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Samstag, 24. Mai 2025

Frühling 2025 – 22. Mai: Tournus

Der Geist in der Schüssel

Viele französische Hotels haben ein eigenartiges Verhältnis zur Notdurft. An den separaten Raum zur Verrichtung haben wir uns schon gewöhnt, manchmal legt der Franzose aber noch eine Schippe drauf.

In unserer upgrade-Suite wird das Klo von innen beleuchtet und der Sitz mittels Strom erwärmt. Besagter Sitz macht aber nicht nur den Hintern warm, er kann auch allerhand, zumindest wenn man ihn lässt. Spoiler: Man lässt ihn nicht.

Entweder haben frühere Gäste mit den Funktionen rumgespielt, oder das Überangebot an Leistungen hat einen Kollaps herbeigeführt. Jedenfalls sind alle Maßnahmen hors service.

Für uns wär's sowieso egal, wir sind nicht auf Toiletten-Spielereien aus. Außerdem soll's heute reichlich regnen, wir bleiben also etwas länger liegen. Gegen neun sind wir bei unserem Boulanger in Centre ville, nehmen vor Ort zwei Formule p'tit dej und gleich noch ein bisschen was fürs zweite Frühstück im Hotel und für den Nachmittag mit.

Was er könnte, wenn er dürfte, wie er könnte

Danach holen wir das versäumte Duolingo von gestern nach und machen uns fertig fürs Schwimmbad. Zurück im Zimmer ist das Housekeeping noch aktiv. Wir warten kurz, dann warten wir auf besseres Wetter, essen noch was und legen uns zum Mittagsschlaf nieder.

Nach knapp fünf Minuen bricht im ganzen Haus und in allen Rauchmeldern Feueralarm aus.

Die Rezeption beruhight mich auf Nachfrage, dass es nur ein Test ist, dieser aber zumindest von der Dauer gerade etwas aus dem Ruder läuft. Wir nehmen es mit Humor, legen uns wieder hin, und irgendwann hören die Sirenen auch wieder auf. Nach dem Schlafen, essen wir das Mitgebrachte vom Morgen – très calorique!

Draußen der Regen, drinnen wir

Der Regen hört zwar ab 16 Uhr langsam auf, aber es bleibt kühl. Also beschließen wir, für morgen ein bisschen einzukaufen. Im Carrefour um die Ecke werden wir nicht fündig, aber im Essig-Regal stehen tatsächlich knapp zehn normale Flaschen Martin-Pouret. Leider alle mit Cidre-Essig gefüllt, mit dem wir nichts anfangen können (und wollen).

Macon ist nicht weit, wir kennen da einen gut sortierten Auchan mit günstiger Tankstelle, er wird unser nächstes Ziel. Den Sprit gibt's dort tatsächlich billiger als in Deutschland, und drinnen rührt uns dann der Donner: Auch hier stehen im Essig-Regal normale Flaschen Martin Pouret, diesmal ist es der Rotwein-Essig in der 0,75-Liter-Flasche. Sie kostet weniger als die 0,25-Liter-Flasche im online-Shop.


Insgesamt halten wir uns mit dem Einkaufen wieder länger als nötig auf, so dass wir zurück im Hotel gerade noch Zeit zum Umziehen haben. Dann fahren wir zu Guillaume nach Le Villars, der eine neue Kellnerin beschäftigt, die uns sehr an Irena erinnert und irgendwie angespannt wirkt.


Die Gattin nimmt das Œuf bio servi mollet et asperges française en déclinaison, ich begnüge mich mit einer Tartelette sablée aux escargots d’Amandine. Beim Hauptgang sind wir uns einig: Poulette de Bresse farcie aux morilles, beim Dessert nicht, die eine nimmt das Soufflé chaud au Grand-Marnier, der andere La Rhubarbe rôtie en crumble, pochée au gingembre.


Wie Großeltern ihre Enkel prägen

Dazu gibt's, wie immer, Les pierres blanches von der Domaine des Tourterelles. Hier haben wir ihn zum ersten Mal getrunken, hier bleiben wir ihm treu. Nach dem Essen gehen wir noch rüber zur Kirche, schauen nach der Varèse-Tafel und machen uns schließlich auf den Rückweg. Morgen geht's auf die Fähre ...

Donnerstag, 22. Mai 2025

Frühling 2025 – 21. Mai: Tournus

Abendgäste am Quai der Sâone

Beim hervorragenden Frühstück im Storchen kommen wir mit der Schwiegertochter Helfesrieder ins Gespräch, sprechen u.a. über die Möglichkeit längerer Aufenthalte und den jungen Mann von gestern Abend.


Und dann fragen wir noch, ob sie wisse, was Frau Disch so mache.


Kurzfassung: Steffen Disch, „der Fitteste von uns allen“, ist am 3. März beim Langlaufen auf der Notschrei-Loipe an einem Herzinfarkt verstorben. Seine Ex-Frau Kirsten war kurz vorher wieder in den Betrieb eingestiegen und führt das Freiburger „Kuro Mori“ jetzt allein.


Da fällt uns spontan nichts Besseres ein, als unsere Reise durch einen Abstecher nach Freiburg und einen Kurzbesuch im Kuro Mori zu verzögern. Frau Disch freut sich sichtlich, wir sprechen kurz über Vergangenes und Künftiges und einigen uns darauf, dass wir bei unserem nächsten Besuch im Freiburg zum Essen reinschauen werden.


Deutlich nach elf fahren wir dann auf die A3 in Richtung Tournus, bzw. zunächst in Richtung Chalon-sur-Sâone, wo wir bei Monoprix Essig kaufen wollen. Nicht irgendeinen, sondern den von Martin-Pouret. Für uns ist das der beste Essig, aber neuerdings gibt es ihn nicht mehr dort, wo es ihn immer gab. So kamen wir auf Monoprix, die auf der website des Herstellers als Verkaufsstelle genannt werden.


Allerdings gibt es bei Monoprix nicht die Flaschen und Größen, die wir normalerweise kauf(t)en. Die vormals quadratischen Flaschen mit Füllungen von 0,5 und 0,75 Liter wurden abgelöst von runden Fläschen mit 0,25 Litern Inhalt. Dafür sind wenigstens die Preise pro Flasche nur leicht gestiegen.


Noch mehr Zimmer als bezahlt

Also nur schnell eine große Brioche für die kommenden Tage mitgenommen und an der Kasse lange der alten Frau zugeschaut, die nicht mehr sehen kann oder nicht versteht, was das Bezahl-Terminal von ihr will, dafür aber alles laut und abschätzig kommentiert.

Irgendwann übernimmt die chérie genannte Kassiererin den Prozess, damit die wachsende Zahl von Zuschauern zu zahlenden Kunden werden kann. Für uns geht's dann auch weiter; etwa eine halbe Stunde später stehen wir vor unserem Hotel in Tournus, gleich danach an der Rezeption.

Die freundliche Mitarbeiterin checkt uns ab und ein und informiert uns danach, dass unsere Buchung ein upgrade erfahren hat – vom Chambre standard zur Suite. Was das bedeutet, sehen wir in der ersten Etage: zwei große Räume, kleiner Flur, ein Bad mit Dusche und Philippe-Starck-Badewanne sowie eine Terrasse für größere Familienfeiern.

Aussicht auf zwei Regentage

Nachdem wir uns von dieser Überraschung erholt haben, zwängen wir uns in die engen Leibchen, bauen die Räder zusammen und fahren auf bekannter Voie bleue in Richtung Fleurville. Eine Stunde und 26 Kilometer später sind wir zurück, stecken die Räder wieder ins Auto und gehen ins Schwimmbad.

Links rauscht die Sâone, rechts rauschen wir

Tournus–Roubaix

Frisch geduscht und frischgemacht schaue ich nochmal in die Liste der Essig-Verkäufer auf der Martin-Pouret-website und finde tatsächlich einen kurz vor Toulon, unserem Ziel am Freitag. Ich rufe also bei „Gastromaniak“ in La Destrousse an, höre die Weiterleitung und lande bei Sylvie, die sich meine Probleme mit Engelsgeduld anhört.

Leider hat sie ihr Restaurant inzwischen geschlossen, und den Essig von Martin-Pouret verkauft sie auch nicht mehr. Aber sie hat noch einen 5-Liter-Kanister, den sie uns gern sans commission überlässt. Der Abstecher zu ihr wird uns etwa 30 Minuten kosten, am Freitag ist sie nachmittags vor Ort.

Ich sage zu, die Gattin rollt mit den Augen.

Um kurz nach sieben geht's in Richtung Ufer, wir haben einen Tisch im „Le Quai“ reserviert, wo wir im letzten Jahr so freundlich mit Coulis de Cassis versorgt worden waren. Die Tische sind gut besetzt, der Service gut wie immer und Speisen & Getränke gibt es auch ordentlich: Escargots de Bourgogne für Madame, Ceviche de truite für Monsieur. Und für beide anschließend Tartare de bœuf charolais. Danach teilen wir uns noch ein bisschen Epoisses en émulsion (müssen wir dringend mal zu Hause versuchen).

Vorbei an unserer ersten Bleibe in Tournus, längst vorbei

Zum Dessert gibt's Crème brulée à la vanille bzw. Soufflé chaud au Grand Marnier. Zufrieden und gut gelaunt schleppen wir uns zurück zum Hotel. Dort wartet in der Toilette ein blauer Geist auf uns, aber dazu morgen mehr.

Neun Prozent Stromverbrauch auf 25 Kilometer, da staunt der Tesla

Mittwoch, 21. Mai 2025

Frühling 2025 – 20. Mai: Schmidhofen

Mehr Zimmer als bezahlt

Dieses Blog ist eigentlich Radreisen vorbehalten. Aber in den ersten zwei Tagen ist nun schon so viel passiert, dass wir uns doch für Blog-Einträge entschieden haben. Und da die Räder im Auto stehen, kann man das sicher auch irgenwie verargumentieren.


Also: Was ist passiert?


Wir fahren am Dienstag gegen zwölf los und wollen am Nachmittag noch ein bisschen ums Hotel gondeln, ist ja nicht weiter weit von Franken in den Breisgau. Die erste Abweichung von dieser Idee ereilt uns kurz nach dem Biebelrieder Dreieck: Von Randersacker bis Heidingsfeld geht's nur sehr schleppend voran – insgesamt verlieren wir rund eine Stunde im Stau auf der A3.


Danach läuft's besser – Heilbronn, Walldorfer Kreuz, Karlsruhe, Baden-Baden, Freiburg – kurz vor 17 Uhr sind wir im Storchen und Frau Helfesrieder beglückwünscht uns erstmal zum Upgrade unseres Zimmers. Upgrade bedeutet: etwa dreimal so groß wie die Zimmer, die wir bisher hatten. Plus riesige Terrasse mit Blick über die Felder.


Auf getrennten Wegen

Vor dem Essen gönnen wir uns noch eine veritable Meinungsverschiedenheit, die individuell in getrennter läuferischer Frustbewältigung verabeitet wird.


Fundstück entlang des Weges

Kurz nach sieben sitzen wir grummelnd am Tisch und essen in der Folge so gut wie lange nicht mehr.

Der junge Mann im Service ist super, hat auf jede blöde Frage eine mindestens ebenso blöde Antwort und macht sich und uns einen schönen Abend. Dazu trägt vor allem die Küche ihren Teil bei, und von Heinemanns Weißburgundersekt hätten wir auch zwei Flaschen trinken können.


Abendessen wie lange nicht

Gegen elf ist der Tag dann vorbei. Bis morgen ...

Mittwoch, 26. Juni 2024

Die Weinfest-Reise, 8. Tag: Das Alter fährt mit

Weikersheimer Idylle am Vormittag


24. Juni 2024


Vom schlechtesten Frühstück dieser Reise gehen wir zur Rezeption, um das Finanzielle zu regeln, und von dort zum Aufzug. Das mit dem Aufzug ist an sich schon hoch kompliziert, denn der Hotelkomplex ist über die Jahre wie ein Geschwür gewachsen. Deshalb müssen wir von der Rezeption ins 1. OG fahren, dort über zwei Gänge zum nächsten Aufzug gehen, mit diesem ins 3. OG fahren und dann wieder über Gänge und Stufen hinunter zu einer Zwischenebene, in der unser Zimmer liegt.


Neben der Aufzugstür hängt eine Urkunde von TourCert. Sie gilt für die Jahre 2023–2025 und bestätigt, dass unser Hotel ein Destinationszertifizierungsprogramm durchlaufen hat. Ich lese flüchtig: Denazifizierungsprogramm.


Um Viertel nach zehn fahren wir endlich los. Unser Streckenmeister Garmin hat andere Wege im Sinn als die Beschilderung auf der Straße. Deshalb fahren wir erstmal heftig bergauf, statt bergab und verzetteln uns zwei, drei Mal auf der Suche nach dem weiteren Weg.


Irgendwann kommen wir trotzdem durch Weikersheim. Von da ist es nicht mehr weit zum Beginn des Gaubahn-Radwegs, auf dem wir kilometerweit bergab nach Ochsenfurt rasen werden.


So sieht's aus im Land des Tauberhasen


Zwischen Röttingen und Bieberehren klappt es noch nicht so recht mit dem Bergabfahren, aber hinter Aub geht es los. Leider wechseln sich die angenehmen mit weniger angenehmen Strecken ab, außerdem wird es beständig heißer.


Im letzten August sind wir den gleichen Weg gefahren, hatten keinerlei Erwartung und waren begeistert. Diesmal waren wir auf stramm bergab eingestellt und sind ziemlich enttäuscht.


Die Lok auf dem Abstellgleis, wir warten weiter auf die endlose Abfahrt


In Ochsenfurt machen wir Mittagspause, schauen den Einheimischen beim Prüfen des Offenen Bücherschranks zu und gönnen uns zum Abschluss der Mahlzeit noch einen Kaffee und einen Granatsplitter vom Bäcker an der Ecke.


Mittags in Ochsenfurt


Den weiteren Weg nach Kitzingen kennen wir aus dem Eff-eff, nach etwas mehr als 60 Kilometern haben wir unseren Akku zur Hälfte geleert (so weit die Sache mit der endlosen Abfahrt), für die nächsten 25 Kilometer schalten wir etwas mehr Strom zu.


Wir fahren so, wie wir am letzten Montag begonnen hatten: auf dem Main-Radweg nach Schwarzach und von dort nach Hause.


Das sah vor einer Woche noch wesentlich trister aus


Das Publikum unterwegs ist schwierig. Kleine Gruppen, die nebeneinander fahren und darauf auch in Kurven nicht verzichten möchten. Einzelne, die andere überholen und uns dabei auf unserer Spur entgegenkommen. Ein Motorroller, der die gesperrte Straße nicht nutzen kann und deshalb mit hohem Tempo über den an dieser Stelle besonders schmalen Radweg brettert. Ein (Ehe?)Paar, das exakt im Scheitelpunkt einer Kurve und damit hinter einer Hecke anhält – sie wechselt das Trikot, er steht neben ihr auf unserer Seite – hätte ich nicht zufällig etwas Gelbes gesehen, wäre ich in ihn hineingefahren.


Darauf angesprochen, reagieren sie alle gleich. Sie haben alles richtig gemacht, wir sollten nicht so schnell fahren, wir sind doof. Manchmal gibt's auch noch ein paar Unflätigkeiten dazu. Die Verbreitung des Pedelecs bringt leider viele Leute aufs Rad, die besser Taxi fahren oder laufen sollten.


Gegen halb vier sind wir zu Hause und ziemlich platt. Die Runde hat uns stärker gefordert als wir dachten. Der Akku hat für die letzten Kilometer nicht mehr den nötigen Strom geliefert. Also erstmal duschen, dann Pause. Um halb acht sind wir mit unserer Haus-Aufpasserin auf dem Weinfest verabredet.


Hereinspaziert!


Der Abend wird noch recht nett, wir sehen und treffen viele Bekannte, der Wein von Kohles ist OK, das Essen vom örtlichen Metzger ist eher Weinfest-Niveau.


Um halb zehn treten wir den Heimweg an. Mo geht sofort ins Bett, ich schaue mir noch die zweite Halbzeit CRO : ITA an. Dem Spiel fehlt lange ein Tor, nachdem es gefallen ist, fällt den Italienern ein, dass sie zum Fußballspielen auf dem Platz waren.


Bekannter Weg neu erlebt

Sonntag, 23. Juni 2024

Die Weinfest-Reise, 7. Tag: „Das war der schönste Tag bisher!“

Anfangs macht die Jagst noch einen zahmen Eindruck


23. Juni 2024


Das schwule Pärchen mit dem kleinen Mädchen sitzt ganz hinten rechts und mischt vorsichtig das Frühstück auf. Anfangs lässt sie sich von Papa oder seinem Freund noch zum Buffet tragen und provoziert damit sehr schöne Bilder, z.B. wie ein Mann auf dem linken Arm ein kleines Kind trägt, mit der Hand das Brot hält und sich mit dem Messer in der rechten eine Scheibe davon abschneidet. Später steht sie auf eigenen Beinen und lässt die Herren abwechselnd hinter sich herlaufen.


Nachdem ich blöd wegen der Mitnahme zweier belegter Brötchen gefragt habe, serviert uns die Dame zwischen Rezeption und Frühstück einen Apfel, später schlägt sie ein Luchpaket von 4,50 Euro auf die Rechnung.


Immerhin habe ich endlich meinen wasserdichten Beutel für den Transport der Regensachen und meines Netzteils wiedergefunden, den ich gestern Abend schmerzlich vermisst hatte.


Dich, mein stilles Tal, grüß' ich tausendmal


Um halb elf kommen wir endlich auf die Straße, fahren zuerst nordwärts aus der Stadt hinaus und biegen irgendwann nach Osten auf unsere Tagesstrecke ab.


Wir haben heute etwa 600 Höhenmeter vor uns, den Hauptteil davon am Ende des Weges, deshalb werden wir überwiegend stromfrei fahren. Den Kocher-Jagst-Radweg haben wir 2013 schon mal bewältigt, wir erkennen ihn aber nicht wieder.


Das Wetter ist gut, die Sonne scheint gerne mal, wird aber nicht lästig. Der Weg ist ebenfalls gut, vor allem ist die Umgebung sehenswert. Möckmühl erkennen wir nicht wieder, Berlichingen lädt zur Bio-Pause, und kurz hinter Bieringen finden wir eine Bank zur Mittagspause.


„Er aber, sag's ihm, er kann mich im Arsche lecken.“


Weiter geht es durch kurze Waldstücke und in Schlangenlinien durch Felder und Wiesen. Langsam kommt die Steigung des Tages näher, wir haben aber keine Ahnung, was uns wirklich erwartet.


In Dörzbach fahren wir zum letzten Mal vom Weg ab – das Café des örtlichen Edeka hat geöffnet, da wird doch noch ein Stück Kuchen für uns drin sein, vero? Vor Ort erfahren wir, dass uns dieser Gedanke mit vielen anderen verbindet. Der Laden brummt vor unterzuckerten und unterkoffeinierten Radfahrern.


Sie sehen alle nicht so aus, als hätten sie bereits hohe Distanzen absolviert, trotzdem zweifeln sie hörbar daran, dass ihr Akku den Rückweg noch schaffen wird. Aber man ist vorbereitet: Etwa jede/r Zweite geht mit seinem Akku (mit Griff) und einem Anschlusskabel (oder heißt es Kabelanschluss?) ins Café und ohne wieder raus.


Da wird drinnen wohl auch Strom serviert.


Schöne Lage im schönen Tal, das muss Schöntal sein

Für uns geht es erstmal entspannt weiter, scheint wohl doch nicht so wild zu sein mit dem Anstieg des Tages.

Wenig später kommt ein kurzer Anstieg, dann geht es hinter einem Rennradfahrer geradeaus. Der Kollege ist irgendwie unzufrieden, er kommt nicht recht weg und schaut sich öfter nach uns um. Hinter Rengershausen ist es dann so weit, es geht spürbar bergauf, der Garmin zeigt zwei Kilometer Anstieg an.

Wir drücken aufs Knöpfchen, der Rennradfahrer hat das Nachsehen, aber strampeln müssen wir auch ganz ordentlich auf dem Weg nach oben. Am Ende werden wir mit rund zwei Kilometern Abfahrt nach Stuppach belohnt. Selber treten kommt dabei nicht in Frage, die Strecke ist völlig leer und sehr gut einsehbar, da rollen wir ohne eigenen Beitrag mit fast 60 km/h ins Willinger Tal.


Die Belohnung für zwei Kilometer Anstieg hinter Dörzbach


Durch Bad Mergentheim geht es schnell, was wir sehen, muss man nicht gesehen haben. Es bleiben noch sechs Kilometer bis zu unserem Hotel. Der Radweg führt wirklich direkt vor die Tür.


Das Haus ist auf Radfahrer beeindruckend vorbereitet: großer Fahrradschuppen, 18 Strom-fächer, in denen E-Bike-Akkus geladen werden können. Wir nutzen eines dieser Fächer für unsere Zwecke, klappt auch prima.


Heilige Mutter Gottes, hilf!


Das Haus selbst ist ein Labyrinth von Aufzügen, Gängen, Stufen und Stilen. Ich fahre ein Stück mit einem holländischen Paar, das 12 Tage hier bleiben will, der Gedanke schreckt mich.


Nach Dusche und Pause sitzen wir auf der Terrasse zum Essen. Der Kellner gibt sich Mühe, bringt aber statt des spritzigen Wassers doch die Medium-Variante. Der Silvaner ist absolut nichtssagend, der Acolon zum Jägerpfännle ungenießbar.


Die Küche arbeitet konsequent am Offenbarungseid. Mein Spargelsalat ist eigentlich eine gute Idee: weißer und grüner Spargel mit Erdbeeren in Olivenöl mariniert. Leider hat der Koch Angst vor der eigenen Courage und „ergänzt“ diese Bestandteile durch je vier Tomaten- und Eierspalten. Ohne die wär's wahrscheinlich kein Salat.


Nach dem Jägerpfännle frage ich den Kellner, warum der Koch drei Stücke kurzgebratenen Fleisches nach dem Braten in einer nicht selbst gewonnenen Bratensoße ertränkt. Er lächelt milde, wir suchen Beistand bei der Jungfrau am Ende der Terrasse.


Auf dem Zimmer sehen wir SUI : GER. Da hätte auch manch einer göttlichen Beistand gut gebrauchen können.


Einmal quer durchs Hohenloher Land


Die Weinfest-Reise, 6. Tag: You look great today!

Mehr Regen als man sieht

22. Juni 2024


Beim Frühstück trifft sich die Welt. Im langen Schwarzen mit Schlitz, im Fußballtrikot, im Fahrradtrikot, im (zu) knappen Höschen, im (zu) engen T-Shirt.


Ich stehe am Kaffeeautomaten, und bevor ich loslegen kann, schreibt mir der Automat eine Botschaft: „You look great today!“ Das ist zwar schmeichelhaft, aber zur Sicherheit schaue ich mich erstmal um, ob nicht der Mensch hinter mir gemeint ist.


Da steht aber niemand, also müssen die Worte mir gelten. Ich schaue an mir hinunter, sehe wie das Trikot um Bauch und Hüften spannt und denke mir: „Recht hat sie, diese intelligente Maschine.“ Mit dem Kaffee gehe etwas aufrechter als sonst zu unserem Tisch.


Den zweiten Kaffee hole ich mir an der anderen Maschine. Und tatsächlich: Bevor ich drücken kann, die gleiche Botschaft. Und wieder niemand anderes in der Nähe. Das kann kein Versehen, dass muss die Wahrheit sein.


Nach dem Frühstück packen wir, fahren ins 1. UG, befreien die Räder und fahren nochmal zurück zum Haupteingang. Drinnen gebe ich unsere Keycards zurück, draußen fängt der Regen an, wir machen uns auf.


In der Fußgängerzone kommen wir kaum durch, die Gattin mosert, ich grummle zurück. Ein Mann fortgeschrittenen Alters übernimmt die Mediation – nur wenige Meter nördlich läuft parallel die Fahrradstraße. Damit sind alle zufrieden, wir kommen gut zum Neckar und werden gleich ins Auf und Ab der Wohnstraßen verbannt.


Über Neckargemünd und Wiesenbach geht es weiter durch den Regen. Mal bleiben wir stehen, um etwas gegen den Regen anzuziehen, dann wird es innen zu feucht, und wir halten an, um es wieder auszuziehen. Hinter Hoffenheim (ja, da gibt's tatsächlich ein Dietmar-Hopp-Stadion) wird der Regen so stark, dass wir alles anziehen, was wir haben. Und bis zum Tagesziel nichts mehr ausziehen.


Wir fahren nördlich des Technik-Museums in Sinsheim vorbei, sehen das Stadion der Hoffenheimer nicht und erreichen gegen 14 Uhr die Stadtverwaltung von Grombach, wo wir die morgens geschmierten Brötchen essen.


Die Innenstadt von Bad Wimpfen rüttelt uns ganz schön durch


Der Regen hört nicht auf, die Stimmung trübt sich immer mehr ein. Und dann kommt auch noch der zweite nennenswerte Anstieg des Tages. Die Herzfrequenz wird heute dank neuer Batterie (im Sender, nicht im Herzen) ordnungsgemäß übertragen, bei Bad Rappenau stellen dafür die Leistungsmesser in den Pedalen die Arbeit ein.


Irgendwas is' immer.


Feiner wohnen


Gegen 16 Uhr erreichen wir unser Hotel in Bad Friedrichshall. Die Räder und die Taschen sind so verdreckt, dass wir sie hinter dem Haus erst einmal abspritzen. Gegen halb fünf sind wir in unserem großen Zimmer.


Schöner schlafen


Das Restaurant im Hause hat heute leider nicht geöffnet, das Angebot in der Stadt ist auf den ersten Blick wenig einladend. Aber irgendwas muss der Mensch ja essen, also gehen wir nach sieben mal über die Brücke und schauen, was wir finden können.


Negroni classico und sbagliato


Kurz hinter der Brücke wartet auf der rechten Seite „Laguna“ auf uns. Das ist ein Eiscafé mit Restaurant und nur mäßig befüllt. Wir dürfen uns den Zweiertisch aussuchen und bekommen in der Folge reichlich aufgetischt: Bruschetta, Bolognese, Carbonara und einen Salat. Danach noch einen Schokobecher, ein arosiertes Zitronensorbet und zwei Caffè.


Der Kellner spricht mit sichtbarem Vergnügen deutsch mit uns.


Einen Tisch weiter sitzt eine Gruppe von sechs jungen Leuten mit sehr viel Migrationshintergrund. Ich schaue ihnen eine Weile zu und verabschiede mich mit der Erkenntnis, dass mir mit solchen Menschen um Deutschland nicht mehr bange ist.


Das lässt sie etwas irritiert zurück.


Kurz vor zehn sind wir zurück, nehmen Emil und Erich vom Netz und schauen noch die zweite Hälfte von BEL : ROM. Die Herren machen das sehr gut, wir können uns kaum auf Duolingo konzentrieren.


Im schönsten Regen am Neckar lang