Seiten

Mittwoch, 17. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 17. Juni 2026 – 65 Kilometer durch die Kathedrale

Eine noble Herberge

Aufstehen um kurz nach sieben, Frühstück um kurz nach halb acht. Erster Schreck des Tages: Die Wäsche ist nicht so trocken geworden, wie wir das gewöhnt sind. Heute haben wir in vielen Kleidungsstücken noch eine deutliche Restfeuchte, da müssen wir sehen, wie wir die Sachen einpacken.

Die Musik macht dort weiter, wo Madame sie gestern Abend abgewürgt hat. Wie kommen noch nicht einmal fünfzigjährige Menschen darauf, ihren Gästen Streaming-Playlists der Fünfziger und Sechziger Jahre mit Schwerlast Rolling Stones und Credence Clearwater Revival zum Frühstück zuzumuten?

Egal, wir frühstücken mit den Kindern des Hauses. Sie sitzen zwei Tische weiter und sehen aus, als wären sie die Kinder aus erster Ehe der Chefin. Noch ein paar Anmerkungen zum Frühstück selbst. Der Café ist dünn, das Rührei aus der Packung, obwohl der angeheiratete Chef sagt, es wären Oeufs bruillés maison. Das Brot gibt es nur in vorgeschnittenen Stücken – drei Gäste kommen rein, die Chefin folgt kurz darauf mit sechs Abschnitten. Der Joghurt ist entrahmt, das Müsli kein Müsli. Insgesamt also nicht so, dass wir sagen, dieses war das beste Frühstück der Reise.

The race is on

Um 9.20 Uhr schalten wir auf Stufe 3 – die Räder fahren jetzt praktisch von allein – und machen uns auf den Weg an den Kanal. Wir fahren ein in eine Kathedrale der Bäume, deren Kronen den Weg wie ein nichtendenwollendes Kreuzgewölbe überspannen. Natürlich gibt es zwischendurch mal kurze Unterbrechungen, z.B. an Schleusen, Brücken, Straßenübergängen, aber der Gesamteindruck festigt sich auf rund 65 Kilometern.

Irgendwo verdirbt uns ein holländisches Pärchen den Schnitt. Die beiden sind um die 50, haben Top-Figuren und fahren 
sehr eingespielt. Für mein Gefühl hängt sie zu eng auf ihm drauf. Das spricht für ihr Vertrauen in ihn und in ihre eigene Fähigkeit, das Rad bei Bedarf sehr schnell zum Stillstand zu bringen. Ich könnte das so nicht. Zumal sie mit Blick auf den Zustand des Weges, auf dem sie da fuhren, eigentlich zu schnell unterwegs waren.

Beste Wohnlage am Kanal

Nach Zuckerpause und Biopause steht die Mittagspause an. Die machen wir um 12.20 Uhr nach knapp 60 Kilometern an der Halte nautique hinter Meilhan-sur Garonne. Tische und Stühle stehen reichlich bereit, leider hat das kleine Lädchen geschlossen. Wir setzen uns hin und essen das, was wir noch haben: zwei hart gekochte Eier, ein kleines belegtes Baguette, ein Stück Comté und ein paar Nüsschen.

Während wir sitzen, kommt ein Radfahrer vorbei, den wir gestern schon gesehen haben und der uns auffiel, weil er mal schob und mal fuhr. Und weil er die Sachen auf seinem Anhänger mit einer Folie bedeckt hatte, die aussah wie ein PV-Panel, er aber stromfrei fuhr.

Mittagspause mit Schiff, oder umgekehrt

Er kommt also zu uns und fragt uns wegen des Weges. Wir sagen ihm, dass der Weg eigentlich auf der anderen Seite verläuft, aber wegen der Baumaßnahme an der Brücke gäbe es eine Umleitung. Die, sagt er, hat er auch gesehen, und er sei ihr auch schon gefolgt, aber es gibt keine weiteren Zeichen. Also zeigen wir ihm auf Komoot, wo der Umweg eigentlich laufen müsste. Und ich sage ihm, dass er auch einfach über die Brücke fahren könne, während die Handwerker Mittagspause machen. Das will er nicht, er will auf uns warten und hinter uns her in Richtung Bordeaux fahren. Kurz darauf ist er wieder da, spricht jetzt Englisch und sagt, er würde jetzt doch fahren, und dann sehen wir, wie er über die Brücke und auf der anderen Seite weiterfährt.

Wir essen in Ruhe zu Ende. Es kommt noch ein weiteres Pärchen, das seine Räder abstellt und sich auch an einen der Tische setzt. Dann schiebt sich ein stattlicher Segler mit abgeklapptem Mast vorbei, und plötzlich springt der Mann auf und stößt sehr ungewöhnliche Laute aus. Vom Schiff winkt man zurück. Er dreht sich zu uns und erläutert, dass er und seine Frau mit den Leuten auf dem Schiff in Kontakt gekommen und dass diese Australier seien. Und dass sie aus Australien in 14 Monaten hierher gesegelt und jetzt auf dem Weg nach England seien.

Wir Langweiler sind heute in die fünfte Woche gestartet.

Die natürlichste Sache der Welt

Als wir mit dem Essen fertig sind, haben 
auch die Handwerker zu Ende gegessen. Das heißt: Wir können nicht mehr über die Brücke fahren, sondern folgen dem Umleitungsschild. Der Weg verläuft genau so, wie wir es dem PV-Schieber erklärt hatten, ein passendes Schild gibt es auch (er hatte nicht weit genug nach unten gescrollt). Inzwischen haben wir 35 Grad im Schatten.

Auf dem Radweg kommen wir nach schattiger Fahrt nach La Réole, wo wir gerne noch einen Café getrunken hätten. Beim Italiener, der ein Franzose ist, gibt es zur Mittagszeit ohne Essen keinen Café. Da sagen wir dankeschön, fahren weiter und kommen kurz darauf an einer kleinen Boulangerie vorbei, die uns gerne zwei Noisette und zwei Tartes verkauft, eine aux pommes und eine aux framboises.

Ein kleines Paradies nicht weit von Bordeaux

Komoot führt uns zielsicher zu unserer heutigen Bleibe. Wir finden das Haus und klingeln, aber es antwortet niemand. Irgendwann habe ich den Mut, einfach mal auf die Klinke zu drücken, und, siehe da, die Tür geht auf. Kaum ist die Tür offen, kommt Françoise, unsere Vermieterin, die Treppe herunter. Anfangs ist sie ein bisschen unwirsch, weil wir wohl irgendwas gesagt oder falsch gemacht haben. Aber irgendwie taut sie langsam auf, und dann sagt sie, wir könnten auch Deutsch sprechen.

Sie hat lange in Deutschland und Österreich gearbeitet und führt uns durch ihr schönes, großes, altes Haus zu unseren Gemächern. Das Haus hat einen noblen Hintergrund und ist ein absoluter Hammer. Sie hat es in einem sehr schönen Zustand erhalten oder in einen schöneren Zustand versetzt. Unser Zimmer hat etwa 25 Quadratmeter, einen Vorraum mit Küche und Esstisch, ein kleines Bad und eine Toilette. Die Fenster sind alle schön zugemacht, damit die Hitze draußen bleibt, und das Ganze kostet inkl. Frühstück unter 100 Euro.

Ein Ort, an dem man sich heimisch fühlt

Zum Essen schickt sie uns zum Italiener. Er liegt in einer ruhigen Straße, rundum stehen einige Häuser zum Verkauf.

Über die Tochter des capo kommen wir ins Gespräch, den Rest des Abends geht es mehrsprachig und vor allem durcheinander um Essen, Trinken, Charakter, Tourismus und was man sonst noch zwischen Küche und Teller unterbringen kann.

Es ist nicht das Meer, das im Hintergrund scheint

Zum Apéritif gibt es einen Spritz mit hausgemachtem Holunderblüten-Sirup, den die vier Engländerinnen am Nachbartisch nicht angeboten bekommen. Als Vorspeise eine Parmigiana und zwei Barchette di verdure. Hauptspeisen sind Fusilli rosso und Risofreddo verde. Das Kirsch-Eis zum Abschluss ist ein weiterer Hammer des Tages.

Um 22.00 Uhr gehen wir zurück ins Haus – Bordeaux, wir kommen!

Wir haben die Gironde erreicht

Dienstag, 16. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 16. Juni 2026 – Mer deieu, priier, Porno

Agen ist nicht nur für Pflaumen bekannt, sondern auch für die zweitlängste Kanalbrücke Frankreichs

Das Frühstück ist ok heute, wir bereiten gleich etwas fürs Mittagessen vor und kochen uns zwei Eier. Aus dem Fenster sieht man Gruppen, die mit Wanderstöcken und leichten Rucksäcken aus Centre ville kommen und nach rechts auf den Weg am Kanal einschwenken. Eine dieser Gruppen macht vorher noch Übungen der Rhythmischen Sportgymnastik unter den Schatten spendenden Bäumen an der Uferpromenade.

Die Rezeptionistin von gestern steht wieder am Empfang, sie bestätigt, dass es sich bei den Wandergruppen um Pilger handelt. Unseren anerkennenden Hinweis, dass die Leute ja mit sehr wenig Habseligkeiten unterwegs sind, korrigiert sie mit der Information, dass es heute viele Anbieter gibt, die das große Gepäck der Pilger von Ort zu Ort transportieren.

Betreutes Pilgern kannten wir noch nicht, aber man fragt sich schon, ob diese Form wirklich noch einen religiösen Bezug hat, oder ob der Jakobsweg hier zum Wanderweg bzw. zur Eventlocation degradiert wird.

Sie verabschiedet uns sehr freundlich, wir fahren vor Arbeitsantritt noch kurz nach oben zur Abbaye Saint-Pierreeinem sehr imposanten Gebäude. Das Portal der Abteikirche ist von wunderbaren Skulpturen gesäumt, drinnen sieht es aus als seien die Wände der Kirche tapeziert und es wäre langsam Zeit für einen Tapetenwechsel.

Früher alleinstehend, heute in fester Beziehung

Draußen sehe ich ein sehr gebrechliches Ehepaar, das Selfies von sich macht. Das ist schon anrührend. Andererseits ist es auch schrecklich, wenn man sieht, wie sich rund um die Abbaye eine blühende Tourismus- und Pilgerindustrie etabliert hat.

Drinnen erlebe ich, was moderne Technik zu leisten imstande ist. Ich spreche eine erste Gedankensammlung zu diesem Blog zuerst immer ins Telefon, kopiere später das Transkript und mache daraus dann diesen Text. Heute spreche ich sechs Wörter des Ave Maria ins Telefon: „Mère de Dieu, priez pour nous“. Der daraus transkribierte Text steht oben.

Heute Vormittag sind hier nur 20 oder 22 Grad, eigentlich schon ein echter Sommertag in Deutschland, aber ein bisschen frisch ist es schon. Die Gattin zieht nach dem Kirchenbesuch den Windstopper über, dann düsen wir weiter in Richtung Bordeaux.

Route moderner Pilger

Auf den ersten Kilometern passieren wir einige Pilger. Viele haben Stöcke in der Hand, die sie vielleicht später noch brauchen. Einer hat die Stöcke in der linken Hand und mit der rechten das Telefon am Ohr. Dazu fällt mir das ein.

Während des weiteren Fahrens sehen wir mal links ein bisschen Obst, mal rechts ein bisschen Obst, aber gefühlt sind die Plantagen deutlich weniger als wir es in Erinnerung hatten. Die Sonne ist um 11:30 Uhr immer noch sehr zurückhaltend mit dem Scheinen.

Wir sprechen immer wieder mal über den Gedanken des Pilgerns in Kombination mit dem Gepäckttransport. Irgendwie scheint uns das nicht der Weg, den der Herrgot sich gewünscht hat. Aber neue Zeiten bringen auch neue Ideen hervor, die man nicht verstehen, die man nicht mögen muss.

Agen lassen wir großzügig links liegen. Wie es da aussieht, haben wir 2012 schmerzlich erfahren.

Die Plantagen sind noch da

15 Kilometer später erreichen wir unser Hotel, es ist Viertel nach zwei und das Zimmer ist erst ab 16 Uhr verfügbar. Kein Problem, wir füttern erstmal die Pferdchen und setzen uns anschließend in den Salle de reunion, wo Spiele gespielt und Cocktails konsumiert werden sollen. Wir machen nichts von alldem, sondern sortieren Fotos und unsere Gedanken.

Olympische Dimensionen für einfache Gemüter

Die Chefin kommt um kurz nach drei mit der guten Nachricht, dass unser Zimmer nun verfügbar ist. Wir duschen und gehen erstmal in den Pool, der eher Schwimmbad heißen müsste: 20 Meter lang, zehn Meter breit, niemand außer uns. Wir toben uns aus, sonnen noch ein wenig und gehen dann zurück in unser Zimmer. Dort unter die Dusche, dann ins Bett.

Um kurz vor 18 Uhr finden wir zurück ins Leben, wir schreiben und organisieren noch ein bisschen, dann geht's zum Abendessen. Vom Haupthaus treten wir durch die Tür in den Hof, wo uns die Rolling Stones empfangen. Ok, nicht persönlich, aber mit Brown Sugar aus dem Jahr 1972. Das ist nun schon 54 Jahre her, wir sind alle etwas älter geworden, und meine persönliche Ehefrau bittet den Chef – nachdem anschließend CCR, Bill Haley und irgend ein 80er-Scheiß über den Rasen gedüdelt waren –, die Musik leiser zu machen.

Schönes Ambiente, weniger Qualität als früher

Der Kollege am Nachbartisch freut sich mit uns, nun können wir ungestört essen: Tomate tatin mit Frischkäse-Eis, Cuisses de grenouilles, danach Cabillau und Confit de canard und schließlich Crème brûllée und Profiteroles. Der lokale Wein ist überraschend trinkbar, sowohl in weiß als auch in rot.

Auch hier ist der Service völlig hilflos, wenn es um zeitliche Abfolge, Rückfragen u.ä. geht. Bis zur Bestellung dauert es mindestens zwanzig Minuten. Bis zum Apéritif auf dem Tisch vergehen weitere Minuten ohne Umsatz für das Restaurant. Da braucht es keine Pandemien fürs Sterben in der Gastronomie.

Wir haben zwei Spanier am Nachbartisch, das heißt: Meine Gattin ist die letzte halbe Stunde für mich nur sehr schwer erreichbar, weil sie lieber fremden Männern zuhört.

Vom Jakobsweg in die Obstplantagen

Déjà-vu 2026 | 15. Juni 2026 – „Ich bin ja gern so irgendwie“

So schön werden wir das wohl lange nicht mehr sehen

Der Frühstücksraum bei Mercure besticht mit einer sehr eigenwilligen und sehr unterschiedlichen Bestuhlung. Teilnehmer heute: ein Mann wie ein Berg, eine junge Frau, die eventuell zu viele Filme mit Esther Williams gesehen hat und ihr heute, zumindest optisch, nacheifert, und eine Mitarbeiterin in der Anlernphase, die alle Bestecke, Gläser und sonstigen Teile mit bloßen Händen genau dort anfasst, wo nur der jeweilige Gast sie berühren sollte.

Die Kaffeemaschine wird zum Treffpunkt der Verzweifelten, eine sitzt mir gegenüber. Meine eigene Verzweiflung rührt daher, dass ich mein Spiegelei selbst versaut habe, weil ich nicht in der Lage war, genügend Öl in dieses Förmchen zu kippen. Also richtig nett hier.

Pont canal mit Gitter

Komoot leitet uns sehr effizient aus Toulouse heraus direkt an den Canal latéral à la Garonne. Anfangs ist der Weg aus Beton und etwa zwei Meter breit. Links verläuft die Autobahn, rechts fließt das Wasser. Nach etwa sieben Kilometern unterqueren wir die Autobahn, sie biegt nach rechts ab, der Weg wird
 einen Meter breiter und ist asphaltiert. Ab Kilometer zehn wird er wieder zwei Meter schmal und es kommen ab und zu ein paar Wurzeln der Bäume durch.

Was alle Abschnitte eint: Es geht schnurgerade nordwärts. Nach einer Stunde haben wir ein Drittel unseres heutigen Tagespensums erledigt und stoppen zwecks Zuckerpause in Saint-Jory.

Mittagspause in Montech

Der Weg fährt sich wie an der Schnur gezogen. In Montech machen wir Mittagspause am letzten Tisch im Schatten. Als wir fast fertig sind, stellen sich zwei Franzosen-Tussis mit ihrem Kleinwagen auf den Parkplatz neben uns und lassen minutenlang den Motor laufen. Aber wir lassen uns nicht wegpesten, sondern laden lieber die vier Herren des städtischen Bauhofs, die inzwischen mit zwei Autos daneben halten, dazu ein, sich an unseren Tisch zu setzen. Die Mädels protestieren, wir fahren und wissen nicht, wie man sich geeinigt hat.

Pont canal ohne Gitter (mit Mauer)

Zwischendurch haben wir mit unserem Hotel geklärt, dass wir schon um 14 Uhr einchecken können. Außerdem habe ich mit einer Domaine in den Cévennen über den Preis und die Lieferung ihres Viogniers verhandelt. Die Dame wird ein Angebot schicken.

Moissac empfängt uns mit seiner Kanalbrücke über den Tarn. Das kleine Flüsschen, das wir aus der Region Cahors kennen, ist vor seiner Mündung in die Garonne richtig erwachsen geworden. Nach der Brücke fahren wir durch eine lange, schattige Allee in die kleine Stadt. Unser Hotel ist riesig und steht direkt am Fluss, der Empfang ist freundlich, das Zimmer in Ordnung.

Wohin man schaut, das gleiche Bild

Besonders schön ist der kleine Balkon mit Blick auf die Tarnbrücke. Praktisch ist er auch, denn was wir jetzt waschen und hier aufhängen, wird von der Sonne binnen kürzester Zeit getrocknet werden. Da nutzen wir die Gelegenheit und waschen gleich noch einige Polos mit.

Die Pause dauert infolge grassierender Erschöpfung etwas länger. Danach machen wir ein bisschen Büro, planen die letzten Tage unserer Reise, bestellen den Viognier und machen uns fürs Abendessen fein. Das Angebot ist heute eingeschränkt, denn am Montag haben bekanntlich viele Restaurants geschlossen.

Seit fast 200 Jahren überbrückt sie den Tarn

Ein paar Hundert Meter weiter befindet sich La guinguette de l'uvarium, ein kleines, tempelartiges Gebäude mit separat aufgestellten Sanitär- und Küchencontainern und etwa 30 Tischen draußen. Viele werden heute Abend besetzt, wir hatten reserviert. Zum Apéritif gibt es gebratene Tintenfischchen und drei Tapenaden mit in Öl ausgebackenem Brot. Als Hauptgang nehmen wir zweimal Tartare de boeuf, als Nachtisch eine Dame blanche und ein kleines Eis.

Das Essen ist akzeptabel, die Gattin meint, das Eis sei am besten gewesen. Der Pic Saint-Loup ist in Ordnung, der Service ist grottenschlecht. Da streifen völlig motivations- und kenntnisfreie Menschen in schlampiger Klamotte um die Tische herum, die Teller und Zubehör zwar bringen und abräumen können, aber nicht wissen, was sie tun.

Dafür sind die anderen Gäste interessant. Am Zweiertisch neben uns sitzen zwei mittelalte, jugendlich aufgedüste Französinnen, die aufeinander einreden. Eine von ihnen singt gerne zu laut und zu falsch mit, wenn von drinnen populäre Musik ertönt. Nach den Französinnen übernimmt ein englisches Paar mit Hund den Tisch. Er ist optisch ein Unsympath par excellence, sie trägt ihre Weiblichkeit etwas zu offensiv in die Welt. Der Hund macht einen sehr sympathischen Eindruck, er ist halt an die Falschen gekommen.

Mir gegenüber nehmen drei überschminkte Frauen Anfang dreißig Platz. Wenn man überlegt, dass jedes Teil der Natur seine individuelle Schönheit hat, und sieht, was passiert, wenn Menschen mittels Kleidung, Schminke oder Accessoires versuchen, sich zu verschönern, dann muss man verzweifeln.

Wir gehen zurück ins Hotel, reservieren noch schnell den Mietwagen in Bordeaux und legen uns hin. Morgen ist ja schon wieder ein Tag.

Von der Haute-Garonne nach Tarn-et-Garonne

Sonntag, 14. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 14. Juni 2026 – Der Mythos lebt

Frankreich? Spanien? Toulouse!

Heute sind wir früh aufgewacht, aber Frühstück gibt es erst ab acht (schon wieder so ein super Reim). Also räumen wir schon mal unsere Tüten zusammen, das spart später Zeit.

An der Bar ist alles hübsch aufgebaut und besteht auch den Qualitäts-Test. Wir kochen uns ein Ei zum Mitnehmen und belegen noch ein bisschen Baguette fürs Mittagessen. Danach packen wir den Rest zusammen, klären mit unserem Hotel in Toulouse, dass wir ab Mittag ein Zimmer haben und machen uns auf den Weg.

Abschied von Castelnaudary

Um der Hitze zu entgehen – es soll deutlich mehr als 35 Grad warm werden —, schalten wir heute von Anfang an auf volle Lotte. Es sind bloß 65 Kilometer, da reicht der Akku, und wir wollen keine Minute Zeit verlieren.

Der Anfang ist wie seit Cap d'Agde bekannt: gelöcherte Sandpiste, mal feiner, mal grober Schotter, mal oberflächlich, mal vier, fünf Zentimeter tief, keine Bäume. Beim vorsichtigen Fahren habe ich heute gelernt, wie man ein Elektrofahrrad fahren muss: kleiner Gang, fünfmal treten, lange rollen lassen, wieder fünfmal treten, wieder lange rollen lassen und so weiter. Das kostet vielleicht ein bisschen Energie, hat aber den Vorteil, dass man sich auf den Weg konzentrieren und mit wenig eigenem Aufwand sehr entspannt sehr weit fahren kann.

Veritable Freude statt Entspannung kommt dann bei der Passage der Poterie Not auf, die tatsächlich ganz unscheinbar direkt am Radweg liegt. Und da am Sonntag kein Betrieb herrscht, ist man schnell daran vorbeigerauscht. Deren klassische Cassoulet-Schüsseln haben wir zum ersten Mal bei unserem zweiten Toulouse-Besuch (mit Auto) in einem Haushaltswarenladen der Stadt gekauft. In kleinerem Format wären sie auch ganz schön, aber diesmal ist nicht die Zeit für terre cuite.

Ein kulinarisches Schüsselerlebnis

Bei Kilometer 18 steht rechts das Schild mit der Zauberformel „Vous êtes en Haute-Garonne“ und, zack, ist der Weg drei Meter breit, asphaltiert und macht überhaupt keine Probleme mehr. Die Räder fahren wie von allein, wo vorher 80 Prozent der Bäume krank und gefällt oder nachgepflanzt waren, sind jetzt nur wenige Bäume kaputt.

Auf den folgenden Kilometern kann man verstehen, was den Canal du Midi für so viele Menschen so attraktiv macht und gemacht hat. Wir finden es hier ganz große Klasse, und es ist uns egal, wie lange es noch dauert bis Toulouse. Wenn wir so weiter fahren können, fahren wir noch bis sonstwohin.

So soll er sein, der Kanal

Unsere Zuckerpause machen wir im Schatten bei Vaysse. Wir sind jetzt 30 Kilometer gefahren, zuletzt auf der bisher schönsten Strecke am Canal du Midi. Um zwölf Uhr machen wir Mittagspause kurz vor Toulouse. Wir sind völlig begeistert und fragen uns, warum man den Radweg nur in der Haute-Garonne so macht. Gerade wenn und weil der Kanal ein solcher Publikumsmagnet ist, sollte man ihn doch auch so attraktiv wie möglich gestalten. Und das Ganze ist ja keine Erfindung der Toulousains, sondern eine französische Institution.

Nationale Bootsausstellung Toulouse

Wie auch immer, wir schauen den vorbeifahrenden Rennradfahrern nach – Pärchen, Gruppen, Einzelmeister – und steigen irgendwann selbst wieder auf. Wir fahren elf Kilometer an den Hausbooten auf dem Kanal vorbei. Das erinnert an die Fertighausausstellung bei Bad Vilbel, nur halt mit Hausbooten und nicht zum Verkauf.  Gegen halb zwei kommen wir in unserem Hotel an. Das Viertel kommt uns sehr bekannt vor. Wir sind heute zum vierten Mal in der Stadt und fühlen uns gleich ziemlich heimisch.

Die rosa Stadt, die eher eine rote ist

An der Rezeption erwartet uns Laure, die erstmal fragt, wieso wir so spät dran sind, wir hatten doch angefragt, ob wir das Zimmer ab Mittag haben könnten. Wir können das so beantworten, dass sie es durchgehen lässt. Dann gibt sie unseren Pferdchen eine schöne Bleibe samt Steckdose und uns die Zimmerkarte. Wir machen es uns gemütlich, gehen in den Pool auf dem Dach und säubern Betroffenes und Betroffene vom Kanalstaub. Danach Pause bis halb sieben.

Alte Pracht in moderner Stadt

Der anschließende Weg durch Centre ville ist mehr déjà-vu als erwartet. Hier ein Laden, den wir schon besucht haben, dort ein Platz, an dem wir etwas getrunken oder gegessen oder nur gesessen haben. Wir kommen sogar nahe der Markthalle vorbei, wo wir mittags erlebt haben, was ein begabter Metzger mit Fleisch anstellen kann.

22 Uhr an einem Sonntag in Toulouse

Nach etwa einer Stunde des Laufens, Staunens und Erinnerns finden wir uns an der Place de Pont Neuf wieder, die wir als unser Portal in die Innenstadt erkennen. Nicht weit entfernt ist unser Restaurant für heute Abend. Wir werden freundlich aufgenommen, es gibt ein einheitliches Menu mit Pot au feu, Salade campagnarde und Saucisson & terrine de campagne. Danach nehmen wir das Confit de canard und die Mousse au chocolat. Crémant und Vin rouge fließen reichlich, wir finden trotzdem zurück zum Hotel.

Morgen erwartet uns ein neuer Tag.

Vom Canal du Midi ins Paradies

Samstag, 13. Juni 2026

Déjà-vu 2026 | 13. Juni 2026 – Damals nass, heute staubtrocken

Wer einen Fehler wiederholt, ist dumm

Heute ist Internationaler Wellnesstag, darauf muss man auch erstmal kommen.

Unser notdürftiges Frühstück setzt sich zusammen aus Milchbrötchen Schinken, Comté und einem Rest Baguette von gestern. Dazu gibt's lecker Kaffee aus der Nescafé-Dose. Wir müssen nirgendwo hin, müssen uns nicht anstellen, können alles schnell erledigen. Das hilft uns, ein bisschen Zeit zu sparen. Besonders erfreulich: Wir können die Räder vor der Tür unseres Apartments beladen, so dass wir keine großen Trageaktionen haben. 

Zum Schluss bedanken wir uns noch per SMS bei unserem Vermieter Hagge. Er dankt zurück, wünscht gute Fahrt, und schon sind wir draußen auf die Straße.

Dieses Bild haben wir auch in nass

Wir fahren ab Homps gleich auf die D610, die ist relativ frisch gemacht, und es geht gut voran. Der Wind kommt immer noch brutal auf uns zu, und irgendwann entscheiden wir, dass wir jetzt den Motor anmachen, nach Carcassonne fahren und uns dort in den Zug 
setzen. Den Fehler von vor 14 Jahren möchten wir heute nicht noch mal wiederholen.

Einige der Autofahrer, die mit uns die Straße teilen, finden unsere Idee, dass wir uns auf einer Route départmental bewegen, nicht so gut. Sie fahren dann mit 20 Zentimeter Abstand vorbei. Mein als Lehrer sozialisierter Schwager würde sagen: „Edukativer Impetus“, aber das können wir nicht ändern. Wir haben ein Ziel vor Augen, und da fahren wir hin.

Nach einer Dreiviertelstunde sitzen wir in Marseillette in der Bar, in der wir vor 14 Jahren auch schon mal saßen. Da haben wir allerdings nicht draußen gesessen, weil es regnete. Jetzt sitzen wir draußen, denn es ist richtig heiß (auch das spricht für den Transport mit der Bahn).

Mit uns sitzen andere alte Ehepaare draußen und bestellen Café und Chocolat chaud. Drinnen an der Bar sitzen fünf Herren, die sich nicht mit Präliminarien aufhalten, sondern längst bei Pastis, Vin bleu und anderen Getränken mit zweistelligen Volumenprozenten sind. Wir reißen uns irgendwann los und bleiben der D610 bis Trèbes treu.

Heute gibt Trèbes ein ganz anderes Bild ab

Der direkte Weg nach Carcassonne führt über die D303 und D6113, die auf der Karte beide eine gewisse Ähnlichkeit mit Autobahnen aufweisen. Also beißen wir in den staubigen Apfel und biegen auf den Kanalweg ab. Was uns dabei nervt – Staub, Löcher, Rillen, Schotter –, merken die Menschen, die uns mit Rückenwind entgegenkommen, offenbar nicht. Sie brettern mit 50 bis 60 Millimeter breiten, stark profilierten Reifen über alle Hindernisse. Viele fahren in Gruppen und ohne Gepäck.

Mit uns fährt z.B. dieses Pärchen auf Elektrorollern, mal sind sie vor uns, mal wir vor ihnen. Die haben beide keinen Helm auf, die haben beide kurzärmelig mit 25 km/h auf diesem Weg. Entweder sie fahren sicherer als wir. Oder sie machen sich keine Gedanken. Oder was auch immer. Wir wundern uns.

Bevor wir nach Carcassonne reinfahren, spreche ich noch zwei Herren von der VNF an, die an der Böschung arbeiten, und beschwere mich über die Qualität des Weges. Dafür ist ihr Arbeitgeber zwar nicht zuständig, aber einer von ihnen weist uns freundlich einen anderen Weg, der nicht über den Schotter in die Stadt führt. So kommen wir an einem Radfahrer vorbei, der auf seiner Schulter einen Ara spazierenfährt. Er spricht mit ihm, der Papagei antwortet, wir hören ein bisschen zu, wünschen einen guten Tag und fahren dann weiter.

Von dem einen Meer kommen wir

Nach knapp zwei Stunden stehen wir an Fahrrad, Taschen und Körper hellgrau bestaubt vor dem Bahnhof von Carcassonne. Ich stelle mich drinnen am Schalter an, vor mir ein Pärchen aus dem englischsprachigen Raum, ein schwarzer Teenager und eine kleine, agile Rentnerin.

Vorne wird in gutem Französisch diskutiert, die alte Dame macht parallel dem jungen Mann klar, dass er sein Ticket lieber am Automaten kaufen sollte, statt hier Zeit zu verschwenden. So rücke ich einen Platz nach vorne. Apropos vorne: Plötzlich steht der Schaltermann mitten im Gespräch auf und verschwindet. Die Engländer sind verdutzt, verzeifeln, warten ca. zwei Minuten vergeblich und verlassen den Bahnhof unverrichteter Dinge. Die alte Dame bindet mich in ihr Leben ein. Gemeinsam versuchen wir zu ergründen, wo der Schaltermann geblieben ist und was da wohl los war.

Nach fünf Minuten ist er wieder da und verkauft der Kundin eine Hin- und Rückfahrt nach/von irgendwo. Das ist kompliziert, aber von Erfolg gekrönt. Mein Anliegen beantwortet er ohne nachzuschauen: Heute keine Plätze für Fahrräder mehr frei in den Zügen nach Castelnaudary. Die alte Dame schaltet sich ein, fragt ihn nach Busverbindungen, die Räder mitnehmen. Nein, gibt's auch keine.

350 Jahre Romantik vor Carcassonne

Ich gehe geschlagen raus zu meiner Ehefrau und berichte.

Ein paar Meter weiter steht ein Linienbus. Ich gehe hin, spreche mit der Fahrerin, und sie meint, dass es sehr wohl Busse nach Castelnaudary gibt, die Räder mitnehmen. Deshalb und weil heute Samstag ist, soll ich aber bei der regionalen Verkehrsgesellschaft im Internet nachschauen, um das Passende zu finden. Das machen wir drüben auf dem großen, schattigen Platz. Und siehe da: Zwei Erwachsene in unserem Alter zahlen bei der Bahn zwei Euro, sechs von zwölf Fahrradstellplätzen sind um 13.40 Uhr noch frei, der Transport der Räder ist kostenlos, man muss nur reservieren.

Der Zug ist pünktlich, wir sind es auch. Die Stellplätze sind überbelegt, wir quetschen uns mit rein, wir haben ja reserviert. Die anderen Radreisenden haben gute Ratschläge für uns, wie wir uns und die Räder hinstellen sollen. Man kommt ins Gespräch, alle kommen irgendwo her und wollen irgendwo hin.

In Castelnaudary angekommen, gibt es leider keinen Aufzug für die Räder. Wir müssen abpacken und tragen, das hatten wir schon lange nicht mehr. Unser Hotel ist rund zweieinhalb Kilometer vom Bahnhof entfernt, es geht gut bergab. Der erste Eindruck ist erschreckend: billige Hütte am Kreuz der Schnellstraßen. Es kann nur besser werden, und das wird es auch.

Die jungen Inhaber sind fröhlich, der Pool im Garten ist erfrischend, das Zimmer macht seinen Job. Wir legen uns nach dem Schwimmen und Duschen hin und würden am liebsten bis morgen früh durchschlafen. Aber wir haben Halbpension gebucht. Und wir müssen noch klären, wie wir uns neu aufstellen, um mit den 35 Grad zurechtzukommen, die für die nächsten Wochen im Schatten angesagt sind.

Zum Crémant de Limoux nehmen wir Foie gras poêlé und Salade lauragaise, als Hauptgänge werden Linguines de la Mer und Demi-Magret de Canard geordert. Zum Schluss gibt's noch zwei sehr süße Snickers-Variationen.

Mit diesen Zeilen geht es ins Bett. Ab morgen sehen wir, ob unsere neue Planung uns gut weiterbringt.

Erst viel Akku, dann viel Gleis

Déjà-vu 2026 | 12. Juni 2026 – Das Geheimnis im Safe

Hier funktioniert das Zusammenspiel von Romantik, Farben, Bäumen und Lebensgefühl noch

Das Frühstück im Hotel ist richtig mies. Zu wenig von allem, keine Qualität und ein scheiß Ambiente. Kurz: alles, was man sich nicht wünscht.

Wir packen, gehen raus und ich frage die Gattin, ob sie denn alles aus dem Safe genommen hat. Sie guckt nochmal nach und findet eine Brieftasche, die etwa 5.000 Euro in Hundertern enthält. Damit wäre unsere Reise zu einem nicht unerheblichen Teil finanziert, aber wir sind relativ ehrliche Menschen und möchten dem Vergesser des Geldes eine Freude machen. Also überlege ich, wie wir verhindern können, dass sich irgendwer im Hause die Kohle unter den im gleichnamigen Studio fein gemachten Nagel reißt.

An der Rezeption dürchwühle ich die Brieftasche deshalb nochmal und finde die Nummer eines Labors für Blutwerte
. Dort rufe ich an, schildere das Problem und bekomme von meiner Gesprächspartnerin tatsächlich die Mobilnummer des Herrn, dessen Name auf dem Blutwertepass steht. Ich lerne: Datenschutz ist in Frankreich ein hohes Gut.

Cap d'Agde hat auch schöne Seiten

Der Vergesser leitet mich auf seine messagerie um, ich erzähle ihr, wer ich bin, wie ich dazu komme, ihn anzurufen, woher ich die Rufnummer habe und dass es um ein dickes Bündel Geldscheine geht, das ihm gehört. Die Kollegin an der Rezeption muss mich die ganze Zeit loben, aber ihre Augen sagen mir: „Du Idiot. wieso bringst du uns hier um diese Menge Geldes, mit dem wir uns ein super Wochenende machen könnten?“

Egal, wir möchten niemand etwas unterstellen, packen unsere Siebensachen, und da kommt sie nochmal rausgerannt und sagt, dass der Vergessliche am Apparat ist und mich sprechen möchte. Also gehe ich rein und spreche nochmal kurz mit ihm. Er bedankt sich und sagt, dass ich ihm bitte unseren Namen und die Adresse schicken möge. Er wolle sich, wenn das Geld wieder in seinem Besitz ist, nochmal bei mir melden.

Danach können wir endlich losfahren.

Neue Bäume für einen ganz alten Kanal

Um Zeit zu sparen und abzukürzen, lassen wir die Radwege links liegen und fahren auf der Straße. Das heißt: Hinter uns stauen sich immer wieder mal zwei, drei Autos, die nicht an uns vorbeikommen. Wenn sie es dann schaffen, erklären uns einige von ihnen, dass wir auf dem Radweg fahren sollten bzw. müssten. Das nenne ich aufmerksame Gastgeber.

Zwischen Kilometer 12 und 16 reiht sich ein Campingplatz an den nächsten und jeder versucht, den anderen in Sachen Hässlichkeit, Kinderbespaßung mit Bauwerken usw. zu übertreffen. Dann geht es ziemlich hin und her auf schlechtem Boden und aufgerissenen Straßen. Sobald die Straße besser wird, kann man davon ausgehen, dass Autos darauf fahren. So erkennt man die Prioritäten.

Wo die Mathematik die Kurven erfand

Nach ca. 35 Kilometern erreichen wir Beziers, finden einen kleinen Supermarché und decken uns mit dem Nötigsten ein. Die weitere Streckenführung ist unübersichtlich, aber wir finden sie nach einiger Zeit und folgen dem Radweg nach Colombiers. Dort gibt's Mittagessen auf einer schattigen Bank im Zentrum, danach geht es weiter in Richtung Poilhes. Der Radweg wird immer mehr zum „möglicherweise“, die Landstraße zur Normalität.

Irgenwie entspricht das hier unserer Erinnerung an 2012. Damals war der Weg vom Regen durchgeweicht und quasi unpassierbar. Heute ist er von Sonne und Wind ausgetrocknet und staubig. Die fehlenden Bäume tragen ihren Teil dazu bei, keine Romantik aufkommen zu lassen. Die neuen Bäumchen werden lange brauchen, einige haben es nicht geschafft und viele sind vom Wind schon so schräg gestellt worden, dass sie an diesem Kanal niemals werden Schatten spenden können.

Mittagspause in Colombiers

So kommen wir zügig nach Montenvac-en-Minervois, wo die Penichettes in Reihe am Ufer liegen und schöne Menschen im Rentenalter vom Mittagessen zurück zum Boot streben.

Via Appia heute

Wir haben nicht mehr weit nach Homps, wo wir unweit unseres Hotels von 2012 von deutschen Menschen eine schön gemachte FeWo für eine Nacht gemietet haben. Leider kommen wir erstmal nicht rein, weil wir zu zaghaft mit dem System umgehen. Aber dann klappt es, wir packen ab und spritzen erstmal unsere Pferdchen ab.

„Da fahre ich nicht rein.“

Danach überweisen wir die Miete, korrespondieren mit Monsieur Masson, der unser Verhältnis zu Champagner abfragt – eventuell ist er jüngster Spross der Champagner-Dynastie Masson und möchte uns zum Dank ein Fläschchen schicken. Eine Palette wäre auch nicht verkehrt, bei unserem Konsum.

Improvisierter Apéritif mit mitgebrachten Nüsschen

Zum Abendessen gehen wir nur ein paar Schritte nach rechts. Der Garten ist gut befüllt, hier gibt es spanische Vorspeisen und Fleisch vom Grill (agneau und boeuf). Als Begleiter empfiehlt uns die überschminkte Mittvierzigerin einen lokalen Minervois, das ist eine gute Idee. Nachtisch lassen wir ausfallen, wir müssen ja noch den Chardonnay niedermachen, den unser Vermieter uns spendiert hat.

So landen wir alle früher oder später in der Horizontalen.

Knapp 90 Kilometer gegen den Wind