur den abgepackten Mist bekommen, während sie nach eigenen Vorstellungen affinierte Leckereien feilbietet.


Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir gehen zurück zum Hotel und arbeiten noch zwei Stunden in der Bar. Unterwegs beeilen wir uns, damit wir im Hotel sind, bevor der Regen losgeht, vergessen aber nicht, einen Tisch für den Abend zu reservieren.


Place du Beffroi – hinten das älteste Haus, rechts die älteste Kirche Sancerres

Um Viertel vor acht zum Essen ins La Tour. Dort gibt es in feinem Ambiente eine sehenswerte Karte, die u.a. ein Degustationsmenu offeriert, das meiner Gattin deutlich zu teuer ist. Also bestelle ich es zweimal mit Weinbegleitung.

Die dieser Eigenmächtigkeit folgende, erregte Diskussion flacht nach dem Mise en bouche ab, nach der cremigen Gurkenkaltschale mit Langostinos ist sie beendet und die frisch gebratene Foie gras in Hibiskusbrühe wird ebenso wohlwollend aufgenommen wie die Lotte mit Speck, das iberische Schwein und die fünf weiteren Tellerchen, deren Inhalte ich nicht beschreiben kann.

Inklusive Apéritif, Wein und Café zahlen wir am Ende nur etwas mehr als das Doppelte dessen, was wir gestern Abend bei Alphonse für drei Gänge berappen durften. Und Madame guckt beim Verlassen des Hauses als wär' sie dem Himmel so nah.

Und natürlich der älteste Eisenwarenladen

Es ist spät geworden, wir müssen sehen, dass wir zurück kommen, bevor der Regen losgeht. Um zwanzig nach elf sind wir am Hotel, es ist geschlossen, und wir haben den Code vergessen.

Gottseidank steht noch eine Gästin in der dunklen Halle, die uns reinlässt und sehr clever aushorcht (da könnte ja jeder kommen!). Nach Französisch und Englisch einigen wir uns auf Deutsch, denn sie kommt aus Hamburg, ist seit 40 Jahren mit einem Engländer verheiratet und lebt jetzt in den Hautes-Pyrénnes.

Derzeit sind sie mit Freunden zum Weinkaufen hier. Und natürlich, um die vergesslichen Dödel aus der Heimat ins Hotel zu lassen.

Wir gehen schlafen, bevor der Regen losgeht.

Sonntag, 30. Dezember 2012

11. Juni 2012, der dreiunddreißigste Tag: Sully-sur-Loire–Sancerre, 93,37 km

Es geht aufwärts!

Frühstück im Hause, es ist das beste, das uns diese Tour bisher beschert hat. Auf meine Frage nach dem Bäcker schaut uns der Patron zunächst verständnislos an und erklärt dann, dass er die von uns verzehrten Baguettes heute morgen selbst gebacken hat. Und die Viennoiserie ebenfalls.

Er kann verstehen, dass wir nicht noch einen Abend bleiben wollen, ohne sein Restaurant auszuprobieren und nimmt es entsprechend entspannt hin, dass wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen. Vor dem Hotel ist inzwischen der wöchentliche Markt aufgebaut, es ist kurz nach neun.

Ein Château! Ein Château!

Am Château vorbei fahren wir ein paar Meter auf sandiger Piste, dann geht es wieder auf den Damm – heute rollt es besser als gestern, denn der Wind ist mit uns. Die Fahrt geht über ca. acht Kilometer, dann biegt der offizielle Weg auf eine andere Strecke ab. Wir bleiben auf dem Damm.

Kurz hinter Lion-en-Sullias, etwa auf Höhe des AKWs auf der anderen Seite, kommt plötzlich ein Hund von links aus dem hohen Gras, das den Damm säumt. Hinter ihm tritt eine Frau in den späten Zwanzigern auf den Weg. Sie entpuppt sich als Lohn-Schäferin aus Holland, die bis Oktober 400 Schafe für eine Gemeinde nördlich von Gien durchs Land treiben und dann zurück nach Holland gehen wird. Unten blökt es wie wild, und die Frau weist uns fröhlich darauf hin, dass ihre Schafe an dieser Stelle offiziell gar nicht weiden dürften.

Wir wünschen weiterhin guten Appetit, wechseln am Ende des Damms auf die Straße nach Saint-Gondon und hinter dem Ort zurück auf den Damm bis Gien. Die Stadt sieht aus der Ferne zwar sensationell aus, das entpuppt sich aber als zwiespältig, denn nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie vollständig im alten Stil wieder nachgebaut.

Gien: optisch ansprechende Neubausiedlung am Ufer der Loire

Von Gien fahren wir abseits der Loire durchs Land, bei Briare treffen wir auf eine Kanalbrücke über die Loire, wie wir sie aus Digoin kennen. Nach Besuch des örtlichen Bäckers verfahren wir uns und finden erst nach einiger Zeit wieder aus der Stadt hinaus. Auf der Route d'Ousson kommen wir genau dorthin, überqueren die nächste Brücke und machen nach 50 Kilometern Tagesstrecke um halb eins auf der anderen Seite Mittag.

Was ist das: mehr als 100 Jahre alt, 663 Meter lang und überbrückt die Loire bei Briare?

Der Mensch muss Ziele haben im Leben

Danach zunächst einmal entlang des nächsten Canal latéral, dann auf absolut frischer Asphaltpiste bis Bonny-sur-Loire, vorbei am nächsten AKW und auf dem Damm gegen den stärker werdenden Wind auf westlicher Seite bis zur Brücke nach Cosne-Cours-sur-Loire.


So ein Schleusenwärter wohnt manchmal schöner als man glaubt

Ein Radweg, wie er heute sein soll!

In der Bar an der Ecke kriegen wir zwei Petit crème für zwei Euro, der Patron hat einen jungen Jagdhund mit auffälligem Halsband, das den Hund mittels Elektroschock unter Strom setzt, sobald er sich mehr als 250 m vom Sender (= vom Haus) entfernt. Kein Wunder, dass der Hund so verstört wirkt.

Der Tierquäler drinnen ist stolz, wir fragen draußen telefonisch in einem Hotel auf der anderen Seite nach einem Zimmer. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagt „Non!“, ich sage „Schade.“, sie antwortet „Ja, Monsieur – vor allem für Sie“.

Das spornt uns mächtig an, die letzten zehn Kilometer vergehen wie im Fluge, gegen vier erreichen wir Saint-Satur und finden ein interessantes Hotel – leider montags geschlossen.

150 m über der Loire, 2500 ha weit über dem Durchschnitt

Durch den Ort fahren wir zum Rond point und von dort nochmal drei Kilometer aufwärts nach Sancerre. Die Steigung orientiert sich an den Prozenten der hier ausgebauten Weine: zehn bis zwölf Prozent, wir fühlen uns wie auf dem Weg durch die Dordogne.

Oben angekommen, empfiehlt uns die freundliche Frau im Office du Tourisme Hotel und Restaurant. Wir bekommen ein günstiges Zimmer, duschen uns, waschen die Trikots und schlafen bzw. schauen das EM-Spiel zwischen Frankreich und England.

Um halb acht geht's zum Essen. Alphonse Mellot serviert Tartar von Saint-Jacques und Mango, Oeufs meurettes mit zwei Saucen, Filet de Boeuf und einen Andouilette-Auflauf. Mit dem passenden Getränk tut man sich natürlich schwer in dieser Umgebung, am Ende einigen wir uns auf ein Fläschchen Sancerre.

Im Hotel schauen wir Petra von Kant in der RWF-Retrospektive auf arte noch ein halbes Stündchen beim Heulen zu.

„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“

Nachdem wir den geplanten Ruhetag gestern mangels Restaurant hatten sausen lassen, beschließen wir, die Sause in Sancerre nachzuholen. Mal sehen, ob uns das Hotel für eine weitere Nacht aufnimmt.