Seiten

Montag, 2. Juni 2025

Frühling 2025 – 1. Juni: Bocca del'Oro / Porto-Vecchio

Oink!


Auch heute brechen wir, wie immer, gegen elf auf. Vorher haben wir das Übliche an Frühstück, packen unser Hab und Gut wieder schön ein und dann geht es um elf auf die D27.


Schon nach ein paar Metern der erste Stopp: Abschied von den kleinen und großen Schweinen am Straßenrand. Links im großen Gatter sind die kleinen Schweine, etwa 15–20 in verschiedenen Alterstufen, die rumquieken, wild durch die Gegend rennen, übereinander (her)fallen und die alten Muttersäue als Milchbar oder Getränkeautomat benutzen.


Auf der rechten Seite sehen wir sechs ältere Exemplare beiderlei Geschlechts und – wie der Nachwuchs links – in unterschiedlichen Farben. Anders als die Jungen, tendieren die Alten eher zum Rumliegen. Das geht so weit, dass die ganze Truppe vor unseren Augen einen echten Sauhaufen bildet.


Wir folgen der D27 bis Cauro, wo wir links auf die viel besser ausgebaute T40 abbiegen und durch einige sehr schöne Städte kommen. In einer von ihnen, Petreto-Bicchisano, gönnen wir uns um halb eins auf der Terrasse der Bar de la Post zwei Café und hören der etwa zehnköpfigen Biker-Gruppe beim Italienischsprechen zu.


Kleine Pause in feinem Ambiente


Es ist wirklich atemberaubend schön rundrum.


Auf der Straße vor uns kommen Motorradfahrer mit ziemlich wenig Gepäck vorbei. Das heißt: Die Herren und Damen haben wahrscheinlich noch weniger zum Wechseln dabei als wir und wechseln die Wäsche noch seltener als ich.


Auf dem Weg zurück zum Auto hören wir, dass der Kollege mit der Motorsense sich trotz Mittagszeit und Sonntag immer noch durch seinen Garten arbeitet. Wahrscheinlich hat er die Woche über einfach keine Zeit.


Irgendwo hinter Olmeto taucht plötzlich wieder das Meer in Reichweite auf. In Propriano liegt eine große Fähre der Corsica Linea, sie fährt über Nacht nach Marseille. Es folgen weitere schöne Ausblicke aufs Meer und ein, zwei kurze Stopps. Irgendwann überholen uns die Biker aus Italien.


Die Landschaft wird felsiger und küstiger

Das bisherige Highlight dieser Reise liefern wir dann in Sartène. Laut Display und Ansage des Navis biegt die T40 mitten im Ort plötzlich zweimal scharf nach rechts in Richtung Bonifacio ab.

Aber da steht kein Schild „Gattin, bitte hier rechts hoch“, deswegen ist die Gattin anderer Meinung, und es erfordert mitten im Verkehrsgetümmel eine Menge an Überredung, um sie die etwa 16 Prozent steile Piste hinauf zu bewegen.

Gottseidank fährt sie weiter, denn oben stehen dann wieder die grünen Schilder, und alles ist in Ordnung.


Karge Küste, ...


... vom Wind in Form gebracht

Deutlich später als erwartet erreichen wir Bonifacio und folgen den Schildern zum Fährhafen. Dort wollen wir abklären, ob es eventuell Chancen gibt, unser Ticket für den 7. Juni auf einen früheren Tag zu tauschen, oder ob wir uns wenigstens auf eine Warteliste setzen lassen können.

Die Stadt wirkt beeindruckend. Als Festung ausgebaut thront sie hoch über dem Meer, man weiß gar nicht, wie man noch auf die enge Straße schauen soll, die steil hinab zum Anleger führt. Unten angekommen, stehen wir erstmal der Müllabfuhr im Weg. „C'est dangereux!“, brüllt der Fahrer, und wo er recht hat, hat er recht.


Im Hafen von Bonifacio

Die Gattin stellt sich also woanders hin, ich gehe inzwischen in das Fährbüro und finde alle Schalter geschlossen. Die nächste Abfahrt ist um fünf, da müssten wir locker eine Stunde warten. 
Das machen wir natürlich nicht, sondern fahren erstmal weiter zu unserem Hotel.


Der Weg dorthin führt zunächst innerots bergauf, und wir sehen Familien mit Kindern und Fahrrädern. Die einen fahren den Nachwuchs auf Kindersitz oder im Anhänger, die anderen lassen ihn selbst fahren. Das erscheint uns bei einem Jungen von unter fünf Jahren, einem Fahrrad von maximal Bürgersteig-Qualität und einem Gefälle von weit über sechs Prozent ziemlich ambitioniert.v


Wenn er diesen Urlaub überlebt, kann der Bub überall fahren.


Wir nehmen am Ortsende die eine kilometerlange, gerade Straße mit ein paar Kreisverkehren zwecks Reduktion der Geschwindigkeit. Unterwegs sehen wir wieder Radfahrer, diesmal Tourenfahrer, die in der Hitze, gegen den Wind versuchen, nach Bonifacio zu kommen. Wir möchten nicht auf ihrem Sattel sitzen.


Unser Hotel liegt südlich von Porto-Vecchio und vor allem ganz weit weg von Porto-Vecchio. Dafür macht es schwer auf dicke Hose. Uns haben sie damit gekriegt, jetzt sind wir schwer enttäuscht. Der Parkplatz ist leer, das wäre ja noch in Ordnung. Die junge Frau an der Rezeption macht den Job noch nicht sooo lange, der Weg zu unserer Bleibe führt über steile Stufen und Kunstrasen nach oben.


Große Inszenierung, kleine Besetzung

Das Zimmer ist OK, aber den Preis nicht wert. Das Schwimmbad ganz nett, aber dto. Das Internet ist fünf Minuen lang da, dann nicht mehr. Es gibt kein Restaurant. Der Safe funktioniert nicht. Keine Haken fürs Handtuch im Bad. Die Türen quietschen. Die Rezeption ist nach 20 Uhr nicht mehr besetzt.

Auf dem Weg zum Essen (in Porto-Vecchio) lassen wir die Rezeption an unserem Missfallen teilhaben, sie will alles aufschreiben. Dann geht sie nach Hause.


Wir fahren zum Essen in die Stadt – eine üble Touristenfalle. Die Fahrt entlang all der Läden und Lokale ist schon kein Vergnügen, wenn dann aber zwei Stunden Parkplatz auch noch 5,60 kosten sollen, dann schwillt mir der Kamm, dann schwillen uns die Kämme.

Google zeigt uns viele Restaurants, an einem fahren wir vorbei – es hat private Parkplätze, wir drehen um. Auf den ersten Blick wirkt es nicht besonders einladend, dafür bietet es Blick aufs Meer, und wir sparen die Parkuhr!

Urlaubslandschaft am Ostende Korsikas

Also setzen wir uns raus, trinken erstmal zwei Mattei Spritz und schauen uns die schrecklichen Leute an, mit denen wir die gleiche Luft atmen müssen.

Bedenkliches Weltbild am Ostende Korsikas

Dann bestellen wir einen Teller Charcuteries corses als Vorspeise und einmal Steak de thon mi-cuit, einmal Loup entier cuit au four als Hauptgang. Dazu ein Fläschen weißen Île-de-beauté und am Ende wird es doch noch ein ganz schöner Abend.

Morgen früh geht's zu Decathlon, die Bremsen prüfen bzw. reparieren lassen.

Sonntag, 1. Juni 2025

Frühling 2025 – 31. Mai: Bastelica

In 800 Metern Höhe eine kleine Blume, die nicht weiß, ob ihrer Blüte gelb oder rot besser steht

Das Frühstück ist auch heute wieder schwierig, aber was sollen wir machen? Wir nehmen es hin. Unsere Böblinger reisen heute ab, vorher spiegeln sie sich nochmal sehr interessant in der langen Glasfront des Erdgeschosses.

Mit eigener und fremder Energie durch die weiten Ginsterteppiche

Wir fahren nach besagtem Frühstück nochmal hinauf zur Skistation Val d'Ese, für die am Mittwoch die Zeit nicht mehr gereicht hat. Diesmal wollen wir oben ankommen. Die Baumgrenze erreichen wir bei knapp 820 Höhenmetern, da sind wir schon etwa eine Stunde in der ungefilterten Sonne hochgefahren bzw. vom hart arbeitenden Motor mit 250 Watt zusätzlicher Trittleistung hochgeschoben worden.

Monte e mare

Die Gattin macht ständig Fotos, das bedeutet jedes Mal: kurz stehenbleiben. Bei einer dieser Gelegenheiten hält der örtliche Forst- oder Bergmann, fragt ob alles in Ordnung ist und gibt uns auf die nächsten knapp zehn Kilometer ein fröhliches Auf Wiedersehen! mit.

Der Parkplatz oben ist riesig, mit aktuell etwa 30 Autos ist er allerdings völlig unterbesetzt. Hier gehen die Leute im Sommer wandern, wahrscheinlich passen 200 bis 300 Autos auf die große Fläche, und im Winter dürfte hier eine ganze Menge los sein.

Kleine Besetzung, auf Großes vorbereitet

Nach ein paar Minuten fahren wir wieder runter, beim Hochfahren taten die Beine weh, jetzt brennen die Hände vom Bremsen. Rennradfahrer haben wir hier bisher kaum gesehen, wir können uns denken, warum nicht.

In jeder Richtung das Höchste

Zurück in Bastelica fahren wir zum Hotel, gehen kurz aufs Klo und füllen die Flaschen auf. Die Batterie sagt, dass sie noch 40 Kilometer durchhalten wird, wir werden übermütig und fahren weiter in Richtung Col de Scalella.

Der Straßenbelag wird schlechter, überall kleinere und größere Löcher. Die Farben des Asphalts sprechen dafür, dass hier schon viel ausgebessert wurde – zumindest oberflächlich. Im Vorüberfahren sehen wir Pferde hinter niedrigen Zäunen und eine fünfköpfige Schweinefamilie, die keine Lust auf Streicheleinheiten hat, sondern sich lieber ins Unterholz verdrückt.

Deutlich vor Erreichen des Col weiß ich nicht mehr recht, warum ich mich mit bereits mehr als 1.100 Höhenmetern noch weiter quälen soll. Ich fahre links raus und warte auf die Gattin, sie hat ähnliche Gedanken. Wir beschließen, den Rückweg anzutreten.

Wer macht wem die Straße frei?

Im Hotel duschen wir, waschen ein paar Sachen raus und essen die Reste des Käses mit einigen verbliebenen Mini-Brioches und den restlichen Scheiben FinnCrisp.

Danach legen wir uns kurz hin.

Knapp zwei Stunden später weckt uns das Telefon. Die Anstrengung war wohl doch größer gewesen, als wir es wahrhaben oder zugeben wollten.

Nach ein bisschen Duolingo auf der Terrasse wird es Zeit fürs Abendessen. Die Gattin hat bei U Floralisu reserviert, wo wir heute mit der kleinen Karte vorlieb nehmen müssen.

Dem ist nichts hinzuzufügen

Lokal und Beherbergung sind nicht allzu weit von unserer Bleibe entfernt, zu Fuß eine knappe Viertelstunde. Den Apéritif nehmen wir auf der großen, schönen Terrasse. Alles ist sehr liebevoll gemacht, der Ausblick großartig.

Bedient werden wir zuerst von einem jungen Mann, der gerne Deutsch sprechen möchte. Er ist Sohn einer deutschen Mutter und eines korsischen Vaters und derzeit auf der Insel, um etwas Geld zu verdienen.

Kurze Zeit später kommt eine junge Frau und wünscht uns einen schönen Abend. Sie ist die Gastgeberin, Köchin und wohl auch die Seele des Betriebs. Das kulinarische Angebot ist infolge Vorsaison noch reduziert: Beignets de courgettes, Tarte au poireau und Sauté de veau aux olives.

Die Beignets sind etwas zu lange gebraten, die Tarte schmeckt super und das Kalb ist ein Gedicht. Wir haben den direkten Vergleich zu Chez Paul, wo es auch gut war, aber doch eher Hausmannskost. Madame kocht auf wesentlich höherem Niveau, empfiehlt uns zwei gut korrespondierende Weine und serviert zum Dessert eine Mousse au chocolat mit Olivenöl und Meersalz.

Die Mousse macht sie ohne Ei, dafür mit einer Crème végétale, so dass sie nicht erst im Kühlschrank fest werden muss. Beim Bezahlen entdecken wir ein großes, gut gefülltes Regal mit unterschiedlichen Marmeladen. Wir einigen uns schnell darauf, dass es langweilig ist, die immer gleichen Erdbeer-, Himbeer- oder Pfirsich-Versionen einzukochen.

Was den Leuten alles einfällt

Sie empfiehlt Birne mit schwarzem Tee oder Rosmarin. Alternativ Erdbeere oder Himbeeren mit Pfeffer. Mal sehen, was davon sich bei uns realisieren lässt.

Erst rechts hoch und runter, dann links

Freitag, 30. Mai 2025

Frühling 2025 – 30. Mai: Bastelica / Ajaccio

Le but de la religion est d'empêcher les pauvres de tuer les riches

Das Frühstück ist heute noch schlechter als gestern: gerade mal drei oder vier Stücke Baguette, ebensoviele Stücke Wurst und Schinken, wenig Käse. Trotzdem sind alle Gäste noch bzw. wieder da plus zwei bis vier weitere Gäste.

Gerade, was Wurst und Käse angeht, ist das Angebot eine echte Katastrophe. Alles zu dick geschnitten, alles sehr fettig und weitgehend geschmacksfrei, und das hier, wo es in Laufweite wirklich sehr gute Qualität gibt.

Besser, weil nicht falsch aufgebacken, ist nur das Baguette. Und weil Monsieur den beiden gestern angekommenen Damen den Hof macht, fällt auch für uns noch ein frisch aufgebrühter Kaffee ab. Quel bonheur!

Nach dem Frühstück ist vor der Fähre. Mit dem gestern gewonnenen Wissen um die Probleme mit der Überfahrt nach Sardinien suche ich im Netz alles, was nach Fähre aussieht. Einerseits gibt es viele Ticketanbieter, andererseits gibt es nur noch ein einziges Unternehmen: Ichnusa Lines.

Das Suchen über die Agenten kostet unnötig Zeit und Nerven, weil überall Daten eingegeben und Termine geprüft werden müssen, deshalb versuche ich es nach zwei ergebnislosen Anläufen direkt bei Ichnusa. Auch das gestaltet sich zunächst schwierig, weil ständig irgendein Datum nicht passt und das jeweils buchbare Angebot sich immer wieder ändert. Aber am Ende haben wir ein Ticket für die Überfahrt am 7. Juni 2025.

Das ist zwei Tage später als gedacht. Hoffentlich ist das Hotel gut, in das wir am Sonntag umziehen. Hoffentlich hat es zwei Tage länger Platz für uns.

N'interrompez jamais votre ennemi lorsqu'il fait une erreur


Nach diesem Erfolg geht's nach Ajaccio, der Hauptstadt aller Korsen. Die Entfernung beträgt knapp 40 Kilometer, Google veranschlagt dafür etwas mehr als eine Dreiviertelstunde. Auf der D27 geht es in unzähligen Windungen und Wendungen nach Südwesten, bei Cauro wechseln wir auf die breitere, geradere und besser asphaltierte T40.

Unterwegs rufe ich unsere Werkstatt wegen der Kratzer an, die ich bei der Entfernung von Taubenschiss auf der Windschutzscheibe hinterlassen habe. Die Verbindung ist schlecht, die Nachrichten ebenfalls: lässt sich nicht korrigieren.

In Ajaccio angekommen, finden wir einen schattigen Parkplatz direkt an der Hafenpromenade. Ein bisschen eng vielleicht, aber kostenfrei und schattig. Von dort laufen wir in Richtung Altstadt und nehmen unterwegs kurz einen Café noisette / Cabinet.

L'avenir d'un enfant est l'oeuvre de sa mère

Vorbei an unzähligen Tinnef-Läden und zweifelhaften Nahrungsangeboten erreichen wir das Maison Bonaparte in einem Gässchen, das wir tatsächlich kostenlos passieren dürfen. Da sind die Prager mit ihrem Kafka schon lange viel weiter.

Si vous voulez qu'une chose soit bien faite, faites-la vous-même

Am Ende unserer Strecke besuchen wir die 
Cathédrale Notre-Dame-de-l’Assomption, in der heute die Orgel den Raum flutet und in der Napoleon Bonaparte seine letzte Ruhe fand: „Si l’on proscrit mon cadavre, comme on a proscrit ma personne, que l’on me refuse un peu de terre, je souhaite que l’on m’inhume auprès de mes ancêtres dans la cathédrale d’Ajaccio, en Corse“ verfügte der Korse am 29. April 1821 im Exil auf St. Helena.

Der großen Worte sind nun genug niedergelegt, wir gehen zurück durch eine eigentlich ganz schöne Stadt, die inzwischen aber einen eher runtergekommen Eindruck macht und an vielen Stellen ziemlich streng riecht.


Une société sans religion est comme un vaisseau sans boussole

Auf dem Rückweg fällt uns erneut auf, was uns in den letzten Tagen immer wieder aufgefallen war: die hohe Porsche-Dichte auf Korsika. Offensichtlich üben die kurvenreichen Straßen eine nahezu magische Anziehungskraft auf Menschen aus, die a) einen Porsche besitzen und b) nicht recht wissen, wo außerhalb Korsikas sie mit diesem entlang schöner Bergstrecken fahren können.

Zurück im Hotel frönen wir einem frugalen Mittagessen und einer Stunde der Ruhe. Nach der schwierigen Kommunikation auf dem Weg nach Ajaccio ruft nochmal die Werkstatt an und bestätigt, dass die Kratzer wohl irreparabel sind.

Chaque heure de temps perdu est une chance de malheur futur

Den späteren Nachmittag verbringen wir schreibend, Fotos sortierend, Raupen vertreibend und mit dem Patron parlierend im Garten.

Um 19.15 Uhr machen wir uns im Auto auf den Weg zu „Chez Paul“, wo wir bereits erwartet werden und einen wirklich schönen Abend verbringen.

Die Tochter des Hauses hat uns den besten Aussichtsplatz auf der Terrasse reserviert, zum Apéritif nehmen wir einen Vin de myrthe und einen Vin de clémentine. Jede/r von uns hat die richtige Wahl getroffen.

Zum Essen gibt's zwei Mal Charcutèrie Corse, danach Cannelloni au brocciu und Sauté de veau avec haricots à la mode corse. Dazu zwei Flaschen des sehr trinkbaren Hausweins und hinterher eine Creme brulèe und eine Creme de chataignes.

Korsika ist tatsächlich eine Reise wert.


P.S.: Anders als am ersten Abend in Bastelica sind die Cannelloni au brocciu diesmal wirklich wie Cannelloni gemacht, die Füllung ist also von Teig umschlossen, schmilzt nicht während des Überbackens und vermengt sich im Ofen auch nicht mit dem Tomatensugo. Das Ergebnis sieht besser aus als in den offenen Conchiglie und schmeckt auch besser.

Donnerstag, 29. Mai 2025

Frühling 2025 – 29. Mai: Bastelica

Les Gorges du Prunelli – beliebtes Ziel gut besetzter Busse

Auch im Hotel Artemisia gibt es Frühstück zu einem ambitionierten Preis. Verglichen mit den letzten Tagen in Erbalunga ist es jedoch ein schwerer Abstieg: Kaffee aus der Thermoskanne, nur kalte Milch, trockenes Baguette, trockener Kuchen, viel zu dick geschnittene Charcuterie. Eigentlich ist nur der O-Saft OK.

Monsieur versucht, das Elend mit einem Omelette zu kompensieren, wenigstens das ist nicht ganz schlecht.

Heult das Wasser, steht der Stein

Unser heutiges Ziel ist der Lac de Tolla, laut komoot sind es rund 600 Höhenmeter hin und zurück, das wird der Akku schaffen.

Die Straße ist jetzt so breit, dass sie in Deutschland nur noch als einspurig durchginge. Einige Passagen sind ganz frisch asphaltiert und sehr gut zu fahren. Auf dem Weg zum zum See machen wir an den Gorges du Prunelli halt. Einerseits, weil die Brücke einen beeindruckenden Blick ins tosende Wasser erlaubt, andererseits, weil vor uns ein Bus den Weg versperrt.

Ihn und seinesgleichen sehen wir unterwegs immer wieder, wie sie sich vor uns durch die schmale Straße und die engen Kurven hinauf zum Bergsee quälen, wie sie immer wieder ihre Fahrgäste zum Fotografieren und Staunen in die Landschaft entlassen und wie sie immer wieder den Verkehr aufhalten beziehungsweise von entgegenkommenden Fahrzeugen aufgehalten werden.

Während der Businhalt sich vor uns über die Straße und den Parkplatz ergießt, kommen von oben vier dieser braungebrannten 2.000-Höhenmeter-Jungs die Straße entlang und bahnen sich mit energischem Ton den Weg.

Rennradfahrer müsste man sein!


Egal, aus welchem Grund, hier bleibt einem die Luft weg


Tolla ist ein malerisches Dörfchen am und oberhalb des Sees. Wir fahren auf der D3 durch den Ort und weiter bis zum Belvedère de Mercujo. Von dort aus haben wir die Straße bis weit hinunter ins Tal im Blick und fragen uns, ob es wirklich sinnvoll ist, jetzt noch zwei- bis dreihundert Höhenmeter hinunter zu düsen, um sie gleich danach wieder hoch zu strampeln.


Die Antwort lautet: nein. Also drehen wir um.


See so weit das Auge reicht

Es geht als wieder durch Tolla, die Leute machen einen entspannten Eindruck, reden miteinander und kümmern sich nicht weiter um Knalltüten wie uns. Eine Motorradfahrerin, die ich neben ihrem Haus auf den See und dessen Temperatur anspreche, meint, dass Baden möglich sei, aber „c'est mieux en août!“

In einer Linkskurve kurz hinter dem Ortsausgang stehen viele Pkw mit laufendem Motor, sie kommen nicht weiter und warten darauf, dass der entgegenkommende Bus am ersten Pkw vorbeikommt. Gleich geht es weiter, kein Stress.

Straße mit gutem Belag und ebensolchem Blick

Den habe ich dann kurze Zeit später: In einer scharfen Rechtskurve kommt mir ein moderner James Dean im offenen Roadster entgegen. Auch er glaubt wohl, er wäre auf einer einspurigen Straße unterwegs, schaut deshalb verständnislos und kann gerade noch bremsen und das Steuer nach rechts reißen.

Damit schenkt er mir die kommenden Lebensjahre, da ich aber – zumindest gefühlt – auf seiner Spur gefahren bin, hupt er nochmal wütend, nachdem er uns passiert hat.

Schwarze, braune, große, kleine – alles Schweine

Wir fahren erleichtert weiter, die Gattin bewundert die Landschaft und ruft immer wieder „Nee“ oder „Nee, Leute“. Einige Kilometer vor Bastelica kommen wir an einem großen Schweinegehege zur Rechten vorbei. Die Tiere machen schöne Töne, sind interessiert und zutraulich. Sie riechen zwar ein bisschen nach Tier, aber nicht so wie die armen Schweine, die in deutschen Ställen in ihrer eigenen Scheiße liegen.

Das sieht auch der Schweizer so, der im offenen Autoskelett (was auch immer er da fahren mag) neben uns hält, Schweine streichelt und „Die stinken ja gar nicht“ konstatiert.

In Bastelica angekommen, fahren wir hinauf zu „Chez Paul“, wo wir für den Abend reservieren möchten. Leider Fehlanzeige, heute ist Ascencion und abends geschlossen. Pauls Tochter bucht uns für morgen Abend ein und empfiehlt für heute das „Scaldasole“. Donnerstags hat sonst keiner geöffnet.

Zurück im Hotel, essen wir vom sehr guten korsischen Pecorino und Schafskäse, danach schreibe ich, während Madame ruht.

Der Patron erzählt uns später, dass er die Fähre nach Sardinien an unserer Stelle bald buchen würde. Seinem Bruder und dessen Freunden sei gerade die Überfahrt verwehrt worden, weil die Kapazität der Fähre überschritten worden sei. Und das, obwohl sie schon vor vier Monaten gebucht hatten. Wir stellen später fest, dass es zum von uns angepeilten Termin keine Autostellplätze mehr auf den Fähren gibt.

Das Abendessen ist ein Glücksfall. Wir starten mit einer Planche de charcutèrie und verstehen erstmals, warum Menschen von den Würsten und Schinken der Korsen schwärmen. Dann gibt es Magret de Canard au miel und Tagliata de Boeuf, beides üppig portioniert und sehr gut zubereitet.

Da wir im Rausgehen etwas länger vor den dargebotenen Würsten und Schinken des Hauses verweilen, wittert die Chefin weitere Umsätze und unterbricht für uns ihr Essen. Auf unseren Hinweis, dass wir gerne würden, aber noch einen zu langen Transportweg vor uns haben, wechselt ihr Gefühl von Geschäftssinn zu Mitleid.

Wir kommen gut heim, machen noch ein bisschen Duolingo und gehen bald schlafen.

Tolla See, gefährliche Nebenstraße

Frühling 2025 – 28. Mai: Bastelica

Eine letzte Fahrt durch Bastia

Von den Kindern hören wir heute praktisch nichts. Dafür fährt einer unserer Porsche-Freunde gegen halb neun auf dem Parkplatz stehend schon mal alle Kurven und sonstigen Schönheiten der morgigen Rallye. Da kann sich die Strecke auf einiges gefasst machen.

Die Tische fürs Frühstück sind weitgehend besetzt, offensichtlich ist die Hütte voll. Zwischen den Buffets – Achtung, Wortspiel! – herrscht reger Verkehr, und die Damen im Service haben mit dem Abräumen der Tische wirklich alle Hände voll zu tun.

Gegen zehn fahren die Engländer los, und wir sind überrascht, mit wie wenig Lärm das verbunden ist. Das dürfte morgen mit den Porsches anders werden. Wir schaffen es, um kurz nach zehn los zu fahren. Laut Google werden wir etwa um 14 Uhr in Bastelica sein.

Anfangs verlieren wir etwas Zeit, weil vor Bastia recht starker Verkehr herrscht. Wir halten nach der Stadt bei Monoprix, wo wir all das nicht bekommen, was wir suchten. Dafür kann ich dabei helfen, einen blauen Clio in eine günstige Position zu schieben, aus der er leicht bergab rollen und tatsächlich auch starten kann.

Den nächsten Stopp machen wir bei Auchan, wo wir unseren Essig und andere korsiche Feinheiten finden. Langsam muss das Einkaufen aber ein Ende haben, unsere Ladeebene unter dem Kofferraum ist schon fast komplett gefüllt.

Von der östlichen Seite in den Parque naturel régional de Corse

Anschließend sieht es dann so aus, wie vor oder nach jeder etwas größeren französischen Stadt, es geht weiter durch Gewerbegebiete in Richtung Ajaccio. Nach ca fünf Kilometern lässt der Schrecken nach, bei Casamozza fahren wir raus in die Hügel, entlang des Golo. An dessen Ufer bzw. am Pont de Ponte-Nuovo sur le Golo besiegelten französische Truppen am 20. Juli 1928 endgültig die Annexion der Insel durch Frankreich.

Wir schlagen keine Schlachten, sondern weichen einem silbernen Clio, aus, der mitten auf der Straße liegengeblieben ist und nun eine Kurve blockiert. Irgendwie sinkt mein Vertrauen in Renault-Fahrzeuge heute nochmal deutlich.

Entlang der T20 sehen wir einige alte Eisenbahnbrücken, teilweise werden sie saniert. Madame fährt, was die Straßen zulassen, trotzdem entwickelt sich unser Zeitbudget negativ. Es wird immer grüner. Die höchsten Gipfel des Nationalparks strahlen schneebedeckt, das Thermometer zeigt 26 Grad, das Mobiltelefon ist mitten in der Wildnis im 5G-Netz.


Korsen lassen einfach gerne die Sau raus


Und auch sonst muss man sich wundern, was hier alles frei herumläuft


Bei Bocognano verlassen wir die Territoriale 20 zugunsten der Départementale 27. Wer bisher dachte, dass es enger und kurviger nicht gehen könnte, wird auf den folgenden 23 Kilometern eines Besseren belehrt.

Die Gattin fährt wie die Teufelin, kurz nach 16 Uhr erreichen wir unser Hotel. Der Patron empfängt uns auf dem Platz vor dem Eingang und macht uns gleich mit allen Eigenarten des Hauses vertraut.

Danach übernehmen wir unser Zimmer, ziehen uns um und bauen die Räder zusammen. Um kurz vor fünf fahren wir los, hinauf zur Ski-Station im Val d'Ese. Der Patron bittet allerdings darum, nicht die ganzen 16 Kilometer hinauf zu fahren, damit wir pünktlich zum Essen wieder da sind.


Schöne Aussichten in Bastelica

Also fahren wir ein Stück durch den Ort und dann auf schmaler, gewundener Straße die Berge hinauf. Links blüht der Ginster, rechts stürzt der Berg ins Tal (oder umgekehrt). Die wechselnden Aussichten haben alle eins gemeinsam: Sie rauben uns den Atem.

Nach knapp 40 Minuten und neun Kilometern ist leider Schluss, wir drehen um und donnern die gleiche Strecke in einer Viertelstunde zurück. Am Hotel angekommen, tun uns vom Bremsen die Hände weh. Mit Felgenbremsen hätte ich das nicht machen wollen.

Über allen Gipfeln ist Ruh' ...

... auch über diesen

Wir füttern unsere Pferdchen in einem kleinen Häuschen mit Steckdose, nach dem Duschen gibt es dann Essen unten im kleinen Bewirtungsbereich.

Zum Apéritif sitzen wir mit vier anderen Pärchen an Zweiertischen auf der Terrasse am Haus. Einer der Tischen ist ebenfalls deutsch besetzt, von einem Paar, das laut Nummerenschild aus Böblingen den Weg nach Korsika bewältigt hat.

Die beiden sind um die dreißig, er geht als eher schmächtiges Kerlchen durch, sie könnte als missmutige Nörglerin Karriere machen. Immer die Mundwinkel unten, immer diesen leicht klagenden, vorwurfsvollen Ton, den man oft von Frauen hört.

Was die Herrschaften wohl beruflich machen?

Sie rerdet pausenlos von Lehrern, von Schülern, von Studenten. Er sagt kaum was, er kommt ja nicht dazu. Wir tendieren also unabhängig voneinander zum Beruf des Lehrers. Es folgt der Blick in den deutschen Ferienkalender und unsere Theorie bricht zusammen. Lehrer werden aktuell und baW jeden Morgen in den Schulen erwartet, als Studenten gehen sie nicht so recht durch, bleibt eventuell ein Job in einem Bildungsministerium – ist ja auch egal.

Nach dem Apéritif tischt Monsieur eine nach seinen Worten korsische Spezialität auf: drei Conchiglie mit Schafskäse, Petersile und Minze gefüllt. Das Ganze nennt sich au brocciu und wird mit Tomatensugo gratiniert. Man fragt sich, warum es italienischer Pasta bedarf, um korsische Spezialitäten zu kochen, und warum man angemachten Käse mit Tomate überbacken sollte. Dann kommt ein kleines Schweinesteak mit Salzkartoffeln und sechs Stangenböhnchen (bio!), gefolgt von einer Pavlova mit Birnenstückchen.

Wir sind nicht übermäßig satt und fragen uns schon wieder etwas. Nämlich, warum dieses zweifelhafte Vergnügen 40 Euro pro Mund bzw. Magen gekostet hat. Zumindest der Wein war in Ordnung.

Zurück ins Dorf

Heute geht's ohne Eule ins Bett, wir schlafen gut, nur die Hüfte ist nicht ganz glücklich.

Schnell noch ein paar Meter hinauf zur Ski-Station