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Sonntag, 30. Dezember 2012

11. Juni 2012, der dreiunddreißigste Tag: Sully-sur-Loire–Sancerre, 93,37 km

Es geht aufwärts!

Frühstück im Hause, es ist das beste, das uns diese Tour bisher beschert hat. Auf meine Frage nach dem Bäcker schaut uns der Patron zunächst verständnislos an und erklärt dann, dass er die von uns verzehrten Baguettes heute morgen selbst gebacken hat. Und die Viennoiserie ebenfalls.

Er kann verstehen, dass wir nicht noch einen Abend bleiben wollen, ohne sein Restaurant auszuprobieren und nimmt es entsprechend entspannt hin, dass wir nach dem Frühstück weiterfahren wollen. Vor dem Hotel ist inzwischen der wöchentliche Markt aufgebaut, es ist kurz nach neun.

Ein Château! Ein Château!

Am Château vorbei fahren wir ein paar Meter auf sandiger Piste, dann geht es wieder auf den Damm – heute rollt es besser als gestern, denn der Wind ist mit uns. Die Fahrt geht über ca. acht Kilometer, dann biegt der offizielle Weg auf eine andere Strecke ab. Wir bleiben auf dem Damm.

Kurz hinter Lion-en-Sullias, etwa auf Höhe des AKWs auf der anderen Seite, kommt plötzlich ein Hund von links aus dem hohen Gras, das den Damm säumt. Hinter ihm tritt eine Frau in den späten Zwanzigern auf den Weg. Sie entpuppt sich als Lohn-Schäferin aus Holland, die bis Oktober 400 Schafe für eine Gemeinde nördlich von Gien durchs Land treiben und dann zurück nach Holland gehen wird. Unten blökt es wie wild, und die Frau weist uns fröhlich darauf hin, dass ihre Schafe an dieser Stelle offiziell gar nicht weiden dürften.

Wir wünschen weiterhin guten Appetit, wechseln am Ende des Damms auf die Straße nach Saint-Gondon und hinter dem Ort zurück auf den Damm bis Gien. Die Stadt sieht aus der Ferne zwar sensationell aus, das entpuppt sich aber als zwiespältig, denn nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie vollständig im alten Stil wieder nachgebaut.

Gien: optisch ansprechende Neubausiedlung am Ufer der Loire

Von Gien fahren wir abseits der Loire durchs Land, bei Briare treffen wir auf eine Kanalbrücke über die Loire, wie wir sie aus Digoin kennen. Nach Besuch des örtlichen Bäckers verfahren wir uns und finden erst nach einiger Zeit wieder aus der Stadt hinaus. Auf der Route d'Ousson kommen wir genau dorthin, überqueren die nächste Brücke und machen nach 50 Kilometern Tagesstrecke um halb eins auf der anderen Seite Mittag.

Was ist das: mehr als 100 Jahre alt, 663 Meter lang und überbrückt die Loire bei Briare?

Der Mensch muss Ziele haben im Leben

Danach zunächst einmal entlang des nächsten Canal latéral, dann auf absolut frischer Asphaltpiste bis Bonny-sur-Loire, vorbei am nächsten AKW und auf dem Damm gegen den stärker werdenden Wind auf westlicher Seite bis zur Brücke nach Cosne-Cours-sur-Loire.


So ein Schleusenwärter wohnt manchmal schöner als man glaubt

Ein Radweg, wie er heute sein soll!

In der Bar an der Ecke kriegen wir zwei Petit crème für zwei Euro, der Patron hat einen jungen Jagdhund mit auffälligem Halsband, das den Hund mittels Elektroschock unter Strom setzt, sobald er sich mehr als 250 m vom Sender (= vom Haus) entfernt. Kein Wunder, dass der Hund so verstört wirkt.

Der Tierquäler drinnen ist stolz, wir fragen draußen telefonisch in einem Hotel auf der anderen Seite nach einem Zimmer. Die Frau am anderen Ende der Leitung sagt „Non!“, ich sage „Schade.“, sie antwortet „Ja, Monsieur – vor allem für Sie“.

Das spornt uns mächtig an, die letzten zehn Kilometer vergehen wie im Fluge, gegen vier erreichen wir Saint-Satur und finden ein interessantes Hotel – leider montags geschlossen.

150 m über der Loire, 2500 ha weit über dem Durchschnitt

Durch den Ort fahren wir zum Rond point und von dort nochmal drei Kilometer aufwärts nach Sancerre. Die Steigung orientiert sich an den Prozenten der hier ausgebauten Weine: zehn bis zwölf Prozent, wir fühlen uns wie auf dem Weg durch die Dordogne.

Oben angekommen, empfiehlt uns die freundliche Frau im Office du Tourisme Hotel und Restaurant. Wir bekommen ein günstiges Zimmer, duschen uns, waschen die Trikots und schlafen bzw. schauen das EM-Spiel zwischen Frankreich und England.

Um halb acht geht's zum Essen. Alphonse Mellot serviert Tartar von Saint-Jacques und Mango, Oeufs meurettes mit zwei Saucen, Filet de Boeuf und einen Andouilette-Auflauf. Mit dem passenden Getränk tut man sich natürlich schwer in dieser Umgebung, am Ende einigen wir uns auf ein Fläschchen Sancerre.

Im Hotel schauen wir Petra von Kant in der RWF-Retrospektive auf arte noch ein halbes Stündchen beim Heulen zu.

„Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“

Nachdem wir den geplanten Ruhetag gestern mangels Restaurant hatten sausen lassen, beschließen wir, die Sause in Sancerre nachzuholen. Mal sehen, ob uns das Hotel für eine weitere Nacht aufnimmt.

Dienstag, 25. Dezember 2012

10. Juni 2012, der zweiunddreißigste Tag: Orléans–Sully-sur-Loire, 56,01 km

L'important c'est la Regenhose


Zum Frühstück gibt's feinen Schinken und leckere Aprikosen, heute soll's regnen.


Nach etwa halbstündiger Rundfahrt durch die Stadt erreichen wir die Brücke, auf der wir gestern Abend ins Zentrum gekommen waren, sie führt uns direkt zum Anschluss an den Radweg auf der anderen Seite.


Zunächst geht es auf kurviger Sandpiste ein paar Kilometer an der Loire entlang, dann wieder auf einen Deichweg, auf dem wir trotz Gegenwind schnell nach Jargeau kommen. Unterwegs passieren wir das erste gemähte Kornfeld! Heute ist der 10. Juni!!


Die Brücke nach Châteauneuf-sur-Loire, ...

... ein paar Meter weiter erwartet uns Loulou

Auf der anderen Seite, in Saint-Denis-de-l'Hôtel, kaufen wir ein. Vor dem Supermarché spricht uns ein Mann an, der behauptet, er habe 1956 in der Schule Deutsch gelernt. Außerdem behauptet er, im Auto CDs der Amigos und der Flippers zu haben. Ist das eine Falle?

Wir fahren über die Brücke zurück, Mo sucht ein Klo, kaum hat sie ein Plätzchen gefunden, taucht ein drahtiger Rennradler auf und will uns beim Wegfinden helfen. Er stellt sich als kundiger Kenner der Region vor, ich schicke Mo den Hügel runter in die Büsche. Oben weist Monsieur mich ein: Straße, dann Damm, dann über den Fluss nach Châteauneuf-sur-Loire und von dort unbedingt nach Germigny-des-Prés in die karolingische Kirche.

Wo er recht hat, hat er recht: Sie ist wirklich beeindruckend, schlicht und bezeichnet sich Besuchern gegenüber als Site de cult. Gleich rechts neben dem Eingang, in der dunkelsten Ecke des Raumes, steht eine sensationelle alte Holzfigur: ein grob gearbeiteter Schäfer, der das Buch mit dem Titel PAX hochhält.

1400 Jahre Christentum in Frankreich

Die Hand Gottes im byzantinischen Mosaik

Vor der Kirche wartet bereits eine Hochzeits-Gesellschaft (hatten wir nicht gestern erst eine?), mit Blick zum sich stetig verdunkelnden Himmel beschließen wir, den Weg auf der Straße fortzusetzen.

Leider ist der Regen noch schneller als wir, gleich nach der ersten Kurve fallen die ersten Tropfen. Wir stoppen, ziehen Hose, Jacke und Helmüberzug über und glauben, das würde reichen. Der Regen sieht das anders, er schüttet sich aus vor Vergnügen, und bis Saint-Benoît sind wir richtig nass.

Am örtlichen Bus-Wartehäuschen rufen wir das für die nächsten beiden Nächte anvisierte Hotel an. Die Küche klingt sensationell, da bleiben wir gerne einen Tag länger. Die Dame am Telefon macht mich darauf aufmerksam, dass das Restaurant heute geschlossen ist. Voller Enthusiasmus fahren wir die restlichen acht Kilometer im Regen und kommen um kurz vor halb zwei an.

Triste Aussichten: zwei Abende lang kein Essen im Haus

Alle sind nett, im Restaurant tafeln Menschen, denen man ihr Glück ansieht, aber für uns reicht es zeitlich leider nicht mehr zum Mittagessen, und abends ist das Restaurant halt zu. Unsere Idee des zweitägigen Aufenthaltes wird von Madame positiv aufgenommen, morgen ist das Restaurant allerdings auch geschlossen.

Der Patron beruhigt uns, es gibt noch einen Chinesen und einen Italiener im Ort.

Wir duschen, essen Mitgebrachtes und legen uns erstmal hin. Alles ist extrem plüschig und très français. Um sieben gehen wir zum Italiener essen. Er entpuppt sich als hundertprozentiger Franzose, der ein Bistrot mit (relativ) italienischem Flair betreibt, das Café des Arts. Für uns bedeutet das: Salade au Chèvre chaud, Salade de Gésiers, Filet de Sandre sowie Moules et Frites für Monsieur. Das Essen ist absolut OK, aber der Gedanke daran, was wir im Hotel verpassen, trübt die Stimmung.

Zurück im Hotel funktioniert plötzlich das Internet, so dass wir mit Junior skypen können. Dafür gibt's keinen Fußball im TV.

9. Juni 2012, der einunddreißigste Tag: Blois–Orléans, 88,14 km

Endlich Schlossherrin!

Frühstück dans la chambre. Mo weiß nicht mehr, wo sie ist. Um die Verwirrung zu komplettieren, buche ich gleich mal ein Hotel in Orléans.

Vor der Abfahrt geht's erst noch zum nahen Post-Palast. Draußen bettelt Ayshe, drinnen gibt es viele Schalter, vor jedem steht eine ordentliche Schlange. Weit und breit ist nur ein Mitarbeiter zu sehen. Viele Kunden drängen sich vor Automaten, so stellen sich Lieschen Müller und ich die Spielkasinos in Las Vegas vor.

Eine Kundin am Ende einer Schlange berät mich zwecks Markenkauf am Automaten. Als ich gehe, ist sie keinen Schritt vorwärts gekommen, und der Schalter ist nach wie vor unbesetzt. Vor meinem inneren Auge wird die Post am Südbahnhof zum Amt für Hochgeschwindigkeit.

Wir fahren zum nahen 8 à huit und dem Bäcker direkt daneben. Centre ville füllt sich langsam mit einkaufenden Menschen, 9.25 Ausfahrt über den Pont Jacques Gabriel.

Ostwärts raus aus Blois

Nach ein paar Metern am anderen Loire-Ufer geht's rechts ab ins Land: Vineuil, Huisseau-sur-Cosson, Chambord. Unterwegs überholen wir einen in sich gekehrten Wanderer, und ich frage mich, ob er wohl auch zum Château will.

Rund vier Kilometer vor dem Château werden wir von der Straße in den Wald geschickt, um am Ende des Weges doch wieder auf der Straße zu landen. Der Blick aufs Château ist frei, Mo ist glücklich, wir fahren an alle möglichen Punkte rundum, machen Fotos und schauen den anderen Touristen zu.

Auf dem weitläufigen Rasen vor dem Schloss trabt und galoppiert eine junge Frau. Ich fahre rüber und frage einen Mann, der von der nahen Mauer zuschaut, ob sie wohl die Prinzessin ist. Er kann das fröhlich verneinen, denn sie gehört zu seiner Truppe von Schauspielern und Artisten, die 2x täglich ein Ritter-Spektakel für zahlende Besucher darbieten.

Radweg in Stein gemeißelt

Chambord einerseits

Chambord andererseits

Gegen elf nehmen wir zwei Petit crème auf der Terrasse des Hotels gegenüber und telefonieren mit den mehr und minder Lieben daheim. Um halb zwölf fahren wir weiter, kurz hinter dem Parkplatz kommt uns der Wanderer von vorhin entgegen – Chapeau!

Den königlichen Forst verlassen wir in nördlicher Richtung nach Saint-Dyé-sur-Loire, unterwegs sehen wir mehr Radwanderer als in allen Wochen zuvor sowie viele Kurzradler, die für ihre kurzen Wege Räder gemietet haben. Bei Muides-sur-Loire nutzen wir die ausladende Aire am Flussufer zu einer etwas weniger ausladenden Mittagspause, danach über die Brücke und am Fluss entlang in Richtung Beaugency.

Da müssen sie durch, die großen und kleinen Radfahrer

Unterwegs haben viele Stadtväter den Radlern ein Geschenk gemacht, indem sie üppige Mengen von Split auf den Betonwegen ausbringen ließen, besonders in Kurven erhöht dies die allgemeine Verkehrssicherheit ungemein.

Château Beaugency 2.0

600 Jahre Krieg um 23 Bögen

Die Abbaye direkt am Fluss, heute fest in Touristenhand

In Beaugency besuchen wir nach intensiver Beratung durch eine Einheimische die Église abbatiale Notre-Dame, drinnen üben sie Ave Maria, draußen trommelt der Fanfarenzug aus Autainville ein Brautpaar in Richtung Altar.


Alle warten, dann kommt der Pfarrer in naturweiss mit schmucker oranger Schärpe. Genug gesehen, alle gehen rein, wir fahren weiter.


Höchste Zeit zu heiraten

Bis Meung-sur-Loire wird die Strecke übel: Schlaglöcher, überhängende Zweige und viele Kurven, im Ort verfahren wir uns, dann weiter über eine Brücke und auf einen Damm, der das südliche Ufer vor dem Wasser schützt.

Schön, dass wir wieder auf dem Damm sind

Mit Tempo 30+ schmelzen die Kilometer bis Saint-Hilaire-Saint-Mesmin nur so dahin. Irgendwo bei Saint-Pryvé-Saint-Mesmin verfahren wir uns erneut, sehen uns aber auf einem guten Weg zu dem heute früh reservierten Hotel. Wir kaufen noch ein bisschen fürs Frühstück ein und kurbeln weiter gen Saint-Jean-le-Blanc.

Nach skeptischer Fahrt durch eine schmale, von allerlei hängendem Gestrüpp überwucherten Passage sprechen wir mit zwei jungen Frauen, die uns am Eingang der Passage vorgelassen hatten, und erreichen schließlich das Hotel – fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, umgeben von Bau- und Gartenmärkten.

Weit und breit keine Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme; das mögen wir nicht.

Johanna im Herzen der Stadt

Es ist 17.22 Uhr, wir düsen ins Zentrum. Zwanzig Minuten später haben wir einen Hotelführer aus dem Office de Tourisme und täuschen im ursprünglich gebuchten Hotel telefonisch eine Panne vor, um die Absage zu rechtfertigen. Das Grand Hotel hat ein Zimmer für uns, wir satteln ab, duschen und gehen essen.

Vorher noch ein kleiner Rundgang durch die Altstadt, dann l'Ardoise: Fusion de Thon blanc et Poulpes, Pressé de Lapin, Variations de Caille, Crépinette de Pied de Cochon et son Mignon. So weit, so gut.

Beim Käse gibt's Ärger, denn die Kellnerin will nicht akzeptieren, dass ein Gast lieber lokale Käse hätte als das Durchschnittsgedöns mit Camembert & Consorten. Der Kellner fasst zur Strafe noch mit seinen Fingern an meinen Sablé, naja ...

Die Kathedrale, die in Street View nicht wiederzuerkennen ist

Dienstag, 11. Dezember 2012

8. Juni 2012, der dreißigste Tag: Tours–Blois, 94,69 km

Königliche Preise

Mangels Alternativen zimmern wir uns ein Vorab-Frühstück aus Nescafé und Banane; Aufbruch zum gestern ausgeguckten Steg um kurz nach neun. Wir haben viel vor!

Unterwegs kaufen wir einen Bäcker leer, zweites Frühstück am Château. Während wir im Stehen speisen, verdoppelt sich die Zahl der Touristen-Busse auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Der Wind weiß, woher er wehen muss – wer den Radler liebt, der schiebt –, die Sonne lacht, wir lachen mit.

Da geht's lang!

Auf feiner Piste rollt's uns schnell nach Montlouis-sur-Loire, der Radweg führt durchs ganze Dorf, kein Haus bleibt ungesehen. Danach folgen wir den Touraine-Weinbergen bis Lussault-sur-Loire, wo wir auf die D283 abbiegen und bis Saint-Martin-le-Beau durch weitere Weinorte und -lagen kommen. Im Ort wechseln wir auf die Rue nationale und fahren bis Civray-de-Touraine und weiter zum Château Chenonceaux. Dort gibt's aber nur gegen 11€ Eintritt pro Nase was zu sehen, und das lohnt sich für uns nicht, denn: Wohin mit Rädern und Gepäck? Wie vereinbaren wir Schlossführung und Vorwärtskommen?

Mo nutzt die Pause vor der Kasse, isst ihr Pain au chocolat und sagt: „Die Leute hier laufen alle, als wären sie auch schon 2.000 Kilometer mit dem Rad gefahren.“ Vom Château sehen wir dank weiträumiger Abschottung leider nix, auch der Versuch einer Umfahrung in der Hoffnung auf Fernblick scheitert nach wenigen Kilometern kläglich.

Mittagszeit bei Königs in Amboise

Na, dann fahren wir halt schnell nach Amboise und hoffen, dass es dort besser wird. Es geht gut rauf und trotzdem gut voran, am Ortseingang ein Schauer, wir stellen uns unter und ziehen die Regensachen an. Kurz darauf im Ort ein übles Sammelsurium von Pack rund ums Château royal – gegenüber Kneipen wie in der Drosselgasse, da wollen wir weder sehen noch gesehen werden.

An der Hauptstraße finden wir einen Carrefour City und damit endlich was zum Mittagessen. Es gibt lokale Käse, ansonsten das normale Programm aus Wasser, Apfelsaft, Bananen, Joghurt, Petit pains und Tomaten. Der Azubi an der Kasse lässt sich den Panier zwecks Transport der Ware zum Rad abschwatzen, als ich ihn wiederbringe ruft er: "heffeneisdehbei". Irgendwie traut er dem Frieden nicht, wenn Touristen mit ihm Französisch sprechen.

Amboise: edle Gemäuer, ...

... große Namen, ...

... Speisen auf hohem Niveau

Nicht weit vom Clos Lucé (13,50€ Eintritt), wo da Vinci die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte, finden wir einen windigen Essplatz mit Blick auf Cretin City. Um kurz nach zwei brechen wir auf nach Chaumont, mal sehen, was uns da erwartet. Die Strecke ist super, der Wind gibt sein Bestes. Wir auch.

Entsprechend kommen wir top voran und erreichen das nächste Château, das wir nicht anschauen. Diesmal beträgt der Eintritt 15,50€, damit haben wir heute summa summarum rund 80€ an Eintrittsgeldern gespart. Am Fluss entlang summen wir weiter nach Candé-sur-Beuvron, die Loire ist inzwischen schmal wie ein Handtuch. In Candé merken wir, woran es liegt: Das Handtuch ist nicht die Loire, sondern der Beuvron.

Am Hafen von Chaumont

Am Schloss von Chaumont

Am Schild von Chaumont

Nach einem Café crème, einem Anstieg und sechs Kilometern am Ufer sehen wir auf der anderen Seite Blois. Kurz vor der Stadt im Schilf eine wohl riesige Menge von Fröschen – da bekommt man eine leise Ahnung, warum Menschen gegen Froschteiche klagen.

Blick auf Blois, im Vordergrund: Froschkonzert

Über die Brücke, die übliche Suche nach dem OdT, in der Stadt spielen einzelne Musiker und eine Band im Zentrum – lebhaft. Vor etwa 20 Jahren waren wir schon mal hier – auf dem Weg in die Bretagne, aber daran kann oder will sich keine/r mehr erinnern. Das Office liegt weit oben, Mo wartet unten, die junge Frau verteilt einen Guide pratique, mehr kann oder will sie zu unserem Unterkommen nicht beisteuern.

Wir entscheiden uns für das Ibis am Château, fahren hin und nehmen das Zimmer. Hier hat accor-Ibis ein grandioses altes Gebäude versaut: abgehängte Decken, hässliche Möbel, zu kurze Duschvorhänge, usw. Aber accor wirtschaftet nachhaltig und stellt für fünf mehrfach benutzte Handtücher irgendwo in der Welt neue Vittel-Wälder auf.

Il était une fois ... à Blois

Nach Dusche und kurzer Pause schaue ich ein bisschen EM-Eröffnung, dann geht's raus zur Stadtbesichtigung mit Restaurant-Suche. Blois ist zwar nicht Nantes oder Orléans, aber schon ein anderes Kaliber als Amboise oder Chaumont, so dass wir eine durchaus üppige Strecke zurücklegen dürfen.

Das unterwegs angesteuerte Fisch-Restaurant ist Madame zu teuer, wir gehen zur nächsten Adresse und kommen en passant an dem Logis-Hotel vorbei, das bei unserem Reservierungsversuch am Nachmittag schon complet war. Aber Essen gibt es: Rillettes de Cabillaud, Blanc manger de Chèvre, Foie de Veau und Veau marengo, was bei uns daheim unwidersprochen als Kalbsgulasch durchgehen würde.

Auf dem Rückweg zieht es uns nochmal an den Platz, an dem vorhin die Musik spielte. Wir kriegen gerade noch die beiden letzten Stücke der R&B-Band mit, die Gitarrenmusik im Stil der 70er Jahre zum Besten gibt. Die Gattin ist begeistert, ich erschrecke.

Morgen probieren wir's mit Chambord.

Dienstag, 4. Dezember 2012

7. Juni 2012, der neunundzwanzigste Tag: Saumur Hotel–Saumur Bahnhof, 7,95 km

Heidi, Seal and the City

Wir frühstücken, was noch da ist – überraschenderweise ist tatsächlich immer noch was da (evtl. belasten wir uns mit zu viel Proviant). Danach packen, zahlen, nix wie weg, runter in die Stadt.

An einem recht zentralen Platz legen wir einen Stopp beim Bäcker ein: Croissants, Pains au chocolat, Rosinenschnecken – danke, wir essen's gleich hier. Kaum draußen, fängt der Regen an. Wir stehen lange nebenan beim Metzger unterm Vordach, parlieren vorsichtig mit Schirmträgern, die beständig kommen und gehen, und beschließen irgendwann, mit dem Zug nach Tours zu fahren.

Trübe Aussichten beim Bäcker in Saumur

Wenn er planmäßig fährt, dann um 11.27 Uhr. Es ist jetzt 10.15 Uhr, da kaufen wir dem Bäcker sicherheitshalber noch ein paar Kalorienspender (bretonische Spezialität) ab und fahren gen Centre ville.

Saumur ist deutlich größer als gedacht, wir nehmen en passant einen Café crème und bei dieser Gelegenheit mit den Augen am örtlichen Leben teil. Die Loire ist anschließend so breit, dass die Île Offard noch zwischen die Ufer passt und wir zwei aufeinander folgende Brücken – mit nochmal reichlich Stadt dazwischen – überqueren müssen, um den Bahnhof auf der anderen Seite zu erreichen.

Wer hier einsteigt, ...

Mo presst der Dame hinterm Schalter zwei Tickets ab, der französische Schwarze draußen am Bahnsteig sieht aus, wie ein ordentlicher Schwarzer heute auszusehen hat und hört genau die Musik, die ein ordentlicher Schwarzer heute zu hören hat. Ist das jetzt Genetik, Ghetto oder Globalisierung?

Am Bahnsteig gibt's die ersten sechs der zwölf Kalorienspender (bretonische Spezialität), dann sagt Madame den Zug an. Der hat Platz für drei Räder, eins hängt schon, wir hängen unsere daneben und besetzen zwei freie Plätze in direkter Nähe. Die Fahrt dauert etwas mehr als 50 Minuten, die Leute rundum freuen sich mit uns übers Wetter.

Es schüttet.

... kann da rauskommen (z.B.)

Kein Regen in Tours. Im Verkehrstrubel rund um den Bahnhof suchen wir das Office de Tourisme, was von den lokalen Behörden mit einem perfiden Trick systematisch erschwert wird: Über die landesweit einheitlichen Hinweise hat das lokale Cleverle vom Amt eigene Schildchen geklebt, die dem Fremden leider nicht vertraut sind und uns – so viel sei vorab verraten – auch in keiner anderen menschlichen Ansiedlung dieses schönen Landes mehr begegnen werden.

Als wir endlich fündig geworden sind, habe ich das Vergnügen mit einer hoch professionellen Mitarbeiterin. Sie nennt mir mehrere Hotels, während ich die draußen mit Mo durchgehe, verkauft sie drinnen einer Asiatin mehrere Tages- und Busausflüge zu den Schlössern der Region. Als ich zurück komme, unterschreibt die Touristin bereits zügig.

Wir einigen uns darauf, zwei der Hotels anzusteuern, gleich vor dem ersten fahre ich über eine Scherbe, es macht pffft, und dann ist auch noch das Hotel complet. Wir schieben stark angesäuert zum nächsten, und finden dort sogar ein schönes Zimmer. Mo duscht, ich wechsle im schmalen Hof den breiten Schlauch.

Kein Vergnügen: das städtische Vergnügungsviertel

Nach dem Schlauchen, kurz duschen, umziehen, dann Stadtbesichtigung. Was uns erwartet, ist teils toll, teils übel. Wir streifen durch die Altstadt, entlang drei innerstädtischen Brücken, sehen die offiziell frisch getrennten Heidi und Seal mit ihren farbenfrohen Kindern. Sind die schon wieder zusammen? Und warum twittert sie das nicht?

Nach Karlsturm, Kathedrale, Château und entlang der Einkaufsstraßen sind einige Stunden vergangen, unsere Beine sind das nicht mehr gewohnt. Außerdem rückt die Essenszeit näher. Wir entscheiden uns für eine kurze Pause im Hotel.

Auf dem Rückweg passieren wir den Pont Suspendu de Saint-Symphorien, einen schmalen Steg, den wir gleich morgen früh als Fluchtweg benutzen werden.

Wo Sankt Martin zu Hause ist

„Man sieht Ihnen die 780 Jahre gar nicht an, Madame.“

Auch hier hat der Schlossherr nahe am Wasser gebaut

19.45 Uhr essen wir in einer der belebten Straßen in der Nähe. Unsere Kellnerin trägt permanent Make-up und stöhnt unter der Last, die sie in Form eines engagierten Anlernlings tragen muss. Für uns bleiben zwei Vouvray, Roulade de lapin, Salade de Riz de Veau tiede, Magret de Canard, Côte de Cochon, Café Gourmand mit super Mousse au Chocolat.

Vor dem Schlafen simsen wir unserem zarten Kind noch schnell die Ergebnisse des gerade laufenden GNTM. Wir haben ja nachmittags Heidi gesehen und wissen, dass Luisa gewinnen wird.

À demain