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Montag, 1. August 2011

31.07. 11ème étape: Saint-Gervais-d'Auvergne–Pontgibaud (39,48 km, 2:17:58) (Chutes de pierres)

„Quand ça mont et ça descend, c'est fatigant.“

So sieht ein gutes Frühstück aus: frisches Apfelmus, selbstgemachte Heidelbeer- und Aprikosenmarmelade, gutes Baguette, Viennoiserie, guter Café, Cornflakes für Madame.

Ratzfatz weggeputzt

Die Schweizer vom Nebentisch möchten wissen, was Diesel auf Französisch heißt (ausgerechnet von uns Radfahrern!). Mo sortiert am Rechner die Bilder von gestern, und die Belgier am anderen Nebentisch möchten wissen, ob das Wifi gut funktioniert. Die Belgier am dritten Nebentisch (Eltern um die 80, Tochter Mitte 50) planen für den Tag eine Wanderung, sprechen darüber mit der Kellnerin, und die alte Dame sagt den Satz des Tages. Ich hätte sie küssen können.

Nach dem Packen fahren wir zu Casino zwecks Proviant, danach zum Bäcker zwecks Brot. Es ist Sonntag, alle haben geöffnet, der Franzose hat keine Familie.

Wir kennen den Weg: knapp 350 Höhenmeter abwärts, und man muss sagen, runter geht es spürbar leichter als hoch. Ab der Brücke über die Sioule können wir diese These gleich wieder überprüfen, denn die nächsten zehn Kilometer geht es erneut auf 700 Meter hoch, überall verbunden mit akuter Steinschlaggefahr und hin und wieder vorbei an Sites de la résistance, die die Tötung junger Franzosen aus der Region im Zweiten Weltkrieg thematisieren. Als Deutscher wird man immer wieder und überall im Land mit der Nazi-Vergangenheit konfrontiert.

In Manzat fällt uns auf, dass wir keinen zusätzlichen Käse gekauft haben, nun ist es nach 12 und damit zu spät. Ab der Mittagszeit hat der Franzose wohl doch Familie. Am Parkplatz brettert der kleine, wummernde Flitzer an, die männermordende, an den wichtigen Stellen richtig proportionierte Französin jüngerer Bauart steigt aus, küsst hingebungsvoll den Fahrer und geht dann mit wippendem Pferdeschwanz ab. Mo meint, es wird ein schwerer Verlust für ihn sein, wenn sie ihn verlässt.

Wir verlassen die D19 zu Gunsten der D413, die nach dem Motto „Kurven sind für Weicheier“ gebaut wurde. Hier geht es stramm geradeaus aufwärts, weitere 300 Höhenmeter bis Sauterre (= Schweineland), wir schieben rund die Hälfte der Strecke. Das ist in der Mittagshitze etwa so erfreulich wie Nesselfieber.

Altes Schild, ganz alte Schule des Straßenbaus

Ausreißer (ohne Gruppe)

So sieht's in der Auvergne aus rund 1.000 Metern Höhe aus

Auf einer großen, frisch gemähten Wiese packen wir unsere Vorräte aus und campieren für ein knappes Stündchen in der frischen Mahd. Nach viel Baguette und wenig Käse gibt's die Lidl-Melone von gestern, sie schmeckt noch besser als sie riecht.

Karte, Käse, Kochsalz und guten Appetit

Nach dem Essen fahren wir einige Zeit auf hohem Niveau und sehen zum ersten Mal den Parc naturel régional des Volcans d'Auvergne. Später wir müssen wir wieder runter, zuerst nur ein bisschen nach Pulvérières, dann aber richtig – auf schmaler Straße nach Le Vauriat und dort auf die nahezu leere D943 nach Pontgibaud. Dass es dort ein Hotel gibt, haben wir schon mittags bei der weiteren Tagesplanung gesehen, und wir möchten die Erfahrung von gestern Abend nicht unbedingt wiederholen.

Die Vulcania-Kette nordwestlich von Clermont-Ferrand, südöstlich von uns

Das Hotel liegt zentral an der Durchgangsstraße und dem wichtigsten Platz im Ort. Der Koch sitzt draußen und macht einen entspannten Eindruck nach der sonntäglichen Mittagessen-Prozedur. Wir halten also an, ich spreche mit Madame, die ein preislich akzeptables Zimmer vorhält und gleich feststellt, dass Mo wohl ein wenig anstrengend ist. Für die Fahrrad-Garage würde sie uns außerdem gern zehn Euronen abknöpfen, ich stelle fest, dass Madame zur geschäftstüchtigen Sorte zählt. Dieser Eindruck wird sich in den kommenden Stunden festigen.

Vor dem Ausruhen noch ein Blick auf die Stadt

Vor dem Essen noch eine Runde Skype mit München und Frankfurt, alles ruhig. Junior sieht sich gleich mal per StreetView an, wo wir stecken, und plant unseren weiteren Weg für morgen („Geht ja überall bergab.“).

Im Restaurant stehen zwei Menus zur Wahl, es ist Sonntag, der Chef de cuisine hat genug gearbeitet. Wir lassen uns seine regionalen Sachen schmecken, vom Käsesoufflé über die Crépinette vom Schweinsfuß bis zur Crême brûlée ist für jeden etwas dabei.

30.07. 10ème étape: Saint-Pourçain-sur-Sioule–Saint-Gervais-d'Auvergne (69,87 km, 4:11:29) (Allumez vos feux)

„Qu'est-ce que tu fais?“

Der Tag beginnt mit dem Frühstück in der Hotelkantine mit Wartesaal-Atmosphäre und Jugendherbergs-Essensausgabe. Hier steht der Kaffee auf der Warmhalteplatte, das Müsli ist eine bunte Kellog's-Orgie, die Säfte sind eklig und alles Weitere kommt aus der Packung.

Das einzig Tolle an diesem Frühstück ist der ca. achtjährige Franzosenbub, der plötzlich rein kommt, sich vor uns aufbaut und uns stolz erklärt, dass es hier nämlich „petit déjeuner à la volonté“ gebe und dies ein Vier-Sterne-Restaurant sei. Wir versuchen, die Sterne auf Normalniveau zu reduzieren, da hat er schon das Interesse an uns verloren, denn die Großeltern mit Hund treten auf die Frühstücksbühne.

Das Drama nimmt seinen Lauf.

Opa kann kaum stehen, geschweige denn laufen, er schiebt die Füße langsam vorwärts. Oma ist der eher strenge Typ, sie bleibt mit dem Hund am Tisch, während die männlichen Teilnehmer mehr und weniger zur Essensausgabe stürmen. Am Tisch jault der Hund in höchsten Tönen, der Enkel schmeißt vor Aufregung sein Vier-Sterne-Tablett samt Kellog's-Zeug runter, Opa raunzt ihn an und schickt ihn zurück zum Tisch, wo der Hund noch lauter jault.

Jetzt holt Oma das Frühstück. Der Enkel lässt inzwischen den Hund etwas laufen, zieht ihn zum Tisch, wo er wieder jault. Oma kommt mit Vier-Sterne-Tablett zurück (Opa braucht noch ein bisschen), der Hund springt hoch – gut, dass die Frau noch reaktionsschnell ist und das angestoßene Tablett stabilisieren kann. Jetzt kehrt Opa mit seinem Vier-Sterne-Tablett zurück, der Hund springt hoch – gut, dass der Enkel gnädig ist und den Hund gerade noch zurück zieht.

Im Fernsehen läuft das passende Rahmenprogramm: Norwegen, Schwimm-WM, Formel 1 und Météo in der Endlosschleife. Für dieses Wochende ist der große Bettenwechsel in Frankreich geplant. Nur gut, dass wir Nebenstraßen fahren.

Chantelles Château

Vorher fahren wir aber noch zu Lidl, weil: L'idéale c'est Lidl. Da gibt's 1,5 Liter Wasser, das heißt Schinken (Chambon), schmeckt aber nicht danach und kostet nur 22 Cent. Außerdem gibt's für wenig Geld Honigmelonen, die riechen wie Honig und Melonen. So gerüstet düsen wir los – nicht zu Chantal, sondern nach Chantelle, wo es bei zwei Bäckern kein Brot mehr gibt. Am Berg wird per Radar kontrolliert, ob man 50 km/h fährt, hoffentlich erwischen sie mich nicht, ich schaffe nur elf. Weiter geht's, durch beiihr nach Bellenaves, wo die Damen beim Bäcker darüber diskutieren, ob alles richtig angeschrieben war und was nun tatsächlich bezahlt werden muss.

Die Älteste der drei Damen hält einen kleinen, weißen Stoffhund im Arm, den sie unablässig liebevoll streichelt. Sie fragt mich, ob ich auch einen Hund habe, wie ich heiße, woher ich komme. Die Jüngste meint entschuldigend, dass die Alte die Polizei im Ort sei. Ich wundere mich, dass sie keine Uniform anhat, was die Junge ganz einfach erklären kann: Die Alte ist Zivilfahnder.

Der zweite Anstieg des Tages liegt hinter uns

Wenn es die Gorges und Menschen wie uns nicht gäbe, wäre auch Ébreuil längst ausgestorben

Im Office de Tourisme von Ébreuil erfahren wir, dass die von uns überlegte weitere Strecke zu den schönsten der Auvergne gehören und ziemlich auf und ab gehen soll. Wir treffen keine Entscheidung, sondern nehmen zunächst am Sportplatz unser Mittagessen ein. Anschließend ein erneuter Blick auf die Karte (wir nutzen ein Super-Angebot der Telekom, das uns für 15 Euro pro Woche unbegrenzten Datenverkehr in Frankreich und Hotspot-Anbindung des Rechners ermöglicht) und dann doch die Entscheidung für die Gorges de la Sioule.

Nach Chouvigny geht es spürbar bergauf, gleich zu Beginn des Anstiegs kommt uns ein Auto voll mit jungen Menschen entgegen, von denen eine/r das tut, was z.B. hier sehr schön besungen wird. Uns hält das nicht vom Strampeln ab, irgendwann ändert sich die Umgebung, wir fahren in eine lange Schlucht, die uns auf den nächsten Kilometern beständig den Atem raubt. Oberhalb der eher flachen Sioule schlängeln wir uns zwischen Berg und Fluss durch die Natur, rechts der brachial behauene Stein, plötzlich eine Tunneldurchfahrt mit Lichtpflicht, links die Schreie von Kindern und Jugendlichen, die in Gruppen entlang des Wassers campen und sich mit hörbarem Vergnügen den Freuden des Kanu- und Kajakfahrens hingeben.

Es geht langsam aufwärts

Im Licht am Ende des Tunnels

Obwohl die Gegend absolut touristisch ist und wohl seit Jahrzehnten von solchen Gruppen heimgesucht wird, wirkt alles völlig unberührt und wild. Es gibt Stellen, da habe ich das Gefühl, all das als erster Mensch überhaupt zu sehen. Es gibt Stellen, da  kommen mir tatsächlich die Tränen.

Vor uns das Château, hinter uns der OHA

Ab der Brücke von Menat wird alles etwas „normaler“, wir wechseln auf die andere Seite der Sioule, treffen am Parkplatz des Château Rocher eine dreiköpfige Familie aus dem tiefsten Bayern (Kfz-Zeichen OHA) und rollen später voller Vorfreude nach Châteauneuf-les-Bains – ein Name, der große, weite Welt, mondänen Badebetrieb, embouteillage des Thermalwassers und sonstige Verruchtheit verspricht.

Das einzige Geschäft, das in Châteauneuf-les-Bains noch blüht

Die Realität sieht leider anders aus. C-l-B ist ein heruntergekommenes Nest mit stillgelegter Trinkhalle; mit ihrer Sprache schaffen es diese Franzosen wahrscheinlich, auch Pest und Cholera als erstrebenswerte Güter zu etablieren. Im einzigen Hotel am Platz werden sich nicht einmal die Ratten richtig wohl fühlen, und alle Chambre d'hôtes sind bereits belegt.

Mit über 60 Kilometern in den Beinen suchen wir am Ortsende lange nach einer Alternative (Broschüren, Internet usw), am Ende finden wir ein Hotel in Saint-Gervais-d'Auvergne, rufen an und kriegen tatsächlich das letzte Zimmer. Die Dame am Telefon sagt zum Abschied: „Prenez votre temps.“, schon nach wenigen Metern verstehen wir, was sie meinte: Es geht nochmal sieben Kilometer stramm bergauf, von knapp 400 auf über 700 Meter.

Geschafft! (in jeder Beziehung)

Am Ende sind wir völlig am Ende, stellen aber fest, dass sich die Mühe wohl gelohnt hat. Das Hotel hat drei Sterne, das Zimmer ist liebevoll hergerichtet und vergleichsweise super-günstig – allein, im Bad gibt's hinter dem Klo einen Kasten namens SaniBroyeur Pro, der beim Spülen einen Riesenkrach macht, weil er die Scheiße, die im 100-Millimeter-Rohr reinkommt so überarbeitet, dass sie aus einem 45-Millimeter-Rohr wieder rauskommt. Leider ist der Kasten aus weißem Plastik, ich fänd's viel interessanter, wenn er aus Plexiglas wäre.

Sommerlicher Apéritif

Herbstliche Fassade

Irgendwann nach acht schaffen wir's zum Essen. Die Chefin sortiert gleich am Eingang aus: Wer ordentlich essen will, darf ins Restaurant, alle anderen müssen mit einem Tisch im Vorraum vorlieb nehmen. Da wir das richtige Angebot wählen, dürfen wir an Ihrem Tresen vorbei und fröhlich speisen: Mo nimmt den Bachsaibling-Salat, eine traditionelle Crêpe (ähnlich wie Cannelloni) sowie eine Kalbsroulade, ich versuche den Blätterteig mit Steinpilzen und Foie gras, die Hecht-Matelote und ein traumhaftes Charolais-Tournedos.

Leider dauert gutes Essen lange und Mo ist nach den drei Gängen so kaputt (vom Tage), dass sie mit einem Stück Pflaumentarte ins Zimmer flüchtet. So entgehen ihr leider die atemberaubende, regionale Käseauswahl und der zweistöckige Dessertwagen, die beide aus mir völlig fremden Regionen der Kulinarik stammen. Käse dieser Qualität wird die Auvergne wahrscheinich nie verlassen, natürlich gibt es hie und da (auch in Deutschland) Produkte gleichen Namens, diese erinnern aber nicht einmal entfernt an das, was hier serviert wird.

Bei der Gelegenheit noch ein Wort zum Wein: fein. Bis vor wenigen Tagen hatten wir noch nichts von Auvergne-Weinen gehört, der weiße Saint-Pourçain erinnert Mo an den feinen Riesling von Keller, beim roten Boudes verdreht sie ebenfalls geplättet die Augen.

Das mache ich, als der Dessert-Wagen anrollt. Damit es sich jeder gut vorstellen kann: Die Theke im Café Amendt wird auf zwei Ebenen verteilt und solange man kann, darf man sich nehmen, was man will.

Freitag, 29. Juli 2011

29.07. 9ème étape: Saligny-sur-Roudon–Saint-Pourçain-sur-Sioule (53,42 km, 2:41:38) (Marquage effacé)

„Nabelschnur, Fohlen, Nabelschnur“

Wenn die Arbeit nicht wäre, wären wir heute früh aufgebrochen. So packen wir zeitig, (Büro)arbeiten anschließend und erleben noch ein paar ganz besondere Details in Sachen Pferdezucht.

So fängt ein sonniger Tag an

Irgendwann kommt Ineke in den Anbau und verkündet, dass eines der Fohlen erneut und an praktisch der gleichen Stelle am rechten Vorderbein verletzt ist. Sie macht sich mit einer der Praktikantinnen auf und holt das Fohlen samt passender Stute von der Weide zum Verarzten in das kleine Viereck beim Stall.

Die erste Untersuchung zeigt: Es sieht schlimmer aus als es ist

Nach Untersuchung des ca. einjährigen Nachwuchses wird gleich dessen Mutter untersucht.  Sie allerdings eher innerlich, weil die Züchterinnen auf eine erneute Schwangerschaft hoffen, um die Stute – nun mit Einlage – besser verkaufen zu können. Das Ultraschallgerät zeigt einen vollen Erfolg: Die Stute trägt, und mit etwas Hilfe seitens der Fachfrau kann auch der Laie Nabelschnur, Fohlen, Nabelschnur erkennen.

Richtiger Nachwuchs, falsches Datum

Letzter Blick aufs Schloss von Saligny-sur-Roudon

Nun wird es aber wirklich Zeit! Um Ballast zu sparen, lassen wir auch hier einige der schweren Stücke zurück (so hat man evtl. einen Grund, zurück zu kommen), lehnen sogar die Einladung zum Mittagessen ab und brechen kurz nach zwölf auf. Dass zumindest der Verzicht aufs Essen ein Fehler war, merken wir relativ schnell, denn auf den folgenden Hügeln meldet der Körper massiv Hunger an. Wir fügen uns nach zwölf Kilometern und quälen uns die etwa 15-prozentige Steigung nach Saint-Leon hoch. Chez Mimi et Loulou gibt's Plat du jour mit Fernsehuntermalung und computerspielendem Nachwuchs.

Beim Entrée (Tomatensalat mit Bohnen und Eiern) fällt uns ein, dass wir die sechs hartgekochten Proviant-Eier in Saligny vergessen haben (sicher kann Christine sie wieder in einem ihrer wunderbaren Salate verwerten), das Poulet mit Frites ist sehr lecker, und zum Nachtisch verwöhnt uns Mimi mit halbflüssigem Fondant au chocolat bzw. bester Mövenpick Eis-Auswahl.

Die Nachrichten im Fernsehen berichten über irgendwelche Volltrottel, die die Foie Gras von der Anuga verbannen wollen, mit dem Gerät im Rücken erkenne ich kurz darauf die Carglass-Reklame am penetranten Tonfall der Testimonials, am Ende singt die gute Tante: „Carglass repare, Carglass remplace.“ Auf Deutsch singen sie zur selben Melodie: „Carglass repariert, Carglass bauscht auf“, was ich nie verstanden habe.

Für den nächsten Spot drehe ich mich gerne um. Die französische Reklame hat den tätowierten Migranten als Zielgruppe entdeckt, und weil auch er gut riechen soll, muss ihm der üppig tätowierte Migrantendarsteller im Fernsehen ein 48-Stunden-Deo verkaufen. Vor dem Packshot kommt dann noch kurz seine ebenfalls tätowierte Migranteuse ins Bild und sagt, dass sie ihren Freund dafür liebe (oder so ähnlich). Jedenfalls hat sie sich „LOVE“ in die Handfläche sticken lassen.

Und der kleine Nick schickt wieder zwei Mirages.

Den Weg nach Châtelperron könnte man erhebende Abfahrt nennen. Er führt knapp fünf Kilometer lang spürbar, aber angenehm bergab, wir fahren konstant über 35 km/h und Mo jauchzt von hinten als säße sie auf einem Pferd. Auch hier hat der Autoverkehr wieder Opfer gefordert, ein ziemlich bedeutender Kollateral-Hase säumt unseren Weg.

Links und rechts der Straße bietet die Grande Nation Paysage ohne Ende und hinter jeder Ecke beginnt eine neue Weide mit Charolais-Rindern. Diese Tiere haben übrigens ein ganz besonderes Sozialverhalten: Auf einer Weide hat sich die gesamte Herde hingelegt und bringt dem Nachwuchs hingebungsvoll das Wiederkäuen bei.

Der Namenspatron ist weit entfernt

Exakt so stellt man sich das vor en France, fehlt nur noch ein Schloss ums Eck

Wie wär's mit diesem: prächtig, aber ziemlich unbewohnt in Jaligny-sur-Besbre

Wir fahren weiter entlang der Straße der Mühlen, bis wir nach links auf die D21 abbiegen. Ausweislich eines Schildes am Eingang des Waldes führt die Straße mitten durch den Fôret de la Maison de Retraite de la Guyotte. Das dazu passende Altersheim sehen wir kurz vor Varennes-sur-Allier, es erinnert stark an ähnliche Einrichtungen in den Edgar-Wallace-Filmen mit Eddie Arendt, Karin Dor, Elisabeth Flickenschildt, Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger und wie sie alle heißen bzw. hießen.

Als wir den Ort der Feier passierten, dachte ich an Kindergeburtstag mit überforderter Mutter.
Der unglückliche Gesichtsausdruck gehörte aber offensichtlich einer Braut

Ein paar Meter hinter Varennes-sur-Allier hört der Spaß erstmal auf, wir biegen ab in Richtung Saint-Pourçain-sur-Sioule, unserem heutigen Tagesziel. Die Straße erinnert an den Autobahnzubringer vor Chalon-sur-Saône, nur ohne Regen. Leider fehlt zudem der breite Seitenstreifen, was die Lkw ein wenig näher an unsere Packtaschen heranrücken lässt. Das geht irgendwie gegen Mos Verständnis von Fahrrad-Reise, weshalb wir vor der Allier-Brücke nochmal zwecks Alternative auf die Karte schauen.

Wir finden eine kleine Nebenroute und als wir uns dieser nähern, sehen wir eine Gruppe von ca. zehn Freizeitradler im Rentenalter. Sie bieten uns an, uns in den Ort mitzunehmen, was eine sehr interessante Erfahrung wird. Zum einen sieht man, wie sich die Leute das Radfahren selbst schwer machen, zum anderen, dass sie wohl einen Gruppenrabatt bei Decathlon bekommen haben und nun alle Trikots, Rucksäcke usw. der D-Marken tragen. Die vermeintlich ortskundige Rentnerband führt uns ins lokale Industriegebiet und dort direktemang in eine Sackgasse, die am Tor von Louis Vuitton endet.

Wir drehen gemeinsam ab, ein anderes Gruppenmitglied übernimmt die Führung, und am Ende liefern sie uns vor dem lokalen Office de Tourisme ab. Wir bedanken uns, wünschen gute Fahrt, und ich gehe hinein. Die Dame dort ist freundlich, stattet uns mit einer detaillierten Karte der Auvergne aus, und das gesuchte Hotel ist schräg gegenüber.

Nach dem Duschen zwanzig Minuten Ruhepause, dann zum Apéritif auf die Promenade. Wir setzen uns direkt an die hoch frequentierte Durchgangsstraße, das ist kein Problem, denn wir wollen nicht schwätzen, sondern gucken. Außer Lastern und hoch drehenden Mopeds ist wenig zu hören, nur vom Nachbartisch kriegen wir viel mit. Da sitzt eine fünfköpfige Gruppe von Männern aus NL/BE/SE/DK oder so, die beständig Biere bringen lassen oder gleich selbst holen. Sie sprechen auch viel miteinander und stellen den Straßenverkehr damit locker in den Schatten. Schön, dass wir sie nicht verstehen.

Wir essen im Haus, die Küche ist sehr gut. Mo darf gleich zum Start eine Pastete vernaschen, ich nehme die Hecht-Timbale. Danach muss ein Barsch für sie sterben, während ich eine Wachtel niederringe. Der lokale Wein passt sehr gut dazu und verträgt sich auch prima mit den Auvergne-Käsen.

Was stört, ist der Service. Erst wird nicht nachgeschenkt, dann das Brot nicht gebracht, dann sehe ich, wie im Office Besteckteile runterfallen, aufgehoben, an der Hose abgewischt und an einen der Tische gebracht werden. Der Oberkellner kommt mit abgeräumten Tellern zurück und legt im Vorübergehen ein nicht gegessenes Petit pain mit der Hand zurück in den Brotkorb, unser Kellner macht die Krümel nicht weg, bevor er das Dessert bringt (und das Eis in Saint-Leon war auch deutlich besser) – es ist zum Davonlaufen!

Das machen wir sofort nach dem Kaffee. Dem Paar am Nachbartisch platzt ebenfalls in Kürze der Kragen, bevor wir alles abkriegen, gehen wir schlafen. Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns ...

Donnerstag, 28. Juli 2011

28.07. Jour de travail: Saligny-sur-Roudon (4,00 km, 0:13:42) (Alcool à brûler)

„Vous êtes hollandais?“

Neuer Tag, gleiches Bild: Alle arbeiten, und wir waschen – wie angekündigt – unsere Wäsche. Mo sammelt Brombeeren, ich fahre einkaufen, die Frau im Laden fragt, ob ich Holländer sei. Zur Strafe fahre ich später nochmal einkaufen. Unterwegs kommt mir ein kleines, gelbes Auto mit deutlich überproportioniertem Aufbau entgegen; der Fahrer schreit mich auf Französisch an. Ich rechne mit Kommunisten, Sozialisten, Nationalisten, ist aber nur der Wanderzirkus, der am Wochenende sein Zelt füllen möchte.

Blick aus dem Haus in den Himmel

Zum Mittagessen wird heute grilliert, Christine sagt, dass man das in der Schweiz sagt, wenn man „gegrillt“ sagen will. Zur Feier des Tages kommt es, weil der französische Praktikant heute Geburtstag hat, da bleibt sogar die französische Auszubildende mittags zum Essen da.

Da wir hier kein Klischee auslassen, muss natürlich der Mann Feuer machen. Mangels Alternativen trifft es mich.  Ich verwende Alkohol zum Brüllen. Komischer Name, brennt aber gut.

Es gibt verschiedene Würstchen, Hähnchenbrustfilets mit Kräutern, lekker Kartoffeln aus dem Garten, lekker Salate aus den Schüsseln. Und zum Dessert lekker Mirabellentarte mit viiiel Zucker und etwas Sahne. Am Tisch geht's munter mehrsprachig hin und her, einige verstehen alles, einige vieles, einige das Nötigste. Die Stimmung ist gut.


Hinterher planen Mo und ich die nächsten Tage. Die Stimmung ist höchstens durchwachsen, da es viel bergauf gehen wird und die aktuelle Uhrzeit eher zur Siesta ruft. Ergebnis der Sitzung: Wie geplant starten wir morgen in Richtung Clermont-Ferrand, Mont-Doré, La Tour-d'Auvergne und Bort-les-Orgues. Das wird eine schwere Strecke, und wir müssen erstmal sehen, in welcher Zeit wir sie schaffen und wie's danach weiter geht..

Zwischen dem 10. und 15. August werden wir aber wohl in Toulouse ankommen.

Hundegebell wechselt ab mit Wiehern, Vogelgezwitscher und munterer Mehrsprachigkeit. Am Abend sitzen wieder alle zusammen an der Tafel; wir gehen um halb elf schlafen, denn morgen früh müssen wir noch packen. Und vor der Abreise gibt's noch ein bisschen Arbeit.

27.07. Jour de travail: Saligny-sur-Roudon (Absence des panneaux routiers)

Heute gibt's nicht viel zu erzählen. Nach dem Frühstück kommt das Päckchen aus Deutschland, das wir für heute erhofft haben. Darin sind noch mehr Sachen, die wir eigentlich nicht mehr transportieren können/wollen/sollten (Zutreffendes bitte ankreuzen, Mehrfachnennungen möglich).

Anschließend machen wir den Ruhetag zum Arbeitstag: Mo sitzt unten und arbeitet den ganzen Vormittag an einer Website, ich sitze oben in unserem Zimmer und kümmere mich ein bisschen um die Verwaltung. Wir sind ja ausgeruht.

Nach dem Mittagessen im großen Kreis (die beiden Züchterinnen, ein französischer und zwei niederländische PraktikantInnen plus wir) machen alle dort weiter, wo sie zuvor aufgehört hatten. Mo besucht später die Weiden und schafft es vor dem Abendessen sogar noch in den Sattel, ich gehe in den Stall und streichle einen jungen Hengst namens Vasco ins Koma.


Ruhiger Typ: Expresivo wird gern Explosivo genannt

Neugieriger Nachwuchs: Barrios sollte eigentlich für den BVB Tore schießen


Vor dem Abendessen schaltet der Herrgott nochmal die Kathedrale an

Gegen halb neun treffen sich alle zum Abendessen, die beiden Praktikantinnen, die im Haus wohnen, gehen danach auf ihr Zimmer zum Chatten. Wir sitzen noch eine Stunde zu viert zusammen, dann fallen allen die Augen zu.


Mittwoch, 27. Juli 2011

26.07. 8ème étape: Montceau-les-Mines–Saligny-sur-Roudon (78,32 km, 3:56:21) (Access interdit sauf fauteuils roulants)


Das Frühstück im Hotel ist deutlich besser als zu erwarten war; beim Nachfüllen des Buffets gibt es noch Luft nach oben, dafür funktioniert plötzlich das WiFi. Um uns herum sitzen viele offensichtlich Einheimische, die man ihrem Alter entsprechend eher am Arbeitsplatz erwarten würde. Später in der Stadt sehen wir diesen Trend bestätigt, die Arbeitslosigkeit in Stadt und Umland muss hoch sein.

Nach dem Auschecken fahren wir den grünen Radweg-Schildern nach. Natürlich bergauf, natürlich falsch. Oben angekommen, finden wir einen Auto-Service, der mein Vorderrad mit kostenfreier Luft füllt, danach fragen wir einen, der wissen muss, wo's lang geht: den Postboten. Er schickt uns runter zu unserem Hotel und gibt klar die Richtung vor – tout canal, tout canal.

Einerseits liegt Erhebendes hinter uns

Andererseits liegt Großes vor uns

Den Canal du Centre begleiten wir auf einer schmalen Straße, der Verkehr läuft nördlich an uns vorbei auf der N70, der Route Centre Europe Atlantique. Es geht leicht rauf und runter, durch kleine Orte, immer wieder sehen wir riesige Binnenschiffe (zumindest im Vergleich zu den vielen Penichettes), und wir fragen uns, wie die wohl durch die Schleusen kommen. Sie kommen tatsächlich durch, wir haben zwei Mal zugeschaut, es hätte aber an allen vier Seiten kein Blatt Papier mehr dazwischen gepasst.

Statt der üblicherweise am Fahrbahnrand verwesenden Tierkadaver (Igel, Katze, Vogel) hat der nächtliche Straßenverkehr hier einen anderen Kollateralschaden hinterlassen: eine ziemlich ausgewachsene Biberratte; auf ein Foto verzichten wir aus Gründen der Pietät.

Mit den Minen starben auch die Zulieferer

Am Ortsausgang von Palinges passieren wir die ehemalige Ligne de démarcation, kurz darauf erhalten wir von ganz oben in Form einer tiefschwarzen Wolke die Nachricht, dass wir besser etwas essen gehen sollten. Das machen wir in der Auberge de Digoine, unweit des gleichnamigen Schlosses. Das Gute fängt schon damit an, dass die Chefin bereitwillig ein paar Tische unter der Veranda zusammen schiebt, damit unsere Räder Platz finden. Drinnen dann viel mehr Raum als erwartet und vier Frauen, die ihren Job mit Freude und Klasse machen.

Busse willkommen, Qualität nicht verabschiedet

Wir votieren für Plat du jour zum Preis von 12 Euro: Entrées vom weitläufigen (und leckeren) Buffet, Poulet mit Erbsen-Möhren-Gemüse, Käse, Dessert-Buffet, Wasser, Wein, Café, es nimmt kein Ende. Unsere Kellnerin bringt ungefragt die zweite Carafe d'eau, bietet uns frische Teller für einen Nachschlag beim Dessert an – ein Leben wie Tourist in Frankreich.

Dabei haben die Damen auch ohne uns genug zu tun. Etwa 70 Prozent der Plätze im Restaurant sind besetzt, im Saal nebenan werden ca. 40 ältere Menschen bewirtet, die wohl vor oder nach der Schlossbesichtigung noch etwas für den Gaumen tun wollen, und allen schmeckt's offensichtlich sehr gut.

Wir können den Kanal einfach nicht voll kriegen

Kurz vor Paray-le-Monial schreckt uns die gesperrte Straße, ein Rennradler macht uns Mut, weiter zu fahren, was wir den von ihm angedrohten Anstiegen links und rechts auch eindeutig vorziehen. Wie so oft im Leben, wird der Mut auch hier belohnt. Der Bautrupp macht noch Mittag als wir kommen, so dass der Weiterfahrt zwar eine massive Hebebühne im Weg steht, die wir aber elegant umkurven können.

Schon wieder nichts, was uns aufhalten könnte

Bei der Ortsdurchfahrt sehen wir am Hafen riesige Zelte über eine noch riesigere Grünanlage verteilt, viele junge Menschen, fröhliche Gesichter – ich tippe auf Pfadfinder, Mo denkt an eine musikalische Darbietung. Wir fragen eine Frau, die ihr Mittagessen mit Kindern auf einer Bank am Rande des Geländes verzehrt, sie sagt uns, dass es sich um die jährliche Kongregation der Gemeinschaft Emmanuel handelt, und lädt uns ein, gleich da zu bleiben. Da wir für den Abend bereits verabredet sind, müssen wir dankend ablehnen. Zur Strafe fragt sie mich, ob wir Deutsche seien.

Von Paray-le-Monial sind es nur noch ein paar Kilometer nach Digoin, wo ich am Hafen eine Frau frage, ob es vor Ort einen Fahrradladen gibt. Sie bezweifelt das zunächst, sagt dann aber, dass sie mal im Bureau fragen wolle. Im Abdrehen fragt sie mich, ob ich Deutsch spreche. Ich antworte: „Ja, auch!“

Sie kommt zurück, weist uns den Weg zu E. Leclerc Sports & Loisirs und erzählt, dass sie aus Brügge kommt und es „hier toll zum Leben ist“. Dem können wir mit unseren bisherigen Erfahrungen nur zustimmen. Bei Leclerc bekomme ich die passenden Schläuche (schwere Geburt) und habe Gelegenheit, der Kassiererin dabei zuzuschauen, wie sie mittels perfekt modellierter Fingernägel versucht, einen Taschenrechner dazu zu bringen, ihr den Preis eines T-Shirts abzüglich der endgültig letzten Preisreduktion zu verraten. Sie tippt drei, vier, fünf Mal ergebnislos, wirft das blöde Dinge frustriert auf den Tresen, probiert es erneut und nimmt dem jungen Käufer letztendlich 4,33 Euro ab. Sicher kein schlechtes Geschäft. Für ihn.

Ich zahle, trage die Schläuche hinaus und gehe mit meinem Helm gleich wieder hinein. Eine weitere Kollegin frage ich, ob es die Schweiß-Einlagen im Helm auch als Ersatzteile gibt. Sie sagt, dass sie nachschauen müsse, und kommt kurz darauf mit ihrer Beute zurück. Ich bin nicht sicher, ob die Teile passen, frage also erstmal, was sie kosten, und sie strahlt mich an: „Un sourire et un merci.“ Da ich beides mehrfach bei mir trage, sind wir uns schnell einig.

Wir fahren gleich wieder zurück an den Kanal, wo uns Sehenswertes erwartet:

Loire trifft Kanal

Kanal trifft Loire

Karte trifft Loire und Kanal


Von Digoin nach Pierrefitte-sur-Loire ist es nicht mehr weit, uns reicht's aber langsam. Direkt am Kanal überqueren wir die kurze, steile Brücke, und dann geht es noch fünf Kilometer südwärts in Richtung Saligny-sur-Roudon. Die Straße führt hauptsächlich bergauf, meist mehr, selten weniger. Kurz bevor es hinab in den Ort geht, sieht Mo rechts die Reithalle und den Stall des Gestüts, das wir besuchen wollen. Wir biegen ab, noch dreihundert Meter, dann ist das Tagesziel erreicht.

Hier ist es schön, hier bleiben wir ein paar Tage

Bitte beachten: Die Sättel sind nicht aus Pferdeleder

Die Züchterinnen wissen, dass wir kommen, freuen sich trotzdem, und wir machen uns einen schönen Abend bei Salat, Käse und Wein. Mit am Tisch sitzen zwei Praktikantinnen aus den Niederlanden, die im Rahmen ihrer Pferde-orientierten Berufsausbildung ein mehrwöchiges Praktikum im Ausland absolvieren müssen und sichtlich zufrieden sind, dass sie einen Platz mit starken Bezügen ins Heimatland gefunden haben.

Wir machen voraussichtlich zwei Tage Station, waschen schmutzige Wäsche und bereiten uns auf das Neuland vor, das wir mit der Abfahrt beradeln werden.