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Dienstag, 11. Dezember 2012

8. Juni 2012, der dreißigste Tag: Tours–Blois, 94,69 km

Königliche Preise

Mangels Alternativen zimmern wir uns ein Vorab-Frühstück aus Nescafé und Banane; Aufbruch zum gestern ausgeguckten Steg um kurz nach neun. Wir haben viel vor!

Unterwegs kaufen wir einen Bäcker leer, zweites Frühstück am Château. Während wir im Stehen speisen, verdoppelt sich die Zahl der Touristen-Busse auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Der Wind weiß, woher er wehen muss – wer den Radler liebt, der schiebt –, die Sonne lacht, wir lachen mit.

Da geht's lang!

Auf feiner Piste rollt's uns schnell nach Montlouis-sur-Loire, der Radweg führt durchs ganze Dorf, kein Haus bleibt ungesehen. Danach folgen wir den Touraine-Weinbergen bis Lussault-sur-Loire, wo wir auf die D283 abbiegen und bis Saint-Martin-le-Beau durch weitere Weinorte und -lagen kommen. Im Ort wechseln wir auf die Rue nationale und fahren bis Civray-de-Touraine und weiter zum Château Chenonceaux. Dort gibt's aber nur gegen 11€ Eintritt pro Nase was zu sehen, und das lohnt sich für uns nicht, denn: Wohin mit Rädern und Gepäck? Wie vereinbaren wir Schlossführung und Vorwärtskommen?

Mo nutzt die Pause vor der Kasse, isst ihr Pain au chocolat und sagt: „Die Leute hier laufen alle, als wären sie auch schon 2.000 Kilometer mit dem Rad gefahren.“ Vom Château sehen wir dank weiträumiger Abschottung leider nix, auch der Versuch einer Umfahrung in der Hoffnung auf Fernblick scheitert nach wenigen Kilometern kläglich.

Mittagszeit bei Königs in Amboise

Na, dann fahren wir halt schnell nach Amboise und hoffen, dass es dort besser wird. Es geht gut rauf und trotzdem gut voran, am Ortseingang ein Schauer, wir stellen uns unter und ziehen die Regensachen an. Kurz darauf im Ort ein übles Sammelsurium von Pack rund ums Château royal – gegenüber Kneipen wie in der Drosselgasse, da wollen wir weder sehen noch gesehen werden.

An der Hauptstraße finden wir einen Carrefour City und damit endlich was zum Mittagessen. Es gibt lokale Käse, ansonsten das normale Programm aus Wasser, Apfelsaft, Bananen, Joghurt, Petit pains und Tomaten. Der Azubi an der Kasse lässt sich den Panier zwecks Transport der Ware zum Rad abschwatzen, als ich ihn wiederbringe ruft er: "heffeneisdehbei". Irgendwie traut er dem Frieden nicht, wenn Touristen mit ihm Französisch sprechen.

Amboise: edle Gemäuer, ...

... große Namen, ...

... Speisen auf hohem Niveau

Nicht weit vom Clos Lucé (13,50€ Eintritt), wo da Vinci die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte, finden wir einen windigen Essplatz mit Blick auf Cretin City. Um kurz nach zwei brechen wir auf nach Chaumont, mal sehen, was uns da erwartet. Die Strecke ist super, der Wind gibt sein Bestes. Wir auch.

Entsprechend kommen wir top voran und erreichen das nächste Château, das wir nicht anschauen. Diesmal beträgt der Eintritt 15,50€, damit haben wir heute summa summarum rund 80€ an Eintrittsgeldern gespart. Am Fluss entlang summen wir weiter nach Candé-sur-Beuvron, die Loire ist inzwischen schmal wie ein Handtuch. In Candé merken wir, woran es liegt: Das Handtuch ist nicht die Loire, sondern der Beuvron.

Am Hafen von Chaumont

Am Schloss von Chaumont

Am Schild von Chaumont

Nach einem Café crème, einem Anstieg und sechs Kilometern am Ufer sehen wir auf der anderen Seite Blois. Kurz vor der Stadt im Schilf eine wohl riesige Menge von Fröschen – da bekommt man eine leise Ahnung, warum Menschen gegen Froschteiche klagen.

Blick auf Blois, im Vordergrund: Froschkonzert

Über die Brücke, die übliche Suche nach dem OdT, in der Stadt spielen einzelne Musiker und eine Band im Zentrum – lebhaft. Vor etwa 20 Jahren waren wir schon mal hier – auf dem Weg in die Bretagne, aber daran kann oder will sich keine/r mehr erinnern. Das Office liegt weit oben, Mo wartet unten, die junge Frau verteilt einen Guide pratique, mehr kann oder will sie zu unserem Unterkommen nicht beisteuern.

Wir entscheiden uns für das Ibis am Château, fahren hin und nehmen das Zimmer. Hier hat accor-Ibis ein grandioses altes Gebäude versaut: abgehängte Decken, hässliche Möbel, zu kurze Duschvorhänge, usw. Aber accor wirtschaftet nachhaltig und stellt für fünf mehrfach benutzte Handtücher irgendwo in der Welt neue Vittel-Wälder auf.

Il était une fois ... à Blois

Nach Dusche und kurzer Pause schaue ich ein bisschen EM-Eröffnung, dann geht's raus zur Stadtbesichtigung mit Restaurant-Suche. Blois ist zwar nicht Nantes oder Orléans, aber schon ein anderes Kaliber als Amboise oder Chaumont, so dass wir eine durchaus üppige Strecke zurücklegen dürfen.

Das unterwegs angesteuerte Fisch-Restaurant ist Madame zu teuer, wir gehen zur nächsten Adresse und kommen en passant an dem Logis-Hotel vorbei, das bei unserem Reservierungsversuch am Nachmittag schon complet war. Aber Essen gibt es: Rillettes de Cabillaud, Blanc manger de Chèvre, Foie de Veau und Veau marengo, was bei uns daheim unwidersprochen als Kalbsgulasch durchgehen würde.

Auf dem Rückweg zieht es uns nochmal an den Platz, an dem vorhin die Musik spielte. Wir kriegen gerade noch die beiden letzten Stücke der R&B-Band mit, die Gitarrenmusik im Stil der 70er Jahre zum Besten gibt. Die Gattin ist begeistert, ich erschrecke.

Morgen probieren wir's mit Chambord.

Dienstag, 4. Dezember 2012

7. Juni 2012, der neunundzwanzigste Tag: Saumur Hotel–Saumur Bahnhof, 7,95 km

Heidi, Seal and the City

Wir frühstücken, was noch da ist – überraschenderweise ist tatsächlich immer noch was da (evtl. belasten wir uns mit zu viel Proviant). Danach packen, zahlen, nix wie weg, runter in die Stadt.

An einem recht zentralen Platz legen wir einen Stopp beim Bäcker ein: Croissants, Pains au chocolat, Rosinenschnecken – danke, wir essen's gleich hier. Kaum draußen, fängt der Regen an. Wir stehen lange nebenan beim Metzger unterm Vordach, parlieren vorsichtig mit Schirmträgern, die beständig kommen und gehen, und beschließen irgendwann, mit dem Zug nach Tours zu fahren.

Trübe Aussichten beim Bäcker in Saumur

Wenn er planmäßig fährt, dann um 11.27 Uhr. Es ist jetzt 10.15 Uhr, da kaufen wir dem Bäcker sicherheitshalber noch ein paar Kalorienspender (bretonische Spezialität) ab und fahren gen Centre ville.

Saumur ist deutlich größer als gedacht, wir nehmen en passant einen Café crème und bei dieser Gelegenheit mit den Augen am örtlichen Leben teil. Die Loire ist anschließend so breit, dass die Île Offard noch zwischen die Ufer passt und wir zwei aufeinander folgende Brücken – mit nochmal reichlich Stadt dazwischen – überqueren müssen, um den Bahnhof auf der anderen Seite zu erreichen.

Wer hier einsteigt, ...

Mo presst der Dame hinterm Schalter zwei Tickets ab, der französische Schwarze draußen am Bahnsteig sieht aus, wie ein ordentlicher Schwarzer heute auszusehen hat und hört genau die Musik, die ein ordentlicher Schwarzer heute zu hören hat. Ist das jetzt Genetik, Ghetto oder Globalisierung?

Am Bahnsteig gibt's die ersten sechs der zwölf Kalorienspender (bretonische Spezialität), dann sagt Madame den Zug an. Der hat Platz für drei Räder, eins hängt schon, wir hängen unsere daneben und besetzen zwei freie Plätze in direkter Nähe. Die Fahrt dauert etwas mehr als 50 Minuten, die Leute rundum freuen sich mit uns übers Wetter.

Es schüttet.

... kann da rauskommen (z.B.)

Kein Regen in Tours. Im Verkehrstrubel rund um den Bahnhof suchen wir das Office de Tourisme, was von den lokalen Behörden mit einem perfiden Trick systematisch erschwert wird: Über die landesweit einheitlichen Hinweise hat das lokale Cleverle vom Amt eigene Schildchen geklebt, die dem Fremden leider nicht vertraut sind und uns – so viel sei vorab verraten – auch in keiner anderen menschlichen Ansiedlung dieses schönen Landes mehr begegnen werden.

Als wir endlich fündig geworden sind, habe ich das Vergnügen mit einer hoch professionellen Mitarbeiterin. Sie nennt mir mehrere Hotels, während ich die draußen mit Mo durchgehe, verkauft sie drinnen einer Asiatin mehrere Tages- und Busausflüge zu den Schlössern der Region. Als ich zurück komme, unterschreibt die Touristin bereits zügig.

Wir einigen uns darauf, zwei der Hotels anzusteuern, gleich vor dem ersten fahre ich über eine Scherbe, es macht pffft, und dann ist auch noch das Hotel complet. Wir schieben stark angesäuert zum nächsten, und finden dort sogar ein schönes Zimmer. Mo duscht, ich wechsle im schmalen Hof den breiten Schlauch.

Kein Vergnügen: das städtische Vergnügungsviertel

Nach dem Schlauchen, kurz duschen, umziehen, dann Stadtbesichtigung. Was uns erwartet, ist teils toll, teils übel. Wir streifen durch die Altstadt, entlang drei innerstädtischen Brücken, sehen die offiziell frisch getrennten Heidi und Seal mit ihren farbenfrohen Kindern. Sind die schon wieder zusammen? Und warum twittert sie das nicht?

Nach Karlsturm, Kathedrale, Château und entlang der Einkaufsstraßen sind einige Stunden vergangen, unsere Beine sind das nicht mehr gewohnt. Außerdem rückt die Essenszeit näher. Wir entscheiden uns für eine kurze Pause im Hotel.

Auf dem Rückweg passieren wir den Pont Suspendu de Saint-Symphorien, einen schmalen Steg, den wir gleich morgen früh als Fluchtweg benutzen werden.

Wo Sankt Martin zu Hause ist

„Man sieht Ihnen die 780 Jahre gar nicht an, Madame.“

Auch hier hat der Schlossherr nahe am Wasser gebaut

19.45 Uhr essen wir in einer der belebten Straßen in der Nähe. Unsere Kellnerin trägt permanent Make-up und stöhnt unter der Last, die sie in Form eines engagierten Anlernlings tragen muss. Für uns bleiben zwei Vouvray, Roulade de lapin, Salade de Riz de Veau tiede, Magret de Canard, Côte de Cochon, Café Gourmand mit super Mousse au Chocolat.

Vor dem Schlafen simsen wir unserem zarten Kind noch schnell die Ergebnisse des gerade laufenden GNTM. Wir haben ja nachmittags Heidi gesehen und wissen, dass Luisa gewinnen wird.

À demain

Dienstag, 27. November 2012

6. Juni 2012, der achtundzwanzigste Tag: Montjean-sur-Loire–Saumur, 97,93 km

Let's play the ferryman

Das Frühstück ist heute très français et très bon: Brot, Konfitüre, Viennoiserie – alles selbstgemacht, und Monsieur ist stolz darauf.

Draußen strömt der Strom, die Sonne lacht, roulons enfants!

Irgendwo da hinten muss Montjean sein

Die  ersten 20 Kilometer geht es zügig voran, links wird der Himmel langsam schwarz, aber rechts (= auf unserer Seite) bleibt's hell. Die Loire ist seit Nantes frei von Schiffen, große Inseln in der Flussmitte beherbergen riesige Vogelschwärme, deren Mitglieder eifrig durcheinander schnattern, fliegen und brüten.

Eine etwas blöde Verkehrsführung erwischt uns bei Chalonnes-sur-Loire, den daraus erwachsenden Zeitverlust kriegen wir durch Vermeidung der Steigung zwischen La Possonnière und Savennières wieder rein.

Nächster Stop beim Pierre Bécherelle, dem Erfinder der gleichnamigen Sauce und des radioaktiven Zerfalls pro Sekunde. Saumur ist nur noch 57 Kilometer entfernt.

Die grünen Inseln der Loire

Kurz vor La Pointe (kein Witz!) überholen wir andere Grauradler am Berg, anschließend geht's nach La Cossonnerie, wo wir am Hafen Baguettes, Croissants und Pains au Chocolat kaufen. Bei Bouchemaine wechseln wir – wie der Name unschwer vermuten lässt – von der Loire an die Maine, durchfahren ein weitläufiges Naherholungsgebiet rund um den Lac de Maine und erreichen Angers aus westlichen Richtung.

Oben links das riesige Château aus Schiefer, wir umfahren es ein Mal und dann quer durch Centre ville wieder raus der Stadt. En passant leisten wir uns noch eine neue 2-GB-Platte für die Kamera.

Look back in Angers

Am östlichen Stadtrand biegen wir in ein weitläufiges, ehemaliges Schieferabbaugebiet ein und fahren mit offenem Mund und ebensolchen Augen auf schmalem Weg entlang Halden von Schieferbruch. Am Ende der Strecke stoßen wir auf eine Straße und wissen nicht recht, wie es nun wieder weiter gehen soll.

Ich spreche die nächstbeste Frau mit Fahrrad und Karte an, wie sich erweist, ist sie Deutsche, was das Gespräch deutlich erleichtert. Wir reden über Wind und Wetter, Weg und Hotels und ziehen alle mit erweitertem Wissen weiter. Unser Weg führt weiter durch das ehemalige Schieferabbaugebiet und wartet am Ende mit einer neuen Attraktion auf: Wir stehen am Ufer des Authion, vor uns eine an Ketten verspannte Fähre, die wir per Hand zu uns ziehen, dann besteigen und mit Körperkraft ans andere Ufer bewegen dürfen – die spannen, die Franzosen!

Ablegen, ...

... anpacken, ...

... gut ankommen

In den Orten, die wir danach durchqueren, sind Mauern, Häuser und Dächer komplett aus oder zumindest zum großen Teil mit Schiefer gebaut. Bei La Bohalle setzt leichtes Nieseln ein, wir finden eine schöne Halle, um uns und das Mittagessen davor zu schützen.

Anschließend durchqueren wir bis Saint-Mathurin-sur-Loire weitläufige Ackerflächen, fahren über die Brücke nach Saint-Rémy-la-Varenne (hier hört das Bauen mit Schiefer auf) und von dort direkt am Ufer entlang zur Kaffeepause in Le Thoureil, une petite cité de caractère (was man dem Ort auch ohne gleichlautendes Schild sofort angesehen hätte).

Schiefer mauern

In Gennes tanken wir bei Super U auf, dann fahren wir – entgegen der vom Guide vorgegebenen Richtung (!?) – am Fluss entlang ostwärts.

Die Häuser sind immer noch mit Schiefer gedeckt, sehen nun aber aus, als wären sie aus großen, glatt verputzen, pastellfarbenen Quadern gebaut – zartes Gelb, Blau, Grau und Grün stehen matt schimmernd nebeneinander, und in Chênehutte gibt es viel mehr als nur eine. Die Optik der Steine ist übrigens ein Trick: Hinter abgeblättertem Putz sieht man an einigen Stellen das echte Mauerwerk aus relativ kleinen Steinen. Der darüber gelegte Verputz wird einfach im Sinne der repräsentativen Wirkung „gestaltet“.

Chêne Kirche in Chênehutte

Die letzten sechs Kilometer nach Saumur fahren wir mit hohem Tempo am Fluss, nach über 90 Tageskilometern ziehen wir das Tagesziel vor und suchen die drei ausgewählten Hotels auf der Karte. Das nächstliegende ist nur 1200 m entfernt, ab sechshundert geht es steil bergauf.

Wir packen das, checken ein, bekommen einen netten, kleinen Reihen-Bungalow zugewiesen und spulen unser Programm ab. Abendessen um 20 Uhr.

Wo Barthel den Most holt

Speis' & Trank werden im Wintergarten mit Blick auf den Garten und die Stadt gereicht. Wir apéritiven einen Saumur Brut, studieren die Karte und erfreuen uns an den ausschweifenden Erläuterungen, mit denen ein Keller am Nachbartisch versucht, den dort gastierenden Briten die Speisen zu erläutern.


Nach ca. 20 Minuten ist die Freude etwas reduziert, da bislang weder Wasser noch Wein, noch Speise den Weg zu uns gefunden haben. Der Service rennt herum wie die Bressehühner auf der Weide, ich reklamiere mehrfach. Um neun gehen wir – stinksauer und laut.


Das Abendessen bestreiten wir aus unseren Vorräten, die eigentlich fürs Frühstück gedacht waren: Comté, Pains au lait, Joghurt. Wenigstens sind wir früh im Bett.


5. Juni 2012, der siebenundzwanzigste Tag: Le Pellerin–Montjean-sur-Loire, 94,95 km

Die Fähre ins Paradies ist kostenlos

Das Frühstück ist mau (nur Konserven), der Wind weht lau (und natürlich aus östlicher Richtung). Im Lokal sitzen zwei, drei weitere Gäste, jeder hat ein Tablett und – wenn wir die Minen richtig deuten – auch einen schweren Tag vor sich.

Der Chef steht am Tresen, heißt uns willkommen und weist uns in die Besonderheiten der dargebotenen Spezialitäten ein. Damit wir ihn gleich wiedererkennen, hat er sein Hemd von gestern nochmal angezogen. Der Koch kommt um acht und folgt dem guten Beispiel seines Baguettegebers – seine Jacke ist sichtbarer Beweis dafür, dass er schon seit Tagen wiedererkannt werden möchte.

Ich schaue aus dem Fenster und sehe die Fähre, die wir gestern vergeblich gesucht hatten – es gibt sie, sie fährt, und sie fährt vor allem: kostenlos. Der Anleger ist ca. 200 Meter vom Hotel entfernt, nach dem Frühstück rollen wir hin und nach kurzer Wartezeit aufs Deck.

Auf der Bac gilt: Pferde und Radler zuerst

Und hinterm Tresen steht Vanessa

Was uns auf der anderen Seite erwartet, heißt Couëron. Hier haucht die Firma Samco Samoc (oder so ähnlich, man erkennt ja nichts bei dieser Geschwindigkeit) alter Industriearchitektur neues Leben ein, während gegenüber ein mehrstöckiges Haus in der Loire versinkt.

Bei Indre wird die Verkehrsführung etwas unübersichtlich, aber wir kommen trotzdem durch. Die Einfahrt nach Nantes ist von Industrie und dem Atlantik-Hafen geprägt: große Schiffe, Reparatur- und Zulieferbetriebe.

Am 30. Mai war der Weltuntergang ...

Um zehn bremsen wir bei Lidl. Mo ist mit dem Einkaufen dran, ich habe Zeit zu gucken: Am Lycée gegenüber verkauft der lokale Dealer vor Unterrichtsbeginn noch den einen und anderen Leistungsdruck. Auf unserer Seite streicht ein SDF um die parkenden Autos und versucht, retournierenden Lidl-Kunden ein bisschen Bares abzuschwatzen. Eine Kundin schenkt ihm eine Banane; so wie er sie anschaut, wird das nicht der Beginn einer langen Freundschaft.


Unser Weg durch Nantes führt entlang des Flusses, der von moderner Architektur gesäumt wird: Hotels, Ministerien der Départementsregierung und Firmen aller Art. Mit dem Alten hat die Stadt – zumindest optisch – vollständig gebrochen, hier präsentiert sich zeitgemäße Urbanität vom Feinsten. Entlang des Quai de la Fosse verarbeitet Nantes zudem seine führende Rolle bei der Verschiffung von Sklaven in die USA. Von hier legte im 18. Jahrhundert etwa die Hälfte aller französischen Sklavenschiffe ab.


Da soll nochmal einer sagen, in Nantes gäbe es keine alten Häuser!

Wenige Kilometer östlich von Nantes kommen wir bei Mauves-sur-Loire über eine phantastische Brücke, der man ihre 120 Jahre nicht ansieht. Sie wurde Ende des 19. Jahrhunderts zwecks Verbindung der Nantaiser mit den Winzern auf der südlichen Loire-Seite errichtet, dafür ist sie ziemlich gerade geworden.

Was Menschen bauen, um an Wein zu kommen

Für uns geht es auf der anderen Seite aber nicht in die Weinberge, sondern bis La Varenne durch riesige Lauch- und Feldsalat-Plantagen, Letztere abgedeckt mit langen, weißen Netzen, alle geplant und angelegt mit der Geradlinigkeit, die den GPS-gestählten Landwirt des 21. Jahrhunderts kenn- und auszeichnet.

Vor Champtoceaux leiten uns die Franzosen mal wieder auf eine Itinéraire provisoire um, und schon nach kurzer Fahrt müssen wir steilst bergauf. Hier sind sie nun also, die Vignoble nantais, deren Steigungen locker mit den neun bis zwölf Prozenten ihrer Weine mithalten können.

Während Mo sich am Ende der Steigung in die Büsche schlägt, kommt eine gut gekleidete Französin im Auto vorbei, lässt das Beifahrerfenster herab und fragt, ob denn bei uns alles in Ordnung sei. Ich kann das bejahen, frage aber freundlich (und natürlich mit anderen Worten) nach, warum genau sie das wissen möchte. Ganz einfach: Sie ist Radweg-Beauftragte der Region und kümmert sich in dieser Eigenschaft um den Weg und die Radfahrer, die ihn befahren.

Bienvenue à La Loire à Vélo!

Achtung, gleich kommt die Radweg-Beauftragte!

Es folgt eine üble Abfahrt, gefolgt von einer ebenso üblen Brücke, gefolgt von Oudon mit seinem sensationellen Schlossturm aus dem 11. Jahrhundert. Wir klettern nicht hinauf, wir brettern neben der Bahnlinie weiter ostwärts.


Kurz vor Ancenis, machen wir Mittagspause in einem vorortlichen Wohngebiet. Irgendwo in der Nähe muss eine Schule sein, denn pausenlos ziehen Grüppchen grinsender Jugendlicher an uns vorbei, die wohl noch nie alte Menschen in Radklamotten beim Mittagessen gesehen haben. Gegenüber kärchert der Mann von Veolia propreté die Abfallcontainer.


Oudon centre, der Schlossturm steht sehr weit links

Es fängt an zu tröpfeln, wir fahren weiter, es tröpfelt stärker, wir suchen einen Platz zum Umziehen und finden einen geräumigen Unterstand mit Toilette (!) im Wald bei Bouzillé. Dort kommen kurz darauf drei Franzosen vorbei, die verständlicherweise ebenfalls anhalten.

Wir kommen ins Gespräch, sie kommen aus Saumur, fahren nach Saint-Brevin und retour. Das sind knapp 400 Kilometer, eine Woche nehmen sie sich dafür Zeit. Wir erzählen, sie erzählen, es entwickelt sich ein nettes Gespräch. Irgendwann wird es dem Regen zu viel,  mit anhören zu müssen, wie wir uns gegenseitig loben.

Er zieht weiter, wir fahren auf frischer Bessunger-Kies-Piste bis Saint-Florent-le-Vieil, und von dort auf einem Deichweg bis zu dem Hotel, das wir für heute eingeplant haben. Vor dessen Tür steht das Pärchen, das wir heute zum vierten Mal ein- und überholen. Sie kommen aus Augsburg, sind in Dijon gestartet, teils selbst, teils mit dem Zug nach Saint-Brevin gefahren und jetzt auf dem Rückweg. Als sie hören, was noch vor uns liegt, warnen Sie uns vor Montceaux-les-Mines.

Ab jetzt kann man den Tag loben

Von dem Hotel sind wir nicht übermäßig begeistert, und weil der Tag noch jung ist, wollen wir uns erstmal eine Alternative im nahen Le Mesnil-en-Vallée anschauen. Dort angekommen, stellen wir fest, dass das gesuchte Hotel das gesehene war. Da wollen wir aber nicht mehr hin und fahren stattdessen auf der D751 nach Montjean-sur-Loire. Dort kaufen wir im Supermarché frisches Wasser und finden direkt am Ufer der Loire eine Auberge mit drei Cocotten.

Patron und Preis sind super, wir gehen duschen, waschen und legen. Ab halb acht gibt's Spargel-Duett mit Ei, Schnecken-Ragout, Loire-Zander, Wachtel, Käse, Dessert und Wein von gleich um die Ecke.

Später ruft noch das Kind an, um zu berichten, dass die Präsentation seiner BA gut lief. Der Bub ist stolz, wir mit ihm, auch auf uns, auch er ...