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Donnerstag, 21. Juli 2011

17.07. 2ème étape: Hyèvre-Paroisse–Besançon (48,47 km, 2:48:30) Risque du noyade!

„Sushi Besançon – c'est avec du fromage.“

Irgendwann in der Nacht wache ich kurz auf und habe Probleme mit dem Gleichgewicht. Am Alkohol kann es nicht liegen, ich entscheide mich für Weiterschlafen. Am Morgen kommt das Problem unvermindert, ich kann mich aber stabilisieren, und nach dem Frühstück ist alles wieder im Lot.

Frühstück sieht elend aus, ist aber gut: geschälte Orangen zum Selberpressen, sehr gute Croissants, Wurst und Schinken ebenfalls OK. Der Café ist Zichorienqualität, rings an den Wänden hängen Sammlerkästen gefüllt mit Modellautos und -motorrädern im Maßstab 1:43.

Café, eau, lait

Augen oweh

Draußen schüttet es wie bei Weltuntergangs, aber wir haben keine Wahl. Sollen unsere Klamotten doch mal zeigen, wie sie mit echtem Regen umgehen. Nach dem Aufpacken zögern wir zunächst noch, obwohl das Wetter dazu keinen Anlass gibt. Also fahren wir halt.

Da fällt der Abschied leicht

Die Strecke ist sensationell, wenn jetzt noch die Sonne schiene, würde man ständig schreien vor Glück. Erster Stop in Beaume-les-Dames, wir suchen Schutz bei Super U. Dort trifft man erfahrungsgemäß nette Leute, heute ein Ehepaar aus Orléans, das dem Eurovélo 6 mit Tandem und Anhänger folgt und in einem leeren Einkaufswagen-Unterstand Schutz vor der Nässe sucht. Sie freuen sich sichtlich, dass ihnen jemand Gesellschaft leistet, wir klären schnell die jeweiligen Starts und Ziele ab und erfahren bei dieser Gelegenheit, dass es in Frankreich einen Rad-Reiseführer für den Weg gibt. Das System ist ähnlich, wie wir es von bikeline kennen, wenn wir in Besançon ein Exemplar kriegen – seulement sur commande –, dann kaufen wir's.

Der Gegenverkehr beschränkt sich auf insgesamt zwei oder drei Paare, die uns mehr oder weniger glücklich entgegen kommen. Irgendwo passieren wir vier Jungs, die wild campen und jetzt neben ihrem Zelt die Regenzeit abwarten. Nach 15 Kilometern der nächste Halt, diesmal in Laissey bei Stanley Black & Decker, die an dieser Stelle keinesfalls Bohr- und Schleifmaschinen produzieren, sondern Überwachungssysteme. Wir knuspern zwei Bananen, werfen die Schalen naturverbunden in die Flora und strampeln weiter.

Noch 20 Kilometer Regen bis Besançon

Irgendwann hat sich auch die letzte Wolke über uns ausgeschüttet, so dass die verbleibenden Kilometer bis Besançon regenfrei absolviert werden. Da die Gore-Socken den Fluten doch nicht gewachsen sind, stehen unsere Füße und Schuhe rund eineinhalb Stunden komplett unter Wasser. Irgendwann kommen wir an Kilometer 100 des Doubs-Radwegs vorbei, die Markierung steht Kopf, wahrscheinlich weil die Bautrupps an zwei Punkten mit dem Arbeiten begonnen und jeder Trupp seinen Fortschritt individuell dokumentiert hat.

100 km = 10 Millionen Euro = unzählige zufriedene Europäer

Kurz vor Besançon geht's nochmal über eine Brücke, kurz danach schlägt uns der Gestank einer Kläranlage ins Gesicht. In mehreren großen Becken sprudelt die braune Brühe aus senkrecht stehenden Rohren, ein Schild am letzten Becken warnt vor dem Risiko des Ertrinkens. Ich glaube, wer hier ertrinkt, ist vorher erstickt und dann tot ins Becken gefallen.

Stiller Fluss, wenige Kilometer vor der Stadt

Das erste, was wir von Besançon sehen, ist Vaubans Zitadelle. Darunter liegt am Fluss die sterbende Vorstadt Morre, deren Fabrik- und Wohngebäude entweder bereits dem Verfall oder wenigstens dem Makler zum Verkauf übergeben wurden. Der Doubs führt uns weiter am Hospiz zum Heiligen Geist vorbei, der Uferweg ist so schlecht, dass wir die erste Röhre links hinauf zur Stadt nehmen.

Links Heilg Geist, rechts Fort de Brégile

Oben angekommen, stockt uns erstmal der Atem. Wir stehen auf einem großen Platz vor dem „Musée des beaux-arts et d'archéologie“, die Häuser rund um den Platz sind erbaut aus großen, hellen Kalksandstein-Quadern, alles wirkt mächtig, majestätisch. Im Museum erfahre ich, wo die Touristeninformation ist. Wir fahren hin, sie ist geschlossen.

Die Mitarbeiter sind aber noch da, und eine der Damen hat Mitleid mit mir, empfiehlt mir das „Hotel du Nord“ sowie eine Brasserie in dessen Nähe fürs Abendessen. Mit Eintritt in das Hotel haben wir endlich Frankreich erreicht: Die Chefin ist locker über 80 und trägt ein T-Shirt von Kookai. Das W-Lan ist schnell und kostenlos, aber die Belegungsliste wird noch per Hand geführt. Und im Zimmer sind die Wände mit Teppich bespannt, das Klopapier gibt's nicht von der Rolle, sondern in Scheibchen, und auf knapp zwei Quadratmetern Bad steht ganz selbstverständlich ein Bidet.

Vor dem Fenster das Milieu

Wir streifen nach dem Duschen durch die Stadt, es ist der helle Wahnsinn. Ein unglaublicher Mix von Menschen unterschiedlichster Herkunft, phantastische Gebäude, unzählige Bars, Brasserien und Restaurants, an jeder Ecke eine Brücke über den Doubs, der die ganze Altstadt umfließt. Unsere Brasserie hat leider Jahresurlaub, so dass wir die Dame im Office de Tourisme nochmal belästigen müssen.

Sie erinnert sich zunächst nur dunkel, erschrickt dann aber über die Nachricht, dass die Brasserie urlaubt, und denkt über Alternativen nach. Einer der beiden jugendlichen Mitarbeiter will witzig sein und schlägt deshalb Sushi vor. Meinen Hinweis, dass wir nicht wegen Sushi nach Besançon gekommen sind, kontert er mit dem Hinweis „Sushi Besançon – c'est avec du fromage.“

Heilig Geist aus anderer Perspektive

Die Franzosen „können“ Plätze

Wir lassen uns lieber von den Empfehlungen seiner Kollegin leiten und schauen uns die beiden Brassierien am Place Granvelle an. Da Mo schon um sechs der Hunger quält, stellen wir uns noch am Crêpes- und Gauffres-Stand an und bestellen 1x Sucre, 1x Chocolat. Folge: Ich verkleckere meine Hose mit der flüssigen Schokolade, d.h.: zurück ins Hotel, auswaschen, trocken, Bügelfalte sorgfältig nachstreichen.

Ab halb acht verbringen wir den Abend mit viel Vergnügen im 1802, die vier Holländer zwei Tische weiter werden wir am nächsten Morgen im Hotel wieder treffen.

Victor Hugo, 2011

Dienstag, 19. Juli 2011

16.07. 1ère étape: Altkirch–Hyèvre-Paroisse (98,36 km, 5:06:19) Baignade interdite!

„Haben Sie was dagegen, wenn ich in Ihrem Windschatten fahre?“

Beim Abendessen hatten wir noch überlegt, heute einen Ruhetag einzulegen, der Blick auf die Wettervorhersage lässt uns eine andere Entscheidung treffen. Denn heute wird das Wetter gut, der Regen kommt erst morgen. Und wenn's am Abend schön wird, ruhen wir halt morgen.

Bis Dannemarie bleiben wir auf der Landstraße, am Super U kauft Mo das Nötigste fürs Mittagessen: Baguette, Käse, Bananen, Joghurt und natürlich Wasser und Apfelsaft. Die Wartezeit nutze ich, um mich beim Leergut-Mann über Pfand und Preise der weit verbreiteten Gasflaschen zu informieren. Mit gepackten Taschen geht's zurück auf die Kanalstrecke, der gestrige Tag steckt uns spürbar in den Knochen, und es geht von Anfang an mehrere Kilometer leicht aufwärts.

Positive Erinnerung am Ortsausgang

Da macht man sich wegen seiner Sprachkenntnisse keine Sorgen mehr

Die Strecke ist schön wie am Tag zuvor, die Temperaturen steigen, wir fahren an diversen Montreux vorbei und treffen kurz vor Sochaux auf den Doubs.

La vie est un long fleuve tranquille

13,5 Millionen für 135 km, hier wurden EU-Gelder mal richtig gut angelegt

Im Rahmen einer Pinkelpause stehen wir Aug' in Aug' mit VertreterInnen der hiesigen Rindviecher und können erfreut feststellen, dass wir uns auch um deren Fortbestand keine Sorgen machen müssen:


Kurz danach streifen wir Montbéliard, langsam wird es Zeit fürs Mittagessen. Bei Voujeaucourt kapern wir eine Bank in der Sonne, die während unserer Pause Helme, Handschuhe, Trikots, Sohlen und Socken trocknet.

Irgendwann kommt eine Frau in unserem Alter mit ihrer Enkelin per Fahrrad vorbei, sie setzen sich auf die Bank nebenan, wünschen guten Appetit und man wechselt ein paar Worte. Am Ende kommt heraus, dass sie aus Colmar stammt und seit nunmehr fast 40 Jahren hier im Ort wohnt. Ihr Elsässisch ist völlig anders, als wir es aus Strasbourg und Umgebung kennen, und vor allem für das Mädchen ein ungewohntes Vergnügen. Sie lacht sich kaputt, weil Oma diese fremde Sprache spricht.

Bei Colombier-Fontaine führt der Radweg auf die Straße und über einen Berg, den ich später gegenüber zwei Rennradlern als mont bezeichnen und damit auf Unverständnis stoßen werde. Nach einigem Überlegen weiß einer der beiden zumindest, was ich meine, und ist bereit, die Erhebung als petit montagne zu akzeptieren. Den würde ich gerne mal mit 30–40 kg Gepäck am Anstieg sehen.

„Verweile doch, du bist so schön.“

Die nächste größere Station ist L'Isle-sur-le-Doubs, wo wir bei Super U Flüssigkeit nachtanken. Schon über unser Ankommen freut sich ein Mann unseres Alters mit junger Begleiterin, während ich einkaufe, spricht er Mo an, outet sich als Fahrrad-Experte und erklärt, dass er mit seiner 18-jährigen Patentochter deren erste längere Radtour unternimmt. Mo hat wohl wieder die ganze Schwere ihres Lebens in die Waagschale geworfen, denn zum Abschied schenkt er ihr einen Schokoriegel.

Ich will dem Fremden in nichts nachstehen und lade meine Frau auf ein Eis an der Doubs-Brücke ein. Gegenüber wird geheiratet, rechts spazieren Vater und Sohn im knietiefen Wasser in der Flussmitte.

Auf dem Weg nach Clerval

Friedhof mit Aussicht bei Dompierre-sur-Doubs

Direkt hinter Dompierre-sur-Doubs ist der Weg neu angelegt, frisch geschottert und dementsprechend schlecht zu fahren. Wir sprechen mit einem entgegenkommenden Alleinfahrer über den Weg, der uns erwartet, plötzlich taucht hinter uns eine stabil gebaute Mittvierziegerin auf, die sehr gut Französisch spricht und die Konversation fortsetzt als wir uns verabschieden.

Bei unserem nächsten Stop ist sie wieder da: helle Bermudas, Sandalen, leichtes Polohemd, solides Tourenrad, vorne und hinten gut bepackt (das Rad, natürlich). Die Dame, nennen wir sie Brunhildegard, ist der Prototyp einer Französischlehrerin auf Bildungsurlaub. Ich höre, wie sie Mo fragt, ob sie in unserem Windschatten fahren darf, der Gegenwind sei ja so stark. Wir willigen ein, denn wir wissen, wie anstrengend das Fahren gegen den Wind ist.

Zwischen Clerval und Roche-lès-Clerval müssen wir wieder mal  a) steil aufwärts und  b) auf die Straße ausweichen. Unsere Anhängerin lässt sich bergauf durchaus Zeit, kommt in der Ebene aber sehr gut mit. Der Rückweg an den Kanal geht am Ende mit etwa 15 Prozent Gefälle aufs Ufer zu, und direkt im Scheitelpunkt der abschließenden Linkskurve steht das rote Schild mit den großen, weißen Lettern: BAIGNADE INTERDITE!

Bis weit nach vorn höre ich Brunhildegards glockenhelles Lachen. Recht hat sie, denn wer hier nicht beide Bremsen in der Hand hat, geht baden, ob er will oder nicht.

Unser Hotel kann nicht mehr weit sein, wir haben in Hyèrve-Paroisse reserviert, einem Ort kurz vor Beaume-les-Dames. Zwei Kilometer nachdem wir Hyèrve-Magny passiert haben, rollt Brunhildegard entspannt an meine Seite und fragt, ob wir nicht schon ans andere Ufer hätten wechseln müssen. Ich bestätige, dass ich selbst schwer verwundert sei, aber keine Hinweise gesehen hätte. Wir stoppen einen entgegenkommenden Rennradler, der bestätigt, dass Hyèrve-Paroisse direkt gegenüber Hyèrve-Magny liegt.

Also heißt es Abschied nehmen. Ich frage höflich, woher sie kommt und wohin sie will, Antwort: in die Bretagne und heute morgen um fünf in Freiburg losgefahren. Wir lassen uns nichts anmerken, aber der Schrecken sitzt tief. Die Frau hat in einem Tag bewältigt, wofür wir zwei gebraucht haben! Und sie fährt einfach weiter!!

Unsere Strafe folgt auf dem Fuße – wir erreichen unser Hotel.

Das Haus wird im Logis-de-France-Führer mit drei Kaminen und drei Töpfen bewertet, d.h.: überdurchschnittlicher Komfort und sehr gute Küche. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Schuhkarton aus Beton (der an einigen Stellen bereits in größeren Einheiten abgeplatzt ist), aber die Michelin-Empfehlungen der vergangen vier Jahre versprechen zumindest ein schönes Abendessen.

Das Zimmer ist bitter. Im Waschbecken wohnen noch die Haare des Vormieters, auf den Kacheln links davon warten Seifenspritzer der letzten zwei Jahre auf die Spurensicherung. Der Balkon ist dreckig, das Geländer verrostet, der Teppichboden hätte vor mindestens drei Jahren ausgetauscht werden müssen.

Um halb acht sind wir wieder unten, die Chefin Maria-Flora (100+ kg) fragt, ob wir rauchen, als wir verneinen, befiehlt sie uns in die hinterste Ecke der Terrasse, weil vorne alle rauchen. Alle, das sind sie und ihr Gatte Pierre Cossu (150+ kg) sowie vier britische Biker, die Karten spielen. Wir setzen uns etwas abseits, bestellen zwei Apèritifs (Pontarlier und Macvin) und lesen ein wenig Speisekarte. Am Briten-Tisch entschuldigt sich inzwischen die Kellnerin, dass sie das Bier nicht in größeren Gläsern anbieten kann.

Da die Schweinefüße nur tischweise serviert werden und Mo so etwas nie essen würde, weiche ich auf die gebratene Entenleber und das Filet vom Montbéliard-Rind aus, Mo nimmt jeweils eine Trilogie von Vor- und Hauptspeisen. Mein Essen ist ganz OK (leider ertrinken sowohl die Leber als auch das Rinderfilet in Soße), aber das Drumherum stimmt hinten und vorne nicht: Weiß- und Rotwein zu Vor- und Hauptgang werden parallel serviert, das Besteck eignet sich weniger als Esswerkzeug, dafür umso mehr als Metall-Mikado.

Mo kriegt parallel alles, was sie nicht mag: Hechtfilet in Bleu-de-Gex-Panade, Melone mit grob geschnittenem, rohen Schinken, Schweinebäckchen in Biersoße und gestocktes Ei mit Montbèliard-Rindswurst. Dass dieses Angebot nicht nur bei Michelins super ankommt, zeigt die sich kontinuierlich füllende Terrasse. Die auswärtigen Hotelgäse machen alle einen belustigten bis entsetzten Eindruck, die Einheimischen dagegen feiern ausgelassen die üppige Darreichung köstlicher Speisen.

Zur Essens-Verzweiflung gesellt sich die Erkenntnis, dass wir viel zu schnell unterwegs sind und es schwer werden wird, den Plan der Reservierungen einzuhalten. Diese Kombination raubt Mo den letzten Nerv, wir vertagen uns auf den nächsten Morgen und gehen schlafen.

Montag, 18. Juli 2011

15.07. Prologue: Gundelfingen–Altkirch (112,94 km, 6:06:19) Emportez vos déchets!

„Sie haben aber viel Gepäck!“

Das Aufwachen im Schlegelhof ist schon etwas Besonderes. Hier ist nichts wie anderswo, jedes Detail atmet die Tradition und das Denken der Familie: individuell gearbeitete bzw. neu gestaltete Möbelstücke, Türe, Fußböden, feine Stoffe, schönes Dekor; man hat ein echtes Heile-Weilt-Gefühl. An den Wänden schöne Bilder der Schwiegertochter, die auch das Frühstück positiv beeinflusst.

Neben einer „Müsli-Ecke“, die diesen Namen wirklich verdient, stehen eine erstklassige Brotauswahl, selbstgemachte Marmeladen, viel frisches Obst sowie ein regionales Wurst- und Käsesortiment bereit. Dessen Highlight sind drei Käse vom Ziegenhof in Horben, einer mit Honig, einer mit Olivenöl-Balsamico und einer mit Kräutern angemacht. Wir hätten die ganze Platte putzen können.

Zur Untermalung läuft nicht das Radio, stattdessen lässt das Haus uns von Van Morrison und Kenny G. unterhalten. Am Nebentisch sitzt ein fröhliches deutsch-asiatisches Pärchen, das die Speisenauswahl, das Ambiente und den Blick über die einladenden Wiesen ebenfalls sichtlich genießt. Sie erinnert ein bisschen an Yoko Ono, wir wechseln ein paar Worte, dann müssen wir los – wir haben ja zwei Termine in Gundelfingen.

Punkt zehn sind wir bei Europcar und geben unsere schwarze Wunderwaffe unversehrt ab. Die Herren vom Team sind etwas neidisch, stimmen aber unserer These zu, dass an so einer elektronischen Luxusmaschine auch jede Menge und für teuer Geld kaputt gehen kann (Pech für Christineke, die wohl ein paar Runden mit uns drehen wollten).

Schräg gegenüber bei tout terrain warten unsere inspizierten Zweirad-Cabrios, die Mitarbeiter sind freundlich, aber ihre Blicke schwanken zwischen belustigt, verzweifelt, ungläubig und mitleidig. Aus einem platzt dann „Sie haben aber viel Gepäck.“ heraus, was ich zum Anlass nehme, unsere Zuladung noch einmal mit Mo zu besprechen. Wir entscheiden, einen Teil der Taschen nach Möglichkeit in Cuisery zu lagern und den weiteren Weg mit weniger Gewicht anzugehen.

Dann geht's hinaus in den Badischen Gemüsegarten: Zwetschgen, Birnen, Mirabellen, alles direkt am Baum oder hin und wieder abgewogen und in Plastikschalen angeboten. Als ich mich endlich durchgerungen habe, die nächste Möglichkeit zum Einkauf zu nutzen, ist das Angebot schlagartig beendet – geschieht mir recht!

Über Umkirch, Gottenheim und Ihringen erreichen wir Breisach, wo wir bei der Post nochmal deutsche Euro tanken und anschließend über die Brücke nach Frankreich einfallen. Zwischen Vogelsheim und Neuf-Brisach gibt's wieder Mittagessen vom Intermarché, wir essen es gleich zwischen zwei Autos auf dem Parkplatz.

Frisch gestärkt fahren wir über Fessenheim südwärts in Richtung Ottmarsheim, plötzlich und unerwartet führt der Weg schnurgerade in den „Forêt de la Harth“, den wir auf den nächsten 20 Kilometern nicht mehr verlassen werden. Mit „Emportez vos déchets!“ macht uns der Franzose gleich am Beginn des Weges klar, was er von uns erwartet. Andere kann er kaum meinen, denn auf der gesamten Strecke begegnen uns maximal zehn Menschen.

13.000 ha Wald und wir mittendrin

Unser Ziel vor Mulhouse, auf dem Waldweg entspannt umfahren

Vor Mulhouse überlegen wir kurz, welche der angebotenen Möglichkeiten wir für die Weiterfahrt nutzen wollen, da spricht uns ein Franzose an, warnt uns vor diversen Baumaßnahmen und rät zur Umgehung über die Peugeot-Fabrik. Auf dem neuen Weg fragen wir einen weiteren Einheimischen, der uns anbietet, mit ihm einen anderen Weg zu fahren, was wir annehmen. Er bringt uns zufällig exakt an die Stelle, an die wir sowieso wollten, der Rest ist eine wilde Fahrt durch Rixheim und Riedisheim, die südlichen Vororte der Stadt. Es geht steil hinauf, es geht steil hinunter, und tatsächlich erreichen wir genau den Punkt, an dem wir von der Avenue du Bâle auf den Radweg am Kanal wechseln können.

Die letzten Meter raus aus der Stadt fahren wir schon wieder am Kanal

Am Quai de l'Alma erwartet uns als Abschiedsgruß noch ein spectacle: Oberhalb des Weges steuert eine Regisseurin Musik, Ton und drei Darsteller, die am gegenüberliegenden Ufer eine kleine, eifersüchtige Balletproduktion zum Besten geben. Leider ruft die tretende Pflicht, so dass wir das blutige Ende nicht abwarten können.

Jede Schleuse hat ihr Häuschen, wir sind völlig aus selbigem

Mit Brunstatt beginnt eine völlig andere Welt: kleine Dörfer, ein spiegelglatter Kanal, nahezu völlige Ruhe. Es ist Freitagnachmittag, an beiden Seiten des Ufers tut der Franzose, was er nach landläufiger Meinung sowieso am liebsten macht – savoir-vivre und laissez-faire. Le chat ruht im Chatten, wir haben das Gefühl, hier richtig zu sein. Bei der Schleuse Zilisheim beobachtet eine Gruppe von etwa zehn Personen die Durchfahrt einer Penichette, wir fragen eine der Damen, wo wir eine Bleibe für die Nacht finden können.

Bei ihr und allen Umstehenden breitet sich Ratlosigkeit aus.

Auch im weiteren Verlauf des Weges ernten wir mit unserer Frage Schulterzucken; ab Kilometer 85 ist das kein positives Signal.

Schöne Aussichten, außer für Zimmersuchende

Auf Höhe von Heidwiller rufen wir das Hotel an, dessen Erreichen wir vor zehn Kilometern noch als unvorstellbar definiert hatten, und reservieren Bett & Tisch. Die Dame des Hauses ist zuversichtlich, dass wir bald da sind. Das macht uns Mut, erweist sich aber als voreilig. Denn wer Heidwiller sagt, muss auch Hagenbach sagen, was weitere sechs Kilometer entfernt liegt. Und wer sich in Hagenbach arriviert fühlt, hat die Rechnung ohne den Anstieg nach Altkirch gemacht.

Gleich da! Von wegen!

„Seulement sette kilomètres“ ist beim Stande von 105 Tageskilometern keine sooo gute Nachricht

Am Ende des Tages kommen wir dann doch noch unser Ziel, es ist so spät geworden, dass wir es gerade noch unter die Dusche und erst um zwanzig nach acht ins Restaurant schaffen. Nach Bier und Picon-Bière nimmt Mo das Menu mit etwas Fisch, gefolgt von einer Caillette und Sahneeis auf marinierten Himbeeren, ich versuche, den Kalorienverbrauch vom Tage mit Gänseleberpastete, Zanderfilet und einem Entrcote vom irischen Rind zu kompensieren. Der 2008er Pinot Noir „Réserve Particulière“ von Gustave Lorentz erweist sich als guter Begleiter beider Hauptgänge.

Das Restaurant ist proppenvoll (klar, der Franzose feiert immer noch sein Nationalfeiertags-Wochenende), die drei Leute vom Service leisten Schwerstarbeit, und unter den Gästen sticht eine ca. 35-jährige Frau hervor, die heute dem role model ihrer Kindheit nachlebt und viel dafür tut, dass man sie bemerkt: It's a headache!

Freitag, 15. Juli 2011

Wenn Werbung Wirklichkeit wird

Dialog am Morgen:
„Ich muss langsam mal wach werden.“
„Darauf warte ich schon, seit ich dich kenne.“

Nach den gestrigen Güssen sind morgens die Trikots noch feucht, wir hängen sie ins Fenster und gehen frühstücken. Das Angebot ist überschaubar, aber ordentlich – u.a. mit frischen Zwetschgen und selbstgemachten Marmeladen, die zwar nicht riechen, aber gut schmecken.

Let it all hang out

Der Mann im Radio singt „Lass uns lieben, lass uns träumen, lass uns keine Sekunde versäumen“, der Enkel der Wirtin macht dem Träumen ein Ende, denn obwohl er sich kaum auf den Beinen halten kann, hämmert er mit seinem Holzhammer überall die Schrauben rein. Hier ist die nächste Generation badischen Feinmechanikerwesens im Werden.

Wir zahlen 57,20 inkl. Kurtaxe, unsere bisher günstigste Übernachtung.

Gundelfingen ist nicht weit, wir lassen uns Zeit und fahren über wunderbare Wege durch den Obst- und Gemüsegarten am Fuß des Kaiserstuhls. Zwischen den Orten steht hochgewachsener Mais gegenüber von Zwetschgen-, Apfel- und Kirschplantagen. Überall sieht man Kürbisse heranwachsen. In den Orten sieht man Frauen, die die Fugen im Gehwegpflaster mit dem Schraubenzieher säubern. Endingen sticht optisch besonders hervor, die kleine Perle lässt an Dinkelsbühl und Rothenburg denken, wirkt dabei aber „normaler“ und lebendiger.

Wo der Kaiserstühler Wein wächst

Endingen: wirklich fein gemacht

Gegen eins sind wir bei Kai Bendixen, sprechen die Inspektion durch, deponieren die Mehrzahl unserer Taschen und überlegen danach, wie wir am besten ins Hotel in Kirchzarten kommen. Mo will ein Taxi zum Bahnhof rufen, das müsste aber extra aus Freiburg kommen, und wir verzichten. Gegenüber ist eine Europcar-Station, mal sehen, ob's da vielleicht für 50 Euro ein Auto gibt. Leider nicht, aber nach viel fröhlichem Palaver macht uns die Mitarbeiterin ein Angebot, das wir nicht ablehnen können: ein nagelneues Mercedes E-Klasse Cabrio mit allem Schnickschnack der Welt zum Preis eines kleinen Citroen.

Ziemlich breites Grinsen für einen Hamburger

Mit diesem Gerät fahren wir nach Hinterzarten und erleben endlich einmal live, was wir in den Jahren unserer Arbeit für Mercedes immer behauptet haben. Und es stimmt alles!!


Im Schlegelhof duschen wir fix, Mo will „sofort in den Schwarzwald“. Wir kurbeln rauf auf den Schauinsland, wo wir im Hotel Halde Schwarzwälder Kirschtorte verspeisen und ins Land schauen. Anschließend geht's zum Abendessen nach Horben in den Raben (siehe Archiv März 2011), wo wir zuerst den Weg für die nächsten Tage festlegen (bis Baumes-les-Dames) und uns dann über die Kreationen des Herrn Disch hermachen.

So sieht's hinter der Halde aus

Um elf sind wir zurück im Schlegelhof und fallen zufrieden ins Bett. Mo schreibt in ihr kleines schwarzes Buch: „Toller Tag!“

Dialog am Abend:
„Ich brauch' keine Sauna, keine Gesichtspackung, keine Wellness.“
„Also, Gesichtspackung wär' schon mal gut.“

Mittwoch, 13. Juli 2011

Kann nicht mal einer die Dusche abdrehen?

Das Frühstück in Kilstett ist bemerkenswert: tolle Baguettes, reichlich Butter, super Croissants und dazu Café und lait separiert. Wir verabschieden uns mit „à la prochaine“, mal sehen, wie lange es dauern wird.

Falls wir wieder den Weg über La Wantzenau nehmen, wird es sehr lange dauern. Denn so, wie wir uns bereits im März auf dem Weg gen Norden im Ort verfransten, so kurbeln wir auch diesmal unnötig lang in Richtung Süden. Ab der Ill-Brücke wissen wir dann wieder, wo's lang geht: durch den Wald, auf den Damm und so weiter in Richtung Strasbourg.

Etwas plump formuliert, aber der Franzose weiß schon, warum wir ihn besuchen

In der Stadt steuern wir zunächst einmal den Treffpunkt aller Digital-Nomaden an: die McDonald's-Filiale im Stadtteil Meinau, um dort bei einem Café und einem Muffin Choco ein bisschen Büroarbeit zu erledigen. Anders als der juvenile Handelsvertreter, der einen kompletten Vierertisch mit Laptop, Ordnern und losen Unterlagen belegt hat, und dem eher dem arabischen Raum zuzuordnenden Vieltelefonierer, bleiben wir mit der Arbeit lieber draußen, weil das die Beobachtung der Räder erleichtert.

Nach getaner Arbeit fahren wir ein ganzes Stück durch das sowohl industriell als auch islamisch geprägte Viertel. Erst die Autolackiererei, dann die Moschee, dann der Metall verarbeitende Betrieb und gleich dahinter die islamische Schule und der Deko-Laden „1001 Décoration“ (kein Scherz!).

Auf dem weiteren Weg Richtung Illkirch-Graffenstaden müssen wir den Radweg infolge Bauarbeiten verlassen. Das Ausweichen auf die ebenfalls aufgerissene Straße wird uns per deutlicher Schildersprache verboten, so dass wir uns bis fast zum Kanal illegal auf der Straße fortbewegen müssen.

Wenig Betrieb am Canal du Rhin au Rhone

Um dem Fremden das mit der Zeit eintönige Fahren am Kanal etwas abwechslungsreicher zu gestalten, baut der Franzose immer wieder mal eine déviation ein. Wir haben dadurch heute Gelegenheit, Plobsheim und sein Einkaufszentrum mit Boulangerie, Norma und diversen Kleingewerblern kennenzulernen.

Aus der zunächst willkommenen Chance, fürs Mittagessen zu sorgen, wird ein Aufenthalt von rund einer Stunde. Wir wären gerne nicht so lange geblieben, aber gleich nach dem Einkauf beginnt es zu schütten, so dass wir besagtes Mittagsmahl (lecker lokales Baguette und lecker Norma-Camembert) gleich vor Ort unter Normas aus- und einladendem und vor allem regensicheren Vordach konsumieren.

Wir bleiben trocken, Plobsheim wird nass

Gegen eins geben wir unseren Widerstand auf und packen die Regenklamotten aus: Jacken und Hosen von Löffler, Gonso und Vaude, Helmüberzüge und Socken von Gore und Sattelschützer von Brooks. Und siehe da, alles funktioniert prächtig, wir können die Anschaffung jedem empfehlen, der längere Zeit oder generell wetterunabhängig mit dem Rad fahren möchte. Mit nachlassendem Regen steigt allerdings die Befeuchtung von innen durch Schwitzwasser, so dass wir uns auf Höhe von Boofzheim (die älteren Leser werden sich erinnern) wieder aus den Plastikhüllen schälen.

Im weiteren Verlauf der Strecke entdecken wir einen für uns neuen Radwegabschnitt in Richtung Marckolsheim, dem wir über zwei Schleusenabschnitte folgen. Der offensichtlich kaum genutzte Weg entlang des nicht mehr befahrbaren Kanals ist geschottert und zum Teil so tief, dass man das Rad kaum mehr beherrschen kann. Außerdem kostet das Fahren enorme Kraft, weshalb wir die Fahrt bei Bindernheim wieder auf die Landstraße verlegen.

Kostet mehr Kraft als man sieht: der Radweg am Kanal nach Marckolsheim

Inzwischen wird es Zeit, das bei Norma erworbene Backwerk zu konsumieren. Es heißt „Gâteau four noisette“ bzw. in der deutschen Übersetzung „Rosco Füllstoff aus Kakao-Haselnusscreme“ und enthält laut gleichsprachiger Zutatenliste alles, was Mo nie essen würde, wie z.B. Feuchtigkeitscreme, säverungsmittel und Konservativ. Wir verabreden, das Teil auf der Bank beim nächsten Kriegerdenkmal zu verzehren. Mangels Kriegerdenkmal muss in Schwobsheim der örtliche Brunnen herhalten. Und Rosco Füllstoff ist so schnell verputzt, dass fürs Lesen besagter Zutatenliste erst hinterher die Zeit kommt.

Mit extrem gestiegenen Blutzuckerspiegel geht es weiter gen Marckolsheim, leider holt uns die Front, die so fern schien, ein paar Kilometer vor dem Ortseingang ein:

Da hinten wird's schon dunkler


Den ersten Guss warten wir im Schutz eines Hauses am Straßenrand ab, parallel werden die Regensachen wieder bemüht, und mit nachlassender Intensität des Wasserschwalls setzen wir uns wieder auf die Räder. Von Marckolsheim führt eine Bundesstraße über den Rhein, und der erste Ort ist unser Ziel: Sasbach am Kaiserstuhl. im dortigen Löwen haben wir auf unserer ersten Rheintour vor ca. 12 Jahren Station gemacht, und es hatte uns gut gefallen.

Den Löwen gibt es immer noch, und er wird kaufmännisch einwandfrei geführt. Heute hat er einen separaten Neubau, heute spuckt der Reisebus 80 Rentner in die Gaststube (was uns in den Nebenraum verschiebt), heute wird abends nichts mehr serviert, wir werden abgespeist.

Immerhin: Die Forelle Müllerin ist gut, der hausgemachte Pflaumenkuchen ebenfalls (wo sind denn jetzt die Pflaumen reif?). Leider hat die regionale Spezialität „Schäufelchen“ mit der hessischen oder fränkischen Speise gleichen Namens nichts gemein, es ist einfach warmes Kasseler mit warmem, aber weitgehend geschmacksfreiem Kartoffelsalat.

Erlesene Speisen in ebensolcher Kammer

Dienstag, 12. Juli 2011

Kann nicht mal einer den Backofen zumachen?

Der Morgen beginnt mit RPR 1. Wie die Abk. schon sagt, ist das ein Radiosender, der in RP gehört wird. Schon nach wenigen Sekunden wird klar, dass Nachrichten und Formatradio einfach nicht zusammenpassen. Denn irgendwie hat der Moderator erfahren, dass nun auch mit Italien etwas nicht optimal läuft, und so posaunt er im Gute-Laune-Modus in die Welt, dass alle Hörer ihn mal anrufen und die Frage beantworten könnten, ob sie nun „Angst um den Euro haben“.

Gottseidank kommt bei Formatradio nach jedem Satz ein neues Liedchen.

Das Frühstücks-Angebot des Hotels ist wie für uns gemacht: Wasserflaschen werden kostenfrei aufgefüllt, das Buffet ist fürs Broteschmieren freigegeben, so dass wir parallel zum Frühstück schon das Mittagessen vorbereiten können.

Wir schaffen es, bis neun Uhr auszuchecken, kurz vor halb zehn rollen wir los. Abgesehen von den hohen Temperaturen vor der Tür fängt die Etappe gut an. Der gestern getauschte Schlauch hält die Luft, die Ausfahrt aus Germersheim ist schnell gefunden, und die ersten Kilometer rollen fast wie von selbst.

Idylle bei Sondernheim, hinter uns tanzt Zorbas den Souvlaki

Umbauarbeiten am Hauptdeich zwingen uns durch Hördt, Kuhardt und Leimersheim, danach dürfen wir wieder in den Schatten der Bäume.

Wir sind wieder auf dem Damm


Leider ist mit den Bäumen bald Schluss, und wir haben das Gefühl, mit ordentlich Tempo in
einen offenen Backofen einzufahren. Dieses Gefühl wird heute anhalten bis wir anhalten, zwischendurch dreht aber irgendwer kontinuierlich die Backofentemperatur hoch. Bei über 30 Grad im Schatten dürften wir in der Sonne auf mindestens 40 Grad erhitzt worden sein.

Gerade mal ein paar Monate alt, schon machen die Jung-Störche die Rheinauen unsicher

Pfälzer Center-Welt vor Maximiliansau

Gegen zwölf passieren wir die Grenze bei Lauterbourg, wenige Kilometer später beginnt die 
„Réserve naturelle du Delta de la Sauer“. Deren breites Ende ist von Schwänen okkupiert, die Ufer sind mit kleinen Booten geschmückt, und kein Mensch weit und breit.

Auf französischer Seite müssen die Menschen nämlich arbeiten. Wir sehen sie in den unzähligen Kies- und Sandwerken entlang des Radwegs. Auf deutscher Seite machen sie in großer Zahl Urlaub am Rheinufer. Wir sehen die kleinen Strandabschnitte, die mit bunten Sonnenschirmen gekennzeichnet sind.

Die Rheinfähre bei Plittersdorf kannten wir bisher nur aus dem Verkehrsfunk

Am Ende des Naturparks finden wir auf Höhe von Seltz ein schattiges Plätzchen für unsere Mittagspause. Essen haben wir reichlich, leider wird langsam das Flüssige knapp, was bei den steigenden Temperaturen als kontraproduktiv empfunden wird. Und bis Drusenheim gibt es keine Gelegenheit zur Flüssigkeitsaufnahme mehr. Immerhin schieben sich Wolken vor die Sonne, aber parallel wird es auch schwül.

In Drusenheim erleichtern wir Leclerc um mehrere Flaschen Vittel, etwas Apfelsaft und eine Dose Cola, die gleich verzehrt wird. Müllers haben heute Ruhetag, wir machen uns auf den Weg nach La Wantzenau. Darüber freut sich offensichtlich die Sonne, die uns auf dem weiteren Weg wieder mit voller Wucht anlacht.

In Kilstett nehmen wir das erste Hotel, das wir sehen, und diese Wahl soll sich als Volltreffer erweisen. Zum frisch renovierten und ziemlich günstigen Zimmer mit tollem Bad gibt's abends frische Flammekuchen aus dem Holzofen. Das schmeckt nicht nur uns, sondern auch dem Elsässer – das Restaurant ist zu gut 50 Prozent gefüllt, und in der Winstub sitzen auch nochmal zehn, zwölf Gäste.

Unsere Räder sind übrigens ebenso gut untergebracht wie wir: direkt neben dem Auto des Chefs, das etwa so alt ist wie wir, aber nach Auskunft der Chefin deutlich weniger bewegt wird.

Übernachten in bester Gesellschaft

Zweiter Tag, zweiter Unfall, erster Plattfuß

Der Weg raus aus Worms ist etwa so prickelnd wie der Weg rein nach Worms. Einziger Vorteil – man kommt raus aus Worms.

Was man in der Stadt nicht findet, sind z.B. Lebensmittelläden. Der Eingeborene empfiehlt deshalb die Fahrt ins Einkaufszentrum. Dort gibt es alles, was es früher in der Stadt gab, und garantiert nie mehr dort geben wird. Wir füllen unsere Wasservorräte nach und erkennen beim Blick über den weitläufigen und gut gefüllten Parkplatz, dass wir das gleiche System bereits in Wörth gesehen haben.

Das Ergebnis ist hier wie dort gleich: Die Pfälzer Innenstädte sterben peu à peu aus. Und in den verbliebenen Fußgängerzonen reihen sich die üblichen Verdächtigen.

So ist es zehn Uhr geworden. Wir quälen uns raus ins Grüne, rauf auf den Rheinhauptdeich, der uns bis Speyer begleiten wird.


Erster Stop bei Petersau, wo der agile Reitlehrer die lokale Damen- und Pferdeschar bewegt (und uns zu recht darüber aufklärt, dass es durchaus angebracht wäre, fremde Menschen nach Erlaubnis zu fragen, bevor man sie fotografiert oder filmt). Weitere geplante Stopps an zwei Badeseen fallen wundenbedingt aus.

Hinter Worms führen alle Wege nach Ludwigshafen

Hätten sie sich auf Anilin und Soda beschränkt, sähe es hier heute anders aus

Nach der LU-Umfahrung durch den Mundenheimer Waldpark erreichen wir den Getränkemarkt Bruch in Altrip (Motto der Firma: Alles geht zu Bruch). Der Chef persönlich weist uns den Weg zu einer schönen Abkürzung, ab der Kollerinsel sind wir dann wieder auf dem „normalen“ Weg.

Kurz vor Speyer gönnen wir uns ein spätes Mittagessen auf dem Deich. Es wird langsam heiß. Speyer selbst empfängt uns mit der Sommer-Kirmes, durch das von der März-Fahrt bekannte Industriegebiet kommen wir ohne Innenstadtkontakt weiter südwärts. Der Deichbau im Süden führt uns über einen Umweg durch Mechtersheim, anschließend geht es über den Lingenfelder Altrhein und weiter in die Festungsanlagen im Norden Germersheims.

Wenige Kilometer vor der Stadt kommen uns in einer Linkskurve vier Radler entgegen, zwei davon leider auf unserer Spur. Das Problem: die Herrschaften reagieren falsch bzw. gar nicht, sie fahren einfach weiter. So sind wir gezwungen, in die Wiese auszuweichen, diesmal keinen Sturz, aber Mo knallt mit dem Knie wieder an den Lenker, der die Wunde von gestern erneut zum Bluten bringt.

Wenn das so weiter geht, fahren wir nicht mehr lange.

Was man sieht: Teile der Festung, was man nicht sieht: Teile von Glasflaschen – pfffft

In Germersheim rasten wir rechts auf einer schattigen Bank, suchen und finden ein Hotel, und als wir uns auf den Weg dorthin machen, ruft Mo zwar noch „Vorsicht, Scherben!“, aber da ruft auch das Hinterrad schon „Pfffft“ zurück. Die Fahrt zum Hotel wird so zum Schub ins Hotel, dort erstmal abpacken, Schlauch wechseln (und dabei feststellen, dass man nur falsche, weil zu dicke Schläuche dabei hat), dann endlich duschen und ruhen.

Abends serviert die hauseigene Stube den Pfälzer Teller und man freut sich auf den nächsten Abend in Frankreich.