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Dienstag, 26. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 26. Mai 2026 – Ein Fest für Gravelbikes

Love, Peace and Happinässe

Beim Frühstück treffen sich viele Nationen, viele fremde Sprachen, viele kleine Kinder. Kurz: Es ist viel los. Und es gibt das beste Müsli, das wir bisher hatten. Fast ist es besser als unseres zu Hause.

Nachdem wir sie gestern Abend nicht gefunden hatten, fahren wir nochmal durch La Petite Venise und suchen nach der Schnittstelle, ab der wir die Stadt kennen. Es dauert ein bisschen, aber am Ende finden wir, was wir suchen. Inzwischen hat das System den Weg neu berechnet – das klappt schon wie bei der Navigation im Auto –, und wir fahren auf einer etwas breiteren Straße raus in Richtung Muhlhouse.

Mohn amour

Dann geht's rechts ab in den Wald und über Waldwege südwärts nach Herrlisheim. Es ist angenehm schattig, so könnte es bleiben.

Nach den Weindörfern mit -heim am Ende folgen nun die Weindörfer mit -willer am Ende. Zum Teil ist das alles sehr touristisch, aber insgesamt macht es einen sehr schönen Eindruck. Zwischen Hartmanns- und Berrwiller sind wir bei 45 Kilometern und stoppen kurz vor 12:00 Uhr neben dem Schmerzensmann zur Mittagspause am Rand einer kleinen Straße, die die Gattin gerade zur Hauptverkehrsader erkoren hat, weil uns vier Fahrzeuge passiert hatten.

Der Schmerzensmann ist links, nicht unter dem Baum

Danach waren es nur noch ein paar Kilometer, aber dann hat sich doch der Radweg gegen uns verschworen. Erst kam Cernay, der Familienursprung derer von Gattin. Dann kam der gesperrte Komoot-Weg. Und nachdem wir da im letzten Jahr schon mal sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatten, fahren wir außen rum und – landen an der Auffahrt zur Route National 66.

Fast schon familiäre Gefühle

Also wieder zurück auf einen anderen, nicht gesperrten Waldweg. Für solche Fälle waren unsere Räder ja früher mal Gravelbikes.

Wir fahren und fahren und fahren, es wird immer enger und noch enger und am Ende fahren wir auf einem 15 bis 20 Zentimeter breiten, braunen Streifchen, das von Gräsern überwuchert ist. Der Blick auf die Karte bestätigt, dass wir immer noch „richtig“ sind. Irgendwann kommt die vorhergesagte Linkskurve, direkt danach stehen wir vor einem Bunker des örtlichen Golfplatzes.

An der Route 66

Ab da geht's immer weiter, dann links ab, dann rechts ab auf den nächsten schmalen Waldweg. Schotter über sieben Kilometer. Insgesamt sind wir nur damit beschäftigt, die Spur zu halten, Löchern auszuweichen und nicht umzufallen. Am Ende fahren wir so, wie andere Pedelec-Fahrer das oft tun: zwei langsame Umdrehungen der Kurbel, zehn Meter rollen lassen.

Nach dem Wald fängt sich die Dame des Hauses noch einen fiesen Stich am rechten Knöchel, und dann erwarten uns weitere zwei bis drei Kilometer entlang von Bahnschienen auf etwas besserem Bessunger Kies.

Entlang der D20, die gerade von der Autobahn kommt, setzen wir unsere Fahrt fort, und es dauert nicht lange, da quietschen neben uns die Bremsen eines Autos aufs Heftigste. Verantwortlich dafür ist ein kleiner, burgunderroter Wagen mit deutschem Kennzeichen und zwei Rädern auf der Anhängerkupplung. Während alle anderen kurz stehenbleiben, setzt er seine Fahrt langsam, man möchte denken: zitternd, fort.

Was war passiert?

Der Autofahrer fuhr auf der rechten Spur neben einem großen Lkw auf der linken. Von dieser linken Seite kam ein Junge von etwa acht bis zehn Jahren über den Zebrastreifen (!!) der vierspurigen Straße. Der Lkw-Fahrer sah ihn und hielt, der Fahrer des Pkw sah ihn erst, als es fast zu spät war.

Gottseidank ist nichts passiert, aber wir lernen: Anders als in Deutschland haben Zebrastreifen in Frankreich einen hohen Stellenwert. Die einen nutzen sie, die anderen respektieren das. Wobei wir uns beide die Frage stellen, ob ein Zebrastreifen auf einem Autobahnzubringer  tatsächlich die verkehrstechnisch beste Lösung ist.

Cernay ist wahrscheinlich weniger christlich geprägt als es aussieht

Zur Beruhigung stoppen wir gleich danach bei Lidl in Mulhouse Dornach und kaufen einen Sixpack Magnum Mini. Im Laden denke ich noch, dass wir ein oder zwei Portionen draußen an Kinder verschenken werden, aber es bleibt kein Krümel übrig.

Der Lidl ist fest in muslimischer Hand. Menschen jeder Hautfarbe, Frauen mit Hijab oder voll verschleiert mit langen, wallenden Gewändern. Zwischendurch kommt Cat Stevens vorbei. Ein Mann lädt einen Sixpack Wasser aufs Trittbrett seines Elektrorollers, stellt seinen rechten Fuß quer dahinter, beschleunigt das Gefährt und stellt seinen linken Fuß oben auf Wasser. Das sieht abenteuerlich aus, aber er fährt völlig entspannt davon.

Gleich darauf spricht uns noch ein Muslim aus Bamberg an, der gerade seine türkische Oma und Familie besucht. Er hat uns reden gehört, er freut sich, hier andere Deutsche zu treffen, und er wünscht uns weiterhin gute Fahrt.

Durch die letzten Weingärten des Elsass'

Im Hotel angekommen, schließen wir unsere Beschleuniger ans Stromnetz an, sie haben sich heute schwer verausgabt. Unsere eigenen Akkus laden wir im Zimmer mit Kaffee und Keksen etwas auf. Danach Dusche und Pause bis kurz vor sechs.

Was vor dem Essen noch ansteht, ist der Ersatz des Ladekabels, das ich heute Morgen in Colmar vergessen habe. Nur ein paar Schritte entfernt vom Hotel finden wir einen Handy-Shop, der zwar das Einzelteil nicht mehr hat, für mich aber eine Packung mit Stecker öffnet und mir das Kabel für zehn Euro verkauft.

Fürs Abendessen müssen wir ein bisschen laufen. Das erste Restaurant hat aufgegeben, das nächste ist zehn Minuten Fußweg entfernt. Auch dort ist ein neuer Betreiber eingezogen. Nochmal suchen und wieder lange laufen möchten wir nicht. Wir trinken ein Fläschchen Crémant, teilen uns die dritte Tarte flambée in drei Tagen und essen einmal Salade de pate et poulet und einmal Tataki de boeuf. Beides sehr gut, der Café zum Schluss ebenfalls.

Zurück im Hotel nehmen wir die Ladegeräte mit nach oben und schließen sie an die Extender an. Jetzt geht's ins Bett.

Nicht wirklich weit, aber wirklich zehrend

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