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Dienstag, 16. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 16. Juni 2026 – Mer deieu, priier, Porno

Agen ist nicht nur für Pflaumen bekannt, sondern auch für die zweitlängste Kanalbrücke Frankreichs

Das Frühstück ist ok heute, wir bereiten gleich etwas fürs Mittagessen vor und kochen uns zwei Eier. Aus dem Fenster sieht man Gruppen, die mit Wanderstöcken und leichten Rucksäcken aus Centre ville kommen und nach rechts auf den Weg am Kanal einschwenken. Eine dieser Gruppen macht vorher noch Übungen der Rhythmischen Sportgymnastik unter den Schatten spendenden Bäumen an der Uferpromenade.

Die Rezeptionistin von gestern steht wieder am Empfang, sie bestätigt, dass es sich bei den Wandergruppen um Pilger handelt. Unseren anerkennenden Hinweis, dass die Leute ja mit sehr wenig Habseligkeiten unterwegs sind, korrigiert sie mit der Information, dass es heute viele Anbieter gibt, die das große Gepäck der Pilger von Ort zu Ort transportieren.

Betreutes Pilgern kannten wir noch nicht, aber man fragt sich schon, ob diese Form wirklich noch einen religiösen Bezug hat, oder ob der Jakobsweg hier zum Wanderweg bzw. zur Eventlocation degradiert wird.

Sie verabschiedet uns sehr freundlich, wir fahren vor Arbeitsantritt noch kurz nach oben zur Abbaye Saint-Pierreeinem sehr imposanten Gebäude. Das Portal der Abteikirche ist von wunderbaren Skulpturen gesäumt, drinnen sieht es aus als seien die Wände der Kirche tapeziert und es wäre langsam Zeit für einen Tapetenwechsel.

Früher alleinstehend, heute in fester Beziehung

Draußen sehe ich ein sehr gebrechliches Ehepaar, das Selfies von sich macht. Das ist schon anrührend. Andererseits ist es auch schrecklich, wenn man sieht, wie sich rund um die Abbaye eine blühende Tourismus- und Pilgerindustrie etabliert hat.

Drinnen erlebe ich, was moderne Technik zu leisten imstande ist. Ich spreche eine erste Gedankensammlung zu diesem Blog zuerst immer ins Telefon, kopiere später das Transkript und mache daraus dann diesen Text. Heute spreche ich sechs Wörter des Ave Maria ins Telefon: „Mère de Dieu, priez pour nous“. Der daraus transkribierte Text steht oben.

Heute Vormittag sind hier nur 20 oder 22 Grad, eigentlich schon ein echter Sommertag in Deutschland, aber ein bisschen frisch ist es schon. Die Gattin zieht nach dem Kirchenbesuch den Windstopper über, dann düsen wir weiter in Richtung Bordeaux.

Route moderner Pilger

Auf den ersten Kilometern passieren wir einige Pilger. Viele haben Stöcke in der Hand, die sie vielleicht später noch brauchen. Einer hat die Stöcke in der linken Hand und mit der rechten das Telefon am Ohr. Dazu fällt mir das ein.

Während des weiteren Fahrens sehen wir mal links ein bisschen Obst, mal rechts ein bisschen Obst, aber gefühlt sind die Plantagen deutlich weniger als wir es in Erinnerung hatten. Die Sonne ist um 11:30 Uhr immer noch sehr zurückhaltend mit dem Scheinen.

Wir sprechen immer wieder mal über den Gedanken des Pilgerns in Kombination mit dem Gepäckttransport. Irgendwie scheint uns das nicht der Weg, den der Herrgot sich gewünscht hat. Aber neue Zeiten bringen auch neue Ideen hervor, die man nicht verstehen, die man nicht mögen muss.

Agen lassen wir großzügig links liegen. Wie es da aussieht, haben wir 2012 schmerzlich erfahren.

Die Plantagen sind noch da

15 Kilometer später erreichen wir unser Hotel, es ist Viertel nach zwei und das Zimmer ist erst ab 16 Uhr verfügbar. Kein Problem, wir füttern erstmal die Pferdchen und setzen uns anschließend in den Salle de reunion, wo Spiele gespielt und Cocktails konsumiert werden sollen. Wir machen nichts von alldem, sondern sortieren Fotos und unsere Gedanken.

Olympische Dimensionen für einfache Gemüter

Die Chefin kommt um kurz nach drei mit der guten Nachricht, dass unser Zimmer nun verfügbar ist. Wir duschen und gehen erstmal in den Pool, der eher Schwimmbad heißen müsste: 20 Meter lang, zehn Meter breit, niemand außer uns. Wir toben uns aus, sonnen noch ein wenig und gehen dann zurück in unser Zimmer. Dort unter die Dusche, dann ins Bett.

Um kurz vor 18 Uhr finden wir zurück ins Leben, wir schreiben und organisieren noch ein bisschen, dann geht's zum Abendessen. Vom Haupthaus treten wir durch die Tür in den Hof, wo uns die Rolling Stones empfangen. Ok, nicht persönlich, aber mit Brown Sugar aus dem Jahr 1972. Das ist nun schon 54 Jahre her, wir sind alle etwas älter geworden, und meine persönliche Ehefrau bittet den Chef – nachdem anschließend CCR, Bill Haley und irgend ein 80er-Scheiß über den Rasen gedüdelt waren –, die Musik leiser zu machen.

Schönes Ambiente, weniger Qualität als früher

Der Kollege am Nachbartisch freut sich mit uns, nun können wir ungestört essen: Tomate tatin mit Frischkäse-Eis, Cuisses de grenouilles, danach Cabillau und Confit de canard und schließlich Crème brûllée und Profiteroles. Der lokale Wein ist überraschend trinkbar, sowohl in weiß als auch in rot.

Auch hier ist der Service völlig hilflos, wenn es um zeitliche Abfolge, Rückfragen u.ä. geht. Bis zur Bestellung dauert es mindestens zwanzig Minuten. Bis zum Apéritif auf dem Tisch vergehen weitere Minuten ohne Umsatz für das Restaurant. Da braucht es keine Pandemien fürs Sterben in der Gastronomie.

Wir haben zwei Spanier am Nachbartisch, das heißt: Meine Gattin ist die letzte halbe Stunde für mich nur sehr schwer erreichbar, weil sie lieber fremden Männern zuhört.

Vom Jakobsweg in die Obstplantagen

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