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Sonntag, 24. Juli 2011

21.07. 5ème étape: Nuits-Saint-Georges–Rully (50,47 km, 3:08:55) (Boue par orage)

„Admirez le paysage!“

Da wir das Frühstück noch von gestern kennen, fahren wir heute ohne los. Im Ort gönnen wir uns erstmal zwei Croissants, während Mo sie kauft, telefoniere ich mit unserer Ärztin wegen des nichtendenwollenden Schwindels am Morgen, sie diagnostiziert Salzmangel und verordnet mir ein Päckchen Salzstangen.

Im Café du Centre führen wir jeder ein 3-Euro-Frühstück plus Café au lait zu, irgendwer in der Nähe schenkt uns einen Internetzugang, so dass auch die Büroarbeit leicht von der Hand geht. Zwei Handwerker bringen über den Schaufenstern der lokalen Sparkasse auf hellgrauem Grund eine hellgrauen Folie an – da muss wirklich jeder Handgriff sitzen.

Wir kennen den Weg, denn es geht schon wieder nach Beaune. Salzbrezeln bei Casino (ob die auch wirken?), gleich essen nahe der Fußgängerzone, sprachlich alles wie gehabt, aber gestern hatten wir mehr Glück mit dem Publikum.

Schön stehenbleiben!

Diesmal fahren wir den Weinbergweg andersrum, er wird davon nicht weniger schön. Mittagessen oberhalb von Puligny-Montrachet, von dort weiter über Chassagne-Montrachet nach Santenay.

Hinauf ins Vergnügen

Over the hills and far away

Wer A trinkt, ...

... muss auch B trinken

Zum Mittagessen gibt's Panorama du jour

Anschauen umsonst, probühren nur gegen Gebühren

In Chassagne-Montrachet wird dem geneigten Gast übrigens nichts geschenkt. Die Weinprobe in der örtlichen Caveau Municipal wird von einem Asiaten betreut, der mit vielen Besuchern in seiner Muttersprache spricht. Für zehn Euro darf man vier Weine verkosten, die Highlights der umfangreichen Karte sind bei diesem Angebot leider exkludiert, sie kosten bis zu 285 Euro. Uns bietet der Kollege freundlich ein Wasser an, wir verabschieden uns mit dem Hinweis, dass wir die Weinprobe lieber aufs nächste Mal verschieben.

Da kommen wir mit dem Auto und können mehr trinken.

Von Santenay fahren wir über Remigny und Changy nach Bouzeron, wo es eine Querverbindung nach Rully, unserem heutigen Zielort, geben soll. Die Straße ist nach heftigen Regenfällen stark verschmutzt, bis in den Ort kommen wir trotzdem gut. In Bouzeron eine gute Nachricht: Es gibt ein Schild nach Rully. Die schlechte Nachricht: Es geht steil bergauf. Wir fahren am Haus einer freundlichen Dame vorbei, freundlich deshalb, weil sie uns auf Anfrage gerne erklärt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und weil sie sich offensichtlich freut, wenn sich Radler bei ihr vorbei quälen.

Sie sagt, dass es noch wesentlich steiler werden wird, und rät uns, bei Bedarf unbedingt zu schieben. Dann könnten wir auch mal stehenbleiben und die Landschaft bewundern.

Unten Bouzeron, oben wir

Wir fahren wieder ein Stück, machen Pause, auf einmal kommen von oben zwei Menschen auf Klapprädern. Sie ist vorn, sie bremst, sie zückt eine Karte und sagt: „Can you tell us where we are?“. Von der Sprache müsste sie eindeutig aus Beaune kommen, aber das ist die andere Richtung. Wir zeigen ihr, wo wir sind, sie freut sich, auf dem richtigen Weg zu sein, und bleibt mit ihrem Mann für ein Schwätzchen stehen.

Das Paar kommt aus Schweden, ist mit dem Boot auf dem Kanal unterwegs und macht gerade mal einen kleinen Ausflug. Sie sagen, dass es noch wesentlich steiler werden wird, und auf der anderen Seite noch steiler nach unten geht. Nebenbei erzählen sie, dass sie bereits seit 2009 durch Europa fahren.

Und da glauben wir, wir wären lange unterwegs!

Unten Rully, oben wir

Die Abfahrt nach Rully ist tatsächlich so steil, dass wir mit angezogenen Bremsen fahren müssen (und es an manchen Stellen trotzdem auf über 20 km/h bringen). Der Weg zu unserem Hotel ist gut ausgeschildert, es liegt mitten im Ort, es ist das einzige am Ort, es hat Charme und verspricht lecker Essen.

Der Platz vor dem ersten Haus am Platz

La lampe de la chambre de charme

L'escalier de charme

Über das Essen hatten wir bereits in einem Internetforum gelesen, es sei to die for. Das möchten wir natürlich nicht, aber was wäre das Leben ohne Risiko.

Das Mikado-Messer: sieht nicht besonders aus, ist schwer zu platzieren und trotzdem weit verbreitet

Wir nehmen das große Menu, das haben wir bergauf verdient, und zum Hauptgang einen Roten aus dem Ort (nein, nicht den Bürgermeister):

Gambas grillée
Foie gras de canard mariné au Porto blanc
compotée de poire au vin et son pain brioché aux fruits secs
Minute de noix de Saint Jacques au Rully blanc 
et son risotto crémeux
Granité au Marc de Bourgogne
Filet de Bœuf charolais aux morilles
Plateau de fromages frais et affinés
La carte des desserts

Die Jakobsmuscheln sind ein Knaller, das Risotto dazu ebenfalls. Das Granité kommt derart locker daher, dass man darüber nachdenken sollte, lieber doch kein Eis mehr selbst zu machen, und das Filet de Bœuf ist superb. Als dann noch die kleine Käseauswahl vor uns steht, stellt sich die Frage, ob man vor Freude oder in Trauer über deutsche Käsetheken weinen soll. Viele Käse, von denen wir noch nie gehört haben. Andere, deren Namen wir kennen, hier aber in Art, Umfang und Reife, die wir nicht für möglich gehalten hätten.

Es wird Zeit fürs Bett.

Ach ja, der Wein war auch lecker

20.07. Jour de repos: Nuits-Saint-Georges–Nuits-Saint-Georges (70,38 km, 3:30:04) (Partageons la route)

„Was macht der Punk in Beaune?“

Wer länger bleibt, darf morgens auch länger liegen bleiben. Das machen wir, denn wir müssen Zeit vertrödeln. Unsere nächste vorgebuchte Station erwartet uns nämlich erst am Freitag. Also heute Ruhetag, und der fängt mit einem deutlich überteuerten Frühstück unerwartet schlecht an. Die Butter hat das Verfallsdatum wohl schon länger überlebt, das „Buffet“ ist eine lieblos drapierte Orgie von abgepacktem Zeug, es ist einfach ärgerlich!

Gut, dass es wenigstens rundum viel Schönes gibt, da machen wir uns bald auf den Weg. Auf der D974 fahren wir südwärts in Richtung Beaune, es geht ziemlich auf und ab, aber ohne Gepäck kommt man leichter auf Touren und entsprechend schnell vorwärts. Mo geht es (wie immer) zu schnell, gleichzeitig regt sie sich über die Laster auf, mit denen wir uns die Straße teilen (müssen).

Mit den Autofahrern ist es wie mit allen anderen Menschen auch: die einen wissen, was sie tun, die anderen nicht. Die Fähigkeiten von Köchen, Metzgern, Friseuren, Sängern usw. kann man jedoch oft schon vor dem ersten Kontakt prüfen, und wenn man mit ihren Leistungen unzufrieden ist, geht man einfach nicht mehr hin. Was Autofahrer können, erfährt man dagegen erst, wenn man ihnen zum ersten Mal begegnet, und wenn ihre Leistung nicht zufriedenstellend ist, geht man anschließend vielleicht nie mehr irgendwo hin.

Die D974 ist nicht irgendeine Straße in Frankreich, sie ist an dieser Stelle die „Route des Grands Crus“. Und der Franzose hat sie alle der Reihe nach und schön übersichtlich geordnet rechts der Straße für uns aufgestellt. Inzwischen haben die Rebstöcke auch schon weite Flächen links der Straße in Besitz genommen, wenn es so weitergeht, wird der Burgunder irgendwann vor den Toren Wiens stehen.

Kosten??

Nach 17 Kilometern erreichen wir Beaune, die Kapitale des Burgunders. Hier kostet die 1,5-Liter-Flasche Vittel im Supermarkt nicht plus/minus 50, sondern 94 Cent. Hier hört man die Menschen Deutsch, Niederländisch, Englisch, Spanisch und Asiatisch sprechen, die Landessprache hört man in den Geschäften, sonst eher selten.

Wir leisten uns zum Wasser noch zwei kalorienreiche Backwerke, suchen uns eine Bank in der Fußgängerzone und schauen ein bisschen den Menschen zu. Eine Frau schiebt einen komplett verkleideten Kinderwagen vorbei, vorne eine Plastikfolie als Fenster, dahinter sitzt der Hund der Familie und blickt durch. Eine Gruppe junger Amerikaner geht vorbei, das einzige weibliche Mitglied nimmt parallel an zwei internationalen Wettbewerben teil: a) Wer trägt die kürzesten Hotpants? und  b) Wer hat die dicksten Oberschenkel? Und sie hat sehr gute Chancen, bei beiden Veranstaltungen aufs Treppcen zu kommen.

Als dann die schwarzgekleidete Frau mit den blauen Haaren, den selbstgestrickten Wollstrumpfhosen in Regenbogenfarben (Farbwechsel alle zehn Zentimeter aufwärts) und den adrett gekleideten Eltern vorbeikommt, stelle ich die Frage „Was macht der Punk in Beaune?“ Antwort von rechts: „Na, der braucht auch mal Urlaub.

Remmidemmi am Hôtel-Dieu

Dem unbekannten Trinker

Von Beaune geht es nach ca. einer Stunde weiter in Richtung Santenay, bei der Monstertraube von Puligny-Montrachet fahren wir rechts rein, stramm hinauf und auf alten Wirtschaftswegen durch die Weinberge. Einmal oben angekommen, fährt man die Weinkarte in sanften Windung und milden Auf- und Abfahrten nach Norden.

Grande Route, Grands Crus

Der goldene Spross

Hier wusch man früher die schmutzige Wäsche und eine Hand die andere

Aloxe-Corton, wird hier nur en carton verkauft (wenn überhaupt)

Anschauen ja, aber nicht anfassen

Kurz vor NSG ist der Spaß zu Ende, und Mo hat sowieso keine Lust mehr. Es ist bereits nach vier, jetzt ruft das Cassisium, und die Dame an unserer Rezeption meint, man müsse auf jeden Fall vor fünf da sein, um alles in Ruhe erleben zu können. Mehr als ein bisschen frischmachen ist also nicht drin.

Das Hotel schenkt uns einen Eintritt, das ist gut so, hätten wir beide bezahlen müssen, wären wir noch unzufriedener gewesen. Auf den ersten Blick ist die Idee dieses „Museums“ gut. Der Cassis ist ein wichtiges Produkt der Region, hat weltweit einen guten Namen und schmeckt lecker. In den ersten beiden Räumen macht es auch noch Spaß zuerst sehen wir einen Zusammenschnitt von Szenen aus französischen und internationalen Filmen, in denen der Cassis eine Rolle spielt, danach eine didaktisch gut gemachte Führung zur Entwicklung der Pflanze und der Produktion des Likörs sowie einen Schrein mit alten Flaschen, Rezepten und sonstigen Devotionalien.

Früher konnten auch Holländer und Engländer Cassis, ...

... aber nur der Franzose hatte das richtige Rezept, ...

... und heute gehört das sowieso alles Cointreau

Das Anschauen wird jäh unterbrochen, alle Besucher müssen einen weiteren Film gucken, der alle Informationen der ersten beiden Räume nochmal (vorsichtig formuliert) kindgerecht aufbereitet. Mit tanzenden Cartoon-Beeren und ähnlichen Unannhemlichkeiten. Der Rest der Veranstaltung findet zwischen Stahltanks statt und bringt leider wenig weitere Neuigkeiten. Am Ende folgt der obligate Durchmarsch der Boutique mit Verkostung und Verkaufsabsicht.

Wir kennen das Prozedere natürlich auch von anderen Anbietern, wie z.B. Veuve Ambal. Deren Unternehmens- und Produktpräsentation ist aber um einiges durchdachter und professioneller, der Aha-Effekt deshalb um einiges größer.

Wird Zeit, dass wir ins Hotel kommen, das Essen wartet. Auch heute wieder das volle Programm an den Nachbartischen. Gegenüber eine sprachlose Familie aus Vater, Mutter, Sohn, die erst zum Leben erwacht als Vaters iPhone klingelt und danach das iPad benutzt werden darf. Der Sohn scheint technisch sehr weit vorn, hatte aber leider wohl nie eine Gebrauchsanweisung für Messer und Gabel.

Links eine belgisch-niederländische Familie mit drei Kindern von ca. vier bis acht Jahren, rechts ein holländisches Paar mit einer Tochter von ca. eineinhalb Jahren. Rechts kann man zuschauen, wie die kleine Prinzessin den fein gemachten Papa und die schwangere Mama für das weitere Zusammenleben konditioniert, links sehen die drei anderen Kinder diesem lauten Treiben fassungslos zu.

Der Vater mit den knisternden Scheinen ist heute nicht da, man hätte ihn auch kaum gehört.


Samstag, 23. Juli 2011

19.07. 4ème étape: Dole–Nuits-Saint-Georges (49,93 km, 2:38:26) (Vous n'avez pas la priorité)

„Bon courage!“

Der Preis des Hotelfrühstücks in Dole steht in keinem Verhältnis zum Zimmerpreis, deshalb frühstücken wir in einer Brasserie schräg gegenüber, in der Rue de Besançon. Dort gibt es zumindest Café und Tisch, der Wirt meint, was wir sonst noch brauchen, sollten wir in der Boulangerie nebenan kaufen. Dort liegen die Butter-Croissants für 85 Cent und riesige Rosinenschnecken für 1,20 Euro in der Theke. Ich gebe also ein kleines Vermögen für Backwerk aus, die vier Tassen Café au lait sind auch nicht umsonst, und trotzdem frühstücken wir für nur ca. 70 Prozent des Preises, der im Hotel fällig gewesen wäre.

Anschließend den Rest packen, zahlen, Räder beladen und freundlicher Abschied im Hotel. Madame wünscht „Bon courage!“, wir füllen bei Casino Wasser nach, besuchen die alles überragende Notre Dame mit ihrer sensationellen Orgel und starten anschließend eine kleine Orientierungsfahrt durch die Stadt. Der Plan aus dem Office de Tourisme nimmt es mit dem Maßstab leider nicht besonders genau, die kurze Straße aus Dole hinaus wird in der Praxis immer länger.

An deutschen Orgeln gibt's nix zu norgeln

Die Ausfahrt in Richtung Champvans führt steil bergauf (wer den Kanal verlässt, ist selbst schuld), dann zwei kleine Hügel und schon geht es steil bergab. Ab Tempo 35 flattert bei mir die ganze Kiste, das liegt an der Größe des Rahmens und meiner extremen Zuladung. Anfangs hilft es, die Beine ans Oberrohr zu pressen, als das nichts mehr bringt, greife ich zu den Bremsen.

Einer von fünf, mutiger als vier

Die folgende Landstraße läuft gut, wir passieren Kreisel um Kreisel und lernen überall, dass wir nicht Vorfahrt haben. Irgendwann kommt rechts eine große Stuten- und Fohlenweide, Letztere liegen zunächst im Gras, springen aber recht fix auf, als sie uns kommen hören und sehen. In Les Maillys freut sich ein lokaler Radfahrer, dass wir ihn nach dem Weg fragen. Er will kaum mehr aufhören, und als uns endlich der Abschied gelingt, lässt er seinem „Bon courage!“ noch ein fröhliches „À votre service!“ folgen. Der nächste größere Ort heißt Saint-Usage (gestern war der Geist noch schnell, heute ist er offensichtlich aus zweiter Hand), nach der Durchfahrt stehen auf beiden Seiten der Straße weite Sonnenblumenfelder und es riecht – nach Sägespänen.

Kleiner Preis, große Klasse

In Brazey-en-Plaine steht Plat du jour auf der Karte, da fahren wir gerne mal links ran und suchen uns zwei Plätzchen im Restaurant. Die Nachbarn am Tisch arbeiten bereits an Crudités und Jambon persilé, im Fernseher steht der kleine Nick (nein, nicht der) im Hof des Dôme des Invalides im Regen und wartet mit verzweifelter Miene darauf, dass diese blöde Inszenierung endlich ein Ende nimmt.

Dabei ist der Termin mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr gut gewählt: Am letzten Wochende der verlängerte Nationalfeiertag, Thomas Voeckler im Gelben Trikot bei der Tour, gestern donnerten mehrfach die Mirages übers Land und Carla steht vor der Niederkunft. So erlebt das Volk seinen Präsidenten zur besten (Mittags)Sendezeit in einer Glorie aus Pathos, Popstar, Virilität, Fertilität – was kann da noch schiefgehen? Zumal DSK hier auch mit Fotos seiner ungeborenen Affärenkinder nicht mehr punkten wird.

Wir teilen uns Crudités und Jambon persilé  anschließend isst jede/r ein Hühnerbein mit Reis, gefolgt von Ziegenkäse und Coulommiers bzw. Fromage blanc. Zum Dessert wird im Fernsehen die Totenfeier wiederholt, gleich danach folgen Bilder und Gespräche von Campingplätzen aus den Unwettergebieten.

Nach dem Café sind wir 25 Euro ärmer und mindesten 30 Euro zufriedener, die Wirtin ruft „Bon courage!“, wir schwingen uns wieder in die Sättel und kurbeln in Richtung Nuits-Saint-Georges. Regen wechselt mit Sonne und Sturm, wir wechseln die Regensachen mit Saunagefühlen und Angstschweiß. Zum einen, weil jedes entgegenkommende Auto eine Wind- und Wasserwand hinter sich herzieht (je größer, desto wirkungsvoller), zum anderen, weil jedes überholende Auto kurz die Wirkung des von links wütenden Sturmes unterbricht, um uns dann umso hemmungsloser den Böen zu überlassen.

Der Ursprung der Zisterzienser

Frischer Belag, sehr frischer Wind

Wir sind sehr froh, NSG bei guter Gesundheit zu erreichen.

Im Office de Tourisme lernen wir, dass ein Ort, der für teure Weine bekannt ist, auch teure Zimmer anbietet. Wir arbeiten uns langsam auf ein erträgliches Niveau hinunter, beim Verlassen des Büros ruft die junge Frau hinter dem Tresen – genau, das ruft sie. Wir kommen zum Hotel, packen aus, duschen, ruhen und entschließen uns, morgen bei hoffentlich besserem Wetter ohne Gepäck die umliegenden Weinorte abzuklappern.

Hier hängen die Trauben deutlich höher als anderswo

Abends im hauseigenen Restaurant gehen Essen & Trinken gut Hand in Hand. Auf die Entrées folgen Hecht bzw. Boeuf bourguignon und zum Nachtisch bekommt Mo endlich wieder Cassis-Sorbet. An den Nachbartischen wird ebenfalls das volle Programm geboten: Eine Dame aus Belgien z.B. schafft es, lauter zu sprechen als meine Schwiegermutter (das hätte ich gestern noch für unmöglich gehalten), und ein Brite in der Ecke beruhigt sein quäkendes Baby während Mutters Abwesenheit mit dem Knistern von Geldscheinen – auf diese Idee muss man auch erstmal kommen.

18.07. 3ème étape: Besançon–Dole (70,14 km, 3:49:32) (Vitesse limitée obligatoire)

„Vous êtes perdu?“

Die Chefin unseres Hotels trägt zum Frühstück immer noch das rosafarbene Kookai-Shirt, da geht es ihr wie mir, ich habe auch jeden Tag dasselbe an. Schwindlig war mir heute auch wieder, da hatte ich die Chefin aber noch gar nicht gesehen.

Das Frühstück selbst ist so französisch wie das Haus, es gibt Baguette, Croissant, Konfitüre und Café, und Mo ist das zu wenig. Das sieht auch die Bedienung und liefert bereitwillig nach. Immerhin. Am Nachbartisch schauen zwei Jungs uns interessiert an, die Holländer vom Vorabend grüßen freundlich, ich kenne diese Menschen alle nicht.

Vor die Abfahrt hat der Herrgott die Abholung der Räder aus der Garage gesetzt. Das Ambiente ist so sensationell wie gestern, man wäre gern selbst Fahrrad. Beim Packen vor dem Hotel tauchen die beiden Jungs wieder auf, diesmal mit ihrem Vater. Die Herren sind ebenfalls mit dem Rad unterwegs, sie wollen nach Basel und ihre Erfahrungen sind offensichtlich genauso aufregend wie unsere.

Hier schlafen Fahrräder für einen Euro pro Nacht

Mit Blick auf die einzigartige Lage der Innenstadt, habe ich eine Idee, wie man abkürzen könnte. Die Idee ist gut, die Umsetzung leider nicht. Wir fahren plan- und sinnlos in der Stadt herum, lassen sechs Euro beim Bäcker (das war das Beste, was wir an diesem Morgen tun konnten), Mo kauft sich Leggins für drei Euro und genau gegenüber gibt's tatsächlich die Eurovelo-6-Karte ohne Vorbestellung. Irgendwann treffen wir Vater und Söhne wieder, die uns laut fragen, ob wir die Orientierung verloren haben. Ich weiß leider nicht, was „Stadtrundfahrt“ auf Französisch heißt, deshalb winke ich fröhlich lächelnd zurück.

Irgendwann klappt's dann doch noch mit dem Weg, wir düsen weiter westwärts am Doubs entlang, und als wir endlich richtig in Schwung gekommen sind, wird die zulässige  Höchstgeschwindigkeit von der Grande Nation auf 20 km/h gedrosselt. Zwischendurch regnet's immer mal wieder mehr oder weniger, und der kleine Nick (nein, nicht der) schickt uns zwei Kollegen zum Geleit. Sie sind vor allem laut und wären bei der guten Beschilderung gar nicht nötig gewesen.

Besançon: rückblickend eine tolle Stadt

Wir sind auf einem guten Weg

Wenige Kilometer nach Verlassen der Stadt wirft ein schmaler Wegweiser unsere bisherige Planung über den Haufen. Statt in südwestlicher Richtung quer durchs Land könnten wir doch erstmal (und dem Motto unseres blogs folgend) konsequent gen Westen fahren, dann südwärts und kurz vor Spanien wieder zurück in Richtung Burgund abdrehen. Das erspart uns das Massif central und Spanien, und bringt uns erst etwas später, aber nicht weniger fröhlich nach Toulouse. Wir sollten mal mit unseren Asylgebern telefonieren ...

Apropos ersparen: Bei Thoraise wird dem Schiffsverkehr eine große Schleife erspart, denn der Kanal führt ihn in der Percée de Thoraise durch den Berg. Auch hier wieder Vater und zwei Söhne, diesmal als Angler verkleidet.

Das Licht am Ende des Tunnels: wenige Meter statt mehrerer Kilometer

Beschützt die Kapitäne bei der Passage: Chapelle Notre-Dame du Mont

Da ich morgens unbedingt kein Wasser kaufen wollte, müssen wir bis Saint-Vit dursten. Die EU-Millionen sind inzwischen aufgebraucht, und das sieht man dem Weg auch an. Da der schnelle Heilige keine Ortsdurchfahrt vom Kanal aus anbietet, müssen wir erst an der Stadt vorbei, dann den Berg hinauf zurück in die Ortsmitte, wo der Intermarché steht, und dann auf gleichem Weg zurück. So macht man verdurstende Radler hungrig. Vor dem Hochfahren reden wir noch kurz mit einem Franzosen, der mit Rad und Gepäckwagen unterwegs ist. Er kommt aus dem Süden zurück, ist auf dem Weg nach Besançon und will nicht glauben, dass er in Richtung Dole fährt („Vous êtes perdu!“).

Barroso, Barroso, wo sind deine Millionen?

Unseren Platz fürs Mittagessen finden wir direkt an einer Schleuse hinter Saint-Vit. Kaum haben wir Platz genommen, fährt der „Seebär“ ein, und die Frau auf dem Vorderdeck wünscht guten Appetit. Ich stehe auf und frage, wo sie herkommen und wie lange sie bereits unterwegs sind. Sie sagt, dass sie sich freut, mal wieder ein paar Worte Deutsch zu hören, und dass sie seit März, aber eigentlich schon seit 2008 durch Frankreich schippern und nun auf dem Heimweg sind. Erstmal nach Basel, dann heim nach Emmerich, „aber vielleicht fahren wir noch über den Neckar“.

Und da glauben wir, wir wären lange unterwegs!

Der „Seebär“ fährt nach Hause

Kanal und Fluss – von Menschenhand getrennt

Suchbild: Wo ist der Prinz?

Die Richtung stimmt!

In der Fortsetzung des Weges hängt plötzlich eine wohlproportionierte, nackte Frau in einem Baum, erfreulicherweise nicht aus Fleisch und Blut, sondern als Teil der Ausstellungsreihe Currant d'art zwischen Orchamps und Dole.

Illusion in luftiger Höh'

Entlang weiterer Exponate rollen wir auf Dole zu, das der Franzose, für mich überraschend, „Doll“ ausspricht. Rechts des Weges stehen kleine Häuser, die vielfach auf Wochenendnutzung ausgelegt scheinen. Einige Besitzer wenden allerdings sehr viel Energie für die Bepflanzung der Peripherie auf, und je näher wir Dole kommen, desto höher und bunter werden die Blumen, die unseren Weg säumen.

Das sieht ja Dole aus

In Dole angekommen, versuchen wir zunächst, die steile Auffahrt zum Office de Tourisme zu vermeiden und fahren auf Flussniveau durch die historische Altstadt. Das sieht gut aus, bringt uns aber in Sachen Unterkunft nicht weiter, also doch hinauf. Die Stadt ist herber als Besancon, weniger zugänglich; ihrem berühmten Sohn verdanken wir in letzter Konsequenz die ESL-Milch, die seit zwei Jahren in deutschen Supermärkten die Regale blockiert.

Die Dame hinter dem Tresen des OdT ist sehr nett und hilfsbereit, nach langem Zögern entscheiden wir uns für das nächstliegende Hotel, dort ist ein einfaches Zimmer frei, usw. usf. Der rechte Ort fürs Abendessen ist schwerer zu finden. Ich frage einen Einheimischen, der gauche immer „gosch“ ausspricht (daran muss man sich auch erstmal gewöhnen). Wir folgen seiner zweiten Empfehlung, die eher eine Crêperie als ein Restaurant ist. Der Service ist gut, das Essen lecker und auch das Fläschchen Pinot Noir schmeckt einwandfrei.

Donnerstag, 21. Juli 2011

17.07. 2ème étape: Hyèvre-Paroisse–Besançon (48,47 km, 2:48:30) Risque du noyade!

„Sushi Besançon – c'est avec du fromage.“

Irgendwann in der Nacht wache ich kurz auf und habe Probleme mit dem Gleichgewicht. Am Alkohol kann es nicht liegen, ich entscheide mich für Weiterschlafen. Am Morgen kommt das Problem unvermindert, ich kann mich aber stabilisieren, und nach dem Frühstück ist alles wieder im Lot.

Frühstück sieht elend aus, ist aber gut: geschälte Orangen zum Selberpressen, sehr gute Croissants, Wurst und Schinken ebenfalls OK. Der Café ist Zichorienqualität, rings an den Wänden hängen Sammlerkästen gefüllt mit Modellautos und -motorrädern im Maßstab 1:43.

Café, eau, lait

Augen oweh

Draußen schüttet es wie bei Weltuntergangs, aber wir haben keine Wahl. Sollen unsere Klamotten doch mal zeigen, wie sie mit echtem Regen umgehen. Nach dem Aufpacken zögern wir zunächst noch, obwohl das Wetter dazu keinen Anlass gibt. Also fahren wir halt.

Da fällt der Abschied leicht

Die Strecke ist sensationell, wenn jetzt noch die Sonne schiene, würde man ständig schreien vor Glück. Erster Stop in Beaume-les-Dames, wir suchen Schutz bei Super U. Dort trifft man erfahrungsgemäß nette Leute, heute ein Ehepaar aus Orléans, das dem Eurovélo 6 mit Tandem und Anhänger folgt und in einem leeren Einkaufswagen-Unterstand Schutz vor der Nässe sucht. Sie freuen sich sichtlich, dass ihnen jemand Gesellschaft leistet, wir klären schnell die jeweiligen Starts und Ziele ab und erfahren bei dieser Gelegenheit, dass es in Frankreich einen Rad-Reiseführer für den Weg gibt. Das System ist ähnlich, wie wir es von bikeline kennen, wenn wir in Besançon ein Exemplar kriegen – seulement sur commande –, dann kaufen wir's.

Der Gegenverkehr beschränkt sich auf insgesamt zwei oder drei Paare, die uns mehr oder weniger glücklich entgegen kommen. Irgendwo passieren wir vier Jungs, die wild campen und jetzt neben ihrem Zelt die Regenzeit abwarten. Nach 15 Kilometern der nächste Halt, diesmal in Laissey bei Stanley Black & Decker, die an dieser Stelle keinesfalls Bohr- und Schleifmaschinen produzieren, sondern Überwachungssysteme. Wir knuspern zwei Bananen, werfen die Schalen naturverbunden in die Flora und strampeln weiter.

Noch 20 Kilometer Regen bis Besançon

Irgendwann hat sich auch die letzte Wolke über uns ausgeschüttet, so dass die verbleibenden Kilometer bis Besançon regenfrei absolviert werden. Da die Gore-Socken den Fluten doch nicht gewachsen sind, stehen unsere Füße und Schuhe rund eineinhalb Stunden komplett unter Wasser. Irgendwann kommen wir an Kilometer 100 des Doubs-Radwegs vorbei, die Markierung steht Kopf, wahrscheinlich weil die Bautrupps an zwei Punkten mit dem Arbeiten begonnen und jeder Trupp seinen Fortschritt individuell dokumentiert hat.

100 km = 10 Millionen Euro = unzählige zufriedene Europäer

Kurz vor Besançon geht's nochmal über eine Brücke, kurz danach schlägt uns der Gestank einer Kläranlage ins Gesicht. In mehreren großen Becken sprudelt die braune Brühe aus senkrecht stehenden Rohren, ein Schild am letzten Becken warnt vor dem Risiko des Ertrinkens. Ich glaube, wer hier ertrinkt, ist vorher erstickt und dann tot ins Becken gefallen.

Stiller Fluss, wenige Kilometer vor der Stadt

Das erste, was wir von Besançon sehen, ist Vaubans Zitadelle. Darunter liegt am Fluss die sterbende Vorstadt Morre, deren Fabrik- und Wohngebäude entweder bereits dem Verfall oder wenigstens dem Makler zum Verkauf übergeben wurden. Der Doubs führt uns weiter am Hospiz zum Heiligen Geist vorbei, der Uferweg ist so schlecht, dass wir die erste Röhre links hinauf zur Stadt nehmen.

Links Heilg Geist, rechts Fort de Brégile

Oben angekommen, stockt uns erstmal der Atem. Wir stehen auf einem großen Platz vor dem Musée des beaux-arts et d'archéologie, die Häuser rund um den Platz sind erbaut aus großen, hellen Kalksandstein-Quadern, alles wirkt mächtig, majestätisch. Im Museum erfahre ich, wo die Touristeninformation ist. Wir fahren hin, sie ist geschlossen.

Die Mitarbeiter sind aber noch da, und eine der Damen hat Mitleid mit mir, empfiehlt mir das Hotel du Nord sowie eine Brasserie in dessen Nähe fürs Abendessen. Mit Eintritt in das Hotel haben wir endlich Frankreich erreicht: Die Chefin ist locker über 80 und trägt ein T-Shirt von Kookai. Das W-Lan ist schnell und kostenlos, aber die Belegungsliste wird noch per Hand geführt. Und im Zimmer sind die Wände mit Teppich bespannt, das Klopapier gibt's nicht von der Rolle, sondern in Scheibchen, und auf knapp zwei Quadratmetern Bad steht ganz selbstverständlich ein Bidet.

Vor dem Fenster das Milieu

Wir streifen nach dem Duschen durch die Stadt, es ist der helle Wahnsinn. Ein unglaublicher Mix von Menschen unterschiedlichster Herkunft, phantastische Gebäude, unzählige Bars, Brasserien und Restaurants, an jeder Ecke eine Brücke über den Doubs, der die ganze Altstadt umfließt. Unsere Brasserie hat leider Jahresurlaub, so dass wir die Dame im Office de Tourisme nochmal belästigen müssen.

Sie erinnert sich zunächst nur dunkel, erschrickt dann aber über die Nachricht, dass die Brasserie urlaubt, und denkt über Alternativen nach. Einer der beiden jugendlichen Mitarbeiter will witzig sein und schlägt deshalb Sushi vor. Meinen Hinweis, dass wir nicht wegen Sushi nach Besançon gekommen sind, kontert er mit dem Hinweis „Sushi Besançon – c'est avec du fromage.“

Heilig Geist aus anderer Perspektive

Die Franzosen „können“ Plätze

Wir lassen uns lieber von den Empfehlungen seiner Kollegin leiten und schauen uns die beiden Brassierien am Place Granvelle an. Da Mo schon um sechs der Hunger quält, stellen wir uns noch am Crêpes- und Gauffres-Stand an und bestellen 1x Sucre, 1x Chocolat. Folge: Ich verkleckere meine Hose mit der flüssigen Schokolade, d.h.: zurück ins Hotel, auswaschen, trocken, Bügelfalte sorgfältig nachstreichen.

Ab halb acht verbringen wir den Abend mit viel Vergnügen im 1802, die vier Holländer zwei Tische weiter werden wir am nächsten Morgen im Hotel wieder treffen.

Victor Hugo, 2011