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Montag, 29. Mai 2023

La France avecque ... Sancerre par grand plateau

Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte am frühen Morgen


29. Mai 2023


Das Frühstück ist etwa auf dem Niveau der Badewanne. Wir sind gestern sauber geworden, wir werden heute satt. Und wir nehmen mit, was fürs Mittagessen nützlich sein könnte.


Natürlich wären wir gern früher losgefahren, aber die Kathedrale war gestern schon zu und ist heute erst ab neun geöffnet. Leider sind Mittelschiff und Westchor gesperrt und mit Tüchern verhängt, die Dame an der Information veranschlagt die Dauer der Renovierungsarbeiten mit drei Jahren. So lange können wir nicht warten.


Herrgott, welch eine Farbenpracht!

Bis wir loskommen, wird es am Ende fast zehn. Zurück an den Kanal geht es über die gleichen Wurzelwege wir gestern rein in die Stadt. Heute allerdings eher bergab. Der Kanal hat nichts von seiner Langweile verloren, eventuell liegt es aber auch daran, dass wir schon an so vielen Kanälen gefahren sind, dass es genug ist.

Für etwas Abwechslung sorgt dann eine Gruppe von Schülern aus St. Wendel, die mit den Rädern nach La Rochelle unterwegs ist. Sie fahren zügig, zelten am Abend (das Gepäck und die Zelte bringt ein Auto) und lassen mit sich reden. Mal sehen, ob bzw. wie oft wir sie noch sehen werden.


Oben Raum für Touristen, ...

... unten Raum für den Fluss


Wenig später erreichen wir den Pont canal de Guétin, ein beeindruckendes Bauwerk über die ebenso beeindruckende Loire. Und kaum haben wir das verarbeitet, fahren wir schon durch Le Bec d'Allier, einen kleinen Ort, der aussieht, wie eine ortgewordene Tourismuswerbung.


Wir fragen eine Hundeausführerin, wie es um die Relation zwischen Ferien- und Normalhäusern bestellt ist. Sie sagt, dass es durchaus ein paar Ferienhäuser gebe, aber dass hier auch alle anderen wie im Urlaub lebten. Da freuen wir uns mit ihr und fahren weiter.


Wer lange fährt, wird endlich belohnt: unsere Medaille für 25 langweilige Kilometer


In der Folge sehen wir zwar die Schülergruppe nicht mehr, dafür aber zwei deutsche Pärchen im fortgeschrittenen Alter mit unterschiedlicher Mission und Motivation. Zuerst kommt der Artist in der Zirkuskuppel. Seine Manege ist eine kleine Brücke in der Form eines längs aufgeschnittenen Fasses. Wir fahren auf die Brücke zu, müssen vor ihr rechts abbiegen. Er kommt von rechts, muss über die Brücke.


Seine Frau ist schon da und stehengeblieben. Er zeigt ihr, dass man mit seinem Rad auch senkrecht nach oben fahren kann. Ich sage im Vorüberfahren: „750 Watt“, seine Frau lacht und sagt: „Ja, bestimmt!“ Er schafft es tatsächlich.


Oliver Kahn muss gehen — weiter, immer weiter


Mit einem anderen Pärchen spielen wir immer mal gegenseitiges Überholen. Nahe La Marche entscheiden sie sich für den offiziellen Wiesenweg, wir weichen auf die Straße aus, sie überholen uns bei einer Bio-Pause. Dann treffen wir sie an einem Pique-nique-Platz kurz vor La Charité-sur-Loire.


1866 war die Loire hier das Höchste


Anders als wir, sind sie nicht zum Mittagessen da.


Während er eine Drohne fliegen lässt, liest sie ihr Telefon leer. Es sieht aus, als hätte er sie aus einem Urlaub in Thailand mitgebracht. Sie ist am Kopf total verhüllt und trägt außerdem einen Helm mit transparentem Visier; mehr kann man wirklich nicht tun, um nichts an sich ranzulassen. Er erzählt, dass sie aus München kommen und auf dem Weg in die Bretagne seien, um von dort weiter nach England, Schottland und Irland zu reisen. Im Oktober wollen sie wieder zurück sein. Sie liest den Rest ihres Telefons leer.


Auf Schilder schießen ist offensichtlich nicht verboten


Wir schauen die Räder etwas genauer an: Hochleistungsrahmen mit schweren DT-Swiss-Laufrädern, Stollenreifen, Mittelmotor, riesige Akkus, gefederte Gabeln und Sattelstützen. Beide bepackt mit umfangreicher Ortlieb-Produktion, seines hat einen Lenker voll mit zusätzlichem Equipment, wie Handyhalterung und vielem, was wir nicht zuordnen können. Über dem Vorbau thront eine Dashcam, er nimmt wohl die ganze Fahrt auf.


Sie müssen schnell weiter. Wo wir radfahren, realisieren andere Projekte.


Zurück auf dem Weg, strampeln wir stromfrei in Richtung Pouilly-sur-Loire. Die Watt brauchen wir noch auf dem Weg hoch nach Sancerre. Die Basisstation erreichen wir vor 15 Uhr, es sind etwa drei Kilometer mit 150 Höhenmetern bis ins Ortszentrum. Vor zwölf Jahren waren es zehn bis zwölf Prozent Steigung, daran hat sich nicht viel geändert.


Aber heute haben wir Strom. Heute fahre ich auf dem großen Blatt hoch. Madame nimmt das kleine und braucht kaum länger.


Der Vorteil eines Chambre mansardée


Unser Hotel ist hoch modern und liegt direkt an der Hauptstraße bzw. äußeren Umgehung. Der Empfang ist super, die Garage ebenfalls. Unsere Räder teilen den platz mit acht in zwei Vierergruppe fest angeketteten Rennrädern feinster Machart und Ausstattung. Nebenan wird das Haus erweitert. Wir trinken einen Kaffee, duschen und schlafen fast eine Stunde.


So muss ein Badezimmer für Radfahrer ausgestattet sein


Gegen 19.30 Uhr gehen wir eine Runde durch den sterbenden Ort und buchen einen Tisch fürs Abendessen.


Das Runde muss ins Schmeckige


Die Auswahl ist extrem reduziert, denn montags haben die besseren Adressen alle geschlossen. Am Ende sind wir insgesamt gut bedient: gleicher Preis wie gestern in Nevers, bessere Küche und sehr engagierter Kellner.


Durchgehend flach, durchgehend langweilig, am Ende steil

La France avecque ... se baigner dans la Loire

Samen-Teppich entlang des Kanals


28. Mai 2023


Heute war's eher langweilig, dafür aber ziemlich heiß.


Um halb acht gibt's Frühstück. Wir haben gestern schon gut eingepackt, auch das Paket mit inzwischen unnötigen Trikots, Strümpfen usw., das Ineke jetzt wieder an uns zurückschicken wird. Insgesamt sind wir schnell mit allem fertig, um kurz nach halb neun fahren wir vom Hof.


Das erste Ziel ist Bourbon-Lancy, das wir auf der Voie verte schnell erreichen. Den langen und steilen Aufstieg in die Altstadt versüßen wir uns mit zwei Cafés au lait und einer Tarte au pomme bei Patrick et Cathérine. Danach verfahren wir uns erstmal und müssen ein zweites Mal bergauf zum Radweg.


Auf dem weiteren Weg nach Cronat geht es zwischendurch zwei Mal heftig aufwärts. Wir schalten den Motor zu, das wirklich stark übergewichtige Pärchen auf dem Tandem muss es ohne Hilfe schaffen. Und sie schaffen es! Der Fahrradanhänger wackelt zwar beängstigend hin und her, aber die Beiden kommen gut nach oben.


Traumhaus im Grünen, hinter Hecken versteckt


Die Temperatur steigt, die Sonne brennt, wir fahren stromlos durch immer gleiche Acker- und Weidelandschaft. Das geht so bis Kilometer 62, wo wir nach dem nächsten happigen Anstieg am Pique-nique-Platz in Devay ankommen und an einem von Vögeln völlig verschissenen Bank-Tisch-Ensemble unseren Proviant verspeisen.


Lange halten wir uns ob der Umgebung nicht auf, das nächste Ziel heißt Décize, wo unser Loire-Kanal auf den Canal du Nivernais trifft, am dem wir 2019 von Nord nach Süd gefahren sind. Auch diesmal feiert die Stadt ihre Braderie, es riecht nach altem Fett und Kirmeskram.


Wenn wir kommen, feiert Décize


Eigentlich würde es uns jetzt reichen, aber nochmal wollten wir nicht im bekannten Hotel nächtigen, deshalb haben wir in Nevers gebucht. Das sind  weitere 30 Kilometer in der Hitze entlang des langweiligen Kanals. Die Gattin ist derart konzentriert, dass ihr eine Flasche vom Rad fällt und sie drüber fährt. Eine Flasche weniger.


Ob wir hier wirklich fahren dürfen?


Bei Fleury-sur-Loire erwartet uns auf der anderen Seite des Kanals eine sehr willkommene Abwechslung: La Halte Nautique, ein Camping- und Anlegeplatz mit Bewirtung. Heute ist Feiertag und der Franzose kommt im Familienverbund zum Essen.


Wir nehmen nur zwei Café au lait, zwei Softeis von Langnese und einen Liter Wasser. Später stellen wir fest, dass die Flasche perfekt in den frei gewordenen Flaschenhalter passt. Der Kellnerin ist es am Ende selbst peinlich, dass sie uns für besagte Bestellung 15 Euro abnimmt, aber es ist ja Feiertag ...


Mit uns rastet ein nicht grüßender Bikepacker (der erste seiner Art), den wir später bei seiner Bio-Pause passieren. Das kann er schlecht verarbeiten, deshalb holt er uns bald ein und versucht, sich bei uns anzuhängen. Das wiederum ist nicht in unserem Sinne, wir stoppen nach einigen Metern und lassen ihn vorbei.


En passant sucht er mein Rad mit professionellem Blick nach dem Motor ab. Ohne Ergebnis. Er nimmt es hin, kann aber sichtlich nicht begreifen, dass andere – zumal eine Frau! – mit Gepäck so schnell unterwegs sind, wie er ohne. So vergeht die Zeit am Kanal mit lustigen Spielchen unter Radfahrern.


Eines Nachmittags in Nevers

Wir sind froh, dass wir nach rund sieben Stunden endlich in Nevers ankommen. Unten im Fluss baden die Einheimischen, wir genießen die Skyline und beziehen unser Hotelzimmer. Die Rezeptionistin hat einen schönen Platz für unsere Räder, das Zimmermädchen spricht akzentfrei Deutsch; sie hat es im Land gelernt, nachdem ihre Familie aus dem Kosovo geflohen war.


Best Western Nevers, in einigen Bereichen eher second best


Fürs Abendessen lässt uns die örtliche Gastronomie wenig Auswahl, von 15 Restaurants haben sonntags zwölf geschlossen. So landen wir auf einer Terrasse an einer belebten Kreuzung. Die Karte ist fleischlastig, es gibt „günstige“ Apéro-, Cocktail- und sonstige Angebote. Entscheidend ist, dass schnell bestellt, schnell geliefert und schnell Platz gemacht wird für die nächsten Gäste.


Der Abend ist immer noch warm. Der Blick auf die anderen Tische zeigt, dass langsam wieder die Zeit im Jahr beginnt, da Menschen weniger anziehen, als es ihnen und dem Rest der Welt guttut. Ein paar Meter weiter fällt ein Mann rückwärts aufs Pflaster. Das beschert ihm eine Platzwunde am Hinterkopf und einen Rettungswagen-Einsatz.


Rund um die angrenzenden Straße brettern örtliche Poser auf dezent aufgebohrten Mopeds. Die Kellnerin ist überfordert, drei Mal muss ich die Caraffe d'eau selbst an der Bar holen.


Länger als gedacht, leider unvermeidlich

Samstag, 27. Mai 2023

La France avecque ... un changement profond

Eine ganze Herde Pferde, Pferde, Pferde


27. Mai 2023


Wir sind vernünftiger als gedacht. Wir fahren nicht durchs wilde Limousin.


Gleich morgen brechen wir bei erwarteten 27 Grad in Richtung Nevers auf. Da gibt es eine tolle Kathedrale, vernünftige Hotels und abends ordentlich was zu essen. Der heutige Tag lässt uns Zeit zum Pferde besuchen und Zeit für einen kleinen Vergleich von zwei identischen Strecken der Touren 2012 und 2023.


Zwischen Montbéliard und Besançon lagen 2011 rund 96,50 Kilometer. Dafür brauchten wir 4:24 Stunden bei einem Verbrauch von 3.150 Kalorien. 2023 war die Strecke etwa genauso lang. Wir benötigten 4:18 Stunden und 1.900 Kalorien. Das heißt: gerade mal ein paar Minuten weniger Fahrzeit, aber deutlich weniger Kalorienverbrauch.


Zwischen Besançon und Saint-Jean-de-Losne lagen 2011 rund 89,00 Kilometer. Dafür brauchten wir 4:48 Stunden bei einem Verbrauch von 3.360 Kalorien. 2023 war die Strecke rund vier Kilkometer kürzer, dafür war der Weg am Anfang deutlich schwerer. Wir benötigten 4:08 Stunden und 1.800 Kalorien. Hier sind es 40 Minuten weniger Fahrzeit bei viel schwererem Weg. Und trotzdem fast halber Kalorienverbrauch.


Ab morgen früh: 700 Kilometer westwärts

Was also bringt uns der Motor?


1. Wir bewältigen die Etappen zehn Jahre später schneller, mal mehr, mal weniger.

2. Für vergleichbare Strecken benötigen wir deutlich weniger Energie. Das heißt, dass wir eher in der Lage sind, die verbrauchte Glukose wieder aufzufüllen.


Außerdem haben wir inzwischen verstanden, dass unsere ursprüngliche Idee, möglichst lange selbst und erst am Ende der Strecke mit Unterstützung zu fahren, nicht die beste ist. Viel effizienter ist es, die vorhandenen 250 Watt von Anfang an bei Steigungen einzusetzen und ggf. sogar lieber am Ende noch mit eigener Kraft zu fahren.


Diese Erkenntnisse setzen wir ab morgen wieder in der Praxis um. Heute Abend gibt's mehr von dem Käse aus Dompierre, Wein ist auch noch ausreichend da.

La France avecque ... le coq, le vin et le fromage

Bonjour à Saligny-sur-Roudon


26. Mai 2023


Christine fährt heute gleich nach dem Frühstück in die Schweiz. Wir Übriggebliebenen haben uns für den Abend zur Käseplatte verabredet. Die gibt's allerdings nicht im Ort, sondern in Dompierre-sur-Besbre, wo die größeren Supermärkte zu Hause sind.


Um viertel nach elf klemmen wir eine Tasche an den Gepäckträger, schalten die Motoren an und jagen in die Stadt. Das geht recht fix, leider bremst der Motor stark ab, sobald das Rad eine Geschwindigkeit von 25 km/h erreicht. Das ist systemimmanent und bei Anstiegen kaum spürbar. Auf der welligen Straße mit ihren kurzen Steigungen und Abfahrt stört es allerdings ziemlich.


Zum Käse kauft der Teutone in Frankreich Wein und Baguette. Und weil er gerne Proviant mitnimmt, kauft er auch noch etwas Belag für die Brote zum Mitnehmen. Nach dem Mittagessen legt sich die Erkrankte hin, der Gesündere fährt ein bisschen Radprobe mit der Gastgeberin. So eins will sie auch, nur mit anderem Lenker!


Später waschen wir noch Wäsche, machen die Räder sauber und überprüfen die Technik. Bei der Gelegenheit schaue ich mir auch nochmal die Profile der Strecken an, die meine Gattin gerne fahren würde. Das sieht durchaus problematisch aus.


Zum einen, weil Strecken von 50 Kilometern mit bis zu 1.100 Höhenmetern dabei sind. Zum anderen, weil am Ende einiger dieser Strecken die Infrastruktur fürs Schlafen und Essen eher mangelhaft erscheint. Mit einer anspruchsvollen Rekonvaleszenten kann ich mir passendere Routen und Ziele vorstellen.


Viel Ziege, alles Käse

Abends gibt's den Käse aus Dompierre, zwischendurch rufen besorgte Freunde aus Bad Vilbel an, die weitere Einträge bestellen. Dann ist erstmal wieder Ruhe. Morgen entscheiden wir, wie's mit uns und der Strecke weitergeht.


Einkaufsbummel mit dem Rad, on va b1

La France sans e (presque)

Feines Frühstück in sachlicher Atmosphäre

25. Mai 2023


Unter dem Kreuz schläft man gut. Im Refektorium speist man gut.


Wir haben nur etwa 35 Kilometer vor uns, da können wir uns mit der Abfahrt Zeit lassen und uns noch ein  bisschen im Hause umschauen:

Die Kerzen sind nicht echt, aber wenn der Papst zum Essen käme, wäre es keine Überraschung

Das Frühstück kann es mit jedem anderen auf dieser Tour entspannt aufnehmen. Außerdem praktiziert Le Prieuré Inklusion in Service und Küche und statt eines Automaten von Melitta o.ä. stehen hier drei (!!!) Kaffeemaschinen von Jura. Eine gefüllt mit Bohnen von „Café joyeux“, einem Unternehmen, das mit seinen Erlösen karitative Projekte unterstützt.

All das trägt das Haus nicht vor sich her. Wir haben es im Gespräch mit einem Restaurant-Mitarbeiter und dem Küchenchef erfahren.

Auf allen Ebenen: das Bogenfenster als Markenzeichen


Vor der Abfahrt besuchen wir nochmal die Apotheke von gestern Abend und bedanken uns für den Restaurant-Tipp. Schräg gegenüber hat jetzt auch der Laden mit den tollen Espadrilles geöffnet. Leider passen unsere Füsse zu keinem der Modelle.


Um halb elf geht's dann endlich auf die Piste. Die Akkus haben noch acht bzw. zwölf Prozent Ladung, da fahren wir erstmal mit eigener Energie, denn wir wissen, dass es am Ende ab Pierrefitte-sur-Loire nochmal drei Kilometer heftig bergauf geht. Und für exakt solche Zweifelsfälle menschlichen Lebens haben wir die neuen Räder ja gekauft.


Der Kanal kurz hinter Paray-le-Monial


Nach 40 Minuten sind wir in Digoin, fahren zunächst durch den Hafen, dann weiter über den Pont-canal, womit wir nach 750 gefahrenen Kilometern die Loire erreicht haben.


Die Wasserleitung über dem wilden Wasser


Obwohl wir uns immer noch im Burgund befinden, ändert sich nach der Brücke die Landschaft in eine auvergnate Form: Hecken, Büsche, Baumgruppen. Das regionale Klima lässt sich halt nicht sonderlich von echten oder künstlichen Wasserläufen beeinflussen.


Im Proxi in Pierrefitte holen wir das morgens bestellte Brot ab, schnallen es auf die Packtaschen und schalten den Motor zu. Drei Kilometer führt die folgende Strecke zunächst über eine steile Loire-Brücke und dann in Wellen weiter aufwärts. Beide Akkus kommen mit der verbliebenen Energie gerade so aus. Drei bzw. fünf Prozent sind am Ende noch übrig.


Weideland, Hügelland, Ausblick von unserem Zimmer

Unser erstes (Zwischen)Ziel haben wir damit erreicht. Der Gattin geht es noch nicht spürbar besser. Wir installieren uns kurz im 1. OG, dann halten wir unsere Gastgeberinnen erstmal vom Arbeiten ab. Das gemeinsame Mittagessen streckt sich über einige Stunden, schließlich gibt es viel zu erzählen.


Den verbleibenden Nachmittag verbringen wir mit gucken, staunen, Hunde streicheln, Katzen kraulen, Akkus aufladen. Ich helfe zudem beim Reifenwechsel mit, was mangels belastbarer Kenntnis schwierig wird. Später wird fürs Abendessen geduscht, wir sind auf der anderen Seite der Loire angemeldet.


Die Karte ist klein, Madame ist freundlich und kompetent. Beste Vorausdsetzungen für einen schönen Abend zu viert. Die Hunde freuen sich, dass wir zurückkommen.


Kleiner Haken am Schluss: 100 Höhenmeter auf zwei Kilometer

La France avecque ... le prieuré

„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“


24. Mai 2023


Proxi ist gegenüber, wir fangen den Tag wie gestern an: Der Gatte kauft ein, die Gattin bereitet das Frühstück vor. Eier zum Mitnehmen gekocht, Kaffee gekocht – Maschine mit allem in der Küche, sogar Butter im Kühlschrank.


Dann kommt erstmal Google und weigert sich, wie gestern schon, Bilder hochzuladen. Das beeinflusst die Laune und kostet Zeit. Und es führt dazu, dass man später aufräumt, packt und abfährt.


Wenigstens sind es nur ein paar Meter bis zum Kanal. Außerdem zeigt die Sonne, dass es wirklich einen Unterschied macht, wenn sie scheint.


Die Sonne macht den Unterschied


So langsam geht es aufs Ende der Kanalbegleitung zu. Wir umrunden den Étang de Montchanin, durchqueren Montceau les Mines, wo sich in den letzten Jahren baulich viel getan hat, es im Inneren aber immer noch ziemlich marode und lieblos aussieht.


Eine Bank ist nirgendwo in Sicht. Wir beschließen also, gleich die erste nach der Stadt mit unserem Mittagessen zu belegen. Und dann zieht sich die D974 durchs Land, eng an den Kanal geschmiegt und bankfrei. Kurz vor Ciry-le-Noble fahren wir entnervt rechts ran, setzen uns auf einen etwa 50 Zentimeter hohen und mehr als einen Meter breiten Betonkreis, der hier als Blumentopf genutzt wird, und essen alles auf, was wir haben.


Zwischendurch kommt ein echter Schleusenwärter. Er telefoniert, trägt einen Zopf-Dutt und fährt mit dem Auto die Schleusen ab. Dort drückt er die richtigen Knöpfe oder zieht an bunten Leinen und fährt dann weiter. Wir fangen ihn ab und fragen, warum die Schleuse nach einer Durchfahrt vorhin das ganze Wasser wieder abgelassen hat. Es hätte ja auch ein Schiff aus der anderen Richtung kommen können und das Wasser wieder gestaut werden müssen. Seine einfache Antwort: „C'est pareil.“


Ein Glück, dass sie an dieser Stelle war


So lernt man im Vorüberfahren, wie es die Franzosen mit den Schleusen halten. Ohne Proviant geht es weiter, wir durchqueren Ciry-le-Noble und erreichen in Génelard das Centre d'interprétation de la ligne de démarcation, die während der deutschen Besatzung Frankreichs die Kollaborateure von der Résistance trennte. Das Rad der Gattin ist so beeindruckt, dass es sich hinlegt. Das Bajonett an ihrem Garmin funktioniert weiterhin.


Die Baufirma, die dringend einen Neubau bräuchte


Wo Franzosen mit den Deutschen kollaborierten


Kurz darauf erreichen wir Palinges und machen Station in Charlott's Pub. Die muntere Vierzigerin betreibt eine Live-Musik-Bar, zapft vorbeireisenden Radfahrern aber auch gerne zwei Café au lait und hält ein Schwätzchen über Störche, Frösche und gute Nachbarschaft. In ein paar Tagen feiert sie ihr einjähriges Jubiläum.


Frisch gestärkt geht es mit Tempo weiter in Richtung Paray-le-Monial. Rechts schlängelt sich die Bourbince südwärts, links klebt der Kanal an der D974. Irgendwann geht es links hoch zum Château de Digoine, irgendwann führt uns der Kanal nach rechts in die Stadt.


Was uns dort nach rund 80 Kilometern erwartet, ist sensationell: das Hotel Le Prieuré. Das Haus wurde gerade umfassend renoviert und den dafür Verantwortlichen ist der Spagat zwischen Sakralbau und modernem Hotel unglaublich gut gelungen. Von den Farben über die Möblierung bis in die kleinsten Details stimmt einfach alles. Sogar das Personal wirkt irgendwie christlich geprägt, aber weltoffen. Und wir haben die 27-qm-Junior-Suite inklusive Frühstück zu einem Preis von 80 Euro gebucht.


Dennoch ist nicht alles göttlich. Unsere Fahrradgarage hat keine Steckdose, die Pferdchen werden morgen also mit den restlichen acht Prozent ihrer Energie laufen müssen. Für uns gelten ähnliche Bedingungen – das hauseigene Restaurant hat Ruhetag. Wenigstens müssen wir nicht im Zimmer bleiben.


Schlichte Eleganz im Hotel des Priors


Nach dem Erholungsschlaf steuert die Gattin eine auf dem Weg liegende Apotheke an, um dem Husten mit pharmazeutischer Keule den Garaus zu machen. Ich nutze die Gelegenheit und frage die Apothekerin nach einer guten Adresse fürs Abendessen. Sie schickt uns ein paar Straßen weiter, wo wir den nächsten Treffer landen: L'évidence.


Das kleine Menu garniert die Küche mit Apéritiv, Amuse bouche und Pré-Dessert, so dass aus drei am Ende sechs Gänge werden. Die (jungen) Kellner haben ihren Beruf gelernt, die  Weinbegleitung ist sehr gut, und zum Hauptgang gibt's einen ausgezeichneten Pinot noir mit nur 12 Prozent Alkohol.


Je später der Abend, desto beeindruckender die Basilika

Wir kommen gut, zufrieden und glücklich zurück ins Hotel. 


Die letzten Kilometer im Burgund, morgen sind wir in der Auvergne