Frühstück gibt's ab acht Uhr, da können wir vorher schon ein paar der gewaschenen Sachen zusammenlegen und aufräumen. Das Frühstück findet dann draußen statt. Es ist angenehm kühl, ein leichter Luftzug weht unter der vom Weinlaub bedeckten Pergola. Die Auswahl ist très français: Es gibt ein gutes Baguette, ein bisschen Butter, Käse und Marmelade und sehr leckere Croissants.
Und dann kommt doch tatsächlich schon wieder so ein Graubart daher, diesmal mit sportlicher Frau (ist also wie bei uns). Was uns unterscheidet, ist, dass ihm beinah das Rad umfällt, wenn er steht und er selber kaum aufsteigen kann. Dann fährt sie los, und er kommt nicht in seine Klickpedale. So fährt sie davon, und er ruft laut wie einst Fred Feuerstein „Martine“ hinter ihr her. Wenigstens das ist bei uns anders.
Wir machen jetzt noch ein bisschen Körperpflege und fahren dann los. Anfangs auf einer ziemlichen Ruckelpiste raus aus Saint-Jean, dann auf die Landstraße, auf der es deutlich glatter läuft. Klar, die Landstraße ist für Autos gemacht, da darf's ein bisschen besser sein.
In Richtung Seurre schicken sie uns wieder über einen Ruckelweg, den man eigentlich niemandem zumuten möchte, egal, ob er Fahrrad oder Traktor oder sonstwas fährt. Es geht immer wieder rechts-links, links-rechts usw. Das sieht auf einer Karte sicher hübsch aus, weil man meint, man fährt nett durch die Felder. Aber im Endeffekt dient das alles nur der Idee, die Radfahrer von der Straße zu nehmen.
Das Schlimmste dabei ist, dass die Routenvorschläge von Komoot oder anderen Plattformen genau so funktionieren, wie bei Spotify, bei Amazon, bei Tripadvisor und sonstigen Anbietern. Was der Erste fährt, wird dem Zweiten vorgeschlagen. Der fährt es ebenfalls, weil ihm keine Alternative angeboten wird. Bei allen anderen Anfragen geht das so weiter, und am Ende hat das System gelernt, dass es hier einen super Weg, einen super Film oder was auch immer gibt.
Was auf der Strecke bleibt, ist die Individualität der Nutzer, die Vielfalt der Gesellschaft.
Wenigstens beim Wetter gibt es nichts zu Meckern. Es ist nicht so heiß, leicht bewölkt, und der Wind bläst leise in unsere Richtung. Die nächste Abbiegung führt uns nach Charnay-lès-Chalon und auf den dortigen Spiel- und Rastplatz. Er hat sich leider nicht zu dem Zentrum entwickelt, als das er geplant war. Die Bäume sind relativ klein geblieben, der feine Kiesweg und der Boule-Platz sind inzwischen zu 40 Prozent von Unkraut übernommen. An der Bank, auf der wir Zuckerpause machen, wächst es bis in Sitzhöhe.
Bei Verdun-sur-le-Doubs ist eine wichtige Brücke gesperrt, das bedeutet: die nächste Umleitung. Wir sprechen mit vier Deutschen – Vater, Mutter, zwei Töchter? –, die unterwegs besser aufgepasst haben und wissen, wo diese Umleitung verläuft. Am Ende kommen wir an einer Stelle, die wir bereits von früher kennen, auf den EuroVélo 6 zurück.
Und der Weg wurde inzwischen frisch gemacht: Auf den Bessunger Kies kippt man große Mengen kleiner Steinchen und hofft, dass die Reifen sie in den Boden pressen und diesen damit festigen. Bei 20 Zentimeter breiten Autoreifen mag das funktionieren, bei 35 Millimeter breiten Fahrradreifen funktioniert es definitiv nicht.
Wir schlittern also mit zu hoher Geschwindigkeit über diese Gravillons. Besonders übel wird es bei Anstiegen, wo das Hinterrad durchdreht. Zwischendurch steht immer wieder mal ein Warnschild, aber das sagt eigentlich nur: „Du, der du dieses Warnschild siehst, pass' auf. Wir haben einen Fehler gemacht, nun sieh zu, wie du damit zurechtkommst.
Bei der Einfahrt nach Chalon-sur-Saône kommen wir an reichlich Mietskasernen vorbei, die Banlieu reicht bis tief nach Centre ville hinein. Unterwegs kaufen wir bei Carrefour noch fürs Mittagessen und die nächsten Tage ein, um 13:30 Uhr sind wir am Hotel und dürfen noch nicht ins Zimmer.
Also nehmen wir draußen auf der Terrasse Platz, breiten unser Mittagessen aus und überbrücken die Wartezeit mit Essen. Als es dann endlich so weit ist, bringen wir die Räder in den Stall, nehmen Chambre 35 in Beschlag und machen, was wir nach der Ankunft immer machen. Um 18:30 Uhr gehen wir dann zu den Galeries Lafayette direkt gegenüber, wo es übel aussieht und wenig Begehrenswertes angeboten wird.
Apropos übel aussieht: Unser Hotelzimmer ist relativ groß, es enthält vergangene Größe vorspiegelndes Mobiliar, und das Bad ist über eine beidseitig verspiegelte Schranktür zugänglich. Der darin befindliche Spiegel ist aber nur so lange ein Spiegel, bis auf der anderen Seite das Licht angeht. Dann kann man durchschauen.
Der Fußboden ist mit blau-grau melierten Kurzflor-Teppichfliesen verhunzt. Das Bad mit kackbraunen Fliesen gekachelt. Diese Definition der Farbe stammt von der Ehefrau, die solche Wörter sonst ebensowenig in den Mund nimmt, wie z.B. fressen, Scheiße oder kotzen. Die Sanitärobjekte wurden vor nicht allzu langer Zeit erneuert, die Toilette würde man im englischen Sprachraum ob ihres Zustandes als „shit hole“ bezeichnen.
Wir gehen über den Place du Général de Gaulle und durch die Grande Rue zur Île Saint-Laurent, wo die kulinarische Vielfalt der Stadt tobt. Wir haben einen Tisch reserviert, dürfen draußen sitzen (drinnen ist die Stimmung etwas zu erhaben für unseren Geschmack) und werden gut beköstigt. Zum Crémant de Bourgogne essen wir zwei Menüs = 1x quer durch das Angebot. Nach dem Essen kommen wir noch mit zwei anderen alten Deutschen am Nachbartisch ins Gespräch, um kurz nach zehn gehen wir auf bekanntem Weg zurück ins Hotel.
Der Rückweg gestaltet sich allerdings etwas anders, deutlich dramatischer. Paris Saint-Germain hat heute das CL-Finale gewonnen, und die örtliche „Fan-Szene“ feiert das. Das heißt: Einige feiern, einige spielen Katz-und-Maus mit der Polizei und einige randalieren. Bei der Gattin lösen die Vermummten, die blinkenden Signale auf den Polizeiautos und die (Böller?)Schüsse eine gewisse Panik aus. Ich bremse ihren Fluchtinstinkt, halte sie gut fest und bringe sie, mal schneller, mal langsamer durch die aufgewühlte Stimmung, die Reizgas-Wolken und entlang umgekippter Mülleimer erfolgreich zurück zum Hotel.
Der Nachtportier hat mittels eines Stahlrohres die Eingangstür verriegelt, so, wie man das aus US-Western kennt, wenn kurz vor dem Angriff der Indiander der Holzbalken innen quer vor das Tor gelegt wird. Von den drei Fenster-Türen unseres Zimmers können wir den Fortgang der Ereignisse gut beobachten, sie gehen noch länger fort.
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| Ab jetzt geht es in den Süden |








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