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Mittwoch, 17. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 17. Juni 2026 – 65 Kilometer durch die Kathedrale

Eine noble Herberge

Aufstehen um kurz nach sieben, Frühstück um kurz nach halb acht. Erster Schreck des Tages: Die Wäsche ist nicht so trocken geworden, wie wir das gewöhnt sind. Heute haben wir in vielen Kleidungsstücken noch eine deutliche Restfeuchte, da müssen wir sehen, wie wir die Sachen einpacken.

Die Musik macht dort weiter, wo Madame sie gestern Abend abgewürgt hat. Wie kommen noch nicht einmal fünfzigjährige Menschen darauf, ihren Gästen Streaming-Playlists der Fünfziger und Sechziger Jahre mit Schwerlast Rolling Stones und Credence Clearwater Revival zum Frühstück zuzumuten?

Egal, wir frühstücken mit den Kindern des Hauses. Sie sitzen zwei Tische weiter und sehen aus, als wären sie die Kinder aus erster Ehe der Chefin. Noch ein paar Anmerkungen zum Frühstück selbst. Der Café ist dünn, das Rührei aus der Packung, obwohl der angeheiratete Chef sagt, es wären Oeufs bruillés maison. Das Brot gibt es nur in vorgeschnittenen Stücken – drei Gäste kommen rein, die Chefin folgt kurz darauf mit sechs Abschnitten. Der Joghurt ist entrahmt, das Müsli kein Müsli. Insgesamt also nicht so, dass wir sagen, dieses war das beste Frühstück der Reise.

The race is on

Um 9.20 Uhr schalten wir auf Stufe 3, die Räder fahren jetzt praktisch von allein, und machen uns auf den Weg an den Kanal. Wir fahren ein in eine Kathedrale der Bäume, deren Kronen den Weg wie ein nichtendenwollendes Kreuzgewölbe überspannen. Natürlich gibt es zwischendurch mal kurze Unterbrechungen, z.B. an Schleusen, Brücken, Straßenübergängen, aber der Gesamteindruck festigt sich auf rund 65 Kilometern.

Irgendwo verdirbt uns ein holländisches Pärchen den Schnitt. Die beiden sind um die 50, haben Top-Figuren und fahren 
sehr eingespielt. Für mein Gefühl hängt sie zu eng auf ihm drauf. Das spricht für ihr Vertrauen in ihn und in ihre eigene Fähigkeit, das Rad bei Bedarf sehr schnell zum Stillstand zu bringen. Ich könnte das so nicht. Zumal sie für den Bereich, in dem sie da fuhren, eigentlich zu schnell unterwegs waren.

Beste Wohnlage am Kanal

Nach Zuckerpause und Biopause steht die Mittagspause an. Die machen wir um 12.20 Uhr nach knapp 60 Kilometern am der Halte nautique hinter Meilhan-sur Garonne. Tische und Stühle stehen reichlich bereit, leider hat das kleine Lädchen geschlossen. Wir setzen uns hin und essen das, was wir noch haben: zwei hart gekochte Eier, ein kleines belegtes Baguette, ein Stück Comté und ein paar Nüsschen.

Während wir sitzen, kommt ein Radfahrer vorbei, den wir gestern schon gesehen haben und der uns auffiel, weil er mal schon und mal fuhr. Und weil er seine Sachen auf dem Anhänger mit einer Folie bedeckt hatte, die aussah wie ein PV-Panel, er aber stromfrei fuhr.

Mittagspause mit Schiff, oder umgekehrt

Er kommt also zu unserem Platz und fragt uns wegen des Weges. Wir sagen ihm, dass der Weg eigentlich auf der anderen Seite verläuft, aber wegen der Baumaßnahme an der Brücke gäbe es eine Umleitung. Die, sagt er, hat er auch gesehen, und er sei ihr auch schon gefolgt, aber es gibt keine weiteren Zeichen. Also zeigen wir ihm auf Komoot, wo der Umweg eigentlich laufen müsste. Und ich sage ihm, dass er auch einfach über die Brücke fahren könne, während die Handwerker Mittagspause machen. Das will er nicht, er will auf uns warten und hinter uns her in Richtung Bordeaux fahren. Kurz darauf ist er wieder da, spricht jetzt Englisch und sagt, er würde jetzt doch fahren, und dann sehen wir, wie er über die Brücke und auf der anderen Seite weiterfährt.

Wir essen in Ruhe zu Ende. Es kommt noch ein weiteres Pärchen, das seine Räder abstellt und sich auch an einen der Tische setzt. Dann schiebt sich ein stattlicher Segler mit abgeklapptem Mast vorbei, und plötzlich springt er auf und stößt sehr ungewöhnliche Laute aus. Vom Schiff winkt man zurück. Er dreht sich zu uns und erläutert, dass er und seine Frau mit den Leuten auf dem Schiff in Kontakt gekommen und dass diese Australier seien. Und dass sie aus Australien in 14 Monaten hierher gesegelt und jetzt auf dem Weg nach England seien.

Wir Langweiler sind heute in die fünfte Woche gestartet.

Die natürlichste Sache der Welt

Als wir mit dem Essen fertig sind, haben die Handwerker auch zu Ende gegessen. Das heißt: Wir können nicht mehr über die Brücke fahren, sondern folgen dem Umleitungsschild. Der Weg verläuft genau so, wie wir es dem PV-Schieber erklärt hatten, ein passendes Schild gibt es auch (er hatte nicht weit genug nach unten gescrollt). Inzwischen haben wir 35 Grad im Schatten.

Auf dem Radweg kommen wir nach schattiger Fahrt nach La Réole, wo wir gerne noch einen Café getrunken hätten. Beim Italiener, der ein Franzose ist, gibt es zur Mittagszeit ohne Essen keinen Café. Da sagen wir dankeschön, fahren weiter und kommen kurz darauf an einer kleinen Boulangerie vorbei, die uns gerne zwei Noisette und zwei Tartes verkauft, eine Pommes und eine Framboise.

Ein kleines Paradies nicht weit von Bordeaux

Komoot führt uns zielsicher zu unserer heutigen Bleibe. Wir finden das Haus und klingeln, aber es antwortet niemand. Irgendwann habe ich den Mut, einfach mal auf die Klinke zu drücken und, siehe da, die Tür geht auf. Kaum ist die Tür offen, kommt Françoise, unsere Vermieterin, die Treppe herunter. Anfangs ist sie ein bisschen unwirsch, weil wir wohl irgendwas gesagt oder falsch gemacht haben. Aber irgendwie taut sie langsam auf, und dann sagt sie, wir könnten auch Deutsch sprechen.

Sie hat lange in Deutschland und Österreich gearbeitet und führt uns durch ihr schönes, großes, altes Haus zu unseren Gemächern. Das Haus hat einen noblen Hintergrund und ist ein absoluter Hammer. Sie hat es in einem sehr schönen Zustand erhalten oder in einen schöneren Zustand versetzt. Unser Zimmer hat etwa 25 Quadratmeter, einen Vorraum mit Küche und Esstisch, ein kleines Bad und eine Toilette. Die Fenster sind alle schön zugemacht, damit die Hitze draußen bleibt, und das Ganze kostet inkl. Frühstück unter 100 Euro.

Ein Ort, an dem man sich heimisch fühlt

Zum Essen schickt sie uns zum Italiener. Er liegt in einer ruhigen Straße, rundum stehen einige Häuser zum Verkauf.

Über die Tochter des capo kommen wir ins Gespräch, den Rest des Abends geht es mehrsprachig und vor allem durcheinander um Essen, Trinken, Charakter, Tourismus und was man sonst noch zwischen Küche und Teller unterbringen kann.

Es ist nicht das Meer, das im Hintergrund scheint

Zum Apéritif gibt es einen Spritz mit hausgemachtem Holunderblüten-Sirup, den die vier Engländerinnen am Nachbartisch nicht angeboten bekommen. Als Vorspeise eine Parmigiana und zwei Barchette di verdure. Hauptspeisen sind Fusilli rosso und Risofreddo verde. Das Kirsch-Eis zum Abschluss ist ein weiterer Hammer des Tages.

Um zehn Uhr gehen wir zurück ins Haus – Bordeaux, wir kommen!

Wir haben die Gironde erreicht

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