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Mittwoch, 15. August 2012

27. Mai 2012, der achtzehnte Tag: Langon–Bordeaux, 70,21 km

Vom feinsten Wein ans Ufer des Wassers

Der Tag fängt gut an: Morgens gibt's erstmal Ärger wegen Mos Motivation, und ich bin gedanklich schon wieder auf dem Heimweg. „So nicht!“ schallt es mir entgegen, Madame möchte unbedingt weiter und verspricht, weniger zu jammern.

Nach dem Frühstück fahren wir auf der D125 nach Sauternes, suchen und finden das Château d'Yquem, das auf unsere Ankunft vorbereitet scheint und alle Zufahrten abgeriegelt hat. Dafür ist die weitere Strecke auf den kleinen Landstraßen durch Graves schön und geht vor allem schön rauf und runter. Überall steht der Wein an überraschend kleinen Stöcken.

Sauternes, sauteuer

Wir folgen weiter der D125, die sich nach Landiras schlängelt, wo uns der sonntägliche Markt erwartet. Es ist noch früh, aber wir nutzen natürlich die Gelegenheit und decken uns mit allerlei Essbarem ein.

Ein ganz besonderer Glücksgriff sind drei komische Tomaten, die so schrullig aussehen, dass sie einfach optimal zu uns passen.

In Cabanac-et-Villagrains sehen wir am Ortsende eine junge Frau, die frische Austern verkauft. Erst düsen wir vorbei, dann drehen wir um und erstehen zwei ansprechende Exemplare, die sie fröhlich für uns öffnet. Man muss sich wundern, wie gut Austern schmecken, wenn sie gestern noch in ihrem Bassin waren ...

Auf dem Markt der Ochsenherzen

In La Brède finden wir einen schattigen Platz zum Mittagessen. Zwischen uns und einer weiteren mobilen Austern-Verkaufsstelle steht ein Tisch, den ein Pärchen mit Weingläsern bevölkert. Ich ringe dem Austernfischer sieben seiner Erzeugnisse für zwei Euro ab, er macht sie auf, findet eine passable Transportunterlage, und das Pärchen am Tischchen hebt anlässlich meines Vorübergehens die Gläser und gibt mir ein „Bon appétit“ mit auf den Weg.


Anfangs schaut uns nur der Baron de Montesqieu beim Essen zu, später gesellen sich zwei Liegeradler zu ihm, die unbedingt mit uns ins Gespräch kommen wollen. Es sind Norweger, die in Bordeaux leben, früher auch viel mit dem Rad reisten und seit einiger Zeit in die Horizontale umgestiegen sind, da die Gattin Probleme mit Armen und Schultern hat. Am Ende des Gesprächs schenken sie uns eine Bordeaux-Straßenkarte, die uns sehr gelegen kommt (wir sind mal wieder mangelhaft vorbereitet) und die sie sich jederzeit wieder im Office du Tourisme aneignen können.


Mittagessen mit Montesqieu

Es sind jetzt noch etwa 20 Kilometer bis in die wichtigste Stadt Südwestfrankreichs. Wir fahren durch schöne, sichtlich wohlhabende Vororte, durch absolut hässliche Stadtteile, vorbei am Gare Saint-Jean und stehen um halb fünf mitten auf der Place de la Victoire.

Unsere Frage nach dem Stadtzentrum beantwortet eine dentaltechnisch unterversorgte Einheimische kopfschüttelnd mit dem Hinweis, das wir bereits mittendrin seien und einer Wegweisung in die Rue Sainte-Cathérine – da hätten wir fünf Kilometer Centre ville. Die Fußgängerzone ist düster und wirkt billig, wir essen gleich vorne an der Ecke zur Rue des Augustins ein Sieben-Euro-Eis und fühlen uns so unwohl, dass wir nicht bleiben, sondern lieber schnell wieder fahren wollen.

Aber wenn wir nun schon mal da sind, können wir der Straße ja ruhig noch ein Stück weit folgen.

Im Radumdrehen von der Poverté zur Pracht

Unser touristischer Mut wird reich belohnt: Die Straße wird heller, schöner, breiter und führt in eine wirklich prachtvolle Innenstadt. Jetzt muss erstmal ein Hotel her, und zwar fix.


Unser Führer schickt uns in die Rue Huguerie, eine ruhige Straße in einem Viertel mit vielen kleinen Stadthotels, die es sich (und hoffentlich auch ihren Gästen) in den alten Bürgerhäusern gemütlich gemacht haben. Unseres hat seinen Hinterhof zu einem lebendigen Jardin umgebaut, der von vier neu erbauten Zimmern begrenzt wird; in einem davon werden wir die Nacht verbringen.


Die Schwangere an der Rezeption trägt das hautenge Kleine Schwarze, gibt uns Tipps fürs Abendessen und fragt ob ich französische Vorfahren habe – endlich mal jemand der der Schreibweise Rechnung trägt.


Rechts die Opéra National de Bordeaux, hinten das Monument aux Girondins mit schrägem Vogel

So kann es ausssehen, wenn man nah am Wasser gebaut hat

Wir duschen sehr schnell, flanieren dann knapp zwei Stunden durchs Zentrum und sind völlig von den Socken. Die Stadt hat zwar nur rund als 250.000 Einwohner, beeindruckt aber durch ihre großzügige Anlage, unzählige sensationelle Bauwerke und eine unglaubliche Kombination von Geschäften und Geschichte, Restaurants und Restaurierung, Klima und Kathedrale.

Ein technisches und gestalterisches Highlight erwartet uns am Ufer der Garonne: Le miroir d'eau. Auf rund dreienhalbtausend Quadratmetern tummeln sich Jung und Alt im zwei Zentimeter hohen Wasser, in dem sich die Place de la Bourse mit den sie umschließenden Bauten spiegeln könnte, wenn, ja wenn Jung und Alt sich nicht im Wasser tummelten, sondern dessen Oberfläche spiegelglatt wäre.

An der Garonne vergnügt man sich gern auf dem Wasserspiegel

Fazit der Flaneure: In einer Stadt, die Richard II. von England und den kleinen Nick zu ihren Kindern zählt, wäre man selbst gern zu Hause. Wir beschließen, zumindest zu Hause zu essen. Nahe der Place Gambetta verköstlicht man uns mit einem 800g-Entrecôte sowie Frites et Salade à volonté. Dazu einen regionalen Rotwein, der ruhig so gut hätte sein können wie der von gestern Abend an der Mautstation.

Auf dem Rückweg zum Hotel freuen wir uns schon auf die Fahrt durch die Stadt morgen früh.

Was neben dem Tisch passiert oder Das Auge isst mit

Samstag, 11. August 2012

26. Mai 2012, der siebzehnte Tag: Sérignac-sur-Garonne–Langon, 89,79 km

20 Euro sind 20 Euro zu viel

Der Tag beginnt anders als erwartet: mieses Wetter mit Aussichten, die keine Besserung versprechen. Also beschließen wir beim Frühstück in der stilecht dekorierten Halle, die Verlängerung zu stornieren und weiterzufahren.

Das Hotel macht keine Probleme, glücklicherweise ist auch Mos Wäsche schon fertig (aber leider nicht sauberer), so dass wir packen und uns kurz nach zehn auf den Weg machen können. Entlang der bereits vertrauten Obstplantagen kommen wir gut voran, der Wind kommt aus ebenso vertrauter Richtung und bringt eine leichte Schwüle mit. Irgendwann kommen uns zwei Eselwanderer entgegen, deren Weg wir an der unterwegs hinterlassenen Eselscheiße noch eine ganze Weile zurück verfolgen können.

Hier stehen die Pflaumen stramm, ...

... und hier die Bäume

In Buzet-sur-Baïse drängelt sich eine alte Vettel an der Kasse vor und hat Glück, dass ich die Landessprache nicht beherrsche.

Das alles für 2,03 Höhenmeter: l'Écluse de la Gaule

Und das alles für uns

Unsere Mittagspause begehen wir in Fourques-sur-Garonne, wo heute die Hölle los ist. Der örtliche Ruderclub feiert seinen neuen Achter, dessen Anschaffung lokale Firmen gesponsort haben. Das heißt: Rund um den Hafen wimmelt es von Ruder-Nachwuchs und Ruder-Nachwuchs-Eltern, das Ufer des Kanals wird von Penichettes aller Art und Größe belegt, und irgendwo ganz weit hinten probt die heimische Rockband für ihren abendlichen Auftritt.

Wir lassen von all dem unseren Appetit anregen, schauen der ersten Zuwasserlassung des Achters und dem damit eng verbundenen Vergnügen der Besatzung zu und fahren nach etwas mehr als einer halben Stunde gut gestärkt weiter.

In die Auslage – los!

Mit dem Nachmittag wird es wärmer, die Allee am Kanal wird links und rechts um weitere Baumreihen erweitert – das sieht schon irre aus. Hinter Meilhan-sur-Garonne reißt rechts das Land auf: riesige Äcker, überall riecht man den blühenden Holunder.

Außerdem ist heute Samstag, und da macht der Franzose, was er gerne macht: Rad fahren, Boule spielen oder Fische fangen (mehr oder weniger). Im konkreten Fall überführt er diese Beschäftigung in ein familiäres Event namens „Admirez le Papa!“. Ehefrauen und Kinder werden zu diesem Zweck mit ans Ufer transportiert, neben dem Fahrzeug postiert und sitzen in der Folgezeit ohne weitere Aufgaben hinter bzw. neben Papa am Ufer und halten den Mund (reden hält die Fische vom Beißen ab).

Wir passieren entlang des Weges viele dieser Grüppchen, am meisten beeindruckt uns die unten abgebildete Reihe von etwa 50 Familien, die ohne jegliche Interaktion, dafür in sehr regelmäßigem Abstand voneinander das Ufer bevölkern. Die Ernährer nehmen wohl an einem Wettbewerb teil und können sich für jeden Fang direkt von ihrem Anhang bewundern lassen.

Französischer Familienausflug 2012

Bei Castets-en-Dorthe (ist das nicht diese Sängerin, die sich Ende der 1960er Jahre bei den Düsseldorfern unbeliebt machte?) mündet der Kanal in die Garonne, wir müssen fürs erste Abschied nehmen von schnurgeraden Radwegen entlang flacher Wasserstraßen. Nach ein paar Metern durch Dorthes Naherholungsgebiet geht es ziemlich steil hoch in den Ort und auf der D224 weiter in Richtung Langon. Oben angekommen ist Madame völlig entsetzt, dass es „schon wieder in die Berge“ geht.

Von der Garonne geht es auf ein höheres Niveau

Wir haben nun par jambes die Weingärten des Bordelais erreicht, da sollten wir den ersten Abend – zumal wir den geplanten Ruhetag gestrichen haben – angemessen begehen. Das passende Hotel haben wir schon ausgesucht, es liegt im Ortszentrum, wir parken direkt unter dem Baldachin.

Drinnen erwartet mich stilvolles Ambiente (s.o.) und eine junge Frau mit klaren Preisvorstellungen. Mo prüft das teure Zimmer und ist einverstanden, ich prüfe die drei teuren Menüs, die zur Wahl stehen, und bin auch einverstanden. Leider blüht die Weinkarte im Verborgenen, aber wir sind weit gekommen und zu (fast) allem bereit.

Offensichtlich will besagte junge Frau genau diese Bereitschaft über die Grenzen hinaus belasten, denn auf meine Frage nach einem Platz für die Räder fordert sie pro Rad zehn Euro Parkgebühr. Ich frage freundlich, ob sie noch alle Latten im Zaune hat, aber sie lässt sich von ihrer Forderung nicht abbringen. Damit bringt sie uns vom Hotel ab.

Adieu, Monsieur Darozze ...

Nicht alles ist Käse in Langon: l'Église Saint-Gervais

Entrüstet nehmen wir einen Café am Platz und blättern in unserem Logis-Katalog nach Alternativen. Es gibt exakt eine: direkt an der Mautstation am Autobahnzubringer. Der Weg dorthin führt über belebte Straßen und am Ende zu einer Motel-ähnlichen Ansammlung von Gebäuden. Madame ist freundlich, unsere Räder bekommen die Abstellkammer direkt neben unserem Zimmer; natürlich kostenlos, aber leider im ersten Stock, so dass wir unser gesamtes Hab und Gut die Treppe hinauf schleppen müssen.


Das Zimmer ist karg möbliert, aber insgesamt OK, vom Fenster aus sehe ich, wie eine stattliche Ratte in einem Loch neben dem Fallrohr verschwindet. Es ist kurz nach sechs und eigentlich noch ziemlich früh für ein anständiges Nachttier.


Das Essen ist viel besser als erwartet (Chèvre chaud, Vorspeisen vom Buffet, Magret de Canard, Pavé de Boeuf), der Service schwer auf Draht und der Wein super. Am Tisch hinter uns bestellt eine Amerikanerin ein Bier und eine Flasche Rotwein, das Bier ist für ihren Mann, den Wein presst sie in ihren eigenen Körper. Und weil das während der Mahlzeit nur unzureichend klappt, füllt sie das Glas zum Abschied noch einmal randvoll auf und balanciert es und sich in Richtung Treppe.


Wünschen wir ihr eine angenehme Ruhe ...


Panaroma an der Mautstelle, schließen wir die Vorhänge

Mittwoch, 8. August 2012

25. Mai 2012, der sechzehnte Tag: Toulouse–Sérignac-sur-Garonne, 133,83 km

„Was ist denn das für ein Moloch?“


Wir wiederholen das leckere Frühstück vom Vortag und verabschieden uns anschließend gefühlsduselnd und langatmig von unserer Gastgeberin. Sie gibt uns noch die grobe Richtung vor – am Fluss lang, dann der Allée de Barcelone nordwestlich folgend – und den Hinweis, dass es am Ende etwas unübersichtlich werden könnte.


Besagter Hinweis erweist sich vor Ort als durchaus berechtigt, denn wo die Allée aufhört, treffen sich praktisch alle Wasserwege der Stadt: Wir kommen entlang des Kanals von Südosten, aus östlicher Richtung schwappt der Canal du Midi heran, im Westen fließt die Garonne, und wir finden unsere Fortsetzung in Richtung Norden nicht: den Canal Latéral à la Garonne. Was die Suche erschwert, sind sechs gut befahrene städtische Straßen, eine Autobahn mit vier Auf- bzw. Ausfahrten und der Port de l'Embouchure, der alle Kanäle in seinem großen Becken auffängt.


Den Sender meines Pulsgurtes, den ich seit vorgestern Abend (Castelnaudary) vermisse, habe ich übrigens nicht wiedergefunden. Ich fahre also weiter unter Überlast.


Grober Überblick über unsere ersten 25 Tageskilometer

Unser Herumirren fällt einer ortskundigen Radfahrerin auf, sie nimmt uns mit über die Ponts Jumeaux und entlässt uns auf der anderen Seite mit der klaren Anweisung, nur noch geradeaus zu fahren. Da können wir auf den folgenden Kilometern gar nichts falsch machen, denn die Route führt schnurgerade entlang der dunklen Brühe des Kanals.

Außer uns ist kaum jemand auf der Strecke, die Piste wechselt immer wieder mal von der einen auf die andere Seite. Und die Temperatur steigt.

Hier muss man niemand nach dem Weg fragen

Wir passieren weitläufige Gewerbegebiete und Schienenanlagen, sehen rechts oben die Vororte, die besser verdienenden Mitarbeitern des loklalen Flugzeugbauers als Ghetto dienen und erreichen irgendwann Montech, wo wir ein Baguette erstehen.

Gegessen wird es in Castelsarrasin, zunächst an einem heißen und sonnigen Platz rechts des Kanals, nach der Mahlzeit fällt uns dann auf, dass es auf der anderen Seite viel lauschiger, schattiger und freundlicher gewesen wäre. Also siedeln wir um, schauen den Bewohnern der anliegenden Boote beim Nichtstun zu und verlängern die Pause ohne weitere Nahrungsaufnahme.

Mittags: Blick nach dem Essen

Nachmittags: Fahrt über den Tarn. Wenn du kippst, dann bitte nach rechts

Wo sich Tarn, Garonne und Kanal begegnen: Moissac

In mehr oder minder regelmäßigen Abständen sehen wir im 90-Grad-Winkel abgeknickte Rohre im Wasser stehen und vermuten sofort illegale Abwassereinleitungen. Irgendwann geht uns dann auf, dass es Wasserentnahme-Leitungen für die Obstbauern sind, die sich unter solch flockigen Namen wir Fructi-Garonne, Du Chemin des Sables oder Europlant am Kanal angesiedelt haben und ihn als Bewässerungssystem für ihre Äpfel, Birnen, Pflaumen und sonstigen Erzeugnisse nutzen.

In Valence gönnen wir uns einen Besuch im Supermarkt und im Café unter schattigen Arkaden einen kleinen Braunen, den die Kellnerin samt Internet-Passwort serviert – das gäb's zu Hause nicht. Die Temperatur steigt immer noch!

Sieht kühler aus als es ist: Valence

Die letzten Kilometer bis nach Agen ähneln einer mittleren Tortur. Es wird immer heißer, der Schatten entlang des Weges nimmt ab, und als wir endlich über eine große Brücke im Zentrum der Stadt ankommen, nimmt Madame mir die Worte aus dem Mund: „Was ist denn das für ein Moloch?“

Hier wollen wir nicht bleiben. Da nützt es der Stadt auch nichts, dass sie Francis Cabrel zu ihren Söhnen zählt. Also blättern wir am Fuß der Brücke in unserem Hotelverzeichnis und finden die nächste Möglichkeit in 25 Kilometern Entfernung. Das Haus hat noch ein Zimmer frei, wir buchen es, suchen uns anschließend den Weg quer durch die Stadt an den Kanal (c'est très compliqué) und fahren recht wortkarg an endlosen Pflaumen-Plantagen vorbei in Richtung Westen.

Die Früchte werden unter hohen Plastikdächern aufgezogen, die sicher ebenso wirksam wie Gewächshäuser sind, sich dank ihrer filigranen Bauweise aber nicht so monströs in die Landschaft platzieren. Mit zunehmender Strecke scheint der Weg schneebedeckt: Irgendein Baum blüht, was das Zeug hält, und da wir in Toulouse alle beweglichen Teile frisch gefettet haben, sitzen die während der Fahrt aufwirbelnden Samen bald in Klumpen auf Schaltung, Naben, Bremsen usw. Nach zehn Kilometern müssen wir anhalten und das Zeug mit großen Blättern abwischen, um die Fahrt fortsetzen zu können.

Kurz vor dem Schneefall

Im Hotel angekommen, erfreuen wir uns an der tollen Umgebung und dem erfreulichen Zustand des alten Gemäuers, aber schon beim Auspacken ereilt uns der nächste Schicksalsschlag: Der Apfelsaft in Mos Tasche ist teilweise ausgelaufen und hat u.a. ihre helle Hose und ihre beste Bluse kontaminiert.

Wir waschen alles aus, so gut es geht, und gehen dann essen. Auch hier haben die Eigner mehr richtig als falsch gemacht. Die Terrasse ist ein Traum, der Wein schmeckt hervorragend, es gibt Maki sud-ouest, für das eine hauchdünn geschnittene Entenbrust gerollt und mit Foie gras und Pflaume gefüllt wird.

Die Vorhersage verspricht für morgen tolles Wetter, nach mehr als 130 Tageskilometern haben wir uns etwas Ruhe verdient, und das Hotel hat einen Pool. Wir buchen eine weitere Nacht und geben die vom Apfelsaft versauten Klamotten zum Waschen an der Rezeption ab.

Alle schlafen gut.

Sonntag, 22. Juli 2012

24. Mai 2012, der fünfzehnte Tag: Waschtag in Toulouse

Schreiben, waschen, fetten

Früh links erwachen, dann zum Boulanger rechts nebenan. Unsere Gastgeber arbeiten bzw. spielen Tennis, wir versorgen die ausgelaugten Körper mit Kalorien.

Anschließend lassen wir die Waschmaschine rotieren, Mo sortiert auf Evas Rechner die Bilder der letzten beiden Wochen und lädt sie auf einen dieser bösen One-Click-Filehoster hoch, damit sie von anderer Stelle gesichert werden können. Das schafft auch ungemein Platz auf der Speicherkarte. Ich schreibe weiter am Blog, muss aber erkennen, dass 14 Tage Abstand zum Geschehen nur schwer zu kompensieren sind. Es läuft alles andere als flüssig, mehr als zwei Tage schaffe ich nicht, so dass ich beschließe, ab heute jeden Tag zumindest in Stichworten schriftlich festzuhalten und mir damit bessere Voraussetzungen für die nächste Schreibmöglichkeit zu schaffen.

Während die Wäsche auf der von Sonne überfluteten Terrasse trocknet, steuern wir eine Tankstelle in der Nähe an, wo wir unsere verdreckten Räder mit Hochdruck reinigen wollen. Wie der Zufall es will, kommen wir unterwegs an einem Fahrradladen vorbei, eine innere Stimme rät mir, dort Rat zu suchen, und wir erfahren, das Hochdruck die denkbar ungeeignetste Form der Reinigung ist.

Der Händler lädt uns ein, die Räder in seinem Hof mit seinem Schlauch und Wasser zu säubern. Dieses Angebot nehmen wir gerne an, erwerben im Gegenzug das passende Fett und einen Rad-Reiseführer bei ihm. So wäscht eine Hand die andere und am Ende sind alle fein raus.

Hebamme wider Willen an der Supermarkt-Kasse

Gemeinsam mit Eva fahren wir später bei 28 Grad Außentemperatur raus ins Einkaufszentrum, wo sie das Alltägliche und wir das – zumindest für uns – Besondere erwerben. Die beiden kommen im August in die Heimat und laden die Schätze dann bei uns ab. Apropos Schatz: Madame Leclerc kassiert uns freundlich ab und verabschiedet uns mit der ebenso freundlich gemeinten Erkenntnis, dass es für Eva bestimmt schön sei, wenn ihre Eltern sie besuchen.

Es dauert einen Moment, bis alle Betroffenen die Tragweite dieser Anmerkung realisieren, ihren Ursprung schieben wir auf die Tatsache, dass wir alle eine Brille tragen und aus Deutschland kommen. Danach gehen Mo und ich in die nächste Drogerie, um den Erwerb geeigneter Haarfärbemittel zu prüfen.

Zurück im Haus gibt's leckere Törtchen vom benachbarten Bäcker, danach wird die mittlerweile getrocknete Wäsche reisefertig verpackt. Und schon ist wieder früher Abend, Zeit für den Apéritif.

La Place de la Trinité am frühen Abend

Von der Rue des Filatiers schlagen wir uns später durchs Zentrum der Stadt bis auf den Boulevard de Strasbourg, wo René uns vier schöne Plätze in der warmen Abendsonne frei gehalten hat. Die Karte ist von Hand auf kariertes Schulheft-Papier geschrieben. Eine der Karten trägt auf der Rückseite in gleicher Schrift die Frage „Pourquoi tu ne me crois pas?“, was dem Tischgespräch zusätzliche Dynamik verleiht.

Es gibt Salade de gésiers, Raviolis maison, Tournedos rossini gefolgt von Rocamadour und Crème de marrons. Das Ganze wird begleitet von launigen Gesprächen (s.o.), einer munteren Kellnertruppe, interessanter Interaktion zwischen besagten Kellnern und der überproportional großen Schar weiblicher Gäste sowie drei Flaschen Rotwein. So wird der Heimweg über die auch zu später Stunde gut gefüllten Plätze und Straßen von Toulouse zum großen Vergnügen.

La Place du Capitole am späten Abend

Oh, là, là – Madame fotografiert mit Schlagseite

Samstag, 21. Juli 2012

23. Mai 2012, der vierzehnte Tag: Castelnaudary–Toulouse, 67,46 km

„Ihr habt ja 'n Sockenschuss!“

Während wir bei einem guten französischen Frühstück sitzen, hört der Regen langsam auf. Was ebenfalls verschwunden ist: der Sender meines Pulsgurtes, den ich gestern Abend vor dem Duschen – wie immer – abgenommen und auf dem kleinen Tisch im Zimmer platziert hatte. Da ich ihn auch nach dem Frühstück trotz intensiver Suche nicht finde, denke ich darüber nach, ob der lese- und schreibschwache Kellner eventuell während wir am Essen waren ... (ist ja nur ein Gedanke).

Ich fahre erstmal ohne los, das Teil wird sich schon finden.

Erste Station nach dem Auschecken ist der Supermarché auf der anderen Seite des Platzes, zweite Station das Office du Tourisme auf dem Platz. Drinnen ergattere ich eine Karte und weitere Informationen zur Fahrt aus der Stadt, draußen hat die Gattin schon wieder fremdländische Kontakte geknüpft und warnt zwei Französinnen vor dem Weg, der ihnen in Richtung Mittelmeer auflauert.

Kein Wunder, dass man die Bohnen gestern in höchsten Tönen loben konnte

Wir halten uns vom Kanal fern, folgen stattdessen der D33, die wunderbar asphaltiert ist und uns erst über die Autoroute des Deux Mers und danach durch kleine Städtchen wie Mas-Saintes-Puelles, Molleville und Baraigne führt. Unsere letzte Station im Département Aude ist Le Ségala, wo wir mal wieder den Weg nicht finden und Kontakt mit den Eingeborenen aufnehmen müssen.

Das mache ich im örtlichen Garten- und Blumenmarkt, dessen Besitzerin gerade eine Kundin durch die Freiluft-Ausstellung der unbezahlbaren Blumentöpfe führt. Während Mo Letztere ablichtet, amüsieren sich die Damen köstlich über den Gedanken, dass ein Mensch (!) mit einem Fahrrad (!!) am Kanal (!!!) von Castelnaudary (!!!!) nach Toulouse (!!!!!) fahren könnte.

Das Vergnügen endet damit, dass die beiden keine Idee haben, wie und wo das gehen mag. Aber sie wissen immerhin, wo der Kanal fließt. Und dort schicken sie uns hin.

Unbezahlbare Mietwohnung für Pflanzen aller Art

Durch eine Schranke führt ein Weg, der diesen Namen jetzt wieder verdient, auf rotem Sand nach Port Lauragais. Wir folgen ihm entlang einer großen Schleife rechts des Kanals und stehen nach Unterquerung einer großen Brücke plötzlich vor einem nicht vorstellbaren Anblick: Der Weg ist asphaltiert!


Wie es dazu kommen konnte, erklärt ein Schild am rechten Wegesrand:


Je besser das Département, desto besser der Weg. Oder war es umgekehrt?

Incroyable, mais vrai!

Vom ersten Schock erholen wir uns schnell, nun heißt es „Kette rechts!“ und mit endlich wieder normalem Tempo die restlichen Kilometer nach Toulouse abspulen.

Unsere Mittagspause verlegen wir auf einen hübsch angelegten Rastplatz auf Höhe von Villefranche-de-Lauragais. Er liegt zwischen Kanal und Autobahn und ist von beiden Verkehrsadern zugänglich. Auf dem Weg dorthin hatten wir schon drei Enten gesehen, die uns offensichtlich hinterher schwammen und kurz vor Ende der Pause an unserem Tisch auftauchen. Die drei machen schnell deutlich, dass sie nicht zum Spaß gekommen sind, sondern um den Tribut zu kassieren. Wir tun so, als hätten wir nichts gehört, und essen schnell die letzten Reste.

Inzwischen haben wir unseren SMS- und E-Mail-Verkehr mit Eva intensiviert, die immer noch keinen konkreten Hinweis darauf hat, dass wir schon wieder auf dem Weg zu ihr sind. Oder sie hofft inständig, dass dieser Kelch an ihr vorüber fahren möge.

Französische Raubvögel anno 2012

Zwei Kilometer vor Toulouse schicken wir das letzte Foto, jetzt sind wir so nah, dass eigentlich nichts mehr schief gehen kann. Die Antwort kommt smswendend: „Vorbeikommen! Jetzt! Sofort!“

Eva, wir sind dir näher als du denkst ...

Die Einfahrt in die Stadt ist sensationell. Auf der anderen Seite des Kanals liegt ein Hausboot hinter dem nächsten. Alte, neue, große, kleine, schöne, hässliche, bewohnte, verlassene – es ist wie ein Film, der langsam an uns vorüberzieht.

Da wir den Canal du Midi inzwischen für den Nabel der Welt halten, folgen wir ihm immer weiter, ohne wirklich zu wissen, wohin das führen soll. Schließlich wohnt Eva auch am Kanal, da werden wir also irgendwann bei ihr vorbei kommen.

Mein Haus, mein Boot, mein Kanal

Dieser auf den ersten Blick schlüssige Gedanke erweist sich spätestens an der Stelle als falsch, an der wir am Treffpunkt der Autobahnen A61, A620 und A623 mit den Europäischen Fernstraßen E72, E80 und E9 sowie diversen unscheinbaren Nationalstraßen wie der D19, D19a und D916 stehen und feststellen, dass es auf dem Trampelpfad entlang der Leitplanke einfach nicht mehr weiter geht.

Leider ist gerade keiner da, den man jetzt nach dem Weg fragen könnte, so dass erneut das Telefon herhalten muss. Es zeigt uns, wo's lang geht: Erst müssen wir ein ganzes Stück zurück, dann durch einen Park, durch die halbe Stadt und am Ende noch schnell über zwei große Brücken. Keine fünf Kilometer später stehen wir vor der gesuchten Tür.

Die Dame des Hauses hat die Flucht ergriffen, ein Handwerker öffnet uns, erklärt, dass Madame gleich wiederkommt, und macht die Tür wieder zu. Sie kommt tatsächlich Sekunden später, schaut uns zweifelnd an und sagt: „Ihr habt ja 'n Sockenschuss!“ Na, wenn das kein freundlicher Empfang ist ...

Hier haben wir uns ein Bett geangelt

Wir müssen mit reinkommen, kriegen ein Zimmer zugewiesen und dürfen duschen. Danach setzen wir uns oben auf die Terrasse, trinken ein Bierchen – wir sind ja völlig unterhopft – und erzählen. Eva ruft ihren Mann an, verabreicht ihm die frohe Botschaft in kleinen Dosen. Er beschließt, den Arbeitstag sofort zu beschließen und heim zu kommen.

So sitzen wir noch ein bisschen zu viert im Freien und machen uns gegen sieben auf den Weg in die Stadt. Den Apéritif nehmen wir im „Le Matin“, das Abendessen gibt's direkt nebenan.

Das Essen ist so lecker wie im Januar, als wir die beiden Tolosains schon einmal überfallen haben. Die Chefin ist so entspannt wie wir sie damals kennenlernten, daran ändert sich auch nichts, als zwanzig juvenile AmerikanerInnen alle noch freien Plätze besetzen. Sie nimmt in aller Ruhe die Bestellungen auf und ruft dann beim Lieferanten ihres Vertrauens an, um Huhn und weitere Zutaten zu bestellen. Kann sein, dass dies die Nahrungsaufnahme etwas verzögert, dafür ist alles frisch.

Wir sind das definitiv nicht mehr, deshalb gehen wir schlafen. Morgen haben wir einen harten Ruhetag vor uns.

So enden schöne Abende in Toulouse