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Samstag, 10. Juni 2023

La France avecque ... un phénomène naturel par lequel des gouttes d'eau tombent des nuages vers le sol

Kleiner Leitfaden für Issbegierige


9. Juni 2023


Die gute Nachricht zuerst: Das neue Hemd hat keinerlei Verwerfungen nach sich gezogen. Die Gattin sagte: „Oh!“ und ging bereitwillig mit zum Essen. Da hätte wohl jeder kommen können.


Frühstück gibt’s unten. Hier übernimmt der Chef selber das Säubern mit der Sprühflasche. Sein System ist das gleiche wie gestern in Saint-Gilles, eventuell steht es so in der Mode d'emploi auf der Rückseite der Flasche.


Wir dürfen aussuchen zwischen süßem und süß-salzigem Frühstück und nehmen letzteres. Ohne Käse und Wurstwaren könnten wir schließlich keine Brote für den Mittag machen. Als „Deckchen“ ziert den Tisch ein DIN-A4-Werbezettel des Freizeitparks „Puy du Fou“, was wir mit Gipfel der Verrücktheit übersetzen.


Nur eine Stunde von den Stränden entfernt, bietet der Park den hier aufgeschlagenen Menschen zusätzliche Unterhaltung – vom Wagenrennen im Alten Rom bis zum ersten Weltkrieg. Vielleicht hätte man sich auch fürs Bombardement von Hiroshima noch was Nettes ausdenken können. Man wundert sich, warum die Leute im Urlaub noch zusätzliches Entertainment brauchen, statt einfach nur den gewünschten Strandurlaub zu machen.


Aus La Tranche-sur-Mer kommen wir super raus, die ersten knapp 13 Kilometer vergehen wie im Fluge. In L'Aiguillon-la-Presque'île gibt's einen Super U, da kaufen wir ein. Zumindest ist das die Idee, denn wir müssen vor allem: vorwärts kommen. In Richtung Küste ist es schon ziemlich dunkel, in unserer Richtung ist es noch hell.


Während ich draußen warte – ich habe sehr viel Zeit –, fällt mir ein schöner Song zum Klimawandel ein. Zu singen zur Melodie von „Eisbär“ in der Version von Nouvelle Vague:


Ich möchte kein Eisberg sein am warmen Polar

ich schmelzte ins Wasser rein und wär' nicht mehr da


Leichter Anstieg auf perfektem Untergrund


Nach 30 Minuten taucht  die Gattin dann doch wieder auf, mit vier Artikeln! Wir versuchen, dem Regen via Landstraße davon zu fahren. Das klappt anfangs ganz gut, aber irgendwann holt er uns doch ein, und wir retten uns nahe eines Naturreservats auf einen Bauernhof, auf dem außer Kühen und Maschinen nichts zu sehen ist. In einer offenen Scheune, ein bisschen abseits vom Güllewagen, essen wir die Beute vom süß-salzigen Frühstück plus die U-Einkäufe. Um uns herum Heu auf großen Haufen und ein bisschen Trockenfutter für die Tiere.


Nach knapp vier Wochen sinnlosen Transportes gilt es nun, endlich, endlich, endlich die Regenkleidung auszupacken, anzuziehen und notgedrungen weiter zu fahren. Vorher kommt aber noch der Untergestellte von der anderen Seite herüber. Wir tauschen uns kurz aus, dann rauschen wir ab.


Die folgenden rund 20 Kilometer geht es auf feuchten und entsprechend spritzigen Wegen durch das nächste Marais, zum großen Teil entlang eines Kanals, der die Vendée mit der Charente-Maritime verbindet. An dessen Ende, kurz vor Saint-Quen-d'Aunis, buchen wir das zuvor optionierte Hotel südlich von La Rochelle.


Das letzte Marais in der Vendée


Die weitere Strecke erweist sich als schwierig, da wir den offiziellen Radweg vermeiden und stattdessen Frau und Herrn Google auf deren etwas kürzerem Vorschlag folgen möchten. Mit der Konkurrenz beider Systeme tun wir uns schwerer als gedacht. Mal sind wir hier, mal dort, und am Ende haben wir zwar zehn Kilometer gespart und eine eher gewerbliche Seite von La Rochelle durchquert, aber anstrengend war's schon.


Der Kanal heute mal aus einer ganz neuen Perspektive


Chȃtelaillon-Plage entschädigt für alles.


Abends am Strand


Endlos langer, breiter Sandstrand. Kein Vergleich mit dem Trubel und den Bausünden der anderen Touristenorte. Gediegene Atmosphäre für Franzosen in unserem Alter. Unser Hotel und die Strandpromenade sehen ebenfalls genau so aus, wie man sich Strandurlaub vorzustellen hat. Das ist der erste Ort an der Küste, der uns wirklich gefällt.


Links oben haben wir unsere Klamotten zum Trocknen rausgehängt


Im Hotel machen wir unsere Habseligkeiten und die Regenkleidung so gut es geht sauber. Die Räder stehen völlig verdreckt in der Garage.


Radfahren im Regen ist ein schmutziges Geschäft 


Um acht gehen wir an der Promenade essen. Ich trage ein bisher ungesehenes Polohemd. Kein Kommtar der Gattin.


Auch das Restaurant passt perfekt in den Ort: sehr gut gemachte, traditionelle Küche, bezahlbare Weine und munterer Service – der Maître de cérémonie sieht aus wie Denzel Washington. Zwei Jungs von etwa fünf, sechs Jahren wollen der Kellnerin unbedingt bei der Arbeit helfen. Sie (er)trägt es mit Fassung. Das erinnert uns an die Zeit vor ca. 35 Jahren.


Wir sind die einzigen Nicht-Franzosen. Auf dem Weg zurück ins Hotel sehen Strand und Meer und Sonnenuntergang so kitschig aus, dass man schreien könnte.


Da bleibt kein Radler trocken

Donnerstag, 8. Juni 2023

La France avecque ... la grande désillusion

Ein wirklich eindrucksvoller Radweg


8. Juni 2023


Die Möwe lacht ab 5.32 Uhr.


Während wir frühstücken, laufen über die Tonanlage Eurythmics und En Vogue (with Salt 'n' Pepa) gefolgt von einer Klavierimprovisation von entweder Thelonius Monk oder Jacky Terrasson – auf jeden Fall ein sehr abwechslungsreiches Programm.


Um uns herum wischt ein Mitarbeiter das Mobiliar. Erst pfft-pfft aus der Sprühflasche, dann sauber- bzw. trockenwischen. Natürlich zuerst den Tisch, dann die Stühle. Beim nächsten Tisch wiederholt er die Prozedur. Natürlich mit dem gleichen Lappen.


Auch für den Weg aus Saint-Gilles-Croix-de-Vie bitten wir Garmin um Unterstützung, leider mit zweifelhaftem Ergebnis. Das liegt aber auch an der Aufgabenstellung. Wir beordern ihn an den Startpunkt der Strecke, und der liegt nun mal auf der anderen Seite der Brücke. Also fahren wir rüber, schauen uns nochmal das Elend an und gondeln dann wieder zurück.


Der heutige Weg ist dem gestrigen nicht unähnlich: viel Staub, wenig Weg, viel Sand, wenig Weg. Das mag ganz nett sein, wenn man im Hotel ein Rad leiht und zum Zeitvertreib ein Stück nach links oder rechts an der Küste lang fahren möchte. Wir versuchen, ein Stück zu fahren, gehen dann aber doch genervt wieder auf die Straße. Für Radreisen sind solche Wege einfach ungeeignet.


Im Hafen von Les Sables d'Olonne liegen die Boote, wie die Touristen in ihren Apartments


Auf der Straße ist es aber auch nicht einfach, denn sie ist nicht so breit, dass ein Fahrrad und ein Auto bequem nebeneinander passen. Da keiner von uns die Verantwortung für die Misere tragen will, kriegen wir uns erst mal ein bisschen in die Haare, finden dann aber doch eine Möglichkeit, auf einem anderen Radweg ein gutes Stück voran zu kommen.


Was wir unterwegs sehen, ist erschreckend. Denn wir fahren auf kleinen Sträßchen abseits des „offiziellen“ Weges quasi durch die Hinterhöfe des Strandlebens. Dort gibt es jede Menge Häuser, fast alle derzeit unbewohnt, an fast allen wird die Ankunft der Eigner bzw. Mieter vorbereitet. Hier wird der Pool gereinigt und befüllt, dort die  Fassade gestrichen und dort drüben justieren zwei Herren das Tor zur Einfahrt.


Zum einen sind die Häuser selbst ziemlich hässlich, vielfach abgewohnt, vielfach außenrum ungepflegt. Zum anderen ist der Flächen- und Ressourcenverbrauch für zwei Monate Nutzung unverantwortlich. Denn es sind ja nicht nur die Häuser selbst, sondern auch Straßen, Ver- und Entsorgung, Licht usw., was gebaut werden muss. Und zum Dritten kann man recht deutlich sehen, wie eine nachvollziehbare, individuelle Idee (hier ist es schön, hier will ich sein), zu schrecklichen Konsequenzen führt.


Die Gattin zieht irgendwann ihre persönlichen Konsequenzen und ruft von hinten: „Ich will nie wieder hierher!“


Wo es früher mal schön war, werden immer die gleichen Fehler gemacht


Von Bretignolles-sur-Mer kommen wir gut nach Brem-sur-Mer. Da ist zwar auch ein bisschen D80 dazwischen, aber das funktioniert prima. Unser nächstes Ziel ist Les Sables d'Olonne, das wir in der Folge mindestens viermal verlassen werden, weil es über die Jahre in immer neue Ortsteile mutierte. Die meist dreistöckigen Art-Deco-Schönheiten an der Wasserfront werden heute eingerahmt von sechs- und mehrstöckigen Kästen, viele davon noch nicht alt, aber viele schon in einem beklagenswerten Zustand.


Nachdem wir die Batterien für unsere Pedale auch bei Decathlon und Brico E.Leclerc nicht bekommen haben, finden wir wenigstens einen schönen Platz am Hafen, wo wir Mittag essen können. Auch hier fragt man sich beim Rumgucken die ganze Zeit, wie schrecklich es im Sommer sein wird.


Wo Meer und Himmel eins werden


Bei solchen Gelegenheiten denkt man auch über sich selbst nach. Mit jedem Tag der Reise gewöhnen wir uns mehr an dieses Leben abseits  des Lebens. Prozesse werden klarer und einfacher, Routinen entwickeln sich. Das Schöne ist, dass man ständig mit Unbekanntem, mit Überraschendem konfrontiert wird, dass man sich ständig neu justieren, neu positionieren muss. So hält man den Kopf am Laufen und richtet sich gleichzeitig in einer unsicheren Situation ein. Man lebt quasi in zwei Welten gleichzeitig und fährt dabei noch Fahrrad.


Genug gedacht. Auf Höhe von Talmont-Saint-Hilaire führt der Weg in eine wunderschöne Marschlandschaft. So richtig gut ist er zwar auch nicht, aber das hier ist eine tolle Entschädigung für das Übel von heute Vormittag. Auch, wenn auf dem Weg plötzlich 20 Leute mit gelben Westen in der Ferne auftauchen. Wir sehen zu, dass wir Land gewinnen.


Kurz vor Verlassen des Marais sprechen wir noch mit einer dort wirtschaftenden Französin. Sie erklärt uns das biologische Prinzip der Marsch – Süß- und Salzwasser mischen sich hinter der Küste – und deren wirtschaftlichen Nutzung, die Fischzucht. Unsere Befürchtungen bezüglich der niedrigen Wasserstände kann sie zerstreuen. Das Wasser im Marais unterliegt wegen der Verbindung zum Meer den Gezeiten. Was wir gestern und heute gesehen haben, war einfach bas-marais.


Süß- und Salzwasserfische in gleicher Umgebung


Nach dem Marais fahren wir ein Stück Landstraße in Richtung Jard-sur-Mer, wo wir im Zentrum einen Café crème trinken. Unterwegs dorthin passieren wir ein junges Elternpaar mit ihren Rädern, den zwei Anhängern – und dem Filius, der gerade mal stehen kann. Schon mutig, einen solchen Zwerg so durch die Welt zu kutschieren. Andererseits: Man will / muss / sollte den Nachwuchs ja auch auf die Realität vorbereiten.


In der folgenden Abfahrt rasen wir durch Fliegenschwärme, die überall auf dem Sonnenschutzmittel und den Klamotten kleben bleiben. Ich würde mich gerne mit ihnen fotografieren lassen, aber kaum halte ich an, fliegen sie weg.


Auf den letzten Kilometern bis zum Ziel locken uns die Franzosen wieder auf ihre sandigen Pisten. Es hat in dieser Ecke geregnet, da staubt es weniger, da klebt es mehr. Länger als zwei, drei Kilometer machen wir das Theater nicht mit. Bei der Plage des Conches fahren wir raus auf die D105, der wir bis ins Hotel folgen.


Der Empfang ist freundlich, die Fahrrad-Garage ist auf Elektromobilität vorbereitet. Das Hotel ist optisch wie technisch etwa auf dem Stand der Zähne der Chefin. Alles schon etwas älter, funktioniert aber noch. Man  müsste mal grundlegend investieren.


Heute ist übrigens ein ganz besonderer Tag.


Zum ersten Mal seit dem 17. Mai werde ich meiner Frau beim Abendessen in einem anderen Hemd gegenüber sitzen. Ich bin gespannt, ob sie mich a) überhaupt erkennt und b) welche Konsequenzen das haben wird.


Anfangs reiner Schrecken, später pures Vergnügen

Mittwoch, 7. Juni 2023

La France avecque ... l'enfer de l'ouest

Frisch gewaschen und in Aufbruchsstimmung


7. Juni 2023


Was mit den Worten „Lass uns doch schnell noch“ anfängt, dauert gerne mal etwas länger. Wir z.B. wollen heute Morgen schnell noch ein Hotel für den heutigen Abend buchen und stellen dabei fest, dass es dort, wo wir hin wollen, gar keine Hotels gibt, die uns gefallen könnten. Da kommt uns in den Sinn, dass wir mit der Abkürzung gestern sehr gut gefahren waren, und wir suchen auch für heute eine schöne Abkürzung. So hat das Frühstück erstmal ohne uns angefangen.


Kurz darauf sitzen wir neben dem ständig telefonierenden Puma-Mann und seiner Frau Adipositas. Er zuckt die ganze Zeit mit dem linken Bein. Wenn ich mal groß bin, werde ich auch nervös.


Gleich von Anfang an fahren wir in tiefem Sand von Sandkasten zu Sandkasten. Am nächsten Ort bleiben wir stehen, schauen ins Meer und überlegen, wie wir auf die Straße kommen, um zumindest mal ein paar Meter zu schaffen. So jedenfalls kann es nicht über 80, 90 Kilometer weitergehen.


Im Angesicht der folgenden zehnprozentigen Abfahrt auf Sand und lockerem Schotter weichen wir umgehend auf die D751 aus. Auch hier geht es schön bergab, und die Gattin ruft von hinten: „Da hat man wenigstens was vom Gefälle.“ Nächster Halt ist Pornic, wo man um elf Uhr im Zentrum schon wieder an Bistrotischen sitzt. Am Hafen fährt ein Ehepaar vorbei, er hat auf dem Gepäckträger eine kleine Kiste montiert. In der Mitte der Kiste steckt ein kleiner, blauer Regenschirm, darunter sitzt der Hund schön schattig.


Das ist real, hat mit der Realität aber wenig zu tun


Weiter geht es auf der D13, wo Schilder auf dem Radweg darauf hinweisen, dass man bitte vorsichtig fahren möge, weil aus den Ausfahrten Autos rauskommen können. Wahrscheinlich gibt’s da ein ähnliches Problem wie bei uns in Deutschland mit den Tempo-130-Schildern. Es sind nicht genug Schilder da, um die Autofahrer auf die Radfahrer hinzuweisen, die hier Vorrang haben.


Die Durchfahrtstraße in La Bernerie-en-Retz wird gerade auf beiden Seiten renoviert. Wir fahren trotzdem durch und der Mann mit dem großen Bagger sagt uns, wir mögen bitte nicht durch den frischen Asphalt fahren. Am Ende der Maßnahme tönt von einer Terrasse beschwingte Musette zu uns herunter. Man hat das Gefühl, man wäre in Frankreich.


Ein breites Angebot an Urlaubsvergnügen


In der Ortsmitte gehen wir bei Carrefour für den Mittag einkaufen. Jamiroquai ist auch da und begleitet unser sommerliches Einkaufsvergnügen musikalisch. Ansonsten suchen wir erfolglos nach Batterien für unsere Pedale.


Ein Stück hinter dem Ort wechseln wir wieder auf die D13, die leider nicht mehr so wenig befahren ist, wie zuvor. Bei Port Collet fahren wir deshalb gerne ab und folgen der D
118 bis Bouin, wo wir vor der Kirche eine 
relativ schattige Bank unterm Baum finden. Hier treffen sich einige Radreisende, und am Ende der Pause kommen wir noch mit zwei Franzosen ins Gespräch, die in Notre-Dame-de-Monts wohnen und gerade auf dem Heimweg von Nantes sind.


Sie nehmen aus der Weinhandlung gegenüber eine Flasche für zu Hause mit, wir wünschen viel Vergnügen damit und erleben, was schlampige Aussprache anrichten kann. Statt vin versteht Madame vent und wundert sich, warum ihr die Deutschen Spaß mit dem Wind wünschen.


Die Kirche im Dorf, Treffpunkt des fahrenden Volks


Unser heutiger Weg für einige Kilometer durch das Marais breton vendéen, eine weitläufige Marsch-Landschaft im Hinterland der Küste, die sichtbar von der Dürre in Frankreich bedroht ist. Die Pegel der sie durchziehenden Kanäle und Seen sind um 30 und mehr Zentimeter gesunken, die damit einhergehende Austrocknung des Bodens führt zu starken Absenkungen, die wiederum Risse und Absenkungen im Asphalt der schmalen Straßen nach sich ziehen. Was die Trockenheit für die Pflanzen und Tiere des Marschlands bedeutet, wird man wohl erst in Zukunft sehen.


In Saint-Jean-de-Monts hat uns dann der Schrecken der Küste wieder.


Es gibt kaum ein unbebautes Stück Land, wo vormittags an den Straßenseiten noch einzelne Häuser standen, dominieren jetzt Wohnblocks, Ferienanlagen, Erlebnisbäder und ähnliche must-haves. Heute ist noch fast alles geschlossen und nichts los, aber vom 1. Juli bis 30. August herrscht hier der gnadenlose Gott des Badeurlaubs.


Wer sich hier nicht wohlfühlt,  hat falsche Vorstellungen von Urlaub


Für uns geht es noch rund 20 Kilometer an der Küste entlang. Die Orte gehen ineinander über, unterscheiden sich aber nicht nennenswert. Unser Hotel hat den leicht abgewrackten Charme der sonstigen Bebauung, wenigstens ist die Rezeption freundlich besetzt.


Nach dem Duschen und Waschen bleibt kaum Zeit für eine Pause. Wir schauen nochmal über die Brücke in die Ortsmitte und gehen am Ende doch lieber auf unserer Seite essen. Die Preise sind reel, die Qualität gut. Um zehn sind wir wieder im  Hotel, morgen sollen die ersten Gewitter kommen.


C'est la Vie

Die Wäsche ist schon fast trocken, von draußen schallt das laute Lachen der gleichnamigen Möwen ins Zimmer herein. Wahrscheinlich wissen sie mehr als wir.


Die zweite Abkürzung, 170 Kilometer gefahren, 210 Kilometer weit gekommen

La France avecque ... la vue de la mer

Überraschende Perspektiven in der Hafen-City


6. Juni 2023


Das Frühstück bei ibis Styles war auch schon besser. Heute gibt's als kostenfreie Zusatzleistung ein Fernsehprogramm, das Menschen bei der Produktion von Radioprogrammen zeigt. Wahrscheinlich nennen sie es „Irgendwas mit Multimedia“.


Garmin leitet uns exzellent durch die Straßen und über die Plätze der Stadt, binnen kurzer Zeit sind wir am Hafen und auf dem Weg in Richtung Mündung.


Bis Le Pellerin erkennen wir nichts wieder und wundern uns über steile Anstiege, lange Abfahrten und überwiegend weniger reizvolle Wege. Aber das ist kein Wunder, 2012 sind wir den Weg in umgekehrter Richtung und vor allem auf der nördlichen Seite des Flusses gefahren.


Das Hotel, in dem wir damals unterkamen, hat sich schwer gemausert. Der Chef war seinerzeit schon sichtlich geschäftstüchtig, jetzt sieht es so aus, als habe er sein Haus peu à peu auf einen zeitgemäßen Stand gebracht und Erfolg damit.


Unser ständiger Begleiter, der EuroVélo 6, wird uns in Kürze verlassen


An den nun folgenden Abschnitt der Strecke erinnern wir uns tatsächlich noch gut. Damals ging es schnurgerade in eine hoffnungslose Zukunft ohne Bleibe für die Nacht. Heute fahren wir schnurgerade in Richtung Atlantik mit der Gewissheit einer guten Adresse für den Abend.


Zwischendurch raubt uns noch ein unverschämter Anstieg die Nerven. Lang, steil und auch mit technischer Unterstützung nicht zu bewältigen. Wir schieben schimpfend hoch und treffen oben auf zwei britische Pärchen unserer Altersgruppe. Sie haben den Schatten eines Hauses genutzt, um wieder zu Atem zu kommen, sind einem Schwätzchen nicht abgeneigt, und so stehen wir eine Zeit zusammen und klären, was wir alten Ausländer hier überhaupt machen: Living our lives in a different country.


Die Zeit der Châteaus ist vorbei, jetzt kommen die Herrenhäuser


Gegen 13 Uhr erreichen wir Paimboeuf, kaufen im Intermarché am Weg ein paar Tomaten und Taschentücher und setzen uns am Loireufer auf eine Bank im Schatten. Die Bank gegenüber hat eine Frau mit ihrem ca. sechsjährigen Sohn belegt, sie grüßt freundlich und verabschiedet sich wenig später auf gleiche Weise. Uns fällt auf, dass Radreisende in Frankreich entweder generell nett behandelt werden oder uns viele freundliche Leute über den Radweg laufen.


Kurze Zeit später erobert ein Pärchen wie wir die Bank: Er lang und dürr, sie nicht. Immer mehr Radreisende kommen vorbei, sie alle finden hier keinen Platz mehr.


Eigentlich schade, ein ganzer Fluss ist am Ende nur noch braune Brühe


Wir entscheiden uns beim Essen dafür, den weiteren Weg abzukürzen, und wechseln deshalb auf die D96 in Richtung Saint-Michel-Chef-Chef. Da kommen die guten Kekse her, da wollen wir sowieso hin! Über die Landstraße kommen wir sehr gut voran, kein Holterdipolter, keine Staubwolke, keine nennenswerten Anstiege.


So geht Radreise heute!


„Partageons la route“ – Autos gehört die Straße, Radfahrer werden an den Rand gedrängt


Die folgenden Orte existieren eigentlich nur, weil es Tourismus gibt. Das sieht man derzeit besonders gut, weil es noch nicht viel Tourismus gibt. Das heißt: Die Geschäfte, Restaurants und Bars sind fast alle geschlossen, die Läden der Häuser sind zu, die Rollos unten.


Auf den Campingplätzen und am Strand herrscht dafür reger Vorbereitungsbetrieb. Es wird neu gebaut (ob das noch rechtzeitig fertig wird?), repariert und natürlich an der Illusion vom Badeurlaub gearbeitet. So fahren z.B. über die Grande plage de Tharon mehrere Lastwagen, die in Nähe der Promenade von einem Bagger befüllt werden und den ans Meer verlorenen Strand mit dem neuem Sand auffüllen.


Neue Wegweiser zwischen Keksen und Abendessen


Für uns geht es noch ein paar Meter weiter nach Préfailles, wo wir in einem sehr guten Touristenhotel unterkommen. Das Haus ist nicht in allerbester Verfassung, was auch an der hohen Beanspruchung durch Wind und Wetter liegen dürfte, dafür schlägt uns wieder die eingangs beschriebene Freundlichkeit entgegen. Die Chefin lässt uns die Räder sowohl vor der Tür mit dem Gartenschlauch vom Staub reinigen als auch in der Lounge aufladen.


Abendessen gibt's hier auch: Austern von direkt gegenüber – die Gattin will abseits der Küste nie wieder welche essen –, hausgemachte Foie gras und Barschfilet bzw. mariniertes Filet vom Rind. Der Wein ist besser als die meisten bisher, die Desserts sing gut, nur der Käseteller macht deutlich, dass wir die Käseregion an der Loire leider verlassen haben.


Hinterher schauen wir der Sonne noch kurz beim Untergehen zu, dann gehen wir aufwärts. Beim Abendessen haben wir festgestellt, dass sich in den letzten zwei, drei Tagen dieses Gefühl völliger Losgelöstheit bei uns eingestellt hat. Wahrscheinlich dauert es einfach enorm lange, bis einem das Päckchen, das man so mit sich rumträgt, von den Schultern rutscht.


Raus aus der Stadt, rein ins Vergnügen