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Freitag, 29. Mai 2026

Déjà-vu 2026 | 29. Mai 2026 – Das reinste Zuckerschlecken

Wir fahren nach rechts

Das Frühstück findet unten im Bereich von Rezeption und Aufzug statt, es entspricht dem, was wir von ibis inzwischen kennen. Wir essen reichlich und machen uns wieder ordentliche Baguettes und zwei wachsweiche Eier.

Am Tisch links neben uns sitzt der deutsche Ehemann unter Druck. Er schaut grimmig und zittert während des ganzen Frühstücks mit seinem rechten Bein. Auf der anderen Seite unseres Tisches hält ein wichtiger Mann in zu engem Oberhemd Hof. Tendenziell ist er temporärer Dozent an einem der hiesigen Fachbereiche.

Farben, auf die Pantone neidisch ist

Anfangs sitzt ein knapp 30-jähriger Taschenträger aus Österreich bei ihm am Tisch. Er sagt, was der Erwachsene hören will und wird dafür jovial wohlgelitten. Dann geht der Ösi und der Asiate setzt sich an dessen Platz. Anfangs geht das gut, aber dann doziert der Dozent über China, und der Asiate widerspricht.

So fällt die Temperatur am Nachbartisch abrupt ins Minus, der Dozent lehnt sich demonstrativ zurück und straft den Asiaten mit Nichtachtung. Wenn da eine Prüfung ansteht, möchte ich nicht der Prüfling sein.

Aber uns stehen ja ganz andere Prüfungen bevor. Unser Lotse Komoot macht seinen Job gut, wir kommen schnell wieder auf den EuroVélo 6 und machen auf geübte Weise Strecke in Richtung Saint-Vit.

Ein Durchbruch für die Schifffahrt auf der Saône 

Wir denken an die Rekruten, die entlang dieses Weges vor vielen Jahren mit Dauerläufen gequält wurden, passieren die Schiffspassage durch den Berg bei Thoraise, halten kurz bei der vergitterten Maria und können rechtzeitig etwas Energie zuschalten, weil wir wissen, wo und wann die Anstiege kommen.

Nach rund 25 Kilometern machen wir unsere Zuckerpause. Immer wieder kommen uns alte Männer mit grauen Bärten auf Rennrädern entgegen. Ich kann es langsam nicht mehr sehen. Vor ein paar Jahren fuhren nur alte Männer Rennrad. Dann fuhren plötzlich mehr und mehr junge Männer Rennrad, und inzwischen machen das sogar Frauen.

Das Problem: die jungen sehen auf dem Rennrad meistens viel besser aus als die alten. Sie fahren schneller, sie haben oft ein schickeres Rad, sie tragen Klamotten von Rapha oder Pas Normal Studios, die es in Größen für alte Männer gar nicht gibt.

Da geht's lang

Das einzige, was der alte Mann ihnen noch voraus hat, ist der graue Bart. Den können die jungen auch nicht darstellen. Und deswegen sieht man immer mehr von diesen Graubärtigen, die ihren letzten USP noch mal richtig betonen wollen.

Bei Ranchot erwartet uns eine kleine Umleitung. Wir fragen einen Rennradfahrer, der aus Richtung der Baustelle kommt, und er rät von einer Weiterfahrt ab. Also suchen weir eine Alternative zur sehr weit ausholenden Umleitung und fahren in die andere Richtung. Rechts des Doubs, auf dem Weg nach Barre, werden wir sehr sozial und radverträglich fündig.

Der vertraute Blick auf Dôle

Von der nächsten Biopause bringt die Gattin wilden Majoran mit. Gestern saß sie noch im Bärlauch-, heute im Majoranfeld. Wir werden solche Kräuter nicht mehr kaufen, wer weiß, wer da noch alles drin gesessen hat.

Der Kanal ist auch hier mit Seerosen überseet – Monet hätte seine helle Freude daran. Das Blau des Wassers ist im Farbumfang einer normalen Handykamera gar nicht vorgesehen. Die Gattin versucht trotzdem alle 200 Meter, es irgendwie noch mal einzufangen. Das unterbricht den Rhythmus aber dafür sind wir ja auch hier. Wir wollen unseren Rhythmus ein bisschen unterbrechen.

Südlich von Audelange passieren wir einen kleinen Kinderspielplatz mit Aire de pique-nique. Der Platz war früher wohl mal ein öffentliches Waschhaus, jetzt teilen wir ihn uns mit vier Bauarbeitern, die gut drauf sind. Um 12:30 Uhr machen wir noch zweimal Duolingo, und dann huschen wir weiter in Richtung Dôle.

Da warn's auf einmal acht – der erste Blick auf die Saône

Der Wind ist auch heute wieder auf unserer Seite, so dass wir trotz der zunehmenden Hitze sehr schnell nach Saint-Jean-de-Losne kommen
. Der Chef weist uns ein, wir stellen unsere Räder in die Garage, die außerdem als Lager für die Küche, als Werkstatt und als Mülldeponie dient. Danach schleppen wir unsere Siebensachen die steilen 22 Stufen hinauf ins Zimmer 1.

Wir waschen einiges, machen uns sauber und schlafen bis Viertel vor sieben. Dann geht es runter an die Saône zum Essen.

Wir sitzen schön vorne mit bestem Blick übers Wasser, trinken vorab zwei Picon bière und bestellen anschließend wie folgt: Friture d'ablettes und Carpaccio de boeuf, dann Filet de dorade royale und Tartare de boeuf gefolgt von einer Crème brûlée und zwei Cafés. Dazu trinken wir einen Aligoté und einen Pinot noir aus Chorey-lès-Beaune.

Der Abend senkt sich über die Saône

Bevor es ins Bett geht, quälen wir noch einen Steward der Excellence Rhône, die ein paar Meter weiter vor Anker liegt. Das Schiff sieht ordentlich aus, der Steward ist ein bisschen zäh, außerdem möchten wir nicht eine Woche lange mit all diesen Leute auf dem Wasser gefangen sein.

Also gehen wir rüber ins Bett.

60 sind es schon lange nicht mehr, sondern nur noch 48 Gänge westwärts

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